Psychologie und Logik: zur Einführung in die Philosophie
Part 5
2. Der _Indeterminismus_ weist auf gewisse _psychologische Tatsachen_ hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben.
§ 27. Die Ausdrucksbewegungen.
Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen innern Zustand _ausdrücken_, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch _Gebärden_ genannt.
Man kann _dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen_ unterscheiden, die aber häufig zusammenwirken:
1. Bewegungen, die nur die starke _Erregung des Gefühls unmittelbar zum Ausdruck bringen_. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten. Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der Muskeln, das Lachen und Weinen. Das _Lachen_ ist der Ausdruck körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der Witz auf der „plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in Nichts” (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das _Weinen_ ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen. Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind.
2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der _Assoziation ähnlicher Empfindungen_ ausdrücken. So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche der Sprachgebrauch als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden Geschmacksempfindungen verbunden sind.
3. Bewegungen, die zum _Ausdruck von Vorstellungen_ und dadurch oft auch mittelbar zum Ausdruck von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der Hand _hinweisen_. Häufiger möglich ist die _Nachbildung_ des betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebärden. So sucht der Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, z. B. wenn durch das Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrückt wird.
Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt ist aber die _Sprache_, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den gesprochenen und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet. Ursprünglich war die Sprache wohl eine unwillkürliche, von Gebärden begleitete Äußerung des Sprachorgans, _die als eine Art Reflexbewegung den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände machten_, und auf einer unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten _onomatopoëtischen Theorie_ der Ursprung der Sprache zurückgeführt wird, wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die erläuternde Begleitung der Gebärden und das Bewußtsein einer Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmählich zurück, das Wort wurde bloßes Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach, gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der _Schrift_: zuerst Nachbildung der Form der Gegenstände in der Bilderschrift und dann Verwandlung dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So wurde die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche Mittel für die Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit für die Ausbildung des Denkens überhaupt.
Die _Veranlassung_ der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer Zustand. Die _Schauspielkunst_ nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren Dienst und sucht dieselben allerdings künstlich, d. h. ohne daß die natürlichen äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind, hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der höchsten Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebärden nur mechanisch erlernt, so erscheint sein Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht „Ausdruck” eines Innern ist.
§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter.
Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie großer Wichtigkeit für das geistige Leben die _Wiederholung_ ist. Hat sie den Zweck, größere Fertigkeit zu erreichen, so heißt sie _Übung_. Das Resultat der häufigen Wiederholung ist die _Gewohnheit_. Werden Vorstellungsreihen, die durch Assoziation verbunden sind, häufig wiederholt, so geht die Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder kommen gar nicht mehr als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel dafür ist die Wahrnehmung der _Entfernung_, die ursprünglich aus der Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung mit der wirklichen Größe und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die Übung werden wir diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung der Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben (vgl. o. S. 36).
Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die motorischen Nerven und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B. die Sprache dar. _Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen_ sind für unser Bewußtsein fast _zu einer_ Vorstellung _verschmolzen_, so daß das eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir _schreiben_, fügt sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der betreffenden Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und durch Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser komplizierte Vorgang ist uns durch unzählige Wiederholungen so geläufig geworden, daß er uns als ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen: das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit des Setzers, zu erklären.
Je größer die Übung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung erfolgt, _desto weniger bedarf es für jede einzelne Bewegung einer besonderen Willensanstrengung_, so daß die Reihe der einmal angefangenen Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abläuft. Ein Willensakt scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, daß überall der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwächerem Grade. Die Bewegung des Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, und doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen oder Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwährenden Spannung der Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch hier bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein.
Diese _Macht der Gewohnheit_, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich einschränkt, beherrscht unser ganzes alltägliches Leben. Besonders aber macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige Form des Handelns, einen _Charakter_. Das Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks entzogen sind. Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene Grundsätze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige Überlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, eine besondere Entscheidung des freien Willens statt.
Abschnitt III. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.
§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander.
Die bisherige getrennte Behandlung der Seelenvermögen ist, wie schon erwähnt, eine Abstraktion der Wissenschaft, die der Wirklichkeit nicht entspricht. Es haben sich auch schon an verschiedenen Punkten Beziehungen zwischen ihnen gezeigt: im folgenden wird sich noch genauer ergeben, wie eng sie zusammengehören.
1. Das _Erkennen_ ist abhängig vom Fühlen und Wollen. Das _Gefühl_ ist das Hauptmittel, Vorstellungen in der Erinnerung festzuhalten, denn es verknüpft sie durch das _Interesse_ mit dem Individuum. Nur der Wert, den die Erkenntnis durch die Verbindung mit Lust- und Unlustgefühlen für uns hat, veranlaßt uns, mit Sorgfalt der Wahrheit nachzugehen, sonst würden wir uns gleichgültig dem Strome der Vorstellungen überlassen. Und diese Konzentration auf bestimmte Vorstellungen und Vorstellungsreihen, die allein zur Erkenntnis führen kann, ist nur möglich mit Hilfe des _Willens_, der die Aufmerksamkeit in der Richtung des Interesses lenkt.
2. Das _Gefühl_ kann sich nur entwickeln unter Mitwirkung von Vorstellungen und Willensakten. Die Gefühle sind an sich zu unbestimmt, um klar auseinandergehalten zu werden. Erst durch die Verknüpfung mit den _Vorstellungen_, denen sie ihre Entstehung verdanken, lassen sie sich klar unterscheiden und gegeneinander abwägen. Ebenso ist eine deutliche _Erinnerung von Gefühlen_ nur möglich durch Wiedererzeugung der Vorstellungen, an welche sie sich geknüpft haben. Und sollen _die höheren Gefühle_, die intellektuellen, ästhetischen, sittlichen, religiösen, vor Verirrungen bewahrt werden, so muß das Denken sich auf sie richten und Grundsätze der Beurteilung daraus gewinnen, die dann wieder auf das Fühlen selber zurückwirken und es vor Ausschreitungen bewahren. Es muß aber auch der _Wille_ zu Hilfe kommen. Durch einen Willensakt kann zwar nicht unmittelbar die Entstehung eines Gefühls verhindert oder ein vorhandenes unterdrückt werden, aber dies kann mittelbar geschehen, indem die Bewegungen, in denen sich die Gefühlserregung äußert, gehemmt, oder die Vorstellungen, an denen es sich nährt, ihm entzogen werden. So kann der Zornige den Affekt unter Umständen unterdrücken, indem er den Zorn nicht zum Ausbruch kommen läßt, d. h. indem er Selbstbeherrschung übt. Tatenlose Trauer wird unterbrochen, indem der Trauernde in eine andere Welt von Vorstellungen, in eine neue Umgebung versetzt wird, in der ihn nichts mehr an den Gegenstand seines Gefühls erinnert. Das ganze Gefühlsleben aber kann nur dann ein gesundes bleiben, wenn es von dem Willen in Zucht genommen wird, der ebenso ein Aufgehen im Gefühl auf Kosten der Tatkraft, wie eine Vernachlässigung des Gefühls zu Gunsten des bloß verstandesmäßigen Strebens verhindert.
3. Der _Wille_ ist ohne Vorstellungen und Gefühle nicht denkbar. Er bedarf eines Zieles, auf dessen Verwirklichung er gerichtet ist. Dieses Ziel könnte dem Wollenden aber gleichgültig sein, wenn nicht die Erreichung desselben durch Verknüpfung mit _Lustgefühlen_ einen gewissen Wert für ihn hätte. Ferner wäre es nicht möglich, einen Zweck zu erreichen, ohne eine _Erkenntnis_ der Mittel dazu, die vom Verstand ausgehen muß. Soll endlich die Reihe der Willensakte nicht einen planlosen Wechsel darstellen, sondern eine gewisse gleichmäßige Folgerichtigkeit, so sind bestimmte Grundsätze nötig, die vom Denken zur Leitung des Willens aufgestellt werden.
So verschlingen sich die drei Arten geistiger Vorgänge in der verschiedensten Weise. Und wie an _einem_ Individuum zu verschiedenen Zeiten das eine Mal das Gefühl, das andre Mal der Gedanke oder der Wille vorwiegt, so erhalten die _verschiedenen Individuen_ ein eigentümliches Gepräge, je nachdem das Denken, das Fühlen oder das Wollen bei ihnen vorwiegt, so spricht man von _Verstandesmenschen_, _Gefühlsmenschen_ und _Männern der Tat_. Die höchste Form ist aber immer das _ideale Gleichgewicht_, die harmonische Ausbildung aller Seiten des menschlichen Geistes.
Logik.
§ 30. Die Aufgabe der Logik.
Die Logik ist die _Wissenschaft von den Gesetzen des richtigen Denkens_. Das Denken ist als Element des geistigen Lebens auch Gegenstand der Psychologie, aber die Psychologie betrachtet es nur nach seiner _tatsächlichen Wirklichkeit_ und sucht es wie alle andern geistigen Vorgänge nach seinen allgemeinen Gesetzen zu erklären; das richtige, wie das unrichtige Denken findet gleichmäßige Berücksichtigung. Die Logik hebt aus diesem Stoff der Psychologie dasjenige Denken heraus, das geeignet ist, dem _Zwecke der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen_. Die Tatsachen des Irrtums und des Streites lehren, daß das Denken in der Verfolgung dieses Zweckes auf Abwege geraten kann; es fragt sich daher, wie das richtige Denken beschaffen ist, das zum Ziele führt.
Wenn wir diese Frage beantworten sollen, müssen wir ein Mittel haben, _das richtige Denken vom unrichtigen zu unterscheiden_. Das nächstliegende wäre, als richtiges Denken dasjenige zu bezeichnen, dessen Resultate _mit der Wirklichkeit übereinstimmen_. Dem steht aber der Einwand gegenüber, der vom Standpunkte der Logik aus nicht widerlegt werden kann, daß die ganze wirkliche Welt nur in der Vorstellung vorhanden ist (vgl. § 3). Jedenfalls können wir einen Vergleich zwischen dem Gedachten und der Wirklichkeit nur anstellen, indem wir auch diese Wirklichkeit denkend erfassen; wir kommen also über den Kreis des Gedachten nicht hinaus, um es mit einer davon unabhängigen Wirklichkeit vergleichen zu können. Ebensowenig können wir die Richtigkeit des Denkens von der _Anerkennung der andern denkenden Wesen_ abhängig machen; die Allgemeingültigkeit des Gedachten ist teils nicht vorhanden, teils zu unsicher, um als Maßstab für seine Richtigkeit gelten zu können.
Und doch haben wir ein _unmittelbares Bewußtsein davon_, was richtiges Denken ist. Es ist einfache psychologische Tatsache, daß wir das richtige Denken von dem unrichtigen ohne weiteres unterscheiden; wir finden in uns eine innere Nötigung, gerade so und nicht anders zu denken, und wir nehmen an, daß auch andere ebenso denken müssen. Die Logik muß sich also darauf beschränken, die Bedingungen darzustellen, unter denen dieses _notwendige_ und _allgemeingültige Denken_ zustande kommt. Damit ist ihre Aufgabe nach zwei Seiten abgegrenzt. Sie sieht ab _von dem einzelnen Wissensstoff selbst_ und zeigt nur, wie man von gegebenen Voraussetzungen aus, deren Wahrheit sie nicht zu prüfen hat, durch das Denken zu einer Erkenntnis gelangen kann, und sie unterscheidet sich von der _Erkenntnistheorie_ dadurch, daß sie das Denken nicht daraufhin betrachtet, ob es zur Erkenntnis einer von ihm unabhängigen Welt führen kann, sondern für sich allein nach seinen eigenen Gesetzen.
Aus der geschilderten Aufgabe der Logik geht auch hervor, daß die Logik _nicht die Kunst des Denkens lehren kann_, so wenig als die Poetik die Kunst des Dichtens lehrt. Aber es läßt sich doch nicht behaupten, daß die Kunst des Denkens überhaupt unabhängig wäre von der Kenntnis der logischen Gesetze. Die Fähigkeit richtig zu denken ist dem Menschen angeboren, aber es gilt auch hier, daß es _besser ist, wenn er die Grundsätze seines Verfahrens kennt, als wenn er sie nicht kennt_. Denn wie nur der eine Sprache ganz beherrscht, der auch ihre Grammatik kennt, so versteht nur der die Gesetze des Denkens mit voller Sicherheit zu handhaben, der sich ihrer auch bewußt ist. Geradezu unentbehrlich ist diese Kenntnis, wenn es sich darum handelt, Fehler nachzuweisen oder besonders schwierige Fragen zu lösen, so besonders in der Philosophie und überall, wo die Gewinnung eines Resultates von der Befolgung einer klaren, sicheren Methode abhängig ist.
Die Logik beschäftigt sich teils mit den _Elementen_ des Denkens, den _Begriffen, Urteilen und Schlüssen_, teils mit der Art, wie diese Elemente in Beziehung zu einander gesetzt werden, um die _Wissenschaft als ein zusammenhängendes Ganzes_ zu erzeugen. Die Form des wissenschaftlichen Verfahrens heißt Methode. So kann man die Logik einteilen in eine _Elementarlehre_ und eine _Methodenlehre_.
I. Teil. Elementarlehre.
1. Die Begriffe.
§ 31. Der Begriff und seine Merkmale.
_Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte Einheit aller in einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o. § 13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird, gilt als das Wesen der Gegenstände, die unter ihn fallen, und so nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen können, _außerwesentliche_ oder _zufällige_. So sind wesentliche Merkmale des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang; außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft muß entweder die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang zurückführen oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks schließt die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.
Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in _eigentümliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschließlich_ eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen zukommen, ferner in _ursprüngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelität der Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben.
Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet wird, muß nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrühren, sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen, indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.
§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.
An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der Gegenstände oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und Parallelität der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate, Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier: organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere, Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u. s. w.
Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufällige Merkmale aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhält, denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal: Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fällt er mit dem Begriff des Vierecks zusammen.
_Je größer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je größer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach in umgekehrtem Verhältnis zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang des Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld, Goldgeld und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nämlich um das Merkmal Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufügung von Merkmalen beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen erweitert (Abstraktion).
§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.
Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hängt die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn man das, was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden kann, was in den Umfang anderer Begriffe fällt, so daß keine Verwechslung möglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, für sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der von der Wissenschaft überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine klare Vorstellung hat.
§ 34. Die Arten der Begriffe.
Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_ Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum; zusammengesetzte: Löwe, Sechseck, Urteil.
Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man _untergeordnete_ (subordinierte), _übergeordnete_ (superordinierte) und _nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man _Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen nur mittelbar in sich befaßt, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der Gattungsbegriff heißt auch der _höhere_ oder _weitere_ und der Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen können wieder andere höhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt der Begriff Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier, organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder einen weiteren Umfang hat, als der vorhergehende, so daß ein Gattungsbegriff im Verhältnis zum folgenden höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet werden könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet, wo dann auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema: Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, Individuum.