Psychologie und Logik: zur Einführung in die Philosophie
Part 2
§ 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen Erscheinungen.
Die Hauptmerkmale, durch welche erfahrungsmäßig Körper und Seele sich unterscheiden, sind folgende, zunächst für die _Körperwelt_:
1. Die _körperlichen Erscheinungen_ treten in der Form des _Raumes_ auf, während keinerlei Vorgänge in der Seele, nicht einmal unsere Vorstellungen vom Raume selbst, räumlicher Natur sind: die Vorstellung eines Dreiecks z. B. ist nicht selbst dreieckig.
2. Die Naturwissenschaft läßt die Körperwelt bestimmt sein durch das _Gesetz der Trägheit_: jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder Bewegung, solange er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung desselben gezwungen wird, und durch das Gesetz von der _Erhaltung der Materie und Energie_: die Summe der Stoffteile bleibt unter aller Veränderung ihrer Zusammensetzung, und die Summe der Energie unter allem Wechsel von ruhender und tätiger Kraft dieselbe. Auch das organische Leben und der menschliche Körper soll diesen Gesetzen unterworfen sein, und das Leben also nicht auf eine unerklärliche Lebenskraft, sondern nur auf eine außerordentlich verwickelte, noch nicht genügend erkannte Wechselwirkung zwischen den verschiedenen, im menschlichen Körper verbundenen Stoffen und Kräften zurückgeführt werden.
Für die _geistige Welt_ konnte die Gültigkeit dieser Gesetze bis jetzt nicht ebenso nachgewiesen werden, dagegen zeigt diese eigentümliche Merkmale anderer Art:
1. Das Bewußtsein der Seele ist bedingt durch _Veränderung_, _Mannigfaltigkeit_ und _Gegensatz_. Bei gleichmäßig fortdauernder Einwirkung eines einfachen Eindruckes nimmt das Bewußtsein ab und es tritt, wenn alle mannigfaltigen störenden Eindrücke ferngehalten werden, Schlaf- oder Bewußtlosigkeit ein. So wird der hypnotische Zustand durch Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt, z. B. für das Gesicht durch Anstarren eines glänzenden Gegenstandes, für das Gehör durch ein einförmiges Geräusch erzeugt. Ähnlich verhält sich der religiöse Mystiker im Zustand der Ekstase, wenn er in die Gottheit als absolute Einheit sich versenkt.
2. Diese mannigfaltigen Bewußtseinselemente _tauchen_ aber _nicht in der Seele isoliert auf_, um wieder zu verschwinden, sondern sie treten in Wechselwirkung miteinander, so daß neue Erscheinungen entstehen, und werden in der _Einheit des Bewußtseins_ zusammengefaßt. Dies ist aber nur dadurch möglich, daß die früheren Zustände der Seele _festgehalten_ oder, wenn sie verschwunden sind, _wieder erzeugt_ werden können. Doch ist damit allein die Einheit des Bewußtseins noch nicht gegeben. Ein solches Festhalten und Wiedererzeugen kommt auch in der unbewußten Natur vor. Soll unter den zeitlich aufeinanderfolgenden Zuständen der Seele ein innerer Zusammenhang bestehen, so müssen die früheren als solche _wiedererkannt_ werden, um mit den folgenden in bewußte Beziehung gesetzt zu werden; daher ist die _Erinnerung_ die wichtigste Fähigkeit der Seele. Sie macht es erst möglich, die geistigen Vorgänge, die ohne sie eine Anzahl von isolierten, einander vollkommen gleichgültigen Erscheinungen darstellen würden, gleichzeitig zu machen und zu verbinden.
Diese _innere Einheit des Bewußtseins, verbunden mit freier Wechselwirkung seiner Elemente_, ist eine _Hauptbedingung der geistigen Gesundheit_. Löst dieser Zusammenhang sich auf oder bilden sich fixe Ideen, welche die freie Wechselwirkung der Elemente hindern, so ist es ein Zeichen der beginnenden oder vorhandenen _Geisteskrankheit_.
An dieser eigentümlichen Verbindung von Einheit und Mannigfaltigkeit im Geistesleben scheitert auch der _Materialismus_ (s. S. 11). Während aus zwei Bewegungen körperlicher Atome eine neue Bewegung entsteht, welche die andere ablöst, führt die Einheit des Bewußtseins zu einer Verbindung früherer Vorstellungen mit späteren, ohne daß diese deshalb darin aufgehen müssen. In der Einheit des Bewußtseins sind vielmehr die einzelnen Vorstellungen zugleich mit ihrer Verbindung untereinander und mit deren Resultat gegenwärtig.
§ 7. Das Nervensystem.
Die psychologische und physiologische Beobachtung zeigt, daß nicht alle Bestandteile des Körpers in gleich enger Beziehung zur Seele stehen. In unmittelbarer Beziehung zu ihr stehen nur die _Nerven_, die als weiße Fäden den ganzen Organismus des Körpers durchziehen. Die unendlich zahlreichen Nervenfasern vereinigen sich in Zentralorganen, und diese stehen wieder mit dem _Gehirn_ als dem Hauptzentralorgan in Verbindung (die Zahl der Nervenzellen des Großhirns wurde auf ungefähr eine Milliarde berechnet), so daß das Ganze ein _System_ bildet, durch das allein jede Wechselbeziehung zwischen Körper und Seele vermittelt wird. Die _sensiblen_ Nerven führen die Eindrücke der Außenwelt und des eigenen Leibes, der hier als ein Teil derselben anzusehen ist, dem Gehirn zu, und die _motorischen_ dienen dazu, die Ausführung der Bewegungen durch Überleitung des Befehls dazu auf die ausführenden Glieder zu vermitteln.
Die Versuche, die einzelnen Tätigkeiten der Seele an bestimmte Punkte dieses Nervensystems, besonders des Gehirns zu knüpfen (_Lokalisationstheorie_), haben noch zu keinem feststehenden Resultat geführt. Eine solche „Lokalisation” bestimmter Geistestätigkeiten bis ins einzelne, wie sie Gall († 1828) in seiner Phrenologie oder Schädellehre aufgestellt hat, ließ sich nicht durchführen, da weder der Schluß von der Ausbauchung des Schädels auf die stärkere Vertretung der darunter liegenden Gehirnpartieen noch die hierbei vorausgesetzte populäre Abgrenzung psychologischer Begriffe haltbar ist. Doch konnte der Sitz der wichtigsten Zentralorgane der Sprache und Rede in der dritten Stirnwindung der linken Hemisphäre des Großhirns nachgewiesen werden. Auch werden in der Regel die einzelnen Arten der Sinnesempfindungen, besonders das Sehen und Hören, und die Muskelbewegungen auf bestimmte Teile des Gehirns, auf ein Sehzentrum, Hörzentrum, motorisches Zentrum bezogen. Dagegen ist ziemlich allgemein anerkannt, daß die höheren Funktionen des Gehirns, Gedanken, Gefühle, Willensentschlüsse, nicht an bestimmte Gegenden desselben gebunden sind. (Näheres über das Nervensystem, insbesondere die Sinnesorgane vgl. Sammlung Göschen Nr. 18: Anthropologie, u. Nr. 98: Lipps, Grundriß der Psychophysik.)
Abschnitt II. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen”.
Die Erscheinungen des Seelenlebens werden gewöhnlich durch Annahme von _drei Seelenvermögen_ erklärt, eines Erkenntnis-, eines Gefühls- und eines Begehrungsvermögens. Die darin liegende Dreiteilung der geistigen Vorgänge wird fast allgemein angenommen. -- Die Versuche, das eine auf die andern oder alle auf eines zurückzuführen (so Herbart auf das Vorstellen), tauchen immer wieder auf, haben aber noch zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. Aber es dürfen dabei _zwei wichtige Punkte_ nicht übersehen werden, teils was den Ausdruck „Vermögen”, teils was die Dreiteilung betrifft:
1. Daß mit der Annahme von drei Seelenvermögen die Vorgänge der Seele nicht _erklärt_, sondern nur _klassifiziert_ sind; denn es ist noch keine Erklärung einer Erscheinung, wenn man ohne näheren Nachweis in dem Gegenstand, an dem sie vorkommt, eine Fähigkeit sie zu erzeugen annimmt. Was wir empirisch beobachten können, sind jedenfalls nur die geistigen Vorgänge selbst und die Verschiedenheit, nach der wir dieselben in Klassen einteilen.
2. Diese drei Klassen von geistigen Vorgängen, das Erkennen, das Fühlen, das Wollen kommen in der Seele _nicht getrennt vor_. Es gibt wohl kaum einen Zustand der Seele, in dem nicht alle drei Arten sich zusammen vorfinden. Wir dürfen also nur von Seelenzuständen sprechen, in denen das Erkennen oder das Fühlen oder das Wollen _vorwiegt_, und wenn wir im folgenden diese einzelnen Elemente des Seelenlebens gesondert betrachten, so müssen wir uns dabei immer bewußt bleiben, daß wir damit in der Wissenschaft eine Trennung vollziehen, die es in Wirklichkeit nicht gibt.
1. Das Erkennen.
§ 9. Die Empfindung.
Das einfachste Element des Erkennens, die einfachste Art, wie die Seele zu einer Kenntnis der Außenwelt gelangt, ist die _Empfindung_. Sie ist zu unterscheiden von den Gefühlen, den Zuständen der Lust und Unlust, und schließt drei Hauptmomente in sich:
1. Den _äußeren Sinnesreiz_. Wenn die Sinnesorgane in Tätigkeit treten sollen, so muß eine Wirkung auf sie ausgehen von irgend einem Gegenstand, der entweder unmittelbar den Körper berührt oder durch Bewegung eines dazwischen liegenden Stoffes auf den Körper einwirkt. Das erste geschieht z. B. bei Tastempfindungen, das zweite beim Sehen, Hören durch die Schwingungen des Äthers, der Luft.
2. _Die Erregung eines sensiblen Nerven_ im Körper, die durch den Reiz veranlaßt wird und von den peripherischen Nervenenden bis in das Zentrum des ganzen Nervensystems, in das Gehirn sich fortpflanzt. Wird der Nerv durchschnitten, so kommt es nicht zur Empfindung.
3. Die _Empfindung in der Seele selbst_, das Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken.
Die Empfindungen selbst sind aber den Vorgängen 1. und 2., durch die sie veranlaßt werden, _ganz ungleich_. Es läßt sich nicht nachweisen, warum auf Schwingungen der Luft gerade die Empfindung des Hörens folgt; wir können nur feststellen, daß es so ist. Auch die Abhängigkeit der Empfindung vom äußeren Reiz dem Stärkegrade nach ließ sich nur auf Umwegen ermitteln. Auf Grund der Empfindung allein können wir nie mit Bestimmtheit sagen, daß etwa ein Licht a, dessen Leuchtkraft nach der Kerzenstärke, also als äußerer Reiz, 1½ mal so groß als die von b ist, 1½ mal so hell sei als das Licht b. Man ging daher von der Frage aus, um wie viel ein Reiz verstärkt werden muß, damit eine Zunahme der Stärke in der entsprechenden Empfindung _eben noch_ bemerkt werden kann. Es zeigte sich, daß _der Zuwachs des Reizes, welcher eine eben noch merkliche Änderung der Empfindung hervorbringt, zu der Reizgröße, zu welcher er hinzukommt, immer in demselben Verhältnis steht (Webersches Gesetz)_, oder, mathematisch ausgedrückt: daß die Stärke des Reizes in geometrischer Progression wachsen muß, damit die Empfindung in arithmetischer Progression zunehme. Muß man also zu einem Gewicht von 3 kg 1 kg zulegen, damit eine Zunahme des Druckes eben noch merklich werde, so ist bei 9 kg eine Vermehrung um 3 kg nötig, während nur 1 kg mehr zu keiner Verstärkung der Druckempfindung führen würde. _Für die verschiedenen Sinne_ ist das Verhältnis der Reizstärke, das diese sogenannte „Methode der eben merklichen Unterschiede” ergibt, ein _verschiedenes_; doch ließ es sich nur für Reize von mittlerer Stärke bestimmen, am meisten übereinstimmend noch für die Schallempfindungen: nahezu == 3:4, für die Lichtempfindungen wurde 100:101, für Hebungen, also Druckempfindungen, unterstützt durch das Muskelgefühl, 15:16 gefunden.
Übrigens gibt es auch _subjektive Empfindungen_, welche, obwohl nicht durch die ihm entsprechenden Sinnesreize, sondern durch mechanische Einwirkungen wie Schlag oder Druck oder innere Zustände _des Körpers_ erzeugt, doch den jedem Sinnesnerven allein eigentümlichen Charakter tragen („spezifische Sinnesenergie”) und deshalb häufig in die Außenwelt hinaus verlegt werden, z. B. das Klingen im Ohr, das Leuchten vor den Augen, Frost und Hitze im Fieber. Diese Tatsache führte auf die durch Johannes Müller (1826) begründete Annahme einer _spezifischen Sinnesenergie_, d. h. einer besonderen Fähigkeit jedes einzelnen Sinnesnerven, auch auf Reize verschiedener Art nur gerade die ihm eigentümlichen Empfindungen zu vermitteln.
Auch dauern die Empfindungen oft noch fort, nachdem die Reize schon aufgehört haben. Daher erzeugen besonders starke Lichtempfindungen sog. „_Nachbilder_”.
Die Empfindungen sind entweder _einfache_, z. B. eine Farbe, ein Ton, oder _zusammengesetzte_, z. B. ein Regenbogen, dessen verschiedene Farben wir zugleich sehen, oder ein Musikinstrument, das wir zugleich sehen und hören.
§ 10. Vorstellung und Wahrnehmung.
Die Empfindung geht dadurch, daß sie mit dem veranlassenden Reiz aufhört, nicht für das Bewußtsein verloren. Sie kann vielmehr in der Seele wiedererzeugt werden, als eine Art Erinnerungsbild, dem jedoch die sinnliche Lebhaftigkeit des ersten Eindrucks fehlt, und heißt dann _Vorstellung_. Diese Wiedererzeugung findet besonders dann statt, wenn die betreffende Empfindung selbst wiederkehrt. Wenn ich z. B. eine bestimmte Person durch zusammengesetzte Empfindungen: Sehen der Gestalt und ihrer Bewegung, Hören der Stimme u. s. w. kennen gelernt habe, so kann ich auch ohne Wiederkehr dieser sinnlichen Eindrücke eine Vorstellung von derselben haben; immer aber tritt dieses Erinnerungsbild des früheren Empfindungskomplexes hervor, wenn ich dieselben Empfindungen wieder habe, und die neuen Empfindungen werden dann als dieselben wieder erkannt, d. h. es findet eine _Wahrnehmung_ statt. Dieser Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung tritt in manchen Erscheinungen deutlich hervor, wo die Fähigkeit zu empfinden noch vorhanden, aber die wahrzunehmen verloren ist, z. B. bei der _Wortblindheit_, wo die Empfindung, das Hören des gesprochenen, das Sehen des geschriebenen Wortes noch da ist, aber das Verständnis seiner Bedeutung, d. h. die Fähigkeit zur Wiedererzeugung der dazu gehörigen Vorstellung fehlt. Beim normalen Menschen wird der Sinneseindruck stets zu dem übrigen Bewußtseinsinhalt in Beziehung gesetzt und so das in der Empfindung sich darbietende Rohmaterial zur Wahrnehmung verarbeitet. Da hiernach in der Regel die Empfindung sofort als Wahrnehmung auftritt, sobald sie zum Bewußtsein kommt, so werden beide Begriffe häufig als gleichbedeutend gebraucht.
Die Verschmelzung der wiedererzeugten Vorstellung mit der neuen Empfindung ist aber nicht eine bewußte Arbeit des Wahrnehmenden, sondern _geht unwillkürlich vor sich_. Die Vorstellung, die dabei mitwirkt, kommt deshalb gar nicht als selbständiges Element zum Bewußtsein, sie wird daher auch „_gebundene Vorstellung_” genannt. „_Freie Vorstellungen_” sind dann diejenigen, die ohne Veranlassung durch die Empfindung im Bewußtsein auftauchen. Im philosophischen Sprachgebrauch wird aber das Wort „Vorstellung” vielfach auch im _allgemeineren Sinne_ verwendet zur Bezeichnung jeden Inhalts des Bewußtseins überhaupt, der auf Gegenstände der Außenwelt, ihre Eigenschaften oder Zustände bezogen wird. Es umfaßt dann sowohl die Wahrnehmungen als die Vorstellungen in dem oben genannten Sinn und gewinnt seine Bedeutung besonders in dem Satze der Erkenntnislehre: Die Welt ist meine Vorstellung. (Kant, Schopenhauer.)
§ 11. Der Verlauf der Vorstellungen.
Durch die freien Vorstellungen, die von den Empfindungen sich losgelöst haben, bekommt das Bewußtsein einen selbständigen Inhalt. In diese Vorstellungswelt treten aber immer wieder neue Empfindungen und damit neue Vorstellungen ein. Es sind _zwei nebeneinander hergehende Reihen von Vorgängen_, die sich um den Vorrang in der Seele streiten.
Auf einem Spaziergang z. B. tritt vielleicht anfangs die Wahrnehmung der Umgebung mit ihren wechselnden Empfindungen in den Vordergrund. Da führt die Ähnlichkeit der wahrgenommenen Gegend mit einem früheren Aufenthalt zur Erinnerung an die Erlebnisse desselben, und hinter diesen Gedanken, die sich selbständig fortspinnen, treten die äußeren Empfindungen immer mehr zurück, so daß der Spaziergänger, ganz in sich vertieft, kaum mehr auf den Weg achtet, bis etwa eine auffallende Erscheinung wieder den Strom der freien Vorstellungen unterbricht. Das Vorwiegen einer dieser Reihen bezeichnet zugleich eine _Eigentümlichkeit unter den Menschen_. Die einen neigen sich mehr dem Spiel der Empfindungen und der äußeren Wahrnehmungswelt zu, so diejenigen, die eine Anlage für Musik oder bildende Künste, oder für Naturwissenschaft haben, andere geben sich lieber dem Laufe der freien Vorstellungen, dem Leben in der Erinnerung, oder den Wissenschaften des Geistes hin. Geht aber das Interesse des Menschen ganz in einer dieser Reihen auf, so leidet das Geistesleben unter krankhafter Einseitigkeit.
Der Verlauf der Vorstellungen schließt zwei Fragen in sich: Wie _entstehen_ die Vorstellungen im Bewußtsein? und: Wie _verschwinden_ sie aus demselben? Sofern sie durch Empfindungen hervorgerufen werden, ist die Frage schon beantwortet: mit dem Beginnen und Aufhören des äußeren Reizes. Doch findet ein solches Auftauchen und Verschwinden nicht bloß auf Veranlassung der Empfindungen, sondern auch im _Verlaufe der freien Vorstellungen_ statt. Da jedoch hier nie eine unbedingt neue Vorstellung auftritt, sondern höchstens die alten mit Hilfe der Einbildungskraft eine neue Verbindung eingehen, so lautet die eine der Fragen etwas anders: Wie geht es zu, daß die einmal verschwundenen Vorstellungen _wiederkehren_?
Da dies als Tatsache feststeht, so wird angenommen, daß sie überhaupt aus dem Umkreis der Seele nicht ganz verschwunden sind, sondern daß sie, wenn auch nicht im Bewußtsein, so doch als _unbewußte Zustände_ noch vorhanden waren. Wir haben auch sonst Anzeichen, die auf Vorgänge in der Seele „unter der Schwelle des Bewußtseins” (Herbart) hinweisen, so die unmittelbare Wahrnehmung von Verhältnissen, die eigentlich eine Reihe von Mittelgliedern voraussetzt, z. B. der Entfernung eines Gegenstandes (s. S. 36), oder die Welt der Gefühle, deren Ursprung uns oft dunkel ist. Über diese Vorgänge unter der Schwelle des Bewußtseins können wir aber nie etwas Bestimmtes aussagen, als das Negative, daß sie eben unterhalb des Bewußtseins vor sich gehen; denn sie könnten nur beobachtet werden, indem sie Gegenstände des Bewußtseins würden.
In der Mitte zwischen Bewußtem und Unbewußtem steht der _Traumzustand_. Seine Eigentümlichkeit besteht wohl hauptsächlich in einer _Schwächung des bewußten Willens_, der sonst den Verlauf der geistigen Vorgänge beherrscht und zusammenhält. Die Aufeinanderfolge der Vorstellungen wird nur sehr unbestimmt durch das Gefühl geleitet und hat deshalb freies Spiel. So fügen sich besonders an einzelne Reize, sinnliche Eindrücke von der Außenwelt her oder Zustände des eigenen Körpers, sofort Vorstellungen, mit denen dieselben Gefühle im wachen Zustand verbunden sind. Es wird z. B. schweres Atemholen als Alpdrücken, leichtes als Flugbewegung, Stechen im Fuß als Biß einer Schlange, ein gehörter Schuß durch die Geschichte eines Mordes gedeutet.
Beobachten wir nun die Vorstellungen, die im wachen Bewußtsein auftauchen, ohne durch einen äußeren Reiz unmittelbar veranlaßt zu sein, so zeigt sich, daß die _eine Vorstellung immer durch eine andere hervorgerufen wird_, mit der sie in irgend einer Weise verbunden ist. Diese Vorstellungsverbindung nennt man _Assoziation_ der Vorstellungen oder auch _Ideenassoziation_. Sie hat hauptsächlich zweierlei Formen und beruht:
1. Auf der _Ähnlichkeit_ der Vorstellungen. Die Vorstellung einer Person, einer Landschaft ruft diejenige einer andern ihr ähnlichen hervor.
2. Auf deren _äußerem Zusammenhang in Raum und Zeit_ (Berührungsassoziation). Was wir häufig zusammen wahrgenommen haben, das strebt auch in der Vorstellung sich zu verbinden: die Vorstellung eines Bekannten ruft die Vorstellung seiner Wohnung hervor. Durch diese Assoziation zusammenhängender Vorstellungen bekommen wir überhaupt erst die Vorstellung von einem einzelnen Gegenstande. Zur Vorstellung eines Apfels gelange ich nur dadurch, daß ich häufig die dazu gehörigen Empfindungen des Gesichts, des Geruchs, des Tastsinns und des Geschmacks miteinander gehabt habe, und daß infolgedessen die eine dieser Vorstellungen, z. B. die des Gesichts, die andern dazu gehörigen immer zugleich wiedererzeugt. Die zeitliche Assoziation, durch Gleichzeitigkeit oder zeitliche Aufeinanderfolge vermittelt, findet z. B. statt, wenn mit einem bestimmten Tag des Jahres die Vorstellung eines Geburtsfestes sich verknüpft hat, oder wenn das Anfangswort eines auswendig gelernten Gedichtes die folgenden Wörter, der Anfang einer bekannten Melodie die Vorstellung der folgenden Töne hervorruft. Je häufiger diese Assoziationen zur Wiedererzeugung von Vorstellungen dienen, desto leichter gehen sie von statten. Die _Übung_ spielt hier eine große Rolle (s. § 28).
Von dem _Verschwinden der Vorstellungen_ glauben nun die einen, es sei das natürlichere und bedürfe keiner besonderen Erklärung, die andern verlangen umgekehrt eine Erklärung des Verschwindens, da nach dem Gesetz der Beharrung das Festhalten das selbstverständliche sei. Will dieses Gesetz in seiner allgemeineren Fassung sagen, daß kein Zustand sich verändert, ohne daß ein Grund dazu da ist, so ergibt sich, daß allerdings das Verschwinden einer Vorstellung, das einmal tatsächlich vorliegt, erklärt werden muß. Diese Erklärung muß von der Voraussetzung ausgehen, daß wegen der sogenannten _Enge des Bewußtseins_ immer nur eine beschränkte Zahl von Vorstellungen zugleich im Bewußtsein sich befinden kann, so daß also die einen durch die andern verdrängt werden. Worauf die Macht der Vorstellungen zur Verdrängung anderer oder ihre _Stärke_ beruht, das ergibt sich zum Teil aus den _Gesetzen ihrer Wiedererzeugung_, zum Teil aus der _Bedeutung_, welche sie für das vorstellende Subjekt haben. Je geläufiger die Verbindung einer Vorstellung mit andern ist, desto sicherer wird sie vor konkurrierenden Vorstellungen den Vorzug erhalten, z. B. in der Regel das h der alphabetischen Reihenfolge e f g h vor dem a der musikalischen Tonleiter e f g a. Andrerseits wird die Vorstellung mit um so mehr Stärke sich ins Bewußtsein drängen, je wichtiger der durch sie bezeichnete Gegenstand für uns selbst und je größer infolgedessen das auf _Gefühlen_ beruhende _Interesse_ ist, das wir an ihm haben.
§. 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis.
Mit dem Festhalten und Wiedererzeugen der Vorstellungen hängen zwei Fähigkeiten zusammen, die im Geistesleben eine große Rolle spielen, die _Aufmerksamkeit_, d. h. die Fähigkeit, Vorstellungen und Vorstellungsreihen zu möglichst klarer und deutlicher Auffassung festzuhalten, und das _Gedächtnis_, d. h. die Fähigkeit, verschwundene Vorstellungen mit Bewußtsein wiederzuerzeugen oder sich zu _erinnern_.
Man unterscheidet zwischen _unwillkürlicher_ und _willkürlicher_ Aufmerksamkeit. Die _unwillkürliche_ wird durch einen plötzlich an uns herantretenden Reiz hervorgerufen, indem er uns veranlaßt, uns demselben zuzuwenden, damit wir ihn möglichst deutlich wahrnehmen. So zieht z. B. eine Lichterscheinung oder ein plötzliches Geräusch unsere unwillkürliche Aufmerksamkeit auf sich. _Die willkürliche Aufmerksamkeit entsteht durch das Interesse_ (s. § 11), das die Willenstätigkeit veranlaßt, die geistige Kraft auf bestimmte Vorstellungen oder Vorstellungsreihen hinzulenken. Da die Aufmerksamkeit darauf ausgeht, gewisse Vorstellungen mit Verdrängung anderer festzuhalten, so ist sie von der Stärke derselben abhängig und kann erzeugt werden teils dadurch, daß das Interesse erregt wird, teils dadurch, daß der Zusammenhang der Vorstellungen streng festgehalten wird. Geschieht das letztere nicht, so entsteht das Gegenteil, _die Zerstreutheit_.