Psychologie und Logik: zur Einführung in die Philosophie
Part 1
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Sammlung Göschen
Psychologie und Logik zur Einführung in die Philosophie
Für Oberklassen höherer Schulen und zum Selbststudium
dargestellt von Dr. Th. Elsenhans
Mit 13 Textfiguren
_Vierte, verbesserte Auflage_
Zweiter Abdruck
_Leipzig_ G. J. Göschen'sche Verlagshandlung 1904
_Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von der Verlagshandlung vorbehalten._
Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.
Inhaltsverzeichnis.
Einleitung.
Seite § 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie 7 § 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie 9 § 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik 11
Psychologie.
§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie 14
Abschnitt 1. Seele und Körper.
§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und Körper 15 § 6. Die Eigentümlichkeit der körperlichen und der geistigen Erscheinungen 17 § 7. Das Nervensystem 19
Abschnitt 2. Die einzelnen Elemente des Seelenlebens.
§ 8. Die sogenannten „Seelenvermögen” 20
1. Das Erkennen.
§ 9. Die Empfindung 21 § 10. Vorstellung und Wahrnehmung 24 § 11. Der Verlauf der Vorstellungen 25 § 12. Die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis 30 § 13. Die Arten der Vorstellung und das Denken 32 § 14. Die Vorstellung eines zusammenhängenden Weltganzen 34
2. Das Fühlen.
§ 15. Wesen und Arten des Gefühls 39 § 16. Die körperlichen Gefühle 41 § 17. Die geistigen Gefühle 42 § 18. Unterschiede des Gefühls nach Stärke und Dauer 44 § 19. Der Verlauf und die Verbindung der Gefühle 44 § 20. Das Lebensgefühl und die Stimmung 46 § 21. Die Temperamente 48 § 22. Selbstgefühl und Mitgefühl 49 § 23. Die Bedeutung der Gefühle 50
3. Das Wollen.
§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen 52 § 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen 55 § 26. Die Freiheit des Willens 57 § 27. Die Ausdrucksbewegungen 59 § 28. Übung, Gewohnheit, Charakter 62
Abschnitt 3. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente der Seele voneinander.
§ 29. Die Abhängigkeit der einzelnen Elemente voneinander 64
Logik.
§ 30. Die Aufgabe der Logik 67
I. Teil: Elementarlehre.
1. Die Begriffe.
§ 31. Der Begriff und seine Merkmale 69 § 32. Inhalt und Umfang des Begriffs 71 § 33. Klarheit und Deutlichkeit des Begriffs 72 § 34. Die Arten der Begriffe 72
2. Die Urteile.
§ 35. Das Wesen des Urteils 74 § 36. Die traditionelle Einteilung der Urteile 75 § 37. Die zusammengesetzten Urteile 79 § 38. Übersicht der Urteilsarten 81
3. Die Schlüsse.
§ 39. Die Grundgesetze des Denkens 85
A. Der unmittelbare Schluß.
§ 40. Der Schluß aus einem Begriff 88 § 41. Die Konversion 90 § 42. Die Kontraposition 92 § 43. Die Umwandlung der Relation 93 § 44. Die Subalternation 93 § 45. Die Äquipollenz 94 § 46. Die Opposition 94 § 47. Die modale Konsequenz 96 § 48. Der Wert der unmittelbaren Schlüsse 96
B. Der mittelbare Schluß.
§ 49. Wesen und Formen des mittelbaren Schlusses 98
§ 50. Allgemeine Gesetze über die Erfordernisse der kategorischen Schlüsse 100 § 51. Die erste Figur 103 § 52. Die zweite Figur 105 § 53. Die dritte Figur 107 § 54. Die vierte Figur 108 § 55. Die logische Form des Schlußsatzes im Verhältnis zu den Prämissen 109 § 56. Der wissenschaftliche Wert der Syllogismen 110 § 57. Der hypothetische Schluß 113 § 58. Der disjunktive Schluß 115 § 59. Die zusammengesetzten und die verkürzten Schlüsse 117 § 60. Fehlschlüsse und Trugschlüsse 118 § 61. Der Induktionsschluß 121 § 62. Der Analogieschluß 122
II. Teil: Methodenlehre.
§ 63. Die Aufgabe der Methodenlehre 123
1. Die Begriffsbestimmung.
§ 64. Wesen und Arten der Begriffsbestimmung 124 § 65. Fehler der Begriffsbestimmung 125
2. Die Einteilung.
§ 66. Das Wesen der Einteilung 126 § 67. Arten und Fehler der Einteilung 127
3. Der Beweis.
§ 68. Der Beweis und seine Arten 129 § 69. Auffindung und Fehler des Beweises 130
4. Der Fortschritt der Wissenschaft.
§ 70. Die verschiedenen Methoden 131 § 71. Das induktive Verfahren 132 § 72. Das deduktive Verfahren 136 § 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese 137 § 74. Das System 138
Literatur 140
Namen- und Sachregister 143
Einleitung.
§ 1. Aufgabe und Einteilung der Philosophie.
_Die Philosophie ist die allgemeine Wissenschaft, welche den Zweck hat, Sicherheit, Einheit und Zusammenhang im Gesamtgebiet unseres Wissens herzustellen._ Auch die einzelnen Wissenschaften entspringen diesem Bedürfnis, aber ihr Gebiet ist ein beschränktes und sie gehen teils von Voraussetzungen aus, die sie nicht näher prüfen, teils gelangen sie zu Resultaten, die nicht miteinander übereinstimmen. Die Philosophie prüft jene Voraussetzungen und sucht durch Verarbeitung der Resultate der Einzelwissenschaften den Zusammenhang der gesamten Erfahrungswelt zu erforschen.
Auf demselben Wege gelangt _der denkende Mensch_ zu philosophischer Betrachtung. Er stößt auf Widersprüche in dem Wissensstoff, den er im Glauben an fremde Autorität angenommen oder selbständig sich angeeignet hat, und findet bei näherer Selbstbesinnung, daß sein Wissen auf unbewiesene Voraussetzungen sich stützt und ungelöste Widersprüche in sich schließt.
_Die Philosophie teilt sich_ nach den zwei großen Gebieten der Erfahrungswelt: Natur und geistiges Leben, in eine _Philosophie der Natur_ und in eine _Philosophie des Geistes_. Die letztere beschäftigt sich als _Psychologie_ mit dem allgemeinen Wesen des Geistes, wie es an jedem einzelnen Menschen beobachtet werden kann, als _Philosophie der Geschichte_ (im weitesten Sinn) mit dem menschlichen Geistesleben, wie es als Resultat gemeinschaftlicher Tätigkeit der Menschen in Gesellschaft und Geschichte sich entwickelt.
Unter den geistigen Erscheinungen treten aber einige besonders hervor, deren Wichtigkeit für Leben und Wissenschaft, wo sie zur _Aufstellung von_ zu befolgenden _Regeln_ führen, eine gesonderte Behandlung empfiehlt. So wird das richtige Denken in der _Logik_, der ästhetische Geschmack in der _Ästhetik_, das sittliche Bewußtsein in der _Ethik_, das religiöse Bewußtsein in der _Religionsphilosophie_ zu Gegenständen einer besonderen Wissenschaft gemacht. Diese psychologischen Tatsachen treten in der Geschichte _als geistige Mächte_, als Hauptelemente der menschlichen Kultur auf: Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und Staat, Religion; oder, sofern sie durch ein verwirklicht gedachtes Ziel wirken, als _Ideale_: Wahrheit, Schönheit, Sittlichkeit, Vereinigung mit der Gottheit. Doch erfüllen Philosophie der Geschichte und Psychologie ihre Aufgabe nur in beständiger gegenseitiger Ergänzung, und beide Standpunkte der Betrachtung müssen deshalb auch in jeder Geisteswissenschaft zusammenwirken.
Aber der Zweck der Philosophie gestattet nicht, bei der Trennung der Gebiete stehen zu bleiben, er schließt vielmehr die Aufgabe in sich, auch Natur und Geist, auch jene verschiedenen Richtungen des Geisteslebens nach ihren letzten Zusammenhängen untereinander zu untersuchen und auf einen einheitlichen Grund zurückzuführen, die Aufgabe der _Metaphysik_. Diese alle andern abschließende Wissenschaft beschäftigt sich daher mit der Frage nach der Anwendung der Denkgesetze auf die wirkliche Welt und deren Bedingungen und Grenzen (Erkenntnistheorie), nach der Gültigkeit der Allgemeinbegriffe, die wir der Betrachtung der Dinge zu Grunde legen: Sein, Veränderung, Raum und Zeit, Ursache und Zweck, und endlich mit der Gottesidee, soweit sie nicht bereits auf Grund der Erkenntnistheorie als für das philosophische Erkennen unerreichbar angesehen wird.
§ 2. Überblick über die Geschichte der Philosophie.
Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte der Versuche, die § 1 bezeichneten Aufgaben zu lösen.
Die erste selbständige Philosophie findet sich bei den Griechen. Die _ionischen Naturphilosophen_ (um 600 v. Chr.) fanden den einheitlichen Urgrund der Dinge in einem Urstoff, z. B. _Thales_ im Wasser, die _Pythagoreer_ in Maß und Zahl, die _Eleaten_ im reinen Sein im Gegensatz zur scheinbaren Vielheit der Dinge, _Heraklit_ im endlos sich verwandelnden Feuer, die _Atomisten_ in den gleichartigen, kleinsten, unteilbaren Stoffteilchen mit ihrer verschiedenartigen Ordnung, Gestalt, Lage und Bewegung. Erst für _Anaxagoras_ war das Ganze der Welt das Werk eines vernünftigen Wesens, des Geistes. Die bisher einfach vorausgesetzte Erkennbarkeit der Welt wurde aber von den alles bezweifelnden _Sophisten_ bestritten und mußte von den großen Philosophen der Folgezeit neu begründet werden.
Mit diesen, mit Sokrates, Plato und Aristoteles erreichte die griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sie machten den Menschen selbst und sein Denken zum Gegenstand der Untersuchung. _Sokrates_ († 399) beschäftigte sich mit der Bildung fester Begriffe, besonders des Wahren und Guten. _Plato_ († 347) gelangte auf diesem Wege zur Lehre von den Ideen als den geistigen Urbildern der Dinge und erfaßte noch tiefer Wesen und Aufgabe des Menschen. Sein großer Schüler _Aristoteles_ († 322) wurde durch sorgfältige Untersuchung der Gesetze des Denkens zum Begründer der Logik als Wissenschaft und übertraf seinen Vorgänger durch die Weite des Blicks, mit der er den ganzen Wissensstoff der damaligen Zeit, besonders auch der Naturwissenschaft, in das Gebiet der Philosophie hereinzog.
Die nachfolgenden Philosophen, die _Stoiker_ und _Epikureer_ verlegten den Schwerpunkt in die Ethik und fanden als höchste Regel des Lebens die Befriedigung des Weisen in seinem inneren Leben. Die _Skeptiker_ forderten den Verzicht auf alles Wissen und die _Neuplatoniker_ machten einen letzten Versuch, in der Einigung mit der Gottheit die Wahrheit unmittelbar anzuschauen.
Das Christentum entwickelte im Mittelalter unter dem Einfluß des Aristoteles eine eigene christliche Philosophie, die _Scholastik_, aber erst durch die Reformation wurde freie Forschung möglich gemacht.
In der neueren Philosophie lassen sich zwei Hauptströmungen verfolgen, eine _empiristische_ und eine _rationalistische_. Die erste, hauptsächlich ein Erzeugnis der englischen Philosophie, beginnt mit dem Engländer _Baco von Verulam_ († 1626), der auf Naturforschung und Erfahrung die Philosophie gründet, und wird fortgesetzt durch _Locke_, _Hume_ und in neuester Zeit durch _John Stuart Mill_ († 1873) und _Herbert Spencer_. Die rationalistische Richtung wurde hauptsächlich von den deutschen Philosophen gepflegt. Sie beginnt mit _Descartes_ († 1650), der auf den gewissesten aller Sätze: ich denke also bin ich (%cogito ergo sum%) alle Wahrheit gründete, und wird fortgeführt durch _Spinoza und Leibniz_.
Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche Philosophie in _Kant_ (1724-1804), der durch Untersuchung des Erkenntnisvermögens selbst und seiner Grenzen (Kritik der reinen Vernunft 1781) eine neue Grundlage für die Philosophie schuf. _Fichte_ ging in diesen Bahnen weiter, während _Schelling_ und _Hegel_ durch den Grundsatz der Einheit von Denken und Sein einer unbegrenzten Spekulation Tür und Tor öffneten. Dagegen sah _Herbart_ mit eigenartiger Wiederanknüpfung an Kant die Aufgabe der Philosophie in der begrifflichen Bearbeitung des Erfahrungsstoffes und gewann besonders durch eine sorgfältige, auf Mathematik gegründete Psychologie eine große Anhängerschaft. In der neuesten Zeit suchten _Trendelenburg_ mit Rückgang auf Aristoteles und _Lotze_ (Mikrokosmus 1856-64) mit voller Berücksichtigung der Naturforschung den Idealismus neu zu gestalten.
In den letzten Jahrzehnten fanden außerdem zwei philosophische Richtungen große Verbreitung, besonders in der Tagesliteratur: der _Materialismus_, der auch das geistige Leben auf die Materie zurückführen will, vertreten durch Moleschott, Vogt, Büchner, und der _Pessimismus_, begründet durch _Schopenhauer_ († 1860), in selbständiger Weise fortgebildet durch Ed. v. Hartmann.
Als Hauptströmungen treten in der Gegenwart hervor der _Neukantianismus_, der mit Abweisung aller Metaphysik das Hauptgewicht auf die Ethik legt, und der _Positivismus_, der, von Frankreich und England herübergekommen, nur das Tatsächliche der Erfahrungswelt gelten lassen will. Gegen die letztere Auffassung, soweit sie zu einer rein naturwissenschaftlichen Deutung des Geisteslebens geführt hat, macht sich jedoch eine _idealistische_ Gegenströmung mehr und mehr geltend.
§ 3. Die Bedeutung der Psychologie und der Logik.
Neben einem Überblick über die Geschichte der Philosophie werden sich zur Einführung in die Philosophie solche Zweige derselben besonders eignen, welche teils der Ausgangspunkt und die Grundlage der andern philosophischen Wissenschaften, teils eine Schule für das philosophische Denken bilden. Beides trifft bei Psychologie und Logik zu.
Verschiedene Beobachtungen im täglichen Leben und manche Resultate der Naturwissenschaft weisen uns darauf hin, daß die einfache Betrachtung der Außenwelt nicht der feste Punkt ist, von dem wir in der Philosophie ausgehen dürften. Träume, Sinnestäuschungen, Hallucinationen beweisen, daß dem von uns Wahrgenommenen nicht notwendig ein Gegenstand entsprechen muß. Erscheinungen wie die der Farbenblindheit zeigen, daß das Bild, das wir von den Gegenständen haben, nicht allein von diesen selbst, sondern zum mindesten auch von unserer Organisation abhängig ist. Die Naturwissenschaft erklärt das, was wir als Licht, Schall, Wärme wahrnehmen, für eine Bewegung des Äthers, der Luft, der Moleküle. So erhebt sich der _Zweifel an der Sicherheit unserer äußeren Wahrnehmung überhaupt_. Um so sicherer aber bleibt dann _eine Tatsache_ stehen, nämlich _das Bewußtsein, daß wir zweifeln_, oder _daß wir jene Eindrücke haben_, auch wenn es keine -- oder wenigstens keine unserer Vorstellung entsprechende -- Außenwelt gibt. _Daß_ wir etwas vorstellen, daß wir etwas fühlen oder wollen, und daß wir als vorstellende, fühlende, wollende Wesen wirklich existieren, das kartesianische: %cogito ergo sum%, steht uns unumstößlich fest. Die Wissenschaft, welche diese geistigen Vorgänge zu ihrem Gegenstande hat und verarbeitet, die _Psychologie_, wird daher einen sicheren Ausgangspunkt für die andern Zweige der Philosophie darbieten. Zugleich bildet sie eine geeignete _Vorschule des philosophischen Denkens_, sofern dabei das abstrakte Denken durch die Beobachtung des eigenen Seelenlebens beständig unterstützt werden kann. Endlich ergibt sich die Wichtigkeit dieser Wissenschaft auch daraus, daß die _wertvollsten Gegenstände der philosophischen Betrachtung_ auf dem Gebiete des geistigen Lebens liegen, das Gegenstand der Psychologie ist. Sie ist daher eine wichtige Grundlage für die Geisteswissenschaften überhaupt: Philosophie der Geschichte, Logik, Ästhetik, Ethik, Religionsphilosophie haben ihre Wurzel in der Psychologie und ihren Abschluß in der Metaphysik.
Von anderer Seite her dient die _Logik_ zur Einführung in die Philosophie. Schon die Tatsachen des Irrtums und des Streites zeigen die Notwendigkeit, auch das Denken selbst auf seine Richtigkeit und Brauchbarkeit hin zu untersuchen; dazu sieht sich aber die Philosophie noch besonders gedrängt, weil sie nichts ungeprüft annehmen darf und deshalb auch das Denken und seine Gesetze, ihr _Werkzeug_ zur Erforschung der Wahrheit _einer Prüfung unterziehen muß_. Insofern bildet die _Logik die Einleitung zu jeder Wissenschaft_. Die Logik ist aber auch zur _formalen Schulung des philosophischen Denkens_ geeignet, weil das Verständnis der logischen Gesetze selbst eine scharfe Fassung der Begriffe und einen sorgfältigen Vollzug der Denkoperationen erfordert und dadurch das abstraktere Denken und das Verständnis der schwierigeren Zweige der Philosophie vorbereitet.
Doch ist leicht zu ersehen, daß die Psychologie der Logik am besten vorangeht, da die Vorgänge beim Denken selbst zunächst Gegenstand der Psychologie sind.
Psychologie.
§ 4. „Empirische” und „rationale” Psychologie.
Man unterscheidet herkömmlich zwischen der _empirischen_ Psychologie, welche die Tätigkeitsäußerungen der menschlichen Seele mit ihren Gesetzen darstellt, und der _rationalen_ Psychologie, welche das innere Wesen der Seele zu ergründen und jene Tätigkeitsäußerungen daraus zu erklären sucht.
Die letztere fällt in das Gebiet der _Metaphysik_, denn sie fragt nach der Art der Existenz und der Veränderung der Seele, nach ihrem Zusammenhang mit dem Körper, nach ihrem Verhältnis zur Zeit und zu anderen Seelen.
Bei der Unsicherheit der Metaphysik ist es aber notwendig, _zunächst rein empirisch_ auf Grund der Beobachtung die Tatsachen des Seelenlebens und ihren gesetzmäßigen Zusammenhang zu erforschen und darzustellen. Nur wenn die Psychologie auf diese Weise zuerst ihre nächste empirische Aufgabe mit vorläufiger Abweisung aller metaphysischen Spekulation vom festen Boden der inneren Erfahrung aus klar erfaßt und abgrenzt, kann sie mit Aussicht auf Erfolg zu tieferer Erfassung ihrer Probleme weiterschreiten und auch den Geisteswissenschaften für ihre Ideale Anknüpfungspunkte darbieten. Durch diese scharfe Sonderung von Erfahrung und Metaphysik unterscheidet sich gerade die _wissenschaftliche_ Behandlung von der _populären_ Auffassung, die beides vermischt und z. B. die geistigen Vorgänge ohne weiteres metaphysisch als Tätigkeiten und Zustände eines _Dings_ nach Analogie der Körperwelt erklärt.
Für unsere Zwecke genügt die empirische Psychologie.
Abschnitt I. Seele und Körper.
§ 5. Die verschiedenen Ansichten über das Verhältnis von Seele und Körper.
Die Erfahrung zeigt uns die Erscheinungen des Seelenlebens eng verknüpft mit _körperlichen Erscheinungen_. Die Psychologie wird deshalb häufig die Hilfe derjenigen Wissenschaften in Anspruch nehmen müssen, die sich mit dem menschlichen Körper beschäftigen, der _Anatomie_, d. h. der Lehre vom Bau des Pflanzen- und Tierorganismus, und der _Physiologie_, d. h. der Lehre von den Lebensvorgängen im Pflanzen- und Tierkörper. Die neuerdings viel verhandelte physiologische Psychologie zieht die unmittelbaren Folgerungen aus dieser Wissenschaft für das Verhältnis von Seele und Körper.
Der _letzte Zusammenhang_ dieser beiden Erfahrungsgebiete läßt sich aber von uns _weder beobachten noch innerlich erfahren_. Indem wir einen Ton hören, haben wir kein Bewußtsein davon, welchen Weg er von der Saitenschwingung bis zur Empfindung durchlaufen hat, und wir nehmen keinen bestimmten Vorgang im Gehirn wahr, indem wir einen Entschluß fassen; aber auch wenn wir den körperlichen Vorgang, der dem geistigen entspricht, unmittelbar beobachten könnten, wüßten wir nicht, wie die Nervenerregung durch die Schallwellen es macht, zur Tonempfindung zu werden, oder wie der Entschluß es anfängt, die Glieder in Bewegung zu setzen.
Es sind daher die verschiedensten Hypothesen über dieses _Verhältnis von Seele und Körper_ aufgestellt worden. Es sind hauptsächlich _vier Möglichkeiten_ denkbar: Entweder streicht man eines der Glieder, um deren Zusammenhang es sich handelt, dann ergeben sich zwei mögliche Ansichten: 1. die Seele ist nur eine Form oder ein Produkt des Körpers (Materialismus), 2. der Körper ist nur eine Form oder ein Produkt eines oder mehrerer seelischer Wesen (Spiritualismus, so Leibniz, Lotze); oder man erkennt die Selbständigkeit beider an, dann sind zwei weitere Fälle möglich: 3. Seele und Körper wirken aufeinander wie verschiedene Wesen oder Substanzen (Wechselwirkungslehre, so Descartes, Herbart), 4. Seele und Körper sind verschiedene Äußerungsformen eines und desselben Wesens, stehen daher in keinerlei Verhältnis von Ursache und Wirkung (Identitätshypothese, so Spinoza, Fechner, der moderne psychophysische Parallelismus).
Die empirische Psychologie kann diese Frage von ihrem Standpunkt aus nicht beantworten, sondern nur das Material dazu darbieten, die endgültige Beantwortung derselben ist von gewissen metaphysischen Anschauungen abhängig. Die empirische Psychologie kann nur die tatsächliche Verschiedenheit von Körper und Seele feststellen und die durch Gesetze bestimmten Beziehungen zwischen beiden Erfahrungsgebieten, soweit sie beobachtet werden können, untersuchen. Die Lösung dieser Aufgaben zieht sich durch das ganze Gebiet der Psychologie hindurch, doch soll das Wesentliche über jene Verschiedenheit (§ 6) und über diese Beziehungen, die vor allem im Nervensystem stattfinden (§ 7), im voraus zusammengestellt werden.