Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Part 8

Chapter 83,823 wordsPublic domain

Unrat tat es. Die dicken Leute kehrten durstig von ihren Triumphen zurück. Nur noch eine der Flaschen enthielt ein halbes Spitzglas. Kiepert erklärte sich bereit, neuen Stoff herbeizuschaffen. Unrat bat ihn darum. Die Künstlerin Fröhlich bekam rasch noch eingeschenkt, dann mußte sie singen. Sie bedeckte sich mit Ruhm. Der Sekt ward süßer, Unrat immer glücklicher. Zu seiner nächsten Nummer schritt der Artist auf den Händen hinaus und erwarb ungemessenen Beifall. Er benutzte diese Art sich fortzubewegen, von nun ab jedesmal. Das Temperament der Künstlerin Fröhlich steigerte sich bei jedem neuen Auftreten und ward immer stürmischer anerkannt. Unrat konnte sich nicht mehr denken, daß er einmal vom Stuhl werde aufstehen müssen. Die letzten Gäste gingen schon. Die Künstlerin Fröhlich sagte noch, strahlend von Lebenslust:

»So leben wir für Alltags, Professorchen. Sonntags machen wir es noch viel schneidiger.«

Und gleich darauf brach sie in Schluchzen aus. Unrat sah erstaunt und durch einen Schleier, wie sie die Nase zwischen ihre beiden, auf dem Tisch liegenden Hände drückte, und wie ihr verbogenes Diadem auf und nieder flog.

»Das is ja man die glänzende Außenseite,« brachte sie hervor. »Drinnen gibt's nichts als graues Elend ...«

Sie jammerte noch weiter. Unrat suchte peinlich nach etwas, das er ihr sagen könne. Indes kam Kiepert von draußen, hob Unrat vom Stuhl und erklärte, ihn hinausgeleiten zu wollen. Unter der Tür hatte Unrat etwas gefunden. Er wendete sich, und seine Hand tastete durch die Luft, mit Anstrengung zurück nach der Künstlerin Fröhlich, die schon schlief, und versprach ihr:

»Ich werde versuchen, Sie durchzubringen.«

Dies konnte ein Lehrer vor der Versetzung zu einem Schüler sagen, dem er wohlwollte, oder er konnte es über ihn denken. Aber Unrat hatte es noch zu keinem gesagt und von keinem gedacht.

VII

Es war Achteinviertel und Unrat noch immer nicht da. In der Gier, ihre Freiheit auszunutzen, lärmte die Klasse bis zur Selbstbetäubung, bis zur Verblödung. Alles schrie, ohne noch darum zu wissen, »Unrat! Unrat!« Die einen waren davon unterrichtet, er sei tot. Die andern schwuren, er habe seine Wirtschafterin zu Haus ins Kabuff gesperrt und sie verhungern lassen, und befinde sich zu dieser Stunde im Zuchthaus. Lohmann, Ertzum und Kieselack schwiegen dazu.

Unversehens schlich Unrat langen Schrittes auf das Katheder zu und ließ sich mit Vorsicht, als schmerzten ihn seine Knochen, in den Sessel hinein. Viele hatten seine Gegenwart noch nicht bemerkt und brüllten weiter: »Unrat!« Aber es schien Unrat nichts daran zu liegen, ob er es ihnen »beweisen« könne. Er sah sehr grau aus, wartete geduldig, bis man ihn reden ließ und betrug sich bei der Beurteilung der Antworten mit geradezu kränklicher Grillenhaftigkeit. Einen, dem er sonst leidenschaftlich nachzustellen pflegte, ließ er zehn Minuten lang die falscheste Übersetzung liefern. Einem andern fiel er giftsprühend ins erste Wort. An Ertzum, Kieselack und Lohmann sah er wieder standhaft vorbei, -- aber er dachte nur an sie. Er fragte sich, ob sie gestern nacht auf seinem mühseligen Heimwege nicht an einer Hausecke gestanden hätten, an der er sich, beide Hände auf der Mauer und grade sehr üblen Mutes, vorbeigetastet hatte. Er meinte sogar, sie angestoßen und Pardon gesagt zu haben ... Aber sein Denken war auch noch damals unverwüstlich klar geblieben, und er hatte keinen Augenblick das Verständnis dafür eingebüßt, daß nicht alles, was er in jener Verfassung sah und spürte, der Außenwelt anzugehören brauchte.

Er litt großes Bangen, weil er über diese Sache nicht im Reinen war. Was wußten die drei Verworfenen?... Und was mochte gestern noch geschehen sein, nachdem Unrat selbst aus den Vorgängen ausgeschieden war? Waren sie zurückgekehrt in den Blauen Engel? War Lohmann in das Kabuff zurückgekehrt?... Die Künstlerin Fröhlich hatte geweint; es war möglich, daß sie sogar schon geschlafen hatte. Aber Lohmann hatte sie vielleicht aufgeweckt?... Unrat schmachtete danach, Lohmann die allerschwierigste Stelle zu erklären zu geben. Aber er wagte es nicht.

Lohmann, Graf Ertzum und Kieselack betrachteten ihn unablässig. Kieselack hatte dabei sehr wohl ein Gefühl für das Spaßige, Ertzum für das Erniedrigende, Lohmann für das Armselige in alledem; aber davon unabhängig berührte alle drei eine Art Grauen, eine gewisse schreckliche Weihe durch ihr dunkles Einverständnis mit dem Tyrannen.

Im Schulhof, während der Pause, lehnte sich Lohmann gegen die sonnige Mauer, verschränkte die Arme und hörte innerlich, wie gestern an der rauchigen Saalwand, sein Unglück erklingen in seinen Versen. Ertzum trat wie von ungefähr heran und fragte unterdrückt:

»Auf dem Tisch lag sie und schlief? Das kann doch nicht sein, Lohmann.«

»Wenn ich dir sage, daß sie schnarchte. Er hat sie betrunken gemacht.«

»Der Gauner! Sobald ich ihn nochmal --!«

Ertzum schämte sich, seine Prahlerei zu beenden. Er knirschte stumm im Joch der Schule. Mehr Abscheu als Unrat machte ihm seine eigene Ohnmacht. Er war Rosas nicht würdig!...

Kieselack drückte sich, im Hin und Her der Schüler, an den zwei Mitwissern vorbei und wisperte hinter der Hand, schiefen Mundes und heimlich geschüttelt von grauenvollem Jubel:

»O Mensch, er fliegt ja rein, sag' ich euch, er fliegt ja mächtig rein!«

Er fragte, ehe er vorüber war, noch rasch:

»Kommt ihr wieder hin?«

Die beiden hoben die Schultern. Das war wohl eine verächtliche Selbstverständlichkeit.

* * * * *

Für Unrat war es Pflicht, und sie ward täglich erfreulicher, je mehr er sich einlebte bei der Künstlerin Fröhlich. Er war, damit Lohmann ihm nicht zuvorkäme, immer der erste im Blauen Engel. Dann ordnete er die Toilettengegenstände, suchte die saubersten Unterröcke und Höschen hervor, legte, was zu flicken war, auf einen Stuhl abseits. Die Künstlerin Fröhlich erschien spät, denn sie fing an, sich auf Unrat zu verlassen. Er verstand bald, seine grauen Finger ganz spitz zu machen und die Knoten an ihr damit aufzulösen, ihre Schleifen geradezuziehen, die Nadeln aus den Verstecken an ihrem Körper hervorzuholen. Wenn sie sich schminkte, löste sich ihm das rosablaßgelbe Spiel ihrer eiligen Arme allmählich in sinnreiche Griffe auf. Er fand sich auf der Palette ihres Gesichts zurecht, erlernte Namen und Nutzen der farbigen Stangen und Fläschchen, der stäubenden Säckchen und Schachteln, der fettigen Büchsen und Töpfe; übte sich still und eifrig in ihrer Anwendung. Die Künstlerin Fröhlich bemerkte seine Fortschritte. Eines Abends lehnte sie sich vor dem Spiegel auf ihrem Stuhl zurück und sagte:

»Nu los.«

Und er richtete ihren Kopf so vollkommen her, daß sie den Finger in keine Salbe mehr zu tauchen brauchte. Sie wunderte sich über seine Fertigkeit und verlangte zu wissen, wie er sie so rasch erworben habe. Er errötete wolkig und stotterte irgend etwas; aber ihre Neugier blieb ungestillt.

Unrat erfreute sich der Bedeutung, die er in der Garderobe erobert hatte. Lohmann durfte nicht mehr hoffen, ihn zu ersetzen. Würde Lohmann etwa behalten haben, daß der rosa Bolero dort zum Färber sollte? Ja, wenn Lohmann durch eifrigeres Memorieren der aufgegebenen Homerverse sein Gedächtnis geübt hätte! Nun stellten sich die Folgen des Müßigganges heraus!... Und zwischen den weißen Wäschestücken am Boden und auf den Möbeln schlich Unrat umher wie eine große schwarze Spinne, behende ausgreifend mit dünnen, gekrümmten Gliedmaßen. Unter seinen grauen, eckigen Händen glätteten sich mürbe Stoffe, raschelnd und knisternd. Andere glitten unversehens zu Formen auseinander, die sie im Verschwiegenen bewahrt hatten -- zu einem Arm, einem Bein, das Unrat befangen anschielte, mit dem Gedanken:

»Freilich nun wohl -- immerhin.«

Dann stahl er sich an den Türspalt und lugte nach ihr aus, deren Stimme pfiff und kreischte unter dem Donnern des Klaviers, deren Glieder Würfe machten durch den Rauch, und nach den dummen Köpfen, wie geblähte Tulpen in einem Beet, die sie begafften. Er war stolz auf sie, verachtete den Saal, wenn er klatschte, spritzte auf in Haß gegen ihn, wenn er schwieg; -- und ein ganz eigenes Gefühl widmete er ihm, wenn er vor Vergnügen gluckste, weil die Künstlerin Fröhlich sich tief gegen ihn verneigt und ihm die Öffnung ihres Korsage freigebig zugewendet hatte. Dann stand Unrat eine kribbelnde Angst aus ... Nun wehte sie, in einem Windstoß von Beifall, zur Tür herein, und Unrat durfte ihr einen Abendmantel umlegen und ihr den Hals ein wenig pudern.

Dabei bekam er ihre Launen zu spüren. Je nachdem sie ihm gnädig die Schultern hinhielt oder ihm den Puderquast gegen das Gesicht schlug, daß er nichts mehr sah, brach eine gute Stunde an für Unrat oder eine schlechte. Seine Blicke unter die weibliche Oberfläche führten tiefer als nur bis dort, wo die Kleider aufhörten. Er bekam heraus, daß sich mit den Stoffen und Pudern beinahe auch die Seele handhaben und riechen lasse; daß Puder und Stoffe schon nicht viel weniger seien als die Seele ...

Die Künstlerin Fröhlich zeigte sich ihm bald ungeduldig und bald freundlich. Und es brachte ihn aus dem Geleise, wenn sie sich mit unvorhergesehenem Ruck auf ihre Freundlichkeit besann. Ihm war viel unbefangener zumute, wenn sie schalt ... Sie besann sich aber von Zeit zu Zeit auf einen Plan in seiner Behandlung, dessen Durchführung sie erheblich langweilte; auf Verhaltungsmaßregeln, die sie empfangen hatte, und denen sie sich fügte, aber ohne rechte Überzeugung. Dann ward sie auf einmal gesetzt, mit einem kleinen Stich ins Gefühlvolle und einer Miene, als säße sie zu seinen Füßen; der Miene, die man aufsetzen muß, wenn man bei einem ernsten Mann was machen will ... Aber bald, und das erleichterte Unrat, ohne daß er sich klar ward weshalb -- schob sie ihn wieder vom Stuhl fort, wie einen Packen Unterröcke.

Einmal gab sie ihm sogar einen Backenstreich. Darauf zog sie hastig ihre Hand zurück, betrachtete sie, roch daran und versetzte starr:

»Sie sind ja fettig.«

Er errötete, hilflos. Und sie brach aus:

»Er schminkt sich! Nu schlag' einer lang hin! Darum hat er es so rasch herausgehabt. Er lernt es heimlich an sich selber! O Sie -- Unrat!«

Unrat machte ein entsetztes Gesicht.

»Jawoll: Unrat!«

Sie tanzte um ihn her.

Und darauf lächelte er glücklich ... Sie wußte seinen Namen, sie wußte ihn von Lohmann und den andern und wahrscheinlich schon die ganze Zeit: es schüttelte ihn heftig um, aber nicht peinlich, sondern zu Lustgefühl. Dies gab ihm einen kurzen Verdacht und eine schwache Scham ein, wieso es ihn glücklich machen könne, daß die Künstlerin Fröhlich ihn bei seinem nichtswürdigen Namen nenne. Aber, er war nun einmal glücklich. Außerdem durfte er nicht nachdenken, sondern sie schickte ihn nach Bier.

Unrat bestellte es nicht nur; er ließ den Wirt, der die Gläser trug, durch den Saal vor sich her gehen; und dadurch, daß er den Transport des Getränkes von hinten deckte, ward verhindert, daß andere es unterwegs wegfingen. Einmal mutete der Besitzer des Blauen Engels es Unrat zu, das Bier gleich selber mitzunehmen. Die befremdete Würde, womit Unrat ablehnte, hinderte den Mann, seinen Irrtum zu wiederholen.

Bevor die Künstlerin Fröhlich trank, sagte sie:

»Prost, Unrat.«

Dann, innehaltend:

»Komisch, was, daß ich Sie Unrat nenne? Ja, eigentlich ist es komisch. Wir haben doch gar nischt miteinander. Wie lange kennen wir uns nu schon? Was die Gewohnheit alles macht.... Aber nee, ich will Ihnen was sagen: Kiepert und Frau, die können mir alle Tage gestohlen werden, denen wein' ich keine Träne nach. Mit Ihnen is es was anderes ...«

Ihre Augen waren allmählich sinnend und starr geworden. Sie fragte ganz vertieft:

»Aber was soll es, was =wollen= Sie?«

VIII

Darüber dachte Unrat selber nie nach, und nur eines beunruhigte ihn, wenn er sich spät am Abend von der Künstlerin Fröhlich trennte: die Ungewißheit über Kieselack, von Ertzum und Lohmann. Die Furcht vor ihrem Treiben im Verborgenen ließ ihm allmählich das Äußerste tunlich und alle zwischen den Menschen gesetzten Grenzen überschreitbar erscheinen. Draußen im Gäßchen vor dem Blauen Engel hörte er einmal ihre Schritte hinter sich. Er machte den seinigen ganz leicht, damit es ihnen nicht auffiel, wenn er stehen blieb. Hinter der Ecke lauerte er und trat unversehens mit schiefem Kopf auf sie zu. Sie prallten zurück; aber Unrat sagte ermunternd und mit giftigem Blinzeln:

»Nun denn, ich sehe, daß Sie sich -- immer mal wieder -- einen Kunstgenuß verschafft haben. Das ist ja denn auch recht von Ihnen. Kommen Sie, wir wollen das Gehörte einmal zusammen durchgehn, dabei werde ich dann Gelegenheit haben, mich darüber zu unterrichten, wie weit sie es in diesen Gegenständen schon gebracht haben.«

Da die drei stehen blieben und sich in diese erschreckende Vertraulichkeit mit dem Tyrannen sichtlich nicht hineinfanden, setzte er hinzu:

»Mein hierdurch über den Stand Ihrer allgemeinen Bildung gewonnenes Urteil kann auf Ihr nächstes Zeugnis -- wahrlich doch -- einigen Einfluß ausüben.«

Darauf nahm er Lohmann an seine Seite und ließ die beiden andern vorangehn. Lohmann kam sehr unlustig mit; aber Unrat begann ohne weiteres von des Sekundaners Lied vom runden Mond.

»Steht deine Liebe und du hörst sie weinen,« sagte er. »Die Liebe, als ein Abstraktum möchte nun zwar nicht weinen können. Da Sie indessen ›die Liebe‹ als eine Personifikation Ihres Seelenzustandes angesehen wissen wollen, und nunmehr dies poetische Wesen aus Ihnen heraustritt, um an dem Ufer eines von Ihnen angenommenen Sees zu weinen, so mag's denn sein. Hinzufügen aber muß der Lehrer, daß besagter Seelenzustand einem Sekundaner und noch dazu einem solchen mit ungewisser Aussicht das Ziel der Klasse zu erreichen, keineswegs wohl ansteht.«

Lohmann, erschreckt und erbittert, weil Unrat ein Stück von seiner Seele zwischen seinen dürren Fingern umwendete:

»Das alles ist poetische Lizenz, Herr Professor, von Anfang bis zu Ende. Ein ganz frivoles Machwerk, _l'art pour l'art_, wenn Sie den Ausdruck kennen. Hat mit Seele absolut nichts zu tun.«

»Drum denn -- mag's denn sein,« wiederholte Unrat.

»Das Verdienst an der gemütvollen Wirkung des Liedes gebührt mithin -- traun fürwahr -- der vortragenden Künstlerin ganz allein.«

Die Nennung der Künstlerin Fröhlich bewirkte in ihm einen Stolz, den er zurückdrängte, indem er den Atem anhielt. Er lenkte gleich wieder von ihr ab. Er warf Lohmann seine romantische Dichtungsart vor und verlangte eifrigeres Studium des Homer von ihm. Lohmann behauptete, die wenigen, wirklich poetischen Stellen bei Homer seien längst überboten. Der sterbende Hund, bei Odysseus' Heimkehr, befinde sich viel wirksamer in _La Joie de vivre_, von Zola.

»Wenn Sie davon gehört haben, Herr Professor,« setzte er hinzu.

Schließlich gerieten sie auf das Heinedenkmal, und Unrat rief befehlshaberisch und mit Rachedrang gegen Lohmann, in die Nacht hinaus:

»Nie! Niemals!«

Sie waren beim Stadttor; Unrat hätte nun gleich abbiegen müssen. Statt dessen beschied er, zwischen den dunkeln Wiesen, Kieselack zu sich her.

»Gehen Sie nun denn also mit ihrem Freunde von Ertzum,« sagte er zu Lohmann. Im Augenblick warf sich all seine Besorgnis auf Kieselack. Die Familienverhältnisse dieses Schülers leisteten keine Bürgschaft für ihn. Sein Vater war ein des Nachts beschäftigter Hafenbeamter. Kieselack gab an, er teile sein Heim nur mit einer Großmutter. Unrat bedachte, daß durch solche Greisin Kieselacks nächtliche Bewegungsfreiheit gewiß wenig beschränkt werde. Und das Tor des Blauen Engels stand noch lange offen ...

Kieselack witterte, worauf es Unrat ankomme. Er versicherte:

»Großmutter haut mich.«

Unter Unrats wachsamen Blicken, ein Stück vor ihm auf, ließ von Ertzum seine krampfig geballten Fäuste hängen und sagte dumpf zu Lohmann:

»Er soll es nicht zu weit treiben, das rat' ich ihm bloß. Alles hat 'n Ende!«

»Hoffentlich noch nicht,« erwiderte Lohmann. »Ich finde die Geschichte immer fragwürdiger.«

Ertzum, von neuem:

»Ich will dir was gestehen, Lohmann ... Wir sind hier ziemlich allein, die nächste Laterne und der nächste Schutzmann kommen beide erst bei Witwe Blöß. Wenn ich mich umdreh' und den Menschen niederschlage -- ihr werdet mich ja hoffentlich nicht abhalten ... Dies Weib -- dies Weib in den Pfoten eines solchen Elenden, einer solchen Krabbe! Ihre Reinheit!... Kerl, du, es geschieht was!«

Von Ertzums Heftigkeit stieg, weil er fühlte, daß er befremde. Aber das machte ihm nichts, und er schämte sich seiner Drohungen nicht mehr, denn heute wußte er sich fähig, sie alle zu vertreten.

Lohmann zögerte.

»Ein Geschehnis wäre es, wenn du ihn totschlügest, das läßt sich allerdings nicht leugnen,« bemerkte er schließlich, müden Tonfalls. »Es hätte doch mal einer eine Geste gewagt -- eine Tür aufgerissen; -- statt daß unsereiner immer nur dahinter steht, mit Angst ertappt zu werden, wenn sie plötzlich von innen geöffnet würde.«

Lohmann schwieg und wartete gespannt darauf, daß der andere ihm ins Gesicht sage, er liebe Frau Dora Breetpoot. Er spielte in seinem Sinn mit der Flinte, die für solchen Fall bereit lag ... Aber sein Geständnis zerging ungehört in der Luft.

»Eine andere Frage,« und Lohmann verzog den Mund, »ist allerdings, ob du's tust ... Du tust ja auch nichts.«

Von Ertzum machte eine wilde Bewegung rückwärts. Lohmann sah, denn die Laterne der Witwe Blöß war nicht mehr fern, ganz gut einen Schwindel durch seines Freundes Blick streichen. Er packte ihn am Arm.

»Keine Dummheiten, Ertzum!«

Darauf stellte er sich ungläubig.

»So was gibt's doch nicht, das faßt man doch nicht ernstlich ins Auge. Sieh dir den Menschen an, bitte. Ist das einer, den man mordet? Das ist einer, über den man die Achseln zuckt. Hast du Lust, nach geschehener Tat mit dem alten Unrat zusammen in der Zeitung zu stehn? Wie kompromittierend!«

Ertzums schwerblütige Wallung legte sich allmählich. Lohmann verachtete ihn ein wenig, weil er wieder ungefährlich war.

»Noch dazu,« bemerkte er, »hättest du etwas nicht ganz so Unsinniges tun können und hast es nicht getan. Hast du von Breetpoot Geld verlangt?«

»N -- ein.«

»Siehst du. Du wolltest vor deinen Vormund hintreten, ihn deine Leidenschaft wissen lassen und deine Entschlossenheit ihr nachzugehn. Daß du ein Mann seist, und daß du lieber zweijährig dienen wollest als zusehn, wie die Geliebte an einen Schubjack verloren gehe. Du wolltest dich um ihretwillen befreien: =das= wolltest du!«

Ertzum murmelte:

»Was hätte ich davon gehabt.«

»Wieso?«

»Geld hätte er mir keins gegeben. Er hätte mir die Kandare fester angezogen. Ich könnte Rosa jetzt nicht mal mehr sehn.«

Auch Lohmann hielt ein derartiges Verhalten des Vormunds für wahrscheinlich.

»Ich kann dir dreihundert Mark pumpen,« sagte er nachlässig. »Wenn du also mit ihr durchgehen willst --«

Ertzum antwortete zwischen den Zähnen hervor:

»Danke.«

»Nein? Also nicht.«

Lohmann schlug ein schwaches und böses Gelächter auf.

»Aber du hast ganz recht. Bevor man eine zur Gräfin macht, besinnt man sich doch. Und anders tut sie es wohl nicht.«

»Ich selbst würde es nicht anders gewollt haben,« sagte von Ertzum, gebrochen und schlicht. »Sie aber will nicht ... Ach, das weißt du nicht. Niemand weiß, daß ich seit Sonntag ein verzweifelter Mensch bin. Es ist eigentlich zum Lachen, daß ihr mich behandelt, als wär' ich noch derselbe -- und daß ich mich auch so benehme.«

Sie schwiegen. Lohmann war sehr unzufrieden; er fühlte sich geschädigt, in seiner Leidenschaft um Dora Breetpoot verletzt, weil nun auch Ertzum dank dieser lächerlichen Fröhlich in eine tragische Rolle geriet. Ertzum und diese Fröhlich rückten ihm zu nahe.

»Also?« fragte er stirnrunzelnd.

»Ja. Sonntag, auf dem Ausflug nach dem Hünengrab, mit dir, Kieselack und -- Rosa ... Rosa ganz für mich zu haben, mal ausnahmsweise ohne Unrat: ich war so froh. Ich war meiner Sache überhaupt ganz sicher!«

»Richtig. Du warst zu Anfang in vorzüglicher Laune. Du hast das Hünengrab sogar nach Möglichkeit kaputt gemacht.«

»Ach ja. Wenn ich daran denke -- als ich das Hünengrab kaputt machte, das war =vorher=, da war ich noch ein anderer Mensch ... Nach dem Frühstück waren wir so gut wie allein im Wald, Rosa und ich; denn du und Kieselack ihr schlieft. Ich faßte mir ein Herz: im letzten Moment hatte ich doch Angst gekriegt. Aber sie hatte mich ja immer gut behandelt, ganz anders als dich ... nicht wahr?... und wartete sichtlich bloß auf meine Erklärung. Ich hatte mein bißchen Geld eingesteckt und glaubte bestimmt, wir würden gar nicht mehr nach der Stadt zurückkommen, sondern gleich durch den Wald an die Station laufen.«

Er verstummte. Lohmann mußte ihn anstoßen.

»Sie liebt dich nicht -- genügend?«

»Sie sagte, sie kenne mich nicht hinlänglich. Hältst du das für einen falschen Vorwand?... Sie meinte auch, wir würden ja doch gefaßt; und dann käme sie wegen Verführung eines -- Minderjährigen ins -- Loch.«

Lohmann kämpfte ingrimmig mit seiner Lachlust.

»Soviel kalte Überlegung,« sagte er mit Anstrengung, »das ist nicht das Wahre. Mindestens ist ihre Liebe nicht auf der Höhe der deinigen. Du solltest dir deinerseits überlegen, ob du von den auf sie gesetzten Gefühlswerten nicht lieber einige zurückziehst ... Hast du nicht die Empfindung, daß sie nach eurer Unterredung beim Hünengrab nicht mehr deine ganze Zukunft wert ist?«

»Nein, die Empfindung hab' ich nicht,« sagte von Ertzum ernst.

»Dann ist nichts zu machen,« entschied Lohmann.

* * * * *

Sie waren am Hause des Pastors Thelander. Ertzum kletterte den Pfeiler hinauf zum Balkon. Unrat stand zwischen Kieselack und Lohmann und sah ihm nach. Als Ertzum in sein Fenster gestiegen war, wandte Unrat sich nachdenklich zum Gehen. Er sagte sich, daß von Ertzum, sobald es ihm einfiele, wieder hinabklettern könne ... Aber er fürchtete von Ertzum wenig; er verachtete seine Einfalt.

Er führte die beiden andern Schüler zur Stadt zurück und brachte Kieselack bis in den Machtbereich seiner Großmutter.

Dann ging er mit Lohmann vor sein väterliches Haus, hörte das Tor sich schließen, sah droben Licht entstehen, wartete peinlich, bis es wieder verlosch und ließ noch eine Weile verstreichen. Es erfolgte nichts mehr.

Da fand Unrat endlich den Mut, sich schlafen zu legen.

IX

Jeden Neugierigen scheuchte Unrat strenge fort von der Tür zur Künstlergarderobe. Die fremden Matrosen glaubten, er sei der »Heuerbas«, der die Artisten gemietet habe. Wer in ihm nicht den Direktor der Truppe sah, hielt ihn für einen Vater. Dazwischen saßen die, die ihn kannten, und grinsten unsicher.

Die ersten Abende hatten sie laut gehöhnt. Unrat sah dann überlegen und unberührt über sie hinweg. Er hatte hier zuviel vor ihnen voraus. Sie fühlten das bald. Sie kamen sich bald selbst gedemütigt vor, sie, die für ihre Nickel dabei saßen und glotzten, -- und Unrat machte, mit einer Miene des Einverständnisses, die Tür auf vor der Künstlerin Fröhlich, zu der sie alle die größte Lust hatten. Wider ihren Willen faßten sie Achtung vor Unrat, und ihre Bemühungen, ihn noch lächerlich zu finden, wurden täglich verlegener. Dafür rächten sie sich durch Wispern in den hinteren Kontoren der Großhandlungen. Die ersten Gerüchte über Unrats Lebenswandel fanden dort eine Tür geöffnet nach der Stadt. Die Stadt glaubte ihnen nicht sogleich. Die Schüler des alten Unrat behaupteten heute, er habe seine Wirtschafterin ins Kabuff gesperrt, und morgen etwas anderes. Das war herkömmlich, die Stadt lächelte darüber.