Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Part 6

Chapter 63,849 wordsPublic domain

»So is scheen, mein Hundchen.«

»Fabelhaft,« bemerkte Lohmann.

Und Kieselack, der einen weit abgenagten Fingernagel an den Mund führte, mit einem Senkblick von einem seiner Kameraden zum andern:

»Bildt euch man nix ein. Ihr erreicht ja doch nicht rechtzeitig das Ziel der Klasse.«

Dann blinzelte er Rosa Fröhlich zu. Er selbst hatte es schon erreicht.

* * * * *

Lohmann sagte:

»Zehn ein halb. Ertzum, dein Pastor kommt vom Bier, du mußt in die Klappe.«

Kieselack hatte Rosa etwas zugeraunt, schäkerhaft und drohend. Wie die beiden andern aufbrachen, war er verschwunden.

Die Freunde gingen dem Stadttor zu.

»Ich kann dich hinausbegleiten,« erklärte Lohmann. »Meine Alten sind auf dem Ball bei Konsul Breetpoot. Wie findest du das, daß unsereiner nicht eingeladen wird? Da tanzen nun schon die Gänse, mit denen ich Tanzstunde gehabt habe.«

Ertzum schüttelte stürmisch den Kopf.

»Solch ein Weib ist doch nicht dabei! Letzte Sommerferien war ich auf unserm Familientag mit allen Ertzumschen Mädchen und so und so vielen angeheirateten Püggelkrooks, Ahlefeldts, Katzenellenbogens --«

»Und so weiter.«

»Aber meinst du, daß eine =das= gehabt hätte?«

»Was denn?«

»Na das. Du weißt schon. Sie hat auch, was ein Weib ganz besonders haben muß, nämlich sozusagen Seele.«

Ertzum sagte »sozusagen«, weil das Wort Seele ihm Scham machte.

»Und dann ihr Taschentuch,« ergänzte Lohmann. »So eins hat keine Püggelkrook.«

Ertzum begriff langsam die Anspielung. Er trachtete die dumpfen Instinkte, die ihm vorhin einen so sonderbaren Auftritt bereitet hatten, mühselig ans Licht zu ziehen.

»Du mußt nicht denken,« sagte er, »daß ich so was ohne Absicht tue. Ich will ihr gradezu zeigen, daß sie trotz ihrer niedrigen Abkunft über mir steht, und daß ich sie ernstlich zu mir emporziehen will.«

»Sie steht ja über dir.«

Ertzum wunderte sich selbst über diesen Widerspruch. Er stotterte:

»Du sollst sehen, was ich tun werde!... Der Hund, der Unrat kommt mir kein zweites Mal lebendig in ihre Garderobe.«

»Ich fürchte, er möchte es uns grade so verleiden, wie wir ihm.«

»Er soll es nur wagen.«

»Ein feiger Kerl ist er ja nur.«

Sie waren dennoch in Sorge; aber sie sprachen nicht mehr davon.

Sie gingen zwischen den leeren Wiesen hin, auf denen im Sommer das Volksfest spielte. Ertzum, von weiter Nacht und Sternen leichter gemacht, fand in seinem Sinn glänzende Auswege in die Freiheit, heraus aus diesem Bürgernest und aus der staubigen Anstalt, wo sein großer ländlicher Körper in lächerlichen Fesseln saß. Denn er war dessen jetzt, seit er liebte, gewahr geworden: daß er sich lächerlich ausnahm auf der Schulbank, an einer falschen Antwort stotternd, den Stiernacken geduckt, hilflos, weil der hochschulterige Schwächling auf dem Katheder ihn giftig anschielte und dazu pfauchte. Alle seine Muskeln, von denen man hier Zahmheit verlangte, sehnten sich danach, belastet zu werden, drängten ihn, mit einem Schwert und einem Dreschflegel um sich hauen, ein Weib über seinen Kopf zu schwingen, einen Bullen am Horn zu packen. Seine Sinne gierten nach riechbaren Bauernmeinungen, nach greifbaren Begriffen, auf festem Boden tief unter der dünnen klassischen Geistigkeit, worin ihm der Atem ausging; nach der Berührung mit der nackten schwarzen Erde, die ein Jäger an seinen Sohlen fortträgt, und mit der Luft, die einem galoppierenden Reiter ums Gesicht schlägt; nach dem Lärm gefüllter Schenken und zusammengekoppelter Hunde, nach dem Brodem eines herbstlichen Waldes und eines feuchten Pferdes, das Kot fallen läßt ... Vor drei Jahren hatte daheim eine Kuhmagd, die er gegen einen starken Viehjungen verteidigt hatte, ihm damit gedankt, daß sie ihn ins Heu geworfen hatte. Durch diese Dirn hindurch fühlte er heute die Chanteuse Rosa Fröhlich. Sie weckte in ihm einen weiten grauen Himmel mit einer Menge heftiger Laute und Gerüche. Sie weckte alles, was seine eigene Seele war. Darum tat er ihr die Ehre an, dies für ihre Seele zu halten, ihr viel, viel Seele beizulegen, und sie sehr hochzustellen.

* * * * *

Die beiden Schüler erreichten die Villa des Pastors Thelander. Sie hatte zwei Balkons, in der Mitte des ersten und des zweiten Stocks, zwischen Mauerpfeilern mit knorrigen Reben herum.

»Dein Pastor ist schon zu Haus,« sagte Lohmann und zeigte auf ein Licht im ersten Stock. Sie kamen näher; das Licht ging aus.

Ertzum sah verdrossen und schon wieder besiegt nach dem angelehnten Fenster im obern Stock, zu dem er hinauf mußte. Dahinter roch es, aus seinen Kleidern und seinen Büchern heraus, schon wieder nach der Klasse. Die Luft der Klasse verfolgte ihn Tag und Nacht ... Er tat einen Sprung voll plumpen Zorns, kletterte die Reben hinauf, machte Halt auf dem Geländer des ersten Balkons und sah sich noch einmal sein Fenster an.

»Lange mach' ich das nicht mehr mit,« sagte er hinunter. Dann stieg er weiter, stieß mit dem Fuß das Fenster auf und ließ sich hinein.

»Träume sanft,« sagte Lohmann, mit mildem Spott, und kehrte um, ohne das Knirschen seiner Schritte zu vertuschen. Pastor Thelander, der sein Licht löschte, um nichts merken zu müssen, war nicht der Mann, Lärm zu schlagen wegen des nächtlichen Ausganges eines Grafen Ertzum, für den jährlich viertausend Mark Pension bezahlt wurden ... Und kaum aus dem Vorgarten heraus, war Lohmann wieder bei Dora.

So gab nun Dora ihren großen Ball. Sie lachte in dieser Minute hinter ihrem Fächer ihr fremdes, schmachtend grausames Kreolinnenlachen. Assessor Knust lachte vielleicht mit; vielleicht entschied es sich heute für Knust. Denn mit Leutnant von Gierschke schien es aus zu sein ... Lohmann zog den Hals ein, drückte die Zähne in die Unterlippe und lauschte drauf, wie er litt ...

Er liebte Frau Konsul Breetpoot, eine dreißigjährige Frau. Seit vor drei Wintern die Tanzstunde einmal in ihrem Hause gewesen war, liebte er sie. Sie hatte ihm einen Orden angesteckt -- o nur, weil sie seinen Eltern zu schmeicheln wünschte; er wußte es. Er sah sie seither durch Türspalten, bei großen Festen in seinem Elternhaus, zu denen er keinen Zutritt hatte, -- sah sie mit ihren Liebhabern: er! Jeden Augenblick konnte die Tür aufgestoßen werden, dann hätte er dagestanden, zerstört, schmerzzerrissen; alles wäre verraten. Und für diesen Fall war Lohmann fest entschlossen, sein Leben zu beschließen. Eine alte Flinte, mit der er auf dem Kornspeicher nach Ratten jagte, lag bereit ...

Er bekundete eine väterliche Freundschaft für ihren jungen Sohn, einen Quartaner, dem er seine alten Aufsätze zum Abschreiben gab. Er liebte ihr Kind! Einmal, als er zugunsten Breetpoots in eine Prügelei der Jungen eingegriffen hatte, war ihm auf mehreren Lippen ein fragwürdiges Lächeln begegnet. Der Flintenlauf kehrte sich schon seiner Brust zu ... Nein, niemand wußte es; und Lohmann durfte sie weiter erleben und sich vorspielen, die wilde Keuschheit, die wollüstigen Bitternisse, die schüchterne, eitle, trostreiche Weltverachtung seiner siebzehn Jahre, und die Verse, die er in Nächten auf die Rückseite eines alten Ballordens kritzelte ...

Von ihm also, der ganz durchseucht war mit harmvoller Empfindung, verlangte ein Mädchen wie diese Rosa Fröhlich, er solle sich von ihr zur Liebe angereizt fühlen. Es ließ sich nicht leicht etwas Ironischeres denken. Er machte Verse, auch auf sie -- nun ja. Der Gegenstand war doch gleichgültig für die Kunst. Wenn sie meinte, daß das etwas beweise ... Sie tat beleidigt, er lachte ihr ins Gesicht, das machte sie natürlich erst recht auf ihn versessen. Er beabsichtigte das wahrhaftig nicht; er war einigermaßen entfernt davon, die Chanteuse des Blauen Engels um ihre Liebe zu bitten. Es mußte dort im Saal Matrosen und Kommis geben, die für eine Summe zwischen drei und zehn Mark von ihr beglückt worden waren ...

Vielleicht fühlte er sich dennoch geschmeichelt? Warum leugnen. Es gab Stunden, wo er dieses Mädchen zu seinen Füßen zu sehen wünschte, wo er sie begehrte, um sie zu demütigen, um ihren Liebkosungen den Geschmack düstern Lasters zu geben -- und durch solch Laster seine eigene Liebe zu beschmutzen, in der auf den Knien bettelnden Dirne sie, Dora Breetpoot selbst zu erniedrigen und dann vor ihr hinzusinken und köstlich zu weinen!

Von diesen Gedanken durchbebt ging Lohmann in die Kaiserstraße vor das erleuchtete Haus des Konsuls Breetpoot und erwartete unter den über die Fenster gleitenden Schatten den einen.

VI

Am Morgen trafen Ertzum, Kieselack und Lohmann einander mit bleichen Gesichtern. Inmitten der lärmenden Klasse kam jeder der drei sich vor wie der Verbrecher, der einen Brief mit seinem Namen unterwegs weiß an den Staatsanwalt, und seine Umgebung ist ahnungslos. Nach Minuten zählt die Frist ... Kieselack hatte an der Tür des Direktorzimmers gehorcht und behauptete, Unrats Stimme darin gehört zu haben. Er prahlte nicht mehr, er flüsterte Ertzum hinter der Hand, mit schiefem Munde zu: »O weih, Mensch!« Lohmann hätte für die kommende Stunde gern mit einem der Ärmsten im Geist getauscht.

Unrat trat hastig ein und machte sich sofort atemlos über seinen Ovid her. Er ließ das auswendig Gelernte hersagen und fing beim Primus Angst an. Dann kamen die Schüler mit B. Bei E angelangt, sprang er ab, nach M hin. Ertzum stieß einen Seufzer aus. Kieselack und Lohmann stellten befremdet fest, daß K und L verschont blieben.

Beim Übersetzen traf keinen von ihnen eine Frage. Sie litten darunter, obwohl sie »ihrs nicht präpariert« hatten. Es ward ihnen zumute, als seien sie ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft, hätten schon den bürgerlichen Tod erlitten. Was konnte Unrat planen? In der Pause mieden die drei einander, aus Furcht, man könne ahnen, es verkette sie ein unheilvolles Geheimnis.

Drei Stunden bei andern Lehrern verstrichen unter häufigem Erschrecken. Ein Schritt auf dem Hof, ein Knarren der Treppe: der Direktor!... Aber es kam nichts. Und die griechische Stunde ließ Unrat hingehn wie die lateinische. Kieselack geriet in Galgenstimmung und reckte eine Hand in die Höhe, obwohl er nicht hätte antworten können. Unrat übersah ihn. Darauf schwenkte er seine blaue Pfote bei allen Fragen durch die Luft und knallte mit den Fingern. Lohmann gab das Warten auf und öffnete unter dem Tisch die »Götter im Exil«. Ertzum, von der Schule wieder unterworfen und klein gemacht, war, wie immer, schwitzend bemüht, der Klasse zu folgen, und blieb zurück, wie immer.

Beim Weggehen waren sie darauf gefaßt, der Kustos werde sie zum Direktor rufen, mit einem Schlimmes versprechenden Lächeln. Nein, der Mann mit der Glocke nahm ganz schlicht die Mütze ab vor den jungen Herren. Draußen sahen sie einander an, mit einem Jubel, der sich fürchtete vorm Ausbrechen. Kieselack war der Erste, der ihn steigen ließ.

»Seht ihr wohl! Ich hab' gleich gesagt, er wagt es nicht!«

Lohmann war ärgerlich, weil er sich hatte ängstigen lassen.

»Wenn der Mensch meint, er kann mich an der Nase führen --.«

Ertzum sagte:

»Es kann ja noch kommen.«

Und mit jäher Wildheit:

»Es soll nur kommen! Ich weiß, was ich tu'!«

»Ich kann mir denken,« sagte Lohmann. »Du prügelst Unrat durch. Dann koppelst du dich mit der Fröhlich zusammen, und ihr springt ins Wasser.«

»Nein -- das nicht,« sagte Ertzum erstaunt.

»Menschenskinder, ihr habt ja 'n Spleen,« sagte Kieselack. Und sie trennten sich. Lohmann erklärte noch:

»Mir lag eigentlich nichts mehr an dem Blauen Engel. Aber bange machen gilt nicht: jetzt geh' ich grade hin.«

Am Abend kamen er und Ertzum fast gleichzeitig vor dem Hause an. Sie warteten noch auf Kieselack. Ihn ließen sie immer vorangehen, zuerst in die Garderobe der Künstler treten, den Mund zuerst aufmachen, zuerst gemütlich werden. Ohne Kieselack wäre dies alles nicht gegangen, sie brauchten ihn und seine Frechheit. Er hatte kein Geld, sie mußten für ihn bezahlen, und Kieselack hütete sich, sie merken zu lassen, was sie alles bezahlten, und daß es seine, Kieselacks geheime Freuden waren, für die Rosa von ihnen Blumen, Wein und Geschenke entgegennahm.

Er traf endlich ein, ohne sich ihretwegen zu beeilen, und sie gingen ins Haus. Indessen vom Wirt erfuhren sie, im Künstlerzimmer sitze ihr Lehrer. Darauf sahen sie bestürzt einander an und drückten sich.

* * * * *

Als Unrat gestern nacht glücklich wieder zu Haus angelangt war, hatte er seine Arbeitslampe angezündet und sich vor sein Schreibpult gestellt. Der Ofen wärmte noch, die Uhr tickte, Unrat blätterte in seinem Manuskript und sagte sich:

»Das Wahre ist nur die Freundschaft und die Literatur.«

Er fühlte sich der Künstlerin Fröhlich entronnen und fand die »Nebendinge«, mit denen der Schüler Lohmann sich abgab, auf einmal tief gleichgültig.

Aber beim Erwachen in dunkler Frühe merkte er, es sei nicht in Ordnung, bevor er nicht den Schüler Lohmann »gefaßt« habe. Er machte sich gleichwohl wieder an die Partikel bei Homer, aber die Freundschaft und die Literatur konnten ihn nicht mehr fesseln. Sie konnten ihn niemals mehr fesseln, fühlte er, solange Lohmann ungehindert bei der Künstlerin Fröhlich saß!

Einen Weg, dies zu verhindern, hatte die Künstlerin Fröhlich selbst angegeben; sie hatte gesagt: »Aber Sie müssen morgen wiederkommen, sonst machen Ihre Schuljungen hier Unfug« ... Wie ihm die Worte wieder einfielen, errötete Unrat. Denn die Worte brachten auch die Stimme der Künstlerin Fröhlich zurück, ihren kitzelnden Blick, ihr ganzes buntes Gesicht und die zwei leichten Finger, mit denen sie unter Unrats Kinn getastet hatte ... Unrat sah sich scheu nach der Tür um und beugte sich, wie ein Schüler, der »Nebendinge« verbirgt, mit geheucheltem Eifer über seine Arbeit.

Das hatten die drei Verworfenen -- freilich denn nun -- durch die rote Gardine erblickt. Und wenn Unrat es unternahm, sie vor dem Tribunal des Herrn Direktors zur Rechenschaft zu ziehen, dann waren sie, sich verloren sehend und die letzte Scham abwerfend, imstande, das Erblickte öffentlich zu bekunden! In der Liste der Verbrechen des Lohmann stand auch der von ihm bezahlte Wein -- von dem Unrat getrunken hatte ... Der Schweiß brach ihm aus. Er sah sich gefangen. Die Widersacher würden behaupten, nicht Unrat habe Lohmann »gefaßt«, sondern Lohmann ihn ... Und das Bewußtsein, in einem mehr als jemals hitzigen und völlig einsamen Kampf zu stehen gegen das Heer der empörten Schüler, machte Unrat stark, gab ihm die Gewißheit, er werde noch manchem von ihnen die Laufbahn erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Mit leidenschaftlicher Entschlossenheit trat er den Schulweg an.

Die drei Verbrecher »hineinzulegen«, fehlte es wahrhaftig nicht an Gelegenheit. Was Lohmann anging, so genügte vollauf sein unverschämter Klassenaufsatz. In der Woche vor den Zeugnissen würde Unrat ihnen Fragen stellen, an denen sie scheitern mußten. Er dachte sich schon welche aus ... Als er das Stadttor hinter sich hatte, kamen ihm Bedenken; und je mehr er sich dem Schulgebäude näherte, in eine um so drohendere Zukunft blickte er. Die drei Aufständischen hatten nun wohl schon die Klasse aufgewiegelt, indem sie ihr vom Blauen Engel erzählt hatten. Wie würde sie Unrat empfangen. Die Revolution brach aus!... Die Panik des bedrohten Tyrannen durchsprengte ihn schon wieder, kreuz und quer, wie geschlagene Reiter. Er schielte mit giftiger Angst um die Straßenecken, nach Schülern, nach Attentätern.

Er war nicht mehr der Angreifer, als er das Klassenzimmer betrat. Er wartete ab; er trachtete sich dadurch zu retten, daß er die Ereignisse des gestrigen Abends stillschweigend leugnete, die Gefahr verheimlichte, die drei Verbrecher übersah ... Unrat bezwang sich, als ein Mann. Er ahnte nicht, was Kieselack, Ertzum und Lohmann für Angst ausstanden; aber auch sie ahnten nichts von seiner.

Nach Schulschluß bekam er, gerade wie sie, seinen Mut zurück. Lohmann sollte nicht frohlocken! Er mußte von der Künstlerin Fröhlich ferngehalten werden: es war eine Machtfrage für Unrat und eine Angelegenheit seiner Selbstachtung, dies zu bewirken. Wie? »Sie müssen morgen wiederkommen,« hatte sie gesagt. Es blieb nichts anderes übrig; wie Unrat das erkannte, erschrak er. Und in seinem Erschrecken war etwas Süßes.

Er konnte nicht zu Abend essen, so erregt war er, und verließ trotz des Widerspruchs seiner Wirtschafterin sogleich das Haus, um der erste zu sein im Kabuff -- in der Garderobe der Künstlerin Fröhlich. Lohmann durfte nicht bei ihr sitzen und Wein trinken: das war Aufruhr, Unrat ertrug es nicht. Weiter war ihm nichts bewußt.

Wie er hastig auf den Blauen Engel zuschlich, bemerkte er nicht gleich den farbigen Zettel im Haustor und suchte ihn einige Sekunden lang, völlig kopflos ... Gottlob, da war der Zettel. Die Künstlerin Fröhlich war also nicht, wie Unrat eben gefürchtet hatte, plötzlich abgereist, geflüchtet, vom Erdboden verschlungen. Sie sang noch, war noch bunt, kitzelte noch mit ihrem Blick. Und aus seiner Befriedigung hierüber zog Unrat eine kurze Erkenntnis. Nicht nur, daß ihr der Schüler Lohmann fernbleiben sollte: Unrat selbst wollte bei der Künstlerin Fröhlich sitzen ... Aber diese Erkenntnis verdunkelte sich sofort wieder.

* * * * *

Der Saal war noch leer, fast finster, unheimlich weit; und die zahllosen schmutzigweißen Stühle und Tische standen durcheinandergeschoben wie eine Hammelherde auf der Haide. Neben dem Ofen und bei einer kleinen blechernen Lampe saß der Wirt mit zwei andern Männern; sie spielten Karten.

Unrat drückte sich, im Wunsch nicht gesehen zu werden, wie eine Fledermaus die schattige Wand entlang. Wie er schon ins Künstlerzimmer entwischen wollte, rief der Wirt, daß es schauerlich hallte:

»Nabend Herr Professer, das freut mich, daß es Ihnen in mein Lakal gefallen hat.«

»Ich wollte nur -- ich meinte nur -- die Künstlerin Fröhlich ...«

»Gehn Sie man rein und warten auf ihr, es is ja man eben sieben. Ich bring' Sie auch 'n Bier.«

»Danke,« rief Unrat zurück, »ich bin nicht gesonnen zu trinken ... Aber --« und er streckte den Kopf aus der Tür -- »späterhin werde ich wahrscheinlich eine größere Bestellung machen.«

Darauf zog er die Tür zu und tappte in die Nacht der Garderobe hinein. Als es ihm gelungen war, Licht zu machen, räumte er Korsetts und Strümpfe von einem Stuhl, setzte sich an den Tisch, auf dem es noch wie gestern aussah, nahm seine Lehrer-Agenda aus der Rocktasche und begann aus den Nummern hinter jedem Schülernamen die vorläufige Bewertung der Leistungen zu bilden. Bei E angelangt, sprang er eilig zu M über, gerade wie am Morgen in der Klasse. Hinterher besann er sich, schlug zurück und versah Ertzums Namen mit einem wütenden Ungenügend. Kieselack kam an die Reihe, dann Lohmann. Das Zimmer war lautlos und sicher, und Unrats Mund gekrümmt von Rachsucht.

Nach einer Weile schienen sich im Saal die ersten Gäste niederzulassen. Er geriet in Unruhe. Die dicke Frau von gestern trat ein, unter einem schwarzen Hut mit wilder Krämpe und sagte:

»Ja was denn, Sie, Herr Professor? Das sieht ja aus, als ob Sie hier übernachtet hätten!«

»Liebe Frau, ich komme wegen gewisser Geschäfte,« belehrte Unrat sie. Aber sie drohte mit dem Finger:

»Ihre Geschäfte kann ich mir lebhaft vorstellen.«

Sie hatte Boa und Jacke abgelegt.

»Nu müssen Sie aber erlauben, daß ich mir die Tallje auszieh'.«

Unrat stammelte etwas und sah weg. Sie kam in einem stark ergrauten Frisiermantel und klopfte ihn auf die Schulter.

»Daß ich es man sage, Herr Professor, ich wundere mich nicht 'n bißchen, daß Sie schon wieder hier sitzen. Das sind wir bei Rosa nicht anders gewöhnt. Wer die mal richtig kennen lernt, der muß sie lieb haben, da gibt's nischt. Und mit Recht, denn es is doch 'n reizendschönes Mädchen.«

»Das mag ja denn -- immer mal wieder -- ganz richtig sein, liebe Frau, aber -- nicht darum ...«

»Nee. Auch wegen dem Herzen, was das Mächen hat. Das is sogar die Hauptsache. Gott ich sage --!«

Sie legte die Hand auf ihr eigenes Herz, unter dem klaffenden Frisiermantel. Dabei himmelte sie, und ihr Doppelkinn schwankte vor Rührung.

»Die schneidt sich ja oft genug selbst in 'n Finger, aus purer Menschenliebe! Es muß davon kommen, weil ihr Vater Krankenpfleger war. Ob Sie es nu glauben oder nicht, Rosa hat immer 'ne Schwäche für die älteren Herren gehabt. Und nich bloß wegen =dem= ...«

Sie rieb Daumen und Zeigefinger aneinander.

»Sondern weil ihr Herz mal so is. Denn die älteren Herren haben 'ne liebevolle Behandlung am nötigsten ... Manchmal is sie wirklich gutmütiger, als von der Polizei erlaubt is. Sehn Sie, ich kenn' sie ja von Kindesbeinen. Von mir haben Sie alles aus erster Hand.«

Sie setzte sich auf die Tischkante, engte Unrat ein zwischen ihrer mächtigen Person und der Lehne seines Stuhles, schien ihn ganz in Beschlag zu nehmen und zu umhüllen mit der Atmosphäre dessen, was sie erzählte.

»Wie das Mächen noch nich sechzehn war, ging sie schon egal ins Panoptikum und zu den Artisten, die da arbeiten. Sie begreifen, was mal von Hause aus Künstlerin is ... Na, da war 'n alter Herr, der wollte sie ausbilden lassen. Die Ausbildung kennt man ja, die fängt ganz von vorn an bei Adam und Eva und bei dem sauern Apfel. Als sie den intus hatte, kommt sie zu mir und heult. Ich sag' natürlich, du, dem Ollen ziehn wir die Kandare an, du bist ja erst in zwei 'ner halben Woche sechzehn, der muß blechen, bis ihm die Luft ausgeht. Aber sie will nicht! Hat man von so was 'n Begriff. Sie hat zuviel Mitleid gehabt mit dem Greis, ich hab' sie nicht rumkriegen können. Im Gegenteil, sie is von selber wieder zu ihm hingegangen; das läßt doch tief blicken. Auf der Straße hat sie 'n mir gezeigt: 'n richtiger Krippensetzer. Aber kein Vergleich, nich die Bohne von Vergleich mit Ihnen, Herr Professor!«

Sie tippte ihn mit zwei Fingern gerade ins Gesicht. Da er ihr noch nicht genügend angeregt schien, bestand sie auf dem Gesagten.

»Nich die Bohne, behaupt' ich! Und überhaupt war das 'n Ekel. Bald drauf ist er gestorben, und was meinen Sie, was er Rosa vermacht hat? Seine Photographie, unter diskretem Verschluß. Nu platz' vor Glück! Nee, da muß doch 'n genereeser Mann, der noch gut erhalten is und auch wirklich Herz hat für so'n Mächen, der muß doch noch 'n bedeutend tiefern Eindruck machen, sag' ich.«

»Freilich denn wohl --« aber Unrat suchte nach einem schwierigen Übergang. »Sei dem nun aber wie immer ihm wolle, so ist doch dies --«

Sein Lächeln sah vor Verlegenheit giftig aus.

»-- kein Einwand dagegen, daß ihr ein junger Bursch, welcher des Geistes einerseits und des Gemütes andererseits nicht völlig ermangelt, immerhin noch mehr zusage.«

Die Frau fiel lebhaft ein.

»Wenn Sie sonst keine Schmerzen haben, denn macht es nischt. Die Jungen, die hat unsere Rosa bis hier raus, das glauben Sie =mir=!«

Sie schüttelte Unrat stark an der Schulter, um ihm die Wahrheit körperlich fühlbar zu machen. Dann ließ sie sich vom Tisch auf den Boden plumpsen und sagte:

»Da verplaudert man sich. Jetzt muß ich aber an die Arbeit, Herr Professor, ein andermal widme ich mich wieder Ihnen.«

Sie setzte sich vor den Toilettenspiegel und rieb sich das Gesicht mit Fett ein.

»Nu sehn Sie lieber wo anders hin, scheen is es nicht.«

Unrat sah gehorsam weg. Er hörte auf dem Klavier einige Töne anschlagen. Der Saal rauschte dumpf, als sei er halb gefüllt.

»Und Ihre Schuljungen,« warf die Frau hin, mit einem Gegenstand zwischen den Zähnen, »die können überhaupt die Hälse lang machen und jiepern!«

Unrat folgte dem Trieb, sich nach dem Fenster umzusehen. Hinter der roten Gardine reckte wirklich ein Schatten den Hals aus.