Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen
Part 5
Auf einen der mit abenteuerlichen Kleidungsstücken bedeckten Stühle stützte die Künstlerin Fröhlich ihren FuÃ, indes sie nähte. Unrat sah es nicht selbst: so viel unternahm er nicht; er erfuhr es nur durch den Spiegel, dem sie zugekehrt stand. Daraus ging bei Unrats erstem, gehetztem Hinsehen hervor, daà auf ihren langen, sehr langen schwarzen Strümpfen veilchenblaue Stickerei war. Eine Weile wagte Unrat nichts mehr. Dann machte er die angstvolle Entdeckung, daà ihr zwischen den Maschen eines schwarzen Netzes blau hervorschimmerndes Seidenkleid nicht einmal bis unter die Achseln reichte, und daÃ, so oft sie mit Nadel und Faden weit in die Luft fuhr, in der Höhle unter ihrem Arm etwas Blondes erschien. Darauf sah Unrat nicht mehr hin ...
Die Stille bedrückte ihn. Auch drauÃen ging es viel ruhiger zu als vorher. Nur kurze, gestöhnte Laute, etwas heiser und verfettet, wie von dicken Leuten, die sich abarbeiteten. Nun völliges Schweigen; darin das Ãchzen und Klirren von etwas Metallischem, das gebogen ward. Etwas schwer zu Bestimmendes, wie das Atmen einer Menge. Plötzlich das Wort »Ab« und zwei schwere Plumpse, kurz nacheinander. Und aus dem losbrechenden Beifall hervor: »Gottsdunner!« und »Nu soll doch!«
»Das war gemacht,« sagte die Künstlerin Fröhlich und hob den Fuà vom Stuhl. Sie war fertig.
»Na und Sie? Sie sagen ja gar nischt mehr.«
Unrat muÃte wohl hinsehen; aber sie verwirrte ihn gleich wieder durch ihre Buntheit. Ihr Haar war rötlich, eigentlich rosig, fast lila und enthielt mehrere geschliffene grüne Glasstücke, in ein verbogenes Diadem gefaÃt. Die Brauen über den trockenblauen Augen waren sehr schwarz und kühn. Aber der Glanz der schönen bunten Farben in ihrem Gesicht, rot, bläulich, perlweiÃ, hatte gelitten vom Staub. Die Frisur sah eingesunken aus, und als sei von ihrer Leuchtkraft etwas davongeflogen in den qualmigen Wirtssaal. Die blaue Schleife an ihrem Hals hing welk, die Stoffblumen um ihren Rock nickten mit toten Köpfen. Der Lack blätterte von ihren Schuhen, zwei Flecke waren auf ihren Strümpfen, und die Seide ihres kurzen Kleides schillerte aus ermatteten Falten. Das schwach gerundete, leichte Fleisch ihrer Arme und ihrer Schultern kam einem abgegriffen vor, trotz seiner WeiÃe, die bei jeder raschen Bewegung davon abstäubte. Ihr Gesicht kannte Unrat schon sehr hochfahrend, mit feindseligen Zügen, die noch in der Bildung waren, und die die Künstlerin Fröhlich bislang leicht glättete und vergaÃ. Sie lachte los, über die Welt, über sich selbst.
»Und vorhin waren Sie noch so lebhaft,« setzte sie hinzu.
Aber Unrat horchte. Plötzlich machte er einen steifen Sprung, wie eine alte Katze. Die Künstlerin Fröhlich entwich mit dünnem Aufkreischen. Unrat rià das rote Fenster auf ... Nein, der Kopf, dessen Umrià er hinter der Gardine bemerkt hatte, war schon wieder weg.
Er kam zurück.
»Sie erschrecken ja die Leute,« sagte sie. Er, ohne sich zu entschuldigen, ganz bei der Sache:
»Sie kennen wohl viele junge Leute aus hiesiger Stadt?«
Sie drehte sich leicht in den Hüften hin und her.
»Ich bin mit jedem höflich, der anständig zu mir ist.«
»Ei freilich. Da würde denn wohl. Und die Schüler vom Gymnasium haben im allgemeinen traun recht zierliche Sitten?«
»Ja, glauben Sie denn, ich sitz' hier tagtäglich mit Ihrer ganzen Schulstube? Ich bin doch keine Kindergärtnerin.«
»Das hinwiederum zwar nicht.«
Nachhelfend, in mahnendem Ton:
»Meistens tragen sie Mützen.«
»Wenn sie Mützen tragen, kenn' ich sie. Ãberhaupt ist man ja nich ohne Erfahrung.«
Er griff zu:
»Nein, das sind Sie wohl sicherlich nicht.«
Sofort setzte sie sich zur Wehr.
»Wie meinen Sie das, bitte?«
»Ich meinte Menschenkenntnis --«
Er kehrte ihr die Fläche einer erhobenen Hand zu, erschreckt und um Frieden bittend.
»Menschenkenntnis meine ich. Nicht jeder hat die; die ist schwer -- und bitter.«
Um ihre Gunst nicht zu verlieren, um sich ihr zu nähern, weil er sie brauchte, weil sie ihm Furcht machte, gab er etwas von sich preis, mehr als sonst das Volk zu sehen bekam.
»Und bitter. Erkannt aber fürwahr muà man sie haben, um sie sich dienstbar zu machen und, sie verachtend, über sie zu herrschen.«
Sie hatte verstanden.
»Nich wahr? Is das 'ne Kunst, aus dem Pack was rauszuschlagen!«
Sie zog sich einen Stuhl heran.
»Haben Sie 'ne Ahnung von dem Dasein. Jeder, der hier rein kommt, meint, man hat bloà auf ihn gewartet. Alle wollen was, und nachher, das glaubt man gar nich, droht einer womöglich mit der Polizei! Sie --«
Und sie berührte mit der Fingerspitze sein Knie.
»-- kommen einem mit der gleich vorher. Das hat was für sich.«
»Die einer Dame geschuldete Ehrerbietung wollte ich dadurch keineswegs verletzen,« erklärte er.
Ihm war nicht heimlich. Diese bunte Frauensperson sprach von Dingen, in die er nicht mit seiner gewohnten Klarheit eindrang. Ãberdies befanden sich ihre Knie nun schon zwischen seinen eigenen. Sie merkte, daà sie auf dem Wege ihm zu miÃfallen war, und machte auf einmal ein stilles, vernünftiges Gesicht.
»Da läÃt man lieber den ganzen Dreck und bleibt anständig.«
Da er nichts einwendete:
»Hat der Wein schön geschmeckt? Den haben nämlich Ihre Schuljungen gestiftet. Die legen sich mächtig ins Zeug, sag' ich Ihnen. Einer is bei, der hat Pinke-Pinke.«
Sie goà ihm sein Glas nochmals voll. Im Wunsch, ihm zu schmeicheln:
»Ich lach' mir ja 'n Ast, wenn die Bengels nachher wiederkommen, und Sie haben Ihnen alles weggepichelt. Mich kann es manchmal freuen, wenn einer irgendwie zu Schaden kommt. Man wird allmählich so.«
»Wahrlich doch,« stotterte Unrat; und mit dem Glas in der Hand schämte er sich, weil er von Lohmanns Wein getrunken hatte. Denn der Schüler, der ihn bezahlt hatte, war Lohmann. Lohmann war hier gewesen; er war vor den andern entkommen. Vermutlich war er noch in der Nähe. Unrat schielte nach dem Fenster: die Gardine trug immer den etwas formlosen Abdruck eines Gesichts. Er wuÃte, wenn er darauf lossprang, würde es weg sein. Das war Lohmann: Unrat erfuhr es durch tiefe Ahnung. Lohmann, der allerschlimmste, mit seiner unnahbaren Widersetzlichkeit, der ihn nicht einmal bei seinem Namen nannte: der war der unsichtbare Geist, mit dem Unrat kämpfte. Die beiden andern waren keine Geister; und Unrat fühlte, daà jene ihn schwerlich bis hierher gebracht haben würden, bis zu den ungewöhnlichen Handlungen, die er nun beging, und dahin, daà er in einem Hinterzimmer, wo es nach Schminke und verfänglichen Gewändern roch, bei der Künstlerin Fröhlich saÃ. Um des Schülers Lohmann willen aber muÃte Unrat bleiben. Ging er, dann saà wieder Lohmann hier und sah der Künstlerin Fröhlich, die ihren Stuhl heranzog, in das bunte Gesicht. Bei dem Gedanken, daà dies nun glücklich ausgeschlossen sei, goà Unrat, ehe er es sich versah, das ganze Glas hinunter. Es brannte wohlig in seinen Gedärmen.
Die beiden dicken Leute im Saal hatten eine weitere Nummer ihres Programms unter hörbarem Atmen zu Ende gebracht. Jetzt schmetterte das Klavier etwas Kriegerisches, und gleich darauf setzten die zwei Stimmen ein, mit überzeugender Wucht, ehrlich dröhnend von vaterländischer Begeisterung.
»Stolz weht die Flagge schwarz weià rot Von unsres Schiffes Mast, Dem Feinde Weh, der sie bedroht, Der diese Farben haÃt!«
Die Künstlerin Fröhlich sagte:
»Das is ihre Zugnummer, das müssen Sie sich mal ansehen.«
Sie öffnete vorsichtig die Tür, darauf bedacht, sich und Unrat den Blicken der Zuschauer vorzuenthalten, und lieà Unrat zwischen den Angeln durch den Spalt spähen. Er sah die beiden dicken Leute mit einem schwarzweiÃrotem Flaggentuch um Magen und Bauch, auf der Eisenstange eines Turnrecks stehen und jeder kühn auf einen Pfosten gestützt, sieghafte Kiefern aufreiÃen.
»Allüberall wo auf dem Meer Empor ein Mast sich reckt, Da steht die deutsche Flagge sehr In Achtung und Respekt.«
Man fühlte, das Publikum war tief aufgehoben von innerlichen Drängen. In einer schwindelnden Wallung lieà der und jener seine schwieligen Handflächen aufeinander krachen. Nach jeder Strophe muÃte von Besonnenen der Beifall mühsam unterdrückt werden. Am Schluà des Gesanges sprengte er die Kehlen. Die Künstlerin Fröhlich äuÃerte, und sie beschrieb hinter der Tür eine umfassende Geste über den Saal hin:
»Nu sagen Sie mal selbst, ob das nich Affen mit Eichenlaub sind! Jeder einzelne von der Menschheit kann doch das olle Flottenlied besser singen als wie die gute Guste mit ihren Kiepert. Und zu allermindest denkt er sich auch was bei. Kiepert und Guste wissen ja zu genau, daà sie bloà Fisimatenten machen fürs Geschäft. Und Stimme haben sie gar keine und Gehör beinahe ebensoviel. Aber man die Fahnen um 'n Bauch, und die Leute stellen ein Leben an, daà ein feiner Besaiteter sich platterdings dafür bedanken würde, und die Dicken müssen was zugeben. Nu sagen Sie selbst!«
Unrat gab ihr recht. Er und die Künstlerin Fröhlich nickten sich zu, in ebenbürtiger Volksverachtung.
»Passen Sie mal auf, was nu los wird,« sagte sie und steckte, bevor die beiden dicken Leute ihre Extranummer anbrachen, plötzlich den Kopf in den Saal.
»Hohohohoho!« machte es drauÃen.
Sie zog den Kopf zurück.
»Haben Sie gehört?« fragte sie befriedigt. »Die haben mich nu den lieben langen Abend angeglupt, aber zeig' ich bloà die Nasenspitze, wo sie nich drauf gefaÃt sind, denn muhen sie wie das Vieh!«
Unrat dachte an die verwandten Laute, die in der Klasse entstanden, sobald irgend etwas Unerwartetes vorfiel, und er entschied:
»So sind sie immer!«
Die Künstlerin Fröhlich seufzte.
»Nu bin ich gleich wieder dran und muà raus zu der Menagerie.«
Unrat ward von Hast gepackt.
»SchlieÃen Sie nun denn also die Tür!«
Er tat es selbst.
»Wir sind von unserem Gegenstande abgekommen. Sie müssen die Wahrheit preisgeben über den Schüler Lohmann. Ihr Leugnen kann seine Sache nur verschlimmern.«
»Fangen Sie wieder davon an? Das muà 'n sanfter Wahn von Ihnen sein.«
»Ich bin der Lehrer! Dieser Schüler ist ein so beschaffener, daà er die höchsten Strafen verdient. Seien Sie eingedenk Ihrer Pflicht, damit kein Verbrecher der Gerechtigkeit entkomme!«
»Liebes Gottchen! Sie wollen gewià Wurst machen aus dem Menschen! =Wie= heiÃt er? Ãberhaupt hab' ich für Namen kein Gedächtnis. Wie sieht er denn aus?«
»Er ist gelblich von Gesicht; er hat einerseits eine breite Stirn, welche er auf eine gewisse überhebliche Art in Falten legt, andererseits aber schwarze Haare in derselben. Von mittelgroÃer Gestalt, bewegt er dieselbe mit einer sozusagen nachlässigen Geschmeidigkeit, hierdurch bereits die Zuchtlosigkeit seines Sinnes bekundend ...«
Unrat formte das Bildnis mit den Händen. Der Haà machte ihn zum Porträtisten.
»Und?« fragte die Künstlerin Fröhlich, mit zwei Fingern am Mundwinkel. Aber sie hatte Lohmann schon wiedererkannt.
»Er ist -- traun fürwahr -- recht geschniegelt, und erachtet es für angemessen, seiner Eleganz durch ein schwermütig-unbeteiligtes Verhalten das Ansehen zu geben, als sei sie von selbst da und nicht vielmehr eine Tochter seiner, der Verachtung des Weisen würdigen Eitelkeit.«
Sie stellte fest:
»Das genügt. Mit dem kann ich nich dienen, tut mir leid.«
»Nachgedacht! Vorwärts!«
»Schade. Der wird nich gereicht«; und sie schnitt eine Clownsfratze.
»Ich weiÃ, daà er hier gewesen ist; ich habe Beweise!«
»Denn können Sie ihm die Krawatte ja alleine zuziehn und brauchen mich nich dazu.«
»Ich habe da in meiner Tasche das Aufsatzheft des Lohmann; wenn ich Ihnen dasselbe zeigen würde, dann zweifle ich nicht, daà Sie sofort zugeben würden, ihn zu kennen ... Drum denn, soll ich es Ihnen zeigen, Künstlerin Fröhlich?«
»Ich bin ganz närrsch drauf.«
Er griff in seinen Rock, errötete wolkig, zog die Hand leer zurück, wagte es noch einmal ... Sie las endlich Lohmanns Verse, angestrengt, wie ein Kind über der Fibel. Dann, aufwallend:
»Das is aber wirklich 'ne Niedertracht. âºUnd kommst du erst mal in die Wochenâ¹. Wer woll eher in die Wochen kommt.«
Und nachdenklich:
»Aber so dumm wie ich dachte, is er nich mal.«
»Sehen Sie wohl, Sie kennen ihn!«
Sie, sehr schnell:
»Wer sagt das? Nee, Männeken, fangen gibt's nich.«
Unrat sah sie giftig an. Plötzlich stampfte er auf; so viel hartnäckige Verlogenheit nahm ihm die Fassung. Ohne nachzudenken, log er selbst.
»Ich weià es, ich habe ihn ja gesehen!«
»Denn is alles in Ordnung,« sagte sie gelassen ... »Ãbrigens, jetzt möcht' ich ihn wohl kennen lernen.«
Sie beugte unerwartet ihre Büste vor, tastete mit ganz leichten Fingern unter Unrats Kinn, auf die kahlen Flecken zwischen seinen Barthaaren, und machte einen Mund, wie zum Saugen.
»Stellen Sie ihn mir vor, ja?«
Aber sie muÃte lachen; er sah aus, als ob ihre zwei leichten Finger ihn erdrosselten.
»Ihre Schüler sind überhaupt flotte Jungen. Das kommt gewiÃ, weil sie so 'nen flotten Lehrer haben.«
»Welchen mögen Sie von den jungen Leuten denn nun wohl am liebsten?« fragte Unrat, unerklärlich gespannt.
Sie lieà ihn los und bekam ohne Ãbergang wieder ein ganz stilles, vernünftiges Gesicht.
»Wer sagt Ihnen, daà ich von den dummen Jungen überhaupt einen mag. Wenn Sie wüÃten, unsereiner -- all die Windbeutel gäb' ich mit Freuden hin für einen bessern Mann in reifern Jahren, dem es nich bloà wegen dem Amüsieren is, sondern mehr wegen dem Herzen und wegen dem Reellen ... Das wissen die Männer man nich,« setzte sie hinzu, mit leichter Trauer.
* * * * *
Die beiden dicken Leute kamen zurück. Die Frau fragte, noch ehe sie verschnauft hatte:
»Nu, wie hat er sich geschickt?«
Das Klavier machte sich sofort an das Nächste.
»Na, rin ins Vergnügen«; und die Künstlerin Fröhlich legte sich einen Shawl über die Schultern und ward dadurch noch bunter.
»Sie wollen nu woll nach Haus?« fragte sie. »Das begreif' ich; 'n Paradies is es hier ja nich. Aber Sie müssen morgen wiederkommen, wissen Sie, sonst machen Ihre Schuljungen hier Unfug, das können Sie sich selber sagen.«
Und sie ging.
Unrat war noch verwirrt durch den seltsamen Abschluà ihres Gesprächs, er lieà wortlos über sich bestimmen. Der Artist öffnete die Tür.
»Gehen Sie man immer hinter mir her, dann kommen Sie ohne Krawall durch.«
Unrat folgte ihm um den Saal herum, durch eine freie Bahn, die er vorhin verfehlt hatte. Ein Stück vorm Ausgang schwenkte der Artist ab. Unrat sah nochmals dahinten ein Paar Arme, eine Schulter, irgendein heftig beleuchtetes Stück Fleisch inmitten einer Drehung bunter Farben aufglänzen, über dem Rauch, über dem Lärm ... Er war drauÃen. Der Wirt kam eben wieder mit dem Bier; er rief:
»Nabend auch, Herr Professer, und beehren Sie mein Lakal bald wieder!«
Im Torgang verweilte Unrat noch und suchte sich wiederzufinden. Er verspürte die Wirkung der kalten Luft auf seinen Kopf und bemerkte, daà ohne Wein und Bier zu der ungewohnten Stunde, dieses ganze Erlebnis schwer zustande gekommen wäre ... Er machte einen Schritt auf das GäÃchen und erschrak: an der Hauswand lungerten drei Gestalten. Er schielte hin aus den Brillenecken; und es waren Kieselack, von Ertzum und Lohmann.
Unrat machte eine scharfe Wendung; hinter sich hörte er ein Schnaufen, das aus der breitesten der drei Brüste kommen muÃte, aus Ertzums Brust, und das nach Empörung klang. Da erscholl Kieselacks Quetschstimme:
»In dem Haus, wo eben einer rausgekommen is, soll es aber 'ne ganze Masse sittlichen Unrat geben.«
Unrat zuckte empor; vor Wut und Angst fletschte er die Zähne.
»Ich werde Sie alle zerschmettern. Morgen bringe ich -- wahrlich doch! -- das Geschehene zur Anzeige!«
Niemand antwortete. Unrat machte nochmals kehrt und schlich zwei, drei Schritte weiter, in einem drohenden Schweigen. Da, ganz langsam, sagte Kieselack, und Unrat zuckte bei jedem der zwei Worte mit dem Nacken:
»Wir auch!«
V
Lohmann, Graf Ertzum und Kieselack spazierten hintereinander um den Saal. Wie sie unter der Bühne vorbeikamen, stieà Kieselack einen schrillen Pfiff aus.
»Ins Kabuff!« kommandierte er; und sie drückten sich in die Künstlergarderobe. Die dicke Frau flickte irgend etwas.
»Nu?« fragte sie. »Wo haben Sie denn gesteckt, meine Herren? Ihr Lehrer hat uns Gesellschaft geleistet.«
»Mit dem verkehren wir nicht,« erklärte Lohmann.
»Er ist aber ein feingebildeter Mann und ganz leicht um den Finger zu wickeln.«
»Wickeln Sie!«
»O, ich nicht, meine Herren, Sie wollen gewià uzen. Aber ich weià jemand --«
Sie kam nicht weiter, denn Kieselack kitzelte sie unter der Achsel. Er hatte sich überzeugt, daà die andern nicht hinsahen.
»Das dürfen Sie nicht, Kleiner«; und sie hob den Klemmer von der Nasenspitze. »Wenn Sie das öfter tun, kann Kiepert Sie mal anblasen.«
»BeiÃt er?« fragte Kieselack von unten; und die Frau nickte mit geheimnisvollen Falten, als beteuerte sie einem Kinde, der schwarze Mann sei eine Tatsache.
Lohmann sagte von hinten, vom Toilettentisch her, neben dem er, die Hände in den Hosentaschen, auf einem Stuhl lag:
»Kieselack, du Frechmops, bist entschieden zu weit gegangen mit Unrat. Was brauchtest du ihn noch zu reizen, wie er hier rausgekommen ist. Er ist ja auch nur ein Mensch, und über seine Kräfte muà man ihm keine Gemeinheiten zumuten. Jetzt kann er uns Stank machen.«
»Ich werd' ihm!« prahlte Kieselack.
Ertzum saà in der Mitte, mit den Ellenbogen auf dem Tisch; er knurrte nur, und sein blondrotes Gesicht unter einer Kuppel roter Borsten, die die Hängelampe beglänzte, blieb unverrückt nach der Tür gerichtet. Plötzlich schlug er auf den Tisch.
»Bloà noch ein einziges Mal soll sich dieses Vieh hier blicken lassen, und ich brech' ihm alle Knochen entzwei!«
»Fein!« sagte Kieselack. »Dann kann er uns den Klassenaufsatz nicht wiedergeben. Meiner ist ja doch lauter Unsinn.«
Lohmann sah lächelnd zu.
»Die Kleine scheint dich wirklich unterzukriegen, Ertzum. Solche Töne findet nur wahre Liebe.«
Und da drauÃen der Applaus verrauschte, und die Tür aufging:
»Gnädiges Fräulein, man ist bereit, für Sie zum Mörder zu werden.«
»Ihre faulen Redensarten können Sie sich sparen,« erwiderte sie ungnädig. »Ich hab' mit Ihrem Lehrer über Sie gesprochen, der ist auch nich gerade begeistert von Ihnen.«
»Was will denn der alte Hammel?«
»Fassen will er Sie und Wurst aus Ihnen machen, sonst nichts!«
»Fräulein Rosa,« stammelte Ertzum; er hatte, seit sie im Zimmer war, einen demütigen Rücken und einen Blick, der flehte.
»Mit Ihnen is auch nischt los,« erklärte sie ihm.
»Das einfachste wär' doch wohl gewesen, Sie wären im Saal geblieben und hätten anständig geklatscht. Da sind gewisse Rauhbeine, die wollten mich anöden.«
Ertzum stürzte vor.
»Wo sind die Kerls! Wo sind die Kerls!«
Sie holte ihn zurück.
»Sein Sie so gut! Machen Sie Krach! Dann flieg' ich noch heut' abend hier raus. Können Sie mir vielleicht Ihr Palais zur Verfügung stellen, Herr Graf?«
»Sie sind ungerecht, gnädiges Fräulein,« sagte Lohmann. »Er ist erst heute wieder Ihretwegen bei seinem Vormund, Konsul Breetpoot, gewesen. Aber dieser Bürger hat keinen Sinn für die groÃe Leidenschaft, er gibt kein Geld her. Ertzum möchte Ihnen, soviel an ihm liegt, alles zu FüÃen breiten: seinen Namen, eine glänzende Zukunft, ein Vermögen. Er ist weià Gott von hinreichend einfachem Geiste, um das zu tun. Darum gerade, gnädiges Fräulein, wäre es unrecht von Ihnen, wenn Sie seine so sympathische Einfachheit miÃbrauchen wollten. Schonen Sie ihn!«
»Ich werd' wohl allein wissen, was ich zu tun hab', Sie Baffze ... Und wenn Ihr Freund keine solche Schnauze hat wie Sie, denn hat er darum bloà noch mehr Aussicht, daà er bei mir --«
»Das Ziel der Klasse erreicht,« ergänzte Kieselack.
»Sie kenn' ich, Sie sind einer von den Heimlichen;« und sie trat Lohmann näher. »Hier tun Sie, als ob die Welt Sie kalt lieÃe, und hinterrücks bedichten Sie einen in dreckiger Weise.«
Lohmann lachte verlegen.
»Sie sind überhaupt der Letzte, dem ich 'n irgendwie triftigen Grund geben werd' zu der Annahme, ich könnt' in die Wochen kommen. Verstehn Sie mich? Der Letzte.«
»Also gut. Der Letzte. Ich warte so lange,« sagte Lohmann gelangweilt; und indes sie ihm den Rücken drehte, streckte er die Beine von sich und richtete das Gesicht gegen die Decke. Er saà hier ja ohne persönliches Interesse und nur als ironischer Zuschauer. Ihm konnte doch die Person gleich sein. Um sein, Lohmanns Herz stand es wahrhaftig viel zu ernst, viel ernster, als man je erfahren würde ... Er machte sich einen Panzer aus Spott ...
Das Klavier hatte sich ausgeruht.
»Rosa, Ihr Lieblingswalzer!« sagte die dicke Frau.
»Wer will tanzen?« fragte Rosa. Sie wippte schon, und sie lächelte Ertzum zu. Aber Kieselack kam dem breiten Junker zuvor. Er legte Hand an Rosa, wie zu einem Gassenjungenstreich, drehte sie heimtückisch sachte herum und schleifte plötzlich ganz weit aus. Sie fiel fast hin. Dabei streckte er ihr die Zunge aus und kniff sie, von allen ungesehen, auf der Rückseite. Sie erschrak und sagte ärgerlich und zärtlich:
»Wenn du Ekel das noch mal tust, sag' ich es ihm, und er verhaut dich.«
»Das laà bleiben!« riet Kieselack ihr wispernd. »Sonst sag' ich ihm auch was.«
Sie lachten, ohne die Mienen zu verziehen. Ertzum sah ihnen zu, verstörten Blicks, das blondrote Gesicht voller SchweiÃtropfen.
Inzwischen hatte Lohmann die dicke Frau aufgefordert. Rosa lieà Kieselack stehen und sah Lohmann zu, der gut tanzte. Die dicke Frau ward unter seinen Händen ganz leicht. Als es ihm genug schien, verbeugte er sich gnädig und kehrte, ohne Rosa zu bemerken, an seinen Platz zurück. Sie folgte ihm.
»Tanzen kann man meinswegen mit Ihnen. Wenn Sie auch sonst zu nischt zu brauchen sind.«
Er zuckte die Achseln, drückte seine Gleichgültigkeit noch durch einen der schauspielerhaften Faltenwürfe seines Gesichts aus und erhob sich. Sie walzte lange, schwelgerisch und hingegeben.
»Haben Sie genug?« fragte er endlich höflich. Und als sie erwachte:
»Nun, dann --«
»Hab' ich 'nen Durst!« rief sie, auÃer Atem. »Herr Graf, geben Sie mir was zu trinken, oder ich fall' um.«
»Er steht selbst nicht sicher,« bemerkte Lohmann. »Er sieht ja aus wie der besoffene Mond.«
Ertzum keuchte, als ob die ganze Zeit nur er das Mädchen herumgedreht hätte. Er senkte eine Flasche, die ihm in der Hand zitterte, und aus der nur noch ein Rest floÃ. Darauf sah er Rosa ratlos an. Sie lachte. Die dicke Frau sagte:
»Ihr Herr Lehrer hat, scheint's, 'n guten Zug.«
Ertzum begriff; ein Schwindeln ging sichtbar durch seine Augen. Er erfaÃte plötzlich die leere Flasche am Hals, wie eine Keule.
»Nanu,« machte Rosa. Und nach einem Augenblick, während dessen sie ihn beurteilt hatte:
»Mein Taschentuch liegt unterm Tisch. Holen Sie's mal 'raus, ja?«
Ertzum bückte sich, steckte den Kopf unter den Tisch, wollte hingreifen. Aber seine Knie bogen sich; er kroch, und das Mädchen sah ihm zu, auf das Tuch los, nahm es mit den Zähnen vom Boden, kehrte auf den Händen unter den Tischrand zurück. Da blieb er und hielt die Augen geschlossen, erschlafft von dem fettigen, fad parfümierten Geschmack des grauweiÃen Fetzens, worin Schminke abgewischt war. So stand nun, gleich vor seinen geschlossenen Lidern und unerreichbar, das Weib, von dem er Tag und Nacht träumte, an das er glaubte, für das er sein Leben gelassen hätte! Und weil sie arm war und er sie noch nicht zu sich emporziehen durfte, muÃte sie ihre Reinheit Gefahren aussetzen und mit schmutzigen Leuten verkehren, sogar mit Unrat. Es war ein furchtbares, einziges Geschick.
Nachdem sie ihr Werk bewundert hatte, nahm sie ihm das Tuch aus dem Gebià und sagte: