Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen
Part 3
Also wandte er sich fort und suchte im Geist nach andern Stätten, wo er seine Frage vorbringen konnte. Aber es fielen ihm keine ein. Die bekannten Köpfe, die sein Gedächtnis aufrief, trugen alle solche Mienen wie vorhin der Handlungslehrling, sein Schüler. Die erleuchteten Geschäfte bargen, wie das des Zigarrenhändlers und das des Cafétiers, lauter aufrührerische Schüler. Unrat geriet in Zorn, er fing an müde zu werden, und er hatte Durst. Er warf nach den Läden, nach den Haustüren mit Namen ehemaliger Sekundaner aus den Rändern seiner Brillengläser die grünen Blicke, die seine Klasse giftig nannte. Alle diese Burschen forderten ihn heraus. Auch die Künstlerin Fröhlich, die sich in einem dieser Häuser versteckt hielt, einen seiner Schüler mit Nebendingen beschäftigte und sich Unrats Machtbefugnis entzog, sie forderte ihn heraus! Zuweilen zeigte das Schild an einem Eingang den Oberlehrer Soundso an; dann lenkte Unrat gereizt die Augen weg. Der da hatte vor seiner eigenen Klasse seinen Namen genannt; und daà er sich darauf verbessert hatte, machte nichts gut. Dieser hier hatte Unrats Sohn auf dem Markt mit einem Frauenzimmer gesehen und das Gesehene herumgeredet. Auf allen Seiten bedroht von Feinden, durchmaà Unrat die StraÃen. Er schlich an den Häusern hin, mit einem gespannten Gefühl oben auf dem Scheitel; denn jeden Augenblick konnte wie ein Kübel schmutziges Wasser, den jemand ihm über den Kopf gegossen hätte, aus einem Fenster sein Name fallen! Und da er ihn nicht sah, vermochte er den Schreier nicht zu »fassen«! Eine empörte Klasse von fünfzigtausend Schülern tobte um Unrat her.
So rettete er sich, ehe er's selber wuÃte, in die abgelegenste, tiefste Gegend, wo am Ende einer langen, stillen Gasse das Stift der alten Fräulein stand. Es war hier ganz dunkel. Ein paar huschende Wesen in halblangen »Mantillen« und mit Tüchern um den Kopf kehrten verspätet heim aus einem Kränzchen, von einem Abendgottesdienst, klingelten verstohlen, zergingen in einer Türspalte. Eine Fledermaus beschrieb Zacken über Unrats Hut. Unrat dachte und schielte nach der Stadt hinauf:
»Dann ist da kein, kein Mensch.«
Er sagte wohl:
»Ich leg' euch Bande noch mal hinein!«
Aber da er seine Ohnmacht fühlte, kam der Haà in ihm ins Zittern und rià ordentlich an ihm; der Haà auf diese Tausende fauler, boshafter Schüler, die ihm immer die schuldige Arbeit vorenthalten, ihn immer bei seinem Namen genannt, immer nur auf Unfug gesonnen hatten; die ihn jetzt mit der Künstlerin Fröhlich ärgerten, sie und den Schüler Lohmann nicht angaben, sondern sich benahmen wie eine »gemeine« Klasse, die zusammenhält gegen den Lehrer; die jetzt alle beim Abendessen saÃen, ihn aber nötigten, hier unten herumzuschleichen; und die überhaupt, es ahnte ihm in dieser Stunde, etwas Ãbles aus ihm gemacht, ihn in den langen Jahren, die er bei ihnen war, fragwürdig zugerichtet hatten.
Er, der seit sechsundzwanzig Jahren die Klasse vor sich hatte, die Klasse mit immer denselben tückischen Gesichtern, hatte nie bemerkt, daà die Gesichter hier drauÃen und wenn die Zeit hinging, bald ganz gleichgültige Mienen behielten beim Gedanken an Professor Unrat, und daà sie später sogar wohlwollende annahmen. Immer in der Anspannung des Kampfes war er nicht dazu angetan, es zu würdigen, daà die Ãlteren in der Stadt seinen Namen, sogar wenn sie ihm das Wort laut an den Kopf sagten, nicht aussprachen um ihn zu verletzen, sondern Jugenderinnerungen zuliebe, die ihnen mittlerweile harmlos heiter aussahen; und daà er in der Stadt eine Figur war die für jeden Komik umhertrug, aber für manchen eine zärtliche Komik. Er hörte nicht den Meinungsaustausch zweier Schüler aus der allerersten Generation, die an einer StraÃenecke stehen blieben und ihm, er meinte voll Hohn, nachblickten:
»Was ist denn mit dem Unrat? Er wird alt.«
»Und immer schmutziger.«
»Anders als schmutzig hab' ich ihn nie gekannt.«
»O, das wissen Sie wohl nicht mehr. Als Hilfslehrer war er noch 'n ganz adretter Mensch.«
»So? Was der Name tut. Ich kann ihn mir überhaupt nicht sauber vorstellen.«
»Wissen Sie, was ich glaube? Er sich selber auch nicht. Gegen so 'n Namen kann auf die Dauer keiner an.«
III
Unrat hastete die stille Gasse wieder hinauf, denn er hatte einen Gedanken gehabt, dessen Richtigkeit er sofort, aber sofort nachprüfen wollte. Er wuÃte durch plötzliche Erleuchtung, Rosa Fröhlich sei die BarfuÃtänzerin, von der man jetzt so viel Aufhebens machte. Sie sollte herkommen und in dem Saal der Gesellschaft für Gemeinsinn ihre Künste sehen lassen. Unrat entsann sich ganz deutlich, wie Oberlehrer Wittkopp, ein Mitglied dieser Gesellschaft, davon erzählt hatte. Er war im Lehrerzimmer an sein Wandschränkchen getreten, hatte es aufgeschlossen, einen Packen Exerzitienhefte hineingelegt und dazu gesagt:
»Nun bekommen wir hier also auch die berühmte Rosa Fröhlich, die auf bloÃen FüÃen griechisch tanzt.«
Unrat sah Wittkopp vor sich, wie er sich wichtig machte, eitel um seinen Klemmer herumschielte und die Lippen spitzte, um auszusprechen: »Rosa Fröhlich.« Ganz ohne Zweifel, er hatte gesagt: Rosa Fröhlich. Unrat hörte ja jeden der vier Laute, in Wittkopps gekünstelter Sprechweise und mit dem gesäuselten R. Das hätte ihm früher einfallen sollen! Zweifellos war die BarfuÃtänzerin Fröhlich inzwischen eingetroffen, und der Schüler Lohmann war mit ihr in Verbindung getreten. Unrat war nun auf dem Wege, beide zu »fassen«.
Er erreichte die SiebenbergstraÃe, er hatte sie halb durcheilt, da ging donnernd ein Rolladen nieder vor einem Schaufenster, und Unrat blieb, einige Schritte davor, vernichtet stehn. Denn der Rolladen gehörte dem Musikalienhändler Kellner, der bei solchen Gelegenheiten die Karten verkaufte und alles Nähere wuÃte. Es schien, als sollte Unrat die Zwei, denen er nachsetzte, heute nicht mehr einholen.
Trotzdem konnte er sich nicht denken, daà er jetzt nach Haus gelangen und sein Nachtessen herunterbringen werde. Er war in Jagdleidenschaft geraten. Er gab sich noch ein paar Minuten, machte einen letzten Umweg. Am Rosmarinweg hielt er, ganz erschüttert, vor einem schiefgetretenen Holztreppchen den Schritt an. Es klomm steil bis vor eine schmale Ladentür mit der Inschrift: »Johannes Rindfleisch, Schuhmachermeister«. Eine Warenauslage war nicht da; hinter den Spiegelscheiben der zwei kleinen Fenster standen Blumentöpfe. Und Unrat bedauerte, von seinem guten Geschick nicht schon längst hierher geführt zu sein, zu der Behausung eines rechtschaffenen und harmlosen Mannes, eines Herrnhuters, der kein Scheltwort in den Mund nahm, niemals kränkend die Miene verzog, und der über die Künstlerin Fröhlich anstandslos Auskunft erteilen würde!
Er öffnete die Tür. Eine Glocke schlug an, und der Ton schwang freundlich nach. Die Werkstatt lag sauber aufgeräumt im Halbdunkel. EingefaÃt in den Rahmen der Tür zum Nebenzimmer, zeigte sich das mild beleuchtete Bild der Schustersfamilie beim Abendbrot. Der Geselle kaute an der Seite der Haustochter. Den kleinen Kindern gab die Mutter Kartoffeln zur Mettwurst. Der Vater setzte die bauchige Flasche mit Braunbier neben die Lampe, erhob sich und sah nach dem Kunden.
»Nabend, Herr Professer.« Er schluckte erst umständlich seinen Bissen hinunter. »Und womit kann ich dienen?«
»Ja,« versetzte Unrat, rieb sich unsicher lächelnd die Hände und schluckte auch, mit leerer Kehle.
»Entschuldigen Sie man,« setzte der Schuhmacher hinzu, »daà hier schon allens duster is. Hier machen wir um Klock sieben Feierabend. Der Rest des Abendes gehört dem Herrn. Wer da noch arbeiten tut, da is doch kein Segen auf.«
»Das mag ja denn einerseits -- ganz richtig sein,« stotterte Unrat.
Der Schuhmacher war einen Kopf höher. Er hatte knochige Schultern und unter seinem Schurzfell einen unvermittelten Spitzbauch. Ergrauende Löckchen, ein wenig ölig, machten den Bogen um sein langes, bleifarbenes Gesicht, dessen Wangen in einen keilförmigen Bart hineinhingen, und das langsam lächelte. Rindfleisch schob immerfort über dem Magen die Finger ineinander, löste sie und steckte sie wieder zusammen.
»Aber das ist es andererseits freilich nicht, weshalb ich komme,« erklärte Unrat.
»Herr Professer, Nabend Herr Professer,« sagte die Frau von der Schwelle her und knixte. »Was stehst du da in 'n Schummern mit Herrn Professer, Johannes, laà ihm doch rein. Herr Professer, wenn Sie es man nich übel nehmen, daà wir uns' Mettwuà essen.«
»Das liegt mir ganz und gar fern, gute Frau.«
Unrat entschloà sich zu einem Opfer.
»Meister Rindfleisch, ich unterbreche ungern Ihr Mahl, aber ich ging grade vorbei und da kam mir der Gedanke, daà Sie mir -- aufgemerkt nun also! -- ein Paar Stiefel anmessen sollen.«
»Zu dienen, Herr Professer,« und die Frau knixte, »zu dienen.«
Rindfleisch bedachte sich; dann verlangte er die Lampe.
»Denn sitten wi jä all' in'n Dustern bi'n Eeten,« bemerkte die Frau heiter. »Nöh, Herr Professer, kommen Sie man rein, ich mach Licht für Ihnen in der blauen Stube.«
Sie ging voran in einen Raum, wo es kalt war, und zündete Unrat zu Ehren die beiden unversehrten rosa Kerzen an, die sich über ihren krausen Manschetten und flankiert von zwei groÃen Muscheln, im Trumeau spiegelten. An den kraÃblauen Wänden verweilten in sonntäglicher Haltung GroÃvatermöbel aus Mahagoni. Auf der gehäkelten Decke des Sophatisches breitete ein segnender Christus seine Biskuitarme aus.
Unrat wartete, bis Frau Rindfleisch hinaus war. Als er den Schuhmacher hinter geschlossener Tür und recht in seiner Gewalt hatte, setzte er ein.
»Vorwärts denn also, Meister, jetzt heiÃt es zeigen, daà Sie, der Sie einige kleinere Arbeiten zur Zufriedenheit des Leh-- zu meiner Zufriedenheit bewerkstelligten, auch ein recht braves Paar Stiefel schaffen können.«
»O ja, Herr Professer, o o oh ja,« erwiderte Rindfleisch demütig und beflissen wie ein Primus.
»Mag ich immerhin schon im Besitz zweier Paare sein, so kann bei der jetzt vorwaltenden Nässe doch niemand sich genug tun an guter, warmer FuÃbekleidung.«
Rindfleisch kniete und maÃ. Er hatte den Bleistift zwischen den Zähnen und grunzte nur.
»Andererseits ist dies die Jahreszeit, die gewöhnlich etwas Neues in die Stadt bringt, ein wenig -- sicherlich doch -- geistige Erholung. Die ist es denn wohl auch, die dem Menschen nottut.«
Rindfleisch sah auf.
»Sagen Sie das man noch mal, Herr Professer. Ja ja jah, die tuhet dem Menschen not. Und das weià unsere Brüdergemeihende auch.«
»So so,« machte Unrat. »Aber ich denke an den Besuch ausgezeichneter, unter den Menschen hervorragender Persönlichkeiten.«
»Da denk' ich auch an, Herr Professer, und da denkt auch die Gemeihende an und versammelet uns Brüder am morgigen Abende zum Gebet mit einem berühmten Missionar. Ja o jah.«
Unrat fand es schwierig, zur Künstlerin Fröhlich zu gelangen. Er suchte eine Weile, und als er keinen Umweg mehr fand, ging er gradaus.
»Auch in der Gesellschaft für Gemeinsinn zeigt sich uns nächstens -- immer mal wieder -- eine Berühmtheit. Eine Künstlerin -- Sie werden ja, so gut wie jedermann, von ihr gehört haben, Meister.«
Rindfleisch schwieg, und Unrat wartete mit Leidenschaft. Er war überzeugt, was er brauchte, steckte in dem Menschen zu seinen FüÃen, und es liege nur an ihm, es herauszuziehen. Die Künstlerin Fröhlich hatte in der Zeitung gestanden, war im Lehrerzimmer besprochen worden, hing im Fenster bei Kellner. Die ganze Stadt wuÃte Bescheid über sie, auÃer Unrat. Jeder andere hatte mehr Weltläufigkeit und Personenkenntnis als Unrat: er lebte, ohne daà er's selber wuÃte, tief in dieser Vorstellung; und er wandte sich mit vollem Vertrauen an einen Herrnhutischen Schuster um Auskunft über eine Tänzerin.
»Sie tanzt, Meister. In der Gesellschaft für Gemeinsinn tanzt sie. Ei, da werden nun die Leute hinlaufen.«
Rindfleisch nickte.
»Die Leute machen es sich woll nich klar, Herr Professer, wo sie hinlaufen,« sagte er gedämpft und bedeutungsvoll.
»Sie tanzt ja barfuÃ, das ist doch eine seltsame Fertigkeit, Meister.«
Unrat wuÃte nicht, wie er den Mann noch anfeuern solle.
»Denken Sie nur: barfuÃ!«
»BarfuÃ,« wiederholte der Schuster. »O o oh! Also tanzeten auch die Weiber der Amalekiter, die vor dem Götzen tanzeten.«
Und er stieà ein leeres Gelächter aus, nur aus Demut, weil er, der ungelehrte Mann, sich mit Worten der Schrift zu schmücken wagte.
Unrat rückte gepeinigt hin und her, wie bei der Ãbersetzung eines Schülers, der stockte und gleich festzusitzen drohte. Er hieb mit den Knöcheln auf die Stuhllehne und sprang auf.
»So lassen Sie's nun gut sein mit dem MaÃnehmen, Meister, und sagen Sie mir -- vorwärts denn also! -- ob die BarfuÃtänzerin Fröhlich schon eingetroffen ist! Das sollten Sie wohl wissen!«
»Ich, Herr Professer?« Und Rindfleisch stand bestürzt, »ich -- eine Tänzerin?«
»Dadurch werden Sie auch nicht schlechter,« behauptete Unrat ungeduldig.
»O o oh, ferne von mir sei der geistige Hochmut und die Selbstgerechtigkeit. Und Liebe im Herrn, Herr Professer, will ich denn auch haben für meine barfüÃige Schwester, o jah, und will bitten, daà der Herr an ihr tuhe, was er an der Sünderin Magdalena getan hat.«
»Sünderin?« fragte Unrat überlegen. »Warum halten Sie denn die Künstlerin Fröhlich für eine Sünderin?«
Der Schuhmacher blickte keusch auf den geölten FuÃboden.
»Ei ja,« versetzte Unrat, immer unzufriedener mit dem Meister, »wenn Ihre Frau oder Ihre Tochter einen Lebenswandel beginnen wollten wie eine Künstlerin, das stände ihnen -- freilich denn wohl -- nicht an. Hingegen gibt es Lebenskreise und Sittengesetze: -- doch mag's denn genug sein.«
Und er machte eine Handbewegung, die sagte, daà hier ein Gegenstand in Tertia berührt ward, der höchstens nach Prima gehörte.
»Auch mein Weib ist eine Sünderin,« sagte der Schuster leise, schob die Finger über dem Magen durcheinander und sah auf, mit einem Bekennerblick.
»Und ich selbsten muà sprechen: Herr Herre. Denn Fleischessünder sind wir allzumal.«
Nun erstaunte Unrat.
»Sie und Ihre Frau? Sie sind doch rechtmäÃig verheiratet?«
»O o oh jah, das sind wir woll. Aber Fleischessünde, Herr Professer, bleibt es immerdar, und Gott erlaubt es auch nuhr --«
Der Herrnhuter richtete sich auf zu etwas Wichtigem. Seine Augen wurden rund und ganz bleich von Geheimnis.
»Nun?« fragte Unrat nachsichtig.
Und jener, flüsternd:
»Das wissen die andern Menschen man nich, daà Gott es nuhr darum erlaubt, auf daà er in seinen Himmel oben mehr Engel kriegt.«
»So so,« machte Unrat, »das ist ja denn freilich recht hübsch.«
Und er lugte mit einem hinterhältigen Lächeln zu dem verklärten Gesicht des Schuhmachers hinauf.
Aber er unterdrückte bald seinen Spott und wandte sich zum Gehen. Er fing an zu glauben, Rindfleisch wisse wirklich nichts über die Künstlerin Fröhlich. Der Schuhmacher besann sich auf diese Welt und fragte, wie hoch denn die Schäfte sein sollten. Unrat antwortete nachlässig, behandelte auch den Abschied von der Familie Rindfleisch nur mit flüchtiger Leutseligkeit. Dann trat er rasch den Heimweg an.
Er verachtete Rindfleisch. Er verachtete die blaue Stube, die Enge dieser Geister, die demütigen Seelen, die pietistischen Ãberspanntheiten und die sittliche Verstocktheit. Auch bei Unrat zu Hause sah es eher dürftig aus; dafür aber hatte er in seinem Kopf die Möglichkeit, sich mit mehreren alten Geistesfürsten, wenn sie zurückgekehrt wären, in ihrer Sprache über die Grammatik in ihren Werken zu unterhalten. Er war arm, unerkannt; man wuÃte nicht, welche wichtige Arbeit er seit zwanzig Jahren förderte. Er ging unansehnlich, sogar verlacht unter diesem Volk umher; -- aber er gehörte, seinem BewuÃtsein nach, zu den Herrschenden. Kein Bankier und kein Monarch war an der Macht stärker beteiligt, an der Erhaltung des Bestehenden mehr interessiert als Unrat. Er ereiferte sich für alle Autoritäten, wütete in der Heimlichkeit seines Studierzimmers gegen die Arbeiter -- die, wenn sie ihre Ziele erreicht hätten, wahrscheinlich bewirkt haben würden, daà auch Unrat etwas reichlicher entlohnt wäre. Junge Hilfslehrer, noch schüchterner als er, bei denen er sich mit der Sprache herauswagte, warnte er düster vor der unseligen Sucht des modernen Geistes, an den Grundlagen zu rütteln. Er wollte sie stark: eine einfluÃreiche Kirche, einen handfesten Säbel, strikten Gehorsam und starre Sitten. Dabei war er durchaus ungläubig und vor sich selbst des weitesten Freisinns fähig. Aber als Tyrann wuÃte er, wie man sich Sklaven erhält; wie der Pöbel, der Feind, die fünfzigtausend aufsässigen Schüler, die ihn bedrängten, zu bändigen waren. Lohmann schien in Beziehungen zu stehn zur Künstlerin Fröhlich; Unrat errötete darüber, weil er nicht anders konnte. Aber zum Verbrecher ward der Schüler Lohmann erst dadurch, daà er sich bei verbotenen Freuden der harten Zucht des Lehrers entzog. Nicht sittliche Einfalt zwang Unrat zum Zorn ...
* * * * *
Er gelangte in seine Wohnung und schlich auf den Zehen an der Küche vorbei, wo die Wirtschafterin, über seine Verspätung ungehalten, mit den Töpfen rasselte. Dann bekam er zu essen, Mettwurst und Kartoffeln. Sie waren zerkocht und dennoch kalt. Unrat hütete sich, ein Wort dagegen zu sagen; dieses Mädchen hätte sofort die Hände auf die Hüften gestemmt. Unrat wollte sie davor bewahren, sich gegen ihren Herrn aufzulehnen.
Nach der Mahlzeit stellte er sich vor sein Schreibpult. Es war, Unrats kurzsichtigen Augen zuliebe, übermäÃig hoch; und die dreiÃigjährige Anstrengung, den rechten Arm daraufzulegen, hatte ihm die Schulter weit aus der graden Linie gehoben. »Das Wahre ist nur die Freundschaft und die Literatur,« sagte er dabei wie gewöhnlich. Dies Wort hatte er irgendwo aufgefangen und sich angewöhnt, und sah sich nun genötigt, es vor sich hin zu denken, so oft er an die Arbeit ging. Was er unter Freundschaft zu verstehn habe, erfuhr er nie. Das Wort ging nur zufällig mit. Aber die Literatur! Das war ja sein wichtiges Werk, wovon die Menschen nichts wuÃten, das hier in der Stille seit langer Zeit gedieh und das vielleicht einmal, Staunen erregend, aus Unrats Gruft hervorblühen sollte. Es handelte von den Partikeln bei Homer!... Aber Lohmanns Aufsatzheft lag daneben und lieà ihn nicht in Stimmung kommen. Er muÃte danach greifen und an die Künstlerin Fröhlich denken. Es gab etwas, das ihn sehr beunruhigte: er war nicht mehr sicher, daà die berühmte BarfuÃtänzerin sich Rosa Fröhlich nenne. Diese Fröhlich konnte ganz etwas anderes sein. Ja, sie =war= ganz etwas anderes: es ward Unrat durch Grübeln zur GewiÃheit. Er hatte sie immer noch ausfindig zu machen, um sie dem Schüler Lohmann »beweisen« zu können. Er sah sich, im Kampfe mit diesem Elenden, wieder weit zurückgeworfen und keuchte vor einsamer Erregung.
Plötzlich stürzte er sich in seinen Mantel und stürmte hinaus. Vor dem Haustor lag schon die Kette; Unrat zerrte daran, wie ein Ausbrecher. Die Wirtschafterin schalt, er hörte sie herbeistampfen. In der Angst der äuÃersten Minute tat er einen richtigen Griff, die Tür ging auf, er war im Vorgärtchen und auf der StraÃe. Bis zum Stadttor wechselte er zwischen Trab und Eilschritt; dann mäÃigte er sich, aber sein Herz klopfte. Er fühlte sich seltsam, wie auf verbotenen Wegen. Er ging den verödeten StraÃenzug, über Berg und Tal, immer gradaus. Er lugte in die GäÃchen und »Gruben«, verweilte vor den Gasthäusern und sah mit gespanntem MiÃtrauen zu Fenstern hinauf, zwischen deren geschlossenen Vorhängen ein Lichtstrahl zu liegen schien. Er wanderte auf der dunkeln Seite; drüben verbreitete sich heller Mond. Es war sternenklar, es wehte nicht mehr, und Unrats Schritte hallten. Beim Rathaus lenkte er auf den Markt und machte die Runde unter den Lauben. Bogen, Türme, Brunnen stachen ihre von Arabesken umrankten Schattenrisse in die gotische Mondnacht. Eine rätselhafte Aufregung geschah in Unrat; er sagte zu verschiedenen Malen:
»Da würde denn wohl ... traun ...« und »Vorwärts denn also!«
Dabei prüfte er eifrig jedes einzelne Fenster der Post und des Polizeiamtes. Da er es unwahrscheinlich fand, daà sich die Künstlerin Fröhlich in diesen Gebäuden versteckt halte, kehrte er auf die vorhin verlassene StraÃe zurück. Wenige Schritte weiter glänzte die breite Scheibe eines Lokals, in dem sich viele von Unrats Kollegen allabendlich um das Bier scharten. Auf der Gardine erschien schwarz abgezeichnet der spitzbärtige, mit dem Munde klappende Kopf eines Oberlehrers, eines ganz schlimmen, der Unrat den Respekt versagte, weil er zur Lockerung der Disziplin in der Schule Anlaà gebe, und der sich über Unrats Sohn sittlich entrüstet hatte. Unrat sah sich diesen Doktor Hübbenett nachdenklich an: wie er redete aus seinem Bart heraus, was er für einen Biereifer hatte, welch gewöhnlicher Michel er war! Unrat hatte mit den Leuten da drinnen nichts zu tun, gar nichts; es ward ihm jetzt klar, zu seiner Genugtuung. Da hockten nun =Die= beisammen und waren in der Ordnung: er aber dünkte sich fragwürdig, gewissermaÃen, und ausgestoÃen, sozusagen. Und der Gedanke an Die dort war ihm kein böser Stachel mehr. Er nickte dem Schatten des Oberlehrers zu, langsam und mit Geringschätzung -- und ging weiter.
Die Stadt war gleich wieder zu Ende. Er kehrte um, wandte sich in die KaiserstraÃe. Bei Konsul Breetpoot muÃte Ball sein; das groÃe Haus war ganz erleuchtet, fortwährend fuhren Wagen auf. Der Diener und mehrere Aufwärter sprangen vor, öffneten die Schläge, halfen beim Aussteigen. Seidene Röcke raschelten über die Schwelle. Eine Dame hielt an, sie streckte gütig lächelnd die Hand einem jungen Mann entgegen, der zu Fuà herbeikam. Unrat erkannte in dem hübschen Menschen mit dem Zylinder den jungen Oberlehrer Richter. Er hatte sagen gehört, Richter sei auf eine reiche Heirat aus, in einer eleganten Familie, zu der sonst Oberlehrer nicht den Blick erhoben. Und Unrat, drüben im Dunkeln, feixte vor sich hin.
»Ei, recht strebsam -- wahrlich doch,« sagte er.
Er machte sich in seinem bespritzten Kragenmantel lustig über den wohlaufgenommenen, aussichtsreichen Menschen, wie ein höhnischer Strolch, der unerkannt und drohend aus dem Schatten heraus der schönen Welt zusieht und das Ende von alledem in seinem Geist hat, wie eine Bombe. Er fühlte sich Richter weit überlegen, ihm war ganz munter; er schäkerte still und sagte, ohne sich selbst zu verstehn:
»Ihnen kann ich auf Ihrem Wege noch recht hinderlich werden. Ich werde Sie -- immer mal wieder -- hineinlegen, merken Sie sich das!«
Und im Weitergehn unterhielt er sich ausgezeichnet. Wenn er wieder auf ein Türschild mit dem Namen eines Kollegen oder eines alten Schülers stieÃ, dachte er: »Sie fass' ich auch noch mal,« und rieb sich die Hände. Zugleich lächelte er in verstohlenem Einverständnis den achtbaren Giebelhäusern zu, weil er versichert war, in einem von ihnen stecke die Künstlerin Fröhlich. Sie hatte ihn merkwürdig angeregt, aufgekratzt, aus dem Häuschen gebracht. Zwischen ihr und Unrat, der auf nächtlicher Streife hinter ihr herschlich, war eine Art Verbindung hergestellt. Der Schüler Lohmann war das zweite Stück Wild: sozusagen Indianer von einem andern Stamm. Wenn Unrat mit seiner Klasse auf das Schulfest zog, muÃte er manchmal Räuber und Soldaten mitspielen. Er stand auf einem Hügel, reckte die Faust gen Himmel und kommandierte: »Fest drauf, jetzt nunmehr!« und regte sich richtig auf bei dem folgenden Scharmützel. Denn das war Ernst. Schule und Spiel waren das Leben ... Und heute nacht spielte Unrat Indianer auf dem Kriegspfad.