Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen
Part 2
Die junge Johanna führt sich, geschickter als ihre Jahre und ihre bäurische Vergangenheit es vermuten lieÃen, durch ein Taschenspielerkunststück bei Hofe ein. Sie gibt dem Dauphin einen Inhaltsauszug aus den drei Bitten, die er in der letzten Nacht an den Himmel gerichtet hat, und macht durch ihre Fertigkeit im Gedankenlesen natürlich starken Eindruck auf die unwissenden groÃen Herren. Ich sagte: aus den drei Bitten; aber tatsächlich wiederholt sie nur zwei: die dritte erläÃt ihr der überzeugte Dauphin. Zu ihrem Glück: denn sie würde die dritte schwerlich noch gewuÃt haben. Sie hat ihm bei den beiden ersten ja schon alles gesagt, worum er seinen Gott gebeten haben =kann=, nämlich: wenn eine noch ungebüÃte Schuld seiner Väter vorhanden sei, ihn selbst als Opfer anzunehmen statt seines Volkes; und wenn er schon Land und Krone verlieren solle, ihm wenigstens Zufriedenheit, seinen Freund und seine Geliebte zu lassen. Auf das Wichtigste, auf die Herrschaft, hat er somit schon verzichtet. Was soll er also noch erbeten haben? Suchen wir nicht lange: er weià es selbst nicht. Johanna weià es auch nicht. Schiller weià es auch nicht. Der Dichter hat von dem, was er wuÃte, nichts zurückbehalten und dennoch »und so weiter« gesagt. Das ist das ganze Geheimnis, und für den mit der wenig bedenklichen Natur des Künstlers einigermaÃen Vertrauten gibt es dabei nichts zu verwundern.«
Punktum. Das war alles -- und Unrat, den ein Zittern beschlich, kam jäh zu der Erkenntnis: =diesen= Schüler zu beseitigen, vor =diesem= Ansteckungsstoff die menschliche Gesellschaft zu behüten, das dränge weit mehr als die Entfernung des einfältigen von Ertzum. Zugleich warf er einen Blick auf das folgende Blatt, wo noch einiges gekritzelt stand, und das übrigens halb herausgerissen im Heft hing. Aber plötzlich, in dem Augenblick als er verstand, überflog etwas wie eine rosa Wolke die gewinkelten Wangen des Lehrers. Er schloà das Heft, rasch und verstohlen, als wolle er nichts gesehen haben; öffnete es nochmals, warf es gleich wieder unter die beiden andern, atmete im Kampf. Er empfand zwingend: da wurde es Zeit, der muÃte »gefaÃt« werden! Ein Mensch, mit dem es dahin gekommen war, daà er diese -- gewià denn freilich -- Künstlerin Rosa -- Rosa -- Er griff zum drittenmal nach Lohmanns Heft. Da klingelte es schon.
»Abliefern!« stieà Unrat aus, in der heftigen Besorgnis, ein Schüler, der bisher nicht fertig geworden war, könne vielleicht im letzten Augenblick noch zu einer befriedigenden Note gelangen. Der Primus sammelte die Aufsätze ein; einige belagerten die Tür nach der Garderobe.
»Weg dort! Warten!« rief Unrat, in neuer Angst. Am liebsten hätte er abgeschlossen, die drei Elenden unter Verschluà behalten, solange, bis er ihren Untergang gesichert haben würde. Das ging nicht so rasch, hier muÃte logisch nachgedacht werden. Der Fall Lohmann blendete ihn vorläufig noch durch ein Ãbermaà von Verworfenheit.
Mehrere von den Kleinsten pflanzten sich in beleidigtem Rechtsgefühl vor das Katheder hin.
»Unsere Sachen, Herr Professor!«
Unrat muÃte das »Kabuff« freigeben. Aus dem Gedränge wickelten sich nacheinander die drei Verbannten, schon in ihren Mänteln. Lohmann stellte gleich von der Schwelle her fest, daà sein Heft in den Händen Unrats sei, und bedauerte gelangweilt den Ãbereifer des alten Tölpels. Jetzt muÃte sich möglichenfalls sein Erzeuger in Bewegung setzen und mit dem Direktor reden!
Von Ertzum zog nur die rotblonden Brauen ein Stück höher in seinem Gesicht, das sein Freund Lohmann den »besoffenen Mond« nannte. Kieselack seinerseits hatte sich im »Kabuff« auf eine Verteidigung vorbereitet.
»Herr Professor, es ist nicht wahr, ich hab' nicht gesagt, daà es nach Unrat riecht. Ich hab' nur gesagt, =er= sagt immer --«
»Schweigen Sie!« herrschte Unrat, bebend, ihn an. Er schob den Hals vor und zurück, hatte sich gefaÃt und setzte gedämpft hinzu:
»Ihr Schicksal hängt jetzt nunmehr immerhin ganz dicht über Ihren Köpfen. Gehen Sie!«
Darauf gingen die Drei zum Essen, jeder mit seinem Schicksal über sich.
II
Auch Unrat aÃ, und dann legte er sich auf das Sofa. Aber wie es alle Tage ging, warf im rechten Moment, als er einnicken wollte, nebenan seine Haushälterin ein Geschirr hin. Unrat fuhr auf und griff sofort wieder nach Lohmanns Aufsatzheft, während er sich rosa färbte, als läse er das die Scham Verletzende, das darin stand, zum erstenmal. Dabei lieà es sich schon gar nicht mehr schlieÃen, so sehr auseinandergebogen war es an der Stelle, wo die »Huldigung an die hehre Künstlerin Fräulein Rosa Fröhlich« sich befand. Der Ãberschrift folgten einige unleserlich gemachte Zeilen, dann ein freier Raum und dann:
»Du bist verderbt bis in die Knochen, Doch bist du 'ne groÃe Künstlerin; Und kommst du erst mal in die Wochen --«
Den Reim hatte der Sekundaner noch zu finden. Aber der Konditionale im dritten Vers sagte viel. Er lieà vermuten, Lohmann sei an ihm persönlich beteiligt. Dies ausdrücklich zu bestätigen, war vielleicht die Aufgabe des vierten Verses gewesen. Unrat machte zur Erratung dieses fehlenden vierten Verses grade solche verzweifelten Anstrengungen, wie seine Klasse gemacht hatte zur Auffindung der dritten Bitte des Dauphins. Der Schüler Lohmann schien sich, durch diesen vierten Vers, über Unrat lustig zu machen, und Unrat rang mit dem Schüler Lohmann, in wachsender Leidenschaft, voll des dringenden Bedürfnisses, ihm zu zeigen, er selbst sei zuletzt doch der Stärkere. Er wollte ihn schon hineinlegen!
Die noch unförmlichen Entwürfe künftiger Handlungen bewegten sich in Unrat. Sie lieÃen ihn nicht mehr stillhalten, er muÃte seinen alten Radmantel umhängen und ausgehn. Es regnete dünn und kalt. Er schlich, die Hände auf dem Rücken, die Stirn gesenkt, und ein giftiges Lächeln in den Mundfalten, um die Lachen der VorstadtstraÃe herum. Ein Kohlenwagen und ein paar kleine Kinder, sonst begegnete ihm nichts. Beim Krämer an der Ecke hing hinter der Tür eine Ankündigung des Stadttheaters: Wilhelm Tell. Unrat, von einer Idee getroffen, schoà mit eingeknickten Knien darauf zu ... Nein, eine Rosa Fröhlich kam auf dem Zettel nicht vor. Trotzdem konnte jene Frauensperson in diesem Kunstinstitut beschäftigt sein. Herr Dröge, der Krämer, der das Programm an sein Fenster hing, war vermutlich in den einschlägigen Dingen bewandert. Unrat hatte schon die Hand auf dem Türgriff; aber er holte sie erschrocken zurück und machte sich davon. Nach einer Schauspielerin fragen, in seiner eigenen StraÃe! Er durfte die Klatschsucht solcher tiefstehenden, in den humanistischen Wissenschaften unerfahrenen Bürger nicht auÃer Acht lassen. Bei der Entlarvung des Schülers Lohmann muÃte Unrat geheim und geschickt zu Werke gehn ... Er bog in die Allee nach der Stadt.
Gelang es ihm, dann zog Lohmann im Sturz auch von Ertzum und Kieselack nach sich. Vorher wollte Unrat dem Direktor keine Anzeige erstatten darüber, daà man ihn bei seinem Namen genannt hatte. Es würde sich von selbst zeigen, daà Solche, die das taten, auch jeder andern Unsittlichkeit fähig waren. Unrat wuÃte es; er hatte es an seinem eigenen Sohn erfahren. Diesen hatte Unrat von einer Witwe, die ihn einst als Jüngling mit den Mitteln zu fernerem Studium versehen hatte, die er dafür vertragsmäÃig, sobald er im Amt war, geheiratet hatte, die knochig und streng gewesen war, und nun tot war. Sein Sohn sah nicht schöner aus als er selbst, und war überdies noch einäugig. Trotzdem hatte er sich als Student bei Besuchen in der Stadt, auf offenem Markt mit zweideutigen Frauenzimmern blicken lassen. Und wenn er einerseits in schlechter Gesellschaft viel Geld vertat, so war er andererseits nicht weniger als viermal durch das Examen gefallen, so daà er zwar immer noch ein brauchbarer Beamter hatte werden können: doch nur auf Grund seines Abiturientenzeugnisses. Ein peinlicher Abstand schied ihn von dem höheren Menschen, der das Staatsexamen bestanden hatte. Unrat, der sich entschlossen von dem Sohn getrennt hatte, begriff alles Geschehene; ja, er hatte es fast vorausgesehen, seit er einst den Sohn belauscht hatte, wie er im Gespräch mit Kameraden den eigenen Vater bei seinem Namen genannt hatte!
Ein ähnliches Geschick durfte er also für Kieselack, von Ertzum und Lohmann erhoffen, besonders aber für Lohmann, bei dem es ja, dank der Künstlerin Rosa Fröhlich, im Anzuge schien. Mit der Rache an Lohmann eilte es Unrat. Die beiden andern verschwanden fast neben diesem Menschen und seinen unbeteiligten Manieren und dem neugierigen Bedauern, womit er zusah, wenn der Lehrer zornig war. Was war denn überhaupt das für ein Schüler?.. Unrat sann mit grabendem Haà über Lohmann nach. Unter dem spitzbedachten Stadttor blieb er plötzlich stehn und sagte laut:
»Das sind die Allerschlimmsten!«
Ein Schüler war ein mausgraues, unterworfenes und heimtückisches Wesen, ohne anderes Leben als das der Klasse und immer im unterirdischen Krieg gegen den Tyrannen: so war Kieselack; oder ein dummer, starker Kerl, den der Tyrann durch seine geistige Vorherrschaft in fortwährender Verstörtheit erhielt -- wie von Ertzum. Lohmann aber, der schien ja den Tyrannen =anzuzweifeln=! Unrat kochte allmählich von der Demütigung der schlecht bezahlten Autorität, vor der ein Untergebener sich in guten Kleidern spreizt und mit Geld klimpert. Das waren überhaupt, ward ihm auf einmal klar, alles Unverschämtheiten und nichts weiter! Daà Lohmann niemals staubig aussah, immer saubere Manschetten trug und solche Gesichter machte: Unverschämtheiten. Der Aufsatz von heute, die Kenntnisse, die dieser Schüler sich auÃerhalb der Schule holte und von denen die verwerflichste die Künstlerin Rosa Fröhlich war: Unverschämtheiten. Und als Unverschämtheit stellte sich nun mit Sicherheit heraus, daà Lohmann Unrat =nicht= bei seinem Namen nannte!
Darauf erstieg Unrat den Rest der steilen StraÃe zwischen den Giebelhäusern, gelangte an eine Kirche, wo Sturm herrschte, und den Mantel um sich her zusammengerafft, wieder ein Stück hinab. Nun kam ein Seitenweg, und vor einem der ersten Gebäude zögerte Unrat. Rechts und links neben der Tür hingen zwei hölzerne Kästen, hinter deren Drahtgittern das Programm stak mit Wilhelm Tell. Unrat las es erst in dem einen Kasten, dann in dem andern. SchlieÃlich betrat er, ängstlich umherspähend, den Torweg und den offenen Flur. Hinter einem kleinen Fenster schien bei einer Lampe ein Mann zu sitzen; Unrat konnte in seiner Aufregung schlecht erkennen. An diesem Ort war er seit gewià zwanzig Jahren nicht mehr gewesen; und er litt unter der Besorgnis des Herrschers, der sein Gebiet verlassen hat: man möchte ihn verkennen, ihm aus Unwissenheit zu nahe treten, ihn nötigen, sich als Mensch zu fühlen.
Er stand schon eine Weile vor dem Fensterchen und räusperte sich leise. Als nichts erfolgte, pochte er an, mit der Spitze seines gekrümmten Zeigefingers. Der Kopf dahinter schrak in die Höhe und streckte sich sogleich aus dem zurückgeschobenen Schalter.
»Sie wünschen?« fragte er heiser.
Unrat bewegte zuerst nur die Lippen. Sie sahen einander an, er und der abgedankte Schauspieler mit den tiefen, blauschwarzen Zügen, der flachen Nasenspitze und dem Klemmer darauf. Unrat brachte hervor:
»So? Sie geben denn also den Wilhelm Tell. Das ist recht von Ihnen.«
Der Kassierer sagte:
»Wenn Sie meinen, wir tun's zu unserm Privatvergnügen.«
»Das habe ich Ihnen nicht unterstellen wollen«, versicherte Unrat, voll Angst vor Verwickelungen.
»Man verkauft ja nischt. BloÃ, daà die klassischen Vorstellungen in dem Pachtvertrag drinstehn, den wir mit der Stadt haben.«
Unrat fand es geboten, sich bekannt zu geben.
»Ich bin nämlich der Professor Un-- der Professor Raat, Ordinarius der Untersekunda am hiesigen Gymnasium.«
»Sehr angenehm. Mein Name ist Blumenberg.«
»Und ich würde recht gern mit meiner Klasse die Aufführung eines klassischen Dichterwerkes besuchen.«
»Ach, das ist aber ganz reizend von Ihnen, Herr Professor. Mit der Nachricht werd' ich bei unserm Direktor den gröÃten Erfolg haben, da zweifle ich keinen Augenblick.«
»Aber«, und Unrat erhob den Finger, »es müÃte -- wahrlich doch -- dasjenige von den Dramen unseres Schiller sein, das wir in der Klasse lesen, nämlich -- immer mal wieder -- die Jungfrau von Orleans.«
Der Schauspieler lieà die Lippen fallen, senkte den Kopf und sah von unten, mit Trauer und Vorwurf, zu Unrat auf.
»Das tut mir aber fabelhaft leid. Weil wir die erst wieder einstudieren müÃten, wissen Sie. Ist Ihnen wirklich mit 'm Tell nicht gedient? Der ist doch auch ganz hübsch für die Jugend.«
»Nein,« entschied Unrat, »das geht auf keinen Fall. Wir brauchen die Jungfrau. Und zwar käme es -- aufgemerkt nun also! --«
Unrat schöpfte Atem, sein Herz klopfte.
»-- ganz besonders auf die Darstellerin der Johanna an. Denn diese soll eine hehre Künstlerin sein, die den Schülern die erhabene Gestalt der Jungfrau -- immer mal wieder -- recht nahe bringt.«
»Allerdings, allerdings«, sagte der Schauspieler, mit tiefem Einverständnis.
»Da habe ich denn nun an eine Ihrer Damen gedacht, die ich, und hoffentlich nicht mit Unrecht, auf das höchste habe preisen hören.«
»Ach nee.«
»Nämlich an das Fräulein Rosa Fröhlich.«
»Wie, bitte?«
»Rosa Fröhlich«, und Unrat hielt die Luft an.
»Fröhlich? Haben wir ja gar nicht.«
»Wissen Sie das auch ganz genau?« fragte Unrat, kopflos.
»Erlauben Sie, ich bin ja nicht meschugge.«
Unrat wagte den Mann nicht mehr anzusehn.
»Dann kann ich mir das aber gar nicht --«
Jener kam ihm zu Hilfe:
»Da muà wohl sicher 'ne Verwechslung vorliegen.«
»Ach ja«, sagte Unrat, kindlich dankbar.
»Entschuldigen Sie nur.«
Und er dienerte, während er sich zurückzog.
Der Kassierer war verblüfft. SchlieÃlich rief er hinterher:
»Aber Herr Professohr, über den Fall läÃt sich ja trotzdem reden. Wieviel Billette würden Sie denn nehmen? Herr Pro --«
Unrat drehte sich unter der Tür noch einmal um, sein Lächeln war verzerrt vor Angst vor dem Verfolger.
»Entschuldigen Sie doch nur.«
Und er war geflüchtet.
* * * * *
Ohne es zu merken, kam er die StraÃe hinunter und an den Hafen. Um ihn her waren stampfende Tritte von Männern, die Säcke trugen, und breite Rufe von andern, die sie zu Giebelluken hinaufwanden. Es roch nach Fischen, Teer, Ãl, Spiritus. Die Masten und Schlote dahinten im Fluà verwickelten sich schon in Dämmerung. Inmitten der Betriebsamkeit, die vor Dunkelwerden noch aufflackerte, ging Unrat dahin mit seinem bohrenden Gedanken: Lohmann »fassen«, den Aufenthalt der Künstlerin Fröhlich nachweisen.
Er ward angestoÃen von Herren in englischen Anzügen, die mit Frachtbriefen umherliefen, und von Arbeitern, die ihm »Achtung!« zubrüllten. Die allgemeine Hast ergriff ihn; er drückte, ehe er's sich versah, den Griff einer Tür, über der »Heuerbas« und irgendeine schwedische oder dänische Inschrift stand. Im Laden lagen gerollte Taue, Schiffszwieback, kleine, scharf riechende Fässer. Ein Papagei schrie: »Duhn supen!« Mehrere Matrosen tranken, andere redeten, die Hände in den Hosen, auf einen riesigen, rotbärtigen Mann ein. Der machte sich, es dauerte eine Weile, aus den Tabakswolken des Hintergrundes los, stellte sich hinter den Ladentisch, so daà der blecherne Reflektor der Wandlaterne seinen Kahlkopf heftig beleuchtete, stemmte die Tatzen auf die Kante und sagte plump:
»Wollen Sie was von mich, Herr?«
»Geben Sie mir,« verlangte Unrat leichthin, »eine Eintrittskarte für das Sommertheater.«
»=Wat= sagen Sie?« fragte der Mann.
»Nun ja, für das Sommertheater. Da Sie denn nun einmal in Ihrem Schaufenster anzeigen, daà Sie Billette zum Sommertheater verkaufen.«
»Wat soll ich doorvon denken, Herr,« und der Mann behielt den Mund offen. »Das Sommertheater speelt doch nich in 'n Winter.«
Unrat versteifte sich auf sein Recht.
»Aber Sie haben es im Fenster, Mann.«
»Door kann 't jä ook bliewen!«
Das war herausgeplatzt; aber der Heuerbas nahm seine Achtung vor dem bebrillten Herrn gleich wieder zusammen. Er suchte nach Gründen, die den Fremden überzeugen konnten, das Sommertheater sei jetzt geschlossen. Um seiner behutsamen Gedankenarbeit körperlich nachzuhelfen, gab er mit seiner fürchterlichen, rotbehaarten Hand der Tischplatte von der Seite ganz vorsichtige Streiche. SchlieÃlich hatte er gefunden:
»Das weià jä woll de dümmste Schooljong,« sagte er gutmütig, »daà in 'n Winter kein Sommertheater is.«
»Erlauben Sie, Verehrter,« machte Unrat, überlegen abwehrend.
Der Mann rief zu Hilfe:
»Hinnerich! Laurenz!«
Die Matrosen kamen näher.
»Ick weit nich, wat mit em los is, hei will mit alle Macht in 'n Willemsgorten.«
Die Matrosen rollten Kautabak in den Mündern. Sie und der Heuerbas starrten angestrengt auf Unrat, als sei er ein sehr weit Hergekommener, etwas wie ein Chinese, den man nun verstehen sollte. Unrat empfand dies; es befiel ihn Hast, hier fertig zu werden.
»Dann könnten Sie mir wenigstens sagen, Mann, ob vorigen Sommer in dem bewuÃten Theater ein gewisses Fräulein Fröhlich mitgespielt hat -- Rosa Fröhlich.«
»Wo soll ich das woll herwissen, Herr?« Der Mann war vollkommen verblüfft. »Meinen Sie, Herr, ick gew mich mit die Zirkusminscher aff?«
»Oder doch,« sagte Unrat Hals über Kopf, »ob die erwähnte Dame im kommenden Jahr uns -- immer mal wieder -- durch ihre Leistungen erfreuen wird.«
Der Heuerbas sah erschreckt aus; er verstand kein Wort mehr. Einer der Matrosen hatte etwas gefunden:
»Hei makt sick 'n Jux, Pieter, hei will di uzen!«
Darauf legte er den Kopf in den Nacken und lachte, glucksend und dröhnend, aus schwarz geöffnetem Rachen. Die andern stieÃen sich an und machten es dann ebenso. Dem Heuerbas schien es zwar keineswegs, als ob dieser Fremde sich lustig machte; aber er sah den Respekt in Gefahr, den seine Kunden vor ihm haben muÃten: diese Leute, die er verdang, die er den Kapitänen aufs Schiff lud, zusammen mit Zwieback und Ginever. Er verfiel unvermittelt in eine künstliche Wut, färbte sich wild, schlug auf den Tisch und streckte einen gebieterischen Finger aus.
»Herr! Ich hab' mehr zu tun, ich bün Ihr Aap nich! Sehn Sie sich mal die Tür an, da achter Ihnen is sie!«
Und als Unrat noch einen Augenblick betäubt auf seinem Platz blieb, traf der Mann Anstalt, hinter seinem Tisch hervorzukommen. Unrat klinkte rasch die Tür auf. Der Papagei schrie ihm nach: »Duhn supen!« Die Matrosen brüllten vor Lachen. Unrat schloà die Tür.
Er bog scharf um die nächste Ecke und entkam aus der Hafengegend in stille StraÃen. Er zensierte das Vorgefallene.
»Dies war ein Fehler. Dies war -- freilich nun wohl -- ein Fehler.«
Die Künstlerin Fröhlich muÃte auf einem andern Wege ausfindig gemacht werden. Unrat sah sich die Begegnenden daraufhin an, ob sie etwas von ihr wüÃten. Es waren Lastträger, Dienstmädchen, der Laternenanzünder, eine Zeitungsfrau. Mit dem Volk war keine Verständigung möglich: er hatte die Erfahrung gemacht. Auch lud ihn sein jüngstes Erlebnis dazu ein, bei der Anknüpfung mit Unbekannten vorsichtig zu sein. Weiser war es, nach einem schon vertrauten Gesicht sich umzusehen. Aus der nächsten »Grube« tauchte eben eines auf, dem Unrat noch voriges Jahr mit wütender Betonung lateinische Verse zugeschrien hatte. Der Schüler, der »seins« nie »präpariert« hatte, schien jetzt Handlungslehrling zu sein. Er näherte sich mit einem Packen Briefe in der Hand und sah geckenhaft aus. Unrat ging auf ihn zu, machte schon den Mund auf, wartete nur noch auf den Gruà des jungen Menschen. Der aber erfolgte nicht. Der ehemalige Schüler sah dem Professor höhnisch in die Augen und ging dicht an Unrats zu hoher Schulter vorbei, wobei auf seinem blonden Gesicht das Grinsen erschrecklich breit ward.
Unrat verschwand rasch in die »Grube«, woher der andere gekommen war. Es war eine der nach dem Hafen sich senkenden StraÃen; und da sie abschüssiger ging als die andern, hatten sich hier zahllose Kinder zusammengefunden, um in kleinen Wagen mit vollen Rädern, lärmenden »Bullerwagen«, den Berg hinabzufahren. Die Mütter und Mägde standen auf dem Bürgersteig, erhoben die Arme und riefen zum Abendessen; aber die junge Welt stürzte unablässig, kniend in ihren Wagen oder die Beine in der Luft, mit wehenden Halstüchern, über die Ohren geklappten Mützen und zum Jubeln offnen Mündern, holpernd das Klinkerpflaster hinunter. Unrat muÃte, wie er die StraÃe überschritt, Sprünge machen, sonst geriet er in die Deichsel. Um ihn her spritzten Pfützen auf. Aus einem vorüberrasenden Wagen rief plötzlich eine durchdringende Stimme:
»Unrat!«
Unrat zuckte zusammen. Sofort wiederholten einige andere das Wort. Diese Bürger- und Volksschüler hatten seinen Namen wohl von den Gymnasiasten erfahren; und andere, die gar nicht wuÃten, was gemeint war, schrien mit. Durch den Sturm hindurch, der sich gegen ihn erhoben hatte, muÃte Unrat die steile StraÃe erklimmen. Keuchend erreichte er einen Kirchplatz.
Das war ihm wohl alles geläufig; die ehemaligen Schüler, die ihn nicht grüÃten, sondern angrinsten, die StraÃenjugend, die ihm seinen Namen nachrief. Nur hatte er heute in seinem Eifer nicht damit gerechnet: denn jetzt schuldeten die Leute ihm eine Antwort. Wenn sie früher ihre Vergilverse nie gekonnt hatten, muÃten sie nun wenigstens über die Künstlerin Fröhlich Bescheid wissen!
Unrat kam auf den Markt und an einem Tabakshändler vorbei, einem Schüler von vor zwanzig Jahren, von dem er zuweilen ein Kistchen bezogen hatte; -- nur zuweilen: er rauchte nicht stark, er trank selten; er hatte keines der bürgerlichen Laster ... Die Rechnungen dieses Mannes waren regelmäÃig überschrieben: Herrn Professor U --, und dann erst war aus dem U ein R gemacht. Ob das böse Absicht oder Gedankenlosigkeit war, hatte Unrat nie feststellen können; aber er verlor auf einmal den Mut, den Laden zu betreten, dessen Schwelle er schon berührt hatte. Der Mann da drinnen war ein widersetzlicher Schüler, der nicht zu »fassen« war.
Er schlich eilig weiter. Es regnete nicht mehr; der Wind trieb die Wolken fort. Die Gaslaternen flackerten rot. Schief über einen Giebel lugte manchmal der gelbe, halbe Mond: ein höhnisches Auge, das gleich wieder das Lid einkniff, so daà ihm sein Hohn nicht zu »beweisen« war.
Wie er in den »Kohlbuden« trat, flammten die groÃen Fenster des Café Central lichterloh auf. Unrat spürte Lust, hineinzugehen, ein ungewohntes Getränk zu sich zu nehmen. Er war heute auf merkwürdige Weise aus den Schienen seines Tages herausgeworfen. Da drinnen lieà sich gewià etwas über die Künstlerin Fröhlich erfahren; dort ward von allem möglichen gesprochen. Unrat wuÃte dies von früher, denn zu Lebzeiten seiner Frau hatte er sich manchmal -- sehr selten -- eine Ferienstunde im Café Central gegönnt. Seit sie tot war, hatte er zu Hause so viel Ruhe wie er wollte, und brauchte das Café nicht mehr. Ãberdies war ihm der Aufenthalt dort zum Schluà erschwert worden durch den neuen Besitzer, auch einen frühern, nach Jahren in die Stadt zurückgekehrten Schüler. Dieser hatte seinen einstigen Lehrer eigenhändig bedient und ihn mit äuÃerster Höflichkeit, so daà Unrat es ihm unmöglich »beweisen« konnte, fortwährend als Professor Unrat angeredet. Die Gäste waren sehr angeregt gewesen; Unrat hatte die Empfindung gehabt, wenn er häufiger herkäme, würde er dem Lokal zur Reklame dienen.