Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen
Part 16
Eines heitern Tages im Frühling, des ersten heitern nach vielen Seelenkrisen, lustwandelten Unrat und die Künstlerin Fröhlich miteinander zur Stadt. Unrat ruhte sich gerade auf dem BewuÃtsein aus, daà sie am Ende doch Verbündete waren: die besten, die einzigen. Die Künstlerin Fröhlich, die mit den griechischen Stunden auch ihren Ehrgeiz, Unrat zu lieben, aufgegeben hatte, schöpfte ihre Selbstachtung und ihren guten Mut aus ihrem ehrlichen Freundschaftsgefühl für Unrat. Darum lächelten sie beide auch nur über Herrn Dröge, den Krämer an der Ecke ihrer StraÃe, der bei ihrem Vorübergehn seine Ladentür aufriÃ, mit den Fäusten drohte und etwas Schimpfliches nachschrie. Auch die Obstfrau konnte bei ihrem Anblick nicht ruhig bleiben. Sie hatte Herrn Dröge sogar schon dazu angestachelt, die Mündung seines Wasserschlauches auf den vorübergehenden Unrat zu richten. Solche Zwischenfälle lieÃen sich bei keinem Ausgang des Ehepaars Unrat mehr vermeiden. Sie schuldeten aller Welt, obwohl sie kreuz und quer mit Geld umherwarfen; und die Lieferanten, die ihnen Kredit nicht gewährt, sondern aufgedrängt hatten, machten den meisten Lärm. Es war die Regel, daà im voraus bezahlte Toiletten aus Paris eintrafen, und daà die im vorigen Monat gegessenen Frühstückssemmeln noch immer nicht ihnen gehörten. Dabei glaubte die Künstlerin Fröhlich zu sparen für ihr Kind, und Unrat für die Künstlerin Fröhlich zu rauben. So oft der Gerichtsvollzieher kam -- vergebens kam -- herrschte Bestürzung, Wut und Niedergeschlagenheit. Wie hätte man ihn schon wieder voraussehen sollen. Die Künstlerin Fröhlich fand sich längst nicht mehr zurecht in Rechnungen und Schuldscheinen. Unrats beständiger Trieb galt den Verlusten der andern und nicht der Pflege des eigenen Wohlstands. Von der Fäulnis, die sie ringsumher in den Verhältnissen anstifteten, schillerten auch ihre eigenen. Betrogen und ins Dickicht gehetzt, schwindelten sie sich durch, an der Hand der unbestimmten Hoffnung auf einen unwahrscheinlich groÃen Spielgewinn und auf das endliche Aussterben der Gläubiger. Sie spürten heimlich wohl den Boden wanken und richteten im Davongerissenwerden noch so viel Schaden an wie möglich.
In der SiebenbergstraÃe war eine Begegnung mit dem Möbelhändler auszuhalten, der behauptete, sie hätten von den noch nicht bezahlten Möbeln mehrere weiterverkauft, und mit dem Gericht drohte. Unrat forderte ihn giftig lächelnd auf, er möge doch nachsehn. Die Künstlerin Fröhlich äuÃerte:
»Da machen Sie sich man weiter keine Hoffnung drauf. So klug sind wir allein, daà da nischt Gutes bei zu holen is.«
In diesem Augenblick geschah neben ihr ein Säbelklirren. Sie sah hin und rasch wieder weg. Eine Stimme sagte rauh:
»Donnerwetter!«
Und eine andere, gelassen verwunderte:
»Sieh mal an.«
Die Künstlerin Fröhlich hörte nicht mehr, was der Möbelhändler redete. Nach einer Weile lieà sie ihn stehen. Sie ging weiter in einer leichten Betäubung. Erst gegenüber dem Konditor Mumm fiel ihr auf, daà auch Unrat nichts mehr sagte. Sie fühlte etwas wie schlechtes Gewissen und fing harmlos zu sprechen an, im Drang, ihn nach dem, was sie soeben erblickt hatten, wieder zu versöhnen. Auch er war plötzlich von erregter Herzlichkeit und lud sie zum Konditor ein. Während er am Büffett bestellte, ging sie schon ins Nebenzimmer. Da ward an die Scheibe geklopft. Sie hütete sich, hinzusehn; sie wuÃte auch so, das waren wieder Ertzum und Lohmann.
Noch am Abend war Unrat nicht beruhigt. Er schlich hastend zwischen den Gästen umher, machte Bemerkungen von trockner und wilder Ironie, wiederholte: »ich bin ein rechter Unrat,« und erklärte:
»Mir gehört hier -- wahrlich doch -- nichts weiter als ein Sofakissen und der Rahmen jenes Bildes dort.«
Als die Künstlerin Fröhlich einmal ins Schlafzimmer lief, folgte er ihr und verkündete:
»Der Schüler Breetpoot wird nun endlich in naher Zukunft das Ziel der Klasse erreicht haben.«
»Kaputt?« fragte sie. »Is nich, Unratchen. Er is wieder ganz ausgestopft mit braunen Lappen.«
»Mag dem sein wie du sagst. Der eifrigsten Vertiefung wert ist indessen die Frage: woher kommen diese Lappen.«
»Na?«
Er kam näher, mit einem Lächeln, das geronnen und wie unter der Decke bebend aussah.
»Ich weià es; ich habe seinen Kassierer bestochen. Es ist das von Ertzumsche Mündelgeld, welches der Vormund beraubt.«
Und da er die Künstlerin Fröhlich starr vor Staunen sah:
»Nicht wahr? Da lohnt sich's zu leben? Das ist denn also der zweite der drei. Der Schüler Kieselack liegt zerschmettert am Erdboden. Der Schüler von Ertzum wird sogleich mit Rasseln zusammenbrechen. Da erübrigt denn nur noch der dritte.«
Sie ertrug seinen Blick nicht.
»Ja von wem redst du blo�« fragte sie wirr.
»Der dritte ist ein noch zu Fassender. Er soll und muà gefaÃt werden.«
»Wieso,« machte sie und blickte unsicher auf. Plötzlich, herausfordernd: »Ich denke, das is der, den du nich verknusen kannst, und ich soll ihn nich mal ansehn, wenn er die StraÃe lang kommt. Nich mal das kannst du verknusen.«
Er senkte den Kopf, atmete kämpfend.
»Zwar bin ich nicht gesonnen --« sagte er dumpf. »Und doch muà -- =muÃ= dieser Schüler gefaÃt werden. Er ist ein zu Fassender.«
Sie hob die Schultern.
»Was machst du denn für Augen? Du hast ja überhaupt Fieber. Unratchen, ich sag' dir was, geh' zu Bett und schwitz es aus. Ich schick dir Kamillentee. So 'ne blödsinnige Aufregung als wie du im Leib hast, die legt sich auf'n Magen, un denn prost Mahlzeit ... Hörst du mich?... Ich glaub wahrhaftig, es gibt noch 'n Unglück.«
Unrat hörte nicht. Er sagte:
»Aber nicht du -- nicht du sollst ihn fassen!«
Er sagte es mit einer Art fürchterlichen Flehens, das sie noch nicht kannte, das sie grausig kitzelte, sie erwartungsvoll ängstete, wie ein wildes Klopfen, bei Nacht an ihrer Tür.
XVII
Die Künstlerin Fröhlich dachte am folgenden Morgen lange nach, was sie in der Stadt zu besorgen haben könne, und als sie es gefunden hatte, ging sie. Sie schielte nach ihrem Spiegelbild in jedem Schaufenster; sie hatte für ihre Toilette zwei und eine halbe Stunde gebraucht. In ihrem Pulsschlag war ein biÃchen Erwartungsfieber. Am Anfang der SiebenbergstraÃe, vor der Buchhandlung von Redlien blieb sie stehen -- sie war noch nie vor der Buchhandlung stehen geblieben --, senkte den Kopf über die Auslage und spürte im Nacken einen angstvollen Kitzel, als sollte sogleich jemand hineingreifen. Da sprach es ihr in den Nacken:
»Gnädige Frau? Sieht man sich mal wieder?«
Sie zwang sich, indem sie sich wendete, zu anmutiger Langsamkeit in der Bewegung.
»Ach? Herr Lohmann? Sind Sie auch wieder im Lande?«
»Wenn ich dadurch nicht Ihr MiÃfallen errege, gnädige Frau?«
»Wieso denn. Aber wo haben Sie bloà Ihren Freund gelassen?«
»Sprechen Sie vom Grafen Ertzum? Nun, der hat seine eigenen Wege ... Aber gehn wir nicht weiter, gnädige Frau?«
»So? Und was macht er denn für gewöhnlich, Ihr Freund?«
»Er dient als Avantageur, gnädige Frau. Augenblicklich weilt er auf Urlaub hier.«
»Ach nee, was Sie sagen. Is er denn noch so nett wie früher?«
Daà Lohmann auch gar nicht aus seiner Ruhe kam, obwohl sie sich immer nur nach seinem Freund erkundigte. Sie hatte sogar das Gefühl, als machte er sich lustig. Das Gefühl hatte sie auch damals im Blauen Engel meistens gehabt bei Lohmann, und sonst bei niemand. Ihr ward ganz heiÃ. Er forderte sie auf, in die Konditorei einzutreten. Sie erwiderte ärgerlich:
»Gehn Sie man alleine. Ich muà weiter.«
»Wir stehen schon etwas zu lange an dieser Ecke, gnädige Frau, für die scharfen Augen der Kleinstädter.«
Er machte die Tür vor ihr auf. Sie seufzte und ging raschelnd hinein. Er blieb auf dem Wege ins Nebenzimmer ein Stück hinter ihr und wunderte sich nochmals darüber, wie vorteilhaft ihre lange Taille zur Geltung kam; wie sie gut frisiert war; wie damenhaft sie ihren Rock schleppen lieÃ; was seither aus ihr geworden war. Dann bestellte er Schokolade.
»Sie sind ja inzwischen eine bekannte Persönlichkeit hier geworden?«
»Es geht,« sagte sie; und ablenkend: »Aber Sie? Was haben Sie eigentlich gemacht? Wo haben Sie gesteckt?«
Er berichtete bereitwillig. Er war ein wenig auf der Handelsschule gewesen in Brüssel, und darauf in England als Volontär bei einem Geschäftsfreund seines Vaters.
»Sie haben sich gewià mächtig amüsiert,« meinte sie.
»Nein. Nicht mein Fall,« sagte er dürr, sogar verächtlich, und mit dem bekannten schauspielerischen Faltenwurf im Gesicht. Sie betrachtete ihn von der Seite mit scheuer Achtung. Er war ganz schwarz angezogen und hatte den schwarzen runden Hut auf dem Kopf behalten. Sein Gesicht war noch etwas gelber und schärfer geworden; es war glattrasiert; und es richtete sich mit halbgesenkten Lidern, dunkeln und merkwürdig dreieckigen, irgend wohin, wo nichts los war. Sie wollte ihn nötigen, sie anzusehen. Auch drängte es sie, sich zu überzeugen, ob er noch seinen Schopf habe.
»Warum nehmen Sie denn Ihren Hut nich ab?« fragte sie.
»Gnädige Frau haben recht,« und er gehorchte. Jawohl; sein Haar stieg noch als Wirbel in die Höhe und fiel als Locke auf die Stirn zurück. Er betrachtete sie endlich mit ganzem Blick.
»Im Blauen Engel legten gnädige Frau noch nicht soviel Wert auf die Formen. Wie man sich verändert. Wie wir alle uns verändern. Und in der lächerlichen Zeit von zwei Jahren.«
Er sah wieder weg und dachte so sichtlich an etwas anderes, daà sie gar nichts mehr zu sagen wagte, obwohl seine ÃuÃerung sie ein wenig gestochen hatte. Aber er hatte dabei vielleicht nicht mal sie gemeint! So hatte es geklungen.
Lohmann hatte Frau Dora Breetpoot gemeint, und daà er sie so anders wiedergefunden hatte, so anders als das Bild von ihr, das seine Seele mit fortgenommen hatte. Er hatte sie als groÃe Dame geliebt. Sie war die groÃe Dame der Stadt gewesen. Einmal in der Schweiz hatte sie die Bekanntschaft einer englischen Herzogin gemacht, und etwas rituelle Weihe war von dieser Berührung an ihr haften geblieben. Sie vertrat in der Stadt eigentlich die Herzogin. Daà der englische Adel der erste der Welt sei, daran durfte hier niemand zweifeln. Später auf einer Reise nach Süddeutschland war ihr von einem Rittmeister aus Prag der Hof gemacht worden; damals trat die österreichische Aristokratie gleichberechtigt neben die englische ... Wie Lohmann von dem allen sich hatte einschüchtern lassen, es gutgläubig mitgemacht hatte: es war erstaunlich. Es war vor allem erstaunlich, daà das keine zwei Jahre her war. Jetzt kehrte er in die Stadt zurück -- sie hatte sich zusammengezogen, als sei sie aus Gummi. Das Breetpootsche Haus war nur noch halb so groÃ; -- und drinnen saà eine kleine Provinzdame. Nicht viel mehr als Provinzdame. GewiÃ, sie hatte immer noch den Medaillenkopf der Kreolin; aber im Munde der Medaille die Dialektausdrücke! Die Mode vom Vorjahr, und nicht ganz richtig verstanden. Schlimmer noch, Abstecher ins Persönlich-künstlerische, die miÃlangen. Und der Empfang des aus fernen Gesellschaften Wiedergekehrten, als habe er ihr GrüÃe zu bringen; und der irritierende Anspruch, nicht hier hineinzupassen. Ja, daà ihn das früher nicht irritiert hatte? Zwar hatte er damals kaum ein Wort von ihr erhalten, war kaum bemerkt worden. Er war ein Schüler gewesen. Jetzt war er ein Herr, man kokettierte, man trachtete ihn zu fesseln in dem »Kreis« um die eigene kleine Person herum ... Er war mit Bitterkeit erfüllt worden bis an den Hals. Er dachte an die alte Flinte, die damals immer bereit gelegen hatte, ernsthaft bereit für den Fall, daà er entdeckt ward. Er empfand noch heute melancholischen Stolz auf die Knabenleidenschaft, die bis an die Schwelle seiner erwachsenen Jahre gedauert hatte, durch Scham, Lächerlichkeit, ja ein wenig Ekel hindurch immer noch gedauert. Trotz Knust, von Gierschke und den andern. Trotz der zahlreichen Nachkommenschaft der geliebten Frau. Wie er in der Nacht nach ihrer letzten Entbindung das Tor ihres Hauses geküÃt hatte! Das war noch etwas gewesen, davon muÃte man zehren. Er erkannte, daà er damals so viel besser gewesen war, so viel reicher. (Wie hatte er sich damals müde vorkommen können. =Jetzt= war er's.) Das Beste, was er in seinem Leben zu verschenken gehabt hatte, die Frau da hatte es ahnungslos bekommen. Nun, da er leer war, warb sie um ihn ... Lohmann liebte die Dinge vor allem um ihres Nachklangs willen, die Liebe der Frauen nur wegen der ihr nachfolgenden bitteren Einsamkeit, das Glück höchstens der würgenden Sehnsucht zuliebe, die es in der Kehle zurückläÃt. Diese kleine schattenlos gegenwärtige Snobdame war ihm schwer erträglich, denn sie entstellte ihm die Wehmut des einst Gefühlten. Er nahm ihr alles übel, auch die Spuren des Verfalls, die sich in ihrem Salon -- noch nicht an ihrer Person -- verrieten. Er wuÃte von Breetpoots schlechtem Stande. Welche Lasten von Zärtlichkeit würde ihr das ehemals eingetragen haben von ihm. Nun sah er bloÃ, wie ihre Bemühungen um Grazie von der um sie her einreiÃenden Knappheit anspruchsvoll abstachen, und schämte sich im voraus für sie, wegen der etwas würdelosen Gespreiztheit, mit der sie die Armut hinhalten und verleugnen würde. Er war beleidigt, wenn er sie ansah; beleidigt und gedemütigt, wenn er sich klar machte, wie er selbst sich nun innerlich aufführte. Was das Leben aus einem machte. Gesunken war er. Sie war gesunken. Als er ging, fühlte er mit ängstlicher Genauigkeit das Entweichen von Lebensjahren, und daà hier die Tür sich schloà hinter einer Liebe, die so viel gewesen war wie eine Jugend.
Dies war ihm am Morgen nach seiner Ankunft geschehen. Gleich darauf traf er mit Ertzum zusammen, und dann sie beide in der SiebenbergstraÃe mit den Unrats. In dieser Enge konnte das nicht lange ausbleiben. So kurz Lohmann auch in der Stadt war, er hatte doch schon von ihnen sprechen gehört; und des alten Unrat Taten hatten seine Liebhaberei für menschliche Seltsamkeiten lebhaft angesprochen. Er stellte fest, daà Unrat alles erfüllt habe, was sich vor zwei Jahren in ihm angekündet hatte; eher mehr als weniger. Aber noch groÃartiger fast erschien ihm die Entwickelung der Künstlerin Fröhlich. Von der Chanteuse des Blauen Engels zur Demi-Mondaine hohen Stils! Denn schlieÃlich, auf den ersten Anblick war sie's. Bei näherem Hinsehn drang dann das Kleinbürgerliche durch. Immerhin, es war alles mögliche, was hier geleistet war. Und die vielen gezogenen Hüte auf dem Wege des Ehepaars! Und all die demütige Begehrlichkeit, wo immer die Künstlerin Fröhlich ihr Parfüm hinwehte! Zwischen ihr und ihrem Publikum, der Stadt, hatte augenscheinlich eine Art von gegenseitiger Beschwindelung stattgefunden. Sie hatte sich als repräsentative Schönheit gebärdet, war allmählich dafür angesprochen worden und hatte es selbst wieder den Leuten geglaubt. So ähnlich muÃte es wohl seinerzeit mit Dora Breetpoot zugegangen sein und ihrem Anspruch auf mondainen Chic? Lohmann fand es von prickelnder Ironie, wenn er sich jetzt mit der Fröhlich befaÃte. Er konnte ja der Zeit gedenken, wo er Verse gemacht hatte auf beide; wo er, in der Rachsucht seines Leidens, Dora Breetpoot hatte beschmutzen wollen, dadurch daà er, mit ihr im Herzen, den Liebkosungen der andern den Geschmack düstern Lasters zu geben sich vornahm. Laster? Jetzt, da er keine Liebe mehr hatte, begriff er auch kein Laster mehr. Keine Bitterkeit seines Herzens gegen Frau Breetpoot kam Frau Unrat zugute. Nichts würde sich in ihm regen, wenn er mit ihr am Breetpootschen Haus vorbeiging. Er führte einfach eine elegante Kokotte durch die entgötterte Stadt.
Ertzum nahm er dabei lieber nicht mit. Ertzum hatte, sobald er das gute Mädchen zu sehen kriegte, kopflos mit dem Säbel zu rasseln angefangen und eine ganz rauhe Stimme bekommen. Ertzum war imstande, gleich wieder mit schweren Gefühlen loszulegen. Für Ertzum war immer alles Gegenwart -- wohingegen Lohmann in der vormittäglich leeren Konditorei, an der Seite der Künstlerin Fröhlich, aus seinem Gläschen, das nie leer ward, nichts anderes nippte, als den nebelhaften Nachgeschmack der Stimmungen von einst.
»Soll ich Ihnen etwas Kognak in die Schokolade gieÃen?« fragte er. »Das ist nämlich sehr gut.« Dann:
»Was man von Ihnen aber alles hört, gnädige Frau!«
»Wieso?« fragte sie wachsam.
»Nun, Sie und unser alter Unrat sollen ja die Stadt auf den Kopf stellen und massenhaftes Unheil anrichten.«
»Ach =das= meinen Sie. Na ja, man tut was man kann. Die Leute amüsieren sich bei uns -- obschonst ich mich als Hausfrau nich selber loben will.«
»Das sagt man. Auch ist über Unrats eigentliche Beweggründe wohl niemand im klaren. Man denkt, er benutze das Spiel für den Lebensunterhalt. Ich glaube anderes. Wir zwei, gnädige Frau, kennen ihn ja besser.«
Die Künstlerin Fröhlich war bestürzt und schwieg.
»Er ist der Tyrann, der lieber untergeht, als eine Beschränkung duldet. Ein Spottruf -- und der dringt noch nachts durch die Purpurvorhänge seines Bettes und in seinen Traum -- verursacht ihm blaue Flecke auf der Haut, und er braucht, um sich davon zu heilen, ein Blutbad. Er ist der Erfinder der Majestätsbeleidigung: er würde sie erfinden, wenn es noch zu tun wäre. Es kann kein Mensch sich ihm mit so wahnsinniger SelbstentäuÃerung hinwerfen, daà er ihn nicht noch als Empörer haÃte. Der Menschenhaà wird in ihm zur zehrenden Qual. Daà die Lungen ringsumher einen Atem einziehn und ausstoÃen, den nicht er selber regelt, durchgällt ihn mit Rachsucht, spannt seine Nerven bis zum ZerreiÃen. Es braucht nur noch einen AnstoÃ, eine zufällige Widersetzlichkeit von Umständen -- ein beschädigtes Hünengrab und alles was damit zusammenhängt; es braucht nur noch die Ãberreizung seiner Anlagen und Triebe, zum Beispiel durch eine Frau -- und der Tyrann, von Panik erfaÃt, ruft den Pöbel in den Palast, führt ihn zum Mordbrennen an, verkündet die Anarchie!«
Die Künstlerin Fröhlich hatte den Mund offen; was Lohmann zufriedenstellte. Er unterhielt solche Damen immer in einer Weise, daà ihnen nichts anderes übrig blieb als den Mund offen zu behalten. Ãbrigens lächelte er zweiflerisch. Er glaubte ja nur eine abstrakte Möglichkeit auf die Spitze zu stellen. Die Geschichte des alten lächerlichen Unrat zu erzählen, glaubte er denn doch nicht. Dazu sah er ihn noch zu sehr aus der Perspektive von unterhalb des Katheders; hatte es zu schwer, sich Ungeheuerlichkeiten als ganz wirklich vorzustellen, geschehen an dem, der ihm blöde Pfuschereien über die Jungfrau von Orleans zudiktiert hatte.
»Ich habe die gröÃte Sympathie für Ihren Gemahl,« setzte Lohmann mit Lächeln hinzu, und vervollständigte dadurch die Verblüffung der Künstlerin Fröhlich.
»Ihre Häuslichkeit wird wirklich überall gerühmt,« sagte er darauf.
»Na ja, wir sind nämlich ganz himmlisch eingerichtet. Und auch sonst --«
Sie belebte sich von Ehrgeiz.
»Für unsere Gäste is uns nischt zu viel. Die Leute stehn manchmal Kopp bei uns, Sie würden lachen. Ach, wenn =Sie= kämen, =Ihnen= zu Ehren sing' ich überhaupt das Affenweib, das tu ich sonst nich, weil es doch 'n biÃchen zu sehr rausfällt.«
»Gnädige Frau sind unwiderstehlich.«
»Sie wollen woll wieder ulken?«
»Sie überschätzen mich. Das Scherzen ist mir vergangen, als ich Sie wiedergesehen habe. Gnädige Frau müssen ja wissen, daà Sie das Einzige sind, was hier am Orte in Betracht kommt.«
»Na und?« machte sie befriedigt, aber ohne sich zu wundern.
»Allein schon Ihr Anzug. Das resedagrüne Tuchkleid ist selbstverständlich durchaus auf der Höhe. Den schwarzen Hut haben Sie sehr mit Recht dazu gewählt. Wenn ich einen einzigen Einwand vorbringen darf: die Stola aus _point-lace_ wird dies Jahr nicht mehr getragen.«
»Ach nee.«
Sie rückte näher.
»Wissen sie das auch sicher? Denn hat der Ekel mich doch mit angeschmiert. Ein Glück, daà sie nich bezahlt is.«
Sie errötete; und rasch:
»Bezahlen will ich sie meinswegen. Aber tragen, nee. Heut zuletzt, verlassen Sie sich drauf.«
Sie war glücklich, ihm recht geben, sich ihm unterwerfen zu können. Seine Beschlagenheit in betreff Unrats erhöhte ihre Achtung vor Lohmann bis zur Fassungslosigkeit. Nun wuÃte er auch noch in der Mode Bescheid. Er redete wieder so fein:
»Was Sie, gnädige Frau, diesen Kleinstädtern geworden sein müssen! Eine Herrscherin über Gut und Blut, eine angebetete Verderberin. Eine Semiramis, was weià ich. Alles stürzt sich, von Taumel gepackt, ungebeten in den Abgrund, nicht wahr?«
Und da sie sichtlich zu weit zurück blieb:
»Ich meine, die Männer lassen sich nicht lange bitten, und Sie haben von ihnen mehr als Sie brauchen können, von allen ohne Ausnahme, wenn ich mich nicht irre, gnädige Frau.«
»Nu übertreiben Sie aber bedeutend. Daà ich hier Glück habe und ziemlich viel geliebt werde, na ja.«
Sie trank erst; das muÃte er wissen.
»Aber wie Sie sich einbilden, daà ich hier losgehn soll -- nee ... Glauben Sie man nich,« und sie sah ihm in die Augen, »es geht jedermann so gut, daà er mit mir alleine bei Schokolade und Kuchen sitzen darf.«
»Aber ich darf das? Dann bin wohl ich jetzt daran?«
Er legte den Kopf zurück und bekam Falten. Sie konnte, betreten, nur noch auf seine niederhängenden Lider blicken.
»Aber,« fuhr er fort, »ich sollte bei Ihnen, wenn ich mich recht erinnere, der letzte sein? Haben Sie mir das seinerzeit nicht des öftern in Aussicht gestellt, gnädige Frau? Dann sind also --« und er öffnete ganz unverschämt die Augen, »alle andern bereits abgemacht?«
Sie war nicht gekränkt, nur gequält.
»Ach Mumpitz, Sie haben ganz falsche Begriffe, die Leute quasseln. Zum Beispiel, mit Breetpoot. Den soll ich weià Gott wie ausgelutscht haben. Jetzt heiÃt es, er hat auch noch dem Ertzum sein Geld -- ach Gott.«
Sie merkte zu spät, was sie gesagt hatte und sah erschrocken in ihre Tasse.
»Das ist allerdings das Schlimmste,« versetzte Lohmann hart und düster. Er wandte sich halb weg, und es entstand Schweigen.
Die Künstlerin Fröhlich wagte endlich schüchtern zu bedenken zu geben:
»Ich bin es doch nich alleine gewesen. Wenn Sie wüÃten, wie der gebettelt hat. Wie'n Kind, sag' ich Ihnen. Die olle Zahnlücke. Der ganze Kerl is =eine= Zahnlücke. Sie werden es nich glauben, aber durchgehn wollt' er mit mir. Der mit seiner Zuckerkrankheit, danke.«
Lohmann bedauerte es schon, eine moralische Anwandlung gehabt zu haben, bei einem so unterhaltenden Theater. Er sagte darum:
»Ihre Soireen möchte ich mir tatsächlich einmal ansehen.«
»Also Sie sind eingeladen!« sagte sie rasch und freudig. »Kommen Sie man, ich rechne bestimmtest drauf. So nu muà ich aber weiter, bleiben Sie man sitzen. Ach Gott nee!«
Sie wandte sich klagend hin und her, faltete die Hände.
»Es geht ja nich, weil Unrat gesagt hat, nu sind wir komplett, un neue will er nich. Das vorige Mal hat er mir schon Krach gemacht. Darum, Sie verstehn --«
»Vollkommen, gnädige Frau.«
»I wo, markieren Sie nu man nich gleich die gekränkte Leberwurscht, darum können Sie mich ja doch besuchen, wenn niemand da is. Zum Beispiel heut nachmittag um fünf. Nu aber raus.«
Und sie rauschte, mit allen Zeichen höchster Eile, durch die Portiere.