Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Part 14

Chapter 143,755 wordsPublic domain

»-- der Rotte, die vor dem Standesamte -- immer mal wieder -- johlte und Nebendinge trieb, und insbesondere des Kiesels, der beim Einsteigen deine weiße Atlasrobe beschmutzte. Nun wohl! es steht unerschütterlich fest, daß unter die jugendlichen Attentäter gemischt, und meinen Namen in die Lüfte hinausschmetternd, auch der Schüler Lorenzen sich damals mit Schmach bedeckt hat!«

»Dem werd' ich es mal zu verstehen geben!« erklärte die Pielemann.

»Ich habe ihn leider nicht fassen können,« fuhr Unrat fort. »Ich vermochte nicht, es ihm zu beweisen. Jetzt aber soll er Griechisch lernen. Gar manchen konnte ich nicht fassen. Daß sie doch alle Griechisch lernten!«

Darauf stellte Lorenzen sich ein und ward milde behandelt. Wegen jedes fehlenden Heftes oder Bleistifts rief Unrat die Künstlerin Fröhlich herein und verwickelte sie in eine Unterhaltung. Zuerst mußte sie dem Schüler Lorenzen ihre Kenntnisse im Griechischen vorführen, dann glitt das Gespräch zu modernen Dingen. Der Schüler Lorenzen war eingetreten mit dem Anspruch auf überlegene Ironie. Er ließ ihn ruckweise fallen, als er die Künstlerin Fröhlich in so freier und maßvoller Anmut sich zwischen ihren Möbeln bürgerlichen Stils bewegen sah; als er sie besser gekleidet fand als seine eigene Frau, die sich im Theater jedesmal entrüstet hatte über die Künstlerin Fröhlich; als es ihm aufging, daß eine leichte Schminke, ein Anflug von Dirnenjargon und mehrere Messerspitzen Komödianterei das Familiesimpeln eigentümlich würzten. Dieser Schlaumops von Unrat! Auf diese Weise brauchte man allerdings weder in den Klub noch sonstwohin. Und statt seiner anfänglichen Hoffart bekam Lorenzen vor dem Ehepaar Unrat etwas Klebrig-bittstellerisches.

Er erlangte die Erlaubnis, das nächste Mal etwas von seinem Wein mitzubringen. Er brachte außerdem eine Pastete, und ein kleines Frühstück ersetzte die griechische Stunde. Wenn draußen etwas zu besorgen war, ging jedesmal Unrat. Er ging zuerst nach einem Pfropfenzieher und später, als man getrunken hatte und der Schüler Lorenzen angeheitert war, nach vielen andern Dingen.

Wie diese Zusammenkunft sich wiederholte, äußerte die Künstlerin Fröhlich die Ansicht, es wäre noch viel netter mit mehreren Personen. Der Schüler Lorenzen war mehr für das Intime; aber Unrat gab seiner Gattin recht. Lorenzen mußte Freunde bitten. Die Pielemann führte eine Kollegin ein. Es war Sache der Herren, Kuchen, Aufschnitt, Früchte zu beschaffen. Den Tee lieferte dafür die Hausfrau. Regelmäßig stellte sich Appetit auf Sekt ein, und regelmäßig bemerkte Unrat dazu, mit seinem hinterhältigen Lächeln:

»Es ist Ihnen bekannt, meine Damen und Herren, daß ich meiner Zugehörigkeit zum Lehrkörper des hiesigen Gymnasiums -- mag es dahingestellt bleiben, ob verdienter- oder unverdientermaßen -- verlustig gegangen bin.«

Man ließ ihn jedesmal zu Ende reden und freute sich. Dann legten die Herren zusammen, und es ward nach Sekt geschickt. Manchmal ging Unrat selbst und machte die Bestellung. Man sah ihn die Straße wieder heraufkommen, mit dem Korbträger vor sich, streng darauf bedacht, den Transport des Getränkes zu decken, wie er ihn ehemals im Blauen Engel gedeckt hatte.

Wenn die Laune hoch genug gestiegen war, willfahrte die Künstlerin Fröhlich den Bitten und trug ihre beliebten Lieder vor: einmal, als sie im Trinken unvorsichtig gewesen war, auch das vom runden Mond. Sofort unterbrach Unrat sie und schickte alle nach Haus. Sie wunderten sich, erhoben Widerspruch, begingen Dreistigkeiten. Aber als sie Unrat pfauchen und nicht gesonnen sahen, dies zu dulden, verzogen sie sich. Die Künstlerin Fröhlich bat ihren Mann kleinlaut um Verzeihung. Sie wisse wahrhaftig nicht, was ihr angeflogen sei.

Es waren alles jüngere Leute, und die meisten hatten zum Stammpublikum im Blauen Engel gehört. So lange sie in geringer Zahl waren, betrugen sie sich, unfähig, in einen rein menschlichen Verkehr mit Unrat hineinzufinden, scheu und frech; ulkten hinter seinem Rücken und fielen, wenn sie für ihre Witze einstehen sollten, in schülerhafte Demut zurück. Dann vermehrten sie sich, und der einzelne ward zum unverantwortlichen Zuschauer. Keine Vertraulichkeit fälschte mehr die Stimmung. Es war, als sei Unrat mit seiner Truppe einfach in ein kleineres Lokal übergesiedelt, wo man mit den Damen bequemer verkehren konnte. Dazu ward hier später geschlossen, und immer erst, wenn man freiwillig wegging. Einmal, als nur noch wenige da waren, bestimmte Lorenzen sie zu einem Baccara. Unrat bekundete Neugier, ließ sich das Spiel erklären, und übernahm, als er es begriffen hatte, die Bank. Er gewann. Sobald dies aufhörte, gab er die Bank ab. Lorenzen fühlte sich, als Anreger der Partie, dazu gedrängt, Leben hineinzubringen. Er entnahm seiner Brieftasche Hundertmarkscheine in rascher Folge. Mehrere bekamen rote Köpfe und bedauerten einmal über das andere, nicht mehr Geld zu sich gesteckt zu haben. Der Bankier war wieder im Glück. Die Künstlerin Fröhlich glitt hinter ihren Mann und raunte:

»Siehste woll? Was hast du denn die Bank nich behalten, oller Dussel.«

Unrat erwiderte:

»Der Hut im Preise von achtzig Mark ist dein, meine Liebe. Auch bin ich in der Lage, dem Restaurateur Zebbelin vorläufig den Mund zu stopfen. Mag's damit genug sein.«

Er sah gelassen den Lorenzenschen Banknoten nach, die nicht er selbst einsteckte. Worauf es ankam: Der Schüler Lorenzen verlor sie; und Unrat, rascheren Atems, fühlte sich auf dem von unterirdischem Beben leise erschütterten Weg zum Triumph. Wie Lorenzen schließlich ernüchtert und mit einfältigem Gesicht in seine leere Brieftasche glotzte, ging Unrat auf ihn zu und versetzte:

»Mag's denn genug sein für heute, Lorenzen, mit unserer griechischen Stunde.«

* * * * *

Bald sickerte durch die Stadt die Kunde, daß bei Unrats Orgien gefeiert würden. Die Herren an der Börse und im Klub, an den Stammtischen, in den Kontoren erhielten durch einige Unverheiratete saftig übertriebene Schilderungen. Leichte Echos davon trugen sie in ihre Familien, und die Ehefrauen wisperten und wollten mehr wissen. Was denn der Cancan sei, den die Unrat getanzt haben sollte. Der Gatte vermochte es nicht hinlänglich zu erklären; und so stellten sie sich darunter irgendeine alle menschlichen Kräfte übersteigende Unzucht vor. Und dann das Spiel, das bei Unrats üblich sein sollte: ein Pfänderspiel. Mehrere Paare mußten sich auf den Fußboden legen unter eine große Decke, alle in einer Reihe, und immer ein Herr neben eine Dame. Sie lagen bis an den Hals zugedeckt, und solange die Decke sich nicht bewegte, ging es niemand etwas an, was darunter geschah. Bewegte sie sich aber, mußte derjenige ein Pfand geben, oder diejenigen. Dieses Spiel übte in der Stadt einen sagenhaften Reiz. Dunkle Berichte davon drangen in die Kreise der jungen Mädchen; und stundenlang sannen sie miteinander darüber nach, die Augen voll erschrockener Neugier. Außerdem wollten sie wissen, daß bei Unrats die Damen zuweilen mit ganz entblößtem Oberkörper erschienen. »Wie unglaublich unpassend!« Aber komisch mußte es sein.

Lorenzen brachte einige Offiziere mit, die den Wein für ihre Messe bei ihm kauften; darunter Leutnant von Gierschke. Assessor Knust war einer der ersten aus der feinen bürgerlichen Gesellschaft, die sich einstellten. Er trat in nachdrücklichen Wettbewerb mit dem jungen Oberlehrer Richter bei der Künstlerin Fröhlich. Richter war endlich verlobt mit dem Mädchen aus reicher, Oberlehrern sonst unzugänglicher Familie; und der Bräutigamsstand bekam ihm schlecht. Er ward reizbar, genußsüchtig, verlor leicht seinen sonst so gesetzten Beamtenkopf. Er verspielte, hingerissen durch das Beispiel Lorenzens, im Hause Unrat mehrere seiner Monatsgehälter an einem Abend, ging blöde Wetten ein, vergaß in der Hitze seiner Werbungen um die Hausfrau alle Zurückhaltung. Im Lehrerzimmer fielen böse Andeutungen über seinen Verkehr bei dem, einen Schandfleck des Standes darstellenden Unrat.

Unrat hatte, wie das Spielglück es brachte, Höhen oder Tiefen. Einmal erhielt die Künstlerin Fröhlich einen Chinchillapelz für tausend Mark, und ihr bunter Kopf kam prickelnd heraus aus dem grauen, langhaarigen Fell. Dann wieder mußte Unrat, wenn die Gäste eintrafen, sich ins Bett stecken und krank sagen lassen, weil kein einziger Restaurateur mehr etwas zu essen schicken wollte. Tags darauf ging er hin und hielt den Leuten vor, daß sie von einer Katastrophe keinesfalls etwas zu hoffen hätten. Sie konnten sich der Einsicht nicht entziehen und verlängerten den Kredit, bis Unrat wieder gewonnen haben würde.

Die Künstlerin Fröhlich pointierte nur selten, und dann hörte sie nicht früher auf, als bis alles dahin war. Eines abends aber suchte ein so wolkenloses Glück sie heim, daß ihr Gegner, Lorenzen, sich zurückziehen mußte ... Er war sehr blaß, und verschwand, indem er Drohungen ausstieß. Die Künstlerin Fröhlich saß da, überwältigt wie ein Kind nach der Bescherung und hielt in kraftlosen Händen Papier und Gold. Man erbot sich, plötzlich sehr achtungsvoll, es ihr zusammenzuzählen; und es waren mehr als zwölftausend Mark. Sie sagte nur, sie wolle schlafen gehn. Und mit Unrat allein geblieben, die Augen voll Fieber, und mit einem süßen, halb versagenden Stimmchen:

»Nu hat Mimi wieder 'ne Mitgift. Die Anhängsel und Feststecksel haben wir alle drangeben müssen, aber nu hat sie doch wieder eine und braucht es nich so zu machen als wie ich.«

Aber schon am frühen Morgen ward das Haus gestürmt von Gläubigern, die Geld witterten; und ob die Künstlerin Fröhlich die Mitgift ihres Kindes auch mit ihrem Leibe deckte, sie entrissen sie ihr.

Andererseits verbreitete sich das Gerücht, der Weinhändler Lorenzen stelle seine Zahlungen ein. Unrat lief sofort nach Erkundigungen, und wie er zurückkam, war er bleich, feucht, und konnte kein Wort hervorbringen. Schließlich, schnappend, mit klappenden Kiefern:

»Er macht Bankrott. Der Schüler Lorenzen macht Bankrott!«

»Was ich mir dafür kaufe,« erwiderte die Künstlerin Fröhlich, auf der Ottomane zusammengesunken und mit den Händen schaukelnd zwischen den Knien.

»Der Schüler Lorenzen macht Bankrott,« wiederholte Unrat. »Der Schüler Lorenzen liegt zerschmettert am Erdboden und wird sich nicht wieder erheben. Seine Laufbahn ist -- traun fürwahr -- jäh beendet.«

Er redete ganz leise, als fürchtete er, vom eigenen Jubel gesprengt zu werden.

»Was hast du davon. Mimi ihre Mitgift sind wir los.«

»Der Schüler Lorenzen ist nun gefaßt worden. Diesmal ist es mir gelungen, ihn zu fassen und ihn seinem wohlverdienten Schicksal auszuliefern.«

Sie sah ihn umherstreichen, als sei er verwirrt. Seine Hände zitterten an Gegenständen, die zu berühren er sich nicht bewußt war. Sie äußerte noch mehreres und hörte ihn immer nur bebend hinhauchen:

»Der Schüler Lorenzen liegt zerschmettert am Erdboden.«

Allmählich zog sein Benehmen sie an. Seine viel stärkere Seelenbewegung fuhr über ihre hin und löschte sie aus. Sie verlor ihren Kummer aus dem Sinn, sah ihrem Mann starr nach, undeutlich erschrocken über diese Leidenschaft, als sei sie ein auf Unrats Grunde immer sprungbereiter Wahnsinn; und dabei bezwungen und ihrem alten Unrat mit einem süßen Schaudern fester verbunden grade durch sie, durch diese Leidenschaft, durch diese gewalttätige und gefährliche Sache.

XIV

Sogar einige noch in der Zucht der Schule lebende Schüler mischten sich unter die Unratschen Gäste. Einer von ihnen, ein langer, semmelblonder, verlor auffallende Summen. Ende der Saison, an einem Sonnabend schon im Frühling, sah Unrat auf der Schwelle den Oberlehrer Hübbenett stehn, seinen Feind, der sich über Unrats Sohn gehässig ausgelassen und vor Unrats eigener Klasse von »sittlichem Unrat, vielmehr Kot« gesprochen hatte. Nun stand er da, mannhaft aufgereckt, und Unrat lächelte ihm giftig entgegen. Er hatte den Kollegen erwartet; denn der Schüler Hübbenett spielte viel zu hoch; es mußte in diesem Oberlehrerhause etwas nicht sein wie es sollte.

Hübbenett schritt krebsrot auf seinen Sohn los und forderte den ganz Zusammengesunkenen auf, ihm zu folgen. Er fügte laut und an niemand gerichtet, hinzu, daß er Schritte tun werde zur Beseitigung von Zuständen, wie die hier von gewissenlosen Abenteurern ins Leben gerufenen; Zuständen, die auf die Versuchung und Verführung schwacher junger Menschen berechnet seien; Zuständen, die vermittelst beraubter väterlicher Kassen und durch andere, aus Blut und Kot zusammengeknetete Mittel aufrecht erhalten würden.

Ein Offizier drückte sich eilig hinaus. Ein sehr beunruhigter Festteilnehmer machte sich an den erbitterten Oberlehrer heran und stellte ihm eindringlich vor, wie unklug es sein würde, Lärm zu schlagen. Er halte die Versammlung hier für unlauter? Er solle sich doch erst ihre Zusammensetzung ansehn. Er wisse wohl gar nicht, wer der melierte Herr am Spieltisch gleich beim Fenster sei? Das sei nämlich Konsul Breetpoot. Und wer wende sich dort stirnrunzelnd nach Hübbenett um? Kein anderer als Polizeirat Flad. Ob Hübbenett wirklich gut abzuschneiden hoffe bei einem Ansturm gegen bestehende Dinge, an denen solche Herren interessiert seien.

Hübbenett hoffte es nicht: man sah es ihm an. Er redete zwar noch einiges Catonische, aber mit abschwellender Stimme; und dann trat er den Rückzug an. Es achtete schon niemand mehr auf ihn. Nur Unrat, siegstrahlend, schlich behende hinterher, bot dem Kollegen eine Erfrischung an und rief, als der andere durch einen Ruck mit den Schultern sittlichen Abstand feststellte, ihm herzlich nach, sein Haus bleibe Hübbenett Vater und Sohn stets weit geöffnet.

* * * * *

Dann kam wieder die Badezeit. Diesmal ging ein ganzer Wirbelwind von Lebewelt im Gefolge Unrats über den kleinen Küstenort hin. Unrats nahmen eine möblierte Villa. Auf demütig biedere Sofas legten sie gestickte japanische Seidendecken, dem Tisch davor gaben sie eine Roulette zu tragen, in Gläser mit »Gruß von der Wasserkante« gossen sie Sekt. Nachdem die neue »Rotte Unrat« die Nacht hindurch gespielt und allen Ausgelassenheiten sich ergeben hatte, verfügte sie sich an den Strand, um die Sonne aufgehen zu sehen; oder, wenn es Sonntag war, frühstückte sie zum Morgenchoral der Kurkapelle. Andere Nächte wurden außer Hause verbracht. Kraft des Ansehens ihrer zahlungsfähigen Begleiter erzwang die Künstlerin Fröhlich es, daß die Strandrestauration und das Café, die längst geschlossen waren, sich ihr zu jeder beliebigen Stunde wieder öffneten.

Sie war unerschöpflich. Sie trieb Tag und Nacht das Rudel ihrer Verehrer in allen Richtungen umher, warf Dem einen Stock zum Wiederholen dorthin und Jenem nach der andern Seite einen verheißungsvollen Knochen: alles unter listigem Geblinzel auf Unrat, der sich die Hände rieb. Sie verlangte jeden auf die Probe zu stellen. Einem -- es war ein rosiger, fetter Mensch -- legte sie auf, er solle gleich nach dem Diner -- es umfaßte sechs Gänge -- hinüberschwimmen bis zur Sandbank.

»Menschenskind, Sie kriegen ja 'n Schlag,« sagte ein ziemlich Nüchterner. Und die Künstlerin Fröhlich:

»Wer hier 'n Schlag kriegen will, den kann ich überhaupt nich brauchen, der soll sich nur dünn machen. Was meinst Du, Unratchen?«

»Ei freilich,« sagte Unrat, »der soll sich dünn machen.«

Er setzte hinzu:

»Der Schüler Jakobi war ja von jeher recht gewandt in den Leibesübungen. So ist er noch nach seinem Abgang von der Schule über die Hofmauer geklettert, um in das Fenster eines Klassenzimmers im untern Stockwerk, wo ich eben Unterricht erteilte, mittels eines Schlauches den Gestank saurer Schafsmilch zu leiten. Mehrere Tage lang war die Luft des Raumes nicht davon zu säubern. Von einem solchen nun ist es wahrlich zu hoffen, daß er auch ein braver Schwimmer sei.«

Diese Rede erhielt viel Beifall, und der junge Mann entschloß sich, inmitten eines Gelächters.

Alle waren am Strande, wie er aus seiner Kabine trat, und wetteten auf ihn. Wie war er rosig und fett! Auf halbem Wege mußte er in das begleitende Boot gefischt werden und lag am Lande noch immer bewußtlos.

Die Wiederbelebungsversuche erregten große Teilnahme. Einige, die ihre erste Wette verloren hatten, wollten durch eine zweite, auf Jakobis Wiedererwachen oder Tod, den Verlust wieder gut machen. Die Damen wurden von der Spannung arg mitgenommen; es erfolgte ein hysterischer Anfall. Als der Verunglückte sich nach fünfzehn Minuten noch nicht regte, wurden manche still und entfernten sich. Unrat blieb.

Er sah in das schlaffe, blutleere Gesicht des Schülers Jakobi und rief es sich zurück, wenn es höhnisch und aufrührerisch gewesen war. Das waren Die. Da lagen sie und waren besiegt: gründlich besiegt. Darüber hinaus gab es keinen Sieg mehr und keine Züchtigung. Eine leichte Bauchbeklemmung empfand er dabei. Der Triumphweg unter ihm geriet wieder etwas ins Schwanken. Dem Tyrannen schwindelte es auf seinem wahnsinnigen Gipfel ...

Aber Jakobi öffnete die Augen.

* * * * *

Sehr ungehalten äußerten sich über den Vorgang die beiden Hamburger, der Brasilianer und der Leipziger. Bei ihnen war es zwar persönliches Gekränktsein, denn sie bedeuteten nichts mehr. Sie begriffen nicht, was geschehen war. Statt des immerhin gutmütigen Mädels vom Vorjahr fanden sie nun eine Künstlerin Fröhlich, die das frech Gebieterische einer wirklichen Schönheit angenommen hatte, und der, ganz als sei sie es, von allen Seiten gefrohndet ward. Und dabei war sie's doch nicht: die Freunde vom vergangenen Sommer fanden den Schwindel lächerlich. Aber täglich erlagen sie ihm selbst ein wenig mehr. Der Brasilianer versuchte die ersten Tage noch, bei den Vertraulichkeiten von früher wieder anzuknüpfen; dann lernte er ein mutloses Schmachten von fern.

Die Nächsten am Ziel waren Assessor Knust und Oberlehrer Richter; denn sie hatten am meisten zu bieten. Der eine war der gesuchteste Junggeselle der Stadt; der andere war verlobt. Die Künstlerin Fröhlich blieb lange unschlüssig. Knust war der ansehnlichere, aber bei Richter wäre die Tragweite des Geschehnisses bedeutender gewesen. Seine Braut reizte sie, denn einzig diese kleine Person hatte es unternommen, hier im Seebad die Toiletten der großen Künstlerin Fröhlich zu besiegen.

Von Knust verlangte sie, er solle auf den ersten Herrn, dessen Namen sie am nächsten Mittwoch zufällig aussprechen werde, losgehn und ihn ohrfeigen. Knust's behäbiges Weingesicht schmunzelte, und er sagte, er sei ja nicht verrückt. Mit ihm sei sie fertig, erklärte sie darauf; und einer, der an sie gewisse Ansprüche stelle, der müsse für sie zu allem imstande sein, aber auch zu allem.

Richter war es: so sehr hatte ihn sein Bräutigamsstand schon angegriffen. Eines Nachmittags während der Kurmusik erlebte man es, daß er inmitten einer lärmenden Kavalkade auf einem Esel gemeinsam mit der Künstlerin Fröhlich, hinter ihr auf dem Sattel und betrunken an sie geklammert, vorbeigaloppierte, die Reihen der Kaffeetrinker entlang, in deren vorderster seine Braut saß.

Gleich nach dem Abendessen erhob sich die Künstlerin Fröhlich, nahm Unrat und Richter an ihre beiden Seiten und verkündete mit einem kleinen süßen Stimmchen, heute wolle sie früh schlafen gehn. Man geleitete sie in Prozession, mit bunten Papierlaternen, an ihr Haus; und einige Herren stimmten unter dem Balkon ein Ständchen an. Als alles still war, rief Unrat, schon halb entkleidet, nach seiner Frau. Er meinte, sie sei auf dem Balkon. Nein. Er suchte und rief; er wollte mit ihr frohlocken, weil nun auch des Kollegen Richter Geschick sich erfüllt hatte und seine fernere Laufbahn in der erfreulichsten Weise bedroht war. Aber in den leeren Zimmern verpuffte sein Jubel. Es ward ihm beklommen.

Ihre Launen kannte er doch, und sie war natürlich noch an die See gegangen. Unrat setzte sich an das vergitterte Bettchen des Kindes und vertrieb die Mücken.

Wieder so ein einfältiger Mensch, der sich zu dieser Stunde von der Künstlerin Fröhlich zum Narren machen ließ; der ein wenig Mondschein eintauschte gegen seine Bracelets und silbernen Necessaires. Unrat ging inzwischen zu Bett ... Aber in Tiefen seines Denkens, die er lieber unergründet ließ, war es schon bekannt, der Begleiter der Künstlerin Fröhlich sei Richter; und Richter sei zu dieser Stunde kein Narr.

Unrat wendete sich umher bis es Mitternacht war. Dann raffte er sich aus den Decken, fuhr in die Kleider und sagte sich laut vor, man müsse das Dienstmädchen wecken, nach Leuten mit Laternen schicken; der Künstlerin Fröhlich könne etwas zugestoßen sein. Er ergriff sogar eine Kerze und machte sich auf nach der Kammer des Mädchens. Erst oben an der Treppe zum Boden riß er sich aus seinem Selbstbetrug, löschte angstvoll das Licht, damit es nichts verrate, und tappte sich zurück ins Schlafzimmer.

Der Mond enthüllte ihm bleich das leere Bett der Künstlerin Fröhlich. Unrat mußte beständig hinsehn; er atmete immer hastiger. Schließlich krümmte er sich und begann zu wimmern. Er erschrak vor seiner Stimme und rutschte unter die Decke. Nach einer Weile beschloß er, ein Mann zu sein; kleidete sich Hals über Kopf noch einmal an und überlegte, wie er die Künstlerin Fröhlich empfangen wollte. Er wollte sagen: »Nun? Ein kleiner Spaziergang, immer mal wieder? Recht so. Trifft es sich doch, daß auch ich nicht müde war und soeben erst wieder heimkehre.« Eine Stunde lang übte er, rastlos durch das Zimmer schleichend, diese Rede. Da geschah an der Haustür ein leichtes Geräusch; und mit einem wilden Griff warf Unrat die Kleider ab und schwang sich ins Bett. Er lauschte, die Lider heftig zugedrückt, auf das gedämpfte Nahen der Künstlerin Fröhlich, auf das verstohlene Rascheln ihrer sinkenden Röcke, auf das behutsame Krachen, wie sie sich ausstreckte; dann auf ein schwaches Seufzen; und endlich auf das vertraute und liebe Schnarchen.

Am Morgen stellten sie beide sich schlafend. Die Künstlerin Fröhlich entschloß sich zuerst, zu gähnen. Wie Unrat sich ihr zuwandte, fand er ein leidendes Gesicht, das sich zum Weinen verzog. Sie drückte sich an seine Schulter und schluchzte:

»Ach, wenn Unratchen wüßte. Es geht nich alles so wie man möchte, und für das meiste kann man selber nischt.«

»Mags denn sein,« sagte Unrat trostreich; und sie weinte noch heftiger, weil er so schrecklich milde war, und ihre faule Ausrede einsteckte.

Tagsüber blieben sie eingeschlossen; und die Künstlerin Fröhlich, träge und ungeschickt bei allem was sie anfaßte, hatte große, mit weichen, süßen, sich dehnenden Erinnerungen angefüllte Blicke, von denen Unrat schamhaft wegsah. Gegen Abend kamen einige von ihren Leuten und fragten, ob sie die Neuigkeit wüßten. Woher denn, sie seien nicht ausgegangen.

»Richters Verlobung ist auseinander.«

Die Künstlerin Fröhlich sprang sofort mit dem Blick zu Unrat.

»Der Mann ist hin,« hieß es weiter. »Er ist über und über kompromittiert. Was die Familie seiner Exbraut ist, da kann er sich drauf verlassen, daß die ihn aus seiner Stellung weggrault. Die will ihn in der Stadt nicht mehr haben, weil es für sie 'ne Blamage wäre. Er kann zusehen, wo er bleibt.«

Die Künstlerin Fröhlich sah Unrat sich rosig überziehn und wieder erblassen, sie sah ihn von einem Fuß auf den andern treten, die Finger ineinander schlingen und wieder trennen; sie sah ihn in die Luft schnappen, als schnappte er die Süßigkeit der gesprochenen Worte heraus, als schnappte er Glück heraus. Er genoß, und er quälte sich dabei. Diesmal mußte er seinen Triumph bezahlen; sie las ihm, mit schlechtem Gewissen, die Gefühle vom Gesicht, womit er ihn bezahlte.