Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen

Part 13

Chapter 133,810 wordsPublic domain

»Du bist gerechtfertigt. Ist doch auch der Schüler Kieselack entfernt worden und der dem Gebildeten offen stehenden Laufbahnen für immer verlustig gegangen.«

»Der Ekel, dem gönn' ich es.«

»Von diesem Geschick ist es nun freilich zu wünschen, daß es zahlreiche andere Schüler ereile.«

»Ja wie sollen wir das bloß anstellen,« und sie lächelte von unten. Unrat ward rot. Es entstand eine Pause, während deren sie ihn hineinführte und hinsetzte. Sie glitt auf seine Knie, versteckte das Gesicht hinter seiner Schulter und fragte demütig scherzend:

»Ist Unratchen seiner kleinen Künstlerin Fröhlich nu auch gewiß nich mehr böse? Weißt du, was ich vor Gericht erzählt hab', das war ja tatsächlich alles. Gott is mein Zeuge, hätt' ich fast gesagt, obschon das einem auch nischt hilft. Du kannst mir aber glauben.«

»Mag's denn sein,« wiederholte er. Und in dem Bedürfnis, sich ihr näher zu bringen durch Klärung und Zusammenfassung der Vorgänge:

»Es ist mir -- traun fürwahr -- recht wohl bekannt, daß die sogenannte Sittlichkeit in den meisten Fällen auf das innigste mit Dummheit verknüpft ist. Hieran kann höchstens der nicht humanistisch Gebildete zweifeln. Immerhin ist die Sittlichkeit von Vorteil für den, der, sie nicht besitzend, über die, welche ihrer nicht entraten können, leicht die Herrschaft erlangt. Es ließe sich sogar behaupten und nachweisen, daß von den Untertanenseelen die sogenannte Sittlichkeit strenge zu fordern sei. Diese Forderung hat mich indes -- aufgemerkt nun also! -- niemals dazu verleitet, zu erkennen, daß es andere Lebenskreise geben mag mit Sittengeboten, die von denen des gemeinen Philisters sich wesentlich unterscheiden.«

Sie lauschte angestrengt und verwundert.

»Ach nee. Wo sind denn die. Is das kein Schwindel?«

»Ich selbst,« fuhr Unrat fort, »habe mich persönlich stets an den sittlichen Gepflogenheiten des Philisters beteiligt: nicht, weil ich ihnen Wert beigemessen oder mich an sie gebunden erachtet hätte, sondern weil ich -- vorwärts, immer mal wieder! -- keinen Anlaß traf, mich von ihnen zu trennen.«

Er mußte sich im Sprechen selber anfeuern, so stockend und von Farbe und Kraftlosigkeit des heftigsten Schamgefühls befallen, brachte er seine kühne Lebensauffassung zum Vorschein.

Sie bewunderte seine Rede und fühlte sich geschmeichelt, weil er sie ihr, nur ihr zum Besten gab. Als er noch hinzusetzte:

»Von dir dagegen habe ich, ich kann nicht umhin, dies festzustellen, zu keiner Zeit einen dem meinigen verwandten Lebenswandel erwartet,«

-- da schnitt sie ihm vor Überraschung und Rührung eine Fratze und küßte ihn. Sie ließ kaum seinen Mund los, und er erläuterte schon wieder:

»Was jedoch nicht verhinderte --«

»Na was denn? Was verhinderte es denn nich, Unratchen?«

»-- daß meine zu dir gefaßte Zuneigung mir das Ertragen der dem Grundsatze nach zu billigenden Dinge in diesem konkreten Falle erheblich erschwert hat, ja, daß diese Dinge mir zum Schmerze gereicht haben.«

Sie erriet ungefähr, und hielt ihm ein schmeichlerisch-schiefes Köpfchen hin.

»Denn ich erachte dich für eine solche, deren teilhaftig zu werden nicht so leicht einer verdient.«

Sie ward ernst und nachdenklich.

Unrat beschied sich.

»Mag's denn sein.«

Aber dann, hervorgestoßen, unter dem Ansturm einer schrecklichen Erinnerung:

»Nur einen gibt es, den könnte ich dir nie verzeihn, dessen mußt du dich -- traun fürwahr -- enthalten, den darfst du niemals wiedersehen. Das ist Lohmann!«

Sie sah ihn erschöpft, voller Schweißtropfen, und begriff es nicht, weil sie nichts wußte von dem quälerischen Bilde, das ihn einmal überwältigt hatte -- Lohmanns Bild mit ihrem.

»Ach ja,« äußerte sie. »Auf den bist du immer so wild gewesen. Du wolltest doch Wurst aus ihm machen. Sollst du auch, mein Unratchen, sei man wieder gut. Mir sagt so'n dummer Junge gottlob gar nischt. Wenn ich dir das bloß klarmachen könnte. Aber da gibt's auch nischt was hilft. Man möchte weinen.«

Und sie hatte in Wahrheit Lust dazu: weil sie durchaus keinen Glauben fand in betreff ihrer Herzenskühle gegen Lohmann; und weil sie ganz im Hintergrunde ihres Herzens etwas Lohmann Angehendes ahnte, das ihr die Glaubwürdigkeit eigentlich genommen hätte; und weil Unrat, das dumme alte Kind, so oft und so ungeschickt daran rührte; und weil es im Leben sichtlich den Frieden nicht gab, den sie sich sehnlich wünschte.

Aber weil Unrat die Herkunft ihrer Tränen nicht verstanden haben würde, und weil sie die Lage nicht unnötig verwickeln wollte, versagte sie sich das Weinen.

* * * * *

Übrigens kam jetzt eine schöne Zeit. Sie gingen zusammen aus und vervollständigten Einrichtung und Ausstattung der Künstlerin Fröhlich. In Toiletten aus Hamburg saß sie fast jeden Abend in einer Loge im Stadttheater, und Unrat, an ihrer Seite, empfing mit einer hinterhältigen Genugtuung alle die neidisch-entrüsteten und übelwollend-begehrlichen Blicke, die herüberkamen. Nun ward auch das Sommertheater eröffnet, und man konnte sich, mitten unter die wohlhabende und ehrbare Gesellschaft, in den Garten setzen, Butterbrot mit Lachs essen und sich freuen, daß es einem nicht gegönnt ward.

Die Künstlerin Fröhlich trug kein Bedenken mehr, Unrat den feindseligen Einflüssen auszusetzen. Die Gefahr war überstanden, er hatte ihretwegen seine Entlassung auf sich genommen samt der allgemeinen Ächtung.

Es war ihr anfangs ein wenig unheimlich dabei zumute gewesen. Wie grade sie dazu käme, meinte sie im stillen, daß einer sich ihretwegen so viel auf den Hals lüde. Zunächst zuckte sie die Achseln: »Die Männer sind nu mal so.«

Allmählich sah sie ein, daß er recht gehabt hatte, und daß sie dies und noch mehr wert sei. Unrat wiederholte ihr so standhaft, wie hoch sie stehe und wie wenig die Menschheit ihren Anblick verdiene, daß sie endlich anfing, sich selbst sehr ernst zu nehmen. Es hatte sie noch niemand so ernst genommen, und darum auch sie selbst sich nicht. Sie war dem dankbar, der es sie lehrte. Sie fühlte, daß sie sich bemühen müsse, ihrerseits den Mann recht hoch zu schätzen, der ihr eine solche Stellung anwies. Sie tat mehr: sie strengte sich an, ihn zu lieben.

Plötzlich erklärte sie ihm, sie wolle Lateinisch lernen. Er willfahrte ihr sofort. Sie ließ ihn dann reden, antwortete falsch oder überhörte die Frage und sah ihn nur immer an, voll anderer Fragen an sich selbst. In der dritten Unterrichtsstunde erkundigte sie sich:

»Nu sag mal, Unratchen, was is denn eigentlich schwerer zu kapieren, Latein oder Griechisch?«

»Meistens wohl das Griechische,« entschied er, und darauf sie:

»Denn will ich Griechisch lernen.«

Er war entzückt; er fragte:

»Warum jedoch?«

»Darum, mein Unratchen.«

Sie küßte ihn, und es sah aus, wie die Parodie einer Zärtlichkeit. Und doch war es eine echt gemeinte. Er hatte sie ehrgeizig gemacht; und sie verlangte, ihm zu Ehren, statt des Lateinischen das Griechische, weil es schwerer war. Ihr Verlangen war eine Liebeserklärung -- die vorweggenommene Erklärung einer Liebe, zu der sie sich nötigen wollte.

Schwer genug fand sie's ja, ihr altes Unratchen zu lieben. Griechisch war auch nicht schwerer. Sie strich immer, als wollte sie ihn sich recht zu eigen machen, mit den Fingern um den Umriß seiner hölzernen Maske, um die klappenden Kiefer, die eckigen Höhlen, aus deren Winkeln seine Augen hervorschielten, giftig nach allen andern, und nach ihr voll kindlicher Dienstfertigkeit. Das gab ihr Mitleid ein und leichte Zärtlichkeit. Seine Gebärden und seine Worte, die hilflose Komik der einen und die umständliche Geistigkeit der andern: alles rührte sie. Auch an die Hochachtung, die er verdiente, erinnerte sie sich oft. Aber weiter kam sie nun einmal nicht.

Um den Mißerfolg ihres Gefühls zu vergüten, nahm sie einige Male beim Griechischen allen ihren Verstand zusammen. Unrat rötete sich fleckig und eilte wonnebebend den Partikeln entgegen. Als er den Homer aufschlug und sie zum erstenmal ein μὲν ... δὲ νῦν herauslesen ließ -- als diese geliebten Laute nun wirklich aus dem bunten Gesicht der Künstlerin Fröhlich und von ihren anmutig bemalten Lippen fielen: da klopfte sein Herz. Er mußte das Buch weglegen und sich sammeln. Seine Atmung war noch sehr in Unruhe; er nahm auf dem Tisch die kleine weiche und immer etwas fettige Hand der Künstlerin Fröhlich und sagte, er sei nicht gesonnen, sich auch nur für eine Stunde des ihm erübrigenden Lebens von ihr zu trennen. Er wolle sie heiraten.

Erst verzog sie den Mund zum Weinen. Darauf lächelte sie bewegt, lehnte ihre Wange an seine Schulter und wiegte sich darauf. Das Wiegen ward zum Zucken; ihr Jubel brach aus, sie riß Unrat vom Stuhl, schwenkte ihn umher.

»Nu wer' ich Frau Unrat! Ich lach' mir ja 'n Ast! Frau Professor Unrat -- nee, Raat, bitte, meine Herrschaften.«

Und sie spielte sofort eine würdige Dame, die sich im Sessel niederläßt. Einen Augenblick redete sie vernünftig: nun wolle sie gar nicht mehr ihre neue Wohnung; das Meiste sei doch schon verkauft. Nun wolle sie mit in Unrats Villa vorm Tor, und sie ganz neu einrichten! Dann platzte sie wieder aus. Schließlich beruhigte sie sich, ward nachdenklich aussehn, und äußerte nur noch:

»Was aus 'n Menschen werden kann.«

Als er fragte, ob sie sich freue, und die Dinge sollten doch wohl recht bald von statten gehen, lächelte sie nur noch zerstreut.

Sie schien ihm die folgenden Tage niemals ganz bei der Sache. Zuweilen sah sie geradezu sorgenvoll aus, leugnete es aber standhaft. Sie ging oft aus und ward ungeduldig, wenn er mitwollte. Er war betroffen und empfand dunkel ein peinliches Rätsel. Eines Tages kam er darüber zu, wie sie aus einem niederen Gasthaus trat. Nach einer Weile schweigsamen Nebeneinandergehens versetzte sie geheimnisvoll:

»Es is nich immer alles so, wie mancher woll meint.«

Dies beunruhigte ihn vollends, aber sie wollte sich nicht erklären.

Eines weiteren Tages endlich trippelte, wie Unrat allein und betrübt durch die mittäglich leere Siebenbergstraße ging, ein kleines weißgekleidetes Kind auf ihn zu und sagte mit einem einfältigen Plärrstimmchen:

»Komm nach Haus, Papa.«

Unrat blieb erstaunt stehen und sah auf die kleine, weißbehandschuhte Hand, die das Kind ihm hinstreckte.

»Komm nach Haus, Papa,« wiederholte es.

»Was heißt nun das?« fragte Unrat. »Wo wohnst du denn?«

»Da,« und es zeigte hinter sich.

Unrat sah auf, und da erblickte er an der nächsten Ecke die Künstlerin Fröhlich, mit schmeichlerisch schiefem Köpfchen und mit einer halben Gebärde der Hand, die sich schüchtern ein Stückchen von der Hüfte weg bewegte, als entschuldigte sie und als bäte sie.

Unrat klappte ratlos mit den Kiefern. Auf einmal hatte er begriffen; und das weißbekleidete Händchen, das ihm noch immer hingehalten ward, er nahm es einfach.

XIII

Die Familie besuchte das nahgelegene Seebad. Sie wohnte im Kurhotel und hatte am Strande eines der hölzernen Chalets inne. Die Künstlerin Fröhlich trug weiße Schuhe und weiße Federboas zu weißen Voilekleidern. Sie sah frisch und luftig aus mit dem flatternden weißen Schleier an ihrem _crêpe-lisse_-Hut und mit ihrem weißen Kind an der Hand. Auch Unrat bekam einen weißen Strandanzug. Auf der Bretterpromenade, an den langen Dünen hin, ward ihnen aus allen Holzhütten mit den Operngläsern nachgesehen; und jemand aus der Stadt erzählte Fremden ihre Geschichte.

Wenn das Kind der Künstlerin Fröhlich mit feuchtem Sande buk, mußte es seine Kuchenformen ganz fest halten; denn kaum lief es die unbestimmteste Gefahr, eine davon in Sand oder Wasser zu verlieren, stürzte sich schon irgend ein eleganter Herr darüber her und brachte sie -- nicht dem Kinde, sondern der Künstlerin Fröhlich. Dann nannte er mit einer Verbeugung vor Unrat seinen Namen. Infolgedessen saß die Familie in ihrem Strandhäuschen beim Kaffee nun schon mit zwei Hamburger Kaufleuten, einem jungen Brasilianer und einem sächsischen Fabrikanten.

Die zusammengewürfelte Gesellschaft machte Segelpartien, bei denen allen Herren übel ward, nur Unrat nicht. Er und die Künstlerin Fröhlich lachten einander zu. Das Kind erhielt täglich Pfunde Pralinés, nebst aufgetakelten Schiffchen, hölzernen Schaufeln und Badepuppen. Immer war man guter Dinge. Man ritt auf Eseln, Unrat mit verloren gegangenen Steigbügeln und an die Mähne geklammert, im Galopp bei der Kurmusik vorbei, grade zur Stunde des Konzerts. Die Künstlerin Fröhlich kreischte, das Kind jauchzte, und an den Tischen fielen saure Bemerkungen.

Als noch ein Berliner Bankier mitsamt einer ungarischen Tänzerin dazu kam, nahm die »Rotte Unrat« allen Raum ein, lärmte an der _table d'hôte_, verlangte vom Kapellmeister die Musikstücke, mit denen die Künstlerin Fröhlich in ihrer Laufbahn zu tun gehabt hatte, ließ auf eigene Faust Feuerwerke abbrennen, stellte alles auf den Kopf und stiftete Vergnügen und Empörung.

Unrat war denen, die um seiner Frau willen mit ihm lebten, ein Rätsel. Er gab sich Blößen beim Verzehren mancher Gerichte, fiel auf einer Réunion lang hin, trug seine englischen Anzüge wie eine Verkleidung und schien, wenn man ihn so ansah, kein ernstes Hindernis bedeuten und keine andere Wirkung hervorbringen zu können, als eine durch Kläglichkeit belustigende. Er dünkte einem von Natur immer im Verlieren. Dabei fing man aber, während man mit seiner Frau im besten Flirten war, unversehens einen trocken spöttischen Blick auf, den er einem von hinten widmete. Wenn er das Armband bewunderte, das man seiner Frau schenkte, hatte man auf einmal die Empfindung, man sei hineingefallen. Und noch nach Erlangung nahezu entscheidender Vorteile -- auf einem späten Spaziergang an die See hinunter, allein mit der Frau, während der Gatte mit den andern bei der Bowle saß -- kam man sich bei seinem Gutenachthändedruck wie der Ausgelachte vor und zweifelte nachdrücklich, ob man je ans Ziel kommen werde.

Und man kam nie hin. Denn Unrat verstand es viel zu gut, einen bei der Künstlerin Fröhlich zurückzuwerfen und abzutun. Er verspottete, sobald er mit ihr allein war, die englischen Redensarten der beiden Hamburger, zuckte die Achseln über den Brasilianer, der anstatt flache Kiesel über das glatte Wasser springen zu lassen, Markstücke dazu nahm, und ahmte die feudalen Kopf- und Handbewegungen des Leipzigers nach, beim Anzünden einer Zigarette und beim Öffnen einer Flasche. Dann lachte die Künstlerin Fröhlich. Sie lachte, ohne daß Unrats Gründe für die Verächtlichkeit von alledem sie recht überzeugt hätten. Auch brachte er eigentlich nichts vor, als daß die Griechen das nicht so gemacht haben würden. Aber wer sie zu einem Gelächter aufforderte, dem war sie immer dankbar. Und überdies ward sie bezwungen von Unrats hartnäckiger und in ihrer Unangreifbarkeit beinahe majestätischer Überzeugung, daß kein menschliches Wesen in Frage komme neben ihm und ihr. Im Bann eines Starken, gewann auch sie an Selbstgefühl und Haltung. Zu dem Brasilianer, der an einer einsamen Klippe vor ihr im Sande kniete und die Hände rang, sagte sie, als gingen ihr nun wirklich die Augen auf, im Ton unmittelbarer Anschauung:

»Sie sind =doch= 'n Baffze.«

Dabei hatte es ihr geschmeichelt, daß dieser junge Mensch, der bei einer Familie aus der Stadt zu Gast war, alle seine Bekannten liegen ließ, um mit ihr zu zigeunern und sein Geld auszugeben. Aber er war ein Baffze, kraft Unrats Verfügung.

Er fragte sie nach solchen Abwesenheiten niemals aus. Er zeigte sich nicht beunruhigt, wenn sie zu vorteilhaft angezogen war, wenn ihre Sommerkleider aus Spitzen und leichtem Leinen die Bewerber zu schlau in Atem hielten. Im Gegenteil, indes die Herren draußen warteten, half Unrat der Künstlerin Fröhlich sich schön zu machen und schminkte sie, wie früher in der Garderobe. Er bemerkte mit seinem giftigen Lächeln:

»Das Volk wird ungeduldig. Man müßte Klavier spielen lassen, damit es aushält.«

Oder:

»Wenn du jetzt, halb geschminkt und ihnen unerwartet, den Kopf durch die Tür stecken würdest, ei, da riefen sie denn wohl wieder hohohoho.«

* * * * *

Die Abreise aus dem Seebad erfolgte nicht ohne einen lebhaften Zwischenfall. Am Bahnhof war die ganze »Rotte Unrat«, und der Brasilianer hatte grade erst einige Worte mit der Künstlerin Fröhlich beiseite sprechen können, da keuchte hinkend ein alter Herr herbei, der Makler Vermöhlen, zu dessen Familie der junge Fremde zählte, und versuchte seine Hand auf das Etui in den Händen der Künstlerin Fröhlich zu legen.

Sie hatte es soeben in aller Form von dem Brasilianer geschenkt bekommen. Unrat mußte herzu eilen und die Rechte seiner Frau wahrnehmen. Während der junge Mann, voll Scham, seine ganze Verwandtschaft verleugnete, hielt der alte Vermöhlen in großer Erregung dem Ehepaar Unrat vor, daß sein Neffe in ihrer Gesellschaft schon längst seine Mittel überschritten habe. Diese Brosche habe er nicht mehr kaufen können; leider habe seine schwache Tante ihm das Geld dazu gegeben; es sei aber Vermöhlens Geld gewesen, und darum gelte der Handel nicht.

Unrat versetzte dagegen mit zurechtweisender Ruhe, daß das Geld des Herrn und der Frau Vermöhlen wohl sicher eins und dasselbe sei; daß er auf solche inneren Angelegenheiten der Familie Vermöhlen Rücksicht zu nehmen nicht gesonnen sei; und daß übrigens zum drittenmal geläutet werde. Und seine grauen Finger fest um das Etui, schob er die Künstlerin Fröhlich in den Wagen. Alle schwenkten die Hüte, bis auf Vermöhlen, der mit dem Stock drohte.

Die Künstlerin Fröhlich machte zuerst eine verzagte Bemerkung über das Peinliche und über die möglichen Folgen. Unrat klärte sie über die Grundlosigkeit ihrer Befürchtungen auf. Er setzte hinzu, der Makler Vermöhlen habe Söhne, diese seien ehemalige Schüler, und Unrat habe sie nie »fassen« können. Vermöhlens seien verwandt mit vielen Familien der Stadt.

Die Künstlerin Fröhlich hatte sich beruhigt. Sie zeigte die kleinen Brillanten ihrem Kinde, lachte mit ihm und verhieß:

»Die ollen Anhängsel und Feststecksel sind alle für Mimi, wenn Mimi mal erst 'ne Mitgift braucht.«

Unrat frohlockte, weil die Schüler Vermöhlen nun »gefaßt« waren. Allmählich ward er nachdenklich darüber, daß hier Schülern samt ihrer weitverzweigten Familie ein Schaden erwachsen war, der nicht aus Einsperrung ins Kabuff und nicht aus Vertreibung von der Schule hervorging. Schaden und -- traun fürwahr -- äußerstes Verderben ließen sich also auf andere Weise bewirken als durch Vertreibung von der Schule. Auf neue, unvorhergesehene Weise ...

* * * * *

In der Stadt und in ihrer Villa begann wieder das vorige Leben. Es fehlte an Verkehr. Bis zum Abend, wo man immer ins Theater und ins Restaurant mußte, lag die Künstlerin Fröhlich im Frisiermantel auf allen Möbeln umher. Unrat schlug vor, sie durch Unterricht im Griechischen ein wenig zu zerstreuen. Sie lehnte unbehaglich ab. Eines Abends in einem Lustspiel entdeckte sie in der auftretenden Köchin eine alte Bekannte.

»Das is weiß Gott Hedwig Pielemann, daß sie die hier überhaupt nehmen, die konnte doch nie was.«

Darauf berichtete sie sofort eine Menge Anzügliches aus dem Leben der ehemaligen Kameradin. Und zum Schluß:

»Du, die muß uns besuchen.«

Die Pielemann kam, und die Künstlerin Fröhlich setzte ihr, um sie zu blenden, kleine feine Frühstücke und Soupers vor. Nun lagen auf den Möbeln zwei Damen statt einer, rauchten und erinnerten einander an schon besprochene Erlebnisse. Unrat sah mit schlechtem Gewissen zu, wie sie sich langweilten. Er fühlte die Verpflichtung einzugreifen, und blieb doch ratlos, bedrängt wie er war von geheimen Sorgen. So oft es läutete, fuhr er vom Sitz auf und schlich ganz eilig an die Flurtür. Den Damen fiel es auf, daß er niemals dem Dienstmädchen erlaubte, die Tür zu öffnen.

»Entweder,« sagte die Künstlerin Fröhlich, »er will mich überraschen, oder er betrügt mich. Mein alter Unrat hat es überhaupt faustdick hinter'n Ohren.«

Eines Tages kam ein Brief aus Hamburg, von den beiden guten Freunden. Sie wollten eine Herbstreise machen, zu Schiff an die spanische Küste und bis nach Tunis. Sie verlangten, daß Unrat und Frau mitkämen.

»Na also!« versetzte die Künstlerin Fröhlich. »Das is doch mal was. Wir reisen zu die Wilden. Du mußt mit, Pielemann, schind' Urlaub 'raus. Wir schminken uns alle braun, nehmen Bettlaken um, un ich setz' mir mein Diadem auf, was ich noch hab' von der Zeit her, wie ich Künstlerin war.«

Die Pielemann war bald gewonnen. Unrat ward nicht gefragt. Man wunderte sich nur, daß er so wenig Begeisterung verriet. Er zog es hin, bis die Pielemann gegangen war; dann kam es endlich zu befreienden Geständnissen. Es war kein Geld mehr da.

»Is nich die Möglichkeit! 'n Professor muß doch Geld haben!« rief sie aus.

Unrat lächelte verlegen. Er hatte ja auch dreißigtausend Mark Ersparnisse gehabt. Sie waren dahin; Einrichtung, Toiletten, Vergnügungen. Die laufenden Ausgaben hielten nicht Schritt mit Unrats Pension; sie waren ihr weit voraus. Unrat kramte Mahnbriefe aus, die er an der Tür abgefangen hatte, von Lieferanten aller Art, Restaurateuren, Schneiderinnen. Er erzählte gedemütigt und haßerfüllt von den Schlichen, die er hatte lernen müssen, um das Auftreten des Gerichtsvollziehers hintanzuhalten: nicht mehr für lange.

Die Künstlerin Fröhlich verhielt sich erschreckt und reumütig. Sie habe sich ganz gewiß nichts dabei gedacht. Jetzt habe es aber auch geschnappt, und die beiden Fatzken könnten allein zu den Wilden. Heute Mittag solle es bloß Suppenfleisch geben, obwohl allerdings 'ne Gans schon überm Feuer sei; und zu Abend Schlackwurst, und sie wolle nun auch wieder Griechisch lernen, weil das noch das Billigste sei. Unrat war gerührt, er versicherte, er kenne -- freilich denn nun -- seine Pflicht, der Künstlerin Fröhlich alles zu beschaffen, dessen sie benötige.

»Ach ja,« sagte sie, »die Goldkäferstiefel für sechzig.«

Sie teilte sogleich der Pielemann schriftlich mit: »Wir haben kein Geld.« Der Umstand brachte immerhin Bewegung in ihr Dasein.

Die Pielemann entschied, Unrat müsse Stunden geben.

»Wenn mein Mann hier nur nicht so gräßlich unbeliebt wäre,« meinte die Künstlerin Fröhlich.

Die Pielemann, stolz darauf, einen Dienst leisten zu können:

»Ich schick' ihm meinen Freund. Den kann er meinswegen rupfen, ich drück' 'n Auge zu.«

»Lorenzen, den Weinhändler? Hände weg, das is 'n früherer Schüler von Unrat, er hat mich schon mit angeödet. Du seist ihm recht, sagt er, aber dein Freund käme ihm nich ins Haus ... Un wenn ich ihn auch rumkrieg', Lorenzen wird sich hüten und ihm in die Fänge laufen.«

»Du kennst mich schlecht,« entgegnete die Pielemann. »Ich stelle die Vertrauensfrage: entweder oder.«

Es ward Unrat mitgeteilt, der Weinhändler Lorenzen müsse Griechisch lernen, weil er griechische Weine verkaufe, und Unrat solle ihm Stunden geben. Unrat geriet zunächst in fliegende Unruhe, aber er brachte keine Weigerung vor. Er sprach erregt und mit tückischem Lächeln von den zahlreichen Vergehungen und Auflehnungsversuchen des Schülers Lorenzen, von den Gelegenheiten, wobei Lorenzen ihm seinen Namen gegeben hatte, ohne daß Unrat ihn jemals hatte »fassen« können.

»Ei ei,« bemerkte er dazwischen, »noch ist nichts verloren.« Darauf:

»Du erinnerst dich wohl, meine Liebe, des bei unserer Eheschließung herrschenden Lärmes, des Haufens, der unsern Wagen begleitete --«

»Ja ja, laß man,« machte die Künstlerin Fröhlich, denn die Erwähnung dieser Vorgänge im Beisein der Pielemann beschämte sie.

Unrat, ohne sich stören zu lassen: