Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen
Part 11
Ihr wahrer Beweggrund war einfach, daà sie es für verfrüht erachtete, sich mit ihm zu zeigen. Wenn man sie öffentlich an seiner Seite erblickte, würde man, das sah sie voraus, ihn gegen sie einzunehmen versuchen. Sie war sich noch keines so groÃen Einflusses auf ihn bewuÃt, um all die Geschichten zuschanden zu machen, die er über sie zu hören bekommen konnte. Sie hielt sich wahrhaftig nicht für eine unanständige Person; aber tatsächlich hatte doch jede allerlei Sachen hinter sich -- sie waren ja eigentlich nicht der Rede wert, aber ein Mann, der es ernst meinte, durfte sie nun mal nicht wissen. Wenn die Männer vernünftiger gewesen wären, wieviel leichter hätte man es gehabt. Man hätte seinen kleinen Unrat unters Kinn gefaÃt und ihm einfach erzählt: So und so. Nun aber hieà es schwindeln. Und das Schlimmste war, daà er hierbei auf dumme Gedanken verfallen und sich einbilden konnte, sie suche nur allein zu Hause zu bleiben, um sich ohne ihn zu amüsieren. Und das stimmte weià Gott nicht. Davon hatte sie doch genug und war froh, ein wenig Ruhe zu haben, zusammen mit ihrem komischen alten Unrat, der sich soviel mit ihr befaÃte wie sonst noch nie im Leben einer, und der wirklich -- sie betrachtete ihn manchmal lange und sinnend -- ein feiner Kerl war.
Der Verdacht, den sie fürchtete, war Unrat fremd; er kam nicht darauf.
Andererseits hätte sie dem Gerede der Leute ruhig an seiner Seite trotzen dürfen. Er war stärker als sie meinte. Es traten an ihn Anfechtungen heran, die er überwand, ohne ihr auch nur davon zu reden. Das meiste geschah in der Schule.
* * * * *
Hier wuÃte, dank Kieselack, jedermann Bescheid über Unrats auÃeramtlichen Lebenswandel. Einige jüngere Oberlehrer, noch im Zweifel, welche Gesinnung ihre Karriere mehr befördern könne, wichen ihm aus, um ihn nicht grüÃen zu müssen. Der junge Oberlehrer Richter, der seine Augen zu einem Mädchen aus reicher, Oberlehrern sonst unzugänglicher Familie erhob, grüÃte ihn mit mokantem Lächeln. Andere aber verleugneten ausdrücklich jede Gemeinschaft. Einer sprach vor Unrats eigener Klasse von »sittlichem Un--, vielmehr Kot,« von dem die Schüler sich nicht ergreifen lassen sollten. Es war derselbe Oberlehrer Hübbenett, der sich seinerzeit über Unrats Sohn und seine sittlichen Verfehlungen abfällig geäuÃert hatte: auch damals vor des Vaters Klasse.
Wenn jetzt Unrat den Schulhof betrat, schrie, während der beaufsichtigende Lehrer angewidert wegsah, alles drauf los:
»Oho! Hier riecht es nach sittlichem Unrat!«
Der alte Professor näherte sich, der Lärm schwoll, unter Unrats giftigem Schielen, allmählich ab; dann stellte an seinem Wege sich Kieselack auf und versetzte mit einem Senkblick, langsam und nachdrücklich:
»Vielmehr Kot.«
Und Unrat schlich zusammenzuckend weiter; er konnte es Kieselack nicht beweisen.
Er konnte ihm nichts mehr beweisen, ihn, das fühlte er wohl, niemals wieder fassen: so wenig wie von Ertzum und Lohmann. Er und seine drei Schüler lebten hier auf Grund gegenseitiger Duldung. So besaà Unrat keine Macht dagegen, daà Lohmann sich am Unterricht überhaupt nicht mehr beteiligte und auf einen Aufruf mit seinem schauspielerischen Tonfall entgegnete, er sei beschäftigt. Unrat vermochte wenig gegen von Ertzum, der, erbittert über sein langes fruchtloses Dahocken, seinem Nachbar das Extemporale aus den Händen riÃ, um es abzuschreiben. Unrat muÃte zusehn, wie Kieselack bei allen Fragen seine Mitschüler durch Dazwischenwerfen unsinniger Antworten verwirrte; wie er laute Reden führte, ohne Veranlassung durch die Klasse spazieren ging, ja, mitten in der Stunde eine Prügelei anzettelte.
Lieà Unrat sich einmal von der Panik des bedrohten Tyrannen hinreiÃen und steckte die Aufrührer ins Kabuff, dann ergab sich noch Schlimmeres. Die Klasse vernahm dann das Knallen und Glucksen geöffneter Flaschen, lautes Prostrufen, verdächtiges Kichern, den Schall von Küssen ... Hals über Kopf stürzte Unrat zur Tür und lieà Kieselack wieder herein. Die beiden andern kamen mit, ungebeten, mit drohenden, verachtungsvollen Mienen ...
Für den Augenblick erlitt Unrat zweifellos viel VerdruÃ. Aber was half ihnen das. SchlieÃlich waren doch sie die Besiegten, der Künstlerin Fröhlich nicht teilhaftig Gewordenen. Nicht Lohmann saà bei der Künstlerin Fröhlich im Kabuff ... Unrat schüttelte, kaum daà das Tor der Schule durchschritten war, seinen Unmut ab und lenkte seine Gedanken auf den grauen Rock der Künstlerin Fröhlich, den er von der Waschanstalt abholen sollte, und auf die Bonbons, womit er vorhatte, sie zu überraschen.
Dagegen konnte der Direktor des Gymnasiums nicht länger umhin, einzugreifen in die Zustände der Untersekunda. Er entbot Unrat zu sich ins Amtszimmer und hielt ihm die sittliche Auflösung vor, der seine Klasse sichtlich entgegengehe. Er wolle nicht untersuchen, woher der Ansteckungsstoff komme. Bei einem jüngeren Lehrer würde er dies allerdings untersuchen. Der Herr Kollege aber sei in Ehren ergraut, er möge daher einerseits seiner selbst gedenken, andererseits aber auch des Beispiels nicht vergessen, das er der Klasse schulde.
Unrat sagte darauf:
»Herr Direktor: der Athenienser Perikles hatte -- traun fürwahr -- die Aspasia zur Geliebten.«
Dies passe hier wohl nicht, meinte der Direktor. Und Unrat:
»Ich würde mein Leben -- immer mal wieder -- für nichts erachten, wenn ich den Schülern die klassischen Ideale nur vorerzählte wie müÃige Märchen. Der humanistisch Gebildete darf des sittlichen Aberglaubens der niederen Stände billig entraten.«
Der Direktor, der nicht weiter wuÃte, entlieà Unrat und dachte noch lange nach. Zuletzt beschloà er, das Gehörte für sich zu behalten, aus Furcht, der Laie möchte es in einem für Schule und Lehrerstand unvorteilhaften Sinne auslegen.
Seine Wirtschafterin -- sie hatte an Besuchen der Künstlerin Fröhlich Anstoà genommen -- nötigte Unrat mit triumphierender Ruhe, gegen die ihr Toben sich machtlos brach, zum Verlassen des Hauses. Statt ihrer zog eine Magd aus dem Blauen Engel ein. Sie sah aus wie ein Kehrlappen und empfing den Fleischerburschen, den Schornsteinfeger, den Gasmenschen und die ganze StraÃe in ihrem Zimmer.
Eine Schneiderin, gelblich von Gesicht, der Unrat im Auftrag der Künstlerin Fröhlich oft Besuche machte, hatte sich immer kalt und zurechtweisend verhalten. Eines Tages als Unrat die Rechnung über einen gröÃeren Auftrag eben beglichen hatte, öffnete sie die Lippen. Der Herr Professor solle sich doch man umhören, was die Leute sagten. Wenn das nicht 'ne Schande wäre. In seinen Jahren -- und überhaupt. Unrat schob ohne Erwiderung das kleine Geld ins Portemonnaie und ging. Zur halb zugezogenen Tür lächelte er nochmals hinein und sagte nachsichtig:
»Aus dem für Ihre Worte von Ihnen gewählten Augenblick, gute Frau, ersehe ich, daà Sie die Besorgnis hegten, die allzugroÃe Offenheit Ihrer Rede möchte Ihnen zu pekuniärem Nachteile gereichen. Indessen, fürchten Sie nichts! Sie sollen auch fernerhin für die Künstlerin Fröhlich arbeiten dürfen.«
Und er zog sich zurück.
An einem Sonntagmorgen endlich, während Unrat die Rückseite eines Blattes aus seinen »Partikeln bei Homer« mit dem Konzept eines Briefes an die Künstlerin Fröhlich bedeckte, ward geklopft, und in schwarzem, faltigem Rock und hohem Hut trat Schuhmachermeister Rindfleisch ein. Er machte einen Kratzfuà und sagte befangen, über seinen Spitzbauch weg:
»Herr Professer, Morgen, Herr Professer, ich möcht' man bloà gebeten haben, daà ich an Herrn Professer darf 'ne Frage richten.«
»Nur zu, Meister,« sagte Unrat.
»Ich hab' es mir all lange überlegt, und leicht wird es mir ja auch nich. Bloà daà Gott es nu mal will.«
»Vorwärts denn also, Mann!«
»Besonders, weil ich so was von Herrn Professer doch überhaupt nich glauben kann. Die Leute reden viel über Herrn Professer, das wird Herr Professer woll selbst am besten wissen. Aber glauben soll der Christenmensch es nich. Nöh. Wahrlich nich.«
»Wenn dem so ist,« bemerkte Unrat und winkte SchluÃ, »so mag's denn gut sein.«
Rindfleisch drehte seinen Zylinder, sah zur Erde.
»Ja. Aber Gott will man, daà ich Herrn Professer da an erinner', daà er es nich will.«
»Was will er nicht?« fragte Unrat und lächelte von unten. »Die Künstlerin Fröhlich etwa?«
Der Schuhmacher atmete schwer unter dem Druck seiner Sendung. Seine langen, hängenden Wangen schwankten in seinem Keilbart.
»Ich hab' Sie all mal darin eingeweiht, Herr Professer,« und seine Stimme verdunkelte sich vor Geheimnis -- »daà Gott es nuhr darum erlaubt, auf daà er --«
»Mehr Engel kriegt. Recht so, Meister. Drum will ich denn sehn, was sich tun läÃt.«
Und ohne sein hinterhältiges Lächeln abzulegen, drängte Unrat den Herrnhuter aus der Tür.
* * * * *
So unbefangen und ganz auf der Höhe lebte Unrat dahin -- da platzten schreckliche Ereignisse.
Ein Flurhüter hatte die Anzeige erstattet, daà das Hünengrab im Walde mutwillig beschädigt worden sei. An dem Sonntag, der seiner Schätzung nach der Zeitpunkt des Frevels gewesen war, hatte er eine Gesellschaft von jungen Leuten auf der LandstraÃe getroffen. Nachdem die Staatsanwaltschaft längere Zeit hindurch vergebliche Erhebungen angestellt hatte, erschien eines Montag morgens der Flurhüter zur Seite des Direktors in der Aula des Gymnasiums. Solange die Andacht währte -- mochte nun der Direktor das Kapitel aus der Bibel verlesen oder die Schule einen Choral singen -- musterte der Mann aus dem Volk von der Höhe des direktorialen Podiums die Versammlung. Er wischte sich dabei oft mit dem Handrücken die Stirn, und ihm schien nicht wohl zu sein. SchlieÃlich muÃte er noch hinabsteigen und, geführt vom Direktor, durch die Reihen der Schüler gehn. Er benahm sich dabei als Mensch, der in zu hohe Gesellschaft geraten ist, sah niemand und verbeugte sich vor Ertzum, der ihn auf den Fuà getreten hatte.
Als jede Hoffnung, die Verbrecher im Bereich des Gymnasiums zu entdecken, vorbei schien, machte der Direktor einen äuÃersten Versuch. Er las erst noch ein Extrakapitel aus der Bibel; dann sprach er die Zuversicht aus, dies werde wenigstens einen der Schuldigen gerührt und zur Reue erweicht haben, und er werde sich in seinem Gewissen gedrängt fühlen, in das Sprechzimmer des Direktors zu kommen und seine Mitübeltäter anzuzeigen und der Gerechtigkeit zu überliefern. Zum Lohn für sein aufrichtiges Geständnis solle ihm selbst dann nicht nur die Strafe erlassen, sondern auch ein Geldgeschenk zugeteilt werden ... Hiermit war die Andacht zu Ende.
Schon drei Tage später geschah es, daà Unrat in einer Titus Livius-Stunde, die die verwahrloste Klasse mit Lärm und Nebendingen ausfüllte, jäh vom Katheder emporschnellte und zu schreien anfing.
»Lohmann, Ihre Privatlektüre werden Sie demnächst an einem andern Ort fortsetzen dürfen. Kieselack, Sie haben hier die längste Zeit auf dem Schlüssel gepfiffen. Sie können nun bald daheim -- immer mal wieder -- Ihren Mist fahren, von Ertzum. Weit entfernt, diese drei Verruchten in das Kabuff zu verbannen, das für ihre Verworfenheit einen zu edlen Aufenthalt darstellen würde, will ich vielmehr alles daransetzen, damit ihre Laufbahn den wohlverdienten Abschluà in Gesellschaft gemeiner Diebe und Einbrecher finde. Der Gemeinschaft der Anständigen werden sie nicht mehr lange teilhaftig bleiben, ihre Atemzüge unter uns sind gezählt!«
Zwar erhob sich Lohmann und bat, die Stirne gerunzelt, um eine Erklärung; aber Unrats begrabene Stimme war so voll gewesen von sich sättigendem HaÃ, seine Miene triumphierte so schaurig, daà alle sich geschlagen fühlten. Lohmann setzte sich wieder, mit bedauerndem Achselzucken.
In der nächsten Pause ward er, zusammen mit Kieselack und von Ertzum, zum Direktor beschieden. Bei ihrer Rückkehr erklärten sie mit scheinbarer Geringschätzung, es sei wegen des albernen Hünengrabs. Aber sofort bildete sich ein freier Kreis um sie. Kieselack raunte:
»O Mensch, wer mag uns woll bloà angesagt haben?«
Die beiden andern sahen sich angewidert in die Augen und drehten Kieselack den Rücken zu.
An einem Vormittag fuhren die drei, vom Unterricht befreit, im Gefolge einer Gerichtskommission in den Wald und wurden vor das Hünengrab, den Gegenstand ihrer Gewaltakte, gestellt. Hier erkannte sie der Flurhüter. Die Untersuchung der Angelegenheit trug ihnen noch mehrere schulfreie Tage ein. Endlich betraten sie als Angeklagte das Sitzungszimmer des Landgerichts. Von der Zeugenbank empfing sie Unrats giftiges Lächeln.
Im Saal befanden sich auch Konsul Breetpoot und Konsul Lohmann, und der Staatsanwaltssubstitut konnte nicht umhin, den beiden einfluÃreichen Herren eine Verbeugung zu widmen. Er rang innerlich die Hände über die Torheit des jungen Lohmann und seines Freundes, daà sie sich nicht längst gemeldet hatten. Die Anklagebehörde würde es vermieden haben, an die groÃe Glocke zu rühren. Natürlich hatte man geglaubt, es handele sich um lauter Burschen vom Schlage des Kieselack.
Nachdem in die Verhandlung eingetreten war, fragte der Vorsitzende die drei Angeklagten, ob sie sich schuldig bekennten. Kieselack fing sofort an, zu leugnen. Aber er habe es ja selbst seinem Direktor gestanden und auch im Lauf der Voruntersuchung alles zugegeben. Der Direktor trat vor und bestätigte dies ausführlich. Er ward vereidigt.
»Der Herr Direktor hat gelogen,« behauptete darauf Kieselack.
»Der Herr Direktor hat es aber beschworen.«
»O wei,« machte Kieselack, »denn hat er erst recht gelogen.«
Er hatte die Zügel abgestreift. Davongejagt ward er doch. Und überdies war er erbittert und in seinem Glauben an die Menschen erschüttert, weil er, anstatt die versprochene Belohnung zu erhalten, vor Gericht gestellt worden war.
Lohmann und Graf Ertzum gaben die Tat zu.
»Ich bin es nich gewesen,« quäkte Kieselack dazwischen.
»Aber wir!« entschied Lohmann, peinlich berührt durch diese Kameradschaft.
»Pardon,« bemerkte Ertzum. »Ich hab' es alleine getan.«
»Bitte sehr,« und Lohmann machte ein Gesicht von müder Strenge. »Meinen Anteil an dieser Beschädigung eines öffentlichen Besitztums oder wie man das nennt, muà ich mit aller Entschiedenheit in Anspruch nehmen.«
Von Ertzum wiederholte:
»Ich hab' es ganz alleine kaputt gemacht. Das ist wahr.«
»Mein Lieber, rede keinen Kohl,« bat Lohmann. Und der andere:
»Zum -- nochmal. Du warst ja ein ganzes Stück davon weg. Du saÃest ja mit --«
»Mit wem?« fragte der Vorsitzende.
»Mit niemand -- glaube ich;« und von Ertzum war sehr rot.
»Mit Kieselack, wahrscheinlich,« meinte Lohmann.
Der Staatsanwaltssubstitut fand es angezeigt, die Schuld auf möglichst viele Köpfe zu verteilen, damit für den Sohn des Konsuls Lohmann und das Mündel des Konsuls Breetpoot wenig davon übrig bleibe. Er machte von Ertzum auf die Schwierigkeit seiner vorgeblichen Tat aufmerksam.
»So viel Unfug, wie Sie alleine verübt haben wollen, bringt ja der stärkste Mann nicht fertig.«
»Doch,« entgegnete Ertzum, stolz und bescheiden.
Der Vorsitzende forderte ihn und Lohmann zur Nennung der übrigen auf.
»Sie müssen wohl eine gröÃere vergnügte Gesellschaft gewesen sein,« vermutete er wohlwollend. »Sagen Sie uns nur die Teilnehmer, Sie tun sich und uns einen Gefallen damit.«
Die Angeklagten schwiegen. Die Verteidigung gab zu bedenken, welche vornehme Gesinnung hieraus spreche. Schon während der ganzen Voruntersuchung seien die zwei jungen Leute standhaft geblieben in ihrem Vorhaben, niemand weiter zu kompromittieren.
Auch Kieselack war standhaft geblieben; aber ihm ward es nicht angerechnet. Ãbrigens hatte er sich seinen Streich nur aufgespart.
»Es war also sonst keiner dabei?« wiederholte der Vorsitzende.
»Nein,« sagte Ertzum.
»Nein,« sagte Lohmann.
»Doch!« rief Kieselack im Quetschdiskant des beflissenen Schülers, der »seins« weiÃ. »Die Künstlerin Fröhlich war auch noch mit!«
Und da alles lauschte:
»Die hat es ja überhaupt bloà haben wollen, daà wir das Hünengrab ruinieren sollten.«
»Er lügt,« sagte Ertzum und knirschte.
»Er lügt bei jedem Wort,« ergänzte Lohmann.
»Es is so gewià wahr!« beteuerte Kieselack. »Fragen Sie man Herrn Professor! Der kennt sie am besten.«
Er grinste nach der Zeugenbank.
»Is es vielleicht nich wahr, daà Ihnen die Künstlerin Fröhlich an dem Sonntag durchgegangen is, Herr Professor? Da hat sie mit uns beim Hünengrab Frühstück gegessen.«
Alles blickte auf Unrat, der zerstört aussah, und dessen Kiefer klappten.
»War die Dame dabei?« fragte einer der Richter überrascht und im Tone rein menschlicher Neugier die beiden andern Angeklagten. Sie hoben die Schultern. Aber Unrat brachte hervor, fast erstickt:
»Das ist Ihr Ende, Sie Elender! Rechnen Sie sich -- immer mal wieder -- zu den Toten!«
»Wer ist denn die Dame?« fragte der Staatsanwaltssubstitut, der Form wegen. Denn jeder Anwesende wuÃte von ihr und Unrat.
»Herr Professor Raat wird uns Auskunft erteilen können,« vermutete der Vorsitzende. Unrat gab nur an, sie sei eine Künstlerin. Darauf beantragte der Substitut die sofortige Vorladung der betreffenden Frauensperson, da ein Interesse bestehe, zu ermitteln, inwiefern sie als intellektuelle Urheberin des fraglichen Delikts, für dasselbe mitverantwortlich zu machen sei. Der Gerichtshof beschloà demgemäÃ, und der Gerichtsdiener ward auf den Weg geschickt.
Inzwischen begutachtete der junge Rechtsanwalt, der Lohmann und von Ertzum zu verteidigen hatte, schweigend Unrats Gemütszustand. Er kam zu dem Ergebnis, daà dies der Zeitpunkt sei, ihn sich aussprechen zu lassen; und er beantragte die Vernehmung des Professors Raat über den allgemeinen, geistigen und sittlichen Zustand der drei Angeklagten, seiner Schüler. Das Gericht gab dem Antrag Folge. Der Staatsanwaltssubstitut, der eine für Konsul Breetpoots Schützling und den Sohn des Konsuls Lohmann unangenehme Aussage befürchtete, hatte vergebens versucht, es zu verhindern.
Wie Unrat vor die Schranken trat, ward gelacht. Er war in beängstigender Aufregung, leidende Wut verzerrte ihn, und er sah feucht aus.
»Es ist kein Zweifel erlaubt,« so begann er sofort, »daran, daà die Künstlerin Fröhlich weder bei jener verworfenen Freveltat noch auch überhaupt bei der ganzen verruchten Landpartie beteiligt gewesen sei.«
Er muÃte sich erst vereidigen lassen. Dann wollte er gleich dasselbe noch einmal beteuern. Der Vorsitzende unterbrach ihn wieder; man verlange sein Zeugnis über seine drei Schüler. Da fing Unrat unvermittelt zu schreien an, die Arme aufhebend, und die tiefste Not in seiner begrabenen Stimme, als sei er gegen eine Wand getrieben, finde keinen Ausweg mehr.
»Diese Burschen sind die Letzten des Menschengeschlechtes! Seht sie euch an; so sieht der Nachwuchs des Zuchthauses aus! Von jeher waren es Sobeschaffene, daà sie die Herrschaft des Lehrers nur widerwillig ertragend, Auflehnung gegen dieselbe nicht allein übten, sondern sogar predigten. Dank ihrer Agitation besteht die Klasse zu einem erheblichen Teile aus Elenden. Sie haben alles darangesetzt, um, sei es durch revolutionäre Machenschaften, sei es durch versuchten Betrug und jede andere Betätigung gemeinster Gesinnung, sich der Zukunft würdig zu erweisen, die sich ihnen hier -- traun fürwahr -- erschlieÃt. Dies ist der Ort, wo ich Sie im voraus erwartet habe!...«
Und er wandte sich mit dem Racheschrei eines furchtbar Getroffenen den drei Verführern der Künstlerin Fröhlich zu.
»Von Angesicht zu Angesicht, Lohmann --«
Er begann jeden der drei vor versammeltem Gericht und Publikum zu entblöÃen. Lohmanns Liebesgedichte, von Ertzums nächtliche Ausflüge über die Balkonpfeiler des Pastors Thelander, Kieselacks freches Auftreten in einem den Schülern untersagten Lokal; alles brach hervor, zitternd vor Gewaltsamkeit. Der Ertzumsche miÃratene Onkel ward ausgespien, nebst dem ideallosen Gelddünkel der städtischen Patrizier und dem der Trunksucht verfallenen Hafenbeamten, der Kieselacks Vater war.
Das Gericht war peinlich berührt durch all dies fanatisch Ãberkochende. Der Staatsanwaltsubstitut richtete höflich entschuldigende Blicke an Konsul Lohmann und Konsul Breetpoot. Der junge Verteidiger beobachtete spöttisch und befriedigt die Stimmung im Saal. Unrat belustigte und empörte.
Endlich bedeutete ihm der Vorsitzende, der Gerichtshof sei zur Genüge aufgeklärt über des Professors Verhältnis zu seinen Schülern. Unrat pfauchte ohne zu hören.
»Wie lange noch werden diese katilinarischen Existenzen durch die Last ihrer Schändlichkeit den Erdboden, den sie drücken, beleidigen! Diese nun behaupten, die Künstlerin Fröhlich habe an ihren verbrecherischen Orgien Teil gehabt. Wahrhaftig: es hat diesen nichts weiter gefehlt, als daà sie die Künstlerin Fröhlich antasteten in ihrer Ehre!«
Inmitten der Heiterkeit, die seine Worte bewirkten, brach Unrat fast zusammen. Denn was er sagte, entsprach nicht seinem Innersten. Dort war er versichert, die Künstlerin Fröhlich, die er an jenem Wahlsonntag aus den Augen verloren hatte, sei beim Hünengrab gewesen. Noch mehr. Ein fliegender Ãberblick über bisher nicht gewürdigte Umstände machte ihn atemlos. Die Künstlerin Fröhlich hatte sich immer geweigert, mit ihm auszugehen. All ihre Vorwände, um allein zu Hause zu bleiben, was verbargen sie?... Lohmann ...?
Er stürzte sich von neuem auf Lohmann und rief ihm zu, daà die Macht seiner Kaste eine zu brechende sei! Aber der Vorsitzende forderte ihn auf, an seinen Platz zurückzukehren, und befahl, die Zeugin Fröhlich hereinzurufen.
Ihr Erscheinen erregte Gemurmel; der Vorsitzende drohte, den Saal räumen zu lassen. Man beruhigte sich; denn sie gefiel. Sie war in ihrem grauen Tuchkostüm von sympathisch ruhiger Eleganz, hatte sich schlicht frisiert, einen Hut von mäÃigem Umfang und mit einer einzigen StrauÃenfeder aufgesetzt und nur ganz wenig Rot im Gesicht. Ein junges Mädchen äuÃerte sich zu ihrer Mutter laut darüber, wie das Fräulein schön sei.
Sie trat unbefangen vor die Richter hin; der Vorsitzende empfing sie mit einer leichten Verbeugung. Auf Antrag des Staatsanwaltsubstituts ward sie unbeeidigt vernommen und erklärte freimütig, mit einnehmendem Lächeln, daà sie allerdings an jener Landpartie teil genommen habe. Kieselacks Verteidiger glaubte endlich auftrumpfen zu können.
»Ich mache darauf aufmerksam, daà unter den drei Angeklagten nur mein Klient es war, der der Wahrheit die Ehre gegeben hat.«
Aber niemand interessierte sich für Kieselack.
Der Substitut meinte, nun sei die Beeinflussung erwiesen, und für das Delikt, das die beiden jungen Leute aus bloÃer, begreiflicher Galanterie auf sich zu nehmen versucht hätten, entfalle die intellektuelle Urheberschaft voll und ganz auf die Zeugin Fröhlich. Kieselacks Verteidiger benutzte die Gelegenheit, um zu bedenken zu geben, wie sehr auch das, er müsse es gestehen, unsympathische Auftreten seines Klienten begründet sei in der Korruption, die der Verkehr mit einer der Klasse der Zeugin angehörigen Frauensperson bei jungen Leuten hervorzubringen wohl geeignet sei.
»Was sie mit den ollen Hünengrab gemacht haben,« sagte darauf leichthin die Zeugin Fröhlich, »das is mir dunkel und kann es auch bleiben. Ich weià nur -- was nämlich die Korruption betrifft, wovon der Herr geredt hat -- daà an dem bewuÃten Sonntagnachmittag einer von den jungen Herrn mir 'n regelrechten Heiratsantrag gemacht hat, und daà ich bedauert hab', nich Folge geben zu können.«
Man lachte und schüttelte die Köpfe. Die Zeugin Fröhlich hob die Schultern, sah aber keinen der drei Angeklagten an. Auf einmal sagte Ertzum, rot übergossen:
»Die Dame hat wahr gesprochen.«