Part 4
Als der getäuschte Fürst also sprach, ahnte er freilich nicht, wie sich diese Verhältnisse so ganz anders gestalten und entwickeln sollten, als er voraus gesehen, ahnte er nicht, daß er durch das Eingehen auf des Chevaliers Vorschlag selbst in eine Lage gerathen könnte, die seinen Charakter in hohem Grade herausfordern und durch welche er verleitet werden sollte, alles Unheil über die edelsten Herzen zu verhängen.
Noch weniger ahnten diejenigen ihr Verhängniß, die unter duftenden Blumen ein süßes Wiedersehen feierten.
Sich nur der reinsten Empfindungen bewußt, schon reich beglückt, die Nähe des Geliebten theilen zu dürfen und durch eigenes Bemühen dessen Stunden mit den lautersten Freuden zu verschönen, genossen sie dieses Wiedersehen in dem Bewußtsein, keine Einbuße an ihrem sittlichen Gehalt zu erleiden, wenn sie auch die Verhältnisse nöthigten, sich des Geheimnisses als ein Mittel dazu zu bedienen.
Wir haben des Grafen edeln Charakter kennen gelernt und auch erfahren, daß er zum Wohl Sidoniens gegen seine Grundsätze sich für die Wiederkehr zu ihr bestimmte. Er gestand sich freilich ein, daß er damit auch dem Verlangen seines eigenen Herzens genügte, das seine Forderungen eben so sehr geltend machte, wie das Sidoniens. Aber wir haben auch erfahren, daß er hinreichende Willenskraft besaß, über seine Empfindungen zu herrschen, und zu entsagen, wo es die Nothwendigkeit gebot, und seine Wiederkehr lediglich durch die Ueberzeugung bestimmt wurde, der unglücklichen Geliebten die rettende und tröstende Hand zu bieten, um sie nicht in dem ihr bereiteten Kummer hinsiechen zu lassen.
In diesem Umstande fand der Graf die ihm so nothwendige Beruhigung hinsichts seines Handelns. Und so konnte ihr Wiedersehen nur ein glückliches sein.
Sidonie pflegte in der Winterszeit sich sehr viel in dem Blumenzimmer aufzuhalten, das ihr einen Ersatz für den Garten und Park bieten mußte.
Sie fühlte sich unter den Blumen und Pflanzen wohler als in ihrem Gemach, und ihre Vorliebe für diesen Aufenthalt hatte die sorgfältigste Pflege der Pflanzen und eine bequemere Anordnung in demselben veranlaßt. Es konnte also aus diesen Gründen ihr Verweilen daselbst um eine spätere Stunde nicht auffallen, und um so mehr glaubte sich daher Aurelie berechtigt, ihr diesen Ort zum Empfang des Grafen zu bezeichnen.
Ungefähr eine Stunde vor der zu dem letzteren bestimmten Zeit hatte sich Sidonie mit der Freundin dahin begeben, dem frohen Augenblick mit bewegtem Herzen entgegen harrend. Wie gewöhnlich vernahm man nicht das geringste Geräusch von dem Treiben der Bewohner des Palais. Der Prinz hatte das letztere bereits verlassen, und die in den Nebengebäuden wohnenden Personen, so wie die in dem Palais verweilenden Diener, gewöhnt, durch den Dienst um diese Zeit nur wenig in Anspruch genommen zu werden, suchten die Zeit durch Plaudern mit ihren Genossen angenehm zu verkürzen. Nur das leise Rauschen der Bäume im Park unterbrach die überall in dem Palais herrschende angenehme Stille.
Störungen durch Besuche hatte Sidonie nicht zu befürchten, da sie dergleichen um diese Zeit nicht erwarten durfte und nur an den Gesellschaftsabenden empfing, wenn sie es nicht, wie heute, für gut fand, eine Ausnahme davon zu machen.
Endlich verkündete eine in der Nähe befindliche Uhr die ersehnte Stunde, und Aurelie begab sich nach ihrer Wohnung, um den Grafen daselbst zu erwarten und von da aus, wie ehemals, Sidonien zuzuführen. Auch dieses Mal gelang es Aureliens Klugheit und Fürsorge, den Freund ohne jedes Aufsehen zu empfangen, worin die Dunkelheit des Abends sie überdies wesentlich unterstützte.
Bald stand der Graf Sidonien gegenüber, die lieberfüllten Blicke in ihre freudig erglänzenden Augen tauchend und die sich ihm bebend entgegen streckenden Hände mit den seinen umfassend.
Sie wußten, daß der Ausdruck ihrer Empfindungen nicht weiter gehen durfte, und hielten sich darum für sicher, durch die letzteren nicht überrascht zu werden, weil sie es nicht billigten, und dennoch folgte Sidonie dem sanften, vielleicht unwillkürlichen Zuge seiner Arme, dennoch sank ihr Haupt an seine Brust, dennoch hauchte der Graf einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn. Einen Augenblick jedoch nur faßte ihr Glück ein; alsdann erhob Sidonie das erröthende Antlitz zu ihm auf und schaute ihn an. Sie verstanden sich nur zu wohl, und wie abbittend neigten sich des Grafen Lippen auf ihre Hand, die er nicht lassen mochte. Dann führte er sie zu ihrem Fauteuil zurück und setzte sich neben sie.
»Sind Sie mir böse, daß ich mein Versprechen nicht zur rechten Zeit erfüllte?« fragte er, nur mühsam seine Bewegung beherrschend, die sich in seiner unsichern Stimme verrieth.
»Wie sollte ich?! Doch verhehle ich Ihnen die Betrübniß nicht, die ich darüber empfand. Doch jetzt ist ja wieder Alles gut. Sie sind hier und, was das Angenehmste ist, Sie bleiben nun bei uns für lange Zeit,« entgegnete Sidonie einfach, aber in einem so herzlichen Ton, der besser als ihre Worte das ganze große Glück bezeichnete, das ihrer Seele durch diese Gewißheit und seine Gegenwart gewährt worden war.
»Soll ich mich durch die Versicherung entschuldigen, daß meine Geschäfte meine Abreise verhinderten?« fragte der Graf.
»O nein, nein! Keine Entschuldigung! dessen bedarf es nicht und ich habe kein Recht, eine solche von Ihnen zu verlangen. Weiß ich doch nur zu wohl, wie viele mir unbekannte Opfer Ihre Güte mir schon gebracht hat!« entgegnete Sidonie, ihm liebevoll in das Antlitz schauend.
»Sie irren, meine Freundin, und ich bitte Sie, mich nicht durch unverdientes Lob zu beschämen,« fiel der Graf ein.
»Dennoch müssen Sie mir gestatten, jener Opfer zu gedenken! Es ist das eine Nöthigung meines Dankgefühls und Sie sollen darin zugleich erkennen, daß ich nicht zu selbstsüchtig bin. Ach, ich bin zu arm, um Ihnen in einer andern Weise danken zu können, und so thue ich es wenigstens durch dieses Bekenntniß.«
Sie hatte vor seiner Ankunft ein paar Erika- und Granatblüthen gepflückt und, zum Sträußchen vereint, an die Brust gesteckt; sie nahm dasselbe jetzt und reichte es ihm stumm aber mit dem innigsten Blick dar.
Schweigend empfing der Graf die Gabe, so einfach, so gewöhnlich, und dennoch wie bedeutsam, da sie an der Geliebten Brust geruht hatte.
Nach kurzer Pause bemerkte Sidonie:
»Sie werden sehen, in welcher Art ich Ihre Reisegeschenke aufbewahrt habe. O, diese haben mir während Ihrer Abwesenheit manche angenehme Stunde gewährt, indem sie die Erinnerung an ihre so interessanten Mittheilungen erneuten und mir dadurch den Anlaß boten, mich durch Lectüre über ihre Reisen näher zu unterrichten.«
»Ich habe das erwartet, meine Freundin, und um so mehr bedauert, Ihnen die Mühe des Lesens nicht durch meine Mittheilungen ersparen zu können,« fiel der Graf ein.
»Wir werden Ihre Güte darum doch in Anspruch nehmen; denn wir sind wenig durch die Lectüre befriedigt worden. Nicht wahr, Aurelie?« bemerkte Sidonie mit einem Blick auf die in der Nähe sitzende Freundin.
»Es ist so, lieber Graf, und so werden Sie Sidoniens Wunsch natürlich finden,« bemerkte Aurelie.
»Dessen Erfüllung mir gewiß großes Vergnügen bereiten wird,« fiel Römer ein.
»O,« erwiderte Sidonie, »schelten Sie uns nur nicht zu selbstsüchtig; wir sind auch bedacht gewesen, Ihnen kleine Erheiterungen zu bereiten, und ich denke Ihnen noch heute den Beweis dafür durch mein Harfenspiel zu geben.«
»In der That? Sie haben sich in so gütiger Weise meiner Vorliebe für Ihr Spiel erinnert?« fragte der Graf, durch das Vernommene in der angenehmsten Weise überrascht.
Die Unterhaltung lenkte sich jetzt auf den herzoglichen Hof und Sidonie bat den Grafen, ihnen über die Heimath Näheres mitzutheilen, welchen Wunsch derselbe gern erfüllte. -- Es knüpften sich daran viele Fragen, die Heimath betreffend, und in dem angenehmen Genuß an einander und unter ihrem belebten Gespräch war die Zeit des Alleinseins früher verflossen, als man es erwartet hatte, woran sie die Meldung von der Ankunft des Prinzen Leonhard mahnte. Aurelie führte den Grafen auf dem früheren Wege nach ihrer Wohnung zurück, woselbst er sie verließ, um sich darauf in der üblichen Weise bei der Prinzessin melden zu lassen. Die spionirenden Diener wurden dadurch in der gewünschten Weise getäuscht, indem sie also zu dem Glauben genöthigt wurden, der Besuch des Grafen habe Aurelien gegolten. Sidonie eilte mit freudigem Herzen zu ihrem Bruder, der, durch ihre Einladung ein wenig überrascht, sich nach der Veranlassung derselben erkundigte.
»Ich habe Dir heute eine angenehme Ueberraschung zugedacht,« entgegnete Sidonie heiter und führte ihn darauf in das Gesellschaftszimmer, woselbst der Graf bereits ihrer harrte.
Der Prinz freute sich herzlich über dessen Wiederkehr, die ihm noch unbekannt gewesen und auf welche er nicht mehr gehofft hatte, da der Graf so lange ausgeblieben war; so konnte es nicht fehlen, daß die übrigen Abendstunden, durch Sidoniens Spiel, ihres Bruders Heiterkeit und die lebhafte Theilnahme der Freunde verschönt, nur zu rasch und sehr angenehm dahin gingen.
»Auf baldiges Wiedersehen unter Blumen!« flüsterte Sidonie dem Grafen zu, als sie von einander schieden, in Beider Herzen süßes Glück und frohe, liebliche Hoffnungen.
Drittes Kapitel.
Vor einem bis zum Boden reichenden prachtvollen venetianischen Spiegel stand ein reizendes Mädchen im Negligé und betrachtete sich, wie es schien, mit großer Selbstzufriedenheit.
Das volle dunkle Haar, bereits geordnet, war, gegen die herrschende Mode, nicht durch Puder, noch durch die damals übliche hohe Frisur verunstaltet, sondern fiel in glänzenden Locken zwanglos auf Schultern und Nacken. Das Mädchen wiegte behaglich den Kopf hin und her, sprach und lächelte mit ihrem Spiegelbilde, wobei sie das Seidenmäntelchen allmälig abstreifte und zu Boden fallen ließ, und dadurch Büste und Arme von der Hülle befreite.
»Das bist Du selbst, die Mariane aus dem Walde, die man hier gnädiges Fräulein nennt und die es auch bald wirklich sein wird, vielleicht noch mehr. So sagt es der Prinz, und die Voisin meint es auch und erzeigt Dir großen Respect, und das will etwas sagen.« -- Sie sprach das mit selbstgefälliger Wichtigkeit und fuhr, indem sie die mit seidenen Hackenschuhen bekleideten Füßchen gegen den Spiegel streckte und betrachtete, also fort: »So bist Du noch der ehemalige Waldvogel, wie der Prinz sagt, aber bald soll der Vogel verschwunden sein und das gnädige Fräulein zum Vorschein kommen. Pass’ auf!«
Und sie trippelte auf dem schwellenden Teppich nach einem chinesischen Tischchen, auf welchem sich allerlei Schmucksachen in zierlichen Etuis befanden, öffnete diese, stellte sie zusammen und ergötzte sich alsdann an dem Gefunkel der Edelsteine, Perlen und dem Glanz der goldenen Zierrathen.
»O, welch’ eine Pracht, welch’ eine Herrlichkeit, und Alles, Alles ist mein und dazu noch die schönen Kleider von Sammet und Seide!« Also rief sie mit freudigen Blicken, nahm darauf ein kostbares Halsband, eilte damit an den Spiegel, legte es sich um und bewunderte dessen Schönheit. Ebenso that sie mit einem Paar Armbändern und Ringen, ohne sich bewußt zu werden, wie wenig ihr knappes Unterkleid, das die Gestalt und die seidenen Zwickelstrümpfe nur zum Theil verhüllte, zu diesem kostbaren Schmuck paßte. Daran schien sie jedoch nicht zu denken. Und warum sollte sie auch? Einen Lauscher hatte sie in ihrer einsamen herrlichen Wohnung nicht zu fürchten; die dem Kamin entströmende Wärme und der rings verbreitete Wohlgeruch thaten ihr wohl: warum sollte sie sich also nicht nach ihrem Behagen die Zeit verkürzen. -- Bis zu dem Besuch des Prinzen war es noch lange hin. Er wollte heute zwar früher als gewöhnlich kommen, um mit ihr das Diner einzunehmen, doch blieb ihr trotzdem noch immer Zeit genug zum Ankleiden übrig.
Nachdem sie in der angegebenen Weise eine Stunde und länger vertändelt und dabei die Schmucksachen angelegt hatte, klingelte sie nach ihrer Dienerin, um sich ankleiden zu lassen.
»Welche Robe und welches Unterkleid befehlen Euer Gnaden?« fragte das Mädchen.
»Sieh, das weiß ich selbst noch nicht; darum bringe vorläufig ein paar Anzüge her, ich will sie anlegen und sehen, welcher mir am besten gefällt,« entgegnete Mariane in durchaus anspruchsloser Weise und ohne die Herrin geltend zu machen.
Ihr Befehl wurde sogleich erfüllt und die Dienerin erschien nach wenigen Augenblicken mit den verlangten Anzügen, die Mariane der Reihe nach anlegte und von welchen eine ganze Menge ihren Körper noch nicht berührt hatten.
Bald war ein luxuriöser Reichthum an kostbaren Sammet- und Seidengewändern, nicht minder kostbaren Spitzengeweben und ein Ueberfluß an allen möglichen Toilettengegenständen vor ihr ausgebreitet, wozu endlich aus Mangel an Raum selbst der Boden benutzt werden mußte, und inmitten diesem Meer von Farben, Glanz und Pracht stand Mariane in dem Unterkleide da, ohne daß ihre Schönheit durch die Einfachheit desselben und die herausfordernde Umgebung beeinträchtigt wurde.
Jeder Anzug wurde vor dem Spiegel geprüft, um sich zu überzeugen, wie er ihr ließ, mit der Dienerin besprochen, Unter- und Oberkleider gewechselt, verschieden zusammengestellt, und Marianens Herz hatte an Alledem seine rechte Freude.
Aber nicht allein durch den Besitz so reicher Gewänder war diese Freude erzeugt, sondern die Eitelkeit und Selbstgefälligkeit hatten ihren guten Theil daran. Mariane war sich bewußt geworden, in dem Staat nicht übler auszusehen, wie die vornehmen Damen bei Hofe und in der Stadt, ja vielleicht noch viel besser und schöner. Denn sie brauchte keine Schminke, um ihrem Antlitz Frische zu verleihen, die hatte ihr die Natur gegeben; eben so wenig durfte sie das Augenlid dunkeln, damit der Blick glänzender erschien; ihr Auge funkelte und glänzte, wie die Diamanten in ihrem Halsband. Und die Robe durfte auch nicht zu tief fallen, um einen plumpen Fuß zu verhüllen, denn sie konnte nicht nur ihr Füßchen, sondern auch noch ein wenig von den Zwickelstrümpfen sehen lassen: Fuß und Bein waren darnach.
Alle diese angenehmen Erwägungen gingen ihr während des Anprobirens durch den Kopf, bis eine prachtvolle purpurrothe Sammetrobe, das kurz vorher empfangene Geschenk des Prinzen, ihr ganzes Interesse beanspruchte. Sie gefiel sich darin so außerordentlich, daß sie erklärte, dieselbe am heutigen Tage tragen zu wollen.
»O, Euer Gnaden nehmen sich darin wie eine Prinzessin aus!« schmeichelte die Dienerin, an dem Anzuge nestelnd und alsdann einen kostbaren Spitzenkragen hinzufügend.
»Und sieh nur, wie die Steine doppelt prächtig in dem Widerschein der Robe funkeln!« rief Mariane erfreut und sich in dem Spiegel betrachtend. »Ja, ich bleibe in dem Anzuge, will darin den Prinzen empfangen und mit ihm speisen. O, das wird ihm gefallen!«
Und so geschah es auch, nachdem die Dienerin sich bemüht hatte, den Anzug in der geschmackvollsten Weise zu ordnen.
Das eitle Kind vermochte sich von dem Spiegel nicht zu trennen, so sehr behagte es ihr in diesem prächtigen, anspruchsvollen Kleide, in welchem sie sich wie eine Prinzessin ausnahm.
Während sie sich in solcher Weise beschäftigte, entdeckte sie plötzlich, daß ihr Haupt ohne jede Zier war; das gefiel ihr durchaus nicht; aber sogleich machte sich ihre Vorliebe für Blumen geltend, und sie eilte nach einem mit den schönsten Blumen geschmückten Zimmer und pflückte sich hier, was ihr zusagte, und wand sich alsdann einen duftigen Kranz, den sie vor dem Spiegel sorgfältig auf das Haupt drückte.
O, wie herrlich paßte derselbe zu ihrem Anzuge! Wie viel schöner erschien sie sich jetzt selbst! Der Kranz erst hatte dem Anzug den rechten Abschluß gegeben. O, wie würde und mußte sie dem Prinzen gefallen!
Das Eintreten der Madame Voisin unterbrach sie in dem Betrachten ihrer Person.
»Was ist das, Fräulein?!« rief diese voll Ueberraschung aus, als sie den ungewöhnlichen Anzug sah.
»Nicht wahr, ich gefalle Ihnen in dieser Robe?« fragte Mariane unbefangen und freundlich.
»Gewiß, Fräulein; er steht Ihnen vortrefflich. Doch müssen Sie sich bald umkleiden, damit Sie der Prinz nicht darin findet,« bemerkte Madame Voisin.
»Und warum soll er mich nicht in diesem prächtigen Kleide, das mir so gut steht, sehen?« fragte Mariane überrascht.
»Das dürfte ich Ihnen kaum noch sagen; wissen Sie doch, daß er Sie am liebsten in einem einfachen Anzuge sieht.« --
»Das thut er nur, weil er glaubt, ein vornehmer Anzug würde mich nicht gut kleiden.« --
»Das glaube ich nicht, sondern vermuthe, Sie gefallen ihm am meisten in einer bescheidenen Tracht.« --
»So soll er sehen, daß ich auch in schönen Kleidern nicht häßlicher, sondern vielleicht noch schöner bin! Wozu hätte ich sie denn, wenn ich mich damit nicht schmücken dürfte?!« --
»Sie vergessen, daß der Prinz sich an den prächtigen Toiletten schon lange satt gesehen hat.« --
»Möglich. Doch ich sage Ihnen, Madame, nicht an den Kleidern, sondern an den Personen hat sich der Prinz übersättigt, und ich denke Ihnen den Beweis dafür heute zu liefern,« erörterte Mariane in sehr bestimmtem Ton.
»Versuchen Sie es; es könnte sein, daß ich mich täusche. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so vergessen Sie nicht, dem Prinzen meine Mißbilligung Ihres Anzugs zu erkennen zu geben, damit er mir keine Schuld beilegt.«
»Besorgen Sie nichts, liebe Voisin; das ist ~meine~ und nicht ~Ihre~ Sache!«
»Das weiß ich wohl; jedoch glaubte ich, Ihnen meinen Rath nicht vorenthalten zu dürfen,« bemerkte Madame Voisin begütigend.
»Nun, schon gut, schon gut!« fiel Mariane ein und fügte hinzu: »Warum soll ich dem Prinzen nicht zeigen, daß es nur eines passenden Anzugs bedarf, um einer vornehmen Dame zu gleichen? Bin ich etwa häßlicher als seine Frau oder die Hofdamen und hohen Fräulein der Grafen und Barone?«
»Ei bewahre, meine Beste; vielmehr sind Sie noch vielmal schöner!« beeilte sich Madame Voisin zu entgegnen.
»Nun also?! So könnte ich mich auch vor ihnen sehen lassen und Keiner dürfte sagen: ich wäre nur aus dem Walde« -- fuhr Mariane in verweisendem Ton fort.
»Gewiß, gewiß!« betheuerte Madame Voisin.
»Nun hören Sie, liebe Voisin, was ich mir ausgedacht habe. Ich will den Prinzen überraschen; darum sagen Sie ihm nichts von meinem Anzuge, wenn er kommt, hören Sie?!«
Madame Voisin versicherte, ihren Wunsch genau zu erfüllen, worauf sich Mariane nach ihrem Boudoir begab. Dasselbe enthielt außer Blumen noch eine Volière, angefüllt mit farbenprächtigen ausländischen Vögeln, einem sprechenden Papagei, der auf einer vergoldeten Stange saß, und ein paar allerliebsten Aeffchen, die unter hochstämmigen Pflanzen auf einem dürren Bäumchen ihre Wohnstätte hatten. Man sieht, Marianens Boudoir war eine kleine Natur-Wildniß und bot einen ziemlich schroffen Gegensatz zu den zierlichen Boudoirs anderer Damen dar.
Mariane hatte sich lediglich in der Absicht dahin begeben, um sich ihren Lieblingen in dem prächtigen Anzuge vorzustellen; derselbe versetzte auch namentlich den Papagei und die Affen in eine so große Aufregung, daß sie mit diesen Complimenten wol zufrieden sein konnte.
Das Gezwitscher der Vögel, das Gekrächze und Schnurren des Papageis und der Affen war fast ohrbetäubend, aber um so ergötzlicher für Mariane, die sich unter ihren Lieblingen sehr behaglich fühlte, besonders wenn diese sich in so lebhafter Weise geltend machten, wozu sie der farbenvolle Anzug und das Blitzen der Edelsteine herausforderte.
Während sie sich mit den Thieren unterhielt, Fragen an sie richtete, ob sie ihnen gefalle, und sich in solcher Weise die Zeit verkürzte, war Madame Voisin nach dem Speisezimmer gegangen, um noch allerlei Anordnungen zu dem Diner zu treffen. Ein gedankenvoller Zug machte sich dabei in ihrem Antlitz geltend, der durch Marianens Verhalten gegen sie hervor gerufen worden war.
»Ja, ja,« dachte sie, »ich habe mich in meinen Erwartungen hinsichts dieses Mädchens nicht getäuscht. Ihre heutigen Worte und ihr befehlendes Benehmen, das sie mit dem fürstlichen Anzuge angenommen, beweisen mir das. Wol hat sie Recht; sie ist schöner als alle Anderen; daß sie dies jedoch erkannt hat, darin liegt eben ihre Macht, und ich würde mich wundern, sollte sie nicht einen gewichtigen Einfluß auf den Prinzen -- den künftigen Regenten! -- gewinnen. Ich muß diese Umstände wohl beachten; denn wer kann wissen, zu welchem Ende diese Liebschaft führt. Ja, ja, sie ist reizend, und mir däucht fast, sie ist noch klüger als schön; denn wie sehr hat sie sich in den wenigen Monaten ihres Hierseins schon geändert, und wie vortrefflich versteht sie es, den Prinzen zu behandeln, daß er sich nur bei ihr glücklich fühlt und darüber Frau und Kind und alle Staatsgeschäfte vergißt.« --
Also bedachte Madame Voisin die Verhältnisse, und nach dem Erfahrenen dürfen wir ihr nur beipflichten. Mariane beherrschte in der That schon den Prinzen, ohne daß sie und dieser selbst eine Ahnung davon hatten.
Sie hatte sich mit überraschender Schnelligkeit in die ihr durchaus neuen Verhältnisse zu schicken gewußt, nicht minder schnell hatte sie die Scheu vor der Hoheit abgelegt und sich bemüht, dieser die Wünsche und Schwächen abzulauschen und ihr in der angenehmsten Weise entgegen zu kommen.
Ihr lebhaftes Naturell, ihr Witz und Verstand leisteten ihr dabei wesentliche Hilfe, und gleich einer Scheherezade wußte sie den Prinzen durch allerlei Nichtigkeiten so angenehm zu unterhalten, daß ihm die Zeit bei ihr wie im Fluge dahin zu eilen schien.
Was den Prinzen jedoch ganz besonders an sie fesselte, war ihre Wißbegier, wodurch sie ihn stets herausforderte und die ihn veranlaßte, sie über tausend Dinge aufzuklären. Ihre ungewöhnliche Fassungskraft und die lebhafte Phantasie, die unaufhörlich neue Gedanken und Erfindungen in ihr erzeugte, waren der reiche Quell, aus denen sie die Stoffe der Unterhaltung schöpfte und wodurch sie zugleich des Prinzen Bemühen um sie angenehm machte. Sie gab geistig fast mehr, als sie empfing, und verhütete dadurch jede Anstrengung, die der Prinz nicht liebte, und traf also ganz des Letzteren Geschmack.
An die Waldeinsamkeit gewöhnt und von einem verschwenderischen Luxus umgeben, der ihr ganz neue Genüsse gewährte; durch Spazierfahrten mit Madame Voisin und den näher bezeichneten Zeitvertreib mit ihren Lieblingen ergötzt, fühlte sie sich befriedigt. Der Unterricht im Gesang und der Musik und des Prinzen Besuche trugen dazu gleichfalls nicht unwesentlich bei, indem sie sich dabei sehr gut unterhielt. Dies war dem Prinzen aus den bekannten Gründen sehr erwünscht und um so inniger gab er sich dem Mädchen hin, das ihn mit jedem neuen Tage mehr an sich fesselte. Zugleich war er bemüht, das Geheimniß seiner Liebe zu bewahren, welches seinen Genüssen einen eben so neuen, als eigenthümlichen Reiz verlieh. So wird es denn auch nicht überraschen, ihn, tief in einen Mantel gehüllt, nach dem Ufer des Sees fahren und an einer bestimmten Stelle aussteigen zu sehen.
Während der Wagen zurückkehrte, schlug der Prinz einen nach dem Seeufer führenden Pfad ein. Daselbst angelangt, wurde er von zwei Männern empfangen, die seiner mit einer bedeckten Gondel harrten. Nach einem leichten Kopfnicken begab sich der Prinz in das Fahrzeug, das, durch die Ruder der Leute rasch fortbewegt, bald über den See geräuschlos dahin glitt.
Nach kurzer Zeit erreichten sie das entgegengesetzte Ufer, woselbst die Gondel an dem zu der Villa gehörigen Garten hielt, der hier bis in den See lief. Kaum landete das Boot, so verließ der Prinz dasselbe und ging rasch durch die einsamen Gänge nach dem Hause.