Prinzessin Sidonie (Band 2/3)

Part 2

Chapter 23,616 wordsPublic domain

»Nun, nun, ich verlange keine Indiscretion! Aus den Wirkungen pflegt man gemeinhin auf die Ursachen zu schließen, und wenn ich diesen Satz auf den Prinzen anwende, so komme ich zu der Voraussetzung, daß des Prinzen Geliebte ein ganz besonderes Mädchen sein muß, da sie es verstanden hat, den flatterhaften Mann so sehr zu verwandeln. Der Fürst ist damit zufrieden, da diese Liaison so vortheilhaft auf den Prinzen gewirkt hat. Nun, wir werden hoffentlich bald Näheres darüber erfahren, denn unsere Damen hier sind viel zu neidisch auf die der Unbekannten geschenkte Gunst, um sich dabei leidend zu verhalten. Bald, denke ich, werden sie das sonderbare Geheimniß ausgekundschaftet und damit die erwünschte Gelegenheit gefunden haben, ihre scharfe Zunge daran zu letzen: Es ist ein trauriges Schicksal der Fürsten und Großen, keine Geheimnisse haben zu dürfen. Sein Sie bedacht, mein theurer Baron, daß die verehrte Prinzessin diesem Schicksal nicht gleichfalls unterliegt. Doch Sie sind ein kluger und vorsichtiger Mann, und ein solches Geheimniß verbirgt sich leichter im offenen, freien Umgange als in dem Versteck der Einsamkeit und der Nacht.«

Der Chevalier erhob sich, ergriff des Barons Hand und bemerkte in vertraulichem Ton:

»Ich muß noch eine Bitte aussprechen. Sie kennen das Interesse des Fürsten für Ihre Angelegenheit, und es kann Sie daher der Wunsch desselben nicht überraschen, mit dem Fortgang derselben bekannt gemacht zu werden. Wollen Sie mir also zu seiner Zeit Mittheilungen darüber machen?«

»Des Fürsten Wunsch befreit mich von jeder Antwort.«

»Gut, gut, mein lieber Baron. Ich verlasse mich ganz auf Sie. Also viel Glück! O, wer wie Sie noch jung und schön wäre! Aber, =tempi passati=! O, Sie Beneidenswerther! Sidonie ist mehr interessant als schön; doch das läßt noch keinen Schluß zu, was sie in der Liebe ist. Da erscheinen die Frauen oft mit ganz neuen, nicht geahnten Reizen. O die süßen kleinen Frauen! =Au revoir, mon cher ami, au revoir!=«

Er umarmte den Baron zärtlich und entfernte sich alsdann, um der Oberhofmeisterin einen Besuch zu machen und bei dieser Gelegenheit die von dem Fürsten gewünschten Notizen über des Prinzen neue Liaison zu sammeln.

Er kannte nämlich den Verkehr des Prinzen in dem Hause der Baronin und wußte überdies, welche Dienste diese dem Ersteren geleistet; es war also keine Frage für ihn, daß sie auch bei dieser Liaison die Hand im Spiel hatte, und es daher seiner Geschicklichkeit gelingen müßte, sie zu den gewünschten Aeußerungen zu veranlassen. Er gedachte ihr überdies Andeutungen hinsichts der soeben mit ihrem Sohn besprochenen Angelegenheit zu machen und es ihr anheim zu geben, in wie weit sie dabei auf die Prinzessin einzuwirken für gut fand. Eine so erfreuliche Mittheilung, sagte er sich, war aber auch zu vertraulichen Aeußerungen sehr geeignet, und so hoffte er seinen Zweck bestimmt zu erreichen.

Mühlfels blieb nach des Chevaliers Entfernung in der glücklichsten Stimmung zurück.

Was ihm der Chevalier mitgetheilt, kam ihm eben so unerwartet, als es seine kühnsten Wünsche überflügelte. Der Fürst billigte nicht nur seine Zuneigung zu der Prinzessin, sondern wünschte dieselbe sogar, indem er zugleich bedacht war, ihr wie ihm jedes Hinderniß und jede Bedenklichkeit zu nehmen. Den Grund zu alledem erkannte Mühlfels nur zu wohl, und dieses Bewußtsein gewährte ihm eine bezaubernde Aussicht, die ihm die glänzendste Zukunft verhieß. Vor allen Gefahren gesichert, durch den Wunsch des Fürsten ermuthigt, dessen Erfüllung seine Eigenliebe zugleich herausforderte; von der Täuschung erfüllt, Sidoniens Gunst bereits gewonnen zu haben, und mit den Mitteln ausgestattet, ihr jedes Bedenken zu nehmen, gedachte er nun die erste Gelegenheit zu benutzen, ihr seine Liebe zu gestehen und sich derselben voraussichtlich bald zu erfreuen.

Während dieser Ueberlegung hatte der Chevalier das Haus der Baronin erreicht und wurde von dieser in der freundlichsten Weise empfangen. Zeigte Boisière bei Mühlfels den Cavalier, so bei der Baronin den galantesten Hofmann. Als er sie begrüßte, ergriff er ihre Hand, führte sie an Lippen und Brust, indem er, die Baronin zärtlich anschauend, im Lispelton bemerkte:

»Wie beglückt es mich, meine theure Freundin in so blühendem Wohlsein zu finden!« Und nochmals drückte er ihre Hand an das Herz.

»Ich freue mich, Ihnen dieses Compliment zurück geben zu können,« entgegnete die Baronin.

»O, Sie schmeicheln, meine Gnädigste! Ein alter, gebrechlicher Mann und eine schöne, liebreizende Dame! O, wie paßt das zusammen!« entgegnete der Chevalier seufzend und hüstelnd.

»Nun, nun, mein Freund, so arg ist es denn doch noch nicht! Schönheit und Geist sind unzerstörbar wie Diamant.«

»Ja, bei Gott, Sie selbst überzeugen mich auf das Angenehmste von dieser Wahrheit,« rief der Chevalier, die Baronin zärtlich anschauend.

»Immer der feine, galante Hofmann!« sprach die Letztere selbstgefällig und geschmeichelt, während sie dem Gast einen Fauteuil zuschob und sich selbst in die Kissen des Divans sinken ließ.

»Ich komme soeben von Ihrem Sohn, meine Gnädigste, und war so glücklich, ihm eine sehr angenehme Botschaft zu überbringen,« bemerkte Boisière mit einem vielsagenden, vertraulichen Blick.

»Sie überraschen mich, mein Freund! Was ist es?« fragte die Baronin voll Neugier.

»Eine delicate Angelegenheit.« --

»Sie steigern meine Neugier.« --

»Es betrifft die Prinzessin.« --

»Die Prinzessin? Wie soll ich Sie verstehen?«

Der Chevalier hüstelte ein wenig, ergriff alsdann ihre Hand, neigte sich zu ihr und entgegnete in leisem Ton:

»Der Baron verehrt die Prinzessin; Serenissimus hat davon Kenntniß erhalten und sich in Folge dessen veranlaßt gesehen, Ihrem Sohn durch mich einen gnädigen Wink darüber geben zu lassen. Sie werden mich verstehen.«

»Sie setzen mich durch eine so überraschende Mittheilung in das glücklichste Erstaunen!« rief die Baronin und blickte den Chevalier gespannt an.

Dieser kam ihren Wünschen, mehr zu vernehmen, sogleich entgegen, theilte ihr das uns bereits Bekannte ziemlich ausführlich mit und steigerte dadurch die Freude und das Erstaunen der Baronin in hohem Grade.

»Ich finde keine Worte, meine Empfindungen über das Vernommene auszudrücken! Also der Fürst wünscht --«

»Sie kennen die Verhältnisse zu genau, meine Freundin, um die Intentionen unseres Fürsten nicht natürlich zu finden.« --

»Gewiß, gewiß, mein lieber Chevalier. Die Staatspolitik hat andere Grundsätze, nach denen sie verfährt und verfahren muß, als sie in den untergeordneten Lebensverhältnissen obwalten, und man darf bei ihr nicht den gewöhnlichen Maßstab der Beurtheilung ihrer Arrangements anwenden,« bemerkte die Baronin altklug und wichtig.

»Um so mehr beglückt es mich, Ihren Sohn durch das Vertrauen Serenissimi beehrt zu sehen. Ich darf Sie nicht an die Vortheile erinnern, welche sich damit nicht nur allein für ihn verbinden,« -- bemerkte Boisière vertraulich und bedeutungsvoll.

»Eine glückliche Intention des Fürsten!« rief die Baronin erfreut.

»Zu welcher ich ein wenig in Ihrem Interesse und dem Ihres Sohnes beigetragen habe,« -- bemerkte Boisière leichthin und selbstgefällig.

»Eine Güte, die Ihres edeln Herzens würdig ist und uns zu dem tiefsten Dank verpflichtet,« entgegnete die Baronin und reichte ihm die Hand.

»Sie wissen, süße Frau, daß es dessen nicht bedarf und ich den schönsten Lohn in dem Glück meiner Freunde finde,« sprach der Chevalier ablehnend und die Lippen auf die dargebotene Hand drückend, und fuhr alsdann vertraulich fort: »Uebrigens, meine Freundin, liegen die Verhältnisse auch so, daß der Fürst zu irgend einem wirksamen Schritt genöthigt ist. Bedenken Sie die Erbfolge! -- An eine Aussöhnung zwischen dem Ehepaar ist jetzt um so weniger zu denken, da, wie Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannt sein wird, der Prinz in den Fesseln einer bezaubernden Armida schmachten soll, aus denen keine Rückkehr zu der einfachen Prinzessin zu erwarten ist.« --

Der Chevalier schwieg und blickte die Baronin an; sie schlug ein wenig verlegen die Augen nieder, faßte sich jedoch rasch und entgegnete:

»Sie glauben das?« --

»Ich spreche nur das Gehörte nach; doch hoffe ich Bestimmteres aus dem Munde meiner theuren Freundin zu vernehmen.« --

Die Baronin hüstelte; die von dem Chevalier ausgesprochene Erwartung war ihr nichts weniger als angenehm, da dieselbe sie zu Mittheilungen herausforderte. Aus den angeführten Gründen durfte sie jedoch nichts verrathen und befand sich daher in nicht geringer Verlegenheit wegen einer passenden Antwort. Doch war sie viel zu schlau in dergleichen Angelegenheiten, um nicht das Geeignete zu finden, und so entgegnete sie scheinbar unbefangen und leichthin:

»Mein verehrter Freund muthet mir mehr zu, als ich zu leisten vermag.« --

»In der That, meine gnädigste Baronin?« fragte Boisière überrascht.

»Erwägen Sie selbst, cher ami. Wenn mir der Prinz auch früher bisweilen die Ehre seines Besuchs schenkte, so darf ich mich dennoch nicht seines Vertrauens rühmen, um so weniger in einer Angelegenheit, die er selbst sehr discret behandelt und wahrscheinlich auch also von Jedermann behandelt wissen will.« --

»Sie haben Recht, ganz Recht, meine Beste!« fiel der Chevalier eifrig und eingehend ein und fügte hinzu »Ich habe mir das bereits selbst gesagt und würde Sie daher auch nicht mit einer Frage belästigt haben, betrachtete der Fürst diese Liaison nicht mit günstigen Augen und stände dieselbe nicht in einem so genauen Zusammenhange mit der Angelegenheit Ihres Sohnes.« --

»In der That, das hatte ich nicht bedacht!« fiel die Baronin etwas unruhig ein.

»Sie werden überdies des Fürsten Wunsch natürlich finden, genügenden Aufschluß über dieses Verhältniß zu erhalten, und da wäre es mir in Ihrem Interesse, meine theure Freundin, angenehm gewesen, hätten Sie sich Ansprüche auf des Fürsten Dank durch irgend welche Mittheilungen sichern können.« --

»Sie meinen also, dem Fürsten läge etwas an der Kenntniß dieser Liaison?« fragte die Baronin gespannt.

»Sie können denken! Er verehrt die Dame in hohem Grade, der es gelungen ist, seinen flatterhaften Neffen zu einem ernsten Menschen umzuwandeln, und so kann es Sie nicht überraschen, wenn er auch die näheren Verhältnisse derselben kennen zu lernen wünscht.«

»Sie haben Recht und ich theile Ihre Ansicht; indessen, wenn ich auch etwas wüßte, so darf ich dennoch nichts verrathen.«

»Ich verstehe, meine Gnädige, und lobe Ihre Discretion. Man muß stets wissen, wie viel und was man in dergleichen Angelegenheiten sagen darf, und so will ich nicht weiter in Sie dringen, obgleich ich bedaure, daß Ihnen unter solchen Umständen der Dank des Fürsten entgehen muß,« bemerkte der Chevalier mit einem forschenden Blick auf die Baronin. Zugleich erhob er sich und machte Miene, sich zu entfernen.

»Bleiben Sie doch, lieber Chevalier! Sie haben doch nicht so große Eile?! Wir plaudern noch ein wenig,« beeilte sich die Baronin voll Erregung zu bemerken, indem sie zugleich seine Hand ergriff und ihn auf den Sessel zog.

»Wie Sie befehlen, meine Gnädigste. Sie wissen, es ist mir stets ein hoher Genuß, mich Ihrer Nähe erfreuen zu dürfen,« sprach der Chevalier, die einladende Hand zärtlich küssend, worauf er den Sitz wieder einnahm. »Ja, ja,« fuhr er alsdann unbefangen fort, »es muß in der That ein ganz besonderes Wesen sein, dem es gelungen ist, unsern Prinzen zu fesseln. Man sagt, sie sei aus Paris oder sonstwo ganz in der Stille angekommen und lebe hier im Verborgenen. Das Wunderbarste dabei ist freilich, wie und wo sie der Prinz kennen gelernt hat, und man zerbricht sich darüber die Köpfe, ohne doch eine Erklärung zu finden.«

»Ich kann es mir denken; denn diese Liaison ist auch wirklich unter ganz besonderen Umständen angeknüpft worden,« entgegnete die Baronin lächelnd und selbstgefällig. »Ich erfuhr darüber durch eine Freundin Mancherlei, was ich vielleicht weiter sprechen dürfte. -- Es soll also Alles unter uns Drei bleiben?« fragte sie.

»Gewiß, liebste Baronin, und ich sehe nicht ein, was Sie wagen, sich des Fürsten Dank zu verdienen? -- Früher oder später würde er diese Geschichte doch immer erfahren, und so ist es jedenfalls für Sie vortheilhafter, wenn er sie von Ihnen erfährt. Von meiner Verschwiegenheit sind Sie hoffentlich überzeugt.«

»Ich bin es, mein Freund, und glaube überdies, daß mich die Pflicht gegen den Fürsten der Rücksicht gegen den Prinzen überhebt.«

»Das darf gewiß nicht bezweifelt werden!« versicherte Boisière, und die Baronin fuhr fort:

»Ich habe dem Prinzen allerdings das tiefste Schweigen gelobt; doch vertraue ich des Fürsten und Ihrer Discretion, mein Freund, und so hören Sie denn.«

Mit wenigen Worten theilte sie ihm alsdann das uns bereits Bekannte mit.

»Der Fürst,« schloß sie, »wird sehr überrascht sein, zu erfahren, daß nicht eine vornehme Dame, sondern ein einfaches Naturkind den Prinzen in so hohem Grade zu fesseln wußte.«

Der Chevalier hatte ihrer Mittheilung mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht; als sie endete, bemerkte er lachend:

»Also eine Liaison =à la Louis quatorze=! Ich habe so etwas von dem Prinzen erwartet. Die vornehmen Damen hatte er längst satt, ich habe es bemerkt, da konnte ein solcher Rückschlag nicht ausbleiben. Chacun à son goût! Das ist die Parole! Ich bin überzeugt, daß das, was den vornehmen Damen nicht gelang, diesem Mädchen gelingen wird. Sie werden es erleben, meine theure Baronin, daß sich der Prinz wirklich in das Mädchen verliebt, wenn es nicht schon geschehen ist, und sie von ungeheuerm Einfluß auf uns Alle werden kann! =Voilà tout!= Ein Landmädchen! Diese Nachricht wird dem Fürsten große Freude bereiten, da alle die Unbequemlichkeiten und Rücksichten, welche eine Liaison mit Damen aus der bessern Gesellschaft bedingen, in diesem Fall nicht in Frage kommen. Passen Sie auf, liebste Baronin, diese Art Liebschaft wird viele Nachahmer finden, und kommt dergleichen erst in Mode, so werden die Landmädchen im Preise steigen!«

Und er lachte mit Behagen.

»Sie werden mich nicht verrathen, liebster, bester Freund,« bat die Baronin.

»Mein Wort zum Pfande! Warum sollte ich es auch? Dafür werden schon Andere sorgen. Also kein Bedenken. Aber ich gratulire Ihnen auch, meine Freundin; denn der Fürst wird Ihnen sehr dankbar sein. Diese Liaison wird ihm viel Vergnügen bereiten und seine ganze Billigung finden, da sie so vortreffliche Wirkungen ausübt. Ueberdies ist sie auch im Hinblick auf den Wunsch des Fürsten hinsichts Ihres Sohnes von großer Bedeutung; je fester der Prinz von den Fesseln seines Landmädchens umsponnen wird, um so gerechtfertigter ist auch des Fürsten Absicht. Ich wünsche Ihnen nochmals Glück!«

Also redete der Chevalier in der besten Stimmung und indem er der Baronin Hand wiederholt an die Lippen führte; alsdann schied er, nicht wenig stolz, Serenissimi so pikante Nachrichten überbringen zu können und sich dessen Dank zu erwerben.

Seine Erwartungen wurden in der That nicht getäuscht. Der Fürst zeigte sich nicht nur sehr zufrieden mit dem Vernommenen, sondern es erregte auch seine besondere Heiterkeit, daß der Prinz sich in eine solche idyllische Liebe zurück gezogen hatte.

»Es ist gut ~so~,« bemerkte er. »Dergleichen niedere Personen gewinnen keinen Einfluß bei Hofe, da ihnen Interessen dieser Art ganz unbekannt sind. Ohne Ehrgeiz und Ansprüche, sind sie durch ihre glänzende Lage vollkommen zufrieden gestellt, und man kann sie überdies nach Belieben seiner Zeit bequem beseitigen. So käme uns diese Angelegenheit denn sehr nach Wünschen, und was Sie mir über den Baron mitgetheilt haben, läßt mich an einem guten Erfolg nicht zweifeln. -- Der Prinz,« fuhr er nach einer Pause fort, »darf in seiner Schwärmerei durchaus nicht durch aufdringliche Neugier gestört werden; je länger diese Liebschaft währt, um so besser. Von meiner Seite soll nichts geschehen und ich will thun, als ob ich nicht die geringste Kenntniß davon besäße; doch kann es nichts schaden, wenn Sie derselben im Geheimen Ihre Aufmerksamkeit zuwenden, damit ich stets über Alles unterrichtet bin. Im Uebrigen reinen Mund, Chevalier. Versichern Sie die Baronin meiner Gnade für den mir geleisteten Dienst und beruhigen Sie sie hinsichts der von ihr besorgten Indiscretion. -- Ja, ja,« schloß der Fürst lachend, »eine Liaison =à la Louis quatorze=! Die schöne Gabriele und ihr königlicher Schäfer! Nun, man darf des Prinzen Geschmack nicht tadeln. Die Waldblume bleibt, obgleich sie auch nur im Walde aufblühte, doch immer eine Blume!«

Lachend entließ er den Chevalier, der seinerseits von diesem Augenblick an bedacht war, die besten Wege aufzufinden, sich die von dem Fürsten gewünschten Aufklärungen über des Prinzen Liebschaft zu verschaffen. Diese Angelegenheit hatte einen ganz besondern Reiz für ihn, und mit um so größerem Vergnügen ging er an seine Thätigkeit.

Zweites Kapitel.

Die ersten Schneeflocken senkten sich aus dichtem Gewölk sanft auf die Erde nieder, durch keinen Luftzug gestört, hafteten hin und her an, um bald zu zerfließen oder sich an einem kälteren Gegenstand als Winterzeichen zu behaupten. Die der Erde fernstehende Sonne vermochte die Wolken nicht zu durchdringen, noch auch ihr freundliches Licht geltend zu machen; es war ein recht trüber, melancholischer Tag.

Sidonie saß allein in ihrem Gemach und entlockte der in ihren Armen ruhenden Harfe die letzten Töne eines Musikstücks, das sie soeben beendete. Leise vertönten die traurigen Accorde; sie lehnte das Haupt gegen das Instrument und verlor sich in trüben Gedanken. Fast drei Wochen waren nun schon über den von dem Grafen zu seiner Rückkehr bestimmten Zeitpunkt dahin gegangen, ohne daß er sein Versprechen erfüllt hatte.

Allerlei Zweifel und Bedenken waren in Folge dieses Fernhaltens in ihr aufgestiegen. Wie nahe lag die Besorgniß, der Graf erachte es vielleicht wie früher für besser, sein Versprechen nicht zu halten und Sidonie so allmälig an den Gedanken seiner dauernden Entfernung zu gewöhnen.

Wie sehr litt sie unter dieser Vorstellung, obgleich sie sich nicht für berechtigt erachtete, dem Geliebten darum einen Vorwurf zu machen. Durfte sie denn verlangen, daß er ihr sein Leben opferte und die sich ihm darbietenden angenehmen Stunden für so Geringes austauschte, was sie ihm dafür zu bieten vermochte? -- Nein, nein, das konnte und wollte sie nicht. Dann fiel es ihr wieder ein, der Graf könnte, von seinen Verwandten gedrängt, vielleicht auch durch eine schöne Dame veranlaßt, an eine Vermählung denken. -- -- Er war der älteste Sohn der Familie und hatte Rücksichten auf diese zu nehmen. Sie erbebte, aber nur für einen Augenblick, alsdann schalt sie sich wegen dieser Besorgnisse, die den Geliebten beleidigen mußten. Doch was ersinnt sich nicht Alles das zagende, unglückliche Herz, um sich zu beruhigen und zu quälen.

Ihren Mund umspielte ein süßes Lächeln; sie erwog, daß der Graf, hätte er sich vermählen wollen, dies dann wol schon in den verflossenen Jahren gethan haben würde, und der Gedanke schmeichelte sich in ihre Seele, daß ihre Liebe ihm genüge und genügen würde sein Leben lang. Hatte sie es nicht schon früher von seinen eigenen Lippen vernommen? -- Sie war eine Thörin, sich mit dergleichen üblen Vorstellungen und Zweifeln zu quälen. Warum sollte er auch fern bleiben? -- Gestattete ihre unabhängige Lage nicht einen ungezwungenen Verkehr mit ihm, der zu süß und beglückend war, um ihm nicht zu genügen. Auch durfte er ihretwegen nichts mehr befürchten. Vereinsamt und kaum beachtet lebte sie; Niemand kümmerte sich um ihr Thun, und so durften sie sich an einander ohne Sorge erfreuen.

Obwol diese Betrachtungen angenehmer Art waren, vermochten dieselben dennoch ihre trübe, nachdenkliche Stimmung nicht aufzuheben. Ihr Gesichtsausdruck verrieth dieselbe, in welchem sich der eingewohnte Schmerzenszug jetzt mehr denn sonst geltend machte.

Sie wurde ihrem trüben Nachsinnen durch die Meldung entzogen, daß Baron Mühlfels ihr aufzuwarten wünsche. Sie erinnerte sich, ihm vor einiger Zeit einen Auftrag wegen eines Künstlers gegeben zu haben, und in der Voraussetzung, er wolle ihr darüber berichten, ließ sie ihn sogleich zu sich führen.

»Ich bin so glücklich, Eurer Hoheit mittheilen zu können, daß der von Ihnen gewünschte Künstler innerhalb eines Monats hier anlangen wird und sich hochgeehrt fühlt, Eurer Hoheit mit seinen Diensten alsdann aufwarten zu dürfen,« berichtete Mühlfels, nachdem er die Prinzessin hochachtungsvoll begrüßt hatte.

»Das ist eine erfreuliche Nachricht, lieber Baron, und ich danke Ihnen bestens dafür. Meine Soiréen werden dadurch um einen wesentlichen Genuß vermehrt werden, was mir ungemein lieb ist. Sie haben wol mancherlei Mühe dieserhalb gehabt?« entgegnete Sidonie in dem ihr natürlichen herzlichen Ton.

Mühlfels blickte die Prinzessin mit dem Ausdruck tiefster Ergebenheit an, die jedoch auch zugleich eine Deutung zärtlicher Empfindungen gestattete. Ihm entging ihr Trübsinn nicht, und theilnahmsvoll entgegnete er:

»Wie beglückt würde ich mich fühlen, wäre es mir gestattet, mein ganzes Leben dem Dienst Eurer Hoheit zu weihen! O, wie sehr beklage ich es, so wenig zur Erheiterung Ihres betrübten Herzens beitragen zu können!«

Durch diese Versicherung angenehm bewegt, entgegnete Sidonie freundlich:

»Ich danke Ihnen für Ihre Ergebenheit und erinnere Sie, daß es uns schon genügt, bei unseren Freunden so gute Gesinnungen voraussetzen zu dürfen. Diese gelten statt der That.«

»Eine wahre Gesinnung verlangt aber auch die Handlung, den Zeugen ihres Lebens; sie allein vermag denjenigen nicht zu befriedigen, der sein höchstes Glück in der vollsten Hingabe an seine Gebieterin findet!« fiel der Baron mit Wärme ein, indem sein Auge dasjenige der Prinzessin suchte und darin forschte.

Sidonie blickte nachdenkend zu Boden; sie gedachte bei Mühlfels’ Worten des Grafen, der ja in ähnlicher Weise zu ihr gesprochen hatte, und gab dem Baron darum in ihrem Herzen Recht. Sie vermochte nicht sogleich die Antwort zu finden, und Mühlfels deutete ihr Schweigen und nachdenkliches Wesen für eine gute Wirkung seiner Worte, und beeilte sich, im obigen Ton fortzufahren:

»O, dieses Verlangen, gnädigste Prinzessin, wird um so heftiger, wenn wir Diejenigen, denen unsere tiefste Verehrung gehört, ein freudloses Dasein führen sehen. O, bedenken Hoheit, wie sehr die leiden müssen, die mit solchen Empfindungen erfüllt, sich dennoch nur zu einem Mitleiden verurtheilt sehen, obwol ihr Herz sie drängt, ihr Leben für ein Lächeln der Verehrten hinzugeben!«

Sidonie blickte wohlwollend auf ihn. In seinem Ausspruch klangen ihr ja auf’s Neue des Geliebten Worte wieder; denn also hatte auch er einst gesprochen, und so that ihr Mühlfels’ Wärme wohl, obwol sie dadurch überrascht wurde, da sie dergleichen Empfindungen bei ihm nicht erwartet hatte. Nach kurzem Zögern entgegnete sie mit mildem Ton:

»Ich muß Ihnen beistimmen. Denn es däucht mir natürlich, daß wir diejenigen, die wir in unser Herz geschlossen haben, auch ganz glücklich sehen möchten; ist das doch eine Nöthigung unserer Gefühle. Können und dürfen wir jedoch stets dieser folgen? Entbehren und Verzichten ist ja einmal das Loos der Menschen!«

»O hegen Sie diesen Glauben nicht, Prinzessin! Er ist zu niederdrückend und obenein unbegründet! Nicht zum Entbehren ist Jugend und Schönheit geschaffen, sondern zum vollsten Genuß des Lebens. Nur der Schwache und Furchtsame entbehrt im Gefühl seiner Machtlosigkeit; ihm mangelt die wahre Leidenschaft; der Muthige jedoch weiß die Schranken zu durchbrechen, die ihn von seinem Glück fern halten!«

Die Prinzessin schaute ihn betroffen an; seine Worte paßten auch jetzt wieder zu ihrem eigenen Verhältniß, ja sogar zu ihrer gegenwärtigen Lage, so daß sie auf den Gedanken geleitet wurde, der Baron sei mit ihrer Liebe bekannt und bedacht, sie zu ermuthigen und zu trösten.