Part 12
»Wie der Diener sagte, befindet sich das Mädchen wahrscheinlich in der Nähe; ich muß es sehen. Es wird aufzufinden sein, Mühlfels; der Diener wird Ihnen den Wohnort desselben nennen können oder könnte sich zur Erforschung desselben bemühen. Sparen Sie weder Mühe noch Geld, mein Verlangen zu befriedigen. Das ist so ein Mädchen, wie ich es wünsche, und mit solch einem Naturkinde in dieser Villa die Stunden zu verträumen, das wäre ein überaus süßer Genuß. Ich werde erst wieder Geschmack an diesem langweiligen Leben finden, wenn ich mich an diesen sonnigen Augen erlaben, an diesem schalkhaften Lächeln ergötzen kann. Ich verlasse mich auf Ihren Eifer, Mühlfels, und hoffe, Sie werden mich bald, hören Sie, ~bald~, recht ~bald~ durch die Nachricht erfreuen, daß Sie das Mädchen aufgefunden haben!«
»Seien Sie versichert, mein Prinz, daß ich keine Mühe scheuen werde!« versicherte Mühlfels.
»Ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein,« fiel der Prinz ein und fuhr alsdann mit erregter Stimme fort: »O, Sie werden mir den Besitz dieses reizenden Kindes verschaffen, dessen bin ich gewiß! Und ist sie mein, dann führe ich sie in diese Villa; denn das Haus muß mein werden um jeden Preis, damit mein Genuß so vollkommen wird, wie ich ihn mir gedacht habe. Wie reizend muß sich die kleine Schäferin in dieser idyllischen Umgebung ausnehmen!«
In solcher Weise erging sich des Prinzen lebhafte Phantasie, durch das Portrait angeregt.
Sie hatten währenddessen den Garten nach allen Seiten durchschritten; denn der Prinz, nur mit seinem interessanten Project beschäftigt, wollte sich zugleich überzeugen, ob der Garten auch ganz nach seinem Geschmack wäre. Dem war wirklich so, und sehr befriedigt ging er nach dem Wagen, indem er während der Weiterfahrt sich vorzugsweise über den bezeichneten Gegenstand unterhielt.
Mühlfels pflichtete ihm in Allem bei, that allerlei Vorschläge in Bezug auf des Prinzen Wünsche, und als sie wieder das Palais erreichten, hegte der Prinz keinen Zweifel mehr, sein Verlangen in jeder Hinsicht erfüllt zu sehen.
Von dieser angenehmen Ueberzeugung erheitert, hatte er seine gute Laune wieder gewonnen und war seiner Umgebung ein gütiger Herr, ja er verstand sich sogar zu einer fleißigeren Theilnahme an den Staatsgeschäften.
Es war spät geworden, als Mühlfels nach der Ausfahrt von dem Prinzen schied; statt jedoch in seine Wohnung zu gehen, begab er sich zu seiner Mutter, die durch seinen so späten Besuch nicht wenig überrascht wurde.
»Es muß eine wichtige Angelegenheit sein, die Dich veranlaßte, mich noch in so später Stunde aufzusuchen,« bemerkte die Baronin, indem sie ihn fragend und erwartungsvoll anblickte.
»Sie täuschen sich in dieser Voraussetzung nicht; es ist in der That so, und es ist mir angenehm, Ihnen mittheilen zu können, daß Ihr Scharfblick keinen kleinen Triumph feiern darf,« fiel Mühlfels ein und erzählte alsdann die bei der Ausfahrt mit dem Prinzen stattgefundenen Umstände.
»Und nun denken Sie sich meine Ueberraschung, meine Mutter,« fuhr er fort, »als ich in den Zügen des Bildes diejenigen Marianens erkannte.« --
»Was sagst Du? Marianens Züge?« rief die Baronin überrascht.
»Durchaus, wenngleich das Bild ziemlich dilettantisch ausgeführt und nur mit einem kleinen Theil aller jener Reize geziert ist, die das Mädchen besitzt und zehnfach mehr geltend zu machen wissen wird.«
»Das ist ja eine ganz unerhörte Nachricht und unter den obwaltenden Umständen für uns von der höchsten Bedeutung, da wir allein die Wege kennen, auf welchen der Prinz in der bequemsten Weise in den Besitz dieses Mädchens gelangen kann. Und wie gut, daß dies Alles geschehen ist, bevor das Mädchen noch ihren Dienst bei mir angetreten hat; wäre dies erfolgt, würde die Sache mißlich und von geringem Werth sein. So aber läßt sich die unbekannte Waldschöne leichter einführen, da der Reiz ihrer Persönlichkeit unter einem dienenden Verhältniß noch nicht gelitten hat und der Prinz sie also ganz nach seinem Wunsch aus der Hand der Natur empfängt. Nur in solcher Weise kann diese Liaison bei des Prinzen Schwärmerei von Bedeutung werden, falls sich das Mädchen bewährt. Ich bin überzeugt, sie wird es. Doch müssen wir diese Angelegenheit mit großer Vorsicht und Klugheit behandeln.«
»Das ist auch meine Ansicht. Vor allen Dingen darf der Prinz nicht erfahren, daß wir das Mädchen bereits kennen, vielmehr muß er durch eine entsprechende Verzögerung dieser Angelegenheit zu dem Glauben gelangen, welche große Mühe ich auf die Entdeckung desselben verwendet habe. Das sichert uns doppelte Vortheile; einmal einen größeren Dank und dann, was wichtiger ist, ein erhöhtes Interesse des Prinzen für das Mädchen selbst, das ihm durch den verzögerten Besitz und die vielfache Mühe um so begehrenswerther erscheinen wird.«
»Gewiß, mein kluger Sohn, in solcher Weise werden wir handeln müssen. Auch meine ich, Du suchst den Prinzen, naht der geeignete Zeitpunkt, ihn das Mädchen sehen zu lassen, zu bestimmen, einen Ausflug nach dem Jagdschloß zu machen, vielleicht um ein wenig zu jagen. Denn ich meine, die Ueberraschung müßte doppelt gute Wirkungen haben. Doch müssen wir sowol Mariane als auch deren Vater in die Angelegenheit einweihen, damit der Prinz unsere Bekanntschaft mit den Leuten nicht erfährt. Zu diesem Zweck wollen wir uns in einigen Tagen nach Schloß Waldburg begeben, um den Castellan anzuweisen, seine Tochter nicht etwa früher in die Stadt zu führen, bevor der Prinz seinen Besuch gemacht hat. Denn ein Zusammentreffen hier würde leicht den Eindruck schwächen, den der Prinz von der Erscheinung des Mädchens erhält, wogegen die Naturumgebung dieselbe vielfach erhöhen muß.«
»Wird Robert auf unsere Vorschläge eingehen?« fragte Mühlfels.
»Du zweifelst doch nicht etwa daran?« fragte die Baronin lachend. »Du hast wahrscheinlich vergessen, daß er mit dergleichen Angelegenheiten genügend vertraut ist, der hohen Ehre nicht zu gedenken, die ihm durch des Prinzen Wunsch zu Theil wird und um welche ihn und seine Tochter die angesehensten Familien beneiden werden, falls es dem Mädchen wirklich gelingt, den Prinzen nicht nur vorübergehend an sich zu fesseln. Ich gedenke ihr bei unserm Besuch die nöthigen Rathschläge zu ertheilen, will mich daher näher mit ihrem Wesen bekannt machen, um zu erfahren, was wir von ihr zu erwarten haben.«
»So zweifle ich nicht an dem besten Gelingen unserer Bemühungen.«
»Das dürfen wir. Das Mädchen verspricht zu viel, als daß es unsere Erwartungen täuschen sollte,« fiel die Baronin ein, und noch lange erwogen Mutter und Sohn diese für sie so hochwichtige Angelegenheit.
Um ihren Besuch des Schlosses nicht zu verrathen, wollten sie sich zu ihren in der Nähe desselben wohnenden Bekannten begeben und bei dieser Gelegenheit ihre Absicht ausführen.
Der Prinz, wie immer in hohem Grade ungeduldig, wenn ihn ein ähnliches Interesse beschäftigte, bequemte sich gern, den Baron zu entbehren, der fortan allerlei Ausflüge machte, nachdem er dem Prinzen gesagt, daß ihm der Diener des Landhauses die gewünschte Auskunft nicht hätte geben können.
In solcher Weise täuschte Mühlfels den Prinzen, dessen Theilnahme und Erwartung er durch ein schlau berechnetes Verhalten immer mehr zu steigern wußte, bis endlich der Zeitpunkt herannahte, in welchem er mit seiner Mutter den Ausflug gemacht hatte, der, von dem besten Erfolg gekrönt, ihm zugleich gestattete, dem Prinzen die beabsichtigte Ueberraschung zu bereiten.
Der Castellan und Mariane wurden durch den Besuch der Baronin und ihres Sohnes nicht wenig überrascht, noch mehr jedoch, als die Baronin dem Ersteren vertrauliche Andeutungen über das seiner Tochter in Aussicht gestellte Glück machte, natürlich ohne den Prinzen zu verrathen. Die Baronin war viel zu klug und vorsichtig, um dem Castellan die volle Wahrheit zu sagen; aber auch schon das Vernommene war hinreichend, den Mann über die Maßen zu erfreuen.
In ähnlicher Weise verfuhr die Baronin mit Marianen und sah sich in ihren Erwartungen auch bei dieser nicht getäuscht. Der Gedanke, daß sie sich des Lebens nicht in einer dienenden, sondern viel angenehmeren und glänzenderen Stellung erfreuen sollte, hatte zu viel Verlockendes für sie, um irgend welchen sittlichen Bedenken Raum zu geben, und wir erkennen daraus, wie tief die sittliche Zerfahrenheit in der damaligen Zeit in alle Gesellschaftsschichten eingedrungen war, da sie selbst in dieser Waldeinsamkeit nicht fehlte.
Erfreute die Baronin schon dieses Entgegenkommen von Vater und Tochter, so wurde sie noch angenehmer durch die Resultate überrascht, welche sie sich durch eine eingehende Prüfung Marianens verschaffte.
Das Mädchen besaß einen geweckten Geist, zeigte viel natürlichen Verstand, war in vielerlei Dingen geschickt und wußte das Alles in einer unbefangenen Weise geltend zu machen. Diese Vorzüge wurden noch durch ein angenehmes, oft keckes Wesen und Benehmen erhöht, in welchem ein eigener Reiz lag, indem er den Stempel lieblicher Natürlichkeit trug. Was jenes Bild in der Villa betraf, so hatte Mariane wirklich der Malerin als Vorbild gedient.
Die Baronin war nach einem mehrstündigen Aufenthalt in Waldburg so sehr von Marianen eingenommen, daß sie mit der Ueberzeugung schied, ihre Hoffnungen und Erwartungen dereinst in der vollkommensten Weise erfüllt zu sehen.
Einen ähnlichen Eindruck hatte auch ihr Sohn erhalten.
Nach der Rückkehr bestürmte der Prinz den Baron mit Fragen, ob seine Bemühungen nicht endlich durch den erwünschten Erfolg belohnt worden wären; Mühlfels wich einer bestimmten Antwort aus, indem er die Hoffnung aussprach, daß dies wol in nächster Zeit geschehen dürfte und sich der Prinz daher ein wenig gedulden sollte. Zugleich schilderte er seinen Ausflug als höchst angenehm und that dem Prinzen den Vorschlag, sich zur Jagd nach Waldburg zu begeben.
Der Prinz zeigte nicht besondere Lust dazu; Mühlfels jedoch wiederholte seine Bitte; das schöne Wetter war überdies zu einem Jagdvergnügen sehr geeignet, so daß der Prinz endlich nachgab, besonders nachdem Mühlfels angedeutet, daß man bei dieser Gelegenheit ja auch zugleich nach dem Mädchen forschen könnte.
Siebentes Kapitel.
Während der Prinz und dessen getreue Freunde bedacht waren, Sidonien einen neuen Schmerz zu bereiten, sah diese mit angenehmen Gefühlen der nahenden Zeit entgegen, die ihr den geliebten Freund wieder zuführen sollte.
Graf Römer hatte nämlich Aurelien mitgetheilt, daß er mit dem Beginn des Spätherbstes bei ihr einzutreffen und alsdann den Winter daselbst zu verleben hoffe. Von dieser angenehmen Gewißheit angeregt, welche ihr einen genußvollen Winter sicherte, der ihr unter anderen Verhältnissen wie gewöhnlich einförmig und traurig dahin geschlichen wäre, entwarf Sidonie mit der Freundin allerlei Pläne für diese Zeit, um auch dem Freunde angenehme Stunden zu bereiten.
Das neue Glück hatte ihrem Geist neue Spannkraft verliehen und mit dieser ihr zugleich neue Interessen zugeführt, die in dem bisherigen traurigen Dasein allmälig erstorben waren. Es war jetzt wirklich so, wie sie früher versichert, daß sie sich mit des Grafen Wiederkehr wieder frei und in dieser Freiheit und ihrer Liebe ihr Leid weniger fühlte, ja dasselbe sogar für Zeiten vergessen konnte und auch wollte. Während der Berathung gedachte sie des Beifalls, den ihr Harfenspiel früher bei dem Grafen gefunden, und sie nahm sich vor, demselben wieder mit vermehrtem Eifer obzuliegen, um den Freund dadurch wie einst zu erfreuen. Ebenso wollte sie einige berühmte Virtuosen für die Abendcirkel gewinnen, deren Ankunft man während des Winters erwartete.
In solcher Weise beriethen und sorgten die Freundinnen für die Zukunft, und die Hoffnung, den Grafen auch außer in den Gesellschaften noch in den Concerten und Theatervorstellungen bei dem Fürsten, deren es wöchentlich gewöhnlich mehre gab, zu sehen, verhieß ihnen die angenehmste Zukunft. Sidonie fühlte sich durch die näher bezeichneten Aussichten um so beglückter, da der Prinz auch trotz seiner längeren Anwesenheit sie durchaus unbeachtet ließ und auch der Fürst jede Lust verloren zu haben schien, sich irgend wie um ihre Aussöhnung zu bemühen.
Das letztere war durch einen besondern Umstand herbeigeführt worden. Der Prinz hatte nämlich seinem Oheim, als dieser sich erkundigte, wie er jetzt mit der Prinzessin stehe, erwidert, daß in ihrem gegenseitigen Verhältniß keine Aenderung eingetreten wäre, indem er zugleich als Grund dafür die ihm von Sidonien gezeigte verletzende Kälte angab, die ihn von einer Annäherung zurückgeschreckt hätte. Der Fürst schenkte seinen Worten vollen Glauben, wozu er sich durch Sidoniens bisheriges Verhalten berechtigt hielt, und die Folge davon war ein sich steigernder Unwille gegen sie. Er gab es auf, sich noch länger stets fruchtlos zu bemühen. Das war dem Prinzen sehr erwünscht, denn er hoffte, sich nun endlich in dieser Angelegenheit Ruhe verschafft zu haben, und konnte überdies seinem näher bezeichneten Interesse um so ungestörter nachgehen.
So nahte der zum Jagdausflug bestimmte Tag, den das freundlichste Wetter begünstigte. Da das Schloß mehre Meilen entfernt war, sich die Wege dahin nicht im besten Zustande befanden, so brach der Prinz ziemlich früh auf, um zu guter Zeit daselbst anlangen zu können. Auf Mühlfels’ Vorschlag waren nur wenige Personen, darunter Henry, zu des Prinzen Begleitung bestimmt worden, ebenso hatte der Erstere diesen zu veranlassen gewußt, keinen seiner Freunde dazu einzuladen, worauf der Prinz, wie überhaupt auf diesen Ausflug, in der Voraussicht gern einging, den Aufenthalt des Mädchens und dieses selbst zu entdecken. Mühlfels verband mit dem Fernhalten der bezeichneten Personen die geheime Absicht, die Wirkung des Zusammentreffens zwischen dem Prinzen und Marianen durch die leichtfertigen und zudringlichen Freunde nicht abgeschwächt zu sehen und dadurch vielleicht gar den gewünschten Erfolg einzubüßen. Bei der besondern und reizbaren Stimmung des Prinzen mußte Alles vermieden werden, was den romantischen Charakter dieser Angelegenheit irgend beeinträchtigen konnte. Mühlfels kannte seinen Prinzen zu gut, um nicht auf alle Vorkommnisse vorbereitet zu sein, und wir werden später erfahren, mit welcher Sorgfalt er seine Maßregeln getroffen hatte, um sich den Erfolg zu sichern.
Diese neue Passion des Prinzen däuchte ihm nämlich aus dem idyllischen Liebesleben, dem sich einst Ludwig der Vierzehnte hingegeben und in dem er sich so glücklich gefühlt hatte, hervorgegangen zu sein, das der Prinz nun nachahmen wollte. Einfache Natürlichkeit, unbefangene Hingabe, mit dem Reiz des Geheimnisses und der Romantik verwoben, das war es, was er suchte und worin er Genuß zu finden hoffte.
Mühlfels täuschte sich in dieser Voraussetzung wirklich nicht; es war in der That so, was um so weniger befremden darf, da wir des Prinzen Vorliebe für starke Gegensätze kennen gelernt haben.
Das Schloß lag auf einer sanften Anhöhe, von einem alten, prächtigen Laubwalde umgeben, der das seit vielen Jahren darin gehegte Wild beherbergte. Dasselbe war von des Fürsten Vorfahren erbaut worden und hatte denselben dereinst als vorübergehender Sommeraufenthalt gedient. In der Folgezeit fand dies jedoch nicht mehr statt und das Schloß wurde von den Fürsten nur noch bei Gelegenheit der in jenen Waldungen abzuhaltenden Jagden für einige Tage besucht. Seitdem jedoch der Fürst zur Regierung gekommen war, hörten auch diese Besuche auf, da weder er noch der Prinz Geschmack an der Jagd fanden, und so geschah es, daß das Schloß allmälig dem Verfall entgegen ging, da nichts zu dessen Erhaltung geschehen war. Dieser Umstand erhöhte den einsamen, romantischen Charakter dieses Ortes wesentlich, obgleich demselben mancherlei von der Natur gebotene Schönheiten nicht mangelten. Dem durch das geräuschvolle Treiben der Städte abgespannten Ohr that die hier herrschende Ruhe wohl, und das durch Glanz und Pracht übersättigte Auge fand in den anspruchslosen Reizen der Natur, denen der nahende Herbst seinen malerischen Charakter verlieh, einen neuen, wohlthuenden Genuß. Statt der rauschenden Musik der Oper und Concerte schmeichelte sich der von den Luftwellen herüber getragene ferne Glockenton in das Ohr, gewann hier der vereinzelte Vogelgesang und das Schwirren der Insekten eine angenehme Bedeutung, denen man gern und mit Behagen lauschte.
Wir sehen, daß diesem Ort keine jener Eigenschaften mangelte, wie sie des Prinzen Stimmung verlangte; denn ein größerer Gegensatz zu seinem Wohnort konnte kaum gefunden werden.
Je mehr sie sich dem Schloß näherten, um so häufiger führte der Weg durch dichte Waldungen und einsame, nur wenig belebte Gegenden, bis sie, ungefähr eine Meile von dem Ziel ihrer Reise, der fürstliche Wald aufnahm, dessen Kühle und Schatten sie fortan begleitete. Sie genossen diese Annehmlichkeiten in dem vollsten Maß, da der nicht besonders gute Weg die Fahrt bedeutend verlangsamte. Trotzdem zeigte der Prinz keine Ungeduld, sondern schien sich ganz behaglich zu fühlen, was auch in der That der Fall war. Die erquickliche Luft, die Düfte des Waldes und die landschaftlichen Umgebungen hatten, wie das bei Naturen seiner Art zu sein pflegt, auf Körper und Seele ihre wohlthätigen Wirkungen ausgeübt.
Schon sank die Sonne, als sie den Wald verließen und dem von der Abendgluth beleuchteten alterthümlichen Gebäude nahten, das sich mit seinen abgebröckelten Mauern und verschnörkelten Zinnen, seinen verwitterten Eckthürmchen und glitzernden Fenstern von dem tiefdunkeln Walde malerisch abhob. Allerlei verwachsene Gartenanlagen, geschwärzte und mehr oder weniger zerstörte Statuen, Urnen und ähnliche von Gestrüpp umwucherte Zierrathen vor dem Schloß verriethen die demselben einst geschenkte Sorgfalt, von welcher jetzt freilich keine Spur mehr vorhanden war. Denn überall machte sich die Wildniß geltend.
»Das sieht ja wie ein verzaubertes Schloß aus, in dem man allerlei Spuck und Hexerei erwarten muß,« bemerkte der Prinz, von dem eigenthümlichen Bilde angezogen, das auf ihn einen um so größeren Eindruck ausübte, da er das erstere nur in seiner Kindheit besucht hatte und seitdem nicht wieder und daher keine Erinnerung mehr davon besaß. Auch war er damals in einer großen Gesellschaft von Hof-Cavalieren und Edelleuten hierher gekommen, die sein Interesse in Anspruch nahm und ihn daher von der näheren Betrachtung des Schlosses abgezogen hatte.
Das war jetzt anders. Er wurde nur von der Dienerschaft empfangen, befand sich in einer passenden Stimmung mit seiner Umgebung und so geschah es, daß er nach dem Verlassen des Wagens sich das Schloß und die Umgegend genau betrachtete und seinen Beifall darüber gegen Mühlfels zu erkennen gab.
»Ich werde hier eine vortreffliche Nacht haben, wie schon lange nicht, vorausgesetzt, daß mich kein loser Spuck stört,« bemerkte er in heiterer Laune, die ihn auch nicht verließ, als er später die düsteren, hohen und mit einer Menge Jagd-Embleme verzierten Gemächer betrat. Die geöffneten Bogenfenster gewährten dagegen erheiternde Fernsichten auf bewaldete Berge, einen stillen See, der das Abendgold widerspiegelte und an dessen Ufer das Auge eine Anzahl Hirsche unterschied, die daselbst in Sicherheit ihren Durst löschten.
Im Anblick dieser Naturschönheiten wurde das Souper eingenommen, das dem Prinzen nach langer Zeit, wie er gestand, wieder wirklich mundete. Gegen Ende desselben, als sich bereits tiefere Dunkelheit über die Umgegend gebreitet hatte und nur noch ein sanfter Nachschimmer im Abend sichtbar war, erklang plötzlich eine liebliche Hornmusik von dem nahen Walde her. Es waren einfache, ansprechende Melodien, die, über den See fort tönend, das Echo weckten und in dessen Nachhall erstarben.
»Vortrefflich, vortrefflich!« rief der Prinz wiederholt, den Tönen mit Aufmerksamkeit lauschend. »Es war ein kluger Gedanke von Ihnen, Mühlfels, mir diesen Ausflug vorzuschlagen; er thut bessere Wirkungen, als alle Arzneien meines Leibarztes, womit er mich so lange gequält hat. Es gefällt mir hier so gut, daß ich mehre Tage zubringen will, und ich denke, ich werde ganz gesund zurückkehren.«
»Das hoffe auch ich, mein Prinz, und bin glücklich, Sie in einer so befriedigten Stimmung zu sehen,« fiel Mühlfels ein.
»Sie irren, Mühlfels; ich fühle mich zwar ziemlich behaglich, aber nicht befriedigt; Sie kennen den Grund. Bevor ich in den Besitz jenes reizenden Mädchens gelangt bin, kann davon nicht die Rede sein. Es ist wirklich fatal, daß Ihre Nachforschungen bisher fruchtlos gewesen sind. Doch Sie haben mir das Versprechen gegeben, mein Verlangen zu befriedigen, und ich vertraue Ihrem Wort.«
»Sie können das, mein Prinz, und ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher Sie sich des Genusses dieses Mädchens werden erfreuen können,« entgegnete der Baron, und war eben im Begriff fortzufahren, als eine silberklare weibliche Stimme ertönte, die ein heiteres Jagdlied sang.
»Hören Sie doch, mein Prinz, diese liebliche Stimme!« rief Mühlfels aufhorchend.
»In der That, ein seltener Wohllaut, der mir mehr zusagt, als das Gekreisch unserer italienischen Primadonna,« fiel der Prinz ein, von dem Gesange angezogen, und bemerkte, als dieser endete: »Der Stimme nach zu urtheilen, muß die Sängerin ein noch junges Mädchen sein. Der frische, kecke Ton gefällt mir. Es sind hier also auch Frauen?«
»Allerdings, Hoheit. Der Castellan des Schlosses ist verheirathet und wird wahrscheinlich auch Familie haben. Vielleicht ist die Sängerin seine Tochter.«
»Sie singt wie ein Waldvogel!« rief der Prinz, als der Gesang auf’s Neue ertönte, und fuhr alsdann fort: »Ich möchte das Mädchen einmal sehen, ihre Stimme übt eine angenehme Wirkung auf mich aus, und ich denke, sie hat kein übles Aussehen und ihr Wesen ist so frisch wie ihr Gesang.«
»So wird es sein, und ich hoffe, Hoheit werden in Ihren Erwartungen nicht getäuscht werden.« --
»Das wäre mir lieb; denn eine pikante Waldschöne würde mir den Aufenthalt hier noch angenehmer machen. Sorgen Sie dafür, Mühlfels, daß ich morgen das Mädchen sehen, vielleicht sprechen kann, wenn es mir etwa gefallen sollte.«
»Es wird geschehen, Hoheit, und ich würde mich von Herzen freuen, wenn der Zufall mich in dem Bemühen, Hoheit ein wenig zu vergnügen, durch die Sängerin unterstützte.«
»So lassen Sie uns mit dieser angenehmen Hoffnung zu Bett gehen; denn ich fühle mich ermüdet,« sprach der Prinz und erhob sich.
Mühlfels entfernte sich und bald darauf trat Henry ein, um den Prinzen zu bedienen.
»Nun, Henry, wie gefällt es Dir hier?« fragte der Prinz.
»Sehr gut, Hoheit; denn es giebt hier ganz allerliebste Dinge,« bemerkte der Diener.
»Was meinst Du damit?«
»Haben Hoheit vielleicht den hübschen Gesang vernommen?« fragte Henry mit einem bedeutsamen Blick.
»Ja, der Gesang war hübsch.«
»Und ich versichere Eure Hoheit, die Sängerin ist noch zehnmal hübscher,« fiel Henry ein. »Du hast sie gesehen?«
»Ja, Hoheit, und ich schwöre, es ist das schönste Mädchen, das meine Augen je erblickt haben!« rief der Diener in ungewöhnlicher Erregung.
»Du bist toll oder in das Mädchen verliebt!« sprach der Prinz lachend.
»Das erstere gewiß nicht; das letztere will ich nicht abläugnen. Aber ich glaube, Hoheit, ich bin zu entschuldigen, denn ich weiß, es könnte Anderen vielleicht ebenso wie mir ergehen. Das Mädchen ist zu reizend, und man weiß nicht, soll man mehr ihre Schönheit oder ihr keckes, verführerisches Wesen loben!« betheuerte der Diener.
»Sind noch andere Mädchen oder Frauen im Schloß?« fragte der Prinz.
»Die des Castellans und des Försters; doch kein anderes Mädchen, außer Mariane, des Castellans Tochter.«
»So wirst Du wol eine schlechte Nacht haben, Henry, da Dich die Liebe prickelt,« sprach der Prinz lachend, und fügte mit einem cynischen Blick auf den Diener hinzu: »oder vielleicht nicht, wie?«
»O, daran ist bei dem Mädchen nicht zu denken! die ist spröde und scheu, wie ein Reh.«
»Du scheinst also schon Dein Glück bei ihr versucht zu haben?« fragte der Prinz.
»Nun, Hoheit wissen, ich bin gegen das schöne Geschlecht stets höflich.« --