Prinzessin Mymra: Novellen und Träume

Part 9

Chapter 93,924 wordsPublic domain

»Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel!« Und er brach in Tränen aus.

Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:

»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager sterben könnte, Pjotr!«

Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.

Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und ohne Gäste an trüben Wintertagen nicht langweilen?

»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete Solomowna dem P. Astriosow, als er um die Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. »Früher hatte er vor nichts Angst, jetzt kommt er aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, als ob jemand neben ihm stünde. Auch wartet er immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick Gäste kommen werden! Oder er sitzt da und weint.«

Nach Neujahr beichtete Solomowna dem Geistlichen, daß sie böse Träume gehabt habe: in der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen Zauber getrieben, und darum wären ihr die bösen Träume gekommen.

Träume, die man in der Christwoche hat, sind immer prophetisch.

Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es ist aber nicht gut, wenn man im Traume den Boden aufwischt. Bald träumte ihr von einer Feuersbrunst: das Haus brennt, man hat schon alle Balken und Bretter herausgebrochen und nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber nichts zu sehen.

»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen, und ich frage sie: >Was ist denn los?< Und sie antworten: >Wir wissen nichts, Solomowna!<«

Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der Neujahrsnacht.

Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und aus der Balkontür träte ihr der selige Sergej Petrowitsch entgegen; er war nicht allein, sondern befand sich in Begleitung eines uralten Mannes; sie hätten die Balkontür hinter sich fest zugeschlossen und wären geradeaus ins Arbeitszimmer gegangen, sich wie Blinde an den Wänden entlangtastend.

P. Astriosow hatte aber für die Träume der Kinderfrau wenig Interesse: sein eigener Neujahrstraum saß ihm noch im Nacken.

P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste war schon Küster, und das jüngste ein Säugling. Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste war ein Säugling und lag in den Windeln, und der jüngste war Küster und hatte einen langen Bart.

»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche, indem er von Solomowna den Sack mit den Neujahrsgeschenken entgegennahm.

In den Feiertagen war es gar nicht lustig.

Auch in der Küche herrschte eine gedrückte Stimmung. Man sprach im Flüsterton, als ob ein Schwerkranker im Hause wäre.

Es war noch immer die alte Gesellschaft: der alte Koch Prokofi Konstantinowitsch, der Kutscher Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna, der Bautischler Terenti, der Schmied >Truthahn<, der Lakai Sinowi und sein Gehilfe, der kleine Pjotr. Sie saßen im Kreise um Solomowna und tranken Tee. Nur die Stubenmädchen fehlten: Charitina war mit der gnädigen Frau nach Petersburg gegangen, und Ustja und Sanja hatte man gekündigt.

Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, sprachen von allen Wersenewschen Angelegenheiten und äußerten Bedenken wegen des gnädigen Herrn, mit dem es doch früher oder später ein schlimmes Ende nehmen werde.

»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie bekreuzigte sich den Mund und schüttelte den Kopf.

Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend durch die Zimmer gewandert war, kam plötzlich in die Küche und blieb, schwer mit der Nase schnaufend, vor den bestürzten Dienstboten stehen. Er starrte auf den verwilderten Truthahn und verzog das Gesicht, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Dann winkte er mit der Hand ab und sagte:

»Teufel!«

»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort flog auch in den Garten hinaus und umkreiste die weißen Säulen.

* * *

Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter. Am Vorabend des Dreikönigstages fing es wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher im Garten wurde gelb.

Es war wie der Hauch des Frühlings.

Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig zum Fenster hinaus. Er machte auch die Balkontür auf, stand lange in der offenen Tür und horchte hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen Augenblick ruhig sitzen und irrte von Zimmer zu Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern Licht machte, wurde er noch unruhiger.

Draußen taute der Schnee, und die Tropfen prasselten von den Bäumen auf das Dach wie ein Herbstregen gegen die Fensterscheiben.

Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. Eine Zeitlang hörte man nichts von ihm.

Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, flüsterte Gebete und malte Kreidekreuze über die Fenster und Türen.

Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer und blickte hinaus.

Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße; er sah nur die nackten Baumäste vor dem Fenster im Winde beben.

Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte, ohne an etwas zu denken, zum Fenster hinaus.

Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein Glöcklein tönen. Er sprang auf. Das Glöckchen tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer. Er wollte hinunterlaufen, Sinowi, Solomowna, den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. Und das Glöckchen hörte nicht auf zu läuten.

Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert vor: an der Stelle, wo der Spiegel hing, gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und sie schloß sich sofort hinter ihm.

Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den Mosaikboden aus weißen und roten Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.

Er ging durch den Korridor und wußte, daß er ihn zu Ende gehen müsse. Und als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer zweiten Tür. Er machte auch diese Tür auf. Dann kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die andere: wenn er die eine öffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so immer weiterging und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte ihm das Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich umschauen müsse, daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken; es war ihm, als ob ihn jemand führte und ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße.

Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und schimpfend, die letzte Tür aufmachte -- er glaubte, daß es die letzte Tür sei --, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob man ihn mit irgendeinem spitzen Gegenstand in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen sah er, wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend und wie von einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber umgekehrt: die Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind erfaßt, ihnen entgegen . . .

»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und Fenster«, berichtete später Solomowna, »als mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar sei gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag zu holen. Wie ich in die Küche hinausgehe, höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür zuschlägt. Und da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja unruhige Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann höre ich die Tür noch einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch: >Prokofi Konstantinowitsch<, sage ich, >hören Sie es?< -- >Ich höre<, sagt er, >wie der Wind die Tür zuschlägt.< Und kaum hat er das gesagt, als die Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte es! Ich renne in den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und ich rufe Sinowi: >Wo ist der Herr?< Der Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind weht so stark herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen können. Der Wind reißt sie immer wieder auf, er heult im ganzen Hause und bläst alle Lichter aus. >Gnädiger Herr!< schreie ich. Aber er ist nirgends zu sehen.«

Am Morgen des Dreikönigstages fand man Wersenew im Weiher: die Fußspuren führten von der Balkontür direkt dorthin.

Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm eingesunken, und während der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen. So war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee, erfroren.

Natürlich wurde sehr viel darüber geredet; ganz Krutowrag war in Aufruhr. Aber vom Gerede wird man ja nicht satt!

Sanofa

1

Schön ist es in Batyjewo -- ein lustiges Dorf ist's! Von allem hat man genug: viel Wald ringsum, und der Fluß ist gleich in der Nähe. Im Flusse gibt's so viel Fische, daß man sie gar nicht alle fangen kann, und im Walde Wild -- alles ist da, was man nur haben will. Nur eines ist unheimlich: man kann da nicht ordentlich lustig sein. Bist du es aber doch, so darfst du hinterher niemandem Vorwürfe machen: stößt dir dabei ein Unheil zu, so bist du selbst schuld.

Solange das Dorf und die Kirche stehen, treiben hier unsaubere Mächte ihr Spiel, und es gibt gar keine Mittel, sie auszurotten: zählebig sind sie wie die Würmer. Ist man die eine Teufelei glücklich los, so taucht, eh man sich's versieht, auch schon eine andere auf. Und wenn es mal vorkommt, daß eine Hexe abkratzt, ohne ihre Kunst einer andern vermacht zu haben, so erscheint gewiß sofort eine neue: und keine gelernte, sondern eine geborene. Eine geborene Hexe ist eine solche, die schon als Hexe auf die Welt gekommen ist. Eine Gelernte geht noch an, aber mit einer Geborenen ist nicht zu spaßen: mit Kleinigkeiten gibt sie sich niemals ab, sondern geht gleich aufs Ganze, so daß man sich nachher sein Lebtag nicht mehr reinwaschen kann.

Es gab im Dorfe Hexen genug, gelernte wie auch geborene. Die ältesten Leute erinnerten sich nicht an eine Zeit, wo es keine Hexen gegeben hätte, und kein Mensch konnte dahinter kommen, wo die Wurzel des Übels lag.

Gar mancher Unglückliche ist schon ins Grab gestiegen, so mir nichts dir nichts elend zugrunde gegangen. Mit den Hexen lasse man sich lieber nicht ein: sie verderben den Menschen, kommen aber selbst immer mit heiler Haut davon und leben ruhig weiter, den Menschen zum Schrecken, dem Gehörnten zum Wohlgefallen -- seines bösen Willens Töchter.

So ein verhexter Ort ist eben das Dorf!

* * *

Es braust und tost das Gerede in Batyjewo, die Kunde dröhnt durch die Schwarzen Wälder: vom Meere bis zum Gebirge gibt's keine Hexe, die schrecklicher wäre als Sanofa.

Die andern Hexen sind alte Weiber gewesen: Arischka und Agapka hatten je hundert Jahre und mehr auf dem Buckel; diese aber ist jung -- kaum über dreißig. Die andern richteten zwar viel Schaden an, hielten aber doch Maß und machten die Sache zuweilen wieder gut. Dieser fiel das aber niemals ein. Die schrecklichsten Zauberkünste kannte sie. Sie verstand, den Menschen so an einen Fleck zu bannen, daß er niemals mehr aus dem Hexenringe herauskonnte, und wenn er noch sosehr mit Armen und Beinen um sich schlug; er irrte im Kreise dicht vor seinem Hause herum und konnte nicht ins Haus herein; stand dicht vor seiner Schwelle und konnte kein Glied rühren. Die andern Hexen sehen eben wie Hexen aus, und auch das kleinste Kind kann sie auf den ersten Blick erkennen: sie sind alle dürr, haben Hakennasen und Schwänze; diese aber ist hübsch -- die ganze Welt kann man absuchen und keine ähnliche finden --, dabei aber eine Mißgeburt, wie man eine solche seit Erschaffung der Welt nicht gesehen hat: der Körper und alles andere ist echt wie bei jedem gesunden Weibe, aber die Beine sind wie bei einem kleinen Kinde: sie kann gar nicht gehen, nur umherkriechen. Wenn sie doch nur immer umherkriechen wollte! Aber die Leute sagten, daß sie auch fliegen konnte: wie ein Vogel konnte sie in die Luft steigen! Man bekam sie auch fast nie zu Gesicht, höchstens des Nachts. Gott möge aber einen jeden davor bewahren: besser ist's, dreimal in die Erde zu versinken oder der heiligen Ostermesse nicht beizuwohnen, als sie zu erblicken.

2

Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen Waren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Die Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Käufer drängten sich nur so: auf den alten Tschabak konnte man sich verlassen, niemals hängte er einem faule Ware an. Hätte sich der Alte nicht die Sünde auf die Seele geladen, so wäre er unter die Heiligen gesetzt worden, bei Gott!

Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut, hatte getanzt und gesungen: wenn sie nur einmal in die Hände klatschte, war man verloren, seine Seele wollte man hingeben, nur um sie einmal tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab's nicht in der Welt.

Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen. In der ersten Zeit schlug er sich mühsam durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte davon. Das ganze Haus war voller Kinder, und es kostete schon etwas, alle zu ernähren und zu bekleiden. Wie die Bauern lebten sie.

Sanofa kam zur Welt -- und gleich wurde alles anders.

Nun hatte Tschabak auf einmal Glück und wurde ein echter Kaufmann. Die Käufer strömten von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und er konnte gar nicht genug Ware auf Lager haben. Reich wurde der Kaufmann. Die Einkünfte reichten nun für alles aus: er baute sich ein Haus, pflanzte einen Garten, verheiratete die Töchter und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke, und die Glocke klang so laut, daß das Abendläuten durch alle Schwarzen Wälder dröhnte und selbst bis zu der Iljinka in Moskau reichte.

Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das Geld kam ganz von selbst in seine Hände.

Kluge Menschen ahnten schon damals, daß es da nicht mit rechten Dingen zuging, sie behielten aber ihre Meinung für sich: das Wort ist kein Spatz, und wenn es einmal entsprungen ist, so kann man's nicht wieder einfangen. Wie leicht kann man einen Unschuldigen in üblen Ruf bringen und muß es dann später im Jenseits büßen. Nur Mitroschka -- so hieß ein Bursche im Dorf -- fürchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank, begann er zu plaudern: er deutete immer auf das Mädel und schrieb ihm alles zu.

Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein Mensch angetrunken ist, kann man ihn für seine Worte nicht verantwortlich machen.

Das Mädel war aber wirklich Gott weiß was!

Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten Hahnenschrei, als letztes Kind ihrer Mutter geboren. Sie kam mit einer Glückshaube und einem Muttermal am linken Daumen zur Welt.

Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht und an sich genommen. Tschabak und sein Weib grämten sich deswegen, konnten aber nichts mehr machen: so ein Ding kann man doch nie mehr zurückerlangen; wer es zuerst in die Hand bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus.

Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe.

Wanderer und Wallfahrer strömten zu Tschabak herbei. Viele kamen ins Haus, um aus Sanofas linker Hand ihr Glück zu holen. Die Hand teilte das Glück freigebig aus und wies niemanden ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann immer glücklich an ihr Ziel und kehrten ebenso glücklich heim. Niemand konnte sich über etwas beklagen.

Aus fernen Dörfern kamen die Leute zu Tschabak, ihr Glück zu holen, und kehrten zufrieden heim: niemandem stieß irgendein Unheil zu.

Das Kind wuchs als kluges Mädel heran und zwitscherte den ganzen lieben Tag wie ein Vöglein. Alles mußte man ihr zeigen und erklären, sie lief immer den Erwachsenen nach und hatte vor nichts Furcht.

Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit und stellte sie in den Reigen. Das Mädchen liebte es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen durch die Dorfstraße zog, erhob sich ein Wind und warf das Mädel um. Seit jener Zeit waren ihre Beine gelähmt, und sie konnte nicht mehr gehen.

Sie lief nicht wie die andern Kinder umher, sondern lag den ganzen lieben Tag still.

Eine wunderliche Sache: ihr Körper wuchs weiter, aber ihre Beine blieben, wie sie waren: kleine Kinderbeinchen.

Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak, und das Glück überschwemmte die Welt.

Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen.

Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas Glückshand kleine Kreuzmale, es waren aber keine gewöhnlichen Kreuze; und danach kam Foma, der heil zur Wallfahrt auszog, ohne das eine Bein zurück; dem Jerjoma wurde ein Auge ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind, heiratete, lebte ein Jahr in glücklicher Ehe, begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran, den man als Boten nach Petersburg geschickt hatte, kam nie wieder heim; der bewußte Mitroschka aber bekam einen Nabelbruch.

Nun geschahen Dinge, die man auch einem Narren nicht zu deuten braucht.

Je älter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das Geschäft ihrem Vater über den Kopf. Der alte Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten verheiraten und dann ruhig sterben. Er schickte Freiwerber aus. Gar mancher Freier kam ins Haus. Viele wurden durch den Reichtum angelockt: Tschabak war ja der reichste Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus. Gar mancher Freier hätte gern zugegriffen, aber im letzten Augenblick hatte er doch nicht den Mut. Einen gar zu seltsamen Blick hatte Sanofa: wie ein Messer drang er einem ins Herz. Vor solchen Augen konnte man nichts verbergen. Darum kam auch nichts zustande.

Sanofa konnte die Freier nicht leiden und machte dem Vater oft Vorwürfe. Mit dem Alten hätte aber auch der Teufel nicht fertig werden können: so trotzig und eigensinnig war er.

Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus der Stadt; in Geschäften kam er zu ihm. Ein hübscher, lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in Aufregung; Die Weiber weinen auch heute noch, wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und dieser Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es dem Vater. Der Alte freute sich mächtig und ging gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die Tochter so, daß er seine Seele für sie hingeben würde. Der Kaufmann war aber ein leichtsinniger Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schüttete drei Scheffel Scherze hin, und man wurde einig. Alles ging, wie sich's gehörte: die Eltern gaben ihren Segen, man feierte die Verlobung und machte alles, was die Sitte verlangt: Weiber verstehen sich ja darauf! Man tanzte so lange, bis alle lahm waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach, kleidete man Sanofa zur Trauung ein. Man kam in die Kirche, das ganze Dorf war dabei -- denn alle wollten es sehen --, man wartete, der Bräutigam aber fehlte noch. Man dachte sich, es sei ihm etwas zugestoßen. Man suchte hin, man suchte her. Man schickte einen Boten hin, dann einen andern, der Kaufmann war nirgends zu finden. Man ächzte und seufzte, doch es war nichts zu machen. Nun fuhr man wieder heim. Sanofa wollte sich aber nicht vom Fleck rühren. Man bat sie, man flehte sie an, man versuchte, sie mit Gewalt nach Hause zu bringen, sie wollte aber um nichts in der Welt fahren. So, wie sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die Erde und kroch auf allen vieren nach Hause. War dabei so weiß wie Papier, und ihre Augen -- ja, wenn alle Donner des Himmels erdröhnen und alle Blitze niederführen, gäbe es kein solches Ungewitter: -- die Augen glühten und sengten. Ein jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch immer weiter.

Gegen morgen fand man den Kaufmann in Tschabaks Stall. Eine Sau hatte Ferkel geworfen, und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe für die Ferkel. Der Kaufmann lag in der Krippe, und die Pferdeleine war mit dem einen Ende an einer Pappel festgebunden. Tot war er.

Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die Leute sagten gegen Kornej aus. Kornej schwor, daß er an der Sache nicht beteiligt sei. Man glaubte aber seinen Schwüren nicht und sprach ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien und ist wohl auch dort gestorben.

So war die Sache.

Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun ganz laut zu schimpfen, und die Klugen, die früher ebenfalls alles gewußt, aber geschwiegen hatten, redeten drauflos.

Jetzt war es allen klar, was für eine Bewandtnis es mit Tschabaks Reichtum und Sanofas glückbringender Hand mit dem Muttermal am linken Daumen und den kleinen Kreuzen hatte.

Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow erdrosselt hatte -- das wußte ja jedermann --, Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hände Werk war es!

Das ganze Dorf geriet in Aufruhr.

»Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen«, sagte man von Sanofa: »Sie wird einen Hagel schicken und die Felder verwüsten, sie wird einen Blitz herabsenden und das Korn verbrennen, das Vieh umbringen, die Kinder erwürgen, die Weiber verderben, die Männer zugrunde richten, den Fluß austrinken, den Wald mit den Wurzeln ausrotten, weder die Kirche noch ein einziges Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan nicht verschonen.«

»Sie wird es noch ganz anders treiben«, flüsterte man mit erstarrenden Lippen, »sie wird alle in Eulen verwandeln und in Erdlöchern zu leben zwingen.«

»Einen schwarzen Blick hat sie!«

»Eine verdammte Hand!«

»Eine verdammte Hexe ist sie!«

Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der Hexe den Garaus zu machen; es fand sich aber kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme.

Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und Schwester sagten sich von ihr los.

Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede Sünde, alles schrieb man Sanofa zu.

Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.

Alle schielten ängstlich nach dem weißen Häuschen mit der blauen Tür und den blauen Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, wenn der Blick auf den spitzen Dachgiebel fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das Hexennest bewachte.

Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am Fenster, sah alles -- über drei Felder hinweg konnte sie sehen --, und hörte alles -- durch drei Wälder hindurch konnte sie hören.

Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging ihr; aber aufstehen konnte sie nicht.

3

Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak.

Wo das Volk sich einst so drängte, daß die Wände erbebten, hört man weder Lachen noch Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen Tor sieht man keine Pferdespuren mehr.

Ein Christenmensch kommt um nichts in der Welt in den Hof; er wird lieber an der Schwelle sterben als das Haus betreten.

In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt. Und sie duften so scharf, daß man sich kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden sind Vögel gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, es sind aber keine richtigen Vögel, sondern eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es, daß die Wände und das ganze Haus gleichsam davonfliegen möchten.

Nicht geheuer ist es in den Stuben.

Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, setzt sie sich zu Sanofa. Sie schaut die Tochter mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen soll. Sanofa aber liegt mit offenen Augen da, und in ihren Augen brennt etwas, was man mit keinem Wasser löschen kann.

Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:

»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt, hast getanzt und gesungen, hast so getanzt, daß die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und ich habe nichts.«

Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen Kopf, und die Adern an ihrem bronzenen Hals schwollen an.

»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und keine ist so schön wie du!«

Sanofa hörte es nicht und sprach weiter:

»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche Menschen geben! Wer hat es so eingerichtet? Und was habe ich verbrochen? . . .«

»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen sind so schlecht.«

»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber kenne keinen glücklichen Augenblick . . .«

Die Alte richtete sich auf und sagte:

»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen wir dieses Haus, verlassen wir alles, dann finden wir unser Glück . . . Ziehen wir in die Steppe, in die Freiheit . . .«