Prinzessin Mymra: Novellen und Träume
Part 8
Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war nicht der echte Vater, nicht der Vater, an den er soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet hatte.
Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und weinte nachts vor Angst.
Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen gehörte, nahm die Erziehung des Sohnes energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng und bestrafte ihn oft und hart, so daß dem Knaben jede Lust zu weinen verging. Er schlief jeden Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.
Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und steckte ihn ins Kadettenkorps.
Nun begann für Wersenew ein neues Leben, vielleicht die lustigste Periode seines Daseins.
Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, fühlte er sich da heimisch und nicht mehr so fremd und bedrückt wie früher.
Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: Sergej Petrowitsch erwähnte niemals ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster von ihr zu sprechen.
Das Eckzimmer im Obergeschoß mit den Kleiderschränken wurde sorgfältig im gleichen Zustand belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen war: alle ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr Spiegel -- alles stand noch da. Der Sohn suchte aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten Zeit kam er oft heimlich hinauf und weinte sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter gesessen hatte; später interessierte er sich aber mehr für Pferde.
So kam es, daß er niemals erfuhr, warum der Vater die Mutter verlassen hatte; in den späteren Jahren tat es ihm sogar leid, daß er es nicht wußte. Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode das Bildnis der Mutter hängen. Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum hatte er sie verlassen? Warum hatte der Vater die Mutter verlassen? Warum mußte sie soviel Leid, so viele bittere Tage und Nächte über sich ergehen lassen?
>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<
»Teufel!« sagte sich Sergej Sergejewitsch, wenn er an die alten Zeiten von Krutowrag dachte.
Nachdem er das Kadettenkorps absolviert hatte, ging er nach Petersburg und wurde Offizier.
Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er Mangel an Geld: sein Vater geizte nicht und schickte ihm regelmäßig größere Summen. Der Vater war immer besorgt, daß es ihm gut ginge. Er konnte sich über nichts beklagen. Bei seinen guten Verbindungen und großen Mitteln durfte er auf eine glänzende Zukunft hoffen.
Er lebte ebenso wie die andern Offiziere: spielte Karten, nahm an Trinkgelagen teil, besuchte Bälle, erzählte Witze, imitierte seine Kameraden und Vorgesetzten, machte Damen den Hof, war an allen Regimentsintrigen beteiligt, regte sich auf, zankte sich -- und die Tage gingen gleichmäßig dahin, und ein Tag war wie der andere. Und wenn auch zuweilen etwas Ausschließliches und Besonderes vorkam, so blieb es doch immer in den Grenzen des in seinen Kreisen Erlaubten und Üblichen: so verlor er zum Beispiel einmal eine Riesensumme im Kartenspiel; wem ist das aber noch nicht passiert? Auch die anderen Ausnahmen waren von der gleichen Art.
Gleichmäßig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen, floß sein Petersburger Leben dahin.
Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende Leben hätte eigentlich in seinem Gedächtnis keine Spuren zurücklassen müssen.
Und doch hatte er eine Erinnerung.
Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gewöhnliches Erlebnis.
Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches?
Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren Jahren mehr als einmal an dieses Erlebnis zurück; er prüfte sich und saß über sich selber zu Gericht und verantwortete sich vor sich selbst.
Er hatte schon längst eingesehen, daß eine Handlung durchaus nicht besonders auffallend und außergewöhnlich zu sein braucht, um für immer im Gedächtnis haftenzubleiben; daß auch etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das man kaum merkt, sich wie ein winziges Stäubchen in der Seele festsetzen kann.
>Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom Himmel, ein Erdbeben vernichtet eine ganze Stadt -- das kann für dich schon am nächsten Tage seine ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen wie den gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes Lichtchen -- ein irgendwo unter einer Brücke flackerndes Flämmchen oder die qualmende Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne, die wie eine Hopfenstange unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir für dein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.<
Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so über sich selber zu Gericht saß und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.
Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn man es auch kann, hat man den Mut dazu?
Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind schwere Vergehen, große Sünden, die von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord läßt den Mörder vollkommen kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! Was er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen muß, was seine Qual, sein Lohn und seine Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes Sein erfüllt, das ist gar nicht der Mord, sondern das ist dieses, daß er einmal einen Tag, eine Woche, ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem Morde ein zudringliches Mädel, das ihn auf der Straße anbettelte, von sich gestoßen hat -- es gibt solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der Straße verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen zum Kauf anbieten: >Herr, kaufen Sie mir doch einen Glückszettel ab!< -- Es handelt sich auch gar nicht darum, daß er das Mädel, das ihm sein Glück zum Kauf anbot, von sich stieß, sondern darum, daß das frierende Mädel ihm einen Blick zuwarf, einen Blick, den er sein Lebtag nicht vergessen wird.
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm das Petersburger Erlebnis wieder in den Sinn kam.
Einer seiner Regimentskameraden hatte eine Braut. Der Offizier war von altem Adel, das Mädchen aber aus einfacher Familie und sehr arm. Die Angehörigen des Bräutigams waren gegen diese Verbindung und suchten sie auf jede Weise zu vereiteln.
Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit seines Kameraden sehr zu Herzen; er besuchte ihn oft und wünschte ihm und seiner Braut aufrichtig Glück.
Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse endlich aus dem Wege geräumt waren und der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die Sache ein unerwartetes und trauriges Ende: die Braut löste die Verlobung.
Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, an diesen Petersburger Herbstabend mit dem durchdringenden feuchten Wind und den hinter dem Schleier des feinen Regens trübe leuchtenden Straßenlaternen; an ihr Zimmer irgendwo in der Rusowskaja-Straße in der Nähe der Kasernen. Sie bat ihn, zu ihr zu kommen, um mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu sprechen. Er zweifelte nicht, daß das der wahre Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen habe; als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze Wahrheit . . .
Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das plötzlich so blaß geworden war, so entsetzlich blaß, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden pflegte, wenn er mit den Worten: >Vater kommt!< zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt gekommen war.
Sie eröffnete ihm, daß sie ihn liebgewonnen hätte und nur ihn allein liebte.
Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn einen Grund gegeben, dergleichen anzunehmen? Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines Freundes stets aufmerksam behandelt und war aufrichtig bestrebt gewesen, beiden, ihr und ihm, zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte sie auch jetzt gar nicht.
Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke am Fenster stand, während die Regentropfen gleichmäßig und unaufhörlich gegen die Scheiben prasselten; ein Tropfen folgte dem andern, ein Bächlein dem andern. Wie sie ihn, ohne mit den Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig gesenkt, ansah und später mit unbeweglichen Blicken begleitete, so starr, als trüge er das ganze Blut ihres Körpers, die ganze Kraft ihrer Seele und die ganze Hoffnung ihres Herzens mit fort, als hätte er es ihr entrissen und ginge damit fort!
Am nächsten Abend traf er sie zufällig auf der Kukuschkin-Brücke. Er hatte sich nicht geirrt: sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der ebenso unbeweglich war wie am vorigen Tag. Und etwas später hörte er etwas in das ekle schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er blickte aber nicht einmal zurück und setzte seinen Weg fort.
War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser gestoßen hatte?
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm die Geschichte wieder in den Sinn kam.
Bald nach diesem Vorfall mußte er plötzlich nach Krutowrag abreisen: sein Vater lag im Sterben.
Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb ganz allein und ließ niemanden, weder den Arzt noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den allerdringendsten Fällen durfte als einzige >Kreatur< der Lakai Sinowi sein Zimmer betreten. Der Alte wollte nichts genießen und schloß des Nachts kein Auge.
Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. Allen war es so unheimlich zumute; man hatte Angst zu sprechen und selbst zu flüstern.
Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen standen weit offen; nur die Tür des Arbeitszimmers war fest verschlossen.
Sergej Sergejewitsch kam zu einer späten Nachtstunde in Krutowrag an; er wollte den Vater nachts nicht stören und sich erst am Morgen bei ihm melden. Der Vater fühlte aber sofort, daß der Sohn gekommen war, und ließ ihn durch Sinowi rufen.
Der Alte saß in der Ecke beim Schrank mit dem alten astronomischen Globus, in einem Sessel zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert und lag anscheinend in den letzten Zügen. Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die Kehle zusammenpreßte, die Augen waren aber ganz tot und die Pupillen trübe und starr; nur der Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen scharfen Glanz.
Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich über sie; die Hand war eiskalt. Und als er sich über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die Wange zu küssen, spürte er einen unüberwindlichen Ekel und küßte die Luft.
Vater und Sohn begrüßten einander.
Der Alte küßte den Sohn: die Lippen waren eiskalt, noch kälter als die Hände.
Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich wieder zum Vater:
»Nun, wie geht es Ihnen?«
»Die Teufel kommen immer her«, zischte der Alte durch die Zähne.
»Was für Teufel? Kleine mit Schwänzchen?« versuchte der Sohn zu scherzen; er verstand es sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und zu sprechen.
»Was fällt dir ein! Echte Teufel!« zischte der Vater, und seine Pupillen wurden noch dunkler.
Wersenew erinnert sich an diese toten Augen und die starren, dunklen Pupillen mit dem scharfen, noch lebenden Rand; der scharfe, lebende Rand der Pupillen zog sich plötzlich zusammen und leuchtete wie rote Kohlenglut auf.
Er griff unwillkürlich nach seinem Säbelknauf und wich einige Schritte zurück.
Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und begann sich krampfhaft die Brust zu kratzen.
»_Echte_ Teufel . . .« zischte der Alte, indem er sich die Brust kratzte. Plötzlich sprang er kreischend vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht auf den Teppich.
Das war also der Vater, an den er einst soviel gedacht, den er einst so sehnsüchtig erwartet hatte!
Was quälte aber den Vater? Wen sah er vor sich? Wer besuchte ihn in seiner Sterbestunde? Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz mit dem echten letzten Zucken des Gewissens, mit dem letzten Willen und dem letzten Wort? Wer war das?
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als er sich an den Tod seines Vaters erinnerte, des Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so sehnsüchtig erwartet hatte.
Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, zog aus Petersburg nach Krutowrag und widmete sich der Landwirtschaft. Um die gleiche Zeit heiratete er.
Warum er geheiratet hatte, wußte er selbst nicht mehr; wahrscheinlich hatte ihm Jelisaweta Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und sanft wie ein stiller Engel Gottes. Auch langweilte er sich allein in dem alten Hause.
Mit der Landwirtschaft beschäftigte er sich nur kurze Zeit. Dann versuchte er, sich in der Semstwoverwaltung zu betätigen, gab aber auch das aus irgendeinem ganz unsinnigen Grunde sehr bald auf. Allmählich zog er sich von jeder Tätigkeit zurück.
Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal der Wersenews ruhten nun auf den Schultern des tüchtigen und fleißigen Gutsverwalters, eines mürrischen Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, die es verstanden hatte, das alte Haus mit unaufhörlichem Lärm und lustigen Gästen anzufüllen.
3
Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die Schule mit Auszeichnung. Gorik kam auf die Universität und Buba auf die Frauenhochschule.
Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, war ganz besonders lustig.
Die Bauernjungen von Krutowrag, die schüchternen: Fischbein, Roßhaar und Schaufel, und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, Jeschka und Jermoschka spielten unter Goriks Anführung >Expropriationen<; ein Überfall, den sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die tscherkessischen Flurwächter des Generals Belojarow den Anführer um ein Haar erschossen hätten.
Raketen und persische Blitze stiegen über dem Hause auf im Garten qualmten Reisigfeuer, in der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste, und die Nächte waren stets von unheimlichem rotem Feuerschein erhellt.
Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen mußten, begann auch Jelisaweta Nikolajewna zu packen.
Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und kehrten niemals nach Krutowrag zurück.
Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann, daß sie nie wieder nach Krutowrag zurückkommen wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren würden.
Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren kindlich-schelmischen Ausdruck. Ihr Entschluß war offenbar fest und unumstößlich.
Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar nichts; er wollte nichts begreifen; es war ihm zu peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu beginnen, sich das gewohnte Leben abzugewöhnen und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er konnte sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen. Die Wersenews hatten ja achtzehn Jahre zusammengelebt!
Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte aber kein einziges Wort hervor: statt aller Einwände drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln und Pfeifen, und dann folgte sein obligates >Teufel!<
Er konnte einfach nichts dagegen tun.
Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem man das Hautjucken, das es plagte, besprochen hat, erklärte sich mit allem einverstanden und unterschrieb alles, was man von ihm verlangte.
Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach gelöst.
Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und erschöpfenden Bericht über die Wersenewschen Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna auch in Zukunft auf dem laufenden zu halten.
In Krutowrag wurde es auf einmal leer.
Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich über die Felder von Krutowrag und lief dann die Landstraße entlang, bald nach rechts, bald nach links abschwenkend und in jeden Gutshof einkehrend.
Niemand wunderte sich, niemand regte sich darüber auf; es war, als ob alle das Ereignis vorausgeahnt und nur aus Feingefühl geschwiegen hätten, ebenso wie man in Gegenwart eines Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen sich scheut.
Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow gebrauchte übrigens einen andern, nicht wiederzugebenden Ausdruck), mit dem man sich den plötzlichen Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas erklärte, beschäftigte eigentlich nur ihre ehemaligen Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen Verdachtsgründen triumphierten.
»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt ist; natürlich ist es ein Roman, obwohl niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt; aber dieser Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden sein! Wo käme denn sonst das Zerwürfnis her?«
So urteilten die Damen.
Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache eingehender abzugeben; niemand hatte Lust, seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; denn man kommt immer besser weg, wenn man sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.
Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, unruhig brauste es im Walde; auch die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, flimmerten unruhig über dem Wersenewschen Hause.
Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, Wersenew in seiner Einsamkeit zu besuchen.
In den ersten Tagen kamen allerdings einmal drei Damen, die mit Jelisaweta Nikolajewna befreundet waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, um, wie sie später selbst erklärten, zu riechen, welch ein Wind jetzt dort wehte.
Die Damen fielen über Wersenew her und redeten ihm die Ohren voll, so daß er nicht einmal die Möglichkeit hatte, seinen >Teufel< loszulassen.
Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste hinausbegleitete, ihnen klipp und klar erklärte, daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen Herrn nicht hätte vertragen können und daß sie nur aus diesem einen Grunde abgereist sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und hielten hartnäckig an ihrer Ansicht, daß auch ein Auserwählter des Herzens mit im Spiele sein müsse, fest.
Bald darauf ließ General Belojarow, als er bei einer der drei Damen anläßlich einer Geburtstagsfeier zu Besuch war, den bekannten pittoresken, doch nicht wiederzugebenden Ausdruck fallen. Er fügte übrigens beschwichtigend hinzu:
»Alles hat sein Gewicht und Maß.«
Damit war die Sache erledigt.
Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew einmal zu Besuch, Er brachte den Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem Grunde als einen berühmten politischen Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim statt Knochen im Leibe habe.
Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet, sprach aber während des ganzen Abends kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen und führte verschiedene Beispiele seiner sprichwörtlich gewordenen Vergeßlichkeit an.
Die Geschichte von seiner Auslandsreise in wichtiger amtlicher Mission erzählte er sogar zweimal: einmal vor und einmal nach dem Abendessen.
Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte mehr als einmal gehört. Das Ministerium schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck nach Frankreich: er reiste aber aus Frankreich nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus Italien nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld schicken, verbrauchte eine Riesensumme, besann sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner Reise erst dann, als er nach Rußland zurückgekehrt war.
»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!« sagte Pustoroslew, indem er sein obligates >gewissermaßen< bedeutungsvoll dehnte und mit seinen farblosen Augen, die keine Wimpern hatten und blind zu sein schienen, zwinkerte; er spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an.
Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum Tee.
Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über diesen Gast.
Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer sehr lange am Teetisch. Er sprach von furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl er sich zum tausendsten Male das Versprechen gegeben hatte, von seiner gefährlichen Angewohnheit zu lassen, immer wieder in seinem >gewissermaßen< stecken, während Sergej Sergejewitsch den bestürzten Gast anstarrte, ab und zu mit der Hand winkte und seine Gedanken in dem Wort >Teufel< zusammenfaßte.
»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite Natur!« stammelte Charin. Er war ganz rot geworden, in Schweiß gebadet und so aufgeregt, daß er kaum die Tür finden konnte.
Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer hoffte, das >eiserne Bindeglied< zwischen den Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu Wersenew.
P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern war, verlor, sobald er mit Sergej Sergejewitsch unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine der berühmten Zigarren, an denen er allmählich Geschmack gefunden hatte, und parierte den Wersenewschen >Teufel< mit seinem >Bindeglied<, das ihm wirksamer als das Zeichen des Kreuzes schien.
»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow, indem er die Asche von der Zigarre schüttelte; er tat es, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht und ob er eine Zigarre mit mexikanischem oder mit brasilianischem Deckblatt in der Hand hatte.
Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über den Geistlichen.
Sonst war er aber tagelang allein.
Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche zu besuchen; selbst während des Gottesdienstes konnte er sich seiner Redensart nicht mehr enthalten, was bei den Betenden großes Ärgernis hervorrief. Einmal führte es sogar zu einem unliebsamen Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin, versuchte während eines Festgottesdienstes an Kaisers Geburtstag den >Freimaurer< zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.
In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit der Zigarre im Munde, irrte Wersenew tagelang durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen und den grün angelaufenen grauen Schnurrbart.
Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. Was sollte er tun? Doch nicht mit den Kinderspielsachen spielen! Er hatte sich so sehr an den ewigen Lärm und die lustigen Gäste, an seine Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn Jahre hatten ja die Wersenews zusammen gelebt!
Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und zählte die Krähen, die über den nackten Linden kreisten . . . Wie viele waren es, und warum krächzten sie so? Oder er ging ins Eckzimmer im Obergeschoß, wo einst seine Mutter Fedossja Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans Fenster und sah auf die Landstraße hinaus . . . Wohin führte die Straße, und hatte sie irgendwo ein Ende? Oder er hörte dem Rauschen der Pappeln vor dem Hause zu . . . Worüber tuschelten sie? Manchmal saß er im Sessel seines Vaters, vor dem Schrank mit dem astronomischen Globus, starrte auf einen Punkt, vielleicht sogar auf denselben Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel ohne Hörner und Schweife erschienen waren, und schlief, im Sessel kauernd, ein . . .
»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen durch das leere Haus.
Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster einsetzte, dichtete man auch die Balkontür mit Werg und Kitt ab.
Nun kamen die dunklen Wintertage und die langen Winternächte.
Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, leer wie in einem großen Keller.
Wenn er doch wenigstens ruhige Träume hätte.
Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch Wersenew, Hauptmann a. D., siebenundvierzig Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche als ein böses, rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine Art Tausendschwanz, über eine Wiese und klammere sich mit den Beinen an den Grashalmen fest. Es ist ein kalter Sommermorgen, es beginnt erst zu dämmern, und am Himmel steht ein riesengroßer blasser Mond mit rötlich schimmerndem Rand. Sergej Sergejewitsch Wersenew kriecht als ein Tausendschwanz über das Gras; er weiß, daß es ganz gewöhnliches Krutowrager Gras ist, aber die Halme erscheinen ihm so dick und hoch wie Schilf, das Schilf größer und dicker als jeder Baum und das schwarze Erdreich als ein Haufen von Riesenklumpen. Er hat es so schwer: er muß auf jeden Halm hinaufkriechen, dann wieder hinunter und wieder hinauf. So kriecht er und weiß nicht, wohin er kriecht und warum er dazu verurteilt ist, von Halm zu Halm zu kriechen. Er vergeht vor Bosheit, der Haß vergiftet sein Herz, und er ist so furchtbar müde. Am Himmel steht der riesengroße blasse Mond mit rotglühendem Rand, und es ist so furchtbar kalt.
Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow. Dieser gab die kurze Deutung: »Das bedeutet, daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej Sergejewitsch lächelte.
»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles nicht echt wäre.«
Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum dem Lakai Sinowi zu erzählen; er blieb aber mitten im Satze stecken und zischte wie der selige Sergej Petrowitsch durch die Zähne: