Prinzessin Mymra: Novellen und Träume
Part 7
Hier erschien jede Nacht, so berichteten die Augenzeugen, Sergej Sergejewitschs Vater, Sergej Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler, der im Auslande das ganze Riesenvermögen seiner von ihm verlassenen Frau verspielt hatte; er ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch einen vergessenen Dukaten zu finden.
Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek und ins Arbeitszimmer.
Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben dem Schrank mit dem dunklen astronomischen Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch gestorben; vor seinem Tode soll er _echte Teufel_, das heißt Teufel ohne Schweif und Hörner, gesehen haben.
Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch etwas Sicheres darüber wissen konnte -- der Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein zu sich kommen --, konnte man die Geschichte von den echten Teufeln ohne Schweif und Hörner in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln und von allen Kreaturen: von dem alten tauben Gemüsegärtner Gordej bis zu der allmächtigen Näherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige Sergej Petrowitsch pflegte nämlich alle einfachen Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.
Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu beiden Seiten eines dunklen Korridors gelegenen Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses und die beiden Keller besichtigt hatte, führte man ihn in das Speisezimmer, wo vor verhältnismäßig kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu der gleichen Zeit, als im Salon klirrendes Gold mit beiden Händen ausgestreut wurde.
Im länglichen niedern Speisezimmer fanden die Wersenewschen Gespräche und überhaupt alle Erinnerungen ihren Abschluß.
Noch manches andere Interessante und natürlich auch Gruselige erzählte man sich über das Haus.
Darum brannten in allen Zimmern bis spät in die Nacht hinein Kerzen. Das nächtliche Knistern der Parkettböden verbannte aber jeden Schlaf aus dem Hause.
Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, stützten das im Winde klirrende feste Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig zu schlafen, ohne sich um all diese Geschichten, um das Grauen, das nachts in den Zimmern herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen klebten wie die Fliegen an der Kinderfrau Solomowna, zu kümmern. Die alten Pappeln aber, die das Haus überragten, rauschten ständig, ganz gleich ob der Tag windstill oder stürmisch war.
* * *
Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit offen: jedermann kann zur beliebigen Stunde kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch; das ganze Jahr ist wie ein Geburtstag.
Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Leute aus der Stadt kommen sehr oft und sehr gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln und nicht in Paaren, sondern mit der ganzen Familie, wie in Großvaters Tagen.
Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt waren, verstanden es die Wersenews, sich mit allen gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden Gast.
Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! Die Nacht mit ihren Schmerzen währte ja nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was hatte auch schließlich so eine Wersenewsche Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu bedeuten?
Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, ihren Gästen Unterhaltungen und Zerstreuungen zu bieten. Sie war die Anstifterin aller lustigen Streiche und ließ auch ihren Kindern darin volle Freiheit.
Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. Man veranstaltete Liebhabervorstellungen und lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer gab es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen und zu Pferde und Bootfahrten.
Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu lustig!
Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews träumten von einem Aeroplan mit der gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten der guten alten Zeit von Amerika träumten. Hätten sie aber wirklich solch einen Aeroplan bekommen, so wäre es wohl um sie geschehen: sie wären dann in solche Höhen, in solche Wolkenmeere emporgeflogen, daß ihnen nur das eine übriggeblieben wäre: ein Ende mit Schrecken!
Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen mit viel zuviel Eifer und Leidenschaft; die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame Angelegenheiten, ohne die man gar nicht leben könnte, ohne die nur das eine übrigblieb: ein Ende mit Schrecken!
Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit angesteckt und waren stets mit den Kindern zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe. Ganze Tage gingen im Spiel hin.
Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge Geld und erforderten große Mühe und viele Arbeitshände. Manchmal nahmen sie auch ein schlechtes Ende. Aber jede vernünftige Sache kann zu einem schlechten Ende führen!
Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag aus Riga verschrieben hatte, ein arbeitsamer, zu philosophischen Betrachtungen neigender und kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen Sommer lang, statt sein Gärtnerhandwerk auszuüben -- die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei zu treiben --, Abend für Abend Raketen steigen lassen. Er erlangte darin eine große Fertigkeit, aber die Blumen gingen zugrunde. Und was waren das für Blumen!
Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen kamen gar nicht billig zu stehen!
Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst ab.
In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, daß selbst die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, die scheu über dem Wersenewschen Hause flimmerten, die emporlodernden Flammen der Feuersbrünste nicht mehr fürchteten. Auch in den Nachbardörfern brannte es in einem fort. Das wurde aber weniger der Unvorsichtigkeit der Wersenews als Brandstiftungen zugeschrieben: es gab ja genug Gesindel in der Gegend und viele reiche Besitzungen.
Man könnte doch meinen, die Wersenews müßten etwas vorsichtiger werden! Wie leicht konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten sie kein größeres Vergnügen als Brennen.
Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man legte im Walde Feuer an, um Kartoffeln zu braten oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten brannten diese Feuer bis zum Morgengrauen; im Garten gab es immer Feuerwerk oder brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei ihnen kein Vergnügen; man vergaß viel eher das Abendbrot als irgendeinen qualmenden und über die ganze Gegend Funken werfenden >Persischen Blitz<. Den Blitz vergaß man niemals!
Die Wersenews brannten, wo man nur brennen konnte, und auch dort, wo man es gar nicht durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die Hände fiel.
Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht damit, ihre Kinder zu solchen gefährlichen Spielen zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen und war die eigentliche Rädelsführerin. Sie benahm sich bei diesen gefährlichen Unternehmungen so kindlich und schelmisch, als ob sie nicht Bubas Mutter, sondern ihre Schwester wäre; sie stand ihren Kindern in nichts nach und betrieb alles mit dem gleichen verrückten Eifer und komischen Ernst wie sie.
Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig auf einem Platze sitzen: im Sommer gab es jeden Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk, im Winter Abendunterhaltungen und Besuche bei den Nachbarn. Sie machte überhaupt den Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen. Wenn man aber mit ihr sprach, so konnte man hören, daß sie das alles nur den Kindern zuliebe tat; auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen damit eine Freude machen konnte.
Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher Überzeugung und zeigte darin einen so unerschütterlichen Glauben, daß der sonst allzu auffällige schelmische Ausdruck in solchen Momenten spurlos in der Tiefe ihrer erschrockenen Augen verschwand.
Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche Gabe besaßen, jeden Unsinn mit den unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu verbreiten und so flink wie die Flöhe in die verborgensten Winkel einzudringen, selbst die bedeutendsten Spezialistinnen auf dem Gebiete des Klatsches und der Intrige, wußten mit ihr nichts anzufangen: man konnte ihr beim besten Willen nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie eine handelnde Person wäre, konstruieren.
Die Kinder waren von Natur aus schwächlich, sie wären wohl dauernd krank gewesen, wenn die Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten Spielen angehalten hätte. Sie waren wahre Räuber, die Mutter aber eine noch größere Räuberin als sie. Ohne sie würde keine einzige Belustigung zustande kommen und kein Feuerwerk brennen; von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und ihretwegen wäre man am liebsten immer in Krutowrag geblieben; alles war das Werk ihrer Hände, die so klein und flink waren, sich aber auch an ein Ding wie mit Krallen festzuklammern verstanden . . .
Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch ungastlich gewesen wäre; im Gegenteil: er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot einem jeden von seinen vorzüglichen Havannazigarren an, mit brasilianischem oder mit mexikanischem Deckblatt -- ganz nach Wunsch! Es war aber einmal so eingeführt und konnte anscheinend gar nicht anders sein, als daß die Gäste, die so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des Hauses nach Möglichkeit mieden.
Der Grund war sehr einfach: in Wersenews Gesellschaft war es immer furchtbar langweilig.
Von außen gesehen, waren seine Erscheinung, seine Manieren und Gewohnheiten durchaus normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend; er war ein Mensch wie alle Menschen und schnaufte sogar wie mancher andere mit der Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager Adelsmarschall Turbejew, aber doch nicht so laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel auf gute Kleidung und trug sich nicht weniger elegant als der Landrat Pustoroslew, dessen beispiellose Vergeßlichkeit in seinen privaten wie auch öffentlichen Angelegenheiten sprichwörtlich geworden war. Was konnte man von ihm noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswürdigkeit und Aufmerksamkeit und trotz der berühmten Havannazigarren würde es jedermann vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang auf irgendeiner gottverlassenen Eisenbahnstation zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen mit Sergej Sergejewitsch zu verbringen.
Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten in einem Satze und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wolle oder nach einem Wort suche, das präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könne, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Nachdem er den bestürzten Gesprächspartner eine Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in dem einzigen Worte zusammen:
»Teufel!«
>Teufel!< klang es zu allen Tages- und Nachtstunden im Hause, im Garten, im Felde, auf dem Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte.
Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft fern; es zog ihn immer zu seinen Gästen, und er folgte ihnen, laut mit der Nase schnaufend, überallhin wie ein Schatten. Von allen vernachlässigt und in den Schatten gedrängt, wiederholte er zu den Klängen der Tanzmusik, zu dem lustigen Lachen und Schreien, zu dem Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der Raketen sein einziges, seinen Ärger und seine Ohnmacht zusammenfassendes schwarzes Wort:
»Teufel!«
Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen >Teufel< gewöhnt, daß es niemand mehr merkte.
Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich Jefimija Awessalomowna, die den Sergej Sergejewitsch großgezogen hatte, schlug das Kreuz und schüttelte den Kopf.
Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer von den Herrschaften gesprochen wurde, tadelten sie weder deren Verschwendungssucht noch die Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß der gnädige Herr immer den >Teufel< im Munde habe.
Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte man es, wohin das führen konnte.
»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie sich den Mund bekreuzigte und den Kopf schüttelte.
Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach ihr, besonders wenn abends davon die Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch spottete nicht, der Kutscher Anton wußte nichts dagegen einzuwenden, die drei Zimmermädchen: Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer Meinung, ebenso wie die Wäscherin Matrjona Simanowna und der Bautischler Terenti; selbst der verwilderte Schmied, den man >Truthahn< nannte, der an keine übernatürliche Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß was war, sagte kein Wort dagegen; der schweigsame Lakai Sinowi lächelte nicht, und sein Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte nicht zu grinsen; dieser Pjotr glaubte nur an den schrecklichen Wels mit dem langen Schnurrbart, der einmal vor grauen Jahren ein Kalb verschlungen hatte und sich alle zwölf Jahre im Flusse zeigte; beim bloßen Gedanken an diesen Wels zitterte er am ganzen Leibe.
»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte so eine Angewohnheit«, pflegte Solomowna zu sagen, »alle Leute nannte er >Kreaturen<. >Kreatur<, pflegte er zu sagen, >komm einmal her!< Selbst den Dorfgeistlichen nannte er Kreatur. Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so groß wie die von Sergej Sergejewitsch.«
Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen langweilig wurde, kam plötzlich in die Küche oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit der Nase schnaufend, da.
Die Dienstboten sprangen erschrocken auf und erwarteten von ihm irgendeinen Befehl oder auch ein ordentliches Donnerwetter.
Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, starrte unverwandt auf den verwilderten >Truthahn<, der selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß was war, und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wollte, oder nach einem Wort suchte, das präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könnte, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff.
Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in das eine Wort zusammen:
»Teufel!«
»Teufel!« -- hallte es irgendwo im Korridor wider, und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen, Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern des Feuers.
Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von Krutowrag, die sich an die emporlodernden Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig auf das Wersenewsche Haus hernieder.
2
Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit hatte, den Teufel zu rufen, wußte niemand; niemand dachte auch je darüber nach.
Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte aufpassen und über sie nachdenken, so würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; außerdem riskiert man dabei, sich selber eines davon anzugewöhnen: es gibt doch recht üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew pflegt zum Beispiel an jeden Satz, den er spricht, das Wort >gewissermaßen< anzuhängen, und das hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der Krutowrager Krämer Charin diese Redensart vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er beinahe an den Bettelstab. Wie sollte er auch nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir zum Beispiel die von einem Krämer am häufigsten gebrauchte Wendung: >Das kostet soundsoviel<; dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und bestimmt den Preis in Rubeln und Kopeken aber: >Das kostet gewissermaßen soundsoviel< -- klingt schon ganz anders. Oder: >Schicken Sie es mir gewissermaßen sofort<; >Schicken Sie es mir sofort< -- das versteht der größte Dummkopf, aber >gewissermaßen sofort< wird auch der Gescheiteste nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews >Teufel<: wenn man dieser Redensart zuviel Beachtung schenkt und immer an sie denkt, so kann sie leicht an einem hängenbleiben; und wenn man sie sich angewöhnt hat, geht man sicher zugrunde. Die alte Solomowna mußte es ja wissen: Solomowna stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft; sie hatte vieles gesehen, gehört und erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte: _Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!_
So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch anderwärts, die, ob sie wollten oder nicht, mit Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mußten; es waren auch gar nicht die ersten besten, sondern lauter belesene und verständige Menschen, bewanderte Archäologen und Mechaniker.
So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag P. Astriosow, der zwischen allen Dingen und Handlungen ein >Bindeglied< zu konstruieren suchte, kein gewöhnliches, sondern unbedingt ein >eisernes< Bindeglied.
Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar nicht zu sprechen. Sie überhörten den Wersenewschen >Teufel< ganz einfach und schenkten ihm nicht die geringste Beachtung.
»Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es seine Sache! Es gibt Redensarten, die von Vornehmheit und Überhebung zeugen: so das >Bitte zu beachten< des Landrats Pustoroslew; es gibt fromme Redensarten, die ekstatisch veranlagten Leuten eigen sind, wie zum Beispiel >Herr Jesus!< Es kommt aber auch vor, daß vornehme Herren in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum Beispiel der General a. D. Belojarow, Ausdrücke gebrauchen, die nicht wiederzugeben sind; und zwar nicht nur, wenn sie von etwas überrascht und bestürzt sind -- in diesem Fall kann es ja auch jedem wohlerzogenen Menschen, der sonst in seiner Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren --, nein, es ist einfach eine üble Angewohnheit.«
So urteilten die Gleichgültigen.
Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst über seine Redensart zu befragen. Manchmal lächelte man dazu, aber niemand hatte den Mut, die Frage ganz unverblümt zu stellen. Man genierte sich einfach, eine solche Bagatelle zur Sprache zu bringen.
Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit wohl gar nicht bewußt.
Wäre er sich dieser seiner Angewohnheit bewußt gewesen, so hätte er sich doch hie und da beherrschen können. Das war aber noch niemals vorgekommen: jede Begrüßungsansprache, jeder Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar mit dem >Teufel<.
Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige Rede, kein einziges Gespräch und keinen einzigen Satz.
Es wäre aber immerhin interessant zu ergründen, wann und warum er sich diese dumme Redensart angewöhnt hatte!
Eines war klar: daß es hier weder das berühmte Astriosowsche >eiserne Bindeglied<, noch überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche >Teufel< hing einfach in der Luft, und zwar in der gleichen Höhe wie das >gewissermaßen< des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war es auch, daß Sergej Sergejewitsch ohne diesen >Teufel< undenkbar war und daß, wenn man ihm diese Eigenheit genommen hätte, man es nicht mehr mit Sergej Sergejewitsch Wersenew, sondern mit einem ganz anderen Menschen zu tun haben würde.
* * *
Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.
Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen Moskauer Kaufmannsfamilie mit alten Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste, Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, Schlittenfahrten im Karneval, rote Osterkerzen, Glockengeläut im Kreml, Maifeiern im Sokolniki-Wäldchen, Berichte von Pilgern, Wallfahrten nach dem Troiza-Sergius-Kloster, Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung im Vaterhaus -- das war das Wiegenlied, unter dem sie aufgewachsen war, das erste rote Bändchen in ihren Zopf geflochten, das erste Feuer in ihrem verzagten Herzen und ihren weitgeöffneten Augen entzündet und ihr erstes Lächeln durch ihren ersten Kummer getrübt hatte.
Aus dem alten, frommen Moskau kam sie plötzlich in das Wersenewsche Herrenhaus, nach Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem gewölbten Keller, an dessen Wänden braune Blutspritzer zu sehen waren.
Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit dachte, so erhob sich vor ihm sofort wie im Nebel das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen, wie sie Tage und Nächte hindurch am Eckfenster ihres Zimmers im Obergeschoß gesessen hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war immer bei ihr. Und wenn er nachts erwachte, sah er sie oft am Fenster sitzen.
Als er größer wurde und erfuhr, daß auch er, wie die andern Kinder, einen Vater hatte und daß dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern von Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, daß seine Mutter immer den Vater erwartete und darum die Nächte aufblieb, begann auch er selbst auf den Vater zu warten.
Manchmal kamen Briefe vom Vater.
Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe die Mutter, ihm diese Briefe vorzulesen!
Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen Inhalt: anfangs war die Rede vom Geld, und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag an.
Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.
Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie weinte nicht; sie saß wieder am Fenster und blickte wieder auf die Landstraße hinaus. Aber der Knabe fühlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen den Kummer, der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte und ihr Herz vor Kälte zusammenschrumpfen ließ. Er wollte ihr helfen, wußte aber nicht wie, und weinte auch selbst still in sich hinein.
Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.
Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld und bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch der Vater kam nicht.
Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert war und er nicht länger warten konnte, lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine weite Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte dann plötzlich um und eilte mit zusammengekniffenen Augen dem Hause zu.
»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner Mutter mit so echter Freude und so felsenfester Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst plötzlich ein Glöckchen in der Ferne zu hören vermeinten.
Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie, umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz, wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden, ihrer schlaflosen Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht länger beherrschen, sie lachte und weinte und stieß plötzlich einen Schrei aus, der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.
Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus; es war, als ob sie zusammen nur ein Paar Augen hätten, mit denen sie hinausblickten . . . Sie glaubten und zweifelten zugleich. Und das Glöckchen läutete noch immer in der Ferne.
Einige Wagen mit Teefässern kamen vorbei. Die Räder knirschten und übertönten alles. Der Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich der Staub, und die Straße lag leer da.
Bis zum Horizont war die Straße zu sehen, und kein Glöckchen läutete mehr. Still und leer war die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.
Von diesem Tage an begann für den Knaben ein neues Leben: Er hatte ein neues Spiel: >Ankunft des Vaters<.
Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.
Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem Ruf: >Vater kommt!< von ihrem Platz am Fenster aufsprang und plötzlich leichenblaß wurde und zitterte. Ihn amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal unheimlicher und abgerissener klang . . .
Und wenn er so spielte, glaubte er selber daran, daß er den Vater gesehen hätte; auch seine Mutter glaubte es.
Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus . . . So lange scheint es her zu sein und ist doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! Wie schön rauschten damals die Pappeln im Garten!
>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<
»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen den Ansturm der Erinnerungen.
Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen zu haben. Sie starb, am Fenster sitzend und auf die Straße blickend.
Bald nach ihrem Tode kam der Vater.