Prinzessin Mymra: Novellen und Träume
Part 5
Wassilissa besaß aber eine solche Summe nicht. Charpik stand noch eine Weile in der Küche herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines Vaters. Er brauchte nicht lange zu suchen: unter einer alten Aktentasche lag etwas Kleingeld. Charpik zählte nach: es waren genau drei Rubel. Dieses Glück!
»Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie mehr wiedersehen«, sagte Charpik, an der Schwelle stehen bleibend.
»Wo fährst du denn hin?« fragte Wassilissa interessiert.
Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik plötzlich sehr traurig; er war schon im Begriff, das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich aber noch zur rechten Zeit.
»Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!«
Atja und Romaschka trieben sich indessen auf dem Finnländischen Bahnhof umher; viele Züge waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien. Ohne lange Geschichten zu machen, kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki, stiegen in den Zug und -- leb wohl, Gymnasium, lebe wohl, Rußland! Sie reisten nach Amerika, geradeswegs auf die unbewohnte Insel der Mymra.
Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die Marseillaise und rauchten. Die Landschaft, die sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen als Amerika, und alle Fahrgäste als Detektive und Sherlock Holmes.
Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus seiner Hosentasche den Paß der Köchin Fjokluschka hervor und zeigte ihn stolz den Freunden.
»Jetzt können wir auch zum Teufel fahren: der Paß ist echt«, äußerte sich Charpik anerkennend.
»Jeder Detektiv fällt darauf herein«, bestätigte Romaschka.
So kamen sie glücklich in Terioki an.
Sie stiegen aus und begaben sich nach den Sommerhäusern, die um diese Jahreszeit noch leer standen. Hier trieben sie sich bis zum späten Abend herum und taten alles, was ihnen nur einfiel. Sie kletterten über die Dächer, die Treppen und Bäume; Romaschka machte den Vorschlag, ein Bad zu nehmen, das scheiterte aber daran, daß sie zu faul waren, sich auszuziehen.
Allmählich wurde es kalt, und die drei Freunde verspürten auch Hunger: sie hatten ja nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf den Bahnhof zurück und kauften sich ein großes süß-saures Brot, das sie im Nu verzehrten. Nun mußten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es war zu kalt, um auf dem Geleise zu nächtigen, außerdem schneite es. Auf dem Bahnhof konnten sie nicht bleiben, da er für die Nacht geschlossen wurde. Sie überlegten lange hin und her und entschlossen sich, den Stationsdiener zu bitten, in seinem Häuschen übernachten zu dürfen.
Der Stationsdiener war freundlich und ließ sich leicht überreden. Doch ehe er sie zu sich hereinließ, mußten sie den Bahnhof aufräumen und die Geleise kehren.
Sie räumten den Bahnhof auf und kehrten die Geleise; nachher schliefen sie aber so fest, wie sie in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten. Sie sahen im Traume allerlei Süßigkeiten: ganze Schachteln voll Schokolade, Fruchtpasten und gewöhnliche Bonbons: iß, soviel du willst!
Hätte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so hätten sie am Ende auch den Tag über durchgeschlafen. »Steht auf, ihr Sünder!« Sie gingen wieder auf den Bahnhof kauften sich für das letzte Geld ein neues süßsaures Brot, stärkten sich etwas und waren schon im Begriff, sich wie gestern zu den Sommerhäusern zu begeben, als plötzlich in der Tür ein Gendarm erschien.
»Wo wollt ihr hin?« fragte er ziemlich ungnädig.
»Wir sind aus der Nasarowschen Villa«, antwortete Romaschka, der den letzten Sommer in Terioki verbracht hatte und sich da auskannte.
»Aus der Nasarowschen Villa?« fragte der Gendarm. Dann wechselte er einige Worte mit einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar ein Detektiv, und sagte sehr böse:
»Ihr seid verhaftet!«
In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach Petersburg weiterging, und die drei Reisenden stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des Detektivs, gesenkten Hauptes ein.
>Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen, wie werde ich zu ihr zurückkehren? Wo ist mein Indien, mein Weißes Meer und die unbewohnte Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen, oder ist alles verloren?< Mit diesen Fragen quälte sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die nasse schwarze Landstraße blickte.
Charpik und Romaschka rückten unruhig hin und her: einen jeden erwartete seine Tracht Prügel! Lebe wohl, Amerika!
4
Die folgenden Tage gingen entsetzlich langsam hin. Das Wiedersehen auf dem Bahnhof war übrigens gar nicht so schrecklich: Atjas Mutter weinte beinahe vor Freude; auch im Gymnasium lief die Sache gar nicht schlimm ab: Atja wurde sogar zu den Prüfungen zugelassen. Aber welchen Wert hatte für ihn noch das Gymnasium? Er hatte ja die Insel nicht erobert! Was konnte er mit leeren Händen anfangen? Ist das ein Leben! Klawdija Gurjanowna lachte über ihn und nannte ihn nur noch >Amerikaner a. D.<
»Ich muß mir etwas Neues ausdenken«, quälte sich Atja. »Ich muß mir einen Finger abhacken und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen . . . Soll sie es nur fühlen!«
»Der Großvater hat Schuld«, klagte die Mutter dem Doktor. »Ich weiß ja, was sie dort in Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz außer Rand und Band und will nichts lernen. Bald verliebt er sich in Klawdija Gurjanowna, bald phantasiert er von einer Mymra . . .«
Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht, daß jeder Unsinn von Magenverstopfung käme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend mit einem Gemisch aus Bier und Rizinusöl; auch in Erziehungsfragen war er stets für die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschloß daher, Atja bei der ersten Gelegenheit ordentlich zu verhauen. Die Umstände fügten es aber, daß es ihm auf keine Weise gelingen wollte, Atja zu diesem Behufe einzufangen: entweder hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im Gymnasium, oder er war zwar nicht im Gymnasium, aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde versunken wäre.
Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer hinein: Atja saß im Hemd auf dem Bett und dachte über etwas nach. Der Doktor schlich mit verhaltenem Atem zu ihm hin: nur noch ein Schritt, -- und er wird Atja erwischt und ihn so durchgebleut haben, daß er sein Lebtag daran denken wird; der Riemen in seiner Hand zittert bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm, sich gutwillig zu ergeben. Hopp -- die Fersen flimmerten nur so in der Luft! Rette sich wer kann! Ohne viel zu überlegen, rannte er wie der Blitz zu Klawdija Gurjanowna.
Die Tür war nicht verschlossen. Klawdija Gurjanowna lag noch im Bett. Atja kroch zu ihr unter die Bettdecke. Er hörte noch, wie der Doktor eine Weile draußen vor der Tür stand und schließlich mit langer Nase abzog.
»Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom Tode errettet«, flüsterte Atja. Ihm war schwindelig vor Glück. »Du wirst mir vergeben: ich bin eigenmächtig, ohne eine Insel, ohne irgend etwas zu dir gekommen . . . Du wirst mir vergeben . . . Es ist mir noch nicht gelungen, dir ein Königreich zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen: Indien, das Weiße Meer, alle Inseln und alle Länder . . . und alles, alles . . .«
Ihm stockte der Atem . . . ihm war, als hätte seine Seele ihre Seele mit solcher Gewalt umarmt, daß sein Herz plötzlich herausspringen wollte und sein ganzer Körper erbebte: sie war ihm jetzt so nahe, die unzugängliche, stolze Prinzessin Mymra.
Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht, mit der Hand und lachte in sich hinein.
»Darf ich?« fragte plötzlich eine Stimme hinter der Tür.
»Sofort!« Sie stieß Atja zurück und wies ihn mit der Hand unter das Bett.
Atja huschte gehorsam unter das Bett und verharrte dort mit angehaltenem Atem und geschlossenen Augen: er glaubte, wenn er niemanden sähe, so würde auch ihn niemand entdecken. Er kauerte unter dem Bett genauso wie einst in Kljutschi im Geflügelstall, als er Gänseeier auszubrüten versucht hatte. Er atmete nicht, er sah nichts, er hörte aber alles.
Es war der Abgeordnete. Er entkleidete sich. Er legte den Rock ab, zog dann die Schuhe aus. Ein Kragenknopf fiel hinunter, rollte klirrend über den Boden und blieb unter dem Bett vor Atjas Füßen liegen. Atja wurde es unerträglich heiß: als ob es nicht ein Kragenknopf, sondern eine glühende Kohle wäre, die ihn mit fürchterlicher Glut anhauchte. Die beiden sprachen miteinander. Es waren ganz gewöhnliche Worte, wie sie von allen und zu allen gesprochen werden. Atja überlief es aber beim Zuhören bald heiß und bald kalt. Die Worte klangen für ihn wie die gemeinsten Schimpfworte. Plötzlich hatte er begriffen, daß sie nicht die einzige, nicht die Prinzessin, sondern so wie die andern war, um kein Haar anders. . . Und er sah sich in einer Wüste . . . Er drückte sich die Ohren zu, um nichts zu hören, hörte aber jedes Wort; es war ihm, als ob man ihn schlüge, wie man einmal in Kljutschi einen Dieb, der sich unter das Bett in der Küche verkrochen, geschlagen hatte: auf das Gesicht, den Kopf, den Bauch: seine Augen blickten schon ganz gläsern, er war halb tot. »Macht doch schon ein Ende mit ihm!« -- »Nein«, riefen die andern, »der soll nur warten!« Und man ließ ihn für eine Weile los, und schlug ihn dann wieder . . . Atja war es plötzlich, als ob man ihm mit dem stumpfen Ende eines Beiles einen Schlag auf den Schädel versetzt hätte . . . Alles stürzte zusammen . . . Es war wie der Tod . . .
Erst als der Gast das Haus verlassen hatte und Klawdija Gurjanowna sich ankleidete, kroch Atja unter dem Bett hervor. Er blickte sie nicht mehr an und gab ihr auf die Frage, ob er sie am Nachmittag auf den Newski begleiten möchte, keine Antwort.
Ohne Bücher und ohne Frühstück ging Atja ins Gymnasium. Er sah nicht, was um ihn her vorging. Er wußte selbst nicht, wie er schließlich doch ins Gymnasium kam. Bald nach Beginn der ersten Stunde bat er, austreten zu dürfen. Der Lehrer erlaubte es ihm. Er ging aus der Klasse und war nun allein in einem leeren Raume; irgendwo tröpfelte Wasser. Und jetzt erinnerte er sich an alles: die Erinnerung wälzte sich ihm auf die Seele wie ein schwerer Stein! Seine Prinzessin war nicht mehr . . . Tränen rollten ihm die Wangen hinab. Atja weinte zum erstenmal in seinem Leben. So wird die Erde zum letztenmal weinen, wenn vom Himmel die Sterne stürzen.
O wär diese Nacht Nicht so schwül, nicht so schön, So müßt nicht das Herz Vor Wehmut vergehn . . .
Das Lied einer Straßensängerin drang von irgendwoher in den Hof des Gymnasiums und kam aus dem Hof, zugleich mit der Frühlingsluft, zum Fenster herein. Und Atja lächelte unter Tränen.
Wo soll er nun seinen Stern -- seine Prinzessin suchen?
Das Opfer
1
Jeder, der das alte Suchotinsche Gut >Gottessegen< auch nur einmal besucht hat, wird es mit gutem Gewissen loben können. Nicht zum Spott trug es von alters her seinen Namen, und einen besseren könnte man, soviel man auch klügelte, gar nicht finden: es gab zwar in seinen Gärten keine Weintrauben, auch sangen da keine Paradiesvögel, doch der Segen Gottes ruhte sichtbar auf dem guten Lande.
Das alte, von Säulen flankierte Herrenhaus, die Ahornallee, der Obstgarten, die Wiesen, Felder und Wälder, Vieh und Menschen -- kurz alles, was es in Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch bei jedem andern Menschen, der auf der Durchreise geschäftlich oder sonst aus irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles Entzücken hervor; selbst bei dem blasierten, elegant zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten, verwöhnten Moskauer.
Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter Ordnung. Bei Gott -- da brauchte man keine Biene zu beneiden!
Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin selbst war durch seine Einfälle und Witze weit und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft kam und bloß den Mund öffnete, so verstummte für keinen Augenblick das Lachen. Alle lachten mit -- Bekannte und Unbekannte. Ganz ohne Unterschied.
Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst hinter sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen unveränderlichen, gleichsam versteinerten Zügen; wenn sich alle in Lachkrämpfen wanden, blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz regungslos, und niemand sah ihn lachen oder lächeln. Man sah nur unheimliche Funken in seinen unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen. Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf, mußte man seltsamerweise immer an eine mechanische sprechende Puppe denken, und als jemand einmal versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da standen auf dem Papier ganz gewöhnliche Worte ohne jede komische Wirkung.
Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen paßte, fiel es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte beruhte und warum sie überall Lachen und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt aber Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund kommen -- solche Käuze findet man überall --, und diese gaben eine treffende Erklärung: sie sprachen von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem Satzbau, vom ungewöhnlich scharfen Blick seiner Augen -- alles war ihnen klar und verständlich. Glücklicherweise merkte sich niemand diese abgeschmackten Erklärungen. Niemand fragte nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen -- was wollte man noch mehr?
Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter und zeigte auch gar kein Interesse für öffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden. Man denkt noch heute mit Grauen an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten während Suchotins Amtstätigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden von ihm in überaus lustige Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander, es kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott weiß was für Dinge an den Tag, daß sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht genauer kannte, mußte im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht bei Trost. Ich glaube sogar, daß in Petersburg -- in einem Salon oder bei einem Vortrag beim Minister -- sich jemand gerade in diesem Sinne ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das keine weiteren Folgen.
Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?
Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu ordnen und aufzuräumen; er machte das auf eine so scharfsinnige Weise, daß es nachher sehr schwer und oft sogar ganz unmöglich war, einen von ihm eingeräumten Gegenstand zu finden: viele Dinge, und selbst solche, die man dringend brauchte, gingen spurlos verloren. Dann liebte er es, die Möbel -- Tische, Stühle und Etageren -- umzustellen, Bilder umzuhängen und die Bücher in der Bibliothek umzuordnen; damit füllte er gewöhnlich den ganzen Vormittag aus. Beim Mittagessen bevorzugte er die süßlichen Fleischspeisen, wie Eingeweide, Hirn und Kalbsfüße, und da er im Essen unmäßig war, verdarb er sich oft den Magen und klagte über Leibschmerzen. Eine weitere Liebhaberei von ihm war das Heizen der Zimmeröfen: es fror ihn beständig, und er ging mit einem langen Schürhaken von Ofen zu Ofen und rührte die Glut um. Er liebte es, sich mit Dienstboten und Bauern in Gespräche einzulassen; obwohl solche Gespräche immer mit der Erörterung ernsthafter Angelegenheiten begannen, endeten sie doch immer mit irgendeinem Unsinn, was höchst unerwünschte Folgen hatte: nicht nur daß die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch keinen Respekt hatten, sie glaubten -- offen gestanden -- kein Wort von dem, was er sagte. Außerdem versprach er ihnen ganz unmögliche Dinge; so schenkte er einem jeden etwas von seinem Landbesitz, freilich ein nicht sehr großes Stück: nur drei Schritt lang und einen Schritt breit -- so ein närrisches Maß hat er sich ausgedacht! Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft, eigenhändig Geflügel zu schlachten, und konnte es darin mit jedem Küchenmeister aufnehmen: niemals entriß sich ihm ein Huhn mit halbdurchgeschnittenem Hals, oder rannte gar ohne Kopf flügelschlagend umher, wie es bei minder geschickten Köchen vorkommt. Schließlich sah er sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein Toter aussah, je fortgeschrittener die Verwesung war, desto mehr Genuß hatte er von dem Anblick. Sooft im Dorf jemand starb, mußte es der Dorfpope, P. Iwan, in das Herrenhaus melden; sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr Nikolajewitsch ließ alles stehen und liegen und eilte an den Ort oder nach dem Hause, wo die Leiche lag.
Suchotins Frau -- Alexandra Pawlowna -- spottete manchmal höchst gutmütig über die Liebhabereien ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens in inniger Liebe zugetan war; man hätte auch alle diese Eigenschaften, die schließlich Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet, wenn nicht ein unsinniges Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den guten Ruf von >Gottessegen< in Frage stellte.
Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der ihn noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener schwatzte im Dienstbotenzimmer höchst verworrenes Zeug darüber: der General sei gekommen, um den revoltierenden Bauern Schrecken einzujagen oder auch um das ganze Land unter ihnen aufzuteilen. Das ist übrigens gar nicht so wichtig; konnte er denn nicht auch aus purer Neugier hergekommen sein?
Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna freundlich aufgenommen; sie bedauerte sehr, daß nicht die ganze Familie in >Gottessegen< versammelt war -- die Kinder waren nämlich verreist -- und daß der Gast sich daher etwas langweilen werde. Der General war aber in bester Stimmung; er erzählte viel von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch und schien kein Verlangen nach anderer Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld erwartete er seinen Freund, der gerade an diesem Tage vom frühen Morgen an irgendwo auf dem Dorfe bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend nach Hause kam. Als die Freunde sich gegenüberstanden, geschah etwas sehr Seltsames: der Gast war sichtlich erschüttert, erschrocken und begann am ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen Freund nicht gleich erkannt, oder hatte er ihn erkannt, aber eine solche Veränderung an ihm wahrgenommen, daß es ihn schwindelte, oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang oder in seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, Unwahrscheinliches und Unmögliches aufgefallen -- das weiß niemand! Der General taumelte einen Schritt zurück, warf die Arme empor und fiel in Ohnmacht.
In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam und traurig; er schielte argwöhnisch nach allen Seiten, sagte zu allem ja und lächelte so unglücklich wie einer, der sehr unerwartet in eine ganz gewöhnliche Presse hineingeraten ist, wo er jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden kann. Er blieb noch an die acht Tage in >Gottessegen< und jagte eines Morgens ganz plötzlich, ohne Gepäck und nicht ganz angekleidet, auf und davon; vor der Abreise war er wie verrückt, murmelte etwas ganz Unsinniges vor sich hin und zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstücke, die er verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach seiner Abreise tauchten alle die Gerüchte bei den Nachbarn und in der Stadt auf.
Man erklärte plötzlich, das berühmte Suchotinsche Gut sei gar nicht so hervorragend, das Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem Brande neu errichtete Teil falle von den übrigen ab; auch der Garten sei in keiner Weise bemerkenswert: er sei zwar alt und schattig, doch könne man bei einer Reise durch Rußland viele solcher Gärten sehen; an den Feldern und Wäldern sei zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus nicht einzig in ihrer Art; und was die Bauern betreffe, so seien sie gar nichts wert: verarmt und ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert, dann wieder zurückgekehrt, und wenn sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus nicht niedergebrannt und den Pferden nicht die Augen ausgestochen hätten, wie es beim Nachbar Bessonow geschehen war, so hätten sie doch unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus anzuzünden, alles zu verwüsten und sich das Land anzueignen. Und von Pjotr Nikolajewitsch selbst erzählten sich die Leute, nach Aufzählung aller seiner Eigenheiten, solch ungereimtes Zeug, daß ich mich schäme, es wiederzugeben. Schließlich waren alle darin einig, daß man das Haus und die Leute unter allen Umständen meiden müsse: der Ort sei unrein.
Einer von den guten Freunden riet Alexandra Pawlowna sogar, sich beim Gouverneur zu beschweren. Sie wollte davon aber nichts wissen: an dem ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie wolle nicht noch mehr Staub aufwirbeln. Und in der Tat: was so ein argwöhnischer Mensch in seinem argwöhnischen Gehirn nicht alles ausdenken kann!
Übrigens hörte das Gerede nach einiger Zeit ganz von selbst auf: die Leute sind doch nicht so dumm, wie sie zuweilen scheinen.
Und so blieb alles beim alten: >Gottessegen< ist ein Paradies, die Familie Suchotin das Muster einer guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar ein Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.
Alexandra Pawlowna war das eigentliche Haupt des Hauses, und ihrer Begabung wurde auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung der ganzen Wirtschaft von >Gottessegen< zugeschrieben. Sie war ziemlich wortkarg, hatte einen festen Willen und verstand, die Leute im Zaume zu halten. Man hatte vor ihr Respekt und vertraute ihr blind. Sie hatte früh und aus Liebe geheiratet und schenkte in den vier ersten Ehejahren vier Kindern, drei Töchtern und einem Sohn, das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen Sorgen um die Kinder und um die Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr allmählich über den Kopf, je größer die Kinder wurden und je komplizierter die Wirtschaft. Sie war aber bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit dem Gatten und den Kindern das Leben angenehm machen konnte. Und niemand hatte Grund zu klagen: weder der Gatte noch die Kinder.
Jeden Abend saß sie glücklich und freudestrahlend am Klavier. Ihre kräftigen Finger griffen sicher in die Tasten, und feierliche Klänge zogen durch die hohen Räume.
Wenn irgendein heimatloser Landstreicher zufällig in das erleuchtete Fenster geschaut und die zufriedene Frau am Klavier erblickt hätte, wie würde er da vor Neid vergehen! Wie würde er sein finsteres Schicksal verfluchen! Wie willig würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!
Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der jüngsten Tochter Sonja, dessen Meinung immer für maßgebend galt und in der Stadt wie auch auf allen Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra Pawlowna >eine verführerische Brünette< zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer würde glauben, daß diese verführerische Brünette, die das Hauswesen so gut zu führen verstand und ein schönes Familienleben lebte, sich einmal für das unglücklichste Geschöpf auf Gottes Erde gehalten hatte? Freilich waren viele Jahre seitdem vergangen, und jede Erinnerung an jene Zeit war vom immerwährenden Glück und Erfolg in allen Dingen vollkommen ausgelöscht. Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, wäre >Gottessegen< um ein Haar verlorengegangen: das schöne Haus war beinahe verbrannt und Pjotr Nikolajewitsch beinahe in den Flammen umgekommen; Alexandra Pawlowna aber rettete alles.
Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder fort waren, verbrachte Alexandra Pawlowna ihre Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah ihn mit der gleichen Liebe und Zärtlichkeit an wie vor zwanzig Jahren, und er erschien ihr ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken verschwand die tiefe Furche, die sonst zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr, ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, mit ergrautem Haar und totenblassem Gesicht, starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen Augen und grinste.