Prinzessin Mymra: Novellen und Träume

Part 4

Chapter 43,862 wordsPublic domain

»Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet habe, das habe ich alles in Petersburg vernascht, Großvater! Ich habe mir für das Geld auch ein Nilpferd angesehen«, sagt Atja lachend. Und wenn er lacht, so leuchten seine Augen auf wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute.

Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und die Zeit fließt dahin wie der Fluß.

Nun ist auch schon der >Neunte Freitag< angebrochen. Das Volk strömt in Scharen herbei. In der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem Kreuz voran. Hinter den Heiligenbildern kommt das Volk, und hinter dem Volk das Vieh: Ziegen, Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja unbedingt dabei sein! Auch der Hase nimmt an der Prozession teil; er geht natürlich nicht wie eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird von der Patin auf den Armen getragen: sonst würde er ja gleich in den Wald weglaufen.

Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht nur von ihm. Die Patin hat ihn im Traume gesehen: er kam weiß gekleidet aus der Speisekammer heraus und sprang mit einem Satz auf den Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren gebuttert und so schmackhaft, daß sie von selbst im Munde zerschmolzen. Atja aß auch die Portion des Onkels Arkadi auf. Wann kommt er denn endlich? Die Petrifasten stehen vor der Tür: da muß man Gründlinge haben. Ach, wenn man doch endlich mit dem Angeln beginnen könnte!

Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem Pferd und schwimmt im Fluß bei jedem Wetter; aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor der Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, fürchtet er sich, abends aus dem Fenster auf die Kirche zu schauen, und will um nichts in der Welt allein zu Bett gehen: er sieht überall Gespenster. Panja oder die Patin oder der alte Wotjake Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen ihn auf den Dachboden begleiten und ihm vor dem Einschlafen Märchen oder sonst etwas erzählen; dann schläft er ruhig ein. Wenn man aber die Toten in die Kirche bringt oder den Sarg auf den Friedhof hinausträgt, läuft Atja jedesmal hinaus und lauscht dem Trauergeläute. Der Kirchenwächter Kostja schaufelt die Gräber und läutet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame Glockenschläge; die ersten klingen dünn und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger und unheimlicher; der zehnte dröhnt aber so, als ob alle Glocken vom Turm herabstürzten.

Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Unsterblicher, Sei uns gnädig!

Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht im Chor und singt mit, es kommt dabei aber nichts Gescheites heraus: er kann sich unmöglich den Küstern anpassen; die Küster sind ja einer älter als der andere!

»Mein junger Psalmleser«, sagt Großvater anerkennend, »morgen müssen wir nach Polom zu einem Dankgottesdienst.«

Und Atja begleitet seinen Großvater in die Dörfer und Kirchdörfer, hält mit ihm Gottesdienste ab und ißt Ochsenfleisch mit Brei. Atja kommt sich selbst wie ein echter Hilfsgeistlicher vor; wenn er älter wird, so wird er auch Geistlicher sein wie der Großvater; Onkel Arkadi wird ihm nicht mehr das Haar scheren dürfen: er wird langes Haar tragen, bis zum Gürtel wird es ihm reichen; und er wird es nicht in zwei Zöpfe flechten wie der Großvater, sondern in zweiundzwanzig.

Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und hat eine Menge Netze und Angeln mitgebracht; die Angelhaken allein füllten beinahe den großen Reisekorb. Atja angelt. Die Fische lassen sich gern von ihm fangen: einmal hat er einen so großen Brachsen gefangen, daß keine Pfanne groß genug war, um ihn zu braten; man könnte ihn wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja lacht.

An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung: die Dohlen. Die Dohlen haben die Angewohnheit, jeden Abend vom Felde in den Garten zu kommen und im Gartenhause ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es aber im Gartenhaus gar nicht schön aus. Aber man kann doch nicht wegen der Dohlen den Tee im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen getrunken werden: man liebt in Kljutschi das Teetrinken über alles, besonders aber im Freien. Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen: er schüttelt die Bäume und schreit so durchdringend auf, daß nicht nur die Dohlen davonfliegen, sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in der Kirche klirren und selbst die noch nicht eingesegneten Toten unter dem Glockenturm sich irgendwohin verkriechen möchten, zum Beispiel in das alte Badehaus. Atja kann es absolut nicht lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der Onkel zu schreien.

»Großvater, die Bienen singen!« meldet Atja.

Nun läßt man alles stehen und liegen; niemand denkt mehr an Essen und Trinken. Das ganze Haus ist auf den Beinen. Großvater, Onkel Arkadi, die Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und natürlich auch Atja binden sich Siebe vor die Gesichter, kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock und warten, bis die Königin ausfliegt. Sobald die Königin heraus ist, rennen sie alle wie ein Bienenschwarm über Beete und Sträucher, springen über Zäune und laufen übers Feld, bis sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei Dank, nun wird es einen neuen Bienenstock geben, und der Honig wird über den ganzen Winter bis zum Frühjahr reichen.

Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. Bald ist das Fest der Muttergottes von Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der >Seher< Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins Dorf Auch viele Gäste kommen. Die Patin bäckt einen Fleischkuchen; der ist so gut, daß man für ihn alles hingeben möchte. Furchtbar lustig ist es dann! Warum dauert das Fest der Muttergottes von Kasan nicht das ganze Jahr?

Auf der Dorfstraße tanzen die Wotjakenmädchen einen Reigen. Sie stellen sich im Kreise auf und drehen sich langsam, mit den Absätzen im Takte stampfend, zu den eintönigen Klängen der Balalaika. So geht es lange langsam im Kreise herum; plötzlich schwingen sie die Arme, flattern wie Vögel auf und wechseln die Plätze. Und dann gehen sie wieder lange und langsam unermüdlich im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem Kopfputz rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe funkeln ohne Licht.

Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen zuzusehen. Sie stehen abseits bei den Burschen. Die Burschen stehen schweigend da und rühren kein Glied. Atja ist es etwas unheimlich zumute; bald will er mitten in den Reigen hineinspringen, sich mit den Mädchen im Kreise drehen und, wenn sie aufflattern, um die Plätze zu wechseln, sich wie ein Vogel in die Luft schwingen; bald denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschläge, und da krampft sich sein Herz zusammen: sind es nicht die Toten, die aus der Kirche gekommen sind und sich hier im Reigen drehen? Dunkle Nebel umschweben sie, und am Himmel leuchten blasse Sterne.

»Die Toten geben den Neugeborenen die Seele«, sagt Kusmitsch.

>Wenn man doch einmal zusehen könnte, wie sie das machen<, denkt sich Atja.

Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich einmal mit dem Beil die Hand abgehackt; ohne Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er schon seit vielen Jahren beim Großvater als eine Art Kirchenwächter. Atja erfuhr von ihm manches Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber selbst im Walde zusammengetroffen.

Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott Poljeß. Poljeß liebt es, die Leute zu erschrecken, die zu ihm in den Wald kommen. Es war aber um die Mittagszeit, und in dieser Stunde kommt doch niemand in den Wald! Poljeß trieb sich darum ohne Beschäftigung umher; er ist ganz mager, kaum größer als ein Topf, hat nur einen Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und Nase sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war aber eine andere Begegnung: unter einer alten Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche Kus-Pine; er hatte furchtbar lange Zähne, und vor seinen Füßen lag ein Haufen abgenagter weißer Menschenknochen. Atja warf nur einen einzigen Blick auf ihn und lief schnell davon: mit dem ist nicht zu spaßen, der frißt einen im Nu auf! Und wie er einmal Erdbeeren suchte, kam aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo heraus. Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus und trägt auf der Schulter einen dicken Knüppel; er hat aber Kuhfüße: zottig und mit Hufen. Atja gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo aß auch wirklich davon.

Doch den Waldteufel und den Wassergott hat er noch niemals gesehen; er weiß aber ganz genau, wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung hat; und wenn im Frühjahr das Wasser steigt und die Dämme zerreißt, weiß Atja sehr gut, was das zu bedeuten hat.

>Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die Hochzeit kommen könnte!< träumt Atja. >Die Wasserprinzessin ist so schön, und die Meerprinzessin ist noch schöner . . . sie ist wie die Klawdija Gurjanowna . . .<

2

Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen und spricht mit niemand davon. Kljutschi ist sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; nur Klawdija Gurjanowna allein würde er alles enthüllen. Warum gerade ihr, das weiß er selbst nicht. Aber sie ist einmal so!

Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; er liebt es, wenn sie mit ihm Tee trinkt, ihm Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die Läden oder in ein Kino mitnimmt. Er weiß, daß sie ganz anders ist als alle, daß man eine zweite Klawdija Gurjanowna nirgends findet: das weiße Gesicht ist stark gepudert, das Haar fällt in gebrannten Löckchen auf die Stirn herab, die Lippen sind rot geschminkt, die Augen schmal wie Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als ob sie überhaupt kein Gesicht hätte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten und raschelt so seltsam; auch ihre Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so wie sie; er könnte ihr immer zuhören und sie immer anschauen.

Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins Zimmer, steht schweigend da und starrt sie an. Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so schüchtern und kurz; daß sie nichts verstehen kann.

»Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!« sagt Klawdija Gurjanowna und lacht dabei selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, das kann kein gewöhnliches Lachen sein; niemand sonst lacht so!

Einmal hielt er es nicht aus und sagte:

»Schön war es bei uns in Kljutschi . . . Da müßten Sie auch einmal hin . . .«

»Du weißt also, wo sie sind!« rief Klawdija Gurjanowna erfreut. Das war aber ein Mißverständnis: >Kljutschi< heißt ja >Schlüssel<, und sie hatte gerade an diesem Tage die Schlüssel von ihrem Kleiderschrank verlegt und konnte sie unmöglich finden.

>Es ist noch zu früh<, sagte sich Atja, >es ist noch nicht die Zeit . . . Ich muß mich zuvor irgendwie auszeichnen, etwas Großes vollbringen, dann kann ich alles wagen . . .<

Die Mutter sagte am gleichen Abend:

»Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija Gurjanowna stecken: das kann ihr unangenehm werden, und sie wird ausziehen.«

Da sie eine große Wohnung hatten und Atjas Vater, der Doktor, in diesem Jahre wenig verdiente, mußte ein Zimmer vermietet werden. In diesem Zimmer eben wohnte Klawdija Gurjanowna.

Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. Alle Gespräche drehten sich um sie. Man beschäftigte sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle möglichen Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog sich Atjas Mutter das Korsett an, während sie früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen vermied es der Doktor, beim Mittagessen von seinen Operationen zu sprechen. Onkel Arkadi besorgte ihr Karten für Theater und Konzerte.

Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja die Ohren und merkte sich jedes Wort.

Atja mußte sich jeden Morgen vom Kopf bis zu den Füßen waschen: in der Küche wurde ein Waschfaß aufgestellt, Atja zog sich aus und plätscherte im Wasser.

»Du bist nicht mehr so klein, daß du nackt umherlaufen kannst«, bemerkte einmal die Mutter. »Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal sehen.«

Dies geschah am ersten oder zweiten Tage nach dem Auftauchen der geheimnisvollen Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im ersten Augenblick unverständlich; erst später wurde ihm der Sinn dieser Worte klar und bestätigte seine eigenen Wahrnehmungen.

>Vor der Köchin Fjokluschka, vor Mama, und in Kljutschi vor der Patin, vor Panja und Sascha brauche ich mich nicht zu schämen<, sagte sich Atja, >weil sie alle wie die anderen Menschen sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne Hemd umherlaufen, denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!<

Bald erfuhr er von Fjokluschka, daß Klawdija Gurjanowna eine Mätresse, ein ausgehaltenes Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal im Leben hörte, bekam für ihn sofort einen ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als den Inbegriff aller Gescheitheit und allen Reichtums.

>Ausgehalten, Gehalt . . .< kombinierte Atja. >Wenn in meinem Aufsatz kein Gehalt ist, so gibt's eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm ich eine Eins. Der Rektor bekommt ein großes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.<

Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, wie Atja bald merkte, in schwierigen Fällen an Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hören; nicht umsonst trug sie eine lange Halskette, die ihr bis zu den Knien reichte, und einen weißen Pelz mit schwarzen Schwänzchen, wie ihn die Kaiserin hat.

Der Doktor kam eines Abends sehr spät nach Hause und sprach während des Essens kein Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf reichte, der gerade an diesem Tag nicht aufgegangen war, sagte er ziemlich gereizt zu der Mutter:

»Es paßt mir gar nicht, daß du eine Prostituierte bei uns einquartiert hast . . .«

Das war ein schwieriges Wort, und Atja konnte es sich unmöglich erklären, sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.

>Es ist natürlich lateinisch<, sagte er sich. >Latein kommt erst in der zweiten Klasse. Ich will aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.<

Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die Frage vor.

»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken, »heißen alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich würde man zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt aufnehmen, wenn du auch aus der Haut fährst.«

Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darüber, daß er keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch recht: sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein ausgehaltenes Frauenzimmer, das heißt klug und reich, sondern auch eine Prostituierte, das heißt adlig.

>Sie ist eine Fürstin<, sagte er sich. >Und wenn sie in diesem Jahr eine Fürstin ist, so wird sie nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch einem Jahre -- eine Prinzessin.<

»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin, sooft er an der Tür des verbotenen Zimmers vorbeiging.

Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, außer einem einzigen Herrn, der entweder ganz früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr kam. Wenn er am Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und sie begleitete ihn. Alle nannten ihn >den Abgeordneten<.

»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die Mutter zu Atja. »Mach nicht solchen Lärm und zupfe deine Jacke zurecht.«

Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er das Gesicht:

»Ist das der Abgeordnete, der da singt?«

»Ja, der Abgeordnete«, antwortete die Mutter.

Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.

Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die letzte Neuigkeit mit: der Doktor habe sich entschlossen, die Zeitung abzubestellen, da zu Klawdija Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied der Reichsduma käme und sie alles viel besser wisse als jede Zeitung.

>Ein ungewöhnlicher Gast!< sagte sich Atja. >Einer aus der Reichsduma! Der bedeutet natürlich viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan Jewsejitsch. Vielleicht ist er gar so viel wie der >Grieche< Kopossow, der Klassenlehrer der dritten Klasse.<

Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange und verbeugte sich vor ihm wie vor dem Schulinspektor. Er stellte fest, daß der Abgeordnete ebenso kahlköpfig war wie der Religionslehrer, den die Schüler >den Chinesen< nannten, und viel schöner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel Arkadi war zwar Schauspieler, hätte aber dem Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen dürfen.

Die Abendstunden verbrachte Klawdija Gurjanowna mit der Mutter im Eßzimmer; sie sprachen von allen möglichen Dingen. Atja saß im Nebenzimmer, tat, als ob er seine Aufgaben machte, und hörte dem Gespräch zu. Das Gespräch drehte sich meistens um den Abgeordneten.

Es stellte sich allmählich heraus, daß er verheiratet war und zwei erwachsene Töchter hatte; seine Frau liebte er so sehr, daß er ohne sie gar nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit zwang ihn aber, fern von ihr in Petersburg zu leben; statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie tagtäglich Telegramme.

»Als ich ihn kennenlernte«, erzählte einmal Klawdija Gurjanowna, »sagte er mir: Meine liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie nicht leben; bleiben Sie in Petersburg, solange ich Mitglied der Reichsduma bin.«

»Meine Prinzessin«, flüsterte Atja, über dem Lesebuch sitzend, »ich bleibe aber ewig bei dir!«

Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war, sang sie oft ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus; aber er liebte sie noch immer, kann sie nicht vergessen, >irrt wie ein Grashalm< unter den Menschen umher und >sieht sie immer und überall vor sich< . . .

O wär diese Nacht Nicht so schwül, nicht so schön, So müßt nicht das Herz Vor Wehmut vergehn . . .

Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefühlen verwandt war: auch seine Prinzessin stand >immer und überall< vor ihm.

Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte aber weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten auf sie und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen. Das war der Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Glöckchen ertönte, vor das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Straße blickte: ob sie nicht schon käme? Und wenn Großvater in der Kirche die Messe las, wenn er die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so betete er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam es daher, weil sie von ihr geträumt hatte. Und wenn Sascha und Panja den ganzen Tag lachten, ohne selbst zu wissen warum, so hatten sie wohl irgendwie erfahren, daß sie nach Kljutschi kommen sollte. Und wenn Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach und sagte, daß er das Ende nicht erzählen werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt, so war auch das verständlich: das Ende des Märchens handelte von ihr; wie konnte er das geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte immer nur an sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .

»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere!« scherzte die Mutter.

»Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten Klasse sitzen!« fügte Onkel Arkadi kaltblütig hinzu.

»Armes Kind!« jammerte die Köchin Fjokluschka.

»Mich haben alle Kinder lieb!« lachte Klawdija Gurjanowna mit ihrer tiefen Stimme.

>Ich muß mich irgendwie auszeichnen, anders geht es nicht<, dachte sich Atja. >Ich muß Indien oder das Weiße Meer erobern. Dann gebe ich ihr ein Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren . . .

O meine Prinzessin!<

3

Die Hoffnung, den nächsten Sommer in Kljutschi zu verbringen, fiel ins Wasser. Der Doktor sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben Klasse sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht zu denken; dann blieben alle den ganzen Sommer in Petersburg. Das Frühjahr brach aber schon an, das letzte Semester ging zu Ende, und Atjas Schicksal mußte sich bald entscheiden; und es war klar, daß es sich nicht zu seinen Gunsten entscheiden werde.

Während der Schönschreibstunde spielten Charpik und Atja das >Federnspiel<: die Schreibfeder wird mit dem Finger emporgeschnellt, und je nachdem sie mit dem Rücken oder mit der Wölbung nach oben zu liegen kommt, hat man sie gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder einmal eine Feder verlor, gab er das Spiel auf und sagte:

»Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen?«

»Ja«, antwortete Atja.

»Romaschka kommt auch mit.«

»Wie wollen wir das machen?«

»Das weiß ich ganz genau. Wir beide haben uns schon seit Weihnachten den Kopf darüber zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir ganz im klaren waren . . . Hast du ein Amerika?«

»Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika hängen.«

»Mit Afrika können wir nichts anfangen. Ich muß noch Romaschka fragen. Sein Vater ist Architekt, also muß er eine Karte von Amerika haben. Wir wollen uns eine unbewohnte Insel aussuchen und uns da niederlassen.«

»Wir werden uns auch ein Schloß bauen!« rief Atja aus.

»Ein Schloß oder einen Palast, ganz wie du willst!«

»Und außer uns wird keine Seele dort sein?«

»Niemand, nur die Nilpferde.«

>Nun geht es los<, dachte sich Atja. >Jetzt heißt es handeln. Charpik und Romaschka sind so durchtriebene Bestien, daß sie auch ans Ende der Welt den Weg finden.<

Am nächsten Tage brachte Romaschka die Karte von Südamerika mit; die Karte war unbezeichnet und unvollständig: nur ein Viertelblatt, aber es war immerhin Amerika.

Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Geheiß des Lehrers für Deutsch Iwan Martynytsch für eine Reihe von Streichen nachsitzen mußten, verging mit Besprechungen. Charpik und Romaschka nahmen die Oberleitung in die Hand und weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes ein. Dann nahm man ein Blatt Papier und begann unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schließlich einigte man sich auf eine Insel, legte die Karte zusammen und beschloß, am nächsten Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen.

»Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet dort auf mich; ich werde Geld mitbringen«, sagte Charpik.

»Eigentlich müßte man auch einen Paß haben«, meinte Romaschka.

»Den Paß werde ich beschaffen«, erklärte Atja; es fiel ihm ein, daß Onkel Arkadi erst vor kurzem nach Moskau gereist war und aus Versehen den Paß der Köchin mitgenommen hatte; mit diesem Paß hatte er eine ganze Woche ohne Schwierigkeiten gelebt.

Es war also abgemacht: Charpik bringt das Geld, Atja den Paß und Romaschka die Karte.

Wenn es doch schon morgen wäre!

Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr war er mit seinen Gedanken beschäftigt. Er dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika; auf der unbewohnten Insel wird er ein Schloß erbauen, wie es noch niemand gehabt hat; ein Schloß aus Pfauenfedern mit goldenen und silbernen Treppen, mit Fenstern aus Edelsteinen: in einem mit Nilpferden bespannten Wagen wird er seine Prinzessin hinbringen; und sie werden da ewig mitten im Meere unter der ewigen Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin Mymra heißen, und die Insel, die er ihr schenken wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra. Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt alle Länder der Erde für sie erobern. Und dann wird sie aus dem Schlosse treten und über die ganze Welt leuchten.

Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich während der Stunden ziemlich anständig und machten keine Dummheiten; sie waren auffallend zerstreut und redeten, wenn sie aufgerufen wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber schon ganz gleich.

Als die letzte Stunde vorüber war und Atja mit heller Stimme das Schlußgebet vorgesprochen hatte, warf Charpik alle seine Lehrbücher unter die Bank und rannte nach Hause.

Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der Vater war auf dem Gericht und die Mutter in der Stadt; nur die Köchin Wassilissa war allein da.

»Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel«, bat Charpik.