Prinzessin Mymra: Novellen und Träume
Part 3
Der Neffe hatte Durst und Hunger. Großmutter richtete für ihn den Samowar. Petka kam aus der Schule, und sie setzten sich alle an den Tisch, Tee trinken.
Petka hatte von den Pilgern, mit denen er auf seinen Wallfahrten zusammengekommen war, viele Heiligengeschichten gehört und wußte, wie die Heiligen ihre Kronen erworben hatten: und nun sehnte er sich danach, einmal Räuber zu werden, sich eine schwere Sünde auf die Seele zu laden, dann Buße zu tun, in ein Kloster zu gehen und in einer Höhle zu leben. Nun saß er aber an einem Tisch mit einem Räuber, trank mit ihm aus demselben Samowar Tee, und dieser Räuber, Großmutters Neffe, war sein leiblicher Vater. Petka wandte keinen Blick vom Vater und starrte seine dreistufige Nase mit derselben verzehrenden Neugier an, mit der er einst im Schuppen die rosa Warzen der Truthenne betrachtet hatte. Und da er nicht wußte, wie er dem Vater gefällig sein und dem Räuber seine Kühnheit zeigen konnte, sprang er plötzlich von Stuhl, packte das Hähnchen, das sich unter das Sofa verkrochen hatte, an den Flügeln und schleppte es herbei.
»Schau dir das Hähnchen an«, sagte Petka, »ein kalikutisches ist es!«
»Petka und ich haben nur einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts geschieht; sonst brauchen wir nichts!« sagte Großmutter, als ob sie sich rechtfertigen müsse; ihre Hände zitterten, und ihr Kopf wackelte hin und her.
Der Räuber blinzelte dem Hähnchen zu -- ein feines Hähnchen! Der Räuber aß mit großer Hast und entschädigte sich für alle die Hungertage, derentwegen ihm der Magen knurrte. Nachdem er Petkas und Großmutters Mittagsessen verzehrt hatte, machte er sich über den Tee her. Das heiße Getränk erwärmte ihn, machte ihn schlaff und löste ihm die Zunge. Und er begann ganz wirres Zeug zu reden, wobei er über Petka und die Großmutter hinwegsah, genauso wie Petka über die Großmutter hinweggesehen, als er ihr vom Luftballon erzählt hatte, auf dem sie einst wohnen würden: er, das Hähnchen und die Großmutter. Aus den Worten des Räubers folgte, daß nun fast alles erlaubt sei, daß es keine Gesetze mehr gebe, daß alle Gesetze abgeschafft seien und daß heute oder morgen alle Gelder in seine Hände übergehen würden; und da würde die blutige Abrechnung beginnen.
»Die gebildeten Schichten . . . Revolution . . .« Der Räuber gebrauchte lauter unverständliche und schwierige Worte und machte mit dem Finger die Gebärde des Halsabschneidens. »Eine Gräfin werde ich mir zur Frau nehmen!«
Und je wärmer es dem Räuber wurde, um so verworrener und unwahrscheinlicher klangen seine Worte. Petka hörte dem Vater mit offenem Munde zu und starrte auf seine dreistufige Nase. Großmutter schüttelte den Kopf.
»Petka und ich haben nur den einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts geschieht. Sonst brauchen wir nichts«, flüsterte Großmutter, als müßte sie Petka und sich rechtfertigen.
Der Räuber trank die letzte Tasse Tee aus und ging mit Großmutters letztem Kleingeld in der Hand fort. Großmutter blieb mit Petka und dem kalikutischen Hähnchen allein. Sie räumten alles auf, stellten den Samowar weg, spülten die Tassen ab und fegten mit einem Flederwisch die Brotkrumen in einen Beutel; Petka machte seine Schulaufgaben, dann saßen sie noch eine Weile beisammen, gähnten, schwiegen und schlugen so den Abend tot. Nachdem sie das Abendgebet gesprochen hatten, sahen sie unter das Sofa nach dem Hähnchen: ob es schon schlafe oder nicht. Das Hähnchen schlief schon längst. Nun gingen sie selbst auch zu Bett.
Petka wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Auch Großmutter drehte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie fühlte Unruhe und Angst.
»Petuschok!« rief Großmutter, als sie ihre Angst nicht länger bemeistern konnte.
Petka warf sich im Bette mit offenen Augen hin und her: er sah sich schon als Räuber und baute sich aus den unverständlichen Räuberworten, die er vom Vater gehört hatte, Räubertaten und ein Räuberleben auf.
»Petuschok, du, Petuschok!« rief Großmutter noch leiser, noch freundlicher.
»Was ist denn, Großmutter?« Petka sprang auf: es war ihm, als hätte er Großmutters Stimme gehört.
»Ich bin es, Petuschok, fürchte dich nicht.« Großmutter konnte vor Angst kaum sprechen. »Geh nicht fort, Petuschok . . .«
»Unter die Räuber will ich gehen, Großmutter«, antwortete Petka augenblicklich. »Als Räuber will ich leben! Und auch du, Großmutter, sollst unter die Räuber gehen . . .«
»Geh nicht fort, Petuschok!« piepste Großmutter so leise, daß Petka sie gar nicht hörte. Dann lag sie wie starr in unheimlicher Angst da: jeder Ton, jedes Rascheln schien ihr unheilverkündend, das Hundegebell erschreckte sie, und es war ihr, als schleiche sich schon jemand an ihre Kellertür heran, ein Dieb, ein böser Mensch, um ihr ihren Petka, ihren Petuschok zu nehmen.
Petka lag mit offenen Augen da; er war aber nicht mehr Petka, sondern ein echter Räuber mit schwarzem, wie beim Morosowschen Kutscher mit Butter eingefettetem Haar, mit einer dreistufigen Nase und einem gekrümmten Arm; er wird Großmutter und das kalikutische Hähnchen abholen, sie werden zu dritt in einem Luftballon nach dem Chitrowka-Markt fliegen und dort als Räuber leben; und dann beginnt die blutige Abrechnung.
Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den >Vier Marienfesten<: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung -- und vor den >Moskauer Wundertätern<: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo. Die Berge der >Mutter-Einöde< glühten im Scheine der Nachtlampe rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein.
»Ich bin unter die Räuber gegangen, Großmutter«, murmelte Petka im Schlafe.
Der unruhige Herbst war zu Ende, der Winter brach an. Großmutters Unruhe hatte sich nicht gelegt, und Petka war nicht mehr zu bändigen: wenn der Schlingel das Schlucken bekam, begann er, statt ein Vaterunser zu beten -- früher betete er in solchen Fällen ein Vaterunser, das wirklich half --, ganz sinnlose Abzählreime aufzusagen. Großmutter hatte sich nicht beruhigt, in den Straßen war es nicht stiller geworden, der grimmige Frost hatte Moskau nicht abgekühlt, und das Leben war nicht zum Alltag mit seiner Arbeit und Sorge zurückgekehrt. Auf unbekannten, ungeahnten Wegen nahte und rückte an das russische Volk die schwere Not heran, die unbarmherzige, unerbittliche, grausame Not; sie trieb es in ferne Länder fort, zu einem fremden Volke, und zerstreute es dort in Spott und Schande; sie brachte es an die Gestade eines fremden Ozeans und ertränkte es darin, schrecklicher als ein Sturm und ein Ungewitter; nun schlich sie dunkel und unersättlich aus dem fremden gelben Lande dicht an den Moskwa-Fluß heran und bedrohte das Herz unseres unglückseligen, verbitterten Landes. Ob unserer großen Sünden wegen, wie Großmutter sagte, oder allen Einfaltigen zur Belehrung, wie der barfüßige Mäßigkeitsapostel aus der Teestube an der Sazepa behauptete, ob als Strafe für das wahnsinnige Schweigen der ganzen Welt -- jedenfalls wurde das stumme, sprachlose, noch geschwächte, doch immer und immer wieder bestrafte russische Volk, nachdem es drei Plagen überstanden, wieder der schweren Not preisgegeben.
Und gleich den feurigen Bergen auf dem Bilde der Moskauer Wundertäter schnitten sich auch in Wirklichkeit feurige Berge wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein, und ein rauchender Feuerschein ergoß sich über die Stadt.
Am Samstag nach dem Nikolatage setzte sich Großmutter mit Petka um die Mittagszeit an den Tisch; sie wollten irgend etwas essen -- in diesen Tagen kümmerte sich kein Mensch um die Großmutter, man hatte sie vergessen, und die beiden saßen oft wochenlang ohne einen Bissen.
»Großmutter«, Petka sprang auf, »hörst du es?«
Großmutter legte den Löffel weg und knabberte an einer Brotrinde.
»Großmutter . . .« Petka sah zum Klappfenster hinaus.
Großmutter rührte sich nicht. Sie schüttelte den Kopf wie beim Besuch des Räubers.
»Großmutter, man schießt!« und mit diesen Worten lief Petka zur Tür hinaus.
Es wurde irgendwo ganz weit auf der Twerskaja geschossen, und das dumpfe Dröhnen klang auf dem Semljanoj-Wall wie von unter der Erde. Die Fensterscheiben erklirrten.
Großmutter hatte noch nichts gemerkt, Petka hatte es aber sofort gehört. Und nun hörte es auch die Großmutter; sie bekreuzigte sich wie bei einem Donnerschlag.
Es begann eine unruhige Zeit. Das Unglück stand an jeder Ecke, an jeder Straßenkreuzung; es lauerte unersättlich, dunkel, strafend bei Tag und bei Nacht, wo viele Menschen versammelt waren und auch, wo es gar keine Menschen gab.
Großmutter hatte Angst, Petka von ihrer Seite zu lassen. Wie leicht konnte ihm etwas zustoßen: Großmutter sah in den Leuten, die die Fabrikarbeiter zum Streik ermunterten, in den Freischärlern, in den Kosaken und Dragonern, die die Sadowaja zum Kursker Bahnhof passierten, lauter Räuber. Und es wurde immerfort geschossen: irgendwo in Kudrino, und auf der Presnja, und gleich in nächster Nähe, auf der Mestschanskaja; in einem fort wurde geschossen, und das Gedröhn drang immer lauter in die Kellerstube hinein; es klang, als ob man mit Peitschen knallte oder trockene Äste abbräche.
Seit dem Nikolatage konnte Großmutter keine Nacht mehr schlafen: sie paßte auf Petka auf, wie sie in den ersten Wochen auf das Hähnchen aufgepaßt und wie Petka selbst, am Spalt hinter dem Schuppen lauernd, auf die Truthenne mit dem Hühnerei aufgepaßt hatte.
Den Jungen zog es hinaus, er konnte nicht zu Hause bleiben, er konnte nicht ruhig sitzen.
Petka lief mit den anderen Jungen nach der Sucharewka fort; Großmutter lief hinter ihm her.
Das war einmal eine Zerstreuung für Petka: früher pflegten die Jungen auf dem Eise eine Rodelbahn zu bauen: jetzt galt es, die Straße zu versperren.
Petka griff nach einer Telegraphenstange.
»Schlepp sie her!« schrie der Bengel der Großmutter zu.
Was sollte Großmutter machen? Vor Angst zitterten ihr die Hände, wie konnte sie überhaupt daran denken, eine Telegraphenstange zu schleppen! Sie konnte nicht einmal einen Kienspan halten. Großmutter hob ein Häuflein Späne vom Boden auf und trug es hinter den Kindern her. Und sie legte ihr Scherflein auf die gemeinsame Barrikade, auf den Haufen des aufgestapelten Krams, zu den Kisten, Gittern, Telegraphenstangen und Ladenschildern.
»Bravo, Großmutter!« spotteten die Leute über die Alte; ein Hausmeister mit einem Räubergesicht grinste, indem er frierend einen Fuß gegen den andern schlug.
»Es ist unserer großen Sünden wegen«, flüsterte Großmutter. Sie war von ihrer Arbeit mit den Spänen ganz erschöpft, blieb aber doch nicht hinter Petka zurück.
Er war aber ein ganzer Kerl! Er kletterte ganz hinauf, wo die rote Fahne wehte, schob sich die Mütze, die Mütze mit dem Lacklederschirm, wie ein verwegener Kosak schief aufs Ohr, und die Fahne über ihm leuchtete so rot wie ein Kelchtuch.
»Klettere auch du herauf; Großmutter!« rief Petka, der singende Petuschok, zu seiner Großmutter hinunter.
Wie konnte sie hinter ihm zurückbleiben? Selbst auf den Sucharewturm würde sie hinaufklettern!
Als zur Abendmesse geläutet wurde und zugleich mit dem Glockengeläut die unheimliche Kanonade dröhnte, machte Großmutter sich bereit, in die Messe zu gehen. Petka war vorausgelaufen und spielte mit den anderen Kindern beim Kuhstall des Diakons; sie spielten >Kosaken und Streikende<.
Als Großmutter ihre gesteppte Wattejacke angezogen und den Kopf in ein schwarzes Wolltuch gewickelt hatte, sah sie unter das Sofa nach dem hungrigen Hähnchen, ob es schon schlafe oder nicht: das Hähnchen schlief. Sie brachte das Öllämpchen in Ordnung -- aus der Dämmerung blickten die Antlitze der Wundertäter und der Muttergottes sie an --, und es wurde ihr plötzlich ganz traurig zumute.
Sie seufzte, weil sie jetzt so dürftig leben mußten: die Feiertage rückten heran, und sie hatte nichts, um sie zu begehen! So schwer hatte sie es, und es war schon Zeit, daß sie starb; und Petka tat ihr so leid . . . Er war ja noch ein kleines Kind! . . . Wenn er doch schon auf eigenen Beinen stünde! Aber er war ja noch ein unmündiges Kind.
»Heilige Muttergottes, Allgepriesene, Fürbitterin . . .« Großmutter legte die Finger zusammen, um sich zu bekreuzigen.
»Macht schon ein Ende!« sagte jemand hinter der Wand entweder bei den Stubenmalern oder bei den Mützenmachern; wahrscheinlich jemand, der gekommen war, um die Arbeiter zum Streik zu ermuntern.
Großmutter fuhr zusammen und wandte sich um: in der Tür stand ihr Neffe, der Räuber.
»Gib Geld her, Alte!« drang der Räuber auf sie ein.
Großmutter schüttelte den Kopf: »Du kannst mir den Kopf abhacken, aber ich habe nichts!«
»Du sagst, du hast nichts?« drang der Räuber auf sie ein.
»Bei Gott . . . nein . . .«
Der Räuber packte die Großmutter am Kragen und stieß sie mit der Nase gegen die Kommode.
»Such, sage ich!«
Großmutter tastete unter dem Heiligenschrein herum und reichte dem Räuber wortlos -- sie konnte vor Angst die Zunge gar nicht bewegen -- die drei Knäuel: den Knäuel Stricke, den Knäuel Bindfaden und den Knäuel bunte Schnur, alles, was sie während der vielen Jahre zusammengebracht hatte . . . Der Räuber hieb auf die Alte mit der Faust ein, ein Knäuel kam ins Rollen, Großmutter kauerte nieder, wie die Truthenne vor Petka, und blieb starr am Boden sitzen.
Der Räuber wirtschaftete indessen nach Herzenslust: er stürzte Großmutters eisenbeschlagenen eichenen Koffer um, warf die ganze Leichenausstattung heraus: das Hemd, das Leichentuch, die Pantoffeln und die Leinwand, riß die Tür des Kleiderschranks auf, sah in den Kleiderschrank hinein -- da war nichts! und machte sich an die Kommode: er durchstöberte alle Schubladen, nahm alles heraus -- aber auch in der Kommode war nichts! Die mittlere Schublade ließ sich nicht herausziehen: er arbeitete lange an ihr herum und konnte nichts machen . . .
Das rollende Knäuel weckte das Hähnchen; es kam unter dem Sofa hervor, schlug mit den Flügeln und krähte mit heiserer Stimme wie um Mitternacht. Es krähte zu seinem eigenen Verderben, das kleine gelbe Hähnchen mit dem Schöpfchen . . .
Der Räuber fing das Hähnchen ein, drehte ihm den Hals um und schmiß es der Großmutter vor die Füße.
»Krepier daran!« Und mit diesen Worten ging er.
Draußen beim Kuhstall war ein Höllenlärm: die Kinder spielten wie ausgelassen. Ein Haufen verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf die Straße hinaus und wollte auf die andere Seite hinüber. Eine Patrouille, die von der Sucharewka kam und eben an der Chischinschen Fabrik vorüberritt, eröffnete Feuer, um sich den Weg frei zu machen. Petka fiel mit der Nase in den Schnee, griff sich an die Mütze und stand nicht mehr auf.
Man brachte den bereits erstarrten Petka mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen zu Großmutter in den Keller; auch Petkas Mütze mit dem Lacklederschirm brachte man mit.
So war also das Unglück gekommen, von daher! Nun galt es, es hinzunehmen.
Großmutter nahm alles hin. So alt sie auch war, lebte sie doch noch in ihrer Kellerstube weiter und versäumte keinen einzigen Gottesdienst; und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster und die beiden silbernen Löffel ihrem Neffen gegeben; sie hatte es ja für Petka aufbewahrt, und Petka brauchte die Sachen nicht mehr! Der Neffe verschwand mit dem Untersatz und den Löffeln und kam nie mehr zu Großmutter. Und die Truthenne ging ein.
>Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!< Petkas Liedchen geht Großmutter oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka, den Petuschok. Und sie erzählt so leise, als ob jemand in der Stube schliefe oder krank wäre und sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken fürchtete, von der Truthenne, vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen Hähnchen, vom Räuber, und wie sie mit Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut, und wie man ihren Petka ganz erstarrt, mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen und auch Petkas Mütze mit dem lackledernen Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte.
»Ich ging hin, Väterchen«, erzählte Großmutter leise und immer leiser -- »um eine Kerze vor der Muttergottes aller Gekränkten anzuzünden: ich wollte die Kerze vor das Bild stellen, aber die Hand wollte sich nicht heben lassen . . .« Großmutter versuchte, ihre zitternde Hand zu heben, aber die Hand sank immer wieder herab: es war die Kränkung, die unverschuldete, bittere, tödliche Kränkung, die ihre Hand lähmte und ihre Augen mit Bitternis verdunkelte: und die Hand zitterte, sie wollte sich erheben und konnte es nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen dick an, und die dürren Finger krampften sich fest zusammen: so hatte sie das Lichtlein gehalten, das sie vor der Muttergottes aller Gekränkten, der Muttergottes, die alle unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkungen hinnimmt, anzünden wollte . . . »Und ich stellte die Kerze hin!« Großmutter schüttelte den Kopf und hob die Hand so leicht, wie die Moskauer Wundertäter: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo ihre Hände hoben; und ihre Hand zitterte nicht mehr. So hielt sie ihr Lichtlein, ihr leuchtendes, unauslöschliches Flämmchen, das in ihrem Herzen den letzten Rest der Kränkung verzehrte, den letzten Rest der unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkung. Und ihre Augen leuchteten so still und warm: es war der Glaube, der in ihren Augen leuchtete, der feste, unerschütterliche Glaube, der das Lichtlein, das heilige Flämmchen durch jedes Unglück, durch jede Plage, durch alle Not trug, da ihr schon alles genommen war: das kalikutische Hähnchen und Petka, der Petuschok.
Prinzessin Mymra
1
Schön hat es Atja in Kljutschi gehabt: so schön, daß er, wenn die Erinnerung daran auch nur in einem winzigen Stückchen durch sein Gedächtnis huscht, sofort alles übrige, alles, was ihn jetzt umgibt, vergißt; der Alte Newski, wo er mit seinen Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben, Zensuren und Pausen, alle Lehrer -- vom >Deutschen< Iwan Martynytsch bis zum Schönschreiblehrer Iwan Jewsejitsch, alle Schüler der ersten Klasse und sogar seine Busenfreunde -- Romaschka und Charpik --, alles versinkt und verschwindet, als wäre es nie gewesen, als hätte es überhaupt niemals etwas anderes in der Welt gegeben als das Dorf Kljutschi.
»Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht davon«, sagt sich Atja. Er legt das verhaßte Lehrbuch weg und gibt sich ganz den Erinnerungen hin.
Oder er erwacht mitten in der Nacht -- es genügt auch das leiseste Geräusch: jemand schnarcht in der Küche, oder sein Bett knarrt --, und dann ist ihm sofort, als liege er nicht in seinem Bett, sondern auf dem grünen Rasen, als sei er nicht in Petersburg, sondern fern von hier, im geliebten Kljutschi, wo er aufgewachsen war und bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium bei seinem Großvater, dem Landgeistlichen P. Anissim, gelebt hatte. Und dann liegt er die ganze Nacht da und sucht sich das Rauschen des Windes und der Ähren vorzustellen, um endlich wieder einschlafen zu können. Der Schlaf will aber nicht kommen. Hätte er nur Flügel oder den fliegenden Zauberteppich, so würde er sofort allem ade sagen und nach Kljutschi fortfliegen.
Das Kirchdorf liegt auf einer Anhöhe. Unten steht die weiße Kirche. Der Kirche gegenüber liegt das Haus des Großvaters mit dem Garten und den Bienenstöcken. Gleich hinter dem Zaun fließt der Fluß vorbei. Kossa heißt der Fluß. Und hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der Kirche sind Felder. Und dann kommt wieder eine Anhöhe, und dann zieht sich viele Werst weit ein Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig duftender, noch von keiner Axt berührter Wald. Ein Tier kann da noch einigermaßen durchkommen, aber der Mensch muß schon gut aufpassen. Die Ameisenhaufen sind hier wie Heuschober. Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge oder Reizker zu suchen, so zündet man die Ameisenhaufen an: die Wölfe können den Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel gegen die Wölfe.
Auf dem weißen Kirchturm wohnen die Schwalben; es sind ihrer unzählige. Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen und beim Fliegen in ihrer Sprache zu reden. Die Schwalben sind alt: jedes Frühjahr kommen sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi. Was lockt sie her? Das Läuten der ausgeläuteten kleinen Kirchenglocken? Oder hängen sie so am alten Großvater? Die Schwalben wissen viel und können sich wohl an vieles erinnern: wie der Großvater noch jung war, wie seine Frau starb, wie Atjas Mutter zur Welt kam . . . Und jetzt:
»Atja ist wieder da«, rufen die Schwalben. »Wie furchtbar groß ist er über den Winter geworden!«
Ziegen und Schafe, Kühe und Kälber, Schweine und Pferde, Gänse und Truthühner -- alle wissen sofort, daß Atja wieder da ist. Tiere und Vögel sind ja verständig und empfinden mit ihren Haaren und Federn alles.
Von der Bahnstation Medwedki kann man, wenn man schnell fährt, in einem Tag nach Kljutschi kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen, Fjodor-Kostyl tut einen Pfiff und die kräftigen braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, daß man kaum Zeit hat, die Tore zu öffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor; an den Straßen stehen aber statt der langweiligen Werstpfähle Wotjakenmädchen in seidengestickten weißen Kleidern und silberverziertem Kopfschmuck. Wotjakische Lieder, wild wie das Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen des Hochwassers, klangvoller als der Gesang des Schilfes und heller als die Töne der Schalmei schweben grüßend über den Köpfen dahin; und der Wind, der aus den Bergen kommt, singt dazu bald wehmütig und bald lustig. Klinge, Glöckchen! Das Glöckchen ist aber schon müde wie die Pferde und kann nur noch dumpf bimmeln. Schon ist man an der Mühle vorbeigefahren, der Mühlendamm erdröhnt unter den Rädern; da ist der Hegeforst, der heilige Hain des Wotjakengottes Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der trotzige Bruder Inmars, des Schöpfers von Himmel, Erde und Sonne? »Er lebt!« flüstert der Hain . . . Und da ist schon Schaimy -- der alte wotjakische Friedhof. Wenn man im Dorf das Glöckchen hört, rennen alle hinaus: Panja und Sascha kommen aus der Küche gestürzt, die Patin, die vor Freude plötzlich lahm geworden ist, hinkt Atja entgegen, und das Hündchen Griwna beginnt zu winseln. Großvater ist nicht dabei: er ist in der Kirche.
Atja begibt sich sofort zu den Hühnern. Bei den Hühnern wohnt aber ein Hase; es ist eigentlich nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen Hasen. Seht doch nur: sonst fürchtet das Tier alle Menschen, vor Atja aber hat es gar keine Scheu.
»Guten Tag, Häschen! Gib schön die Pfote!«
Das Häschen hat ihn schon erkannt und miaut.
Da ist auch schon der Großvater: er konnte es nicht länger aushalten, hat die Kirchenbücher liegenlassen und kommt gegangen.
Am frühen Morgen, sobald das Morgenrot sich über Berg und Wald ergießt und die Sonne aufsteht, steht auch Atja auf und läuft zum Fluß baden. Und dann beginnt sein Arbeitstag: er muß den Dünger hinausfahren. Erst wenn der Abend anbricht und die untergehende Sonne der lockigen Linde einen goldenen Kranz aufsetzt, geht Atja, über und über mit Ackererde beschmiert, nach Hause. Dann sieht er wirklich nett aus! Der Großvater sagt aber:
»Das ist mir ein tüchtiger Landwirt!«
»Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Großvater!« sagt darauf Atja lachend. Wenn Atja lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weißen Zähne, und man möchte ihn immer lachen sehen.
Der Alte und der Junge halten treu zusammen: niemals wird sich der eine ohne den anderen zu Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was am betreffenden Tage auf dem Abreißkalender steht. Bauernregeln und Wetterprophezeiungen; manchmal liest er auch aus einem Buche vor, meistens arabische Märchen aus Tausendundeine Nacht. Großvater hört gern zu.
»Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit, aber vernasche sie nicht.«