Prinzessin Mymra: Novellen und Träume
Part 12
Während ich mich in meiner traurigen Lage auf diese Weise quälte, besuchten mich drei Teufel. Zwei von ihnen waren mir gänzlich unbekannt: sie waren still und schwach und atmeten kaum; der dritte bemühte sich zwar, vor meinen Augen eine Verwandlung durchzumachen, doch ich erkannte ihn sofort: es war der Schalterbeamte von der Postfiliale Nr. 10 namens Kisseljow.
Alle drei Teufel stellten sich harmlos, sanft und freundlich und stammelten mit feinen Kinderstimmen etwas höchst Naives und Einfältiges. Ich erriet aber intuitiv, was sie im Sinne hatten: sie hatten es auf meine Extremitäten und meine Wirbelsäule abgesehen.
»Nein, so billig bekommt ihr mich nicht«, sagte ich mir, »ich werde euch schon von meinem Haferbrei zu kosten geben!« Ich spannte alle meine Kräfte an, riß mich vom eisernen Bett los, stürzte mich plötzlich auf die Teufel und ging mit ihnen fürchterlich ins Gericht.
Der eine ließ mir zum Andenken einen Büschel Haare zurück, dem andern biß ich einen Finger durch; als ich aber schon triumphieren wollte, nahm dieser Kisseljow eine Handvoll Unrat und verpappte mir damit, ehe ich mir's versah, den Mund. Und ich begann zu ersticken.
Iwan der Grausame
Teils in Reih und Glied, teils einander überholend, voreinander ausweichend und ungestüm vorwärtsdrängend, laufen wir durch die Marossejka zum Roten Platz. Wir eilen alle zur Richtstätte, um die Ankündigung anzuhören, deren bevorstehende Verlesung heute an allen Straßenecken und in allen Sackgassen bekanntgegeben worden war.
Die Uhr am Spaski-Turm hatte schon zwölf geschlagen, und das Volk strömte noch immer zusammen. Die Richtstätte selbst blieb aber noch frei; einigen Gassenjungen gelang es ab und zu, sich ihrer zu bemächtigen, sie flogen aber zum allgemeinen Vergnügen sofort wieder hinaus.
Mit Hilfe eines mir befreundeten Parkettbohners von der Sazepa kletterte ich auf das Dach der Basiliuskathedrale, von wo aus ich auch das kleinste Detail verfolgen konnte.
Die Menge räusperte sich plötzlich wie ein Mann, wich etwas zurück und entblößte die Köpfe, und auf der Richtstätte erschien ein kleiner Mann in hohem Stehkragen und Smoking; sein Kopf war aber nach Weiberart mit einem Tuch umbunden.
»Es ist der Narr in Christo«, brauste es über den Platz von Mund zu Mund, »das ist er selbst!«
Die Uhr am Spaski-Turm begann wieder zu singen und sang sehr lange: dreizehn.
»Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren«, sagte der Narr, nachdem er sich nach allen vier Himmelsrichtungen verneigte: vor dem Kreml, vor der Moskwa-Vorstadt, vor dem Historischen Museum und vor dem Großen Kaufhause.
Da ich schon saß, aber gegen die Aufforderung nicht verstoßen wollte, rückte ich ein wenig auf meinem Platz hin und her, als ob ich mich gerade setzte. Alle andern, die unten standen, folgten der Aufforderung bedingungslos und ließen sich, wenn es auch nicht ganz bequem war, augenblicklich auf den Boden nieder.
»Meine Damen und Herren«, begann der Narr nach der Weise des Kirchenliedes, das am Feste der Erscheinung der Heiligen Jungfrau gesungen wird: »Wir alle haben in der Schule die Gebote gelernt, und jedermann weiß, daß es ihrer zehn gibt. Nicht wahr, zehn?«
Die Menge antwortete wie aus einem Munde, wie man bei der Ostermesse in den Kirchen >Christ ist erstanden< ruft.
»Nun sehen Sie es, meine Damen und Herren«, fuhr der Narr in der gleichen Weise fort. »In Wirklichkeit sind ihrer aber nicht zehn, sondern vierzehn. Unsere Väter haben sie vor uns verheimlicht; aber wir haben sie ebenso wie die weisen Väter seit jeher befolgt.«
»Wir haben sie befolgt«, blökte die Menge.
»Nun sehen Sie es selbst!« sang der Narr. »Nach den Berechnungen des Kugelheim von Gustav ist nun die Zeit gekommen, sie vollständig zu verkünden und nicht mehr heimlich, sondern öffentlich zu befolgen. Vernehmt also und schreibt euch in eure Herzen diese neuen Gebote:
Das elfte: Du sollst nicht Maulaffen feilhalten.
Das zwölfte: Du sollst deine Zunge im Zaum halten.
Das dreizehnte: Du sollst ehebrechen.
Das vierzehnte: Du sollst stehlen.«
Der Narr schüttelte sich so vor Lachen, daß das Tuch in den Nacken rutschte; vor dem verdutzten und irre gemachten Volke leuchtete blitzschnell ein Augenpaar auf und erschien das grausame Antlitz des Zaren Iwan.
Die Uhr am Spaski-Turme begann wieder zu singen und sang sehr lange: vierzehn.
Die Hexe
Ich bin in ein leeres Haus geraten; es sind zwar Tische, Stühle und andere Möbel darin, und doch ist das Haus irgendwie leer. Ich bin nicht allein, mit mir ist der Student P. in schwarzer Studentenjoppe, mit schwarzem Knebelbart und einer schwarzen Brille.
Rings um mich her erscheinen eine nach der andern, anfangs verschwommen, dann immer deutlicher werdend, Gestalten: es sind kleine, aufgedunsene Knirpse. Ihre Anwesenheit in diesem unbewohnten Hause flößt mir Angst ein.
»Schauen Sie doch zum Fenster hinaus«, sagt mir der Student, der offenbar erraten hat, wie unheimlich es mir in diesem leeren Hause zumute ist.
Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Das Fenster ging nach dem Garten. Es fügte sich aber irgendwie so, daß ich mich unwillkürlich vom Fenster abwandte und ins Zimmer blickte. Von den vielen Gestalten löste sich nun eine schlanke Frau mit einem Kind auf den Armen ab. Ich dachte mir:
>Wenn ich über sie das Zeichen des Kreuzes mache, wird sie verschwinden.<
Ich bekreuzigte sie auch tatsächlich zweimal; die Frau sah mich aber verständnislos an und bekreuzte sich selbst, als wollte sie mir zeigen, daß ich mich geirrt habe. Der Student war auf einmal verschwunden. Ich ging zur Tür, blieb aber stehen. Ich konnte nicht fort. Wer weiß, ob ich nicht auch in den anderen Zimmern auf dasselbe stoße? Und plötzlich bemerkte ich eine andere Frau. Sie lag in der Ecke auf einem Sofa. Sie war klein, ziemlich dick und hatte rote Backen, eine flache Nase und einen häßlich vorstehenden Unterkiefer.
»Nein, so muß man es machen!« sagte sie mir, indem sie sich aufrichtete und ihre rote Bettdecke durch die Luft schwenkte.
Im gleichen Augenblick begann sich das Gesicht der schlanken Frau mit dem Kinde zu verändern und die häßlichsten Mienen anzunehmen: die Nase wurde so lang, daß sie bis unter die Lippen reichte, die Augen aber sprangen aus ihren Höhlen heraus und blieben wie zwei Säcke hängen.
Die Rotbackige auf dem Sofa schwenkte wieder die Bettdecke, und das Kind in den Armen der Frau begann zu schmelzen, sein Rumpf wurde immer kleiner und kleiner, Arme und Beine verschwanden, und schließlich blieb nur noch der Kopf übrig.
Würfelzucker
Ich rollte einen steilen Abhang hinab und geriet in einen Garten. Es war der Vergnügungspark >Der Meierhof<. Da ist ja auch schon die Billettkasse. Ich trete vor den Schalter, um mir eine Eintrittskarte zu lösen. Ich schaue hinein und sehe den mir bekannten Kassierer Beljakow. Ich muß bemerken, daß ich mit diesem Beljakow einmal eine recht unangenehme Geschichte erlebt hatte; die Geschichte war sehr verwickelt, jedenfalls war ich ihm ein Dorn im Auge.
Beljakow trank Tee und biß bei jedem Schluck kleine Bröckchen Zucker ab. Ein anderer Kassierer lauste ihm inzwischen den Kopf.
>Ohne Prügel werde ich wohl kaum davonkommen<, denke ich mir. >Er wird mich sicher umbringen!<
»Tod den Läusen!« sage ich ihnen und sehe plötzlich, wie Beljakow vor Zorn blaurot wird. Er nimmt ein Stück Würfelzucker in die Hand, steht auf und begibt sich zum Ausgang.
»Ich bringe ihn um!« höre ich seine Stimme.
Ich kauere mich nieder, werde ganz klein und dünn, verkrieche mich in die Spalte unter der Tür und lausche mit verhaltenem Atem.
Beljakow ging eine Weile vor dem Schalter auf und ab und kehrte wütend zurück.
»Ich habe ihn nicht gefunden. Hätte ich ihn erwischt, wäre es um ihn geschehen!« sagt Beljakow zum andern Kassierer, und dann beginnen sie sich wieder zu lausen.
Ich kann mich nicht beherrschen; es ist, als ob mich jemand aufhetzte. Ich kann den Atem nicht mehr anhalten, und plötzlich beginnt es mir, wie zum Trotz, im Munde zu jucken. Ich will mich kratzen und muß plötzlich miesen.
Beljakow ist aber schon da.
»So! Da ist er ja!« Er holt aus, und das Stück Würfelzucker trifft mich an die Schläfe.
Der Doppelgänger
In jener Nacht wälzte ich mich lange hin und her und konnte nicht einschlafen. Bald fror es mich, bald schien es mir, daß irgendwelche Flöhe auf mir herumhüpften. Und als endlich der Schlaf kam, befand ich mich schon in einem anderen geräumigen Zimmer. Ich lag auf dem Rücken. Doch seltsam, während ich so im Bett lag, sah ich zugleich ein anderes Ich liegen, das mir aber durchaus unähnlich war.
Dieser Unähnliche, der mein Ich war, erhob sich vom Bett und ging durch einen schmalen Korridor ins Nebenzimmer. Er sah mir wirklich nicht im geringsten ähnlich: er war groß gewachsen, hatte ein spitzes Gesicht mit eingefallenen Wangen und einer raubgierigen Adlernase und war mit einem kurzen, recht abgetragenen und verschossenen Mantel aus purpurroter Seide bekleidet; in seinen Augen brannte aber ein so glühender und stechender Haß, daß ein einziger Blick genügte, um einen Menschen wie eine Fliege zu Brei zu zermalmen. Er trat vor ein Bett, in dem jemand, mit dem Kopf in die Bettdecke gehüllt, schlief, schluchzte vor wildem Haß, der seine Seele bis an den Rand füllte, auf; ergriff mit den Fingern das Bettlaken und begann, es unter dem Schlafenden herauszuzerren, seine Wut an dem unschuldigen weißen Gewebe auslassend.
Meine wilde Seele war wie in einem Rausch, ich verging vor Haß.
In diesem Augenblick verließ mich der Schlaf
Ich lag und wagte mich nicht zu rühren. Im Zimmer, in dem nichts als einige Bücher und Spielsachen waren, quakte jemand. Die Nacht war aber noch nicht zu Ende.
Die Gendarmen und die Leichen
Vor mir erschien eine schwarze wollene Schnauze mit langen weißen Zähnen; sie zwinkerte mir zu und verschwand.
Ich befinde mich im alten Hause in der Tolmatschowski-Gasse zu Moskau, in dem Zimmer, in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Ein kleines Mädchen hat ein Album aufgeschlagen, zeigt mir trockene Blumen und fragt mich bei jeder neuen Blume, ob ich sie erkenne oder nicht. Ich habe gar nicht Zeit zu antworten, denn jemand anders antwortet für mich.
»Diese Blumen hier sind von Judas. Hast du sie erkannt?« fragt mich das Mädchen.
Ich bin aber nicht mehr im Zimmer, sondern in einer Hundehütte und schreie aus Leibeskräften. Nachdem ich genug geschrien habe, komme ich wieder ins Zimmer. Der Tisch ist zu Mittag gedeckt. Ich setze mich an den Tisch und schlafe ein.
Und es träumt mir, daß drei Gendarmen, mit Blumen in der Hand, ins Haus treten.
Nun erwachte ich und begann zu essen. Kaum hatte ich aber den ersten Bissen verschlungen, als die Tür aufging und die drei Gendarmen ins Zimmer traten.
»Ich habe euch soeben im Traume gesehen«, sage ich zu den Gendarmen, »Wo habt ihr nur die Blumen hingetan?«
»Der Hund hat sie gefressen«, antworten die Gendarmen, indem sie sich die Lippen belecken.
Ein mir unbekannter buckliger Mann in Zivil, der plötzlich Gott weiß woher erschienen ist, nimmt mir gegenüber Platz. Er macht auf mich einen höchst unangenehmen Eindruck; ich will ihn sogar schlagen, gebe aber diese Absicht auf.
Der Bucklige bindet sich die Serviette vor und sagt, ohne mich aus den Augen zu lassen:
»Die Anklage gegen Sie lautet: als Sie sich über den Fluß hinübersetzen ließen, versuchten Sie die natürliche Abstammung der Eltern zu erklären.«
Ich höre es und verstehe ihn nicht.
»Ich habe nichts dergleichen erklärt.«
»Jemand hat Sie wohl belauscht und Ihre Gedanken aufgeschrieben«, fährt der Bucklige fort und knetet mit den Fingern aus Schwarzbrot Kügelchen.
»Ich weiß nichts davon!« Ich wehre mich mit beiden Händen, ich höre, daß die alte Kinderfrau Irinja im Nebenzimmer den Boden kehrt und aufräumt, und denke mir: >Was ist das nun eigentlich, träume ich oder sitzt wirklich der Bucklige vor mir und erhebt gegen mich Gott weiß was für Anklagen?<
»Ich wollte Sie schon längst kennenlernen«, sagt mir ein erst vor ganz kurzer Zeit verstorbener bekannter russischer Dichter, den ich einhole, als er mit irgendeinem Jungen durch eine menschenleere Straße geht.
»Wo leben Sie denn jetzt?« frage ich den Dichter, mich vor ihm verbeugend.
»In Moskau«, antwortet er mir, »im Hause der Georgischen Kirche auf dem Woronzowschen Felde; die Kirche steht oben auf dem Berge, mein Haus aber unten zwischen den Disteln; es gibt dort so einen leeren Platz.«
Ich wollte ihn fragen, ob er noch schreibe, aber er war schon verschwunden. Und ich stand plötzlich in der leeren Kirche, in deren Mitte viele Leichen unmittelbar auf den Steinfliesen aufgeschichtet lagen. Ich sah mir ihre Gesichter aufmerksam an und bemerkte, daß die eine von ihnen, obwohl wirklich tot, sich dennoch bewegte. Sie stand plötzlich auf und trat vor den Altar.
Wir sahen einander an. Sie war nackt, ihre Füße waren mit Teer beschmiert und ihr Gesicht hatte auffallende Ähnlichkeit mit der Somowschen Illustration zu >Aimé Leboeuf<.[*]
Die alte Kinderfrau Irinja kehrt aber noch immer den Boden und räumt das Zimmer auf. Mein kleiner Liebling, der Kater Dymka, reibt sich an meiner Schulter und schnurrt.
Finale
Wehe! Ich war verendet. Von Früchten und Blumen umgeben, zwischen Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen, Quitten, Zitronen, Birnen und Apfelsinen lag ich entseelt in der Speisekammer und harrte meines letzten Schicksals.
Der König des Landes, in dem mir diese unangenehme Geschichte passiert war, der Enkel des glorreichen Sultans, König Avenir-Indej, hatte dem, dem die Zunge juckt und der Unsinn redet, zur Strafe befohlen, die tote Ratte, das heißt mich, zu fressen.
[Fußnote *: Aimé Leboeufs Abenteuer -- Roman von M. Kusmin aus dem Jahre 1907.]
Man hatte auf einem Maskenball einen Possenreißer aufgegriffen und zu mir in die Kammer geschickt. Er trat lächelnd vor mich hin, berührte mich mit der Spitze seines Schuhs und sagte . . .
Was er mir aber sagte und wie die ganze Geschichte endete: ob er mich tatsächlich fraß oder nur vom Obst naschte, kann ich in meinem Hühnergedächtnis unmöglich rekonstruieren. Und wenn Sie mich auch morden -- ich weiß gar nichts mehr, was ich gütigst zu entschuldigen bitte.
Die Tür
Sie sagte mir:
»Diese Tür haben wir mitgenommen, weil man sie doch nicht im alten Haus zurücklassen konnte. Du weißt, wie teuer sie uns ist.«
Ich machte die Tür leise auf und ging in mein Zimmer. Die alte gußeiserne Tür, die sich vor mir auf unsichtbaren Angeln lautlos aufgetan hatte, schloß sich hinter mir ebenso lautlos und fest. Ich ergriff die Klinke und rüttelte mit aller Kraft, die Tür rührte sich aber nicht. Und ich begann zu klopfen, mit den Fäusten zu hämmern und zu schreien. Schließlich fiel ich ohnmächtig vor der Schwelle hin und hörte nur hinter der alten gußeisernen Tür ihr Herz pochen.
Im Boot
Auf dem Meere zog ein Sturm auf, ich stieg aber trotzdem ins Boot, weil mein Begleiter ein furchtloser Ruderer war. Als wir die tiefste Stelle erreichten, zog mein Ruderer die Ruder ein, sah mir spöttisch in die Augen, erhob sich, packte mich wie eine Katze am Genick und schleuderte mich ins Wasser. Ich flog durch alle Schichten des Wassers hindurch: durch die grüne, die trübe, die schwarze und die tiefschwarze; dann kamen wieder eine trübe und eine grüne Schicht, und ich saß wieder im Boot. Wir fahren, als ob nichts geschehen wäre, weiter; sobald wir aber einen gewissen Punkt erreichen, zieht mein Ruderer wieder die Ruder ein, und die ganze Geschichte beginnt von neuem. Und es ist gar kein Ende abzusehen.
Das Kind in den Ähren
Ich ging über ein blühendes Kornfeld. Eine Lerche sang, und ein leiser Windhauch brachte von einer eben gemähten Wiese frischen Heuduft. Mir begegneten zwei Frauen, die einen Korb mit Feldblumen trugen; zwischen den Blumen saß ein kleines Mädchen.
»Wo geht ihr hin?« fragte ich sie.
»Blumen pflücken«, antworteten die Frauen mit dem Korbe.
Ich schloß mich ihnen an. Wir gingen schweigend und kamen, ohne ein Wort gesprochen zu haben, zum See.
»Da sind deine Blumen!« riefen lachend die Frauen, auf den See zeigend.
Ich stand allein am Seeufer und sah gar keine Blumen. Mit leeren Händen ging ich wieder zurück. Das blühende Kornfeld wogte, und die Lerche sang. Und plötzlich erblickte ich zwischen den Ähren dasselbe Mädchen, das man vorhin im Korbe getragen hatte. Es stürzte auf mich zu, umschlang meinen Hals mit den Ärmchen und sagte mir leise ins Ohr:
»Nimm mich mit!«
Ich setzte mir das Mädchen auf die Schulter, hatte aber noch keinen Schritt mit dieser Last getan, als es plötzlich ringsum finster wurde, schwere Gewitterwolken aufzogen und nur unmittelbar über meinem Kopfe ein trichterförmiger grünlicher Lichtschein schwebte. Vom Boden erhoben sich aber seltsame Vögel mit Schlangenschwänzen, und alles flog auf dieses Licht zu. Es waren zahllose Vögel, sie schrien nicht, sondern blökten wie Stumme, und bald war das Licht von ihren Schwänzen verdunkelt. Das Licht erlosch, und die Vögel verstummten. In dieser Finsternis vernahm ich plötzlich aus weiter Ferne die Stimme des kleinen Mädchens:
»Nimm mich mit!«
Ich weiß aber nicht einmal, was ich mit mir selbst anfangen soll.
Die Dohle
Ich versteckte mich in der Kajüte eines Dampfers, aber die Verfolger, vor denen ich mich versteckte, kamen mir immer wie Jagdhunde auf die Spur. Sie hatten alle menschliche Gesichter, doch Froschleiber und Handschuhe an den Händen. Da sie wohlerzogen und freundlich waren, mordeten sie mich nicht wie einfache Räuber, sondern erdrückten mich, wie liebkosend, mit ihren weichen Bäuchen, glitten mir leise unter das Hemd und preßten mir, gleichsam streichelnd, das Herz zusammen. Vorm Fenster aber sitzt eine Dohle und schreit. Ich weiß ganz gut, warum sie schreit; sie wird gleich ins Zimmer fliegen, sich auf meine Schulter setzen und mir die Augen auspicken.
»Dohle«, bitte ich meinen schwarzen Gast, »verschone meine Augen, ich will dir ein Perlenhalsband um den Hals legen, ich will dir meine Hände preisgeben, verschone nur meine Augen!«
Ich verkroch mich in den Winkel der Kajüte, aber die Menschen mit den Froschleibern stehen bereits vor der Tür, scharren an der Schwelle und kommen gleich herein.
Am Nordpol
Alle sagen, daß wir zum Nordpol fahren.
Wir fahren tatsächlich irgendeinen Bach hinauf; und mein Begleiter, ein struppiger, in eine blaue Tischdecke gehüllter Kerl, steuert mit dem Ruder. Und wir kommen irgendwie zum Nordpol. Da steht ein großes steinernes Haus; davor drängen sich erregte Menschen, die über etwas streiten.
»Was ist geschehen?« fragen wir einen abgerissenen, fettigen Burschen, der mit den Zähnen Sonnenblumenkerne aufknackt.
»Auf dem Dachboden sucht man einen Dieb. Alle sieben Hausknechte haben den ganzen Boden abgesucht und nichts außer einem alten Rock gefunden. Drei Hausknechte sitzen nun oben und lauern.«
>Jetzt ist unsere Wäsche hin!< dachte ich mir gleich.
»Wollen Sie sich doch in die emaillierten Zimmer bemühen!« sagte der Bursche und grinste.
Die Ahle
Mein Bruder und ich traten in eine Kirche. Es war gerade die Abendmesse. Alle Heiligenbilder waren entfernt, die Kirche wurde offenbar renoviert. An der leeren Altarwand leuchtete seitwärts ein goldener Kreis. Vor diesem Kreis stand der Priester mit dem Schultertuch. Der Küster sang. Außer uns war niemand in der Kirche. Und wir schämten uns, daß wir die einzigen waren.
Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf den Priester zu, um seinen Segen zu empfangen. Da trat aus der Sakristei der Küster und sagte zu meinem Bruder:
»Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie«, er wandte sich an mich, »Sie haben nichts.«
Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine Matrosenjacke an, und wenn er sie noch weiter trägt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber habe nichts. Und nun erstarre ich vor Angst: dicht vor mir steht ein Mann, der, ich fühle es, etwas Böses gegen mich im Schilde führt. Ich stürze sofort ans Fenster und frage mich: warum verkehrt mein Bruder mit so einem Menschen? In diesem Augenblick kommt in das Haus, in das ich geraten bin, mein Bekannter, der Lahme, und reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem Werkzeug wollte er mich also erstechen! Wir stiegen in ein Boot und stießen, wie die Nachtigallen schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu uns herein, und das Boot begann langsam zu sinken.
Am Krankenbett
Seit einigen Tagen weiche ich nicht von der kranken alten Frau: sie hat dicke Beine und eine Vogelnase. Sie liegt im Bett und stöhnt, und ich sitze neben ihr auf einem Stuhl und erfülle alle ihre Wünsche und Launen. Ich habe Angst, sie zu verlassen, denn sie ist sehr unruhig. Nun scheint mir, daß sie eingeschlafen ist. Gott sei Dank, sie ist wirklich eingeschlafen! Ich schleiche mich leise aus dem Zimmer. Wie ich nach einer Weile hineinschaue, sehe ich, daß aus dem Ofen nur noch ihre Beine herausragen. Mein Gott, was ist denn das?! Ich stürze mich zu ihr hin, um sie aus dem Ofen zu ziehen, packe sie an den Beinen, die Beine sind aber schon tot.
Die Mutter
Ein heiterer Tag des Altweibersommers. Ich bin auf die Terrasse getreten und schaue in den entlaubten Garten hinaus. Und ich sehe, wie auf dem mit gelbem Laub bedeckten Wege, der zur Terrasse führt, eine alte Frau geht. Sie ist uralt und abgerissen, ihr Gesicht ist feucht, voller Runzeln und scheint ganz schwarz zu sein. Ich empfinde eine unheimliche Angst vor der Alten; ich fühle, daß sie etwas Häßliches im Sinn hat. Ich laufe von der Terrasse ins Haus, rase die Treppe hinauf und höre, daß auch sie die Treppe hinaufläuft. Ich stürze in eines der Zimmer, sie mir nach; ich will in ein anderes Zimmer, aber sie ist auch schon da. Ich verkrieche mich in die Ecke des Bettes und schrumpfe ganz zusammen.
>Mein Gott!< denke ich mir, >laß das Unheil an mir vorüberziehen!<
»Warum fürchtest du mich?« höre ich die Stimme der Alten: »Ich bin doch deine Mutter!«
»Meine Mutter sieht ganz anders aus«, sage ich ihr, denke mir aber dabei: >Wie hat sich meine Mutter so furchtbar verändern können?<
Die Alte aber beugte sich über mich und packte mich an der Kehle. Ich schrie auf.