Prinzessin Mymra: Novellen und Träume
Part 11
Der König erhob sich. Der König legte seinen Mantel zurecht. Der König setzte sich auf die Mitte des Brettes. Kaum hatte er es berührt, als das Brett mitten entzweibrach. Der König flog in den Fluß.
Die Damen brachen in Tränen aus. Wir schrien hurra und begannen den Automaten zu prellen; während wir ihn in die Höhe warfen, warfen wir auch die Rotkohlköpfe zum Himmel empor.
Der Wolf
Man schickte mich in den Wald, Nüsse suchen. »Geh hin«, sagte man mir, »und bring uns recht viel Nüsse.« Ich gehe durch den Wald, schaue nach allen Seiten, stolpere bei jedem Schritt, kann aber keine einzige Nuß finden. Endlich habe ich doch einen Busch entdeckt, aber mit lauter grünen Nüssen, keine einzige reife ist darunter. »Es ist ja ganz gleich: ich bringe ihnen von den grünen, wenn sie durchaus Nüsse haben wollen . . .« Ich greife einen Ast, will die Nüsse abpflücken, aus dem Gebüsch springt aber ein Wolf auf mich los. Ich sehe, daß es schlimm um mich steht, und sage ihm: »Willst du mich denn wirklich fressen?!« Er schweigt. Und ich sage ihm noch: »Friß mich nicht, Grauer, ich werde dir später einmal nützlich sein.« Und ich denke mir dabei: >Wie werde ich ihm eigentlich nützlich sein können?< Und während ich mir das überlege, fraß mich der Wolf.
Der Baum
Über dem Kopfe knarrt ein Riesenbaum, er knarrt und wird gleich stürzen. Und ich stehe unter dem Baum wie gebannt.
Der Baum knarrt unheimlich, das Laub fällt von den Zweigen, und der Wipfel bebt: ich weiß nicht, ob es der Wind macht oder ob er von selbst wie vor dem Sturze bebt.
Der Baum knarrt, er knickt ein -- er wird mich erschlagen . . . Und ich kann nicht fort.
Der Steg
Ich ging über die schmale, schwankende Brücke, die von Fels zu Fels über den Abgrund führte. Es war aber unmöglich, direkt von der Brücke an das andere Ufer zu kommen: man mußte entweder hinüberspringen, wie es mein Gefährte getan hatte, der nun am anderen Ufer stand und mir die Arme entgegenstreckte, oder aber auf den Steg treten, ein schmales Brett, das mit Stricken an irgendeinem Nagel irgendwo in den Wolken befestigt war und von dem man mit einem einzigen Schritt ans Ufer gelangen konnte. So wollte ich es machen. Ich trat auf den Steg. Kaum aber hatte ich die Hände meines Gefährten ergriffen, als der Steg zu schwingen begann und immer mehr und mehr in Schwung kam. Ich flog auf dieser höllischen Schaukel immer höher empor, und mein Gefährte flog mit mir mit, und so schaukelten wir über dem Abgründe.
Mein Herz verging und erstickte und stand endlich ganz still.
Die Tiere
Der stille Herbstregen, fein wie Staub, fällt im dichten Nebel. Ich weiß nicht, wohin und wozu ich gehe und was mich treibt. Endlich bleibe ich vor dem Stadttor stehen. Die Torhüter öffnen mir schweigend das Tor, und ich gerate in eine schmale, von zwei hohen Mauern eingeschlossene Gasse. Männer und Frauen, Körbe voll Brot auf den Köpfen, kommen mir entgegen. Wie ich mit diesem seltsamen Zuge zusammentreffe, wende ich mich an einen der Männer und sage:
»Gib mir eine Semmel.«
Er gab sie mir. Ich weiß aber nicht, ob ich die Semmel aufessen oder in die Tasche stecken oder nach Hause tragen soll; ich weiß auch gar nicht, wohin ich gehe.
»Die Tiere hat man herausgelassen! Die Tiere!« schrie irgendein Mann, an mir vorbeilaufend, während die Fetzen eines zerrissenen roten Hemdes hinter seinen Schultern wie zwei Flügel flatterten.
Und alle befiel eine furchtbare Angst, und diejenigen, die in meiner Nähe waren, warfen ihre Brotkörbe hin und rannten davon.
Und dieser schreckliche Schrei! . . . Es wurde mir klar, daß es mein eigener Schrei war.
Die Tiere, anfangs kaum wahrnehmbar, dann immer drohender, rückten heran. Das Fell auf den schwarzen und rauchgrauen Rücken sträubte sich, die grellgelben Flecken an den Bäuchen schimmerten in fettigem Glanz. Ich stand allein, rings von den vielen roten offenen Rachen umgeben; die roten Zungen bewegten sich in ihnen wie Uhrpendel.
»Tiere, da habt ihr die Semmel!«
Kaum hatte ich aber diese Worte: >Tiere, da habt ihr die Semmel< gesprochen, als alle Tiere, die großen und die kleinen, die grauen und die schwarzen, die einohrigen und die einzahnigen, die stößigen und die bissigen, ihre Pfoten einzogen und in Schlummer versanken.
Unter Nackten
Ich war in eine Gesellschaft von Nackten geraten: sie laufen so ganz ohne jede Kleidung herum. >Sie schämen sich wohl furchtbar, diese Unglücklichen<, dachte ich mir, alle diese mageren, dicken, aufgedunsenen, knochigen, häßlichen Gestalten betrachtend.
»Nein, wir würden uns schämen, wenn wir uns plötzlich ankleideten«, sagte mir einer der Nackten, der meinen Gedanken offenbar belauscht hatte.
»Schämt man sich denn, wenn man angezogen ist?«
»Das eigentlich nicht . . .«
»Wie häßlich ihr doch alle seid!« unterbrach ich ihn.
»Wenn wir häßlich sind, so mach, daß du fortkommst, solange deine Knochen ganz sind«, sagte mir wütend ein anderer Nackter.
»Was ist eigentlich die schwerste Sünde?« fragte ich ihn.
»Einst galt es als die schwerste Sünde, ein Feuer auszulöschen. Diese Sünde haben wir nie begangen: die Feuerwehr nimmt keine Nackten auf.«
»Ich habe auch keine Lust, zur Feuerwehr zu gehen«, stimmte ich ihm zu. Dann ging ich auf die Seite und zog mir die Stiefel aus.
Das Dach
Mit den Händen am Gesimse gleitend, die Beine in der Luft, bewege ich mich längs des unendlichen Holzdaches eines unendlichen Holzbaues fort. Grelles Sonnenlicht fällt mir in die Augen. Morsche Holzstücke fallen mir unter den Händen ab, meine Hände rutschen -- mir stockt der Atem, und ich möchte abstürzen, damit es doch einmal ein Ende nimmt! Aber ich bewege mich immer weiter.
Ich sehe unter mir Bäume, Flüsse, Bäche und eine Stadt.
Der Bau
Ich kroch unter das riesenhafte Haus, das noch nicht ganz fertig war, Man baute es so, daß der ganze Bau in der Luft hing und nicht stürzte, weil ein dickes, an das Fundament befestigtes Tau ihn mit der Erde verband. Ich kroch mit einem Beil in der Hand unter den riesenhaften Bau, erreichte den Mittelpunkt, wo das Tau befestigt war, holte mit dem Beil aus und hieb auf das Tau ein. Und als ich so weit war, daß das Haus jeden Augenblick einzustürzen drohte, spuckte mir jemand von oben auf den Kopf.
Unter dem Bett
Ich liege im leeren Zimmer und fühle, daß sich unter dem Bett etwas aufrichtet, umwendet und wieder still wird. Ich spitze die Ohren und horche: die Pfoten knacken, etwas Rauhes kriecht über den Boden, es stößt wohl an meine Stiefel, wendet wieder um, es holt Atem und kriecht weiter.
Ich liege da, ich rühre mich nicht, und ich weiß, daß es schon ganz nahe ist: gleich macht es einen Bogen um den Stuhl, nimmt mich aufs Korn und springt mit einem Satz auf mich herauf.
Die Maus
Im Hause haben sich Mäuse eingenistet und trippeln umher. Ich lauerte einem Mäuschen auf und packte es beim Schwanz. Es biß mich augenblicklich in den Finger. An der Stelle, wo es mich gebissen hatte, wuchsen mir lange Haare. Ich ließ die Maus los, sie fiel zu Boden, setzte sich und lief gar nicht fort.
»Wie kann man nur so!? Man muß es vorsichtig machen und sie durch Liebkosungen zu gewinnen suchen!«
Ich ergriff sie vorsichtig am Pfötchen, streichelte ihr den Rücken, sie aber sprang mir an den Hals, beschnupperte mich und bewegte ihren Schnurrbart.
Makkaroni
Wir standen am Rande des Kraters. Der Lange, der seit so vielen Monaten nicht von mir weicht und mir fortwährend allerlei Dummheiten erzählt, sprang, ohne sich die Lippen abzulecken, glatt hinüber, ich aber stürzte hinein. Mit unendlicher Mühe, mich im Finstern an die Kleiderhaken festklammernd, klettere ich an die Oberfläche. Der Lange ruft mir aber zu:
»Komm schneller heraus. Sonst werden die Makkaroni, die ich gekocht habe, kalt. Gesalzen sind sie auch schon!«
Scher dich zum Teufel mit deinen Makkaroni! Die Finsternis ätzt mir die Augen. Wenn ich doch nur herauskriechen könnte . . .
Der Sieger
Eine rote, glühende, mit dünner Asche bedeckte Steppe. Zwei rote, kräftige Kämpfer haben sich in verzweifeltem Ringen umfaßt. Und der, der älter aussah und dessen Körper gebräunter war, blieb Sieger. Ich stürzte zu diesem Sieger hin, ergriff seine Hand, biß mich mit den Zähnen in sie hinein, berauschte mich am dunklen, dicken Blut, das aus der Wunde emporsprudelte, und blickte ihm in die Augen, die vor Schmerz trüb geworden waren. Ich blickte ihm lange in die Augen und wußte es ganz gewiß: gleich wird er seine Hand befreien und mich mit einem Schlage zermalmen.
Das Blut aber sprudelte unaufhörlich.
Der Leichenwagen
Wir wateten lange durch den Fluß, nur unsere Köpfe ragten aus dem Wasser. Mein vor mehreren Jahren verstorbener Freund, der immer betrunken ist und ein rotes, aufgedunsenes Gesicht hat, geht voraus, und ich gehe ihm nach. Er geht mit trägen Schritten, den zerzausten grauen Kopf auf die Brust gesenkt, blickt manchmal zurück und blinzelt mir zu. Endlich erreichen wir ein Haus und kommen, naß wie wir sind, in den Saal. Im Saale findet gerade ein Ball statt; wir sehen viele tanzende Paare und hören lustige Musik. Alle bleiben plötzlich stehen, alle Blicke sind auf uns gerichtet. Wir aber sind patschnaß.
»Tanzen! Tanzen!« schreien plötzlich alle auf, die Musik schmettert von neuem, und die Töne sind so ansteckend lustig, daß man Lust hat, unaufhörlich, unermüdlich weiterzutanzen . . .
Ich habe aber keine Lust, noch länger durch den Fluß zu waten; ich steige darum in den Zug und setze die Reise mit der Eisenbahn fort. Der Zug hält auf freiem Felde. Ich trete in das Bahnwärterhäuschen und setze mich ans Fenster.
»Sie fahren, sie fahren!« murmelte der Weichensteller im Vorbeigehen, und im gleichen Augenblick fuhr eine Equipage vorbei. Ich sah ein junges Paar darin sitzen; sie war im Brautkleide und er im Frack.
Sobald die Equipage mit dem Brautpaar verschwunden war, kam polternd ein riesengroßer Leichenwagen gefahren, und im Wagen lag ein riesengroßer Leichnam. Die Pferde liefen Galopp, auf dem Bock saß kein Kutscher, und niemand lenkte das Gespann.
Ich sprang aus dem Bahnwärterhäuschen und ging quer über das Feld. Das Feld war staubig, ebenso der Wind.
Der Turm
Es ist ungemein schwierig, fast unmöglich, diesen sonderbaren turmähnlichen, innen vollkommen hohlen Bau zu besteigen. Die Stufen sind so abgenagt, daß man stellenweise Schritte von anderthalb Klaftern machen muß. Wir steigen in großer Gesellschaft hinauf, kennen aber einander nicht, wenn wir auch so tun, als ob wir einander durch und durch kennten. Hinunterschauen ist verboten; wer es trotzdem tut -- es gab auch solche Helden unter uns --, der ist erledigt: der fliegt kopfüber in den Keller. Niemand hat den Keller gesehen, aber alle wissen, daß er tatsächlich existiert und sehr kalt und finster ist. Endlich erreichen wir die obere Plattform; sie ist fest gebaut, ganz aus Eisen und wird von eisernen Balken gestützt.
Eine Lehrerin -- oder Nonne, die früher einmal Lehrerin gewesen ist -- steht oben und zeigt jedem von uns durch das offene Fenster die Welt. Sie sagt ausdrücklich:
»Schaut, Kinder, da ist die Welt.«
Wir sehen den Sonnenuntergang, kolossale Häuser, riesenhafte Ziehbrunnen, Feuerwehrdepots und eine Kirche mit hohem Glockenturm; oben am Kreuze der Kirche kleben andere Menschen und betrachten gleich uns die Welt. Die Gefahr ist dort wohl viel größer als bei uns; es ist ganz unverständlich, wie sie sich da überhaupt festhalten können und nicht herunterfallen!
Es ist aber verboten, allzulange auf die Welt zu schauen. Die Lehrerin gibt einem jeden von uns ein Stück Talg. Wir schmieren uns damit die rechten Hüften ein, die Frauen binden ihre Röcke hoch, und nun beginnt der Abstieg: wenn man richtig eingefettet ist, gleitet man ganz leicht den Strick hinab.
»Hier unten gibt es doch sicher alte Fresken?« frage ich meinen Nachbarn, einen alten Mann in Aluminiumstiefeln.
»Ja, der Bau ist alt, sehr alt, stammt noch aus Kains Zeiten!«
Ein altes Mütterchen mit Mäusepfoten bekreuzigt sich.
»Es gibt hier allerlei Heiligenbilder«, sagt sie, mit ihrem einzigen Finger auf die Mauer zeigend, »geweihte und ungeweihte: das >Waisenkind Jesus<, die >Vier Festtage< . . .«
Es hängen tatsächlich viele Heiligenbilder an den Wänden, und durch die kleinen, vergitterten Fenster, an denen wir vorbeigleiten, sind Mönche zu sehen.
Am Keller schleichen wir mit größter Vorsicht vorbei, denn wir fürchten hinunterzufallen.
»Wenn aber jemand zu Gott beten will?« fragt die Alte mit den Mäusepfoten.
»Alles hängt von Mirax Miraxowitsch ab«, sagt ein gehörnter junger Mann.
Wir drängen uns zusammen und geben uns Mühe, eine einzige kompakte Masse zu bilden, denn die Rothäute, die in den um den Keller herum gelegenen Zimmern wohnen, sind erwacht. Da haben sie eben einen Jungen gepackt und weggeschleppt. Die Hühnerfedern, die ihre roten Hüften verdecken, flimmern nur so. Wir werden unser immer weniger, sie aber bilden eine ganze Armee.
»Jetzt sind Sie an der Reihe!« sagt mir halb im Scherz eine kranke Frau mit einer Markttasche in der Hand. Auf der Markttasche ist ein Löwe gemalt.
Ich aber habe nur den einen Wunsch, möglichst tief in die Mitte zu kommen, und beginne schnell zu zählen: ich glaube, daß es mir helfen könnte. Aber meine Beine sind zu einem Stück Holz erstarrt . . .
Sie haben mich schon, ich bin verloren!
Die Schlangenkatze
Eine braune Schlange liegt da -- nur die Haut allein ist von ihr übriggeblieben, ganz eingetrocknet ist sie. Ich berühre ihre Kehle, in der Kehle sitzt eine Kupferkopeke, ist wohl steckengeblieben. Nun weiß ich, warum die Schlange eingetrocknet ist: an der Kupferkopeke ist sie erstickt.
Eine Katze läuft daher, so braun wie die Schlange, mit grauem Schnurrbart und leuchtenden grünen Augen. Und sie springt der Schlange in den Rachen. Ich sehe nur noch den Schwanz, nun ist er auch schon im Schlangenrachen verschwunden. Und nun beginnt die Schlange mit der Katze zu kreisen, zu rasen, zu wirbeln.
Ich springe schnell zur Seite, verstecke mich und denke mir: >Das sind böse Zeiten! Die Schlange hat mich nicht angerührt, die Schlange ist eingetrocknet, aber die Katze in der Schlangenhaut . . .< Ich hatte nicht Zeit, den Gedanken zu Ende zu denken, als sich etwas in mich hineinkrallt und auch ich mich wie ein Kreisel zu drehen begann.
Teufel und Tränen
Ich bin nicht in meiner Stadtwohnung, sondern irgendwo in einer Villa am Meer. Ich wohne nicht allein, mit mir zusammen wohnt T. Jeden Morgen baden wir im Meere, erst er, dann ich.
Unsere Petersburger Köchin Karassjewna erzählt:
»Nach dem andern Herrn fische ich aus dem Meere ganz winzige Teufelchen heraus, aber nach Ihnen, gnädiger Herr, einen Teufel von dieser Größe!«
Ich weiß nicht, was ich der Köchin darauf sagen soll: die Alte hat die Hände auseinandergespreizt und will mir zeigen, wie groß der Teufel war, den sie herausgefischt hat. Ich blicke von ihr weg und schaue auf die Birke: vor dem Haus steht eine alte Birke.
Neben der Birke steht ein weißes Pferd. Ich schaue auf das Pferd. Ein Spatz fliegt vorbei, hüpft dem Pferd auf den Kopf und beginnt ihm die Augen auszupicken. Und er pickt sie ihm gänzlich aus. Blut fließt aus den Augenhöhlen.
Neben der Birke steht das weiße Pferd, das Blut fließt. Und ich weine, und meine Tränen fließen wie das Blut.
Die Zwergin
Wir gehen beide über den Platz an der Frauenkirche, ich und mein Freund, der Hofmusiker im himbeerroten Rock. Ich zeige dem Musiker die Stadt Nürnberg, die Türme, die so schwarz sind wie das schwärzeste Gußeisen, und die lilagrauen, wie mit Asche überpuderten Häuser.
Wir gehen und sprechen miteinander. Es ist mir so lustig zumute, das Herz zittert vor Freude. In mildem, goldenem Lichte strahlt der Schöne Brunnen. Plötzlich besinne ich mich, daß ich nach Hause muß: zu Hause habe ich etwas vergessen, weiß aber nicht mehr, was . . . Ich lasse den Musiker stehen und gehe. Ich gehe aber nicht mehr durch Nürnbergs Straßen, sondern durch die Tawritscheskaja zu Petersburg.
Schon im Vorzimmer höre ich Lärm, Nun weiß ich es: es ist die, der ich erlaubte, eine einzige Stunde in meinem Zimmer zu bleiben; nun sitzt sie immer noch da.
Ich sage mir: >Ich kann ihr doch nicht ins Gesicht sagen, daß sie fortgehen soll. Ich will es ihr freundlich vorhalten, ich verstehe ja auch freundlich zu sprechen!<
Ich trete in mein Zimmer, es ist auffallend groß, viel größer, als es in Wirklichkeit ist. Es ist mir aber nicht mehr um das Zimmer zu tun -- ich fühle, wie sich mir der Magen umdreht. Es ist ja auch wirklich unerhört: ich hatte es ihr allein erlaubt, und nun sitzen ihrer drei da; sie haben sich auch nicht für eine Stunde niedergelassen, sondern für immer.
Die eine, der ich es selbst erlaubt hatte, schreibt auf meinem Papier; die andere, die ich gar nicht kenne, eine alte Zwergin, liegt auf dem Sofa; und die dritte liegt im Bett, und ich kann ihr Gesicht gar nicht sehen.
»Welches Recht haben Sie«, sage ich, »sich in meinem Zimmer niederzulassen? Ich habe es Ihnen nur für eine Stunde erlaubt, und auch nur Ihnen allein!«
»Wo soll ich denn hin?« sagt der zudringliche Gast, ohne vom Papier aufzublicken.
»Das geht mich gar nichts an! Ich kann es nicht dulden, daß Sie in meinem Zimmer bleiben! Verstehen Sie mich?« Die alte Zwergin aber streckt vom Sofa die Hand aus und packt mich plötzlich am Rockschoß.
»Nun weiß ich, um was es sich handelt!« sagt die Zwergin und zieht mich gehässig zu sich heran.
Der Haß versengt mich, ich will mich losreißen, aber ihre Hand hält mich fest.
Der Fuchs
Ein herbstliches Feld. Das Korn ist abgemäht und zu Garben gebunden; die Gerste steht noch da, und ihre Bartfäden ragen empor; zärtlich und liebevoll ranken die Erbsen. Plötzlich erscheint ein Fuchs, ein riesengroßes Tier, der Schwanz allein ist ein ganzer Pelzmantel.
>Der Fuchs wird uns überfallen und auffressen!< dachte ich mir. Dasselbe dachte sich auch mein Gefährte. Ohne ein Wort zu sagen, liefen wir dem Fuchs nach.
Wir holten den Fuchs ein, warfen ihn zu Boden und begannen ihn zu würgen. Es war aber gar nicht so leicht. Schließlich brachten wir es doch fertig. Tot, groß, rot und weich lag der Fuchs auf dem Boden.
Wir zogen dem Fuchs das Fell ab, machten ein Feuer, sengten das Fell an und begannen es zu essen. Es schmeckte gar nicht gut und hatte den widerlichen Fuchsgeruch, wir aßen es aber doch.
Und so verzehrten wir das ganze Fell. Als wir es aufgegessen hatten, schrie ich auf:
»Mein Gott, was habe ich angerichtet! Was für einen Pelzmantel hätte man daraus machen können und was für einen Muff!«
Es war aber schon zu spät: das Fell war aufgegessen, das Feuer erloschen, und es roch nur noch nach Verbranntem.
Napoleon
Ein trüber Maiabend. Bei St. Sulpice läutet es wie zu einer Volksversammlung. Ich gehe aber nicht in die Kirche, sondern zugleich mit vielen anderen Menschen zum Kai. Wir sind alle schwarz gekleidet. Auf der Brücke begegnen wir einem Zug Reiter; auch sie sind schwarz gekleidet und halten Besen in den Händen: es ist ein ganzer Besenwald.
>Es ist die Revolution<, denke ich mir und höre, wie die Uhr an der Notre-Dame schlägt; Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind es. Jeder Glockenschlag ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und in meinem Herzen schmilzt.
»Sursum corda!«[*]
Ich bin aber schon weit weg, in St. Cloud. Es ist ein warmer, sonniger Tag. Ich sehe eine bunte, festlich gekleidete Menge. Wir stehen um ein Podium herum, auf dem Feuerwehrmänner mit Blasinstrumenten sitzen: es ist ein Feuerwehrorchester. Wir alle warten auf etwas; die Feuerwehrmänner haben schon die Instrumente an die Lippen gesetzt und warten auf ein Zeichen.
[Fußnote *: lat., Die Herzen in die Höhe!]
Da sehe ich ihn, wenn auch im Nebel, aber ich kann ihn doch erkennen: Napoleon. Napoleon steht auf dem Podium und hält den Taktstock in der Hand. Gleich schwingt er den Stock, gleich erdröhnt die Musik.
>Napoleon!< denke ich mir: >Das ist also Napoleon!< Ich blicke unverwandt hin und will sein Gesicht sehen, ihm einmal in die Augen schauen, er aber steht wie gefesselt da und wendet sich gar nicht um.
Und ich höre die Glocke von St. Sulpice und zugleich die Schläge der Uhr an der Notre-Dame. Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind es, und jeder Glockenschlag ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und in meinem Herzen schmilzt.
»Sursum Corda!«
Ohne Hut
Ich befinde mich in einem Schuppen. Der Schuppen gehört zum Pariser Hotel de l'Univers. In dem Schuppen ist es sehr eng, zahllose Kisten stehen umher, Haufen von Stroh und Sägemehl; es ist auch finster. Ich blicke genauer hin und erkenne den Philosophen Sch. Der Philosoph sitzt auf einem zerbrochenen Vogelbauer dicht vor der Tür; er hat einen Mantel mit Lammfellkragen an, doch keinen Hut auf.
>Natürlich muß es so sein<, denke ich mir, >er hat seinen Hut verloren und sitzt darum mit bloßem Kopf da.<
Wir sind aber nicht mehr im Schuppen, sondern gehen über ein Feld. Auf dem Felde ist es öde, wir sehen nichts als Gebeine und Gräber, es ist ein trauriges Land.
»Russisches Land! Armes Rußland! Schwarze Menschen, die sich gegen die Mächtigen erhoben haben! Und das nennt sich ein gerechtes und wahrhaftes Gericht!«
Der Philosoph bückt sich über ein Grab.
»An diesem Beispiel können Sie es sehen!« sagt er mir und reicht mir ein Knäuel Gedärme.
Wir gehen schweigend von Grab zu Grab. Die Gräber sind offen. Ich sehe es nicht, aber ich fühle, daß sich in ihnen etwas regt, und höre, wie schwerer Goldbrokat knistert. Ich möchte gern in ein Grab hineinschauen, habe aber furchtbare Angst.
»Du bist der Urheber dieses Blutvergießens«, schrie plötzlich jemand aus einem Grabe. »Du bist der verdammte Feind, der Christusverkäufer, der abgefeimte Schurke, der Feind Gottes!«
>Das ist die Moskauer Unbildung!< denke ich mir und sehe: durch das Feld geht ein Pilger, sieht ganz wie unser Wassja der Barfüßige aus; über den Lumpen trägt er einen Frack und hat an der Brust ein riesengroßes steinernes Kreuz hängen. Der geweihte Pilger lächelt.
»Noli eos esse meliores!«[*] sagt er und lächelt.
[Fußnote *: lat., Wünsche sie dir nicht besser!]
»Vielleicht hat er auch recht«, sagt der Philosoph.
Wir stehen zu dritt vor dem offenen Grabe. Der Pilger lächelt.
»Dieser Wassja der Barfüßige hat ja auch keinen Hut auf!« Ich nahm mir den Hut vom Kopfe und erwachte.
Der Leim Syndetikon
Im Hause fand das große Reinemachen statt -- es ist das die gräßlichste Zeit vor den Feiertagen und kann höchstens noch mit dem Umziehen in eine neue Wohnung verglichen werden. Man gab sich die größte Mühe: man holte von der Decke mit langen Besen den verrauchten Staub und das Spinngewebe herunter, wusch die Fenster und Fensterbänke und machte sich schließlich an die Fußböden. Diese aber starrten so vor Schmutz, daß man sie weder abwaschen noch abkratzen konnte; überall waren auch Spuren bloßer Füße zu sehen. Die Oberaufsicht bei dem Reinemachen hatte ein mir unbekannter zottiger Mann mit Hundeschnauze. Als dieser Mann einsah, daß alle Mühe vergebens war, nahm er all seine staubigen Besen und Schabeisen zusammen, spuckte aus und verschwand.
Als ich allein geblieben war, blickte ich vorsichtig unter das Bett.
>Aha!< sagte ich mir, >da ist also die Schmutzquelle!< Ich empfand solchen Ärger und solche Abneigung, mich vor den Leuten zu erniedrigen und sie zu bitten, den Schmutz unter dem Bett zu beseitigen oder mich selbst zu beschmutzen, daß ich meinen Rock auszog, mich bis aufs Hemd entkleidete, Syndetikon zur Hand nahm und mich damit ordentlich einschmierte. Dann legte ich mich auf den Fußboden und begann mich zu wälzen.
Die Teufel
Ich lag an ein eisernes Bett gekettet, doch nicht im Obuchowschen Krankenhause, sondern im Grabe, und war nicht aus dem Polizeirevier, sondern aus der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte unmittelbar nach der Einsegnung hergeschafft worden.
Mein Herz zerriß in Stücke! Warum hatten mich die Totengräber mit solchem Haß verscharrt?! Ich habe ihnen doch nichts getan, bei Gott! Ich tue keiner Fliege etwas zu Leide und verstehe so gar nicht, mit einem Gewehr umzugehen.