Prinzessin Mymra: Novellen und Träume

Part 10

Chapter 103,849 wordsPublic domain

»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich schön bin? Was willst du von mir? Wie soll ich von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel -- und kann nicht gehen! Womit hab ich das verdient? Wer hat es so eingerichtet? Wo ist die Gerechtigkeit?« Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf, blickte die Mutter voller Haß an, verfluchte die Menschen und die ganze Welt. Alle erschienen ihr so glücklich, nur sie allein war so unglücklich, ein verkrüppeltes Kind, sie war verdammt und wußte nicht, für welche Schuld.

Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender Eber -- schreckliche Rache drang ihr aus dem Herzen.

Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder, schloß die Augen und schlief ein, kraftlos, ohnmächtig, etwas zu tun.

Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, sich auf die gestreckten Arme stützend, und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte irgendwohin mit den Augen und ließ die Blicke im Kreise schweifen. Etwas Unmögliches, Unmenschliches geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches, Unmenschliches ging in ihrem Herzen in Erfüllung.

Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, und die Menschen begannen dahinzusterben, und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder wurden ausgetreten -- jedes Unheil, jede Seuche, alles kam von ihrem bösen Blick.

Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich zog sie die stählernen Arme wieder ein.

Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres Bettes, schrumpfte ganz zusammen und versteckte sich wie ein verwundetes kleines Tier.

Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer glückbringenden Hand . . . Wie sie einst im Reigen gestanden hatte, wie der Sturmwind kam und wie sie zu Boden fiel, von dem sie sich nie wieder erhob . . . Wie sie sich selbst aus ihrer rechten Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie zur Kirche fuhr und, auf allen vieren kriechend, nach Hause zurückkehrte.

Die Alte erwachte.

Sanofa weinte.

Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so winzig, kaum faustgroß, wie bei jenem glücklichen Mädelchen, das, ihr glückspendendes Händchen schwingend, auf einem Bein von der Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem Stimmchen sang und das Märchen vom Hahn erzählte, der den Bären gefressen hatte; das mit den Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst vor den eigenen Tönen erschrak; das scheltend den Regen zu verjagen suchte und ebenso wie jetzt weinte, wenn der Regen nicht aufhören wollte und man sie nicht aus dem Hause ließ.

»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die Tochter beugend.

»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa.

Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte an den Enden ihres erdgrauen Kopftuches und war selbst so grau wie Erde.

Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe und flogen irgendwohin; und auch die ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen.

»Ich will sterben!«

* * *

Wenn die Abenddämmerung kam und der laue Abend den Wind des Tages zur Ruhe brachte und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl geschmückt, langsam heraustrat und die von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in gedehnten Schreien ergossen -- kroch Sanofa in den Garten hinaus. Da blieb sie bis zum Morgengrauen unter vier Augen mit der Nacht, grub die Erde um und machte sich mit ihren Blumen zu schaffen.

Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa konnte in solchen Nächten nicht vom Bette steigen.

Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer immer mehr. Die Blumenbeete wurden von Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen zugrunde. Wildes Steppengras drang in alle Winkel ein. Die Baumäste neigten sich zur Erde, die Schatten wurden immer dicker und vertilgten jedes Licht.

Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht; schreiend riß sie sich von ihnen los und lebte dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.

An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter nicht miteinander. Sie sahen sich nur an. Zuweilen war es ihnen zu schrecklich, einander auch nur anzuschauen.

Die Alte legte Karten.

Die Karten prophezeiten nichts Gutes: >Schlag<, >Unannehmlichkeiten< und >Nachtlager<. Das bedrückte das Herz mit unsagbarer Schwere, und alles endete mit dem >Gastmahl< -- der Piquedame.

Nur selten kam es vor, daß ein Morgen das Haus wie mit strahlendem Glück erleuchtete.

Sanofa erwachte und rief:

»Mütterchen, wenn du wüßtest, was mir heute geträumt hat?«

Die Alte lief zur Tochter:

»Was hat dir denn geträumt?«

»Ich träumte von Stiefeln, und dann, daß du mir ein Hemd reichst und das Hemd ganz blutig ist.«

»Stiefel bedeuten eine Reise«, erklärte die Alte. »Das Blut aber das Wiedersehen mit Blutsverwandten. Und mir träumte, daß ich eine aus Samen gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch der Alte zurück . . .«

Die Alte versank in ihre Gedanken und begann ein Lied zu summen.

»Mütterchen, ich weiß, was es für eine Reise ist: es ist mein Tod.«

Die Alte schwieg.

»Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich niemand anrühren.«

Die Alte schwieg.

Alles fiel ihr aus den Händen: so sehr zitterten ihr die Hände, und sie wußte in ihrem Kummer nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte.

Ein Tag folgte dem andern.

So viele endlose, traurige Tage zogen durch das verödete Haus. Man könnte mit dem Kopf gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen Schrei aus der Kehle zu pressen.

Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder naß war, ob es regnete oder die Sonne schien, die Augen hatten nur den einen Wunsch: sich zu schließen.

Die Alte konnte es nicht länger ertragen, sie fürchtete das Schweigen, sie ging leise auf die Tochter zu und sagte:

»Mein Kind, mein Kindchen!«

»Was ist denn?« fragte Sanofa, ihre schrecklichen Augen auf die gramgebeugte Mutter richtend.

»Ich habe nur so . . . Ich bitte mit dem Herzen . . .«

4

Es war wohl eine herrliche Nacht: im fernen Sumpfe trompeteten die Unken, kleine Vögel zwitscherten kaum hörbar, und ihr Gezwitscher verschmolz mit dem Zirpen der Grillen, von dem die ganze Erde zitterte. Jenseits des Flusses schrien traurig die Eulen und lärmten die Frösche: es klang, wie wenn ein Wagen über das Straßenpflaster rollt.

Die schlanken Pappeln warfen tiefe Schatten über den mondbeschienenen Hof.

Wie eine weiße Blüte lag Sanofa in ihrem weißen Hemd auf dem Rasen. Traurig fielen ihre dunklen Flechten von den Schultern hinab. Ihre Lippen waren halb offen und ließen die weißen Zähne sehen. Sie starrte zu den Sternen empor.

Die Sterne waren aber so fern.

Ein einziger Gedanke schmolz wie Mondlicht in ihrem Herzen: der Gedanke an den Tod.

Und es kam Sanofa vor, als ob jemand mit einem Licht unter dem Stall hervorkrieche, dann um die Pappel herumgehe, auf den Boden falle und nun den Schattenstreifen entlang zum Garten krieche; das Flämmchen flackerte wie eine Kerze, -- wie zwei Kerzen. Und je näher es kam, um so deutlicher konnte sie erkennen, daß es ein Mensch war und daß seine Augen wie Kerzenflammen leuchteten.

Sanofa stützte sich auf die Arme, bog den Kopf wie eine Katze vor und kroch ihm entgegen.

Und so krochen sie aufeinander zu, und die Entfernung zwischen ihnen wurde immer kürzer; schon sah sie seine wehenden Haare und seine lächelnden Lippen . . .

Schon war der Weg durchschritten.

Er streckte seine Arme nach ihr aus, umklammerte sie und drückte sie fest, heiß, für das ganze Leben, für ewig an seine Brust. Plötzlich wurde er ebenso blau, wie er es im Stalle mit der Pferdeleine am Halse gewesen war, er grinste mit seinen schrecklichen Zähnen, hob sie empor, und schon flogen sie -- als Bräutigam und Braut -- davon.

* * *

Man fand Sanofa am nächsten Morgen am Ende des Gartens beim Fischkasten tot auf dem Zaune sitzen: der Teufel hatte sie erwürgt.

Ganz Batyjewo ist betrunken. Gesang, Geschrei und Gestampfe erfüllen die Luft. Man tanzt, ohne die Beine zu schonen. Ganz außer Rand und Band sind die Leute: Foma hat dem Jerjoma sein einziges Auge ausgeschlagen, dem Mitroschka riß jemand den Nabelbruch heraus. Wie sollte man auch bei einer solchen Gelegenheit nicht über die Schnur hauen?

Das Los des Elenden. Träume

Vom Tiger zum Haken

Ich bin der Tiger der alten, von Asche verschütteten, steinernen Stadt, auf Gottes Geheiß geboren und nach dem Zeugnis König Davids zur Geduld verurteilt: Ich bin vor der Zeit, in die Zeit und für die Zeit.

Ich lag träg und lässig in der Allee des Petersburger Sommergartens und betrachtete das Publikum. Es gab nur wenig Spaziergänger, und ich hörte gar kein Lachen, nur hie und da ein widerliches Kichern. Die meisten gingen mit ernsten Gesichtern ihren Geschäften nach, und die Geschäfte, denen sie nachgingen, wurden als etwas so ungemein Wichtiges hingestellt, als ob davon das Heil der Welt abhinge. Ich sah nur die Rücken der Vorbeigehenden und konnte nur aus ihren Worten und Äußerungen, die an mein Ohr schlugen, schließen, was für Gesichter und was für Augen sie hatten. Die Empörung ließ mich auf meine kräftigen Beine springen; ich stürzte voller Wut auf das Häuschen Peters des Großen zu, ich schlug meine Krallen in das Holz und begann den Leuten ins Gewissen zu reden und ihnen klarzumachen, daß sie Betrüger und selbst der einfachsten Sache nicht gewachsen seien, weil ihre Augen trüb und kurzsichtig, ihre Seelen welk und ihre Gesichter schief seien.

Indem ich die Erlöser anklagte, begann ich solchen Unsinn zu reden, daß auch meine Augen sich trübten, meine Seele ausfaserte und mein Gesicht schief wurde. Und plötzlich war ich wie durch ein Wunder in einen Vogel mit lauter Stimme verwandelt.

Ich sang so laut, daß es wohl auf der ganzen Welt keinen Winkel gab, in dem mein Gesang nicht zu hören gewesen wäre. Und da alle meinem Gesange lauschten und an der sonnigen Stelle, wo ich zu singen pflegte, bereits ein Käfig hing und ich wußte, daß man mich einfangen und in diesen Käfig sperren würde, empfand ich es als lästig und auch gefährlich, als Vogel weiterzuleben.

Um mich irgendwie zu retten und mir die Freiheit zu erhalten, senkte ich meine Flügel und schlich mich als diebischer Fuchs in das schmutzige und gemeine Wirtshaus >Zu den lustigen Inseln< in der Werejskaja-Gasse, drängte mich irgendwie durch die Masse der betrunkenen Gäste und setzte mich an den ersten besten Tisch; um keinen Verdacht zu erregen, bestellte ich mir aber eine Flasche vom stärksten und berauschendsten Weine.

Obwohl das Lokal gesteckt voll war und man sich gar nicht rühren konnte, brachte es irgendeine Sascha Timofejewa fertig, sich an meinen Tisch zu setzen. Sie umschlang meinen Hals mit einer Hand und suchte ihr Gesicht dem meinigen zu nähern.

»Lieber Freund, führe mich fort von hier!« flehte sie mich an, und ihr gelber Lackledergürtel knisterte.

Während sich ihr dunkelmattes Gesicht mit den riesengroßen grauen Augen ohne Pupillen meinem Gesicht näherte, senkte sich von der Decke ein Netz so fein wie Spinnweben langsam, aber sicher über mich: ich fühlte, wie ein seidenes Vogelnetz über mich geworfen wurde. Und als die Augen meiner Geliebten schon so nahe waren, daß sie zu einem einzigen grauen Auge verschmolzen, berührte das Netz meinen Scheitel; im gleichen Augenblick drang ein feiner, scharfgeschliffener Haken in mein lebendes Herz. Er hakte sich fest und zog mich schon im nächsten Augenblick roh und blind über die Sascha und den Tisch hinweg zur Decke empor.

Affen

Man hatte uns von allen Enden der Welt, aus Australien, Afrika und Südamerika, zusammengetrieben, und ich, der Anführer der Schimpansen, mit dem aus Eiderdaunen gewebten Gürtel um die Lenden, raufte mir die Haare und zerbrach mir den Kopf, wie ich mich von den Ketten, mit denen man uns an Armen und Beinen gefesselt hatte, befreien und in meine Heimat durchbrennen könnte; aber es war schon zu spät. Man trieb uns über die neugepflügten Äcker auf das Marsfeld, und nachdem wir wie Soldaten Aufstellung genommen hatten, begannen Herolde in goldstrotzenden Uniformen mit Straußenfedern an den Hüten, längs der Reihen hin- und herreitend, das Urteil zu verlesen.

Man beschuldigte uns Affen der maßlosen Unzucht, Bosheit, Faulheit, Trunksucht und eines unausrottbaren Hanges zum Diebstahl; unter Anerkennung unserer ungewöhnlichen angeborenen Anlagen zur Entwicklung und Vervollkommnung verhängte man über uns die Anwendung der Geheimmittel des Bologneser Universitätsprofessors Ritters Altenaar, des Nachkommen der Wikinger von Grönland, Island und des Nördlichen Eismeeres.

Von blinder Mutterliebe und Empörung erfüllt, folgte ich der Exekution, die nach all diesen närrischen Zeremonien begann: die gottlosen Menschen durchbohrten uns zum Scherz mit Schusterahlen und bearbeiteten uns nachher mit Eisenhämmern. Sie beschmierten einzelne von uns mit heißem flüssigem Teer, befestigten das eine Ende eines in die Teermasse eingekneteten Strickes an die Körper der Unglücklichen und das andere an das Kummet eines freien und kräftigen Pferdes und ließen sie dann unter Schreien und Johlen der Menge so lange über die Erde schleifen, bis die Opfer verendeten. Andern wiederum steckten sie die Lippen sorgfältig mit Messingnadeln zusammen. Und noch viele andere Scherze wurden an uns zwecks Bändigung verübt.

Als aber das Marsfeld vom Heulen und Winseln gesättigt, als die Erde vom vergossenen Affenblut aufgequollen war und das getaufte und ungetaufte russische Volk sich krank gelacht hatte, kam auf ehernem Rosse ein Reiter in Rüstung aus grünem Erz dahergesprengt. Ein Lasso schwirrte durch die Luft und legte sich mir um den Hals, und ich fiel in die Knie. Ich, Anführer der Schimpansen Australiens, Afrikas und Südamerikas, blickte angesichts des unnötigen und ungebetenen Todes den schrecklichen und stolzen Reiter mit frechen Augen an und schleuderte gegen ihn und den mir verhaßten Tod ein dreifaches Kikeriki.

Beinahe hätten sie mich gegessen

Ich hatte zwölf unterirdische Kammern und zwölf Schlüssel -- man nahm sie mir weg. Ich sammelte mir im Hofe verschiedene Lumpen -- man nahm sie mir auch weg. Die Schlüssel und die Lumpen trug man in die Vorratskammer und schloß sie dort ein. Und Wlassow, mit dem ich erst vor kurzem mein Zimmer geteilt hatte und ohne den ich keinen Schritt machen konnte, verließ mich.

Ich bin ganz nackt, und doch rauben sie mich noch immer aus: sie saugen mir das letzte Blut aus dem Körper. Nun hat mich auch noch eine Zitterkrankheit befallen. Mit Tränen in den Augen flehe ich sie an, mich in Ruhe zu lassen und mir nicht so furchtbar zuzusetzen. Sie will aber nicht auf mich hören.

Sie hatten mich frech beraubt, und ich wußte, daß sie mich nicht am Leben lassen würden, daß sie mich unbedingt ins Grab bringen wollten. Ich konnte es nicht länger aushalten und schickte mein Dienstmädchen auf die Ligowka zu einem mir bekannten Sargmacher, einen Sarg zu holen. -- Meine Sterbestunde rückte heran, und es kam mir immer klarer zum Bewußtsein, daß sie meinen Leib schon nach wenigen Tagen mit Brot verzehren und nur meine Knochen in den Sarg legen würden.

Mit unsagbarer Mühe kroch ich die Treppe hinunter und wandte mich an den Portier mit der Bitte um Hilfe: ich flehte ihn mit den letzten Kräften, mein letztes Blut vergießend, an, die vornehmsten Bürger der Stadt auffordern zu lassen, gleich morgen zu mir zu kommen, um mich zu bestatten, solange ich noch nicht verzehrt sei.

Und während ich so den Portier anflehte und mich vor ihm bis zur Erde verneigte, sprang plötzlich das Plakat mit der Aufforderung, die Gummischuhe unten beim Portier abzugeben, ab, und an der Stelle, wo es gehangen hatte, trat aus der Wand Wlassow. Indem er seinen stechenden Feuerwehrmannschnurrbart drehte, reichte er mir die Schlüssel, die Lumpen und etwas Roggenmehl, aus dem ich einen dicken Kleister kochen sollte.

Der Tatar

Ich stieg einen Turm auf einer steilen, ungewöhnlich schmalen Treppe hinauf. Man hatte mir gesagt, daß ich nur die obere Plattform zu erreichen brauchte; oben würde ich leicht den Eingang in den Himmel finden: dort würde eine Wolke in Form einer Barke zu meinen Diensten bereitstehen, ich brauchte nur einzusteigen und könnte dann fahren, wohin ich wollte.

Der Aufstieg dauerte unendlich lange, die Beine konnten mich kaum tragen, und auch meine Geduld ging zu Ende; der Schädel schmerzte mir; ich nahm mich aber doch zusammen und erreichte schließlich die Plattform. Und was denken Sie? Es gab oben gar keine Wolke in Form einer Barke, dafür stand dort ein Tatar, einer von denen, die mit alten Kleidern handeln; seine Arme reichten aber bis zur Erde hinab. Ich wollte schon wieder hinuntersteigen -- was sollte ich denn oben? --, er packte mich aber am Kragen und hob mich mit seinen langen Armen in die Höhe.

»Du ganz gemeiner Schmarotzer! Ebensowenig wie deine Ohren wirst du die Wolke, die du wohl nur aus deinen Büchern kennst, zu Gesicht bekommen, noch die Dinge, die jenseits der Wolke sind. Putz dir erst die Augen, die in allen Dingen nur das Häßliche schauen, und dann bist du uns willkommen!«

Ehe ich ihm etwas entgegnen oder mich rechtfertigen konnte, begann der Tatar mich langsam auf die Erde hinabzulassen. Und als bis zur Erde nichts mehr übriggeblieben war, schlug ich mit der Nase hart am Boden auf und fiel in warmen Kuhmist.

Der Traber

Petersburg stand in Flammen. An den Feuerwehrtürmen hing das Alarmsignal für sämtliche Löschkommandos; sie konnten aber alle nichts ausrichten. Petersburg brannte an allen Ecken und Enden.

Ich und noch ein Herr, der mich bei meinen nächtlichen Abenteuern zu begleiten pflegte, verließen das Haus und fuhren ins Barackenlager. In den Baracken bekamen wir ein riesengroßes Zimmer angewiesen, und hier stellte sich heraus, daß wir gar nicht allein waren: in unserer Gesellschaft befand sich unablässig ein bekannter russischer Dichter.

Wir sahen zum Fenster hinaus: die Straßen waren von Flüchtlingen überschwemmt, und zahlreiche Damen, mit Reisekoffern und gelben Hutschachteln beladen, zogen über den Bürgersteig wie in einer Kirchenprozession. Alle sagten, daß die Feuersbrunst entsetzlich sei und nicht so bald ein Ende nehmen würde. Es roch nach Verbranntem.

Wir beschlossen, gleichfalls abzureisen. Wir nahmen uns eine Droschke und fuhren zu dritt nach Moskau. Ohne uns in Moskau aufzuhalten, begaben wir uns direkt nach der Sommerwohnung im Petrowski-Park. In der Sommerwohnung trafen wir niemanden an. Etwas später erschien ein bekannter Schauspieler, und wir erzählten ihm, welch ein furchtbarer Brand in Petersburg wüte, wie wir in den Baracken gesessen hätten, wie es nach Verbranntem gerochen hätte und daß wir dem Kutscher fünfundsiebzig Kopeken bezahlt hätten.

»Jetzt ist das Pferd hin«, sagte der Dichter. »Wie kann man auch? Neunundzwanzig Werst von Petersburg nach Moskau, ohne Station zu machen, und dann gleich wieder nach Petersburg zurück -- das hält kein Pferd aus!«

Die Blume

Ich pflanzte meine Lieblingsblume um. Endlich war ich dazu gekommen. Ich fühlte mich schuldbeladen ihr gegenüber: wenn man soviel andere Geschäfte hat, kommt man selten dazu, sich um sie zu kümmern und das Gras auszujäten; nun ist es schon zu einem dichten Gebüsch ausgewachsen! Immer habe ich etwas zu tun, bald dies, bald jenes. >Das ist ja eben das Wesen des Lebens, daß man niemals Zeit hat!< hat mir einmal jemand gesagt. Nun, der Herr sei ihm gnädig; möchte der, der es gesagt hat, auch in Zukunft niemals Zeit haben!

Ich schüttelte die Erde aus dem Blumentopf, ergriff die Blume am Stengel und bemerkte unten, wo die Wurzeln einen Knoten bilden, einen kleinen Wurm. Kaum hatte ich die Hand ausgestreckt, um den Wurm zu fassen, als er sich in eine kleine Schlange verwandelte, und die kleine Schlange verwandelte sich, ohne mit der Wimper zu zucken, in eine große. Nun begann ich vor Angst zu zittern. Ich warf die Blume zu Boden und wollte weglaufen, aber die Beine gehorchten mir nicht; ich wollte aufschreien, brachte aber keinen Ton hervor.

Die riesengroße geringelte Schlange Aspis tat ihren Rachen vor mir auf, berührte mit ihrem glühenden Stachel meine kalte Nase und verwandelte sich in einen Fisch mit vielen Zähnen. Mein Gott! Das war ja Echinia selbst! Ohne lange zu überlegen, sperrte die Echinia (und nicht mehr die Aspis) ihren Rachen noch weiter auf -- ich hatte kaum Zeit, nach meiner Tasche zu greifen, und stürzte in ihren Bauch. Da war es um mich geschehen.

Rotkohl

Ich stehe am Flußufer mitten in einer Volksmenge. Jemand meint, daß diese Volksmenge von der Darstellung des jüngsten Gerichts in der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale zu Solwytschegodsk herabgestiegen sei und daß der Fluß, an dem wir stehen, die Donau oder der Safat sei; es werden noch andere Namen genannt, ich kann sie aber nicht verstehen, da alles in einer barbarischen Sprache erzählt wird.

Wir alle warten auf etwas und sind sehr aufgeregt. Ich kann nicht ruhig an einem Platz stehen und laufe bald zu dem einen, bald zu dem andern und frage:

»Kommt es bald?«

Statt mir zu antworten, zeigt man mit den Fingern auf eine dunkle Masse, die vom Walde her naht.

Am Ufer, dicht am Wasser, ist ein kleiner Platz abgezäunt; auf dem Platz stehen zwei Fäßchen mit einem quer darüber gelegten Brett. Ich dränge mich bis an die Umzäunung vor, richte mich recht bequem ein und beobachte die heranrückende dunkle Masse.

Allmählich kann man die seltsamen Gestalten unterscheiden: an der Spitze reitet auf einem Ochsen der Zeremonienmeister, ein vornehmer Würdenträger mit braunem Vollbart und goldgesticktem Rock; in seinen Händen glänzt ein goldener Stab; nach dem Zeremonienmeister schreiten paarweise Damen in langen weißen Gewändern, mit bloßen Füßen, und jedem Paar folgen Diener, die je zwei Klappstühle und einen Fächer tragen. Endlich erscheint unter einem Baldachin der König: er trägt einen mit silbernen Sternen besäten Mantel, so blau wie der Fluß, und an den Händen weiße Ritterhandschuhe; sein Gesicht ist dunkel wie das eines Mohren, und seine Nase gleicht einer silbernen Sichel.

Der Mann, der neben mir stand und eine staubige rote Perücke aufhatte, seines Zeichens Schwarzkünstler, schnaubte mit der Nase und sagte mir auf russisch:

»Dieser König Napoleon hat eine angesetzte Nase!« Mit diesen Worten stürzte er entseelt zu Boden.

Und ich sah, daß noch viele andere Menschen in der Volksmenge tot niederfielen, offenbar für ihre Blasphemie bestraft. Nun kam es irgendwie zutage, daß es durchaus kein gewöhnlicher König war.

Der Zug kam immer näher. Ich unterschied schon einen schlanken, weißen Hofmann, der dem König folgte und Befehle erteilte. Dann kamen wieder Damen und Diener; polternde Bauernwagen, bis an den Rand mit Rotkohl beladen, beschlossen den Zug.

Alle Blicke waren auf den König gerichtet. Er betrat den am Ufer abgezäunten Platz, und nun kam ich darauf, daß sein Gesicht unter einer Larve verborgen und daß der schlanke Hofmann kein lebendiger Mensch, sondern ein Automat war.

Die Diener legten indessen den Baldachin zusammen und stellten die Stühle auf. Die weißen Damen rafften die Röcke hoch, nahmen Platz und begannen, mit ihren bloßen Beinen baumelnd, ein Gebet zu murmeln. Der König verbeugte sich vor dem Flusse, rief den Automaten herbei und setzte sich zugleich mit ihm auf das Brett, das quer über den Fässern lag, doch so, daß die Mitte des Brettes frei blieb.

Wir riefen alle hurra und schrien so lange, bis der Zeremonienmeister mit dem braunen Vollbart und dem goldgestickten Rock mit seinem Stabe winkte. Nun trat Totenstille ein.

»Warum hast du gesagt«, wandte sich der König an den Automaten, »daß diese Bank zusammenbrechen würde? Du siehst doch, wir beide sitzen auf ihr, und sie ist noch immer ganz.«

Die Stimme des Königs klang so jugendlich und stark, daß ein jeder von uns, von einem plötzlich erwachten Gefühl von Jugend und Kraft ergriffen, emporsprang. Wir alle waren bereit, für unsern König zu sterben.

Die Damen schrien hurra.

»Kaiser, du sitzt nicht richtig, setz dich in die Mitte!« sagte der Automat zum König. Mit diesen Worten erhob er sich vom Brett und ging an den Zaun zu der Stelle, wo ich mich so bequem eingerichtet hatte.

Ich konnte mich nicht enthalten und rührte ihn hinten an: meine Hand stieß auf etwas Metallisches und Kaltes, ich zog sie unwillkürlich zurück und fühlte ein Zittern wie vom elektrischen Strom.