Part 17
Die _Städteordnung_ von 1831 wurde nach und nach in 41 Städten der Provinz eingeführt. Die _Landratswahl_ wurde den Kreisständen entzogen, da die polnischen Landräte nicht nur liederlich verwaltet, sondern auch den Aufstand unterstützt hatten. Ebenso hatten die Gutsbesitzer von der ländlichen Ortspolizei nicht den erwarteten Gebrauch gemacht. Infolgedessen wurde die Vogtverfassung aufgehoben und 1836 eine Einteilung der Kreise in Distrikte vorgenommen, an deren Spitze ein Distriktskommissar stand. Alle _Klöster_ wurden 1833 _säkularisiert_, ihre Güter zu Schulzwecken verwendet. Den adligen _Mediatstädten_ brachte das gleiche Jahr Ablösung sämtlicher Abgaben und Lasten. Wie sehr diese Städtepolitik in jenen Jahren dem Deutschtum zugute kam, geht daraus hervor, daß 1840 alle Städte des Regierungsbezirks Posen mit Ausnahme von zehn mehr deutsche Einwohner hatten als 1895. (Der Rückschlag begann mit der Aufhebung des Einzugsgeldes und Einführung der Gewerbefreiheit, Maßnahmen, die das polnische Landproletariat in die Städte strömen ließen.) _Auf dem Lande_ wurde das Ablösungswerk ebenfalls beschleunigt durchgeführt. Auch ein der späteren Ansiedlungskommission ähnlicher Versuch wurde unternommen. Für eine Million Taler polnische Besitzungen durfte Flottwell kaufen und an Deutsche weiter begeben. 30 neue deutsche Rittergutsbesitzer wurden auf diese Weise gewonnen. In dasselbe inhaltreiche Jahr 1833 fällt ferner die _Judengesetzgebung_, die ihren Gemeinden Korporationsrechte und dem einzelnen die Möglichkeit der Naturalisation gab, die Niederlassung in anderen Städten und auf dem platten Lande gestattete. Dadurch ist die heute im russischen Anteil so unheilvolle Judenfrage für die Provinz Posen ohne Beschwerde gelöst worden.
Der Polenfreund _Friedrich Wilhelm_ IV. nötigte den hervorragenden Oberpräsidenten, im Jahre 1841 um seine Versetzung zu bitten, indem er durch Kabinettsorder befahl, daß künftig alle Zivilprozesse in der Sprache des Klägers zu führen seien, also das ganze bisherige, infolge des demonstrativen Fernbleibens der Polen vom Staatsdienst überhaupt einzig mögliche System desavouierte. Schon vorher hatte er den Erzbischof _Dunin_, den sein Vater wegen Widersetzlichkeit im Mischehenstreite nach Kolberg geschickt hatte, zurückkehren lassen und bei der Krönung in Königsberg in auffälliger Weise ausgezeichnet. Der Dank war 1843 eine _Adresse des Provinziallandtages_, in der gesagt wurde, _die Zumutung, daß die Polen sich als Preußen betrachten sollten, sei eine Gefährdung der Versprechungen von 1815_. Des Königs Wankelmut verhinderte die gebührende Antwort.
Ungestört breitete sich das Geheimbundwesen und die Agitation in Posen aus. Anfang 1846 sollte zugleich in allen drei Anteilen ein _neuer Aufstand_ ausbrechen, von Paris aus organisiert. Aber der zum Führer erkorene Mierosławski wurde bei Gnesen gefangen genommen, ehe er losschlagen konnte. Infolgedessen mißlang der ganze Aufstand, denn die einzelnen Putsche wurden mit Leichtigkeit unterdrückt, auch in Galizien. In Rußland fanden die Emissäre überhaupt kein Gehör.
Die einzige Folge war, daß die _Republik Krakau_, seit 1830 ein Herd der Unruhe, aufgelöst und dem österreichischen Staate einverleibt wurde (1846).
Des Königs Schwäche, die die Todesurteile gegen die Führer des Aufstandsversuches unvollstreckt ließ, rächte sich bitter. Denn im unruhigen Jahre 1848 erhielten Mierosławski und Genossen Amnestie. Sie eilten nach Posen, wo sie den _Aufstand_ organisierten, obwohl der König einer Deputation unter Führung des Erzbischofs Przyłuski das Versprechen einer „_nationalen Reorganisation des Großherzogtums_” gegeben hatte und allen noch so weitgehenden Forderungen entgegenkam. Die preußischen Adler wurden heruntergerissen, die Kassen beschlagnahmt, die Beamten verjagt, die Deutschen mißhandelt. Doch aus dem Deutschtum der Provinz heraus erhob sich ein organisierter Widerstand und der kommandierende General von Colomb hielt die Truppen bereit. Da entsandte der König den General Willisen, der den Polen die unglaublichsten Zugeständnisse machte: polnische Geschäftssprache, polnische Beamte, eine Nationalarmee mit polnischen Kokarden und selbstgewählten Offizieren. Mit Mierosławski schloß er die _Konvention von Jarosławice_ ab, die dem Aufrührer gestattete, seine Bande in vier Standquartieren unter den Waffen zu behalten. Das machte den General so verachtet, daß die Kürassiere vor ihm ausspuckten und die Deutschen in Posen ihm zu Leibe gehen wollten. Der Oberpräsident und der kommandierende General bedeuteten ihm, daß er, der königliche Bevollmächtigte, sofort die Provinz zu verlassen habe! An seiner Stelle traf der General von Pfuel mit diktatorischer Vollmacht ein, der dem Aufstand bald ein Ende machte. Mierosławski aber wurde zum zweiten Male begnadigt!
Die Opposition der Deutschen gegen die „nationale Reorganisation des Großherzogtums” hatte zur Folge, daß der König die Provinz _in eine westliche und eine östliche Hälfte_ schied. Die westliche sollte in den Deutschen Bund aufgenommen, die östliche „reorganisiert” werden. Damit waren wieder die Polen nicht zufrieden. Sie entfalteten eine lebhafte Gegenagitation, in der sogar erzbischöfliche Hirtenbriefe helfen mußten. Der Bundestag folgte am 2. Mai 1848 dem preußischen Antrage, das Reichsparlament in der Paulskirche am 27. Juni. Da aber die Ziehung der Grenzlinie Schwierigkeiten machte, so ist in die preußische Verfassung von 1848 die Teilungsabsicht nicht hineingekommen. Und eine der ersten Taten des neuen preußischen Bundestagesgesandten, _von Bismarck_, war es, daß er die Einverleibung in den Deutschen Bund wieder rückgängig machte, nachdem man sich in Berlin 1850 der Gefährlichkeit dieser Einverleibung und derjenigen Ost- und Westpreußens für die Großmachtstellung Preußens bewußt geworden war.
_Österreich_ hatte 1848 namentlich in Krakau und Lemberg mit dem Aufstand zu kämpfen, mußte sogar beide Städte bombardieren, wurde aber des Aufstandes ebenfalls Herr. Nur _Russisch-Polen_ war infolge der Politik der starken Hand wieder ruhig geblieben. Dort fiel 1851 die Zollgrenze gegen Rußland, für die neue polnische Industrie ein Schritt von entscheidender Bedeutung, aber für den Selbständigkeitsstolz bitter. Vergeblich hofften die Polen auf Napoleon III. und den Ausgang des Krimkrieges, vergeblich auf die Thronbesteigung des als liberal bekannten Alexander II. Der Pariser Friede erwähnte Polen nicht, und als Alexander II. im Jahre 1856 zum erstenmal nach Warschau kam, erklärte er, daß wohlgetan sei, was der Vater getan habe. Nur den Kriegszustand hob er auf und schickte die Verbannten aus Sibirien zurück. Immerhin entsandte er nach Paskewitschs Tode den milden Fürsten Gortschakow als Statthalter nach Polen.
Doch selbst diese kleinen Zugeständnisse erwiesen sich als verfehlt. Denn die geheimen Parteien wühlten nun um so eifriger weiter, in steter Verbindung mit den gesamten revolutionären Organisationen Europas. Sie begannen, von Gortschakow weniger befürchtend, die Massen durch _Demonstrationen_ einzuexerzieren, wozu sie mit Vorliebe Prozessionen, Begräbnisse und Gottesdienste benutzten. Am 25. Februar 1861, am Jahrestage der Schlacht von Grochow, kam es erstmalig zu blutigen Konflikten. Und obwohl und vielleicht gerade weil der Zar dem Lande im März eine eigene Unterrichts- und Justizkommission unter dem angesehenen Markgrafen Alexander Wielopolski gewährte, wurde im April eine Versammlung der Landwirtschaftsgesellschaft wieder zu Demonstrationen vor dem Schlosse mißbraucht. Als die Truppen mit Steinen beworfen wurden, gaben sie Feuer und töteten gegen 200 Mann. Die gleichen Vorgänge wiederholten sich im Oktober, am Todestage Kościuszkos, nur wurden diesmal gegen 1700 Personen eingesperrt. Nach einer kurzen Diktatur des Generals Lüders schickte Alexander am 8. Juni 1862 seinen Bruder _Konstantin_ als _Statthalter_, dem er den Wielopolski als Präsidenten der Zivilverwaltung beigab, _zugleich dem Königreich völlige Autonomie gewährend_.
Die Antwort auf diese edelmütige Tat waren _Mordversuche_, am 8. Juli gegen den Großfürsten, am 7. und 15. August gegen Wielopolski. Um sich von den unruhigen Elementen zu befreien, veranstaltete die Regierung eine Aushebung, vornehmlich der „schlecht Notierten” am 15. Januar 1863.
Das gab das Signal zum Ausbruch des _Januaraufstandes_ unter dem „Nationalen Zentralkomitee”, das sich als „provisorische Nationalregierung” auftat und zu den Waffen rief. Langiewicz wurde zum Diktator ernannt, konnte aber ebensowenig Erfolge erzielen wie der unvermeidliche Mierosławski. Größere Ansammlungen von Aufständischen verhinderte die Stärke der im Lande stehenden Militärmacht, wenngleich im März bei Ponin, Kalisch und Warka die Insurgenten Erfolge errangen. Diplomatische Noten Frankreichs, Englands und -- Österreichs blieben wirkungslos, da _Bismarck_ sich energisch auf Rußlands Seite stellte und Gruppen an die Grenze schickte, die die übertretenden Aufständischen abfingen. Als an Stelle des Großfürsten Konstantin _Graf Berg_ Statthalter geworden war und in Litauen _Murawiew_ mit gleicher Strenge vorging, wurde der Brand bald vollends gedämpft. Der Bauernstand hatte sich auch diesmal ferngehalten, da der Aufstand in die Zeit der Bauernbefreiung fiel, die auch den litauischen und polnischen Bauern den freien Besitz ihrer Anwesen brachte.
22. Kapitel.
Die Politik der friedlichen Erneuerung.
Seitdem haben die Polen auch in Rußland ihr Glück nicht mehr in Aufständen versucht. Sie haben eingesehen, daß gegenüber so militärgewaltigen Staaten, wie die drei Teilungsmächte es sind, mit bewaffneter Hand Erfolge nicht erreicht werden können. Sie haben seit 1870/71 auch die Hoffnung auf eine französische Intervention zu ihren Gunsten verloren und den Wert englischer Sympathien beurteilen gelernt. Sie haben endlich erkannt, daß _bei der bisherigen sozialen Struktur des polnischen Volkes und bei der nationale Ideen ausschließenden Unkultur der breiten Massen Fortschritte überhaupt nicht möglich seien_. Infolgedessen hat sich die Taktik geändert. Friedrich Wilhelms IV. Freund, Graf Eduard Raczyński, hat vielleicht als erster diese Schwenkung ausgedrückt, indem er sagte: „_Werden wir besser, gebildeter und wohlhabender als die Deutschen, dann sind wir die Herren in Posen._” Diese friedliche Erneuerung, am frühesten in Posen in die Tat umgesetzt, beherrscht seit Beendigung der Aufstandszeit die polnische Politik auch in den anderen Anteilen. Im Hintergrunde freilich steht, muß logischerweise nach wie vor stehen der Gedanke an die Wiedervereinigung und Unabhängigkeit, die nur unter Beteiligung des ganzen Volkes und nur dann erreicht werden kann, wenn Preußen und Rußland gemeinsam in einen Krieg verwickelt werden, in dem sie unterliegen, oder wenn sie sich gegenseitig aufreiben. Die ungünstige Grenzführung, die einerseits die deutschen Ostseestädte ihres natürlichen Hinterlandes beraubt, anderseits einem großen, vom schiffbaren Weichselstrom durchflossenen Gebiete Rußlands den Zugang zur See verwehrt, und die ferner für beide Teile lästig und gefährlich ist, läßt ja die Möglichkeit eines blutigen Zusammenstoßes nicht ausgeschlossen erscheinen. _Österreich_ dagegen wird schon heute nicht mehr zu den „Erbfeinden” gerechnet.
In _Österreich_ nämlich, wo bis gegen 1860 die Politik der Strenge herrschend blieb, trat nach Verleihung der Konstitution von 1860 und namentlich nach dem Kriege von 1866 ein Umschwung ein. Aus dem Deutschen Bund herausgedrängt, mußte es seine deutsche Politik aufgeben, da in der Zusammensetzung des Reichsrates nach und nach die deutsche Majorität verschwand. Die polnische Fraktion des Reichsrates, der Polenklub, hat sich diesen Umstand in geschickter Weise zunutze gemacht. Er bildet das Zünglein an der Wage, indem er je nach Bedarf mit den Slawen oder mit den Deutschen geht, so daß die Regierung auf ein Einvernehmen mit ihm angewiesen ist. Die weitgehende Selbstverwaltung, die den einzelnen Kronländern gewährt wurde, ist in Galizien zu einer vollständigen Polonisierung der Schulen, der Verwaltung und der Gerichte benutzt worden. Heute sind die Beamten durchweg Polen. Deutsche Dienstsprache haben nur die Post und die Armee. Abseits von der Masse der zisleithanischen Lande gelegen, von Ungarn durch die Karpathen getrennt, ist diese Entwicklung Galiziens zu einer einzig der Souveränität entbehrenden Autonomie auch geographisch verständlich. Charakteristisch ist, daß gerade in diesem Lande, wo die Polen Gelegenheit haben, ihre Begriffe von Freiheit und Menschenrechten in die Tat umzusetzen, 200000 Deutsche mundtot gemacht sind, _über drei Millionen_ (nach polnischer Zählung!) _Ruthenen aber_, 42,20 % der Bevölkerung, _in einer Weise national unterdrückt werden, die den schlimmsten russischen Methoden nichts nachgibt_.
_Rußland_ vergalt, da des wohlwollenden und liberalen Zarbefreiers Entgegenkommen sich als verkehrt erwiesen hatte, den Aufstand von 1863 mit einer scharfen Reaktion. 1865 wurden die _Kirchengüter_ in staatliche Verwaltung genommen, die Geistlichen auf Staatsbesoldung gesetzt, Polen der _Erwerb von Gütern_ außer durch Erbschaft in den neuen westrussischen Gouvernements verboten. Die _oberste Verwaltung_ wurde 1864/66 als Kommission des russischen Reichsrates nach Petersburg verlegt, dem Klerus, auch den Bischöfen, 1867, jeder direkte _Verkehr mit dem Papste_ untersagt, das Russische 1869 als alleinige _Unterrichtssprache_ in allen Schulen eingeführt. Im selbigen Jahre folgte auch die Unterstellung des _Finanzwesens_ unter das russische Finanzministerium, im nächsten die _Umwandlung von 300_ (von etwa 450) _Städten_ in Dörfer, 1876 die _Einführung der russischen Gerichte_, doch ohne die Geschworenengerichte. Die brutale Schärfe des Generalgouverneurs _Gurko_ (1883-1894) führte 1884 zu einer _Verschwörung_, der viele andere, auch gegen das Leben des Kaisers Alexander III. folgten.
Eine Milderung des Systems erfolgte erst wieder unter dem Kaiser Nikolaus II., doch hat die führende Rolle, die die Polen in den Unruhen der letzten Jahre spielen, bewiesen, daß nur durch eine Politik der eisernen Faust Ruhe und Ordnung im Lande wirksamer aufrechtzuerhalten wären. In Litauen, Rot- und Kleinrußland haben die Polen aufgehört, der führende Stand zu sein. Die _wirtschaftliche Entwicklung_ des russischen Anteils hat, allerdings größtenteils durch deutsche, französische und jüdische Intelligenz und mit Hilfe ausländischen Kapitals reißende Fortschritte gemacht, so daß in ganz Rußland nur noch der Moskauer Industriebezirk mit dem polnischen an Bedeutung wetteifern kann. Damit hat allerdings auch ein großer Teil der breiten Masse den Übergang von der Nationaldemokratie zur Sozialdemokratie vollzogen, der die nationalen Führer mit Besorgnis erfüllt. Fortschritte gemacht hat auch die _kulturelle Entwicklung_, so daß, von Finnland und den Ostseeprovinzen abgesehen, kein Teil des russischen Reiches auf gleicher Höhe steht. Hierauf, namentlich auf die Entwicklung des polnischen Schrifttums im 19. Jahrhundert in allen drei Anteilen einzugehen, ist hier nicht der Ort. Gerade die Entwicklung ihres Schrifttums erfüllt die Polen mit berechtigtem Stolz. Den Abstand freilich, der noch immer zwischen Posen und Russisch-Polen besteht, vermag nur der zu ermessen, der die Verhältnisse aus eigener Anschauung kennt.
Übrigens bilden die mehr als vier Millionen _Juden_, die in dem Gebiete des ehemaligen polnischen Reiches zusammengedrängt sind und in den Städten bis zu 84 % der Bevölkerung ausmachen, ein nicht zu unterschätzendes retardierendes Moment, nicht nur für die polnisch-nationale Entwicklung, da sie sich den sieben Millionen Polen nicht assimilieren, sondern auch für den wirtschaftlichen Fortschritt, da ihre Zahl für die ihnen gebotenen Erwerbsmöglichkeiten zu groß ist.
In jeder Beziehung am höchsten, auch höher als die galizische, steht die polnische Bevölkerung in _Preußen_. Daß dem so ist, ist ein Ruhmestitel für das Deutschtum im allgemeinen, für den preußischen Staat im besonderen. Denn nur die Erziehung (im weitesten Sinne des Wortes), die wir ihnen gegeben haben, hat die preußischen Untertanen polnischer Zunge vorbildlich für die Polen der anderen Anteile gemacht. Leider ist es aber auch uns nicht gelungen, sie zu treuen und loyalen Staatsbürgern heranzubilden. Nicht zum wenigsten Schuld daran trägt die schwankende Regierungspolitik, die die Polen in ihren nationalen Aspirationen bestärkte und in den Versuchen zu ihrer Durchsetzung kühner machte. (Was im folgenden namentlich im Hinblick auf Posen gesagt wird, gilt größtenteils auch für die polonisierten Teile Westpreußens.)
Wenngleich Friedrich Wilhelm den 1948er Bundestagsbeschluß wieder aufheben ließ, so hatte er doch aus dem Aufstand nicht das mindeste gelernt. Die _Schule_ wurde dem polnischen Klerus völlig ausgeliefert, der sich ihrer nicht nur zur national-polnischen Erziehung der Kinder polnischer Muttersprache, sondern auch zur Verpolung deutscher Kinder katholischen Glaubens bediente. So sind z. B. die „_Bamberger_” der Posener Kämmereidörfer, die vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis 1850 ihr Deutschtum entschieden bewahrt hatten, unter den Augen, sogar unter Beihilfe der Regierung durch die Schulen verpolt worden, so daß sie heute außer dem Namen und der Tracht nichts mehr von ihrem Volkstum bewahrt haben. Die systematische Gleichsetzung der Begriffe _Polnisch_ und _Katholisch_, mit der dem ungebildeten Volke gegenüber um so erfolgreicher operiert werden kann, als nicht nur die Agitatoren, sondern auch der Klerus bis zum Erzbischof hinauf sie benutzt, hat nicht wenig zur Verpolung der katholischen Deutschen in allen Teilen der Provinz beigetragen. Gleichzeitig hat diese Begriffsverwirrung aber auch dafür gesorgt, daß heute der Pole der niederen Stände in jedem Deutschen den Feind seines Glaubens sieht. Die Geistlichkeit ist so weit gegangen, das Gebet in deutscher Sprache für sündhaft zu erklären. Nur auf dieser Grundlage ist der durch eine maßlose Agitation erregte Schulkinderstreik gegen den deutschen Religionsunterricht im Jahre 1906 psychologisch möglich geworden. Die bedrohten deutschen Katholiken haben sich erst um die Jahrhundertwende zu den _Vereinen deutscher Katholiken_ in der Provinz Posen zusammengeschlossen, die, obwohl kirchlich durchaus einwandfrei, vom polnischen Klerus bis zum Erzbischof hinauf eifrig bekämpft werden.
In die Zeit Friedrich Wilhelms IV. fällt auch die Begründung (1841) und der Ausbau des „Vereins zur Unterstützung der lernenden Jugend im Großherzogtum Posen”, nach seinem Gründer später _Marcinkowski-Verein_ genannt. Unter national indifferenter Maske hat er sich die Heranbildung eines polnischen Mittelstandes zum Ziel gesetzt, indem er begabten jungen Leuten das Studium, anderen die gewerbliche Existenz ermöglicht. Zunächst von der Regierung blindlings und mit Eifer unterstützt, später zu stark geworden, um ohne diese Unterstützung einzugehen, hat er sein Ziel tatsächlich erreicht. _Der polnische Mittelstand_, der zu Flottwells Zeiten überhaupt noch nicht vorhanden war, _ist heute so zahlreich und wohlhabend geworden, daß er dem Adel die Führung in der nationalen Bewegung entrissen hat._
_Bismarck_ war im ersten Jahrzehnt seines Ministeriums so mit Fragen der auswärtigen Politik beschäftigt, daß er sich der Polenfrage nicht widmen konnte. Erst nachdem er das neue Kaisertum aufgerichtet hatte, wandte er sich innerpolitischen Problemen zu, zunächst dem polnischen. Der berühmte Brief vom 7. Februar 1872 an den Minister des Innern, Grafen Eulenburg, in dem er praktische Beweise eines Vorgehens „_gegen die seit zehn Jahren prosperierende polnische Unterwühlung der Fundamente des preußischen Staates_” verlangt, leitet die neue Ära ein. Die Einführung der staatlichen an Stelle der geistlichen _Schulaufsicht_ beseitigte 1872 den Mißbrauch, der bisher mit der Schule betrieben worden war. In den höheren Lehranstalten wurde als Gegenmaßregel gegen die Agitation des Klerus im selben Jahre der _Religionsunterricht_ in deutscher Sprache eingeführt, für die _Volksschulen_ ein Jahr später die deutsche Sprache in allen Fächern, im Religionsunterricht aber nur in der Mittel- und Oberstufe und _nur so weit, als die Kinder genügend des Deutschen mächtig seien_. 1886 wurde für Westpreußen, Posen und Oberschlesien die _Besetzung der Lehrstellen_ zu einem ausschließlichen Recht des Staates erklärt, da es sich herausgestellt hatte, daß als Lehrer polnischen Patronats nur Nationalpolen berufen wurden. 1887 kam auch der _polnische Sprachunterricht_ in Wegfall. Der Erzbischof _Ledochowski_ war, weil er die nationalen Bestrebungen begünstigte, schon 1874 abgesetzt worden. Er entsagte aber erst 1885, und sein Nachfolger wurde zum erstenmal ein Deutscher, _Dinder_. Die massenhaft einwandernden _russischen Polen_, die das nationale Zahlenverhältnis stark zuungunsten der Deutschen verschoben hatten, wurden in diesem Jahre ausgewiesen.
Vielleicht keine Maßregel aber war so einschneidend wie die Wiederaufnahme der Friderizianischen und Flottwellschen Kolonisationspolitik durch das Gesetz vom 26. April 1886 betr. die _Beförderung deutscher Ansiedelungen_ in Westpreußen und Posen. Denn die _Verdeutschung der Schulen ist eine zweischneidige Waffe_, da sie die Intelligenz der polnischen Masse ungemein hebt und die Polen, weil beide Landessprachen beherrschend, im zweisprachigen Sprachgebiet wirtschaftlich überlegen macht. Das Ansiedelungsgesetz aber, durch das der Staatsregierung 100 Millionen Mark zur Ansiedelung deutscher Bauern und Landarbeiter bewilligt wurden, sichert und vermehrt den deutschen Besitzstand, da die Ansetzungsbedingungen den Verkauf an Polen unmöglich machen. Bis Ende 1906 hat die Ansiedelungskommission, deren erfolgreicher Organisator von _Wittenburg_ war und deren Fonds 1898 auf 200, 1902 auf 350 Millionen erhöht wurde, 325992 $ha$ Landes angekauft und 12415 Familien mit rund 81000 Seelen angesetzt, auch für Schulen, Kirchen, Bethäuser, Allmende, Gemeindeeinrichtungen in mustergültiger Weise gesorgt. Die Ansiedelungsdörfer bilden einen Schmuck des Landes. Sie mehren den Wohlstand der Provinzen, stärken indirekt das Deutschtum der Städte, und wenngleich die Polen durch Gründung von Landbanken und Parzellierungsgenossenschaften eine Gegenwehr einleiteten, so tragen sie, zwar langsam, aber sicher zur Verdeutschung des Landes bei.