Polnische Geschichte

Part 13

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_Friedrich August_ III. (1734-1763) weilte wenig in Polen, solange nicht die Schlesischen Kriege ihn dazu zwangen, und überließ in seiner Indolenz die Leitung der polnischen Politik erst dem Fürsten Sułkowski, dann seinem Minister Brühl, der in Polen ein reicher Mann wurde. An den großen Kriegen jener Zeit beteiligte sich Polen nicht, doch hat es genug darunter gelitten. Im _österreichisch-russischen Türkenkriege_ zogen die Russen durch Polen, das gemäß dem Versprechen Friedrich Augusts im Jahre 1737 die _Belehnung Birons mit Kurland_ zulassen mußte. Im _Siebenjährigen Kriege_, an dem Friedrich August ja als Kurfürst von Sachsen ebenfalls beteiligt war, standen die Russen ständig in Polen, wo sie ihre Magazine anlegten und von wo sie gegen Preußen operierten. Infolgedessen drang auch der große König mehrmals in Polen ein, nahm die russischen Magazine weg, legte Kontributionen auf, ja steckte sogar polnische Bauern in sein Heer.

Noch einmal winkte in dieser trüben Zeit die Hoffnung, wenigstens _Kurland_ zurückzuerlangen, als nämlich Elisabeth den Herzog Biron nach Sibirien schickte und Friedrich Augusts Sohn Karl zum Herzog gewählt wurde. Aber 1762 starb Elisabeth, und die große Katharina führte Biron mit Gewalt auf den Herzogsstuhl zurück. Überhaupt brachte der russische Thronwechsel eine völlige Umwälzung der Lage in Polen hervor. Friedrich August, der sich immer auf Rußland gestützt hatte, starb jedoch, ehe diese Umwälzung wirksam in Erscheinung treten konnte, im Jahre 1763.

18. Kapitel.

Die inneren Zustände. Das Deutschtum. Die Reform-Bewegung.

Wir sahen, wie die Übertreibung der Freiheiten allmählich zur Anarchie führte, wie man zum $Liberum veto$ und zur Zerreißung der Reichstage gelangte, und wie es schließlich möglich wurde, die Reichstage sogar schon vor ihrer Eröffnung zu zerreißen. Wir sahen auf der anderen Seite, wie die Könige vielfach bemüht waren, der Unordnung ein Ende zu machen und eine straffere monarchische Gewalt aufzurichten, wie diese Bestrebungen aber an der Macht der Magnatenfamilien scheiterten. Wir sahen auch, wie diese Familien sich gegenseitig zerfleischten und sich auf das Ausland stützten, in dessen Solde sie standen. Diese Zustände erreichten nun während der sächsischen Zeit ihren Höhepunkt.

Es wäre verkehrt, die Schuld hieran den sächsischen Königen zuzuschreiben, die nicht besser und nicht schlechter waren als ihre Vorgänger. Bestechungsgelder von einer fremden Macht, wie seinerzeit Johann Albrecht und Alexander in der preußischen Huldigungsfrage und zuletzt noch Johann Sobieski im Solde Frankreichs, hat wenigstens keiner von ihnen genommen; im Gegenteil haben sie ihr Stammland um der polnischen Krone willen ruiniert. Die Bemühungen Augusts, die Königswürde wieder erblich zu machen und ein absolutes Regime einzuführen, zeigten sogar den einzigen Weg, auf dem eine Heilung der polnischen Leiden möglich war. Wenn sie nur vom Könige glücklicher eingeleitet und von denen, denen sie galten, verständnisvoller unterstützt worden wären! Freilich hat der starke August durch die lockeren Sitten seines Hofes das wenige verderbt, was etwa noch zu verderben war; freilich hat Friedrich August durch seine Teilnahmlosigkeit die Kämpfe der zwei großen Gegenparteien in ihrem letzten Umfange erst ermöglicht. Aber schließlich reifte in ihrer Zeit doch nur die Saat, die früher ausgestreut und längst schon üppig in Halme geschossen war.

Daß Polen überhaupt nicht mehr in die politische Rechnung miteinbezogen wurde, haben wir schon gesehen. Die Nachbarn führten auf polnischer Erde ihre Kriege, ohne daß das Land im geringsten beteiligt war. Es war gerade, als ob dort zwischen der Warthe, dem Dnjestr und dem Njemen ein herrenloses Gebiet läge. Überall in Europa hatte sich eine neue Staatsform ausgebildet, der _aufgeklärte Absolutismus_, der alle Kräfte und Hilfsmittel des Volkes in der Hand einer starken Regierung vereinigte. Überall war das Heerwesen zu hoher Entwicklung gelangt. Neben Frankreich und England hatten sich vor allem die drei Nachbarmächte Polens, Österreich, Preußen und Rußland, in dieser Weise organisiert. Nur Polen lag zwischen ihnen, ohne starkes _Heer_ und ohne starke Regierung, ohne die Möglichkeit, bei seiner bestehenden Verfassung dazu zu gelangen. Da das allgemeine Aufgebot auf der Reiterei basierte, während die neue Kriegskunst auf der Artillerie und dem Fußvolk aufgebaut war, so konnte der Mangel an Geld zur Erhaltung eines stehenden Heeres auch durch das Aufgebot nicht ausgeglichen werden, um so weniger, als der kriegerische Geist im Adel im Niedergang begriffen war.

Es ist einseitig, wenn hervorragende polnische Geschichtschreiber die Schuld an diesem Sinken des kriegerischen Mutes, an dessen Stelle Genußsucht und der krasseste Materialismus traten, nur dem verkehrten _Erziehungssystem_ zuschreiben, das in Polen herrschte. Aber zweifellos trägt diese Erziehung einen sehr großen Teil der Schuld. Sie war in der Zeit der Gegenreformation gänzlich in die Hände der _Jesuiten_ und der 1621 als Konkurrenzunternehmen bestätigten, in Einrichtungen und Zielen ähnlichen _Piaristen_ (Pauliner) gelangt. Wir sahen, daß infolge der Reformation der Besuch der deutschen Hochschulen erschwert wurde; er kam mit der Zeit außer Übung und verbot sich schließlich aus finanziellen Gründen für einen großen Teil des Adels. Die eigene Hochschule zu Krakau aber verfiel sehr schnell, zumal eine Jesuitenakademie in Krakau selbst, andere in Posen und Wilna, dazu die Zamojskische in Zamość, die Ostrogskische in Ostrog ihr Konkurrenz machten. Die jesuitische Weisheit aber war derart, daß sie das selbständige Überdenken der Zusammenhänge ausschloß, um die Gefahr der Ketzerei zu verhüten. Sie prügelte aus ihren Zöglingen jedes wirkliche Ehrgefühl heraus, erfüllte sie durch ihr Prämiierungssystem mit falschem Ehrgeiz, erzog sie zum Strebertum und zur unbegrenzten Hochachtung vor Wappen und Besitz, zur unbegrenzten Verachtung aller derer, die nicht adlig waren. Ihre Erziehung wurde von Generation zu Generation schlechter, da sie sich den immer niedriger werdenden Begriffen des Adels anpaßte, anstatt ihn emporzuheben.

Wenn es wahr ist, daß das Maß der _staatserhaltenden_ Energie, das einem Volke innewohnt, sich an der Höhe seiner _geistigen Kultur_ ermessen läßt, so war Polens politische Kraft schon längst gesunken. Mit der Unterdrückung der Reformation sehen wir die polnische Literatur und Wissenschaft, die bereits einen achtungswerten Stand erreicht hatte, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sinken. Nur noch dürftige Epigonen und Nachahmer hat sie aufzuweisen, unter denen einzig der Memoirenschreiber Johann Chrysostomus _Pasek_ (1700) höhere Beachtung verdient.

Der _Bauer_ war ein Zubehör des Landes, nicht höher geachtet als ein Stück Acker oder ein Stück Vieh. Die Bewohner der _adligen Städte_ waren nicht viel besser dran, die der _königlichen Städte_, der Willkür der Starosten und der Wojewoden ausgeliefert, hatten ihre Unabhängigkeit und durch die Verheerungen der Schweden auch ihren Wohlstand verloren. Nur die baltischen Städte, die den Getreidehandel vermittelten, blühten. Nicht minder war der _Adel_ verarmt, was bei den ewigen Kriegen, bei der Unwissenheit und Faulheit der Besitzer und der Gleichgültigkeit der Bauern nicht wundernehmen kann. Nur in einigen Familien waren große Vermögen angesammelt, deren Erhaltung und Vermehrung bei den ständigen Erbteilungen und angesichts des großen Aufwandes ihrer Besitzer nur möglich war, wenn man die Einkünfte der großen Staatsämter dazu gewann. Daher die ewigen erbitterten Kämpfe um die Ämter. In ihrer Macht war der Kleinadel, in ihrer Macht der Reichstag, in ihrer Macht die Gerichte. Nur wer gut mit ihnen stand, erlangte, was er wollte. Es blieben wenige Familien von mittlerem Besitz übrig, die zwar nicht ihren politischen Einfluß, aber wenigstens ihre Selbständigkeit retten konnten. Die Masse des Adels war völlig auf die Magnaten angewiesen, die landlosen unter ihnen wurden „$hołota$” (Gesindel) genannt und waren froh, wenn sie eine „großmächtige” Livree anziehen durften. Andere gaben ihre Frauen und Töchter August II. und seinem Hofe preis oder heirateten die unehelichen Töchter dieses Königs, um Vorteile und Ämter zu erlangen. So war die vielgerühmte Freiheit beschaffen!

Die niedere _Geistlichkeit_ war ebenso wie der Adel in Unwissenheit, Völlerei und Trunkenheit versunken, die höhere dachte nur an ihre ungeheuren Einkünfte und wetteiferte mit den Magnaten an Sittenlosigkeit. Die _griechischen Geistlichen_, die sich nach der Union etwas hoben, waren doch immer nur Geistliche zweiten Ranges, da man ihren Bischöfen nach wie vor den Sitz im Senat verweigerte und da nur noch die niederen Volksschichten sich zur unierten Kirche bekannten. Immerhin ist hier wenigstens ein Wille zum Fortschritt zu erkennen. Auf der _Synode von Zamość_ (1720) wurde die Organisation der unierten Kirche und die Reform ihres Klerus durchgeführt. 1743 folgte die Reform des Basilianerordens, der als Pflanzschule für die Bischöfe und Prälaten und als Bildner des niederen Klerus eine ungemein wichtige Stellung in jener Kirche einnimmt.

Schlimmer als den Unierten erging es den übrigen Dissidenten. Bereits 1658 hatte der Reichstag die _Vertreibung der Sozinianer_ (Arianer) beschlossen, die nach Ungarn, Preußen, Schlesien, Holland auswanderten, und 1661 wollten die Katholiken zum ersten Male einen Dissidenten, den Bogusław Radziwill, aus der Landbotenkammer ausschließen. Der Bau neuer Gotteshäuser wurde verboten, auch die Abhaltung von Privatgottesdiensten erschwert. Durch Gewohnheitsrecht wurden die Dissidenten auch von den Ämtern ausgeschlossen. 1717 und 1733 nahmen ihnen die Reichstage die letzten politischen Rechte: den Sitz im Reichstag, in Kommissionen und im Tribunal. Die von den Jesuiten verursachten Gewalttaten haben wir schon früher erwähnt. Sie wurden auch jetzt fortgesetzt. Eine traurige Berühmtheit erlangte das _Thorner Blutgericht_ von 1724.

Jesuitenschüler hatten die Thorner evangelische Bevölkerung angegriffen und so lange gereizt, bis das erbitterte Volk Kirche und Kollegium der Jesuiten stürmte. Die Jesuiten ruhten nicht eher, bis sie das Todesurteil gegen den Bürgermeister Rösner, den Vizebürgermeister Zernecke und zehn andere unschuldige angesehene Leute erlangt hatten. Trotz der Warnung des preußischen Gesandten, trotzdem selbst der Apostolische Nunzius Santini die Bischöfe und den Orden ernstlich ermahnte, wurde das Urteil vollzogen. Fast wäre es darüber zu kriegerischen Verwicklungen, nicht nur mit den protestantischen Mächten, sondern auch mit Österreich und Rußland gekommen. Es ist ein sonderbarer Zufall, daß die Untreue wider den Deutschen Orden gerade an den beiden Städten, die am schuldigsten waren, an Danzig und an Thorn, in dieser blutigen Weise nach Generationen gerächt wurde.

Trotz dieser Mißgunst gegenüber den Protestanten hat gegen Ende des 16., im 17. und 18. Jahrhundert in Polen wiederum eine lebhafte _deutsche, vorwiegend protestantische Einwanderung_ stattgefunden, die sich hauptsächlich auf Polnisch-Preußen, Großpolen und Kujawien erstreckte. Von der großen Einwanderung des 13. und 14. Jahrhunderts hatten sich nur in den Grenzgebieten und in den großen Städten Reste erhalten, die durch den neuen Zuzug nun erheblich gestärkt wurden. Diese zweite Einwanderung begann zu einer Zeit, als Polen noch ein Hort religiöser Freiheit war, aus religiösen Beweggründen. Sie ging in aller Stille vor sich, von den Zeitgenossen kaum beachtet, war aber so wirksam, daß ganze Landstriche eingedeutscht wurden und ihr deutsches Gepräge bis zur Auflösung Polens behielten.

Es sind zwei verschiedene Wanderzüge zu unterscheiden, die Holländersiedelung und die Ansetzung von Schulzendörfern. Von Polnisch-Preußen ausgehend, das seinerseits wiederum den Anstoß durch Herzog Albrecht empfangen hatte, haben holländische Ansiedler (daher der aus „Holländer” verderbte Name Hauländer für diese Ansiedler), vorwiegend Mennoniten, seit 1593 zuerst in der Bromberger Gegend und dem Netzetal gesiedelt. Von 1611 an fanden Siedelungen in ganz Kujawien statt, auch auf den geistlichen Besitzungen, trotzdem die Ansiedler Ketzer waren und sich die freie Religionsübung in jedem Falle verbriefen ließen. Das erste Beispiel, eben von 1611, gab das Domkapitel von Gnesen. Von der Netzemündung scheint die Besiedelung wartheaufwärts geführt zu haben. 1626 bestand schon eine Kirche zu Rewier (Kreise Wongrowitz) als Mittelpunkt einer Reihe von Hauländereien. Übrigens schlossen sich auch Siedler anderen Stammes an, doch blieb der Name von den ersten Einwanderern. Die Gebiete, in die sie geführt wurden, waren meist derartiger Natur, daß ihre Urbarmachung wasserkundige Leute erforderte, wie die Holländer waren. Später erst griffen sie auch aufs platte Land über.

Die zweite Einwanderung kam namentlich aus Brandenburg und Pommern, ebenfalls seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Sie war, wie aus einem Schreiben des Kurfürsten Johann Georg von 1584 hervorgeht, durch den Umstand veranlaßt, daß in Großpolen die Wälder gerodet und neue Dörfer begründet wurden, in denen Befreiung von Frondiensten und anderen Lasten versprochen war. Schon er sah sich wegen der Verödung seiner Länder veranlaßt, die polnischen Magnaten zur Zurücksendung der Flüchtlinge aufzufordern, allerdings ohne Erfolg. Im Dreißigjährigen Kriege, der Polen fast ganz verschonte, zogen immer größere Scharen dorthin. Erst der Große Kurfürst erlangte 1662 von Johann Kasimir ein Patent, wonach die Flüchtlinge aus Hinterpommern und Cammin zurückgeliefert werden sollten. Aber Wirkung hatte das Patent nicht, und so mußten die brandenburgischen Grundherren, mit kurfürstlichen Pässen ausgerüstet, ihre Leute selbst zurückholen. Noch 1677 führt der Kurfürst bittere Klage über die Verödung der Besitzungen. Die erste uns bekannte Gründung ist Briesenitz im Kreis Deutsch-Krone (1577). Die Richtung des Einwandererstromes war dieselbe wie bei den Holländern, die Netze entlang und die Warthe aufwärts. Es wurden nicht nur ganze Dörfer angelegt, sondern die Einwanderer setzten sich als Krüger, Müller, Schmiede auch mitten zwischen die polnische Bevölkerung.

Der Unterschied gegen die frühere Siedelung liegt darin, daß nicht mehr der König und die Klöster vorangehen, sondern daß der Adel selbst zur Verbesserung seiner Einnahmen auf die Kolonisation kommt. Die Abwanderung der polnischen Gutsbauern nach der Ukraine, die ja schwer schädigend einwirkte, mag ebenso wie die Verwüstungen mancher Landstrecken durch die Kriege mit zur Heranziehung der Deutschen beigetragen haben. Die Gründung vollzog sich in ähnlicher Weise, wie im 13. und 14. Jahrhundert, doch genossen die neuen Kolonisten bei weitem nicht die Freiheiten ihrer mittelalterlichen Vorgänger. Sie wurden zwar auch nach Magdeburgischem Recht, so wie man es in den alten Urkunden vorfand, angesetzt, aber von vornherein mit viel größeren Abgaben und Frondiensten belastet. Zwar richteten sich die Ansiedelungsbedingungen sehr danach, ob der Betreffende als armer Flüchtling oder als besitzender Mann kam; doch darf nicht außer acht gelassen werden, daß die gutsherrliche Gerichtsbarkeit, die im Mittelalter noch nicht bestand, allein schon genügt, um die Lage ungünstiger erscheinen zu lassen. Die katholische Kirche verzichtete den Protestanten gegenüber ebensowenig auf ihren Zehnten und auf die Gebühren für alle kirchlichen Amtshandlungen, wie sie es an Verfolgungen und Bekehrungsversuchen fehlen ließ.

Der Dreißigjährige Krieg führte dann auch zu einer neuen Belebung der _Städtegründungen_. Zahlreiche Flugblätter der polnischen Magnaten wurden in Schlesien verbreitet und die Protestanten zur Ansiedelung aufgefordert. Schon ein Jahrhundert vorher, 1547, hatten die Leszczyńskis für aus Böhmen vertriebene deutsche und tschechische Protestanten die Stadt _Lissa_ begründet, die mit Fraustadt ein hervorragender Sitz protestantischen Geisteslebens und durch den Namen _Amos Comenius_, der seit 1628 hier seine bedeutendsten Werke schrieb, weithin bekannt wurde. Diese Gründung, der Idee nach mit den folgenden verwandt, steht aber vereinzelt da. Erst 1638 gründete dann der Kastellan Przyjemski die Stadt _Rawitsch_. Bojanowo, Schwersenz, Schlichtingsheim u. a. folgten. Auch in bereits bestehenden Städten, namentlich in Fraustadt, fand ein lebhafter Zuzug statt. Man kam ihnen auch in diesen Städten in aller Weise entgegen, denn der Gewerbefleiß der Deutschen wurde gebührend geschätzt. Einzig die Hauptstadt Großpolens, Posen, und Schrimm teilten sich in den traurigen Ruhm, den protestantischen Zuzüglern das Bürgerrecht zu verweigern und ihnen dadurch die Einwanderung zu erschweren. Schrimm, im Mittelalter eine der bedeutendsten Städte Großpolens, sank für immer zur Bedeutungslosigkeit herab, und auch Posen klagte: „Unsere Stadt ist vom Schicksal so gerädert, daß ihr keine Sonne der Hoffnung mehr leuchtet.”

_Posen_, das im Nordischen Krieg besonders schwer litt und dessen _Kämmereidörfer_ gänzlich entvölkert waren, konnte sich auch nicht entschließen, zu protestantischen Siedlern zu greifen, als es zu deren Wiederbesetzung schritt. Darum haben wir hier wohl das einzige Beispiel einer Ansiedelung süddeutscher katholischer Bauern aus der Bamberger Gegend, die vom Jahre 1719 an vor sich ging. Parallel damit geht auch eine schwäbische Stadtgründung, _Witkowo_, um 1740. Im übrigen flaute die Einwanderung im 18. Jahrhundert bedeutend ab. Doch lassen sich noch eine ganze Reihe von Dorfgründungen, bei denen selbstverständlich wirkliche Holländer nicht mehr in Betracht kamen, und Städtegründungen bzw. Einwanderungen in schon bestehende Städte, sogar Verleihungen des Stadtrechts an solche neue deutsche Dörfer nachweisen.

Der Grund für die Abnahme ist einerseits in den veränderten Verhältnissen der Heimat zu suchen. Die Einwanderer waren im 17. Jahrhundert ja größtenteils aus Ländern gekommen, die sich im 18. Jahrhundert unter preußischer Herrschaft gerechter Regierung und wachsenden Wohlstandes erfreuten. Dann aber schreckte auch die zunehmende Unordnung in Polen vor einer weiteren Einwanderung ab, denn die bereits bestehenden Siedelungen wurden erst im Nordischen Kriege hart mitgenommen, und nachher setzten ihnen die inneren Kämpfe übel zu, die uns in dem _Streit zwischen der „Familie” und der „Partei”_ entgegentreten.

Nachdem nämlich unter August II. zwischen 1717 und 1733 von achtzehn Reichstagen elf zerrissen worden, zwei ergebnislos verlaufen waren und nur fünf zum Ziel geführt hatten, kam unter August III. außer dem _Pazifikationsreichstag_ von 1736 überhaupt keine Tagung mehr zu Ende. Gesetzgebung, Rechtsprechung, Finanzkontrolle, diplomatische Verhandlungen, alles stockte. Es kam allen zum Bewußtsein, daß es so nicht weiterginge. Dieser Einsicht verdankt wieder eine Reihe von _Reformschriften_ ihre Entstehung -- wir haben solche Schriften, darunter theoretisch recht wertvolle, schon aus den beiden vorhergehenden Jahrhunderten kennen gelernt --, von denen die früheste bedeutsame 1733 aus der Feder des Königs Stanisław _Leszczyński_ erschien: „Die freie Stimme, die die Freiheit sichert.” Unter seinem Einfluß standen mit ihren Ideen die beiden Bischöfe Andreas und Joseph _Załuski_. Großes Aufsehen erregte der „Brief eines polnischen Landedelmannes an einen seiner Freunde aus einer anderen Landschaft” (1740), der von Stanisław _Poniatowski_, dem Vater des nachmaligen Königs, herrührte und neue Selbständigkeit des Staates forderte durch Vermehrung des Heeres, Finanzreform, allgemeine Steuern, Hebung des Handels und der Städte, Beschränkung des $Liberum veto$ usw. Auch der bekannte Piarist Stanisław _Konarski_, der Schulreformer, trat als Politiker auf den Plan mit seiner Schrift „Über eine erfolgreiche Beratungsart” (1760-1763), die die Einführung der Majoritätsabstimmung oder die Wahl zwischen Absolutismus und Teilung als die einzigen Auswege bezeichnete.

Alle diese theoretischen Ratschläge traten zurück gegenüber den praktischen _Versuchen_, die von den beiden großen Adelsparteien unternommen wurden, den Potocki (an ihrer Spitze der Primas Theodor, der Großkronhetman Joseph und später der Hetman Clemens Branicki), genannt die „nationale oder patriotische Partei”, kurzweg die „Partei”, und auf der anderen Seite den Czartoryski (an ihrer Spitze der litauische Unterkanzler Michael, der kleinrussische Wojewode August und ihr Schwager, der bereits erwähnte Stanisław Poniatowski). Die Czartoryski hießen einfach die „Familie”. Aus eigener Kraft glaubte keine von beiden Parteien dem Lande helfen zu können. Die „Familie” lehnte sich daher an Rußland an, die „Partei”, durch Grundbesitz, Verwandtschaft und Ruhm weit mächtiger, an Frankreich, die Türkei und Schweden. Dabei bekämpften sie sich aus „Vaterlandsliebe” mit einer Erbitterung und mit einer Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel, die vielleicht nur in der Geschichte der italienischen Renaissance ihresgleichen findet.

Auf die Einzelheiten einzugehen, würde zu weit führen. Es verdient nur hervorgehoben zu werden, daß die Potocki bereits während des österreichisch-russischen Türkenkrieges von 1737 bis 1739 eine gegen den russischen Einfluß gerichtete Generalkonföderation im Verein mit der Türkei zustande zu bringen versuchten, daß die Czartoryski und der Hof aber den Reichstag zerrissen, daß umgekehrt die Pläne der „Familie” und des Hofes auf Beteiligung Polens an den Schlesischen Kriegen von der „Partei” vereitelt wurden, und daß 1749 diese Streitigkeiten sogar die Einsetzung des Tribunals von Petrikau verhinderten, das erstemal seit Einführung der Tribunale, so daß die Krone Polen ein ganzes Jahr lang ihres obersten Gerichtshofes entbehrte und die Rechtspflege ruhte.

Eine entscheidende Wendung zugunsten der Czartoryski, der „Familie”, trat 1763 mit der Thronbesteigung _Katharinas_ II. ein, denn der junge _Stanisław August Poniatowski_, ein schöner und begabter, aber liederlicher junger Mann, hatte als sächsischer Gesandter in Petersburg Gnade vor Katharinas Augen gefunden, und Katharina versicherte die „Familie” ihrer Gunst. Sie gingen nunmehr daran, unter Rußlands Protektion eine Konföderation zur gewaltsamen Einführung von Reformen zu bilden. Schon lief das Manifest, das zur Konföderation auffordern sollte, durchs Land, schon rückten russische Truppen ein, als der am 1. Oktober 1763 zu Dresden erfolgte Tod Augusts III. beide Parteien zum Wahlkampfe rief.

19. Kapitel.

Die Teilungen.

Die weiteren Schicksale Polens wurden durch den Umstand beeinflußt, daß Friedrich der Große nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges Anschluß an Rußland suchte, um der Isolierung zu entgehen, in die ihn die Unzuverlässigkeit seines bisherigen Bundesgenossen, Englands, versetzt hatte. Rußland ergriff gern die Gelegenheit, seine Bestrebungen nach einem Bündnis der nordischen Mächte wenigstens zum Teil in die Tat umzusetzen und namentlich durch das Zusammengehen mit Preußen jede Einmischung einer anderen Macht in die polnischen Angelegenheiten ungefährlich zu machen. Am 11. April 1764 wurde der _russisch-preußische Defensivvertrag_ geschlossen, der in geheimen Artikeln auch eine Verständigung über Polen enthielt. Die Vertragschließenden verbanden sich zur Aufrechterhaltung des freien Wahlrechts, zur Verhinderung der Einführung der Erblichkeit der Königswürde, zur Durchführung der Gleichberechtigung der Andersgläubigen, verständigten sich über Truppenbewegungen im Falle einer Konföderation und über die Person des neuen Königs.