Polnische Geschichte

Part 12

Chapter 123,326 wordsPublic domain

So fanden die _Türken_, als der mit der Ausführung des Andrussower Waffenstillstandes unzufriedene Doroszenko wieder zu ihnen übertrat und Mahmud IV. die Feindseligkeiten gegen Polen von neuem begann (1671), in der allgemeinen Verwirrung keinen Widerstand. Es wurde sogar behauptet, daß die französische Partei die Türken herbeigerufen habe. Jedenfalls leistete Sobieski, der sich in der Ukraine mit Kosaken und Tataren herumschlug, keine Hilfe. Die Türken eroberten Kamjenjez Podolsk, den Schlüssel zu Polen von Süden her, das sie nun 27 Jahre in ihrem Besitz hielten (1672-1699), und belagerten bereits Lemberg, als Polen den schimpflichen _Frieden von Buczacz_ schloß (1672). Die polnische Ukraine wurde Doroszenko unter türkischer Lehenshoheit abgetreten, Podolien den Türken, die eine Kriegsentschädigung von 80000 Talern und das Versprechen eines jährlichen Tributs erhielten.

Da entstand im allgemeinen Aufgebot die _Konföderation von Gołąb_ a. d. Weichsel, die die Franzosenpartei vor ihr Konföderationsgericht rief und den Primas Prażmoski, der sich auf die exemte Stellung der Geistlichkeit berief, einfach seiner Würde entsetzte. Das Heer, mit dem Sobieski noch gegen die Tataren focht, stand natürlich zu seinem Hetman, der nun eine _Gegenkonföderation zu Szczebrzeszyn_ bei Zamość bildete und auf Łowisz losmarschierte. Dort vertrug man sich und beschloß einen neuen Türkenfeldzug, indem man sich gleichzeitig um Hilfe an den Zaren und an den Kaiser wandte. Sobieski erstürmte bei _Chotin_ das türkische Lager an derselben Stelle, wo einst Chodkiewicz sich verschanzt hatte. 66 Feldzeichen und 120 Geschütze fielen in seine Hände.

An einer Ausnutzung des Sieges hinderte der Tod des erst fünfunddreißigjährigen Königs und die infolgedessen entstehenden neuen Wahlwirren. Gewählt wurde keiner der Kandidaten der Mächte, sondern der an der Spitze des siegreichen Heeres zurückkehrende _Johann III. Sobieski_ (1674 bis 1696), für den sich auch der französische Gesandte erklärte, als er die Wahl seines Kandidaten gefährdet sah.

Auch diese Regierung, die Abendröte polnischen Waffenruhms, stand im Zeichen der Türkenkriege. Ihnen war die ganze Politik des kriegerischen Königs gewidmet, der in den _$Pacta conventa$_ geschworen hatte, mehr Zeit im Lager als zu Hause zuzubringen. Als Mahmud IV. 1674 gegen Rußland zu Felde lag, eroberte er einen Teil Podoliens und der Ukraine zurück. Ibrahim-Pascha und der Khan Nur-ed-din, die in Rotrußland eingedrungen waren, erlitten Niederlage auf Niederlage, die bedeutendste der Tatare bei _Lemberg_ (1675). Doch 1676 überschritt der „Teufel” Ibrahim wiederum die Grenze. Diesmal fühlte sich Sobieski nicht stark genug, um ihm in offener Feldschlacht gegenüberzutreten. Er verschanzte sich bei Żurawno in Rotrußland und erhielt nur durch Frankreichs Vermittlung einen glimpflichen Frieden, nach dem zwei Drittel der Ukraine an Polen zurückfallen sollten, die Lösung der podolischen Frage aber vertagt wurde.

Inzwischen hatte die Diplomatie eifrig gearbeitet, um Polen in eine der großen Kombinationen hineinzuziehen die der Gegensatz zwischen Österreich und Frankreich gezeugt hatte. Von Anfang an stand der Franzosensöldling und Franzosenkandidat Sobieski, dessen Gemahlin Maria Casimira d'Arquien obendrein eine Französin war, auf seiten Frankreichs. Er unterstützte die ungarischen Aufständischen unter Emerich Tököly und verpflichtete sich, an dem Kampf gegen den Kaiser und den Großen Kurfürsten teilzunehmen. In den Jahren 1677/78 rüstete er mit französischem Gelde in Preußen gegen den Großen Kurfürsten, doch verhinderte der Friede zu Nijmegen die Ausführung seiner Pläne.

Die Nichtbestätigung des Friedens zu Żurawno durch den Reichstag, der 1679 zu Grodno stattfand, das Drängen des päpstlichen Nunzius, die Notwendigkeit, die Türkenfrage endgültig zu regeln, die Erbitterung der Königin gegen Ludwig XIV., der ihren Vater nicht in den Herzogstand erhob, all das wirkte zusammen, um der polnischen Politik nunmehr eine andere Wendung zu geben. Besonderen Eindruck machte der _Friedensvertrag_, der 1681 zwischen Moskau und dem Sultan zu _Bachtschi-Saraï_ zustande kam und der über die Geschicke der Ukraine verfügte, ohne Polen zu berücksichtigen. Das Land jenseits des Dnjepr blieb in Moskaus Besitz, das Land zwischen Dnjepr und Bug aber sollte auf immer wüst bleiben, als Grenzrayon zum gegenseitigen Schutze der Vertragschließenden. 1683 wurde daher auf dem Reichstage zu Warschau ein Gegenseitigkeitsvertrag mit dem Kaiser geschlossen. Beide Parteien verpflichteten sich, gemeinsam gegen die Türken Krieg zu führen, bei einer Belagerung Wiens oder Krakaus einander zu Hilfe zu kommen und nur gemeinsam in Friedensverhandlungen einzutreten. Zur selben Zeit rückte Kara Mustafa gegen Wien.

Gemäß dem Vertrage zog Sobieski mit 34000 Mann nach Österreich, vereinigte sich in Tulln a. d. Donau mit den Kaiserlichen, Bayern und Sachsen unter Karl von Lothringen, und rettete am 12. September in der _Schlacht am Kahlenberge_ mit 70000 Mann Wien und die Christenheit vor den 200000 Türken. Seitdem sind die Türken nicht mehr in Deutschland eingefallen. Zu Hause kämpfte unterdes in Podolien und der Ukraine Andreas Potocki glücklich gegen die Moslems. Aber während die Österreicher auch im weiteren Verlaufe des Krieges noch glänzende Siege erfochten, namentlich bei Salankemen, schien von den Polen nach der Schlacht am Kahlenberge der Glücksstern gewichen. Die Jahre 1684 und 1685 blieben nicht nur erfolglos, sondern die in die Moldau eingefallenen Polen entgingen mit knapper Not der Vernichtung.

Um die „_Heilige Liga_”, der inzwischen auch Venedig beigetreten war, wirksamer zu gestalten, war es nötig, daß auch Moskau sich anschloß. Sobieski schickte daher 1686 den Wojewoden von Posen, _Christoph Grzymultowski_, zur Zarin Sophie, um an Stelle des Waffenstillstandes von Andrussow ein Bündnis zu schließen. Moskau erhielt die in Andrussow nur auf dreizehn Jahre abgetretenen Gebiete und auch Kijew auf immer, wofür es Hilfe gegen die Türken leisten und 1½ Millionen Taler zahlen sollte. Polen gab endgültig und freiwillig alle seine Jahrhunderte alten Ansprüche auf den Südosten auf. Obendrein aber wurden die Erwartungen, die es in die russische Hilfe setzte, getäuscht. Die zweimaligen Feldzüge (1686 und 1691), die Sobieski in die Moldau unternahm, um seinem Sohn Jakob dort ein selbständiges Fürstentum zu erobern, blieben ebenso erfolglos wie der von 1685. Auf dem letzten verlor er beinahe seine ganze Reiterei. Unterdes fielen die Tataren wiederholt in Rotrußland ein und lagerten vor Lemberg.

Die Zustände im Innern wurden immer trostloser. Das Land war durch die vielen Kriege erschöpft und von Parteiwirren zerfleischt. 1688 wurde zum erstenmal der Reichstag schon _vor der Wahl des Marschalls zerrissen_, und zwar durch die französische Partei. Die Bemühungen des Königs, seinem Sohn Jakob die Thronfolge zu sichern, waren vergeblich. Die Heirat Jakobs mit einer reichen Radziwill wurde ebenso hintertrieben wie die mit der Prinzessin Hedwig von Neuburg, die von österreichischer Seite angeboten war. -- In beiden Fällen verbot der Reichstag auf Betreiben der französischen Partei die Eheschließung, um den König nicht zu mächtig werden zu lassen. Es war dieselbe Politik, die einst in Deutschland mit der Wahl Adolfs von Nassau und anderer Könige mit geringer Hausmacht verfolgt worden war. Dreimal bildeten sich sogar Vereinigungen zur Absetzung des Königs. Die Regierung Sobieskis hat auch den Ruhm, das _erste Autodafé_ in Polen vollzogen zu haben: Kasimir Łyszczyński, des Atheismus angeklagt, war das Opfer.

Die letzten Regierungsjahre füllte der große Kriegsheld mit der Vergrößerung seines Vermögens aus; in den Mitteln war er nicht wählerisch, ebensowenig wie die Königin, deren Streitigkeiten mit ihrem Sohne Jakob einen europäischen Skandal hervorriefen. Es ist ein häßliches Bild tiefster Demoralisation, das sich unseren Blicken bietet. Nichts charakterisiert die Zustände besser, als die durch die _Sapiehas_ verursachten _Wirren_. Als reichste Herren Litauens versuchten sie, dort die absolute Gewalt an sich zu reißen, um das Land zu terrorisieren und die Krone zu erreichen. Der Bischof Brzostowski von Wilna und das Haus Kryszpin traten ihnen entgegen, worauf das Heer, das seinem Hetman Sapieha folgte, zu Gewalttätigkeiten überging. Der Bischof bannte den Hetman, aber der Primas hob den Bann wieder auf. Auf dem Reichstage von 1695 (schon der von 1693 war mit der Angelegenheit beschäftigt gewesen) erschien Sapieha mit genügender Mannschaft und beschuldigte den König und den französischen Gesandten, die Frechheit des Bischofs angestiftet zu haben.

Die einzige erfreuliche Erscheinung im inneren Leben war 1692 der _Übertritt_ des Bischofs von Przemyśl mit seiner Diözese zur _Union_, die Folge der Abtretung von Kijew mit dem Metropolitansitz an Rußland und der Bemühungen des Königs. Den Übertritt der übrigen orthodoxen Diözesen, der zwischen 1700 und 1702 erfolgte -- nur Mohilew blieb beim Schisma --, erlebte Sobieski ebensowenig mehr wie den Ausgang der Sapiehaschen Wirren und die Beendigung des Türkenkrieges. 1696 ist er in seiner Schöpfung, dem Schlosse $Villa nova$ (Wilanow) bei Warschau, gestorben, 66 Jahre alt, nachdem er dasselbe hatte durchkosten müssen, was er seinem Vorgänger bereiten half. Trotz seinen Kriegstaten, deren Ruhm durch ganz Europa hallte, hat er das Königtum um den Rest von Ansehen gebracht, den es in Polen noch besaß.

Fünftes Buch.

Der Untergang.

17. Kapitel.

Das kursächsische Zeitalter.

Die Vorgänge, die zur neuen Königswahl führten, sind wohl das Unsittlichste und Widerlichste, was in dieser Beziehung in Polen geleistet wurde. Die Kandidaten, die zunächst in Betracht kamen, waren Jakob Sobieski, von Österreich unterstützt, und Ludwig de Conti. Die Krone aber gewann keiner von beiden, sondern derjenige, der zuletzt als Bewerber auftrat und noch volle Taschen hatte, als die anderen nicht mehr genug Geld zur Bestechung besaßen, _Friedrich August der Starke, Kurfürst von Sachsen_. Der Primas nominierte zwar Conti, aber die sächsische Partei, der auch die Anhänger Jakobs zugefallen waren, ließ durch den Bischof von Kujawien Friedrich August ausrufen. Da er schon an der Grenze mit einem Heere bereit stand, so rückte er sofort ins Land und ließ sich durch den Bischof von Kujawien in Krakau krönen. Conti, der mit einer Flotte vor Danzig erschien, gab seine Sache verloren und kehrte nach Frankreich zurück.

Friedrich August, als König von Polen _August_ II. genannt (1697-1733), gewann auch seine Gegner bald durch reichliche Geldspenden. Er war in den despotischen Traditionen eines mittleren deutschen Hofes, der in politischer wie sittlicher Beziehung seinen höchsten Ehrgeiz in die Nachahmung des „Sonnenkönigs” setzte, großgeworden und nicht gewillt, diesen Traditionen zu entsagen.

Um die Königskrone zu erlangen, hatte er sein Land ausgesogen und den Katholizismus angenommen. Nicht nur war er durch den Übertritt der Tradition seines Hauses untreu geworden, sondern auch jeder Aussicht auf die Führung im evangelischen Deutschland hatte er damit entsagt. Ob die Sachsen empfanden, welche Kriegsschäden und welche Steuerlasten ihnen aus dieser Krone erwuchsen? Als der Dankgottesdienst für die Erhöhung abgehalten wurde, da sangen die Dresdener trotzig: „Ein' feste Burg ist unser Gott”! Aber die Mißstimmung in Sachsen war dem neugebackenen König einerlei, und vollends für die deutschen Aufgaben seines Hauses hatte er nie Sinn gehabt. Aber ebensowenig Sinn hatte er für seine Aufgaben in Polen. Ohne Liebe kam er ins Land, und um seiner eitlen Titelsucht zu genügen, hat er es dreimal verraten, indem er die Teilung vorschlug. Doch muß man anerkennen, daß er auf dem richtigen Wege war, als er den Absolutismus in Polen einzuführen suchte. Nur freilich war er nicht der rechte Mann dazu, sondern er vergriff sich in der Wahl seiner Mittel.

Die sächsischen Truppen, die er mitgebracht hatte, schickte er mit den Polen in den Türkenkrieg, in dem der Feldhetman Felix Potocki 1698 einen Sieg bei Podhajce errang. Im Frieden von _Karlowitz_ (1699) erntete er die Früchte der Anstrengungen seines Vorgängers und der österreichischen Siege. Er erhielt Podolien und den von den Türken besetzten Teil der Ukraine zurück mit der Zusicherung, daß die tatarischen Einfälle aufhören würden. _Damit waren die polnisch-türkischen Kriege für immer beendet._

Im nächsten Jahre riß er das Land in das verhängnisvolle Abenteuer des _zweiten Nordischen Krieges_ (1700 bis 1721). Anstatt sich mit Schweden gegen das emporstrebende russische Reich zu verbünden, wiederholte er den Fehler des ersten Wasa, indem er in Rawa Ruska mit dem aus Europa zurückkehrenden _Zaren Peter_ durch Vermittlung des Livländers Johann Reinhold _Patkul_ vereinbarte, gemeinsam über den jungen König Karl XII. herzufallen. Polen sollte Livland, Rußland die baltischen Häfen zurückerhalten. Als Hintergedanke schwebte August die Gelegenheit vor, seine Sachsen, deren er im Kampfe gegen den Adel bedurfte, mit gutem Grunde im Lande zurückzubehalten. Nachdem noch Dänemark in das Bündnis einbezogen worden war, eröffnete August den Feldzug mit einem unvermuteten Einfall in Livland (1700).

Der Krieg nahm einen sehr unerwarteten Verlauf. Noch 1700 mußte Dänemark Frieden schließen, Peter wurde bei Narwa, die Sachsen bei Riga geschlagen. Karl nahm Kurland in Besitz, drang durch Litauen vor und forderte schon 1701, _im selben Jahre, in dem sich Friedrich III. zu Königsberg die preußische Krone aufs Haupt setzte_, von den polnischen Ständen die Absetzung Augusts. Die Stände erklärten, daß sie durchaus keinen Krieg mit Schweden führten, sondern daß es sich um ein Privatunternehmen Augusts handle, aber Karl nahm als Antwort _Warschau_. August selbst suchte Frieden, _indem er dem Sieger eine Teilung Polens vorschlug_. Der Schwede lehnte ab, schlug 1702 die Polen und Sachsen bei Kliszow, nahm _Krakau_ und im folgenden Jahre nach dem Siege bei Pultusk den Hauptwaffenplatz Augusts, _Thorn_.

Nun waren die Magnaten mit dem Primas an der Spitze zur Übergabe bereit. Sie bildeten, hauptsächlich Großpolen, eine _Konföderation zu Warschau_ und erklärten August als Landesschädling des Thrones für verlustig. Dieser bildete zu _Sandomir eine Gegenkonföderation_, und so brach 1704 der Bürgerkrieg aus. Um seinen voraussichtlichen Gegenkandidaten Jakob Sobieski unschädlich zu machen, ließ August ihn wider alles Völkerrecht zu Ohlau in Schlesien festnehmen und mitsamt seinem Bruder Konstantin als Gefangenen nach dem Königstein bringen. Auch ließ er in Berlin _eine Teilung Polens_ zwischen ihm, Preußen, Rußland und Dänemark vorschlagen, wenn man ihm Hilfe gewähren wolle.

Inzwischen wurde angesichts des schwedischen Heeres zu Warschau der Wojewode von Posen, _Stanisław Leszczyński_ (1704-1709) zum Könige gewählt, den Karl selbst vorgeschlagen hatte. Als die Schweden aber nach Rot-Rußland zogen und Lemberg nahmen, bemächtigte sich August Warschaus. Mit unglaublicher Schnelligkeit kehrte Karl aus dem Süden zurück und trieb den flüchtigen Sachsen bis zur Grenze Schlesiens vor sich her. 1705 ließ er die _Krönung_ des neuen Königs vollziehen, der mit ihm ein Bündnis schließen mußte, dann vertrieb er die Russen aus Litauen und Rotrußland (1706). Im gleichen Jahre fiel er -- August war wieder in Litauen erschienen -- in Sachsen ein und erzwang den _Frieden zu Altranstädt_, in dem August der polnischen Krone entsagte, die Sobieskis freigab und Patkul auslieferte, der hingerichtet wurde. Der Kaiser, Brandenburg, England und Holland erkannten Stanisław als König an.

Die allzu lange Beschäftigung mit dem minderwertigen Gegner war verfehlt gewesen. Als Karl sich wieder nach Osten wandte, hatte Peter fast ganz Polen in Besitz genommen. Auf dem abenteuerlichen Zug mit dem _Hetman Mazepa_ in die Ukraine erlitt der kühne Schwede die schwere Niederlage von Poltawa (1709), nach der er auf türkisches Gebiet flüchtete. August kehrte nach Polen zurück, indem er den Vertrag von Altranstädt als erzwungen erklärte. Leszczyński mußte nach Schwedisch-Pommern fliehen, während August mit dem Zaren einen neuen Vertrag schloß, in dem er ihm Livland abtrat, zu dessen Wiedererwerbung er den Krieg begonnen hatte! Inzwischen hatte Karl die Türken zum Kriege mit Rußland aufgehetzt und selbst in tollkühnen Ritten Pommern erreicht. Von der Walachei und von Pommern aus begann er nun den Krieg gegen August von neuem. Doch wurde Johann Grudziński, den er mit 4000 Reitern nach Polen geschickt hatte, bei _Kalisch_ durch den Zaren und die Sachsen geschlagen (1712). Die Ereignisse in der Heimat forderten seine Anwesenheit, und so endete für Polen die Beteiligung an dem Nordischen Kriege, der sich bisher zum größten Teil auf seinem Boden abgespielt, ihm außer der Schmach unendliche Verwüstung und die Pest gebracht hatte. Namentlich der Ruin der Städte im westlichen Teil des Landes war vollendet. Posen und Krakau fielen in Trümmer, während die preußischen Seestädte sich zusehends hoben. Dem Gegenkönig wies Karl seinen Stammsitz Zweibrücken zur Residenz an (1714). Die geheimnisvolle Kugel, die den Kriegshelden vor Friedrichshall 1718 niederstreckte, setzte auch seinen Zukunftsplänen wider Polen ein Ziel, und der _Vertrag zu Nysted_ brachte 1721 auch formell den Frieden, _aus dem Rußland als neue europäische Großmacht hervorging_.

Für Polen aber hatte sich noch vor dem Tode Karls XII. eine andere und gänzlich unerwartete Folge aus dem Kriege ergeben. Die Anwesenheit der sächsischen Söldner, die Lieferungen, die für sie verlangt wurden, die Gewalttaten, die sie begingen, die Beschränkung der persönlichen Freiheit, die der König mit ihrer Hilfe durchführte (er schickte eine ganze Reihe von Senatoren und Edelleuten auf den Königstein), die sich immer deutlicher enthüllenden absolutistischen Pläne des Königs riefen eine wachsende Erbitterung hervor. Dazu kam, daß der König aus Scheu vor dem „freien” Reichstag noch immer Konventikel der ihm ergebenen Konföderation von Sandomir abhielt und im Jahre 1712 die _Vertagung des Reichstages_ einführte, wodurch die Eröffnungsformalitäten erleichtert, die Zerreißung erschwert wurde -- ein Mittel der Verlängerung der Session, das später noch häufig angewendet wurde. Schon 1713 hatte es unter den polnischen Truppen über alledem Unruhen gegeben.

1715 aber kam die allgemeine Unzufriedenheit des über seine Freiheiten, deren er nicht wert war, eifersüchtig wachenden Adels in der _Generalkonföderation von Tarnogrod_ zum Ausbruch, deren Haupt Stanisław Ledochowski war. Ihr Ziel war die Vertreibung der sächsischen Truppen, und da die zahlreichen Anhänger Leszczyńskis zu ihr stießen, so ward sie gefährlich. Doch behielt der Feldmarschall Fleming die Oberhand, bis die Konföderierten Peters des Großen Vermittelung anriefen, der gerade in Danzig war. August, der bei seiner Partei nicht genügende Unterstützung fand, mußte diese Vermittelung hinnehmen.

So schickte Peter den Fürsten Dolgorukij als Friedensstifter. Als die Verhandlungen zu keinem Ergebnis führten, gaben ihnen 18000 Russen unter Rönne den erforderlichen Nachdruck. Auf diese Weise kam das _Einvernehmen von Warschau_ zustande, in dem der erbärmliche Sinn des Adels und der russische Einfluß über die immerhin auf eine Gesundung hinzielenden Pläne des Königs siegten, in der die Selbständigkeit des Vaterlandes der Selbständigkeit des Individuums geopfert wurde. Innerhalb 25 Tage hatten die sächsischen Truppen das Land zu räumen; beide Konföderationen, die von Sandomir und die von Tarnogrod, wurden aufgelöst, für die Zukunft alle Konföderationen verboten; die Befugnisse des Hetmans, die im Falle von Unruhen gefährlich werden konnten, wurden auf die reine Befehlshabergewalt beschränkt, während die Armeeverwaltung auf die Finanzbehörden überging; eine allgemeine Amnestie wurde gewährt. In einem geheimen Vertrage aber, und das war das Schlimmste, wurde bestimmt, daß das Heer der Krone auf 18000, das Litauens auf 6000 beschränkt werden sollte. Diese Vereinbarung, deren Innehaltung der Friedensstifter natürlich zu überwachen gedachte, sollte der _Pazifikations-Reichstag_ ohne Debatte annehmen. Das geschah durch den nur sogenannten _stummen Reichstag_ zu Warschau. Durch die sechsstündige Tagung vom 31. Januar 1717 war eigentlich Polens Schicksal schon besiegelt. _Die russischen Truppen haben seitdem den polnischen Boden nicht mehr verlassen, und es handelte sich nur noch darum, ob Rußland die Beute allein gewinnen werde oder sie mit anderen teilen müsse._ An Reformen war nicht mehr zu denken, denn das Verbot der Konföderationen, durch die allein Reformen hätten eingeführt werden können, verbot auch die Reformen, die ja nicht im Interesse des Nachbars gelegen hätten.

Auch in anderer Richtung scheiterten die Pläne Augusts. 1711 war der Herzog von _Kurland_, Friedrich Wilhelm, für den sein Onkel Ferdinand die Regentschaft führte, kinderlos gestorben. August bemühte sich, die Hand seiner Witwe Anna Iwanowna, der Nichte Peters, und damit die Thronfolge für seinen natürlichen Sohn, den berühmten Marschall Moritz von Sachsen zu erwerben. Tatsächlich wurde Moritz auch gewählt und von Katharina I. anerkannt. Da aber der Reichstag die Vereinigung Kurlands mit Polen nach dem Tode des rechtmäßigen Erben, Ferdinands, verlangte, und Menschikow während der Minderjährigkeit Peters II. 1727 Moritz vertrieb, so mußte August von seinen Plänen abstehen. Ebensowenig konnte er die polnische Thronfolge seines ehelichen Sohnes Friedrich August bei den Mächten zur Anerkennung bringen. Denn Friedrich August hatte eine Tochter Kaiser Josephs I. zur Frau, die unter Umständen zur Erbfolge in Österreich berufen war, und August wollte infolgedessen der Pragmatischen Sanktion nicht zustimmen. Er schlug als letztes Mittel am Berliner Hof nochmals eine _Teilung Polens_ vor, und Friedrich Wilhelm I. war geneigt, darauf einzugehen, als August 1733 während eines Reichstages zu Warschau verstarb.

Der stärksten Sympathie in Polen erfreute sich Stanisław Leszczyński, der Kandidat Frankreichs, für den die beiden mächtigsten Parteien im Lande, die Czartoryski sowohl wie die Potocki, eintraten. Aber schon auf dem Konvokationsreichstage erklärten die Gesandten Rußlands und Österreichs, daß sie seine Wahl nicht zulassen würden. Gemeinsam mit Preußen forderten sie die Wahl Friedrich Augusts, der inzwischen die Pragmatische Sanktion anerkannt und die Belehnung des russischen Kandidaten mit Kurland zugesagt hatte. Kurz vor dem Wahltermin rückten 40000 Russen in Polen ein. Trotzdem wurde Stanisław Leszczyński fast einstimmig gewählt. Doch was bedeutete diese Willensäußerung gegenüber den Bajonetten von 40000 Russen? Leszczyński mußte nach Danzig flüchten, und auf einem neuen Wahltage erfolgte die Wahl Friedrich Augusts. Darüber kam es zwischen Österreich und Frankreich zum sogenannten Polnischen Erbfolgekrieg, im Lande zur _Generalkonföderation von Dzikow_ (bei Sandomir) unter Adam Tarło. Doch die Konföderation hatte keinen Erfolg, und Frankreich mußte Leszczyński preisgeben, der 1735 auf Lebenszeit Herzog von Lothringen und Bar wurde. Er residierte in Nancy, regierte weise und wirkte aus der Ferne durch Schriften und durch die Diplomatie für sein Vaterland, dem er an seinem Hof Reformatoren zu erziehen versuchte. Er starb 1766.