Part 1
+----------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert, Fettschrift als | | =fett=. Text in Antiqua ist als $Antiqua$ markiert. | | Im Original wurden Absätze in zwei verschiedenen Schriftgrößen | | gesetzt, die Absätze mit kleinerer Schrift sind zwei Zeichen | | eingerückt. | | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | +----------------------------------------------------------------+
Sammlung Göschen
Unser heutiges Wissen _in kurzen, klaren,_ allgemeinverständlichen _Einzeldarstellungen_
Jede Nummer in eleg. Leinwandband 80 Pf.
G. J. Göschen'sche Verlagshandlung, Leipzig
Zweck und Ziel der „Sammlung Göschen” ist, in Einzeldarstellungen eine klare, leichtverständliche und übersichtliche Einführung in sämtliche Gebiete der Wissenschaft und Technik zu geben; in engem Rahmen, auf streng wissenschaftlicher Grundlage und unter Berücksichtigung des neuesten Standes der Forschung bearbeitet, soll jedes Bändchen zuverlässige Belehrung bieten. Jedes einzelne Gebiet ist in sich geschlossen dargestellt, aber dennoch stehen alle Bändchen in innerem Zusammenhange miteinander, so daß das Ganze, wenn es vollendet vorliegt, eine einheitliche, systematische Darstellung unseres gesamten Wissens bilden dürfte.
Ein ausführliches Verzeichnis der bisher erschienenen Nummern befindet sich am Schluß dieses Bändchens
Geschichtliche Bibliothek
=aus der Sammlung Göschen.=
Jedes Bändchen elegant in Leinwand gebunden =80 Pfennig=.
=Einleitung in die Geschichtswissenschaft= von Prof. Dr. Ernst Bernheim. Nr. 270.
=Urgeschichte der Menschheit= von Prof. Dr. Moriz Hoernes. Mit 53 Abbildungen. Nr. 42.
=Geschichte des alten Morgenlandes= von Prof. Dr. Fr. Hommel. Mit 9 Voll- und Textbildern und 1 Karte. Nr. 43.
=Geschichte Israels= bis auf die griechische Zeit von Lic. Dr. J. Benzinger. Nr. 231.
=Neutestamentliche Zeitgeschichte= von Prof. Lic. Dr. W. Staerk. 2 Bände. Nr. 325. 326.
=Archäologie= von Prof. Dr. Friedrich Koepp. 3 Bändchen. Mit 21 Abbildungen im Text und 40 Tafeln. Nr. 538/40.
=Griechische Geschichte= von Prof. Dr. Heinrich Swoboda. Nr. 49.
=Griechische Altertumskunde= von Prof. Dr. Rich. Maisch, neubearbeitet von Rektor Dr. Franz Pohlhammer. Mit 9 Vollbildern. Nr. 16.
=Römische Geschichte=, v. Realgymnasialdirektor Dr. Julius Koch. Nr. 19.
=Römische Altertumskunde= von Dr. Leo Bloch. Mit 8 Vollbild. Nr. 45.
=Geschichte des Byzantinischen Reiches= von Dr. K. Roth. Nr. 190.
=Geschichte der christlichen Balkanstaaten= v. Dr. K. Roth. Nr. 331.
=Deutsche Geschichte I: Mittelalter= (bis 1519) v. Prof. Dr. F. Kurze. Nr. 33.
=Deutsche Geschichte II: Zeitalter der Reformation und der Religionskriege= (1500-1648) von Prof. Dr. F. Kurze. Nr. 34.
=Deutsche Geschichte III: Von Westfälischen Frieden bis zur Auflösung des alten Reichs= (1648-1806) von Prof. Dr. F. Kurze. Nr. 35.
=Deutsche Stammeskunde= von Prof. Dr. Rudolf Much. Mit 2 Karten und 2 Tafeln. Nr. 126.
=Die deutschen Altertümer= von Dr. Franz Fuhse. Mit 70 Abb. Nr. 124.
=Abriß der Burgenkunde= v. Hofrat Dr. Otto Piper. Mit 30 Abb. Nr. 119.
=Deutsche Kulturgeschichte= von Dr. Reinh. Günther. Nr. 56.
=Deutsches Leben im 12. u. 13. Jahrhundert.= Realkommentar zu den Volks- und Kunstepen und zum Minnesang. I: Öffentliches Leben. Von Prof. Dr. Jul. Dieffenbacher. Mit Abbildungen. Nr. 93.
=Dasselbe.= II: Privatleben. Mit Abbildungen. Nr. 328.
=Quellenkunde der deutschen Geschichte= von Prof. Dr. Carl Jacob. 1. Band. Nr. 279.
=Österreichische Geschichte= von Prof. Dr. Franz von Krones, neubearbeitet von Prof. Dr. Karl Uhlirz. Bd. 1 u. 2 (Bd. 3 ist in Vorbereitung). Nr. 104. 105.
=Englische Geschichte= von Professor L. Gerber. Nr. 375.
=Französische Geschichte= von Prof. Dr. R. Sternfeld. Nr. 85.
=Russische Geschichte= von Oberlehrer Dr. Wilhelm Reeb. Nr. 4.
=Spanische Geschichte= von Dr. Gust. Diercks. Nr. 266.
=Schweizerische Geschichte= von Prof. Dr. K. Dändliker. Nr. 188.
=Polnische Geschichte= von Dr. Clemens Brandenburger. Nr. 338.
=Bayerische Geschichte= von Dr. Hans Ockel. Nr. 160.
=Geschichte Frankens= von Dr. Christian Meyer. Nr. 484.
=Sächsische Geschichte= von Prof. Otto Kaemmel. Nr. 100.
=Württembergische Geschichte= von Prof. Dr. Karl Weller. Nr. 462.
=Thüringische Geschichte= von Dr. Ernst Devrient. Nr. 352.
=Badische Geschichte= von Prof. Dr. Karl Brunner. Nr. 230.
=Geschichte Lothringens= v. Geh. Reg.-R. Dr. Herm. Derichsweiler. Nr. 6.
=Die Kultur der Renaissance.= Gesittung, Forschung, Dichtung von Dr. Robert F. Arnold. Nr. 189.
=Geschichte des 19. Jahrhunderts= von Prof. Oskar Jäger. 2 Bde. Nr. 216. 217.
=Kolonialgeschichte= von Prof. Dr. Dietrich Schäfer. Nr. 156.
=Die Seemacht in der deutschen Geschichte= von Wirkl. Admiralitätsrat Prof. Dr. Ernst von Halle. Nr. 370.
Sammlung Göschen
Polnische Geschichte
von
Dr. Clemens Brandenburger
* * * * *
Leipzig G. J. Göschen'sche Verlagshandlung 1907
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von der Verlagshandlung vorbehalten.
Spamersche Buchdruckerei in Leipzig-R.
Inhalt.
Seite
_Erstes Buch._ Die Entstehung des polnisches Reiches.
1. Kap. Die Anfänge der Polen. Mieszko I. 5 2. Kap. Bolesław I. Die Königswürde 8
_Zweites Buch._ Die Erschütterung der monarchischen Macht.
3. Kap. Innere Streitigkeiten unter den Nachfolgern Bolesławs I. 11 4. Kap. Die Nachblüte unter Bolesław III. 14 5. Kap. Die Teilfürstentümer. Die Eindeutschung Schlesiens 18 6. Kap. Der Deutsche Ritterorden. Die Tataren 25 7. Kap. Die inneren Zustände. Die deutsche Kolonisation 28
_Drittes Buch._ Der Sieg des Adels.
8. Kap. Das Zeitalter Kasimirs des Großen 33 9. Kap. Die Personalunion mit Litauen 47 10. Kap. Die Jagiellonen 60 11. Kap. Polen im Zeitalter der Reformation 82 12. Kap. Die Organisation des Staatswesens beim Ausgange der Jagiellonen 97
_Viertes Buch._ Polen als Wahlreich.
13. Kap. Die beiden ersten Wahlkönige 103 14. Kap. Das Haus Wasa und der Sieg der Gegenreformation 109 15. Kap. Das Haus Wasa und das Kosakentum 119 16. Kap. Die Jahre der großen Türkenkriege 131
_Fünftes Buch._ Der Untergang.
17. Kap. Das kursächsische Zeitalter 136 18. Kap. Die inneren Zustände. Das Deutschtum. Die Reformbewegung 144 19. Kap. Die Teilungen 154
_Sechstes Buch._ Die Polen nach dem Verluste ihrer Selbständigkeit.
20. Kap. Von der Organisation der neuen Provinzen bis zum Wiener Kongreß 173 21. Kap. Die Aufstände 182 22. Kap. Die Politik der friedlichen Erneuerung 196
Literatur.
Die zusammenfassenden Werke in _deutscher_ Sprache sind nicht zahlreich. Eine brauchbare Darstellung der _gesamten_ polnischen Geschichte von den Anfängen bis zu den Teilungen besitzen wir Deutsche nicht.
_Roepell_ und _Caro_, Geschichte Polens. 5 Bde. Gotha 1840-1888. (Das $standard-work$ der polnischen Geschichtschreibung überhaupt, aber leider nur bis 1506 reichend.)
_Schiemann_, Rußland, Polen und Livland bis ins 17. Jahrhundert. 2 Bde. Berlin 1884/87.
Daneben: _Milkowicz_, Osteuropa. (In Helmolts Weltgeschichte, Bd. 5.) Leipzig 1905.
_Bobrzyński_, $Dzieje Polski etc.$ (Geschichte Polens). 2 Bde. 3. Aufl. Krakau 1887/90.
_Grabieński_, $Dzieje narodu polskiego$ (Geschichte des polnischen Volkes). 2 Bde. Krakau 1897/98.
_Lewicki_, $Zarys historyi polskiéj etc.$ (Grundriß der polnischen Geschichte). 3. Aufl. Krakau 1897.
_Morawski_, $Dzieje narodu polskiego.$ 5 Bde. Posen 1870/72.
_Szujski_, $Dzieje Polski etc.$ 4 Bde. Lemberg 1862/65.
-- $Historyi polskiéj ksiąg XII$ (12 Bücher polnischer Geschichte). Warschau 1880.
(In dem zweiten Werke Szujskis ein erschöpfendes Verzeichnis der Quellen und der bis 1880 erschienenen wichtigen Literatur. Für die spätere Literatur ziehe man Lewicki zu Rate. Gute Angaben auch bei Grabieński.)
_Kutrzeba_, $Historya ustroju Polski$ (Geschichte der Organisation Polens). Lemberg 1905. (Mit guter Literaturübersicht zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte.)
_Brückner_, Geschichte der polnischen Literatur. Leipzig 1901.
_Karásek_, Slawische Literaturgeschichte. 2 Bde. Leipzig 1906. (Sammlung Göschen Nr. 277/78.)
_Zeitschrift_ der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen. Posen 1885 ff.
_Historische Monatsblätter_ für die Provinz Posen. Posen 1900 ff.
$_Kwartalnik_ Historyczny$ (Historische Vierteljahrschrift). Lemberg 1887 ff.
(Die bedeutendste Zeitschrift zur polnischen Geschichte, auch der Literaturübersichten wegen unentbehrlich.)
$_Przewodnik_ naukowy i literacki$ (Wissenschaftlicher und literarischer Wegweiser). Lemberg 1873 ff.
_Zur Posenschen Landesgeschichte_:
_Meyer_, Geschichte des Landes Posen. Posen 1881.
_Prümers_ u. a., Das Jahr 1793. Posen 1895.
_Schmidt_, Geschichte des Deutschtums im Lande Posen. Bromberg 1904.
_Schottmüller_, Handel und Gewerbe im Reg.-Bez. Posen bis 1851. Posen 1901.
_Warschauer_, Abriß der politischen und kulturgeschichtlichen Entwicklung des Landes Posen. Berlin 1898.
_Wegener_, Der wirtschaftliche Kampf der Deutschen mit den Polen um die Provinz Posen. Posen 1903.
Erstes Buch.
Die Entstehung des polnischen Reiches.
1. Kapitel.
Die Anfänge der Polen. Mieszko I.
Die Anfänge der Polen sind noch immer in Dunkel gehüllt. Als sie zum ersten Male mit den Deutschen in Berührung kamen, zur Zeit der Wiedereindeutschung des Landes zwischen Elbe und Oder durch die Sachsenkaiser, hatten sie offenbar bereits eine gewisse Periode volklicher Entwicklung hinter sich.
Mit Tschechen, Slowaken, Sorben, Elbslawen und Pommern zusammen hatten sie sich schon länger als _westslawische Gruppe_ aus dem slawischen Gesamtvolke ausgesondert. Auch die Abschließung von den ebengenannten Stämmen vermittels sprachlicher Differenzierung war bereits eingetreten, wenn auch sicherlich noch nicht so scharf ausgeprägt, wie gegenüber den Ost- und den Südslawen. Über die _Kultur_zustände und die _Gemeinschafts_organisation der polnischen Anfangszeit ist die Forschung noch immer nicht zu gesicherten Ergebnissen gelangt. Es scheint, als ob die Polen kulturell um 900 jenen Zustand erreicht hatten, den die germanischen Stämme um die Zeit der Völkerwanderung aufwiesen. Die Organisation des Gemeinwesens dürfte sich nach den Zeugnissen, die uns in den Gerichtsakten bis ins 15. Jahrhundert hinein aufbewahrt blieben, auf der gesamtslawischen Einrichtung der _Zadruga_ (polnisch: $bracia niedzielni$ = ungeteilte Brüder, und $pospólstwo$, $pospolitość$ = Gemeinschaft) aufgebaut haben, auf der Besitz-, Erwerbs- und Wirtschaftsgemeinschaft, auf der gemeinsamen Steuer- und Haftpflicht der Familie im engeren und weiteren Sinne.
Wir wissen von sechs nahe verwandten _Stämmen_, die das polnische Reich bildeten. An der oberen und mittleren Oder saßen die _Schlesier_, an der oberen Weichsel (im späteren Kleinpolen) die _Wiślanen_ oder Lechen (Lygier?), an der mittleren Weichsel die _Masuren_, um den Goplosee die _Kujawier_, das Volk der Ebene (Polanen), denen südlicher die _Łęczycer_ (die Licicavici des Widukind) und _Sieradzer_ verwandt waren. Das spätere Großpolen bis zur Warthe war ganz kurz vor dem Eintritt der Polen in die Geschichte noch im Besitz der liutizischen Wuliner. Die _Polanen_ (Kujawier) waren offenbar der kräftigste Stamm, oder sie hatten die energischsten Fürsten: kurzum, sie unterwarfen die benachbarten Stämme ihrer Herrschaft und begründeten den nach ihnen benannten Staat.
Wie diese Entwicklung im einzelnen vor sich gegangen ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Die _Stammsagen_ sind uns nur in antikisierenden Bearbeitungen überliefert, die polanische und lechitische Erinnerungen vermengen. Richtig auf uns gekommen dürften aber wenigstens die Namen der beiden Vorgänger Mieszkos sein, des ersten geschichtlich beglaubigten polnischen Fürsten. Sein Vater wird Ziemomysł, sein Großvater Ziemowit genannt. Dieser war der Sohn _Piasts_, angeblich eines armen Bauern, nach dem das Fürstenhaus die Piasten hieß. Jahrhundertelang, in Gesamtpolen bis 1370, in Masowien bis 1526, in Schlesien bis 1675, hat dieses Haus in polnischen Landen geherrscht. -- Von vielen Seiten wird die Ansicht verfochten, daß in Polen, ähnlich wie in Rußland und Böhmen, germanische Eroberer zur Herrschaft gelangt seien. Die Geschlechternamen und -wappen weisen tatsächlich auf solchen Ursprung hin.
_Mieszko (Mieczysław) I._ (960?-992) tritt zunächst nur als Herr von Kujawien und Łęczyca mit der uralten Residenz zu Kruschwitz am Goplosee auf. Die Pommern, die Preußen, die Litauer, die Großfürsten von Kijew, die Herzöge von Böhmen (die außer Mähren auch Weißchrobatien an der oberen Weichsel und Schlesien unterworfen hatten) und endlich die ihre letzten Freiheitskämpfe gegen die Deutschen führenden Elbslawen waren seine Nachbarn. Die Inanspruchnahme der Elbslawen nach Westen hin scheint ihm Gelegenheit gegeben zu haben, sich auf ihre Kosten auszudehnen. Denn wir wissen, daß er das Land zwischen Warthe und Oder, das spätere Großpolen, den Liutizern abnahm. Hierauf ist wohl der Polen _erste Berührung mit den Deutschen_ zurückzuführen. Markgraf Gero nahm nach der Unterwerfung der Liutizer jenes Gebiet in Anspruch, er besiegte Mieszko und zwang ihn, dem Kaiser den Vasalleneid zu leisten und für das Land bis zur Warthe Tribut zu zahlen (963?).
Ungleich den Elbslawen erkannte Mieszko schnell, daß er nur durch den _Übertritt zum Christentum_ seine Herrschaft retten könne. Er ließ sich daher 966 taufen, nachdem er schon vorher die ihrem Manne, Markgraf Gerold von Meißen, entlaufene Christin Dubrawka, des Böhmerherzogs Tochter, geheiratet hatte. (Der Anteil, den die Sage der zügellosen Dubrawka an der Christianisierung Polens zuschreibt, ist eine fromme Erfindung.)
Wahrscheinlich nahm in Kruschwitz alsbald ein Hofbischof seinen Sitz. Außerdem übertrug Otto der Große das in Posen ursprünglich für die Liutizer errichtete, der slawischen Missionszentrale Magdeburg unterstellte Bistum nunmehr auf Mieszkos Reich. Der erste Bischof war der Deutsche Jordan. -- Schon vor Mieszkos Taufe hatte es Christen im Lande gegeben. Sie waren durch Jünger der beiden Slawenapostel gewonnen worden, hielten sich also zum altslawischen Ritus. Durch die offizielle Annahme des Christentums in der lateinischen Form aber, die durch die Rücksicht auf die deutsche Waffenmacht bedingt war, ward Polen für immer in den abendländischen Kulturkreis einbezogen und im Gegensatz zu Rußland mit den Schicksalen des germanisch-romanischen Europas eng verknüpft. Obwohl späterhin Polens natürliches Streben nach Osten gehen mußte, behielt infolge des lateinischen Ritus der westliche Einfluß doch stets die Oberhand. Hierdurch befand sich Polen gegenüber Rußland im Kampfe um Länder mit orthodoxer Bevölkerung von vornherein im Nachteil.
Das Verhältnis zu den benachbarten Markgrafen, in deren Gegenwart er sich weder zu setzen noch den Pelz anzubehalten wagte (Thietmar), blieb gespannt. Als er 972 bei Cydyne a. O. (vielleicht Zehden oder Steinau) den Markgrafen Udo schlug, untersagte ihm der Kaiser die Verfolgung des Sieges und entbot ihn Ostern 973 auf den Hoftag nach Quedlinburg zur Schlichtung der Streitigkeiten. An den Erhebungen zugunsten Heinrichs des Zänkers von Bayern nahm er sowohl nach dem Tode Ottos I. als auch nach dem Tode Ottos II. teil. Nachdem aber jene Pläne und damit auch die Hoffnungen auf die Wiedererlangung der Unabhängigkeit fehlgeschlagen waren, scheint er dem Reiche die Treue gehalten zu haben, denn 986 und 991/92 finden wir ihn in dem großen Aufstand der Elbslawen auf deutscher Seite. 987 nahm er auch eine Deutsche, Markgraf Dietrichs Tochter Oda, in zweiter Ehe zum Weibe. Im Feldlager von Brandenburg ist er 992 gestorben.
2. Kapitel.
Bolesław I. Die Königswürde.
_Bolesław_ (992-1025) war der Sohn der Dubrawka und vom Vater, der nach slawischer Sitte das Land teilte, zum Großfürsten eingesetzt worden. Das Ziel des fünfundzwanzigjährigen, tatkräftigen und begabten, aber listigen, grausamen und treulosen Fürsten war die Zusammenfassung der Westslawen zu einem christlichen Königreiche. Er begann mit der Vertreibung Odas und seiner unmündigen Stiefbrüder, mit der Blendung anderer erbberechtigter Verwandten. Dann sicherte er sich nach Westen durch Leistung des Lehnseides an Otto III. und Heeresfolge gegen die Elbslawen, nach Osten durch Verlobung seiner Tochter an Swjatopolk, Wladimirs des Heiligen von Kijew Neffen und Adoptivsohn. Nordwärts drang er mit dem Schwerte in der Hand vor, indem er die _Ostpommern_ unterjochte (992 bis 994) und die Preußen zur Anerkennung seiner Oberhoheit zwang. Für die Pommern gründete er das Bistum Kolberg mit dem Deutschen Reinbern als Oberhirten, doch blieben die Missionserfolge gering. Um auch die Preußen enger an sein Reich zu fesseln, sandte er zu ihnen Ottos III. Freund, den Böhmen _Adalbert_ (Wojtěch), der 997 im Samlande erschlagen wurde, als er eben, der schweren und gefahrvollen Arbeit überdrüssig, heimkehren wollte. Bolesław wog den Leichnam mit Gold auf und setzte ihn zunächst im Benediktinerkloster Tremessen, später in seiner neuen Hauptstadt Gnesen bei.
Da sich im Süden verlockendere Aussichten boten, nahm Bolesław den Aufstand der Preußen hin. Er eroberte während der Thronstreitigkeiten zwischen den Söhnen Bolesławs II. von Böhmen _Weißchrobatien_, wobei er in Krakau alle Tschechen niedermetzeln ließ, _Schlesien_, Mähren und das Land der transkarpathischen Slowaken. Von der Donau bis zur Ostsee erstreckten sich nunmehr seine Besitzungen, der Ausdehnung nach ein Königreich, aber staatsrechtlich und kirchlich noch an das Deutsche Reich gebunden. Sich hier zu lösen, war sein nächstes Bestreben. Die Gunst der Zeiten förderte ihn in wunderbarer Weise. Im wirren Chiliastenjahre 1000 pilgerte der schwärmerische Otto III. nach Gnesen zum Grabe seines Freundes Adalbert. Bei dieser Gelegenheit errichtete der Kaiser in _Gnesen_ ein unabhängiges, lateinisches _Erzbistum_, dem Krakau für Kleinpolen, Breslau für Schlesien und Kolberg für Pommern unterstellt wurden. Nur Posen, dessen deutscher Bischof Unger vergeblich der Neuerung widerstrebt hatte, blieb vorläufig bei Magdeburg. Erster Metropolit ward Adalberts Bruder Gaudentius (Radim). Die Besetzung der Bischofsstühle wurde Bolesław übertragen. Nicht zufrieden damit, auf diese Weise Polen kirchlich von Deutschland unabhängig gemacht und so der direkten Einwirkung deutscher Kultur entzogen zu haben, begrüßte der junge Phantast in feierlicher Versammlung den schlauen Polen als „Bruder und Mitarbeiter am Reich”, als „des römischen Volkes Freund und Bundesgenossen”, ihn hierdurch als gleichgestellt anerkennend. Immerhin blieb die äußere Lehenszugehörigkeit bis zu Ottos Tode bestehen. Als aber während der nun folgenden Thronwirren Markgraf Eckhard von Meißen, dessen Macht er fürchtete, ermordet wurde, besetzte Bolesław im Mai 1002 die Marken Lausitz und Meißen. 1003 erlangte er auch die böhmische Herzogswürde. Zwar nahm ihm Heinrich II. 1004 Böhmen und 1005 auch die beiden Marken wieder ab, sah sich aber 1010 infolge der ungenügenden Unterstützung durch die deutschen Fürsten genötigt, ihn mit der _Lausitz und dem Milzenerland_ zu belehnen, worauf der Pole 1013 zu Merseburg den Treueid leistete. Ein neuer kaiserlicher Feldzug im Jahre 1015 und eine deutsch-ungarisch-russische Koalition 1017 (die erste geschichtliche Beziehung Deutschlands zu Rußland) blieben ergebnislos.
In gleicher Weise machte sich Bolesław die Streitigkeiten um den Großfürstenstuhl von Kijew zunutze, die zwischen seinem Schwiegersohn Swjatopolk und Jaroslaw dem Großen von Nowgorod ausbrachen. Wenngleich die Wiedereinsetzung Swjatopolks in Kijew (1018) nicht von Dauer war, so war doch die _Eroberung der rotrussischen Städte_ ein vorläufiger Gewinn für Polen. Nach Heinrichs II. Tode wagte Bolesław endlich auch nach dem Höchsten zu greifen. Zu Beginn des Jahres 1025 setzte ihm in Gegenwart der weltlichen und geistlichen Großen des Landes der Erzbischof von Gnesen die _Königskrone_ auf, als äußeres Zeichen der Unabhängigkeit. Wenige Monate später starb er.
Über die _inneren Zustände_ Polens in jener Zeit fließen bei dem Fehlen zeitgenössischer einheimischer Quellen die Nachrichten äußerst spärlich. Wir finden unter dem unumschränkten Alleinherrscher einen höheren Adel, die _Szlachta_ (Geschlechter?), vielleicht aus den Geschlechtern der germanischen Eroberer bestehend, und einen niederen, die _Władyken_, vermutlich aus dem alteingesessenen Adel entstanden. Übrigens gingen, ebenso wie unter Mieszko, auch noch unter Bolesław zahlreiche deutsche und ausländische Ritter in polnische Dienste über, wo sie eine bevorzugte Stellung einnahmen. Viele Einrichtungen schreibt die Überlieferung Bolesław zu, doch sind mit Sicherheit nur die _Grenzburgbezirke_ und die dem Unterhalt ihrer Besatzungen dienende Steuer der „$stroża$” (Wachtkorn!) auf ihn zurückzuführen.
Zweites Buch.
Die Erschütterung der monarchischen Macht.
3. Kapitel.
Innere Streitigkeiten unter den Nachfolgern des Bolesław Chrobry.
Unter Übergehung des erstgeborenen Sohnes Bezprym hatte Bolesław seinen zweiten Sohn, _Mieszko_ II. (1025 bis 1034), zum Nachfolger eingesetzt, einen tapferen, gebildeten Mann, dem aber der Weitblick und der ränkevolle Sinn des Vaters fehlte. Den Intrigen Bezpryms und des jüngeren Bruders Otto, der Unzufriedenheit der nur gewaltsam geeinten Stämme, der Begehrlichkeit der Nachbarn erwies er sich nicht gewachsen. 1027 gewann Stephan der Heilige die Slowakei für Ungarn, 1029 Břetislav Mähren für Böhmen, 1031 Jaroslaw Rotrußland für Kijew zurück. Im selben Jahre eroberte der dem Kaiser verbündete Knut der Große von Dänemark Pommern, während das Reich wieder in den Besitz der Lausitz und des Milzenerlandes gelangte. Gleichzeitig drang _Bezprym_ (1031/32) mit russischer Hilfe ins Land und bemächtigte sich, von der heidnischen Partei unterstützt, der Herrschaft, dem Kaiser Bolesławs Krone übersendend und Gehorsam gelobend. Doch wurde er 1032 ermordet, worauf Kaiser Konrad II. Polen zwischen Mieszko, Otto und ihren Vetter Dietrich teilte.