Polnische Gedichte

Part 2

Chapter 21,518 wordsPublic domain

Einer legt einem Mädchen die Hand an den Hals und biegt sie. Wie zärtlich! Vor zwei Jahren, als wir nach Jasnagora kamen, erblaßten wir, weil zwei von unsern Damen sich zum Tanzen eng um die Hüften faßten! Hör doch auf. Wir vergaßen alles, als wir tranken und saßen.

Adam aber wollte reiten. Janina sollte ihn begleiten, er hielt ihr ehrerbietig den Bügel, als sie aber ein Stück weiter waren, zitterte er bis unter die Haut, atmete schwer, ließ den Gaul ansprengen, packte ihren Zügel und riß sie zurück -- Nie vergesse ich seine Augen.

Hör auf, sprich nicht, Du lenkst mit Worten, die Worte aus allen Weiten saugen, mich nicht von dem, woran Du denkst. Daß Du Dich so in die Welt verschenkst! Du hörst nur eines aus den vielen Gängen der einen Melodie, die sie wieder zum Tanze spielen. Fluch Deiner heiligen Melancholie!

Du sollst keine Worte zum Tanze sprechen, am Ende müssen wir alles blechen. Starr' nicht so widerlich in den Wind! Greif nicht mit so harter Faust in die rankenden Pflanzen. O wie unglücklich wir Menschen sind -- was bleibt uns denn übrig, als zu tanzen!

JOHANN KASIMIR LANDRIS ERLEBNIS

Johann Kasimir Landri kam von dem großväterlichen Gute. Er fühlte noch zwischen den Schenkeln die bebenden Flanken der silbernen Stute, und das Wiegen, als unter den Hufen der Sand gerieselt war; und das flüchtige Land, Rausch der Weite seines Landes schwoll noch in seinem Blute.

Vor der Rampe der Stadtwohnung hielt der Wagen. Ein Diener öffnete den Schlag und hat ihn eilig zugeschlagen, und folgte bepackt. Johann Kasimir sah im Enteilen in der Pförtnerstube, zwischen dem steifen und engen roten Mobiliar, ein junges Stubenmädchen schmal mit tief gesenktem kupfernem Haar verweilen.

Er zögerte in der Mitte der Treppe. Er behielt ein flüchtiges Bild ihrer Fessel -- hinter ihm kamen des Dieners leise zögernde Schritte -- und er wußte: oben, allein im räumigen Saal, der eben breit zur Straße erleuchtet war, wartete seine Mutter im Sessel.

Den Rest der Treppe hat er beklommen langsam erstiegen. Aber das Licht im Vestibül überflog singend das Staunen seiner heiligen Scham. Stürmisch lächelte sein Gesicht, als er die gelassne Hand seiner Mutter nahm und unters klopfende Blut seiner Lippen zog --: »Es werden ganz neue Zeiten kommen!«

EIN STERBENDER MINISTER HINTERLÄSST DEN POLEN:

Es gibt keine Grenze, wo Deutschland an Polen stößt, die Ströme treten ungehindert über in deutsches Land, und der Flissak, der seine Stämme stromabwärts flößt, hat nie erkannt, ob es den heimischen Atem mit feindlicher Luft vertauschen heißt, -- da ihn weiter das Wasser trägt und hier wie dort mit gleichem unverstandnem Wort gluckend eine Welle über die Bretter schlägt, und gleiche Melodie die Uferwälder rauschen.

Ich hörte an den Grenzsteinen ein schmales Lettenmädchen lachen und weinen, in meine Brust hinein; vor schluchzenden Kadenzen ihrer Stimme versank der Stein -- Ich wußte: wo polnische Erde liegt, ist sie in Streifen deutscher und russischer eingeschmiegt. Der Strom von Erde, der um den Globus fließt, ergießt auch in Polen sein Gewicht. Grenzen werden heißen, wo die Völker einander stützen --

Die besten Deutschen haben geschworen, Polen sei noch nicht verloren; einst werden die besten Russen Dich schützen --

Wer Dich zwang und besessen hatte, Polen, sollst Du vergessen. Aber, eh nicht der Stern zerfällt, Polen, vergiß die Russen nicht, Polen, vergiß nicht die Deutschen, Polen, vergiß nicht die Welt!

NACHWORT

Das Nationalgefühl, wenn es über einen ohne sittliche Qualitäten wirkenden Instinkten einer Überzeugung gediehn ist, damit aber anders und höher aufrichtig wurde als der bisher geltende Urtrieb, und für sich und andre berechtigter, muß, neben andern Tugenden, die freudige Anerkennung jedes fremden Nationalgefühls zur Folge haben. Wovon ich überzeugt bin, daß ich -- und nicht als der so oder so zufällig Veranlagte, sondern als der überhaupt Seiende -- es darf, ja daß ich es soll, dessen Recht und mehr als Recht muß ich allen in gleichem Stande Seienden zugestehn. Das Bestehn der Nationen ist nicht nur die Voraussetzung des Internationalismus: Folge des eignen Nationalgefühls ist die Anerkennung des Prinzips der Nationen, und es ist bloße Anwendung, ist nur der letzte Schritt zum Wissen um die Vielfalt ihres Reichtums und bis zur Liebe der Nationen, zur Weltliebe. Ja, dieser Schritt ist schon getan, -- wie der wahre Individualist, der sich nicht nur obenhin fühlt, sondern sich menschlich, warm und interessiert liebt, die andern nicht hassen kann (und nur der fragwürdige Hasser sich auszunehmen nicht bereit, nicht naiv, sondern unaufmerksam genug ist) und, aus gläubiger Achtung vor lauter Individuen, die Menschen lieben muß: ein wahrer, ein besserer Sozialist.

Wer nicht andern Völkern das eigne Gute gönnt, nicht das Gedeihn andrer Länder wünscht, dem brauchen wir nicht zu glauben, daß er von Ländern und Völkern etwas weiß; auch vom eignen nicht -- oder der ist nicht kühn oder stark genug, vor sich selbst die moralische Regel zu behaupten. Da uns bei der Arbeit die weite Festlichkeit einer prächtigen, sicheren, erregenden Melodie russischer dramatischer Musik im Ohr liegt und mehr als nur den Blick weitet, haben wir recht, uns sehr deutsch zu wissen. Und es heißt deutsche Überlieferung aufnehmen, die beste und deutscheste Überlieferung, wenn wir mit den Völkern in die Zukunft gehn, und die Hoffnungen eines schönen, stolzen und strebenden Volkes mitfühlen. Auch Deutsche kämpften bei Missolunghi und (im Politischen wohl falsch genug eingenommen) bei Ladysmith. Der Marquis San Bacco Heinrich Manns, in den Romanen der Herzogin von Assy, kämpft in allen Erdteilen für die Völker, die ihre Freiheit suchen, ohne Besinnen und Bedenken; so sehr hat der Garibaldianer seines Volkes Freiheit geliebt. Wir haben noch San Baccos; ihnen wären, wüßte ich sie namentlich zu nennen, diese Gedichte leidenschaftlich gewidmet.

Diese Gedichte werden vielleicht einem Vorurteil entgegengehn, da sie der übel beleumundeten Gattung der politischen Lyrik angehören. Es bleibt am besten ihnen selbst überlassen, sich und ihre Familie zu rechtfertigen und diesem Vorurteil zu begegnen. Es werde nur bemerkt -- neben dem Hinweise, daß auch alle berühmte Kriegslyrik zur politischen gehört -- es werde nur bemerkt, daß die Bezeichnung als »politische Lyrik« eben nur, und zwar in stofflicher Hinsicht, eine Gattung bezeichnet und gar nichts über den möglichen und wirklichen Wert der politischen Lyrik aussagt. Sie verheißt nicht mehr als etwa »Liebeslyrik«, und es wird meistens übersehn, daß es auch unter den politischen Gedichten gute und schlechte gibt! Darum braucht von der notwendig verführenden Wirkung aller Lyrik hier gar nicht erst gesprochen zu werden.

Diese Zeilen aber sollen diese Gedichte nicht etwa entschuldigen, und müssen sie, hoffe ich, nicht erläutern. Sie sollen nur bei ihnen stehn wie die Bezeichnung von Gang und Art bei der Musik, nur anzeigend: presto alla polacca -- der Leser fühle selbst, wo hier das Andante zum Largo erstarrt, wo zum Furioso sich aufschleudert.

Göttingen, Ende September 1916

_Rudolf Leonhard_

INHALT

Seite Gespräch zweier Deutschen 5 Lied der Polen an Europa 7 Die Polen an Irland 8 An Amerika 9 Lied polnischer Studenten 10 Polnische Erde 11 Poniatowski auf dem Balkan 12 Lied des jungen Witold Napierogocki 13 Gesang eines polnischen Dichters 14 Lied eines berittenen Legionärs 16 Polnische Reiter 17 Begegnung der Brüder 18 Weichselübergang 20 Das verlassne Dorf 21 Polnisches Barock 22 Der polnische Adler 23 Zum König von Polen 24 Bild eines Republikaners 25 Heimkehr des Verbannten 26 Verwandlung des Verschwörers 27 Der Mischling 28 Polnische Schauspielerin 29 Worte zu einem polnischen Tanz 30 Johann Kasimir Landris Erlebnis 32 Ein sterbender Minister hinterläßt den Polen 33

Nachwort des Verfassers 35

Kurt Wolff Verlag, Leipzig

_In der Bücherei »Der Jüngste Tag« erschienen:_

_Barrès_, Maurice / Der Mord an der Jungfrau. (Deutsch von H. Lautensack.)

_Becher_, Johannes R. / Verbrüderung. Gedichte.

_Benn_, Gottfried / Gehirne. Novellen.

_Blaß_, Ernst / Die Gedichte von Sommer und Tod.

_Boldt_, Paul / Junge Pferde! Junge Pferde! Gedichte.

_Brezina_, Ottokar / Hymnen. (Deutsch von Otto Pick.)

_Brod_, Max / Die erste Stunde nach dem Tode. Eine Gespenstergeschichte.

_Claudel_, Paul / Die Musen. Eine Ode. Ins Deutsche übertragen von Franz Blei.

_Edschmid_, Kasimir / Das rasende Leben. (Das beschämende Zimmer -- Der tödliche Mai.) Zwei Novellen.

_Ehrenstein_, Albert / Nicht da -- nicht dort. Novellen. (Doppelband.)

_Ehrenstein_, Carl / Klagen eines Knaben. Skizzen.

_v. Flesch-Brunningen_, Hans / Das zerstörte Idyll. Novellen. (Doppelband.)

_Gumpert_, Martin / Verkettung. Gedichte.

_Hardekopf_, Ferdinand / Der Abend. Ein Dialog.

_Hasenclever_, Walter / Das unendliche Gespräch. Eine nächtliche Szene.

_Hennings_, Emmy / Die letzte Freude. Gedichte.

_Herrmann_, Max / Empörung, Andacht, Ewigkeit. Gedichte.

_Jammes_, Francis / Gebete der Demut. (Deutsch von E. Stadler.)

_Jung_, Franz / Gnadenreiche, unsere Königin. Novellen.

_Kafka_, Franz / Der Heizer. Eine Erzählung.

_Kafka_, Franz / Das Urteil. Eine Geschichte.

Fortsetzung s. Rückseite!

Jeder Band geheftet Mark --.80

Kurt Wolff Verlag, Leipzig

_Kafka_, Franz / Die Verwandlung. Eine Novelle. (Doppelband.)

_Kokoschka_, Oskar / Der brennende Dornbusch. Mörder. Hoffnung der Frauen. Zwei Schauspiele.

_Kölwel_, Gottfried / Gesänge gegen den Tod.

_Kraft_, Paul / Gedichte.

_Leonhard_, Rudolf / Polnische Gedichte.

_Lotz_, Ernst Wilhelm / Wolkenüberflaggt. Gedichte.

_Matthias_, Leo / Der jüngste Tag. Ein groteskes Spiel.

_Mynona_ / Schwarz-Weiß-Rot. Grotesken.

_Reimann_, Hans / Kobolz. Grotesken. (Doppelband.)

_Rubiner_, Ludwig / Das himmlische Licht. Gedichte.

_Schickele_, René / Aissé. (Aus einer indischen Reise.)

_Schwob_, Marcel / Der Kinderkreuzzug. Erzählung. (Deutsch von Arthur Seiffhart.)

_Sternheim_, Carl / Busekow. Eine Novelle.

_Sternheim_, Carl / Meta. Eine Erzählung.

_Sternheim_, Carl / Napoleon. Eine Erzählung.

_Sternheim_, Carl / Schuhlin. Eine Erzählung. Mit drei Lithographien von Ottomar Starke.

_Sternheim_, Carl / Ulrike. Eine Erzählung.

_Strindberg_, August / Die Schlüssel des Himmelreichs oder Sankt Peters Wanderung auf Erden. Märchenspiel in 5 Akten. (Doppelband.) Deutsch von Erich Holm.

_Trakl_, Georg / Gedichte. (Doppelband.)

_Viertel_, Berthold / Die Spur. Gedichte.

_Werfel_, Franz / Gesänge aus den drei Reichen. Ausgewählte Gedichte. (Doppelband.)

_Werfel_, Franz / Die Versuchung. Ein Gespräch.

_Wolfenstein_, Alfred / Die Nackten. Eine Dichtung.

Die Sammlung wird fortgesetzt!

Jeder Band geheftet Mark --.80