Chapter 5
So lehrte mich die hohe Frau, so oft sie von der Liebe sprach, und einmal stellte sie mir folgende Frage: >Sokrates, was hältst du nun für die Ursache dieser Liebe, dieses großen Begehrens in der Natur? Hast du nicht auch schon beobachtet, wie aufgeregt und wild die Tiere sind, wenn sie zeugen und gebären wollen, wie alles, was da kriecht und fliegt, dann wie von einer Krankheit befallen ist? Hast du nie die Wollust beobachtet, mit der Tiere sich begatten, und wie die Weibchen, wenn sie geboren haben, alle Liebe für ihre Brut haben, wie die Schwächsten gegen die Stärksten ihre Brut verteidigen, ja für sie sterben können, wie diese Hunger leidet, damit nur die Jungen Nahrung haben, das alles und anderes wirst du doch schon beobachtet haben? Die Menschen könnten ja dasselbe nur aus Vernunft tun: warum ist aber den Tieren diese Liebe gegeben, kannst du mir das sagen?< Da ich erwiderte, ich wüßte es nicht zu sagen, rief sie: >Und du willst gerade von der Liebe viel verstehen, und weißt das nicht!< >Aber darum bin ich ja zu dir gekommen, Diotima; ich weiß ja, daß ich noch Lehrer brauche. Nenne du mir also die Ursache!< >Wenn du dich an das, was wir über das Wesen der Liebe vereinbart haben, zu halten weißt, so wirst du auch das folgende verstehen. Wir sagten dort, die sterbliche Natur suche, so weit es ihr möglich ist, zu dauern, unsterblich zu sein. Nun aber vermag die Natur nur dadurch zu dauern, daß sie stets das Alte einem Neuen zuliebe verläßt. Wo es immer heißt: hier lebt das Lebendige und hier bleibt es sich gleich, dort verändert es sich trotzdem fort und fort. Es trägt ja auch der Mensch von der Jugend bis ins Alter denselben Namen. Er trägt denselben Namen, trotzdem er sich stets verändert, erneut, die Haare, am Fleisch, am Blut, an der Kraft der Knochen verliert. Und was hier am Leibe, geschieht dort an der Seele: die Sitten, Gesinnungen, Meinungen, Begierden, Freuden, Schmerzen bleiben nie dieselben; hier gibt der Mensch Altes auf und dort gewinnt er Neues. Und was noch viel sonderbarer, ja ungelegener erscheint: nicht nur von den Kenntnissen sind die einen heute für uns lebendig und die anderen morgen tot, und wir selbst verändern uns in und an unseren Kenntnissen, sondern auch jede einzelne Kenntnis erfährt da dasselbe. Wir studieren doch nur darum, weil wir voraussetzen, daß unsere Kenntnisse sich immer wieder verlieren. Wir vergessen, und erst Besinnung und Arbeit bringen das Verlorene wieder und -- wie soll ich sagen -- retten das Wissen, so daß es dann dasselbe geblieben zu sein scheint. Und so, Sokrates, wird es immer wieder gerettet -- alles Sterbliche und bleibt heil; es ist nicht gleich dem Göttlichen ein ewig Währendes und Gleiches, aber was da scheidet und alt geworden ist, läßt stets ein Neues, das ihm gleicht, zurück. Und nur in dieser Weise, Sokrates, nimmt das Sterbliche an der Unsterblichkeit teil. In anderer Weise wäre es ihm ja nicht möglich. Wundere dich nicht mehr, daß die ganze Natur ihr eigenes Blut liebt und ehrt: sie tut es um der Unsterblichkeit willen, nach der sie langt!<
Und da ich diese Worte hörte, war ich wieder sehr erstaunt und rief: >Weisestes Weib, ist das alles wirklich so, wie du es sagst?< und da fuhr sie denn wie ein vollendeter Sophist fort: >Wie sollte es denn sein, o Sokrates! Wenn du an den Ehrgeiz der Menschen denkst, du müßtest ja da über dessen Sinnlosigkeit staunen, wenn du nicht an meine Worte denkst und dir gegenwärtig hältst, wie stark die Menschen das Verlangen ergreift, berühmt zu werden und den Ruhm bis in die Ewigkeit zu besitzen, und wie darum die Menschen für den Ruhm mehr als für ihre Kinder, Gefahren zu suchen, Geld zu verschwenden, Mühen zu dulden, ja zu sterben bereit sind. Oder meinst du, Alkestis würde für Admetos gestorben, Achilleus dem Patroklos nachgestorben sein und euer Kodros für das Königtum seiner Kinder sein Leben gelassen haben, wenn sie nicht an das ewige Gedächtnis ihrer großen Liebe, das wir ihnen heute noch halten, geglaubt hätten? O nein; für »die Tugend der Unsterblichkeit«, für den »strahlenden Ruhm« haben sie und alle alles getan; und je edler sie waren, um so mehr haben die Menschen für den Ruhm getan; denn es lieben die Menschen über alles die Unsterblichkeit. Wer im Leibe zeugen will, den zieht es zum Weibe hin, und die Kinder schon sollen ihm »Unsterblichkeit und Erinnerung und Glück«, wie er dann sagt, »in die Zukunft tragen«. Neben diesem aber leben jene anderen, welche lieber in den Seelen das, was die Seele empfangen und gebären soll, die Einsicht und die Tugend zeugen wollen. Und in diesem Sinne sind alle Dichter Zeuger, und jene, die im Handwerk als Erfinder gelten, sind Zeuger, und die höchste und schönste Einsicht, ich meine das Maß und die Gerechtigkeit zeugen in den Seelen jene, so da den Staat zu ordnen und die Familie zu erhalten wissen. Wenn nun einem dieser Gottgleichen in der Seele der Samen der Tugend von Jugend an gereift ist und er, da die Zeit gekommen ist, zeugen will, da geht er aus und blickt umher und sucht das Schöne, in welchem sein Samen zur Frucht werde. Im Häßlichen, im Gemeinen wird er nicht zeugen, nein. Es liebt schon die schönen Leiber mehr als die häßlichen, wer da zeugen will -- und wo dieser der schönen, edlen und echtgeborenen Seele begegnet, da ist seine Liebe zum Leib und zur Seele, zu beiden, gar groß, und für einen solchen Menschen hat er dann viele Worte von der Tugend und von allem, was der Edle tun und womit er sich beschäftigen soll, und er sucht den Geliebten zu erziehen. Er hängt dann an ihm, dem Schönen, und weckt ihn und folgt ihm und gießt in ihn den reifen Samen und läßt ihn seine Art gebären. Ob er bei ihm oder fern ist, er kann ihn nicht mehr vergessen, und mit ihm wacht er über der neuen Geburt; und stärker, als ein leibliches Geschlecht Mann und Weib einigt, verbindet diese die Freunde, denn sie teilen sich in ein schöneres, göttliches Geschlecht ihrer Seelen. Und wer möchte auch nicht leiblichen Kindern dieses Geschlecht vorziehen, wenn er Homer sieht und Hesiod und den anderen edlen Dichtern nachstrebt, die da ein Geschlecht zurückgelassen haben, das ihnen ewigen Ruhm und dauernde Erinnerung brachte, oder, wenn du willst, so er auf die Kinder des Lykurgos blickt, die Gesetze, die dieser hinterließ, und die Lakedaimon, ja ganz Griechenland gerettet haben. Und ehrwürdig ist auch Solon, weil er in euch die Gesetze gezeugt hat, und ehrwürdig in Hellas und bei den Barbaren sind all die vielen Männer, die durch edle Taten überall die Tugend gezeugt haben. Und ihnen sind um dieser Kinder willen und nie dem Geschlecht ihres Blutes und Namens zu Danke die vielen Altäre gebaut worden.
>In alles, was ich dir bisher von der Liebe sagte, konntest du leicht eingeweiht werden: ich weiß aber nicht, o Sokrates, ob du darum schon der letzten und höchsten Weihen würdig seist, jener Weihen, auf die alles andere nur vorbereiten durfte, so einer wahrhaft ihrer teilhaft werden kann. Doch ich will dir von ihnen reden und werde den Mut nicht verlieren, du aber trachte mir zu folgen, wenn du kannst. Wenn also einer recht nach jener Vollendung strebt, so muß er früh schon nach schönen Körpern ausspähen und schönen Körpern nachgehen und, so er gut geführt sein will, nur =einen= Körper lieben, nur =einen=, und in diesem =einen= die edlen Worte zeugen. Dann erst darf er erfahren, daß diese Schönheit des einen Körpers jener eines anderen gleicht, wie Schwestern einander gleichen, und wenn er nun wirklich die schöne Art und das schöne Bild, wenn er die Liebe will, so wäre es nur seine Torheit, dieselbe Schönheit nicht in beiden, in allen schönen Körpern zu sehen. Und darum und jetzt wird er es verachten und für niedrig halten, alle Leidenschaft für =einen= Körper zu haben, und er wird die Schönheit =aller= Körper lieben. Aber auch hier kann er nicht stehen bleiben, denn er wird die Schönheit der Seele sehen, und die Schönheit der Seele wird ihm würdiger erscheinen als die Schönheit des Körpers, und so wird es ihm genügen, daß eines Menschen Seele hell sei, und er wird diesen Menschen, wenn sein Leib auch unschön wäre, lieben und um ihn besorgt sein und edle Worte in ihm zeugen und nach Worten für ihn suchen, welche die Jünglinge besser zu machen vermögen, auf daß auch er gezwungen werde, die Schönheit in den Sitten und Gesetzen zu erkennen und auch in diesen die gleiche Schönheit zu sehen. Und von den Sitten wird er ihn zu den Wissenschaften führen, damit er auch die Schönheit der Wissenschaften erblicke und so im Anblicke dieser vielfachen Schönheit nicht mehr wie ein Sklave nach der Schönheit dieses =einen= Knaben verlange und dieses =einen= Menschen, dieser =einen= Sitte Schönheit wolle und gemein sei und kleinlich und an Worten hänge, sondern, an die Ufer des großen Meeres der Schönheit gebracht, hier viele edle Worte und Gedanken mit dem unerschöpflichen Triebe nach Weisheit zeuge, bis er dann stark und reif jenes einzige Wissen, das da das Wissen des Schönen ist, erschaue. Merke auf, Sokrates, so viel du kannst! Wer also bis dahin zur Liebe erzogen wurde und das Schöne in seiner Ordnung erkennt, der wird ganz am Ende als letzte Weihe seiner Liebe ein Wunderbares erblicken und die große Schönheit der Schöpfung erschauen; er wird das erschauen, Sokrates, um dessentwillen alle Wege und Mühen waren; er wird das Schöne schauen, das da ewig da ist und niemals wird und niemals vergeht und nicht reicher wird und nicht verliert, das Schöne, das nicht hierin schön und heute schön und da schön und für diesen schön und hierin häßlich und morgen häßlich und dort häßlich und für jenen häßlich ist, das Schöne, das wir uns nicht das eine Mal im Gesichte, ein anderes Mal an den Händen oder sonstwo am Körper einbilden oder in den Worten, in den Wissenschaften, im Tiere, auf der Erde oder am Himmel finden; er wird das Schöne schauen, das da sich selbst und in sich schön, in sich selbst ewig sich spiegelt; und, was sonst schön ist, wird nur sein Schein und ein Teil sein und werden und vergehen, und nur das ewig Schöne wird nicht wachsen und nicht verblühen und nicht leiden. Ja, Sokrates, wer immer von dort unten, weil er den Geliebten richtig zu lieben wußte, empor zu steigen und jenes ewig Schöne zu schauen beginnt, der ist am Ende und vollendet und geweiht. Noch einmal, so nur darf er die Bahn der Liebe gehen und geführt werden: er wird zuerst von allen Dingen die Schönheit lernen und zu jener ewigen Schönheit wie auf Stufen kommen, Sokrates, wie auf Stufen, Stufen: auf der ersten sieht er die Schönheit =eines= Körpers, auf der zweiten die Schönheit zweier, und dann sieht er die Schönheit aller Körper, und von den schönen Körpern steigt er weiter zu den schönen Sitten, von den schönen Sitten zu den schönen Lehren, und von den schönen Lehren trägt ihn noch die letzte Stufe zu jener einzigen Wissenschaft, die da die ewige Schönheit begreift. Und hier, Geliebter,< rief das prophetische Weib, >hier, wenn irgendwo, ist das Leben lebenswert, hier, wo du die ewige Schönheit schaust. Wenn du diese schaust, wird sie dir nicht scheinen gleich dem Golde oder schönen Kleidern oder gleich jenen schönen Knaben und Jünglingen zu sein, bei deren Anblick schon du und die anderen erschrecken, und bei denen ihr dann immer weilen wollt, weilen ohne zu essen und zu trinken, nur sie schauend, nur ihnen gegenwärtig. Nein, wie würdest du dich gebärden, wenn es dir gegeben wäre, jene ewige Schönheit selbst klar und rein und ungemischt, nicht am menschlichen Fleisch, in den Farben, am Flitter, sondern wie sie frei und göttlich, sich selbst eigen da ist, zu schauen? Glaubst du, dein Leben oder das Leben eines anderen wäre dann noch niedrig, wenn ihr bis dorthin blicken und bei jenem Wunder weilen könntet? Und glaubst du nicht, daß die Vollendung dem Menschen nur dort zu teil werde, wo er im Geiste das Schöne sieht und nicht mehr die Bilder der Tugend -- denn an Bildern kann sein Blick dort nicht mehr haften -- sondern die Wahrheit selbst, da er sie dort erblickt, zeugt, und glaubst du nicht, daß dieser Mensch dann, so er die wahre Tugend zeuget und nähret, wahrhaftig gottgeliebt und, wenn je ein Mensch, unsterblich sein wird?<
Das nun, Phaidros und ihr andern, das alles hat Diotima mich gelehrt, und sie hat mich überzeugt. Und seitdem suche ich auch die andern zu überzeugen -- zu überzeugen, daß, um jenes höchste Gut zu erreichen, niemand einen besseren Führer als Eros wählen könne. Und darum rufe ich jedem zu, er solle Eros ehren, und darum ehre ich selber Eros und lerne und prüfe alles, was diesen Heiland angeht, und heiße dasselbe auch die andern, und heute und immer werde ich, soweit es in meinen Kräften ist, Eros preisen. Nimm nun, Phaidros, was ich hier zu euch gesprochen habe, als meine Lobrede; wenn du nicht willst, so nenne meine Rede anders und wie du es willst.«
Da Sokrates also seine Rede schloß, lobten ihn alle, nur Aristophanes wollte etwas erwidern, weil Sokrates auf seine Worte irgendwie angespielt hatte. Doch da wurde plötzlich so laut an die Tür gepocht, wie nur Betrunkene pochen, und man hörte die Töne einer Flötenspielerin. Agathon rief den Knaben zu: »Seht doch nach! Wenn es ein Freund ist, so ruft ihn herein. Sonst aber sagt: wir trinken nicht mehr und wollen schlafen!« Gleich darauf aber konnte man die Stimme des Alkibiades unterscheiden: er mußte stark getrunken haben, denn er schrie laut und fragte nach Agathon und wollte zu Agathon geführt sein. Doch schon kam er, auf die Flötenspielerin gestützt, mit einigen Begleitern herein und blieb in der Tür stehen; er trug einen Kranz von Epheu und Veilchen und hatte sehr viele Bänder ins Haar gewunden. »Seid mir gegrüßt, Männer!« rief er. »Wollt ihr einen Betrunkenen in eure Mitte nehmen, oder muß ich wieder weg, nachdem ich Agathon bekränzt habe, denn darum bin ich gekommen? Ich konnte nämlich gestern nicht erscheinen, jetzt aber bin ich da und habe im Haare die Bänder, damit ich sie von meinem Haupt auf das Haupt des weisesten und schönsten Jünglings lege. Ich sehe, ihr lacht mich aus, weil ich betrunken sei, aber lacht nur, lacht, ich weiß trotzdem, daß ich die Wahrheit spreche! Sagt also, darf ich unter diesen Bedingungen herein oder nicht? Wollt ihr mit mir noch trinken?« Da jauchzten ihm alle zu und hießen ihn eintreten und sich zu ihnen legen, und auch Agathon rief ihm zu. So kam denn Alkibiades, von seinen Leuten geführt, herein, und während er die Bänder abnahm, um Agathon zu schmücken, hielt er diese so vor den Augen, daß er Sokrates nicht sehen konnte, und legte sich neben Agathon zwischen diesen und Sokrates. Sokrates rückte etwas nach der Seite. Und nun tat Alkibiades sehr schön mit Agathon und wand ihm die Bänder ins Haar. Agathon rief den Knaben zu: »So nehmt auch Alkibiades die Sandalen ab, damit er als dritter hier mit uns sitze.« »Ja, ja, tut das,« forderte Alkibiades die Knaben auf, »wer ist aber der dritte hier?« Und da er sich umdrehte und Sokrates erblickte, sprang er auf und schrie: »Bei Herakles, wer ist das? Sokrates, du? Du? Bist du mir auch hier auf der Lauer? Immer zeigst du dich ganz plötzlich, wo ich dich am wenigsten erwarte. Warum bist du nur hergekommen? Und warum hast du dich gerade hierher gesetzt? Ist bei Aristophanes oder bei sonst einem, der Spaß zu machen versteht, kein Platz gewesen? Mußtest du dich gerade zu dem Schönsten setzen?« Sokrates wandte sich da zu Agathon: »Jetzt mußt du mich in Schutz nehmen! Die Liebe dieses Menschen ist mir, wie du siehst, ziemlich unbequem geworden. Seit ich sein erklärter Freund bin, darf ich weder einen schönen Jüngling ansehen, noch mit ihm reden, sonst macht er mir in seiner Eifersucht und Mißgunst die größten Torheiten und schmäht mich und kann oft kaum seine Hände zurückhalten. Sieh du nun, daß er vernünftig werde, und söhne uns aus; sollte er aber handgreiflich werden, so halte ihn zurück; ich habe beinahe Angst vor seiner Liebeswut.« »O, zwischen uns beiden«, erwiderte Alkibiades, »gibt es keine Versöhnung! Hier und jetzt gleich will ich mich an dir rächen. Agathon, gib mir einige von deinen Bändern zurück, damit ich sie auf dieses wunderherrliche Haupt hier lege! Sokrates soll mir nicht vorwerfen, ich hätte dich geschmückt, ihn aber nicht, der mit seinen Worten über alle Menschen und nicht nur einmal, wie du gestern, sondern immer siegt.« Und so nahm Alkibiades von den Bändern des Agathon und wand sie um des Sokrates Haupt, und jetzt erst legte er sich wieder. »Wohlan denn, Männer,« rief er, »ihr scheint mir alle noch recht nüchtern zu sein. Das darf ich nicht zugeben, ihr müßt mit mir trinken. Wir haben das ausgemacht. Und solange ihr nicht recht im Trinken drin seid, wähle ich mich selber zum Vorsitzenden der Zeche. Agathon, laß einen großen Krug bringen, wenn einer da ist! Doch nein, er ist nicht nötig; bringe Knabe, du da, mir diesen Kühler; ich sehe, er enthält mehr als acht kleine Becher!« Der Kühler wurde also gefüllt, und Alkibiades trank ihn aus, dann ließ er ihn gleich für Sokrates füllen und rief: »Gegen Sokrates komme ich nicht auf. Er trinkt, was man ihn heißt, und wird nie betrunken.« Der Knabe hatte eingeschenkt, und auch Sokrates trank schon. Da fiel aber Eryximachos ein: »Wie machen wir es aber weiter, Alkibiades? Sollen wir dazu gar nichts reden oder singen und einfach nur trinken wie Leute, die eben Durst haben?« »O Eryximachos«, rief Alkibiades, »du bester Sohn des besten und weisesten Vaters, sei mir gegrüßt!« »Und du mir!« entgegnete Eryximachos, »aber wie machen wir es nun?« »Wie du befiehlst; ich gehorche deinem Worte! >Denn es hat der Arzt die Würde von vielen.< Sage, wie du es haben willst!« »So höre! Bevor du kamst, hatten wir beschlossen, daß jeder von uns, der Reihe nach von rechts, eine Rede auf Eros halte, so gut er es eben vermöchte, und den Gott preise. Nun, wir haben jeder seine Rede gehalten. Da nur du bisher weder getrunken noch gesprochen hast, so ist es billig, daß du jetzt uns fortsetzest und dann Sokrates ein Thema gibst, und Sokrates muß es wieder an seinen Nachbar zu rechts weitergeben usw. Das Thema kannst du selber wählen.« »Eryximachos, das ist alles sehr schön gesagt; es ist aber doch nicht billig, daß der Betrunkene den Nüchternen das Thema gebe. Und dann, Glücklicher, glaubst du etwas von allem, was Sokrates vorhin gesagt? Wisse denn, gerade das Gegenteil davon ist wahr! Denn er, er kann mit den Händen kaum an sich halten, wenn ich in seiner Gegenwart irgend jemanden, einen Gott oder einen Menschen, preise.« »Lästerst du hier nicht?« fragte Sokrates. »Bei Poseidon! Du kannst mir nicht widersprechen, wenn ich behaupte, ich dürfe in deiner Gegenwart niemand anderen loben!« »Ja, dann mache es doch so:« sagte Eryximachos, »preise Sokrates!« »Wie meinst du das? Sollte ich es tun, Eryximachos? Sollte ich ihm auf diese Weise beikommen und mich vor euch an ihm rächen?« »Was hast du da im Sinn? Willst du mich mit deinem Lobe lächerlich machen? Oder was willst du?« sagte Sokrates. »Ich will die Wahrheit sagen: hast du jetzt etwas dagegen?« »O nein, gegen die Wahrheit habe ich nichts; ich will sogar, daß du sie sagst!« »Und ich werde auch gleich beginnen, du halte es aber so: Wenn ich nicht die Wahrheit sage, so unterbrich mich, wenn du willst, nur gleich mitten im Reden und sage, daß ich lüge! Absichtlich werde ich nicht lügen. Wenn ich aber in meiner Erinnerung da und dort Sprünge mache, nimm es nicht übel! Es ist in meinem Zustande nicht leicht, dein sonderbares Wesen in einer gewissen Ordnung zu schildern.
So will ich denn, Männer, Sokrates preisen, und ich will versuchen, ihn in Bildern zu preisen. Er wird vielleicht glauben, daß ich ihn durch die Bilder lächerlich machen will; o nein, die Bilder werden die Wahrheit sprechen. Und so sage ich denn gleich: Sokrates gleicht jenen Silenen, die ihr in den Werkstätten der Bildhauer findet. Die Künstler bilden sie gewöhnlich mit einer Pfeife oder einer Flöte in der Hand und geben ihnen zwei kleine Türen: wer diese öffnet, erblickt im Inneren kleine Bildsäulen der Götter. Ich sage aber weiter, Sokrates gleicht Marsyas, dem Satyr. Daß du ihm im Äußeren ähnlich bist, wirst du selber nicht bestreiten wollen, Sokrates! Worin du dem Satyr aber sonst noch gleichst, das höre nun! Du bist wie Marsyas ein Frevler, Sokrates! Wenn du nein sagst, will ich dir Zeugen bringen. Ja, du bist wie er ein Empörer, und dann weißt auch du die Flöte zu spielen und schöner als Marsyas. Denn Marsyas lockte die Menschen mit seinem Instrument durch die Kunst seiner Lippen, und heute noch leben Menschen, die seine Weisen spielen. Was Olympos spielte, das hatte er von Marsyas gelernt. Ob sie ein guter Flötenspieler oder eine von den gewöhnlichen Flötenspielerinnen spielt, seine Weisen allein ergreifen und offenbaren den, der der Götter und der Weihen bedürftig ist; denn des Marsyas Weisen sind göttlich. Du aber, Sokrates, unterscheidest dich nur darin von Marsyas, daß du ohne Instrument, nur mit deinen nackten Worten spielst. Wenn wir einen anderen, und wäre er auch der beste Redner, hören, so geht uns das gewöhnlich sozusagen gar nichts an. Wer dich, dich selbst hört oder deine Worte von einem andern, und wäre dieser der gemeinste unter den Menschen, wenn dir ein Weib, ein Mann, ein Knabe zuhört, wir alle sind wie erschüttert und vermögen uns kaum zu halten. O Männer, wenn ich euch dann nicht ganz betrunken erscheinen sollte, so würde ich euch es sagen und jeden Satz beschwören, was ich durch seine Worte gelitten habe und immer wieder leide. Wenn ich Sokrates höre, da schlägt mein Herz stärker als das Herz des Korybanten, und ich vergieße Tränen, und viele, viele erfahren dasselbe. Ich habe Perikles und die anderen großen Redner gehört; mir schien da immer nur, sie sprächen gut, ja, aber ich erfuhr durch sie nichts Ähnliches, und meine Seele ward nie erschüttert und hat sich nie aufgebäumt, wie ein Sklave sich gegen den Herrn aufbäumt. Aber dieser Marsyas hier hat mich oft so weit gebracht, daß mir das Leben, das ich führe, nichtswürdig vorkam. Sokrates, du kannst nicht sagen, daß das nicht wahr sei. Und ich weiß ganz genau, daß, wenn ich jetzt, so wie ich hier bin, ihm zuhören wollte, ich nicht an mich halten könnte und dasselbe erführe. Er zwingt mich, ihm recht zu geben, wenn er behauptet, selber noch voll von Fehlern, vernachlässigte ich mich und beschäftigte mich mit den Angelegenheiten Athens. Wie vor den Sirenen fliehe ich vor ihm und halte mir die Ohren zu, damit ich nicht bei ihm früh zum Greise werde. Und so habe ich durch ihn erfahren, was niemand in mir wohl gesucht hätte: ich habe durch ihn die Scham erfahren. Ja, vor ihm allein unter allen Menschen schäme ich mich. Ich bin ja nicht imstande, ihm zu widersprechen und zu sagen: Ich muß nicht das tun, was du von mir willst; ich weiß das, denn ich weiß, daß, wenn ich ihm entwichen bin, mich vor dem Volke der alte Ehrgeiz wieder packt. Und so laufe ich vor ihm weg und fliehe ihn und schäme mich, so oft ich ihn sehe, alles dessen, was ich ihm zugestanden und über mich eingeräumt habe. Ja, oft habe ich da den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden zu sehen. Und doch, wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel unglücklicher sein; so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn.