Platons Gastmahl

Chapter 4

Chapter 44,035 wordsPublic domain

Da Agathon seine Rede also schloß, war der Beifall laut, so ganz seiner selbst und des Gottes würdig, schien der Jüngling allen gesprochen zu haben. Und Sokrates sah Eryximachos an: »O Sohn des Akumenos, war meine Angst also töricht und hat meine Angst nicht vorausgesehen, daß Agathon herrlich reden und mich in große Verlegenheit bringen würde?« »O ja, daß Agathon schön sprechen werde, das hast du wohl richtig vorausgesehen,« erwiderte Eryximachos, »aber darum glaube ich noch immer nicht, daß er dich in Verlegenheit bringen könne.« »Ja, aber du Glücklicher,« sprach Sokrates, »wie soll ich, wie soll ein anderer gegen dessen schöne, reiche Worte aufkommen; es war ja natürlich nicht alles gleich wunderbar, aber wer von uns ist nicht förmlich erschrocken, da er am Schlusse alle die schönen Namen und Ausdrücke vernahm? Als mir da plötzlich der Gedanke kam, ich würde gar nicht imstande sein, auch nur annähernd so Schönes zu sagen, wäre ich vor Scham beinahe durchgebrannt, wenn ich nur irgendwie hätte hinauskönnen. Agathons Rede erinnerte mich ja an Gorgias, und mir ging es schon wie jenem Manne im Homer und ich fürchtete, Agathon würde zuletzt seine gewaltigen Worte wie das Gorgonenhaupt meinen Worten entgegenhalten und mich zum stummen Steine machen. Und ich sagte zu mir: Lächerlich warst du, Sokrates, lächerlich, als du nicht nur versprachst, mit ihnen Eros zu preisen, sondern sogar behauptetest, dich gerade auf die Liebe zu verstehen, während du doch von dem einen so wenig wie von dem anderen etwas weißt. In meiner Einfalt habe ich nämlich geglaubt, wer ein Ding preisen wolle, der brauche nur die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit wenigstens müsse zugrunde liegen, und dann erst dürfe man unter den schönen Worten wählen und sie so richtig wie möglich setzen. Und darum nur, weil ich eben die Wahrheit wüßte, bildete ich mir sogar ein, besonders gut reden zu können. Doch wie ich jetzt erfuhr, verlangt man das gar nicht von einer guten Lobrede; im Gegenteil: es scheint, man müsse von irgend einem Dinge nur gleich alles Schönste und Beste behaupten, ob es nun wirklich in ihm sei oder nicht sei. Wenn es gelogen ist, so macht es ja nichts. Ich glaube sogar, ihr habt es untereinander abgemacht: jeder von uns solle nicht Eros preisen, nein, sondern sich das nur einbilden! Denn nur deshalb, zu diesem Zwecke scheint ihr alles Mögliche hergezogen und es Eros einfach beigelegt und immer nur gerufen zu haben: Eros ist so und so, und Eros ist die Ursache davon und jener Dinge, damit am Schlusse dann der Gott so schön und so gütig wie möglich aussehe. Und es ist auch selbstverständlich, daß jenen, die von allem nichts verstehen -- nicht den Wissenden -- das Lob dann gar schön und feierlich klinge. Von dieser Art nun ein Ding zu preisen, habe ich allerdings nichts gewußt, und nur darum konnte ich anfangs euch versprechen, meinen Teil beizutragen. Aber meine Zunge versprach es nur, und nicht der Kopf. Ich mag jetzt davon nichts wissen. Denn so preise ich die Dinge nicht, nein! Ich wäre es ja gar nicht imstande. Ich will ja nur, wenn ihr wollt, die Wahrheit, meine Wahrheit, wie ich sie verstehe, sagen; ich will mich gar nicht mit euch vergleichen, da würde ich wohl nur ausgelacht werden. Phaidros, kannst du also auch eine Rede brauchen, die über Eros nur die Wahrheit sagt und alle Namen und Worte so setzt, wie sie mir gerade kommen?« Phaidros und die anderen hießen Sokrates, nur so zu reden, wie er es tun zu müssen glaube. »Aber noch etwas, Phaidros,« sagte Sokrates, »erlaubst du diesmal, daß ich an Agathon einige kleine Fragen richte, ich muß gerade mit ihm mich erst über manches einigen, bevor ich beginne?« »Natürlich, frage Agathon nur aus!« Und so begann denn Sokrates seine Fragen: »Agathon, du scheinst deine Rede richtig disponiert zu haben: man müsse zuerst sagen, wer und wie Eros denn eigentlich sei, und dann dürfe man erst von dessen Wirken reden. Dieser Anfang hat mir gefallen. Und da du dann so schön, so groß von dem Wesen des Gottes sprachst, so antworte mir nur darauf: Eros, die Liebe -- ist dieser Gott, so wie er nun einmal da ist, zu irgend etwas anderem in Beziehung oder nicht? Ich will ja selbstverständlich nicht nach seinem Vater, nach seiner Mutter fragen; es wäre ja lächerlich, meine Frage so zu stellen, wenn ich wissen wollte, ob Eros von einem Vater, einer Mutter stamme -- nein, ich meine es so, wie wenn jemand dich nach dem Vater fragte und fragte: ist dieser Vater der Vater zu etwas oder nicht? Du würdest mir natürlich antworten: der Vater ist der Vater eines Sohnes, einer Tochter. Habe ich nicht recht?« »Ja, natürlich,« antwortete Agathon. »Und dasselbe gilt von der Mutter, von dem Begriff der Mutter, nicht wahr? Damit du mich aber noch besser verstehst, antworte mir auch darauf: Wenn ich nach dem Bruder fragte: der Bruder ist doch immer der Bruder eines anderen: eines Bruders, einer Schwester? Da stimmst du mir doch auch bei. Und jetzt versuche meine Fragen nach Eros zu beantworten: Ist Eros also die Liebe zu etwas anderem oder nicht?« »Ja natürlich, Eros ist die Liebe zu etwas anderem!« »Gut, das merke dir vorläufig und antworte mir weiter: Begehrt Eros nach dem, was er liebt, oder begehrt er nicht danach?« »Eros begehrt danach!« »Natürlich, und weiter: Besitzt Eros das, wonach er begehrt, oder besitzt er es nicht?« »Er besitzt es wahrscheinlich nicht!« »Vielleicht ist es nicht nur wahrscheinlich, sondern durchaus notwendig, daß, wer begehrt, nur das begehrt, was ihm fehlt, und umgekehrt! Mir scheint das durchaus selbstverständlich, dir nicht auch, Agathon?« »Ja!« »Also! Ein Großer will doch nicht noch groß, ein Starker nicht noch stark sein. Ihm könnte doch nicht das noch fehlen, was er schon ist. Denn wenn ein Starker noch stark, ein Schneller schnell, ein Gesunder gesund sein wollte, so müßten wir dann glauben, daß sie und ihresgleichen immer noch das begehren, was sie schon besitzen oder was sie schon sind. Damit wir aber hier sicher gehen, ich sage das darum -- sie alle, Agathon, müssen das, was sie besitzen, in der Gegenwart besitzen, ob sie wollen oder nicht, und wer würde da noch das begehren, was er schon besitzt? Wenn uns einer also sagen sollte: Ich bin gesund und will gesund sein, oder ich bin reich und will reich sein, ich begehre das kurz, was ich schon besitze, so müßten wir ihm doch erwidern: >Mensch, da du nun einmal Reichtum erworben hast und gesund und reich bist, so willst du doch wohl nur, daß dir das alles, was du in der Gegenwart besitzest, auch in der Zukunft bleibe. Denke darüber nach, ob du es so meintest?< Da wirst du mir doch recht geben, Agathon?« »Ja!« »Wir begehren also nach dem, was uns nicht zu eigen ist und was wir nicht besitzen, wenn wir es uns für die Zukunft bewahrt haben wollen?« »Entschieden!« »Jeder begehrt also nur nach dem, was ihm nicht zu eigen, nicht gegenwärtig ist; und was wir nicht besitzen, was wir nicht sind, kurz das also, was uns noch fehlt, bestimmt unsere Begierde und die Liebe! Einigen wir uns nun noch einmal: Eros ist also die Liebe, zunächst zu irgend etwas anderem überhaupt, und dann, näher bestimmt, die Liebe zu dem, was ihm noch fehlt, nicht wahr?« »Ja!« »Erinnerst du dich noch daran, wozu du Eros in deiner Rede in Beziehung setztest? Ich will es dir, wenn du willst, ins Gedächtnis zurückrufen. Wenn ich nicht irre, sagtest du: Das Dasein und Wirken der Götter ist durch die Liebe zu allem Schönen bestimmt; es gibt keine Liebe zum Häßlichen! Sagtest du nicht so?« »Ja, das waren meine Worte.« »Und da hattest du sehr richtig gesprochen. Und darum wäre also Eros die Liebe zur Schönheit!« »Natürlich!« »Sind wir aber nicht eben darin übereingekommen, daß wir nur, was uns noch fehlt und was wir noch nicht besitzen, lieben?« »Ja!« »Es fehlt also Eros die Schönheit, Agathon; Eros besitzt nicht die Schönheit!« »Ja!« »Nun also, Agathon! Kannst du noch sagen, daß der, dem die Schönheit fehlt, schön sei?« »Nein!« »Du gibst mir also recht, wenn ich sage, Eros sei nicht schön?« »Ich fürchte, Sokrates, ich habe nichts von allem, worüber ich vorhin sprach, verstanden!« »Aber du hast dennoch sehr schön vorhin gesprochen, Agathon! Noch eine kleine Frage: Scheint dir nicht auch das Gute schön zu sein?« »Ja!« »Wenn also Eros alles Schöne fehlt und das Schöne auch gut ist, so muß Eros auch alles Gute fehlen. Nicht?« »Ach, Sokrates, ich kann dir nicht widersprechen, es ist alles so, wie du es sagst.« »Nein, geliebter Agathon, du kannst eben nur der Wahrheit nicht widersprechen; auf Sokrates kommt es da gar nicht an.«

»Nun aber will ich dich in Ruhe lassen, Agathon! Meine Rede über Eros habe ich von Diotima, einer Frau aus Mantineia, gehört; sie war darin und in vielen anderen Dingen weise, es war dieselbe Diotima, die damals den Athenern, als diese zur Abwehr der Pest Opfer feierten, von den Göttern einen Aufschub der Seuche auf zehn Jahre erwirkte; wenn auch ich heute um die Liebe weiß, so hat Diotima es mich gelehrt, und ihre Worte will ich euch im Anschlusse an das, worin Agathon und ich uns oben geeinigt haben, wiedergeben, so gut ich es noch kann. Zunächst also, Agathon, will auch ich sagen, wer und welcher Art Eros sei, und dann werde ich erst von seinen Werken reden. Ich glaube, ich erzähle euch alles am besten so, wie die fremde Frau damals durch Fragen mich es lehrte. Denn wisset, ich sprach zu ihr zuerst genau so, wie du, Agathon, zu mir gesprochen hast: ich behauptete, Eros sei ein großer Gott und er sei schön, und da widerlegte sie mich mit denselben Worten, mit denen ich Agathon widerlegen mußte, und sagte, der Gott sei weder, wie ich es meine, schön noch gut. Ich rief da gleich: >Wie redest du nur, Diotima, Eros wäre also häßlich und böse?< Doch sie antwortete: >Du lästerst, Sokrates, lästere nicht! Glaubst du, was nicht schön sei, müsse darum gleich häßlich sein?< >Nein!< >Oder, was nicht weise sei, müsse darum gleich töricht sein? Hast du denn nie erfahren, daß etwas zwischen der Weisheit und der Unwissenheit da sei?< >Was ist dieses?< >Wenn einer zwar richtig wahrnimmt, aber keinen Grund dafür weiß, nennst du das schon Verständnis? Wie könnten wir das verstehen, wozu wir keinen Grund wissen! Und doch ist das noch nicht Unwissenheit: wer das Richtige trifft, kann doch nicht unwissend sein. Wir müssen es eine richtige Meinung, Wahrnehmung nennen, und diese liegt immer zwischen dem Verständnis und der Unwissenheit!< >Da hast du wohl recht, Diotima!< >Zwinge mir also ja nicht mehr das, was nicht schön ist, häßlich und, was noch nicht gut ist, böse zu sein, und glaube noch weniger, daß Eros häßlich und böse sei, weil er, wie du es ja jetzt zugibst, weder schön noch gut ist; auch Eros ist etwas in der Mitte von beiden und zwischen schön und häßlich und zwischen gut und böse!<

>Aber alle<, entgegnete ich da, >sind doch darin einig und nennen Eros einen mächtigen Gott!< >Wer nennt ihn so, Sokrates, sind es die Wissenden oder die Unwissenden?< >Alle, Diotima, ich sage, alle!< Und jetzt lachte sie: >Gilt also Eros auch jenen als ein mächtiger Gott, die da behaupten, Eros sei überhaupt kein Gott?< >Wer behauptet es denn?< >Der eine bist du, Sokrates, und der andere ich!< >Ich verstehe dich nicht!< >Und es ist doch so einfach! Sage, Sokrates: heißest du nicht alle, alle Götter heil, würdest du den Mut haben zu behaupten, dieser oder jener unter den Göttern wäre nicht heil?< >Nein, bei Zeus, niemals!< >Und nennst du weiter nicht jene Wesen heil, die alles Gute, alles Schöne besitzen?< >Ja, natürlich!< >Du hast ja aber doch eingesehen, daß Eros das Gute und Schöne begehre, weil er beides nicht besitzt.< >Ja!< >Wie könnte also der ein Gott sein, dem kein Teil am Schönen und am Guten ward? Wie wäre das möglich?< >Es ist nicht möglich, Diotima!< >Sieh, also auch du nennst Eros nicht Gott!<

>Was aber ist dann Eros, wenn er kein Gott ist? Gehört Eros zu den Sterblichen?< >O nein!< >Ja, was ist er, sprich?< >Wir sahen es doch eben, Eros sei in der Mitte; Eros ist in der Mitte zwischen dem Unsterblichen und dem Sterblichen!< >Und?< >Ein Dämon, Sokrates, ist Eros, ein großer Dämon, ein Heiland, und alles Dämonische, alles Heilende lebt zwischen Gott und Mensch!< >Und wo ist dann seine Macht?< >Der Dämon ist immer der Bote: er bringt den Göttern das Flehen und die Opfer der Menschen, und er kündet den Menschen, was die Götter sie heißen, und er kündet die Gnade der Götter, der Heiland ist in der Mitte und er füllt die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen, und das All ist durch den Heiland gebunden. Durch ihn kommt alles Schauen den Sehern, und durch den Heiland gehen die Opfer und Weihen! Es mischt sich ja nie der Gott mit dem Menschen: durch den Dämon verkehren Götter mit Menschen und durch den Heiland reden Götter zu Menschen: zu den Wachen und dann, wenn die Menschen der Schlaf umfängt. Wer das schon begreift, in dem ist der Heiland; die anderen alle, die da Künste können und Fertigkeiten haben, sind ja nur Handwerker. Und es gibt der Heilenden viele, und sie sind vielfacher Art, und einer von ihnen ist Eros!< >Und hat Eros einen Vater, Diotima, eine Mutter?< >Das ist lang, aber ich will es dir erzählen: Da Aphrodite geboren wurde, feierten die Götter deren Geburt und hatten ein großes Mahl, und mit den Göttern saß auch der Reichtum, der Sohn der Erfindsamkeit. Da sie nun gegessen hatten, kam die Armut und wollte etwas von dem Überflusse haben und blieb vor der Tür stehen, gleich den Bettlern. Nun geschah es, daß der Reichtum zu viel vom Nektar getrunken hatte -- es gab ja damals noch keinen Wein -- und daß er schwer und berauscht in des Zeus Garten ging und dort einschlief. Und das gab jetzt der Armut ihre eigene List ein: sie dachte sich, weil ich arm bin, so will ich vom Reichtum ein Kind haben, und die Armut legte sich zum Reichtum, und die Armut empfing vom Reichtum den Eros. Und weil nun Eros am Geburtstage der Aphrodite gezeugt wurde, so ist er jetzt deren Diener und Herold, und da Aphrodite schön ist, so ist Eros von Natur aus in alles Schöne verliebt. Dann aber, weil Eros der Sohn des Reichtums und der Armut ist, so hat er beider Natur und Zeichen. Eros ist seiner Mutter Sohn und darum ganz arm und gar nicht weich und schön, wie viele meinen; o nein, Eros ist hart und dürr und läuft barfuß herum und hat kein Dach, das ihn schützte; auf der nackten Erde ohne Lager muß er schlafen; vor allen Türen triffst du ihn, auf den Straßen unter freiem Himmel liegt er: Eros hat der Mutter Art, und die Armut läßt nicht von ihm. Dann aber ist Eros auch seines Vaters Sohn und ist, wie dieser, voll List nach allem, was schön ist und edel; er ist kühn und frech und stark, ein gewaltiger Jäger und er kann die Netze knüpfen und die Eisen stellen; Eros will immer Gründe und weiß zu raten; sein ganzes Leben lang philosophiert er und kann verhexen und zaubern und ist ein großer Sophist. Da er nun nicht Gott und nicht Mensch geboren ist, so blüht er bald und ist voll Leben, bald ist er müde und stirbt hin, und das alles oft an demselben Tage; aber immer wieder lebt er auf, denn der Vater steckt in ihm. Was er heute erwirbt, das verliert er morgen, und so ist Eros nicht reich und nicht arm. Und er ist immer zwischen der Weisheit und der Torheit in der Mitte, ich meine das so: Von den Göttern ist niemand das, was wir Philosoph nennen, und kein Gott hat den Wunsch, weise zu werden. Denn die Götter sind ja weise, und jeder, der schon weise ist, ist kein Philosoph. Aber auch die Unwissenden dürfen nicht Philosophen heißen, auch sie haben nicht den Wunsch, weise zu werden. Denn das gerade ist das Bittere an der Torheit: der Tor ist weder schön, noch gut, noch verständig, und dennoch hält er sich dafür. Der Tor hat nie den Wunsch nach dem, was ihm fehlt, da er der Meinung ist, es fehle ihm nichts.< >Und wer sind nun, Diotima, die Philosophen, wenn es weder die Weisen noch die Toren sein können?< >Das weiß jetzt doch jedes Kind, Sokrates: die Philosophen sind eben auch zwischen beiden, und zwischen diesen ist dann auch Eros. Die Weisheit strebt nach der letzten Schönheit, und Eros ist die Liebe zu allem Schönen: es liebt Eros also auch die Weisheit, und darum ist Eros ein Philosoph, Sokrates, ja, ja, ein Philosoph, denn der Philosoph ist nicht weise und nicht unwissend und ist zwischen den Weisen und den Toren in der Mitte. Und auch das ist nur das Blut in Eros: denn sein Vater war weise und wußte sich zu helfen, und seine Mutter war arm und töricht. Das und nur so, Freund, ist die Natur des Heilands; was du für Eros gehalten hast, das war nichts. Nach allem, was du mir sagtest, mußt du gemeint haben, Eros sei alles Geliebte und nicht der, welcher liebt. Und darum erschien dir Eros von so vollkommener Schönheit zu sein. Denn, was wir lieben, das ist ja natürlich immer schön und zart und vollendet und selig. Der aber, welcher liebt, ist anderer Art, und ich habe dir sein Bild gegeben.< >Und du hast wahr von ihm gesprochen, Gastfreund,< sprach ich.

>Wenn das nun Eros ist, welchen Nutzen haben dann die Menschen von diesem Heiland?< >Auch darüber, Sokrates, will ich dich aufzuklären versuchen. Wie ich ihn dir beschrieb, so ist Eros, so wurde er geboren, und sein Begehren ist -- so sagtest du doch -- das Schöne. Wenn man uns nun jetzt fragte: Sokrates und Diotima, wie und warum aber begehrt Eros das Schöne? Nein, ich will noch bestimmter sein und fragen: Was will der Liebende von dem Schönen, das er begehrt?< >Er will es besitzen,< antwortete ich. >Ja, er will es besitzen; aber noch eine Frage mußt du mir beantworten: Was ist dem zu eigen geworden, der das Schöne besitzt?< >Auf diese Frage kann ich dir nicht gleich antworten!< >Nun, wenn ich statt des Schönen das Gute setzte und dich fragte: Sokrates, es liebt einer das Gute, was, glaubst du, will er mit dem Guten?< >Er will, daß ihm das Gute zu eigen werde!< >Und wie ist der Mensch, dem das Gute zu eigen wurde?< >Darauf kann ich dir schon leichter antworten: Er ist heil!< >Ja, er ist heil, heil, und wer durch den Besitz des Guten heil geworden ist, der ist es wahrhaft und vollendet, und wir brauchen nicht noch zu fragen, warum er das Heil gewollt hat. Denn hier ist die Frage zu Ende.< >Ja!< >Und glaubst du, daß dieser Wille, diese Liebe allen Menschen gemeinsam sei, und daß alle an dem Guten teilhaben wollen?< >Ja, diese Liebe ist allen Menschen gemeinsam!< >Müßten wir also darum nicht sagen, daß alle Menschen lieben, wenn alle dasselbe und immer lieben, oder soll es weiter heißen, diese hier lieben, jene dort lieben nicht?< >Mir war das nie ganz klar!< >Es wird dir klar werden: denn von dem großen Begriffe Liebe nehmen wir immer nur einen Teil und geben dem Teil den Namen des Ganzen und nennen ihn Liebe; das übrige findet dann andere Namen!< >Wie ist das?< >So -- du weißt doch, daß der Begriff Schöpfung sehr weit ist. Wer irgend ein Ding aus dem Nichts zum Dasein bringt, der hat das Ding geschaffen, und so ist die Arbeit in allen Künsten ein Schaffen, und alle Meister sind Schöpfer!< >Ja, da sprichst du wahr!< >Und doch heißen sie nicht so, sondern haben andere Namen, und nur einem Teil, dem Werke der Musiker und Dichter, wird der Name des Ganzen, Schöpfung, zugesprochen. Und nur ihr Werk heißt Schöpfung, und nur diese Künstler Schöpfer. Ein gleiches gilt nun von dem Begriff der Liebe. Im allgemeinen ist zwar alles Streben nach dem Guten, alles Streben nach dem Heile Liebe, aber die Menschen wollen das Gute und das Heil eben auf vielen eigenen Wegen finden: der eine will es, indem er viel Geld verdient, der andere indem er seinen Körper bildet, der dritte als Philosoph; und von diesen allen sagt eigentlich niemand, daß sie lieben, und niemand nennt sie verliebt. Und nur von jenen sagt man es, und nur jene heißen so und haben den Begriff des Ganzen, die eben mit allem Ehrgeiz nach jenem einzigen Ziele streben.< >Ich glaube, du hast recht!< >Es heißt so oft unter uns: nur wer seine eigene Hälfte sucht, liebt. Ich aber sage dir, die Liebe will nicht die eigene Hälfte und die Liebe will nicht das eigene Ganze, wenn beides, Freund, nicht ein Gutes ist. Die Menschen schneiden sich ja die eigenen Hände und die eigenen Füße weg, wenn die eigenen Hände und die eigenen Füße sie ärgern. Nein, Sokrates, die Menschen mögen das Eigene nicht mehr als das Fremde, es sei denn, daß jemand das Gute ein Eigenes und das Böse ein Fremdes heiße. Denn nur das Gute und nichts anderes als das Gute lieben die Menschen. Ist das nicht auch dein Glauben, Sokrates?< >Bei Zeus, ja, das ist auch mein Glauben!< >Aber auch hier dürfen wir nicht einfach behaupten: die Menschen lieben das Gute. Auch hier müssen wir hinzusetzen: die Liebe der Menschen will das Gute, die Tugend besitzen, nicht wahr?< >Ja!< >Und sie will es nicht nur heute und morgen haben, die Liebe will es ewig besitzen!< >Ja!< >Ich fasse also zusammen und sage: die Liebe der Menschen ist das Streben nach dem Besitz des Guten, nach der Tugend.< >Und damit hast du eine große Wahrheit ausgesprochen!<

>Wenn, Sokrates, das also die Liebe ist, wie folgen aber die Menschen der Liebe, oder wie wirkt sie in den Menschen, wozu spannt die Liebe sie? Worin äußert kurz sich die Liebe, kannst du mir das jetzt sagen?< >Wenn ich das wüßte, würde ich ja nicht vor deiner Weisheit, Diotima, staunen und zu dir gekommen sein, um von ihr zu lernen.< >So will ich dir auch das sagen. Die Liebe ist das Zeugen in dem Schönen, das Zeugen, Sokrates, in schönen Körpern und in edlen Seelen, verstehst du mich?< >Du sprichst wie ein Orakel, und ein Seher nur vermöchte dich zu deuten, Diotima; ich verstehe dich nicht!< >So will ich deutlicher sein. Allen Menschen reift im Leibe und in der Seele der Samen, und es kommt die Zeit, da die Natur in uns zeugen will. In das Häßliche aber kann die Natur nicht den Samen legen, und nur im Schönen will sie zeugen. Das Zeugen und die Geburt, Sokrates, beides ist ein Göttliches in uns, und unsterblich sind alle sterblichen Geschöpfe, so sie zeugen und gebären. In dem nun, was ihm widerspricht, vermag das Göttliche nicht zu zeugen, und das Häßliche lebt wider alles Göttliche, und nur das Schöne darf und will sich ihm einen. Und darum ist die Schönheit auch Geburtsgöttin, und die Schönheit entbindet. Wenn also einer, dessen Samen voll ist, einem Schönen begegnet, so ist die Sehnsucht hell und die Begierde frei in ihm, und er zeugt die neue Geburt. Vor dem Häßlichen aber wird sein Blick trübe und der Mensch ist matt und zieht sich in sich zurück und rollt sich ein wie ein Tier und will nicht zeugen und will nicht gebären und verhält den Samen und verhält die Frucht und leidet. Denn in dem, dessen Samen voll und dessen Frucht reif ist, lebt das Begehren nach dem Schönen, weil nur das Schöne seine Brunst löscht und seine Wehen stillt. Die Liebe will also nicht eigentlich das Schöne, so wie du es meinst, Sokrates?< >Sondern?< >Die Liebe will im Schönen zeugen und das Schöne gebären!< >Jetzt verstehe ich dich!< >Ja, so ist es auch. Und warum, frage ich weiter, will die Liebe im Schönen zeugen und das Schöne gebären? Weil ewig und unsterblich alles Sterbliche ist, so es gebiert und zeugt. Und weiter: wenn die Liebe das Gute ewig besitzen will, so muß sie mit dem Guten auch die Unsterblichkeit begehren. Und es verlangt auch, Sokrates, die Liebe nach Unsterblichkeit, die Liebe verlangt danach: das folgt aus allem, was wir gesagt haben.<