Chapter 2
Der Eros der irdischen Aphrodite ist nun wirklich irdisch und überall und gemein und zufällig. Und alles Gemeine bekennt sich zu ihm. Der Gemeine liebt wahllos Weiber und Knaben, und er liebt immer nur den Leib, er liebt vor allem die geistig noch unentwickelten Knaben, da er eben nur den Zweck will und die Art ihn nicht kümmert. So handelt er denn auch immer ganz zufällig, heute gut und morgen schlecht, und liebt, was ihm begegnet. Seine Göttin ist die jüngere, und an der Zeugung und Geburt der irdischen Aphrodite hatten der Mann und das Weib, beide Geschlechter, teil. Die hohe Liebe stammt von der himmlischen Aphrodite, und die himmlische Aphrodite war aus dem Manne frei geschaffen und ist die Ältere und voll Maß und gebändigt. Und darum also streben sehnend alle Jünglinge und Männer, welche diese Liebe begeistert, zum männlichen, zum eigenen Geschlechte hin: sie lieben die stärkere Natur und den höheren Sinn. Aber auch hier in der Männerliebe müssen wir von anderen scharf diejenigen scheiden, die nur von der hohen Liebe und nur von ihr geführt werden. Sie lieben die Jünglinge erst, wenn diese selbständig zu denken beginnen, es ist das im allgemeinen um die Zeit, da diesen der Bart keimt. Und wer hier den Jüngling zu lieben beginnt, wird dann auch bereit sein, sein ganzes Leben mit dem Geliebten gemeinsam zu führen, und wird ihn nicht betrügen und auslachen und davon zu einem andern laufen, etwas, das immer vorkommt, wenn er den Geliebten, da dieser beinahe noch ein Kind war, genommen hat. Ich meine, es sollte ein Gesetz geben, das da verbietet, Knaben zu lieben, damit nicht so ins Ungewisse hinein viel Leidenschaft verschwendet werde. Man kann nie wissen, wie ein Knabe sich an Geist und Körper entwickeln werde. Der Edle wird sich dieses Gesetz selbst geben, die anderen sollten wir dazu zwingen, wie wir sie ja auch, soweit es da überhaupt möglich ist, zwingen, freie Frauen nicht zu schänden. Denn diese Niedrigen sind es, die unsere hohe Liebe so in Verruf gebracht haben, daß man jetzt überall hört, der Geliebte dürfe dem Freunde nicht zu Willen sein. Man denkt da natürlich nur an sie und sieht ihre Taktlosigkeit und ihr Unrecht, und alles Regellose und Ungesetzliche verdient ja mit Recht Tadel.
In den anderen Städten sind die Anschauungen von der Liebe leicht zu verstehen: alles ist da einfach und bestimmt; nur hier bei uns und in Lakedaimon scheinen sie schwierig und verwickelt. In Elis und Böotien, überall also, wo die Leute nicht sonderlich redegewandt sind, heißt es kurz: dem Freunde zu Willen sein ist gut, und kein Mann und kein Jüngling wird anders denken. Denn durch diese Bestimmtheit meiden sie ein für allemal die Gefahr, die Geliebten erst überreden zu müssen, denn reden -- das können sie nun einmal nicht. In Jonien dagegen und überall bei den Barbaren gilt unsere Liebe einfach für eine Schande. Unter Barbaren verdammt sie die Tyrannis, wie diese ja schließlich auch die Philosophie und Körperbildung verurteilt. Denn dem Tyrannen kann es nicht sehr förderlich sein, wenn seinen Kreaturen der Verstand wächst und unter diesen starke Freundschaftsbünde entstehen, denn gerade solche bildet gerne die Liebe. Unsere Tyrannen haben es am eigenen Leibe erfahren: die Liebe des Harmodios und Aristogeiton ist stark geworden und hat deren Herrschaft gebrochen. Noch einmal also, immer dort, wo es für eine Schande gilt, dem Freunde zu Willen zu sein, spricht nur die Niedrigkeit der Anschauungen, das heißt: die Herrschsucht des Tyrannen und die Feigheit des Sklaven; wo es aber ohne Umstände für selbstverständlich gilt wie in Elis und Böotien, dort ist die Sitte eben noch roh.
Bei uns nun ist die Sitte edler und, wie ich schon gesagt habe, nicht leicht verständlich. Man denke nur, es gilt für edler, offen zu lieben als verstohlen, für edler, die Vornehmsten und Tüchtigsten, auch wenn sie weniger schön wären als andere, zu lieben, man denke weiter, in wunderbarer Weise gibt alles dem Liebenden recht und ermutigt ihn wie einen, der durchaus nicht schlecht handelt; ja, wer den Geliebten gewinnt, hat recht getan, und wer es nicht vermag, trägt den Schimpf davon. Und damit der Freund sein Ziel erreiche und den Geliebten gewinne, gibt unsere Sitte ihm Freiheiten, das Wunderlichste unter dem Beifall aller zu tun, Dinge zu tun, die ihm Schande brächten, wenn sie einem anderen Zweck dienten. Denn wollte jemand, um sich Geld zu machen oder einen guten Posten zu erhalten oder im Staate zu Einfluß zu kommen, alles das tun, was der Freund für den Geliebten tut, wollte er da ebensoviel bitten und flehen, Eide schwören und vor den Türen liegen, kurz sich niedriger als der letzte Sklave gebärden, Freund und Feind würden sich dagegen erheben: seine Feinde würden ihn der Kriecherei und Feigheit zeihen, seine Freunde sich seiner schämen und ihm helfen. Den Liebenden aber begleitet überallhin die Gunst aller, und alles ist ihm nach unserer Sitte erlaubt, ja er handelt nach ihr sogar besonders kühn. Und was ganz ungeheuer klingt, die Götter, heißt es, verzeihen Liebenden und nur ihnen den gebrochenen Eid. Die Liebe schwört keine Eide, hört man die Leute sagen. So geben Götter und Menschen den Liebenden alle Mittel frei, und das und nichts anderes sagt unsere Sitte.
Nach ihr also müßten wir alle überzeugt sein, es gelte in unser Stadt allgemein für ein ganz außerordentlich Edles, zu lieben und geliebt zu werden. Und doch verbieten die Väter ihren Söhnen, mit dem, der ihrer Liebe begehren sollte, sich ins Gespräch einzulassen und halten ihnen darum Hauslehrer, ja wenn dies vorkommt, so rügen es auch die Altersgenossen und Gespielen, und Ältere erheben dagegen keinen Einspruch und geben den Gespielen recht, wenn diese sie rügen: nun, wer das wiederum sieht, der muß dann im Gegenteil glauben, unsere Liebe sei auch hier eine große Schande. Dieser Widerspruch löst sich meiner Ansicht nach also: wie ich schon gesagt habe: es gibt eben nicht einfach etwas, was an und für sich gut, und ein anderes, was an und für sich schlecht wäre, alles hängt von der Art und Weise unseres Handelns ab. Es ist niedrig, dem Niedrigen, und edel, dem Edlen zu Willen zu sein. Niedrig ist jener Adept der gemeinen Liebe, welcher den Leib mehr als die Seele liebt, denn er ist ohne Treue, da er ein so treuloses, wechselndes Ding wie den Leib liebt. Wenn der Leib, den er begehrt hat, verblüht, dann läuft er davon und schämt sich seiner vielen Worte und Versprechen. Nur wer die edle Gesinnung liebt, hat sich dem Dauernden verbunden und bleibt treu. Und diesen, den Treuen will unsere Sitte prüfen. Darum fordert sie die Geliebten auf, zu fliehen, und die Freunde, diesen nachzustellen; in diesem Kampf will sie den Geliebten, will sie den Freund erproben. Da gilt es ihr dann für niedrig, sich schnell und leicht fangen zu lassen. Es soll zuerst eine gewisse Zeit verstreichen; die Zeit stellt ja alles auf die Probe. Da gilt es ihr weiter für niedrig, durch Geld oder politischen Einfluß sich gewinnen zu lassen, ob nun der Geliebte unter dieser Roheit leidet, ohne doch sich frei machen zu können, oder ob er sich bestechen läßt und keine Verachtung dafür hat. Denn abgesehen davon, daß unter diesen Voraussetzungen nie eine wahre Freundschaft sich bilden kann, so vermag alles das überhaupt nicht zu halten und zu dauern. Und so bleibt nach unserer Anschauung nur =ein= Weg dem Geliebten übrig, seinem Freunde in edlem Sinne zu Willen zu sein, nur =ein= Weg: denn genau so wie dem Freunde kein Dienst, den er für den Geliebten tut, als schmeichlerisch und schandbar ausgelegt wird, wird dann dem Geliebten nur =ein= Dienst frei und ohne Schimpf bleiben: der Geliebte wird um der Tugend willen dienen. Und bei uns ist denn auch die Sitte wirklich durchgedrungen: wenn dem Freunde der Geliebte in der Absicht, weiser und besser zu werden, dient, so ist diese Dienstbeflissenheit nichts Schlechtes, nicht Kriecherei, wie man oft hört. Und wenn es wahrhaft edel werden soll, daß der Geliebte dem Freunde sich hingibt, so müssen unsere Anschauung von der Liebe und jene von der Philosophie und jeder anderen inneren Tüchtigkeit sich decken. Wenn also unsere Freunde und unsere Geliebten sich dort begegnen werden, wo der Freund dem Geliebten durchaus uneigennützig zur Seite steht und der Geliebte dem Freunde, der ihn weise und edel gemacht hat, sich willig unterordnet, wo weiter der Freund als der Stärkere wirklich die Gesinnung und jede Tätigkeit des Geliebten fördert, und der Geliebte als der Schwächere die Bildung und Einsicht vom Freunde annimmt, wenn also Freund und Geliebter, jeder dem eigenen Gesetze gehorchend, so das Gemeinsame finden, so wird es hier nicht anders heißen können, als es ist edel, daß der Geliebte dem Freunde zu Willen sei. Hier ist es auch keine Schmach, sich zu täuschen und betrogen zu werden. In allen anderen Fällen trägt der Geliebte die Schande davon, ob er nun betrogen wird oder nicht. Denn wenn der Geliebte dem Freunde um dessen Reichtum willen sich hingibt und dann betrogen wird, so ist das schamlos und bleibt es, wenn der Freund sich später als arm erweisen sollte; denn er hat bewiesen, daß er sich für Geld auch jedem andern unterordnen würde, und das ist immer gemein. Umgekehrt aber und nach derselben Anschauung: wenn der Geliebte, um besser zu werden, dem Freunde zu Willen ist und dann betrogen wird, da der Freund sich als niedrig erweist, so ist dennoch diese Täuschung ein durchaus Edles. Der Geliebte hat, soweit es von ihm abhing, bewiesen, daß er der Tugend zuliebe und um besser zu werden zu allem bereit sei, und ich kenne nicht, was edler wäre. So ist es also, noch einmal, durchaus edel, um der Tugend willen sich hinzugeben.
Das also ist der Eros der himmlischen Göttin, auch er kommt vom Himmel und ist von großem Werte für die Stadt und den einzelnen, denn er gibt dem Freund und dem Geliebten beiden jene große Sorge um die eigene innere Tüchtigkeit. Wer von dieser Sorge nichts weiß, der bekennt sich zum irdischen Eros. Und das ist es, Phaidros, was ich, so gut es aus dem Stegreif ging, zum Preise des Gottes beitragen konnte.
Nach Pausanias, erzählte Aristodemos, hätte Aristophanes sprechen sollen. Ob es nun die Folge davon war, daß er gestern zu viel getrunken hatte oder eine andere Ursache hatte, Aristophanes hatte Schlucken und konnte nicht gut sprechen. So sagte er denn zu Eryximachos -- er saß gerade vor dem Arzt Eryximachos --: »Eryximachos, du mußt mir entweder den Schlucken nehmen oder für mich sprechen, bis ich ihn verloren habe. Du kannst ja beides.« Eryximachos antwortete: »Ich will dir beides tun. Ich werde jetzt für dich eintreten, und du kannst dann für mich reden. Und wenn du, während ich rede, den Atem anhältst, wird der Schlucken vergehen. Sonst nimm etwas Wasser und gurgle! Sollte er aber sehr heftig sein, so reize mit etwas die Nase und bringe dich zum Niesen! Wenn du das ein- oder zweimal tust, so muß er aufhören, und wenn er noch so heftig wäre.« »Danke, ich werde alles tun; sprich du nur gleich!« sagte Aristophanes.
Eryximachos begann also: »Pausanias hat zwar gut begonnen, aber nicht richtig geschlossen, und darum muß ich seine Rede wohl noch vollenden. Daß er zwischen zwei Arten des Eros unterschied, war richtig. Daß aber Eros nicht nur in der Sehnsucht der Seele nach schönen Jünglingen, sondern in jeder Begierde, in allem Sehnen herrscht und im Tier, in der Pflanze, in der ganzen Natur lebt, das glaube ich gerade in der Heilkunst, in meiner Kunst, erfahren zu haben. Groß und wie ein Wunder reicht dort in alles Göttliche und Menschliche dieser Gott. Und um meine Kunst zu ehren, beginne ich auch gleich mit der Heilkunst. Die Natur birgt hier die beiden Arten des Eros in sich, und ich meine das so: das gesunde und das kranke Element im Körper sind, wie wir alle wissen, zwei verschiedene, zwei entgegengesetzte Dinge. Das eine begehrt nach dem, nach welchem das andere nicht begehrt. Anders wirkt die Liebe im gesunden und anders die Liebe im kranken Element. Pausanias hat oben ausgeführt, daß es edel sei, den Edlen, und niedrig, den Niedrigen zu Willen zu sein: nun und genau so ist es hier gut, die gesunden Elemente der Natur, und schlecht, die kranken zu fördern, und das heißt Heilkunst, und das muß der Arzt verstehen. Um es gleich zusammenzufassen, die Heilkunst lehrt uns die beiden Neigungen der Natur kennen: die Neigung, Elemente aufzunehmen und die Neigung, Elemente abzustoßen, und wer hier die gesunde Neigung von der kranken zu unterscheiden weiß, der ist der beste Arzt, und wer noch dazu die eine Neigung durch die andere zu ersetzen, hier die gesunde Neigung zu erregen, dort die kranke zu vernichten weiß, der ist der Meister. Denn die feindlichen Elemente in der Natur müssen wir miteinander versöhnen, wir müssen in ihnen Neigung zueinander erwecken. Die feindlichen Elemente -- das sind die großen Gegensätze in der Natur: das Kalte ist dem Warmen, das Bittere dem Süßen, das Trockene dem Feuchten entgegengesetzt. Und unter diesen Gegensätzen Neigung, den Eros erwecken -- das verstand Asklepios, unser Ahnherr, und aus dieser Erkenntnis bildete er, wie die Dichter sagen und wie ich es durchaus glaube, unsere Kunst. Die ganze Heilkunst wird ja von diesem Gott beherrscht, die Heilkunst und, damit ich es hier nicht vergesse, die Lehre von der Körperbildung und der Ackerbau. Und wer nur ein wenig nachdenkt, für den gilt dasselbe von der Musik. Herakleitos hat es schon sagen wollen und sich nur schlecht ausgedrückt, wenn er behauptet, daß alles Zwiespältige sich wieder eine, wie in der Form Bogen und Leier sich einen. Es ist zunächst zwar unsinnig, von einer zwiespältigen Einheit zu sprechen und zu sagen, daß eine Einheit aus Zwiespältigem bestehe. Aber vielleicht wollte Herakleitos nur sagen, daß Hoch und Tief zuerst, in der Natur also, zwiespältig seien und in der Musik sich dann einen. Denn ganz unmittelbar gibt es keine Einheit von Hoch und Tief. Alle Einheit ist Zusammenklang und der Zusammenklang Übereinstimmung. Solange aber noch zwei Dinge zwiespältig sind, so können sie nicht übereinstimmen, und das Widersprechende wieder kann unmittelbar keine Einheit bilden. Auch der Rhythmus entsteht erst dadurch, daß die zwei Maße, Schnell und Langsam, zuerst einander widersprechen müssen und dann übereinstimmen. Und diese Übereinstimmung bringt hier die Musik in die Dinge, genau so wie dort die Heilkunde sie in die Dinge gebracht hat: die Musik erregt die Neigung, den Eros unter allem Zwiespältigen. Ich verstehe also unter Musik die Wissenschaft von der Neigung der Gegensätze, der Gegensätze von Hoch und Tief, Schnell und Langsam. In diesem abstrakten Verhältnis von Einheit und Rhythmus ist der Gott nicht schwer zu erkennen, hier herrscht noch nicht der doppelte Eros.
Wenn wir aber auf den Menschen diese Begriffe von Einheit und Rhythmus anwenden und sie auf Dichtung und Gesang, auf das also, was unsere Erziehung bildet, beziehen sollen, so wird die Sache schwierig und bedarf eines tüchtigen Meisters. Und hier gilt dann der Satz des Pausanias: wir müssen der Liebe der maßvollen Menschen und aller, die zur Einheit noch kommen wollen, zu Willen sein, sie müssen wir hüten und züchten, denn es ist das der reine himmlische Gott, der Gott der Muse Urania. Die irdische Liebe, den Gott der Muse Polyhymnia, dürfen wir nur mit Vorsicht anwenden, damit die Lust, die der Mensch aus ihr schöpft, ihm nicht alles Maß nehme; es ist ja für uns Ärzte auch sehr wichtig, dafür zu sorgen, daß der Mensch alle Genüsse der Kochkunst ohne Schaden genieße. Und so müssen wir denn in der Musik, in der Heilkunst, in allem Göttlichen und Menschlichen überall die beiden Arten des Eros beobachten: denn sie stecken in den Dingen selbst, beide Eroten stecken in den Dingen.
Und weiter -- auch im Verhältnis der Jahreszeiten leben sie, der echte Eros und der falsche. Wenn der echte Eros sich zwischen warm und kalt, zwischen trocken und feucht zeigt und hier alles Zwiespältige sich eint und weise mischt, so bringt das Jahr Segen und Gesundheit für Mensch und Tier und Gewächs. Wenn aber der falsche, maßlose Eros über den Jahreszeiten waltet, so vernichtet er viel und bringt Schaden; dann entstehen große Seuchen unter den Tieren, und viele böse Krankheiten bilden sich an den Pflanzen, und der Reif und Hagel und Brand kommen, wenn alles sich zu gierig und maßlos liebt. Ich verstehe unter der Wissenschaft, welche die ganze Liebe in der Natur auf den Lauf der Sterne und den Wechsel der Jahreszeiten bezieht, die Astronomie.
Endlich aber haben wir noch die Opfer und die Kunst der Seher -- alles also, wodurch die Götter mit den Menschen verkehren -- damit diese über der Liebe wachen und sie heilen. Alle Gottlosigkeit kommt daher, daß der Mensch in seinem Verhältnis zu seinen Eltern, den verstorbenen oder lebenden, und zu seinen Göttern dem echten Eros sich nicht hingibt und den falschen ehrt, dem falschen dient. Es ist die Pflicht der Seher, auf Eros acht zu haben und den falschen zu heilen; denn die Kunst der Seher ist da, damit sie Freundschaft zwischen den Göttern und den Menschen schaffe und erkenne, ob alles Lieben der Menschen nach den Satzungen und zur Frömmigkeit strebe.
So hat denn viel und große, ja alle Macht der ganze Eros, und indem er alle guten Dinge klug und gerecht vollendet, hat er die größte Macht und bringt uns das ganze Heil und macht uns fähig, untereinander und denen, die mehr sind als wir, den Göttern Freunde zu sein. Vielleicht habe ich, da ich den Gott pries, vieles übersehen, aber dann ist es gegen meinen Willen geschehen. Deine Aufgabe, Aristophanes, mag es sein, die Lücken zu füllen. Und wenn du überhaupt im Sinne hast, den Gott zu preisen, so tue es gleich, da ja dein Schlucken vergangen ist!«
Aristophanes griff das gleich auf und erwiderte: »Ja, ja, der Schlucken hat jetzt wirklich aufgehört. Ich konnte ihm allerdings erst mit dem Niesen beikommen und wundere mich eigentlich, daß die Zucht unseres Leibes, von der du sprachst, soviel Umstände wie das Niesen braucht. Jedenfalls hat er aber ganz aufgehört, da ich dieses Mittel anwandte!« »Aber mein Bester, gib nur acht auf dich«, sprach Eryximachos, »statt zu reden machst du Witze und zwingst mich, deine Rede zu kontrollieren. Denn am Ende wirst du wieder nur etwas Komisches aufbringen, obwohl du doch ganz ernst bleiben kannst.« »Du hast recht,« lachte Aristophanes, »vergiß, was ich gesagt habe! Aber bitte, nimm es nicht zu genau, denn ich fürchte, was ich sagen werde, wird nicht komisch -- das wäre ja schließlich noch ein Gewinn und käme auf die Rechnung meiner Kunst --, ich fürchte, es wird nur lächerlich!« »O du willst mich treffen und mir so entgehen!« erwiderte Eryximachos. »Doch nimm dich in acht und rede so, daß du Rechenschaft von deiner Rede geben kannst! Vielleicht spreche ich dich dann frei.«
»Und doch,« begann Aristophanes, »und doch, Eryximachos, habe ich im Sinne, von Eros ganz anders als du und Pausanias zu reden. Mich dünkt, die Menschen haben die große Macht dieses Gottes noch gar nicht recht wahrgenommen; denn sie würden ihm sonst Tempel und Altäre gebaut haben und die größten Opfer darbieten. Bis heute haben sie nichts von allem, was hätte geschehen sollen, getan. Wie kein anderer Gott liebt doch Eros die Menschen, Eros ist der Menschen Helfer, der Menschen Arzt und das hohe Heil jener, die an ihm gesundet sind. Und von seiner Macht will ich zu euch reden, und ihr mögt es die anderen dann lehren. Erfahret denn zuerst von der menschlichen Natur und deren Leiden!
Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es drei Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen und weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden ersten gleichen Teil hatte; sein Name ist uns geblieben, das Geschlecht selbst ist ausgestorben. Ich sage, dieses mann-weibliche Geschlecht hatte einst die Gestalt und den Namen des männlichen und weiblichen Geschlechtes zu einem einzigen vereinigt, und heute ist uns von ihm nur der Name erhalten, und der Name ist ein Schimpfwort. Weiter, die ganze Gestalt jedes Menschen war damals rund, und der Rücken und die Seiten bildeten eine Kugel. Der Mensch hatte also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter drehten sich am Halse, und zwischen beiden Gesichtern stak ein Kopf, aber der Kopf hatte vier Ohren. Der Mensch besaß die Schamteile doppelt, und denkt den Vergleich für euch selbst aus: auch alles andere war demgemäß doppelt! Der Mensch ging zwar aufrecht wie heute, aber nach vorwärts und nach rückwärts, ganz wie es ihm gefiel. Und wenn er laufen wollte, dann machte er's wie die Gaukler, die kopfüber Räder schlagen: er lief dann mit allen acht Gliedern, und so im Rade auf Händen und Füßen kam er allerdings schneller vorwärts als wir heute. Noch einmal, es gab einst drei Geschlechter, und das männliche hatte seinen Ursprung in der Sonne, das weibliche in der Erde, das dritte, welches den beiden ersten gemeinsam ist, hatte ihn im Mond, denn auch der Mond teilt sich zwischen Sonne und Erde. Und gleich den Gestirnen, denen sie eingeboren sind, waren sie rund, und auch ihre Bahn, wenn ihr wollt, lief im Kreise. Groß und übermenschlich war ihre Stärke, ihr Sinnen war verwegen, ja sie versuchten sich sogar an den Göttern. Was Homer von Ephialtos und Otos erzählt, sagt man auch von diesen Menschen: sie wagten den Weg zum Himmel hinauf und wollten sich an den Göttern vergreifen.