Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman
Part 8
In ihm gingen die verschiedensten Gedanken wirr durcheinander. Zum erstenmal fühlte er ihren Körper dicht an dem seinen, zum erstenmal empfand er mit aller Heftigkeit das, was er bisher nur mit seinen Augen gesehen und mit den Ohren gehört hatte. Und jetzt empfand er zum erstenmal in aller Stärke den Unterschied in seinem und ihrem Gefühl, beängstigt, beklemmt, ähnlich wie schon früher, nur viel stärker. Einzelne Bruchstücke ihres früheren Beisammenseins tauchten in seiner Seele auf und verschwanden wieder, ohne daß sich ein selbständiger Gedanke an sie heftete. Sie tauchten empor und sanken unter wie Bilder, die man nur als Zuschauer betrachtet. Dann dämmerten ganz frühe Eindrücke in ihm auf, Landschaften, die er als ganz kleiner Knabe gesehen und die aus seiner Erinnerung geschwunden waren. Sie verrannen wieder, dichtes, feines Stabwerk schwebte ihm vor Augen, wie wenn es anatomisch wäre, verschlungene zarte Röhren; aus ihnen brachen kleine runde Knospen, halb traumhaft dachte er: Das sind die Gedanken, die sich im Gehirne bilden -- -- -- und dann war er wieder in der Wirklichkeit und fühlte Elfriedes Körper.
Draußen trieb der Wind den Regen gegen die Scheiben. Elfriede sprach noch immer nichts; sie wartete auf ein Wort von ihm, das sie befreien mußte; noch immer wollte sie nicht sehen, was doch klar vor ihrer Seele stand. -- Ihm wurde dieses Schweigen schrecklich, so schrecklich, daß er es brechen mußte. Aus ihrem Traum schon halb erwacht, kam sie ganz zu sich und in die leere Wirklichkeit zurück, als er sie endlich fragte: Willst du mir nicht jetzt die Musik vorspielen? -- Jetzt?! fragte sie verständnislos, mit großen Augen. -- Er schwieg wieder. -- Was soll nun werden? fragte sie endlich tonlos. -- Ich reise ab. -- Das Blut lief ihr zu Herzen. Nein, das darfst du nicht! rief sie schnell, du sollst hier bleiben.
Noch vor einer Stunde war es ihr unmöglich erschienen, länger mit ihm zusammen zu leben; jetzt, wo er das Wort der Trennung aussprach, widersetzte sich ihr ganzes Gefühl dagegen. Von der schrecklichsten Last wenigstens fühlte sie sich befreit, er wußte nun, daß sie ihn liebte, und so gab es doch etwas wenigstens, das sie und ihn in der Tiefe verband. --
Komm! sagte er. Sie starrte auf das Tuch von seinem Ärmel, dicht vor ihren Augen, sie fühlte, daß Pitt sich von ihr lösen wollte, obgleich er nach wie vor bewegungslos blieb. Sie täuschte sich vor, daß er ihr diese armselige kleine Zeitlang ganz gehöre, sie wußte, daß dieser Augenblick nie wieder kam. Sie hob den Kopf und sah ihm mit aller Inbrunst in die Augen. Komm! sagte er befangen, und sie fühlte seinen leise abwehrenden Druck.
Mit einer plötzlichen, heftigen Bewegung befreite sie sich von ihm. Für einen Moment ruhten ihre Augen mit einem andern Ausdruck auf den seinen, es war als ob sie etwas sagen wollte, aber sie schwieg, ging an ihm vorbei und verließ das Zimmer.
Pitt blieb zurück in einer dumpfen Betäubung. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben, er starrte hinaus in die Landschaft und fühlte sich verlassen, ausgestoßen, heimatlos. Heute abend würde er Frau van Loo, sowie er sie allein sah, mitteilen, daß er fortging.
Frau van Loo begegnete Elfriede auf der Treppe. Elfriede kehrte das Gesicht fort. In ihrer ersten Überraschung wollte ihre Mutter stehen bleiben, so verändert hatten Elfriedes Züge ausgesehen. -- Aber dann tat sie, als habe sie nichts bemerkt und stieg langsam an ihr vorbei, die Treppe hinauf. -- Elfriede ging in ihr Zimmer, und als Frau van Loo, da sie nicht zum Abendessen kam, an ihre Tür klopfte, die verschlossen war, sagte sie von innen, sie fühle sich nicht wohl und sei bereits zu Bett gegangen; sie lasse niemand herein. -- Auch mich nicht? -- Nein. -- Elfriede horchte von innen, dann hörte sie, wie sich das feine, seidene Geräusch von der Tür entfernte, langsam und gemessen. --
Elfriede hat Kopfweh! sagte Frau van Loo in einem Ton, der gleichmäßig allen Anwesenden galt; sie hat das von mir geerbt, nur daß mir die Glieder vor dem Gewitter schmerzen, und ihr erst hinterher. Pitt war einsilbig und ernst. Hedwig ahnte einen tieferen Zusammenhang und suchte sich mit ihrer Mutter durch Blicke ins Einvernehmen zu setzen, aber Frau van Loo tat als sähe sie das nicht. Ihr Plan war schon gemacht. --
Dieser unerhörte Regen! sagte sie, als man von der Tafel aufstand und sich in das Wohnzimmer begab; ich glaube wahrhaftig, wir müssen heizen. -- Sie ließ den Diener kommen, und bald prasselte ein Feuer im Kamin. -- Das einzige, was einem in diesem unfreundlichen Klima übrig bleibt, fuhr sie fort, ist, es sich möglichst behaglich zu machen, und andere Gegenden zu betrachten, in denen es schöner aussieht als bei uns. -- Sie ließ durch Harald eine Mappe bringen, darin lagen große, vergilbte Photographien. -- Das ist Batavia! sagte sie, und hier ist unser Landhaus; o diese Palmen! und dieser Himmel! -- Pitt sah zerstreut seitwärts mit hinein in die Mappe, auf die langgestreckten, einstöckigen weißen Häuser, auf die riesigen, überhängenden Blätter, von denen ein einziges viel größer war als die Menschen, die unter ihnen standen in ihren weißen Anzügen und den großen Strohhüten, oder fast unbekleidet in ihrer eigenen dunklen Farbe. Da war auch ein Bild von Frau van Loo selbst; in einem weißen faltigen Kleide saß sie unter einem fremdartigen, großblütigen Strauche. Wie schön mußte sie gewesen sein! -- Harald aber interessierte das nicht; er sah die Bilder jede Ferien an. -- Hol die braune Mappe vom obersten Brett! sagte sie, da wirst du Dinge finden, die du noch nicht kennst, es ist eine Sammlung, die dein Vater aus Italien mitgebracht hat. -- Harald holte sie und betrachtete die einzelnen Blätter. Riesige Kuppeln wechselten mit schlanken Türmen, reiche Paläste mit großwandigen, kleinfenstrigen Häusern, die irgendwo aus einer Gegend herauszuwachsen schienen, und hinter ihnen ragten schwarze Baummassen wie spitze Flammenbündel in den Himmel. -- Er geriet in immer größeren Eifer. -- _Möchtest_ du einmal nach Italien? fragte Frau van Loo. Harald war sehr überrascht. Wenn seine Mutter so etwas fragte, so stand auch jedesmal eine Gabe im Hintergrunde. -- Ich würde dich gerne einmal hingehen lassen, meinte sie, denn es ist für deine Erziehung sehr erfreulich. -- Er stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihr Knie. -- Aber du mußt erst älter sein, so alt, daß ich dich ohne Sorgen ziehen lassen kann. -- Ach so! rief er gedehnt und enttäuscht; ich dachte du meintest gleich! -- Jetzt, sagte sie, würde sich wohl keine Gelegenheit finden, denn ich glaube, es gibt niemand, der mit dir ungezogenem Buben reisen möchte. Harald stand einen Augenblick in Gedanken. Er dachte nur darüber nach, ob er niemand wisse, mit dem _er_ gerne reisen würde. -- Pitt! sagte er plötzlich, und sah ihn an, als ob der gerade vom Himmel gefallen wäre. -- Der wird sich wohl bedanken und lieber hierbleiben, wo es für ihn viel gemütlicher ist. -- Hierauf schwieg Frau van Loo und lehnte sich zurück. Was jetzt noch zu tun blieb, war Sache Haralds. -- Pitt hatte im Laufe ihrer Worte gemerkt, worauf Frau van Loo abzielte. So frei und warmherzig ihr Anerbieten war -- er schwankte keinen Augenblick es auszuschlagen. -- Ich muß nach Hause, sagte er, und seine Worte waren gleichmäßig, so ruhig wie seine Augen blickten; ich habe heute morgen von meinem Vater einen Brief bekommen, daß es meiner Mutter sehr schlecht geht! -- Das ist nicht wahr! rief Harald, worauf er entgegnete: würde ich es sonst sagen? und ihn so sicher anblickte, daß Harald nun wirklich bestürzt war. -- All die schönen Pläne waren so schnell vernichtet, wie sie entstanden waren.
Am nächsten Morgen war Elfriede um die gewohnte Zeit beim Frühstück, blaß und ruhig. Sie hatte sich gefaßt und war entschlossen, niemand etwas merken zu lassen. Pitt trat ein, das Blut lief ihr zu Herzen, aber sie nahm seine Hand, ohne ihre Miene zu verändern, nur daß sie ihn nicht ansah. Sie erfuhr, er würde reisen, sie blickte auf das Tischtuch unter sich, einen Augenblick war es, als ob sie etwas halten wollte, das sich schon halb losgerissen hatte und jetzt ins Dunkel zu verschwinden drohte, -- dann ließ sie alles in sich sinken. Gleich nach dem Frühstück ging sie wieder in ihr Zimmer. Pitt sah sie nicht zum Abschied.
Lange hielt er Frau van Loos Hand in der seinigen, bis er sie küßte, dankbar und voll Traurigkeit. -- Der Wagen rollte davon, Frau van Loo wandte sich ins Haus zurück, zu Elfriedens Zimmer, und diesmal ließ sie Elfriede ein.
Viertes Kapitel.
Fox Sintrup ließ wie ein Taxator seine Blicke über die Möbel des besten Zimmers der alten, kleinen Frau Rechnungsrat Bornemann gehen, in dem sich die Reste einer besseren Zeit zusammenfanden. Er senkte sich gewichtig auf das Sofa nieder, um die Elastizität auszuprobieren, untersuchte die Aussicht aus dem Fenster und trat endlich vor den großen, goldenen Spiegel, der sein tadelloses Bild aus tadellosem Glase zurückwarf. Frau Bornemann stand still und klein in der Mitte des Zimmers, und schien, während sie ihm alles zeigte, weniger an ihn als an die Sachen selbst zu denken, denn sie vermietete zum ersten Male. Ihre wenigen Worte kamen aus einem Mündchen, das sich beim Sprechen noch mehr in sich selbst zusammenzog. Erst als er wirklich mietete, und sie ihm nun Haus- und Korridorschlüssel einhändigte, ließ sie einen etwas schüchternen Blick über ihn hingehen.
Famoses Zimmer! dachte er zufrieden, und eine reizende Tochter scheint auch da zu sein; zwar -- wenn die denkt, ich würde irgend etwas unternehmen, dann irrt sie sich: die Töchter aus Bürgerfamilien sind -- also: unantastbar, -- aber immerhin: Ein hübsches Mädchen ist ein herzerfreuender Anblick, den jeder rein genießen darf!
Dieses Mädchen, das ihn neugierig auf der Korridorschwelle gemustert hatte, aus ihren dunklen Augen, war in Wirklichkeit keine Tochter, sondern eine Enkelin der kleinen Frau Bornemann und hieß Lotte Pfanz.
O das feine Leder! Großmutter, das feine Leder! sagte sie, als der Dienstmann Foxens Koffer brachte, und sah ihnen hochachtend und begehrend nach, wie sie in das neuvermietete Zimmer verschwanden. -- Schnickschnack! sagte Frau Bornemann bedächtig, wann wirst du endlich vernünftig werden, Lotte. Leder ist die Haut von Tieren, der Mensch versündigt sich, wenn er sein Herz an eitle Dinge hängt. Kümmere dich nur um deine Seminararbeiten! --
Fox zog nun wirklich ein und wahrte in seinem Verkehr zu Lotte eine noch größere Distanz, als er sich ursprünglich vorgenommen, denn sie hatte ihn gleich bei der Vorstellung sehr beleidigt: Fox fragte, wie das denn möglich sei, daß sie die Enkelin von Frau Bornemann wäre, wenn sie Fräulein Pfanz heiße. Da sagte sie, Frau Bornemann sei eben die Mutter ihrer Mutter, und darauf sah er so perplex aus, daß ihr die Worte entfuhren: Sind Sie aber borniert! Frau Bornemann war zwar über das unhöfliche Betragen ihrer Enkelin zunächst sehr erschreckt, aber da es die Wirkung hatte, daß Fox sie in Zukunft zwar sehr höflich grüßte, im übrigen aber vollkommen ignorierte, so war sie im Grunde doch nicht unzufrieden; denn sie war so besorgt um ihre Enkelin! --
Die ersten Semester hatte Fox fast nur getrunken, indem er sich erinnerte, daß die Zeit der Freiheit nach dem Schulzwang eine Zeit des Gärens, des Sturmes und des Dranges ist. Jetzt wollte er arbeiten, aufwärts klimmen auf der Leiter, die ihn zu höchsten Stufen führte. Daneben hatte er die Absicht, einmal die Kunst einer gehörigen Revision zu unterziehen und seine Kräfte in diesem oder jenem Fach auszubilden. Er wollte es anders machen als sein Bruder Pitt, der stumpfsinnig aus seinen Semestern nach Hause kam und erst dann in etwas lebhaftere Bewegung geriet, wenn er wieder abreisen sollte.
Jetzt hatten sich beider Wege für eine kurze Zeit geeinigt, indem sie auf derselben Universität studierten. Frau Sintrup hatte dies durchaus gewünscht: Dann brauche ich nicht einmal hierhin und einmal dahin zu denken, sondern kann mit demselben Gedanken an alle beide zusammen denken, das ist doch viel einfacher!
Pitt, der nur nicht an dem Orte sein wollte, wo Elfriede war, hatte sich ohne Widerrede gefügt, und gelächelt, als sein Vater sagte: Dann kann dich Fox einmal etwas unter seine Fittige nehmen. Er dachte es sich ganz lustig, seinen Bruder etwas näher kennen zu lernen. Wo dies geschah, war ihm gleichgültig; nur seine ewigen Umzüge von einer Wohnung in die andere hatte er satt bekommen, obgleich die sich jetzt ziemlich leicht gestalteten. Sein Hauptkoffer stand noch immer in dem Zimmer des Herrn Könnecke, der ihm anfangs mehrere Male darüber schrieb; aber Pitt antwortete, er könne die Sachen augenblicklich nicht gut gebrauchen, und vertröstete auf ein späteres Wiederkommen, so daß Fräulein Nippe sich endlich entschloß, aus diesem Koffer einen reellen Zimmerschmuck zu machen: Ein dünner, bedruckter Stoff aus einem orientalischen Basar lag nun darüber, aus einem inneren Bedürfnis nagelte sie noch einen großen japanischen Fächer auf die Wand dahinter, und taufte das ganze auf den Namen »das Angßangbel«.
Pitt mietete jetzt einfach eine Schlafstelle. Er wollte mit seinen Zimmern möglichst wenig zu tun haben. -- Und deine Bücher? fragte Fox. Dies bot keine Schwierigkeit, im Gegenteil: Bücher bekommt man auch in Bibliotheken, und in einem Lesesaal sitzt es sich viel besser als in einer Schlafstelle. Pitt beschloß den ganzen Tag im Lesesaal zu sitzen; er machte dies auch wahr; ursprünglich nur, um zu zeigen, daß man sehr wohl ohne eine Wohnung auskommen könne; dann gewöhnte er sich daran. Auch die praktischen Einrichtungen dort gefielen ihm weit besser, so daß er seiner Wirtin wie ein Geist vorkam.
Fox schuf sich in Bälde einen Verkehrskreis. Zunächst besuchte er den Rektor der Universität, eigentlich nur in dem Gefühle, ihm zu versichern, daß er da sei, wenigstens konnte er keinen wirklichen Grund für sein Kommen angeben. Es knüpften sich auch keine weiteren Folgen an diesen Besuch, und Fox bedauerte, daß die große Universität ein so stumpfsinniges Oberhaupt besitze. Dagegen lobte er diesen und jenen Dozenten, in deren Jours ihm einzudringen gelang. Er verstand es zuzuhören, zu schweigen, bescheidene Fragen zu tun, zu lernen, und da dies an einem jungen Mann seltene Eigenschaften sind, gewann er vielfach Wohlwollen und neue Empfehlungen. Sein großes Anpassungsvermögen ließ ihn in die verschiedensten Kreise eindringen. Bald kannte er außer Leuten der Wissenschaft auch Künstler, Kunststudierende, Architekten, Sportsleute. Viele wußten gar nicht, wo und wie sie seine Bekanntschaft gemacht hatten. Es kam vor, daß er einem ganz fremden Herrn auf der Straße die Hand schüttelte und dann auf irgendein Gespräch zurückkam, das er gar nicht mit ihm geführt hatte: Sie sagten mir damals ... so begann er, und ließ es darauf ankommen, wie weit sich der andere erinnerte oder zu erinnern glaubte. Oft gelang ihm seine Absicht ohne weiteres, indem er sich sagte: In einem großen Salon, wo viele durcheinander sprechen, weiß man nicht, zu wem man dies, zu wem man jenes sprach. Stutzte jedoch der andere, so wog Fox mit großer Geschicklichkeit den Grad dieses Stutzens ab; entweder wußte er ihm dann vollkommen zu suggerieren, daß er damals mit ihm selber sprach, oder aber er sagte etwa: Teufel noch mal -- Sie haben recht! Das Gespräch interessierte mich so sehr, daß ich mir wahrhaftig jetzt einbildete, Sie hätten es mit mir geführt! Was Sie damals sagten, war wirklich famos ... wirklich ganz famos! -- Die Folge war, daß man sich grüßte, daß man sich wieder sprach. In Bildergalerien, Ausstellungen folgte er unbemerkt irgendeiner anerkannten Größe durch die Säle, merkte sich die Bilder, vor denen sie besonders lange verweilte, trat näher, wenn er ein Gespräch erhaschen konnte, bewahrte es gut in seinem Gedächtnis und gab es später wieder von sich als sein eigenes Urteil, mit zögernder Stimme, mit kleinen Kunstpausen, in denen er das bezeichnende Wort zu suchen, sich zu ihm durchzuringen schien. Zuweilen stellte er sich auch dicht neben einen solchen Mann, ließ dessen Blicken seine eignen folgen, und murmelte ergriffen: Kolossal! Ab und zu gelang es durch solch ein hingeworfenes Wort eine Anknüpfung zu finden. Dann erzählte er später, er kenne diesen Maler, jenen berühmten Bildhauer, vor den und den Kunstwerken hätten sie ihn angeredet: Und dabei war der Mann so bescheiden! so einfach! so ganz und gar -- also doch wirklich -- bescheiden! -- Pitt machten solche Erzählungen große Freude: mit anscheinender Bewunderung hörte er zu, wenn Fox die Bilderpreise aus dem Katalog ablas und sie zu hoch oder zu niedrig fand. Manchmal hatte er dem Künstler selbst geraten, den Preis herabzusetzen, und es wäre fast zu einer Verstimmung zwischen ihnen gekommen! Lieber Gott, das ist ja auch natürlich! Pinselt der arme Kerl da Tag für Tag an seiner Leinwand herum und verwechselt schließlich die Mühen seiner Arbeit mit ihrem Wert als Kunstwerk! -- Fox durfte es sich bereits erlauben, unter seinen Freunden und Bekannten auch minderwertige zu besitzen. -- Am meisten aber freute sich Pitt, wenn sie in Konzerten nebeneinander saßen. Fox hatte zu Hause bei dem teuersten Klavierlehrer Stunden gehabt und galt in der Familie als musikalisch. -- Bei den ersten Tönen führte er die Hand vor die Augen, er schien alles um sich her zu vergessen, er seufzte nach dem Schluß des Satzes leise und starrte vor sich hin, im nächsten Satze dirigierte er fast unmerklich mit, ungeduldig beschleunigend, dann wieder unmutig retardierend; und vor dem letzten Satz sah er Pitt mit großen Augen an und flüsterte, jetzt komme das Erhabenste, was überhaupt geschrieben worden sei. Seine Augen wurden immer starrer, er vergaß die Wimpern wieder zu schließen, und endlich lief ihm eine Träne die Wange herunter. -- Für den Fall daß Pitt sie nicht bemerkt haben sollte, konnte es nicht schaden später zu gestehen: Solche Zähren sind erlösend.
Was ist denn _das_? fragte Pitt, als er zum erstenmal das Zimmer seines Bruders betrat. Es war vollkommen illuminiert mit Schwarz-weißdrucken, die den Inhalt einer Bildermappe bildeten, auf die Fox neuerdings abonniert war. Fox belehrte ihn: Ich hänge die Bilder nicht hin zu meinem Vergnügen, sondern zu meiner Erziehung. Wenn ich lange gearbeitet habe und mein Geist nicht mehr recht vorwärts will, dann sehe ich das Bild da vorne an, den Philosophen oder was es ist, von Rembrandt. Wenn ich eine Kritik schreiben soll über Mozartsche Opern, kucke ich nach dem Dings da hinten von Watteau, der mir die ganze Grazie des Mozartschen Zeitalters vor die Seele ruft und mir die Melodien des Meisters überhaupt ganz von selbst erklingen läßt. -- Du schreibst Kritiken? -- Natürlich! Fox nagelte Pitt mit einem Blicke fest und holte langsam aus seiner Rocktasche einige beschriebene Papiere vor. -- Lies das mal zu Hause durch; zwar bist du ja nicht eigentlich musikalisch, aber immerhin ist deine Stimme die eines Unbefangenen. -- Ganz im geheimen hatte Fox eine bessere Meinung von Pitt als von sich selbst. Und wenn Pitt Ausstellungen zu machen hatte an seinen Gedanken, -- -- so brauchte er sich ja einfach nicht nach ihm zu richten! -- Er richtete sich aber dann doch danach. -- Dieses Semester will ich mich einmal ganz auf die Musik werfen, neben meiner Jura. Nächstes Semester kommt die Schauspielkunst dran; da werde ich mich selbst einsetzen mit meiner ganzen Persönlichkeit. Jeder Mensch muß die Fähigkeiten in sich ausbilden, die da sind. Wie? Was? --
Fox übernahm für einige Wochen die Opern- und Konzertkritiken an einem kleinen Blatte. Der eigentliche Rezensent war krank geworden und hatte Fox, der immer noch mehr wußte als er selbst, der Redaktion zur Aushilfe empfohlen. Fox kaufte sich in Antiquariaten Sammelwerke alter Kritiken, nach denen arbeitete er. Er lebte sich ganz in den Journalistenton ein, nannte die Saison den »Winter unseres Mißvergnügens« und redete von »goldnen Früchten, auf silbernen Schalen dargereicht«. Ehe die Kritiken erschienen, lud er Pitt zum Kaffee ein und las ihm alles vor. -- Der Satz ist gut! sagte Pitt und nickte beifällig. Fox sah ihn mißtrauisch an, doch ohne Grund: Pitt hatte längst vergessen, daß dies ein Ausspruch war, den er selbst einmal getan hatte, eine Sentenz, die hier für sich allein stand, aus dem übrigen etwas herausfiel. _Den_ Gedanken, sagte Pitt, hättest du zum Mittelpunkt machen und ihn entwickeln sollen. So für sich allein wirkt er eigentlich unverständlich, am Schluß widersprichst du dir sogar.
Fox begann auch Buchbesprechungen zu machen: Lies das mal zu Hause, du hast mehr Zeit als ich, es kommt mir nur darauf an, die leitenden Gesichtspunkte zu finden. Die kannst du mir mal aufstöbern, ich werde sie dann verarbeiten. Pitt belustigte dies alles, aber er bestärkte Fox in seinen Schreibereien und sagte mehrmals, es gehöre ein besonderes Talent dazu, derartiges zu machen; er selbst könne das nicht, er habe zu wenig anhaltende Energie und Spannkraft. -- Ja, das ist die Hauptsache! bestätigte Fox bedauernd. Pitt erschien immer häufiger bei ihm. -- Ich dachte, du hättest vielleicht heute wieder eine Kritik zum Vorlesen. -- Nee, heute nicht, sagte Fox bedauernd-gönnerhaft. -- Pitt ging, läutete aber nach zwei Minuten abermals und fragte: Hast du morgen eine? --
Manchmal öffnete ihm Frau Bornemann, manchmal aber auch Lotte, und sie wollte er sehen. -- Dies ist ein Mädchen, dachte er, das ich vielleicht lieben könnte. Lotte öffnete stets vergnügt ihren roten Mund, wenn sie ihn sah, und blickte ihn mit unverhohlenem Wohlgefallen an, und wenn Großmutter auf das Läuten hinausging, spähte sie durch die Zimmertür. Einmal bemerkte Fox an Lottes Brust eine Rose, und wußte mit Sicherheit, daß Pitt am selben Morgen -- wenn es nicht dieselbe war -- mindestens ganz genau eine gleiche in der Hand getragen hatte. Halloh! dachte er, sollten seine häufigen Besuche mit dem Mädchen in Verbindung stehen? Sollte da irgendwas im Anzug sein? Hier unter meinen Augen gleichsam? Das reine Kind? Die dunkeläugige Blume?! -- Sein Ehr- und Selbstgefühl regte sich. Vielleicht hatte Pitt keine schlimmen Absichten -- aber immerhin: Man konnte nicht wissen was daraus erwuchs. Er selbst aber fühlte sich als Schirmherrn der kleinen Familie, er würde jede drohende Wolke verscheuchen! Wenn jemand ausersehen war, ihr Freund zu sein -- ganz in Ehren natürlich -- so war er selbst das doch, wo er sowieso im Hause wohnte -- und dann: Überhaupt, er hatte moralischere Rechte. -- Ich habe die folgenden Wochen stark zu arbeiten, sagte er zu Pitt, und kann dich kaum gebrauchen -- und wenn es läutete, stürzte er die nächsten Tage selbst zur Tür. --
Pitt kam nicht mehr. -- Es schadet im Grunde auch gar nichts, dachte er, Gott weiß, in was ich mich da verstrickt hätte. Dafür kam Fox mit seinen Kritiken jetzt zu ihm: Mein Ofen raucht! sagte er.