Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Part 7

Chapter 73,753 wordsPublic domain

Nach einer Weile wurde sie abermals gestört: Hedwig trat herein. -- Ich möchte dir gerne etwas sagen. -- Sie wartete, daß Elfriede ihr Spiel unterbrechen solle. -- Sprich nur, ich höre schon. -- Sie wartete wieder eine Zeitlang, dann kam sie auf den Flügel zu und schloß den Tastendeckel, daß Elfriede schnell die Hände wegzog. Beide sahen sich einen Augenblick an, fast wie zwei Feinde. -- Elfriede stieß den Deckel wieder auf. Was willst du denn? -- Was ich will? Kannst du dir das nicht denken? -- Absolut nicht! sagte Elfriede gereizt und trotzig. -- Dann will ich es dir sagen: Wenn das so fortgeht, so gebe ich dir mein Wort darauf, daß dieser Mensch schon in den nächsten Tagen das Gut verläßt. -- Welcher Mensch? fragte Elfriede erregt. -- Es handelt sich nur um den einen. -- Also doch! Ich hatte gedacht, daß du etwas anständiger von jemand redest, der mein Freund ist und unser Gast! -- Ich rede von den Menschen so wie sie es verdienen. Dieser Herr Sintrup hat keine Art, sich beliebt zu machen, und wenn es noch das allein wäre! Aber er stiftet Unfrieden zwischen uns allen. Von seinem Benehmen gegen mich will ich gänzlich schweigen; es war niemals taktvoll; aber er hat auch andere Leute angesteckt. -- Wer sind die andern Leute? -- Du und Harald! Es ist ja, als wenn ihr ein Bündnis gegen mich geschlossen hättet; alles ergreift Partei gegen mich, nur weil ich die Wahrheit sage: Halboffene Seitenblicke, unterdrücktes Lächeln -- denkt ihr denn ich sehe das alles nicht? Ich tue nur, als ob ich nichts bemerke, weil ich eine bessere Lebensart habe als ihr. Ich bemühe mich, zu vertuschen, zu bemänteln, nicht aus Rücksicht auf euch, sondern aus Rücksicht auf unsere Mutter, der ich alles Unangenehme ersparen möchte, aber ihr werdet ja geradezu flegelhaft! Die Mißstimmung beim Frühstück heute morgen dachte ich zu überbrücken, indem ich mich euch beim Spazierengehen anschließen will: Harald sieht mich im Garten, kehrt vor mir um und läuft davon. Noch einmal nehme ich mich zusammen und folge euch zum Wasser hinunter; ihr versteckt euch wie Schulkinder vor mir, im Gebüsch, und macht eure Witze über mich. Und »Herr Pitt« ist der Anführer. -- Das ist nicht wahr! rief Elfriede, Harald verkroch sich zuerst! -- Um so schlimmer! Soweit habt ihr ihn schon gebracht in der kurzen Zeit. Harald war früher ein ganz anderer Mensch, zuweilen ungezogen, aber einfach und natürlich. Jetzt aber sucht er geradezu Streit mit mir, und in seinen Antworten ist ein Geist -- wenn ich es überhaupt so nennen soll -- der ihm ganz fremd ist. Gestern nenne ich ihn halb im Scherz einen »losen Vogel«; er will antworten, und ich sehe es seinem Gesichte an, daß ihm nichts einfällt. Jetzt, heute morgen wirft er mir unversehens die Worte an den Kopf: Gefangene Vögel schelten immer auf die freien. Denkst du ich weiß nicht, woher solche Antwort kommt? Will Harald aus sich selber witzig sein? Liegt das in seinem Charakter? Und noch dazu auf eine so alberne und abgeschmackte Weise witzig? Harald wiederholt sorglos das was man ihm vorsagt. Er wird hier geradezu verdorben. -- Pitt ist niemals albern oder abgeschmackt! rief Elfriede. -- Das wundert mich nicht von dir zu hören, glaubst du denn ich sähe nicht, wie du dich von ihm beeinflussen läßt? Ich rede eben nicht in bezug auf mich, sondern im allgemeinen. Du sagst Dinge, die du früher nie gesagt hättest, du bewunderst ihn blindlings, du findest seine Plattitüden interessant, du wirst ihm sogar in den Bewegungen ähnlich -- sieh, wie du eben den Finger aufhebst, um mich zu unterbrechen! Ganz seine Art, ganz sein Benehmen. Er ist ein durch und durch uninteressanter Mensch, der seine Existenz wenigstens durch ein tadelloses Benehmen erträglich machen sollte. -- Elfriede war blaß geworden und ihre Lippen zitterten. -- Was du da sagst, rief sie, sagst du nur aus Neid. Du mißgönnst es mir, daß ich einen Menschen lieb habe und daß er mich lieb hat. Aber nun ist es genug; geh hinaus! -- Elfriede hatte sich jäh zu ihr gewendet, und ihre Augen brannten. -- Ich gehe, wenn ich die Lust dazu habe, ich bin hier so gut in meinem wie in deinem Hause. Merke dir, was ich gesagt habe, du bist nun gewarnt! -- Sie schritt an ihr vorbei und schloß geräuschvoll die Tür hinter sich. -- Sofort fielen Elfriedes Finger wieder in die Tasten. Hedwig sollte es empfinden, daß es ihr völlig gleichgültig war, was sie sagte. Und Pitt, der würde einfach lachen, wenn sie es ihm erzählte. --

Hedwig war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Die Hauptsache hatte sie vergessen zu sagen: Was für ein Unterschied war denn zwischen lieben und lieb haben? Hatte Elfriede nicht eigentlich eingestanden, daß sie diesen Pitt liebe? -- Sie ging zu ihrer Mutter und teilte ihr das ganze Vorausgegangene mit. -- Ich sehe nichts Gutes für Elfriede ab, wenn er noch lange hier bleibt, schloß sie; wir können ihn nicht eins, zwei, drei wieder fortschicken, das wäre gegen die Sitte und gegen alle Gastfreundschaft, aber ich halte es für das beste, daß er nicht länger bleibt als unumgänglich nötig ist. Mag sein, daß Elfriede bis jetzt noch nicht in ihn verliebt ist, -- die Unterschiede sind übrigens zuweilen fast unkenntlich -- aber die Gefahr scheint mir jetzt ganz nah. -- Jedenfalls, sagte Frau van Loo, wird die »Gefahr«, wie du es nennst, vergrößert, wenn jemand auf sie einredet, wenn man ihr die Möglichkeit vorhält. Und was diesen Pitt selbst betrifft, so wird -- wie ich ihn auffasse -- seine Neigung zu ihr niemals über die Grenze einer Freundschaft hinauskommen. Hedwig bestritt dieses und erinnerte an die Art, wie Pitt damals Elfriede kennen lernte; das sei doch eigentlich ein genügend deutlicher Fingerzeig. -- Zwei Dinge, sagte Frau van Loo, können sich zum Verwechseln ähnlich sehen und doch etwas ganz Verschiedenes sein. Hedwig zuckte die Achseln und ging.

Pitt war inzwischen nach Hause gegangen und hatte über alles nachgedacht. Er ärgerte sich, daß er Elfriede hatte allein gehen lassen. Jetzt wußte er mit einem Male klar, was er bisher nur geahnt hatte: daß Elfriede ihn liebe. Dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit einer stillen Freude; sein eigenes Gefühl zu ihr erschien ihm nun mit einem Male fest, sicher, klar. Zuweilen war er an sich selber irre geworden, wenn er darüber nachdachte, daß er eigentlich noch niemals irgendeine Angst um sie empfunden hatte, daß ihm ihr Dasein so selbstverständlich war wie sein eigenes, daß es Stunden gab, wo er sich ihres Daseins erst genau so erinnern mußte wie seines eigenen, das er mitunter ganz vergaß. Aber muß denn einer Liebe stets irgend etwas Bitteres, etwas Aufregendes und Zerrendes beigemischt sein? Er fühlte sich in seinem Zustand vollkommen wohl, und jetzt noch viel wohler, da er ihm gesichert schien.

Elfriede sprach mit ihm über das Vorgefallene, und während sie sprach, sah er sie mit einem so stillen Blicke an, daß sie verwirrt die Augen von ihm kehrte. Er ergriff ihre Hand und sagte: Wollen wir wegen einer solchen Dummheit diese schöne Zeit, die vielleicht nie wieder kommt, abbrechen? Diese Worte gingen ihr noch lange nach. Sie fühlte, daß zwischen ihm und ihr ein tieferes Einverständnis war als all die Zeit vorher.

Harald war nicht so ohne weiteres einverstanden mit dem neuen Leben, Hedwig gegenüber. Sie fing ihn ab, als er pfeifend an ihr vorüber wollte. Er kam mit geröteter Stirn zu Pitt und Elfriede, erzählte alles und sagte in dem Tone eines Bandenanführers: Irgend etwas muß gegen sie unternommen werden! Und als beide nicht mittun wollten, meinte er verwundert: was seht ihr denn so zufrieden aus? _Ich_ finde dieses furchtbar dumm. -- Alleine unternehme ich auch nichts gegen sie! fügte er nach einer Pause hinzu, wie eine Warnung, sich noch zu besinnen. Dann ging er enttäuscht hinaus. -- Und nicht einmal die Komtesse darf ich sie mehr nennen, weil sie das herzlos findet. Ich möchte wissen, was daran herzlos ist. --

Es folgten nun ruhigere Tage. Pitt und Elfriede waren fast stets zusammen. Sie schienen wie zwei gute Kameraden, Hedwig hätte alle ihre Worte hören können, ohne den geringsten Anlaß zu einem Tadel zu haben. Jenem ersten, unklaren Ausbruch in Elfriedes Gefühl schien kein zweiter zu folgen.

Nur nahm sie jetzt, wenn sie draußen zusammen gingen, zuweilen still seinen Arm, was er geschehen ließ, obgleich er es im Grunde nicht gerne mochte, da es ihn an Ehepaare erinnerte. Aber am Ende ihrer Unterhaltungen geschah es jedesmal, daß sie still und einsilbig wurde. Dann überkam ihn ein unbehagliches Gefühl und er redete von den abgelegensten Dingen, und sie ließ sich halb widerwillig in ein neues Gespräch ziehen, bis sie abermals verstummte. Endlich machte er sich unter irgend einem Vorwande frei von ihrem Arm, da ihn dieses ganz nahe Beieinandergehen beengte, seine Schritte wurden immer schneller, und schließlich ging sie beinah hinter ihm. Sie begriff ihn nicht, und begann zu leiden. -- Ich möchte heute gern allein gehen! sagte er zuweilen. Dann antwortete sie nicht, aber in ihren Augen lag eine solche Traurigkeit, daß er hinzusetzte: oder ich kann ja auch morgen einmal allein gehen. Dann gingen sie zusammen. Und wieder begann er zu sprechen, wieder antwortete sie ihm, aber es kam allmählich so, daß sie auch nicht einmal für kürzere Zeit ihre Gedanken sammeln konnte auf etwas, das nicht einen unmittelbaren Bezug auf ihn oder auf sie selber hatte. --

Schon morgens, wenn sie ihn begrüßte, lag nun in ihren Augen ein Ausdruck, wie er sich bisher, in der allerletzten Zeit, erst allmählich im Lauf des Tages bildete, nachdem sie durch ihr selber oft ganz unbewußte Enttäuschungen hindurch geschritten war. Im Beisein der anderen beherrschte sie sich instinktiv. Aber Frau van Loo bemerkte trotzdem ihren Wandel.

Der Ton der Unbefangenheit schwand mehr und mehr zwischen Pitt und Elfriede. -- Was ist es nur? Was hat er nur? dachte sie, wie sie deutlich zu bemerken begann, daß er anfing sie zu vermeiden. Und er wiederum dachte: Wie war Elfriede früher anders! Noch immer bildete er sich ein, er liebe sie, und daß sie die Liebe einmal anders auffaßte als er; und da er sie nicht kränken wollte, sondern wenigstens Versuche machen, ihr so zu begegnen wie sie ihm, kam zuweilen in sein Wesen eine Dissonanz, eine ungewollte Unehrlichkeit gegen sie und gegen sich selber. Er nahm ihre Hand und streichelte sie, Elfriede überließ sich für einen Augenblick ganz ihrem Gefühl und dachte: alles wird noch gut -- worunter sie sich gar nichts Bestimmtes vorstellte -- und dann ging er fort von ihr, indem er sagte, er müsse an seinen Vater schreiben; dies war das traurigste, wenn sie dachte: Sein Vater? Was kann er denn seinem Vater schreiben wollen!? --

Er fühlte es allmählich selbst, was er nicht fühlen wollte, und was doch mit immer stärkerer Deutlichkeit hervortrat: daß sein Gefühl zu Elfriede ganz anders war als Elfriedes zu ihm selbst. Und mitunter empfand er mit rücksichtsloser Klarheit, daß es das beste sei, wenn er nicht länger blieb. Später, wenn sie wieder in der Stadt war, würde Elfriede sicherlich den alten Ton zurückfinden. Oder sollte er doch bleiben? Konnte die Welle nicht auch ihn überfluten? -- Die Ausflüsse solcher Stimmungen erschienen ihr rätselhaft. Plötzlich war er bei ihr, und plötzlich ging er wieder.

Warum stehst du jetzt so unendlich spät auf? fragte sie einmal, die schöne Zeit ist plötzlich vorbei, ohne daß wir es wissen! -- Er log, er habe den Schlaf nötig, in den ersten Nachtstunden läge er stets wach. -- Du auch?! fragte sie, und er bedauerte, dies gesagt zu haben. Sein wirklicher Grund war ein ganz anderer: er wollte den ganzen langen Tag abkürzen, die Vormittagsstunden schlief er nicht, sondern las im Bette. Immer später erschien er, einmal verspätete er sich sogar zum Mittagessen, so daß Frau van Loo, der es ganz lieb war, daß Elfriede den Vormittag auf sich allein angewiesen war, zu ihm sagte: Durch progressive Steigerungen können Sie es noch erreichen, Herr Pitt, daß Sie eines Morgens einmal wieder richtig zum Kaffee eintreffen. --

Elfriede übte gleich nach dem Frühstück mehrere Stunden hintereinander; sie mußte sich nicht dazu zwingen, im Gegenteil: auf diese Weise täuschte sie sich am besten hinweg über die Zeit, wo das Haus ihr leer erschien, wo sie sonst ohne wirkliche Beschäftigung war, und voll innerer Unruhe nur immer auf alle Tritte horchte und zur Tür sah. --

Harald und Hedwig befreundeten sich wieder. Elfriede bekümmerte sich nicht mehr wie sonst um ihn, und er mußte jemand haben, der sich mit ihm beschäftigte. Sie ritten zusammen, er bewunderte ihre gute Haltung, und die Eleganz, mit der sie über Gräben hinwegsetzte. Sein größter Ehrgeiz war es nun, von ihr ein Lob zu verdienen, das sie sehr spärlich austeilte; die geschnürte Taille, über die er anfangs so gespottet hatte, erschien ihm jetzt im anderen Lichte, ja »durchaus notwendig« für eine vornehme Reiterin, wie er sich bei Tisch ausdrückte. Die beiden kamen immer sehr frisch von ihren Ritten zurück. -- Weshalb reitest du eigentlich niemals mit? fragte Frau van Loo Elfriede; du bist immer blaß und kommst zu wenig an die frische Luft; deine Übungen werden immer unerträglicher. -- So sprach sie, und dachte: lange sehe ich dieses nicht mehr mit an. Aber Elfriede fand stets Ausflüchte, bis ihre Mutter ihr eines Morgens stillschweigend ein Pferd satteln ließ; wohl oder übel mußte sie mitreiten, anfänglich ganz froh, dann immer stiller; und wie erst der Wald zwischen ihr und dem Gute lag, daß sie das Haus nirgends mehr finden konnte, faßte sie eine große Unruhe, sie blieb hinter Harald und Hedwig zurück und ward erst ruhiger, als das Schlößchen wieder in der Ferne vor ihren Blicken lag. Sie strengte ihre Augen an, sie zählte alle Fenster, ihr Blick blieb auf _einem_ haften während der ganzen Zeit ihres Rückwegs. -- Es greift mich zu sehr an, sagte sie, absteigend, zu ihrer Mutter, und fiel ihr fast in die Arme. Das erstemal, fügte sie, sich zusammennehmend, hinzu, ist es immer mehr eine Arbeit als ein Vergnügen; ich werde morgen wieder reiten! Aber sie ritt nicht wieder, sie saß wieder am Flügel, und wenn eine Tür ging, zuckte sie zusammen. Wenn sie allein war mit den andern, war sie stumm und gedrückt; trat Pitt ins Zimmer, ward sie lebhafter; als wäre es selbstverständlich, war sie stets an seiner Seite, sie antwortete nur halb dem was er sagte, ihre Stimme hatte einen belegten, trockenen Klang. Und schließlich konnte sie auch nicht mehr üben; alles schien seinen Sinn verloren zu haben.

Leise näherte sich ihr Frau van Loo; aber wie sie nur das erste Wort sagte, fiel Elfriede erregt ein: es sei schrecklich, daß man nicht mehr eine Freundschaft haben dürfe, bis jetzt habe sie geglaubt, daß ihre Mutter wenigstens natürlich und einfach dächte, nun werde sie auch noch von Hedwig angesteckt! Ich muß es doch am besten wissen, was ich fühle! -- Also ist es noch zu früh; dachte Frau van Loo und wartete. -- Elfriede beherrschte sich die nächsten Tage, aber langsam, ohne daß sie das geringste dagegen tun konnte, kam es wieder über sie.

Sie vermied jetzt jede Berührung mit ihm; wenn er ihr morgens die Hand reichte, nahm sie sie nur flüchtig. Harald bemerkte Elfriedes Traurigkeit einmal, als er sie allein in einem Zimmer überraschte. -- Habt ihr euch gezankt? fragte er Pitt: Elfriede ist so traurig. -- Ja, sagte Pitt, sie ist traurig, und ich bin traurig darüber. Diese Worte kamen ihm ganz einfach über die Lippen, da Harald so warm und selbstverständlich sprach. -- Harald teilte dies sofort Elfriede mit: sei doch wieder gut mit ihm, Pitt ist so furchtbar traurig! Elfriede hielt mit Mühe die Tränen zurück. Aber Haralds Worte taten ihr wohl, und die Hoffnung kam in ihr Herz zurück. Als sie Pitt wiedersah, erwartete sie ein Wort von ihm über das, was er zu Harald gesagt hatte; aber es war als habe er es nie gesprochen, oder schon wieder vergessen. In seinem Wesen schien kein innerer Zwang zu sein, nichts schien einem Gesetz zu folgen.

Dennoch wurde sie für kürzere Zeit heiterer, indem sie dachte: So weiß ich es doch wenigstens, wenn er es mir auch nicht selber sagt. Aber lange hielt diese Stimmung nicht an: ein kleines Wort von ihm genügte, sie von einem Gefühl ins andere zu werfen. Eine geringe Veränderung in seiner Miene machte sie traurig oder froher. Sie hatte Angst, wenn er zu Tisch kam, ob er sie zuerst ansehen oder ob er nur im allgemeinen guten Tag wünschen würde; wenn geredet wurde und sie selber etwas sagte, sah sie hin zu ihm, ob der Klang ihrer Stimme irgendeine Veränderung auf seinen Zügen hervorrufe; wenn man vom Tische aufstand, beobachtete sie, wohin er seine Schritte wende, ob er gleichgültig irgend einen Gegenstand anfaßte, oder ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen würde. Gingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine Gedanken zu ergründen, wenn er vorausschritt. Mit Mühe bezwang sie sich, aber gegen ihren Willen schritt sie schneller, bis sie an seiner Seite war. Wenn sie abends alle nach dem Tee zusammensaßen und Hedwig Geschichten von Bällen, Rennen und Gesellschaften erzählte, wenn überhaupt irgend jemand länger sprach, irrten ihre Gedanken sogleich ab, ihre Augen suchten seine Augen, ob sie sich nicht in ein heimliches Einverständnis mit ihr setzten, das über die Erzählungen hinweg sie und ihn in eine glückliche Stille führe, -- und wenn er dann endlich zu ihr herübersah, da er empfand, daß sie sich nach einem Zeichen von ihm sehne, dann ließ ihre Spannung etwas nach.

Pitt wurde dieser Zustand unerträglich. Es war ihm, als habe er seine Freiheit verloren, er begann fast einen Widerwillen gegen Elfriede zu empfinden. Ihr Wesen erschien ihm verzerrt und fremd, es drohte all seinen Schimmer für ihn zu verlieren.

Die Erwägung, daß dies alles seinetwillen war, half ihm nicht darüber hinweg. Wieder nahm er sich vor, abzureisen, aber schon bei dem Gedanken daran stieg ihm Elfriedes Bild so wie es war und wie er es liebte, hemmend vor die Seele. Er geriet in einen Zwiespalt mit sich selbst, wußte nicht mehr was er tun sollte. Aber schließlich raffte er sich zu einem Entschlusse auf: Ich reise morgen! -- Du reist morgen? Elfriede erblaßte. Ist es dir denn ganz gleichgültig, ob du hier bist oder wo anders? -- Pitt sah ins Leere und seine Augen wurden feucht. -- Siehst du, du denkst selbst nicht im Ernst daran. -- Sie stand vor ihm, hob die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. -- Oder ist es dir doch gleichgültig? -- Sie sah ihm fast flehend in die Augen. -- Es war als käme er aus einem Traume zu sich. Er blickte ihr ins Gesicht, unklar, zweifelnd, grübelnd, und er blieb. -- Aber ihre Gegenwart bedrückte, beengte ihn mehr und mehr, er fing an ein Alleinsein mit ihr überhaupt zu vermeiden und schloß sich an Harald an, mit dem er nachmittags zusammen arbeitete. Harald hatte gesagt, daß ihm die Mathematik so schwer werde, und daß dies eine wahnsinnig dumme Wissenschaft sei. Jetzt, unter Pitts Anleitung, wurde sie ihm plötzlich nahgerückt und interessant; denn Pitt verstand es, aus ihr eine Kunst zu machen, die sich auf den einfachsten Grundlagen aufbaute. Dinge, die Harald früher unbegreiflich erschienen waren, lösten sich unter seinen Worten und Beschreibungen zu durchsichtigster Selbstverständlichkeit auf; es lockte geradezu, auf diesen schwanken Brettern und Balken herumzusteigen, neue Brücken und Verbindungen zu schlagen, und wenn man einmal leichtsinnig oder unüberlegt abstürzte, so tat der Sturz nicht weh, man erhob sich als sei man niemals heruntergefallen, und sah sich das nächstemal etwas vorsichtiger um. -- Pitt ist ganz anders als andere Menschen! sagte Harald zu seiner Mutter; man schämt sich nie vor ihm. Wenn ich etwas Dummes sage, dann ist es immer so, als ob er es eigentlich gesagt hätte und dann nur gleich das Richtige fände. Er sagt alles so klar und einfach in den Stunden, und dann hinterher, wenn wir uns unterhalten, muß ich mich manchmal durcharbeiten durch seine Worte, wie durch ein Gestrüpp, hinter dem der Sinn sitzt. --

Eines Spätnachmittags gegen Abend, als sie wieder lange zusammengesessen hatten, trat Elfriede ein. Sie hatte Pitt an diesem Tage fast noch gar nicht gesehen, und hielt ihren Zustand nicht mehr aus. Mit stumpfen Augen stand sie da -- er konnte diese Augen fast nicht mehr ansehen -- und bat ihn, mit ihr ins Musikzimmer zu kommen; sie habe unter den Noten ein schönes altes Stück gefunden, das sie ihm früher einmal vorspielte, und das ihm so gut gefallen habe. -- Im selben Augenblick, wo sie so unter der geöffneten Tür stand, schlug das Fenster zu. Draußen hatte sich nach der schwülen Tageshitze ein Wind erhoben, es drohte ein Gewitter. Pitt sagte, sie möge vorangehen, er wolle nur noch oben in seinem Zimmer das Fenster schließen. -- Sie dachte: das können doch auch die Mädchen! antwortete aber nicht und begab sich stumm zum Flügel, schlug das Stück auf und horchte von ihrem Sitz aus auf den Gang hinaus, zur Treppe. Schließlich begann sie Akkorde anzuschlagen, ohne Zusammenhang, nur um die Zeit des Wartens hinzubringen. Aber Pitt kam nicht. Eine Viertelstunde war vergangen, endlich erhob sie sich. Sie horchte wieder. Schließlich schritt sie langsam die Treppe hinauf, bis vor seine Tür, zögerte einen Augenblick, öffnete sie dann aber in dem sicheren Gefühl, daß Pitt doch nicht im Zimmer sei, und stand bewegungslos und fragend auf der Schwelle.

Pitt saß am Fenster, den Kopf in die linke Hand gestützt, und zeichnete Figuren. Sie sah dies wie ein lebendes Bild, das nur einen einzigen Augenblick andauerte, denn im nächsten hatte er den Kopf zu ihr gewendet, und sah sie ebenfalls bewegungslos und fragend an. -- Ach so! rief er, indem er aufsprang, das hatte ich ganz vergessen. Mir fiel vorhin ein einfacherer Beweis für Harald ein, ein neuer, den ich selbst gemacht habe, und dazu zeichnete ich gerade die Figur. -- Sie hatte die Tür hinter sich geschlossen und trat näher; sie sah ihn so sonderbar und ernst an, daß er wußte: Jetzt kommt die Entscheidung. Eine nervöse Unruhe überfiel ihn, er wollte langsam an ihr vorbei, blieb aber auf halbem Wege stehen. -- Was hast du denn? fragte er, nur um etwas zu sagen, und doch wußte er, daß diese Frage gerade die schlimmste von allen war. -- Sie antwortete noch immer nichts und hielt ihre traurigen Augen unausgesetzt auf ihn gerichtet. Sie wollte sprechen, sie vermochte es nicht. In dem Gefühl, etwas tun zu müssen, worauf sie wartete, wonach sie sich sehnte, legte er sanft den Arm um sie und zog sie an sich. Da lösten sich ihre Tränen.

O, du quälst mich so! -- -- diese Worte schienen das Zimmer noch zu füllen, nachdem sie längst verklungen waren. --

O, du quälst mich so! wiederholte sie langsam, heftiger, und er fühlte, wie ihr Körper in verhaltenem Schluchzen bebte. Ihre Arme, die ihn ganz umfaßt hielten, umschlangen ihn noch enger. Es war, als wollten sie ihn nie wieder loslassen. Sie hatte die Augen geschlossen, sie vergaß alles um sich her, sie wußte nur, daß sie ihn in ihren Armen hielt.