Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman
Part 6
Fräulein Nippe bedauerte, daß Pitt ging, und äußerte Befürchtungen, daß er ihre Pflege sehr vermissen werde. Aber Frau van Loo, sagte sie, ist eine gute Seele. Ich habe sie zwar nur ein paarmal in ihrer Equipage fahren sehen, aber man hat doch seine Menschenkenntnis. Und dazu diese fürstliche Erscheinung! Wenn auch nicht alles echt an ihr sein mag -- lieber Gott, wenn man jung aussehen will und zum Beispiel graue Augenbrauen hat, färbt man sie doch, und wenn man den ganzen Tag nichts zu tun und Geld wie Heu hat, und nicht einmal seinen Körper pflegen will -- -- Fräulein Nippe hätte keine ihrer Andeutungen auch nur mit dem Scheine eines Grundes bekräftigen können, aber auf den Gedanken wäre sie auch nie gekommen. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen: Wie steht es denn jetzt mit Ihnen beiden? Ich meine diesmal aber das Fräulein! -- Hören Sie mal, sagte Pitt, der sich mühte, seinen Handkoffer zu verschnallen, -- Sie werden zudringlich. -- Fräulein Nippe wich ein wenig gegen die Tür zurück, als fühle sie sich schon halb hinausgeworfen. -- Herr Sintrup, meinte sie, Sie müssen sich Ihre Worte mehr überlegen! _Ich_ verstehe Sie ja richtig, aber andere werden Ihre Worte manchmal falsch auslegen. Sie wissen, daß ich nur Ihr Bestes will. Kann ich etwas dafür, daß Sie es ablehnten, als ich mich erbot, nachmittags oder abends, so oft Sie wollten, an der Musikschule zu warten und ihr ein Briefchen zu übermitteln, wo mich mein Weg sowieso dort in der Nähe vorbei führt? --
Als Pitt sich ein letztes Mal in dem Zimmer umsah, hatte er plötzlich das Gefühl, er werde es nie wiedersehen, als werde irgend etwas Drohendes eintreten, das fast hinter ihm stand. Im nächsten Augenblick lachte er über sich selbst. --
Eine Stunde später saß er mit den andern in der Eisenbahn. Hedwig hatte einen spannenden Roman für die Fahrt mitgenommen und blickte selten von ihrem Buche auf, Frau van Loo lehnte den Kopf zurück und schlief auf öden Strecken, ließ sich aber von Elfriede aufwecken, wenn es etwas Schönes zu sehen gab, und dann schien es jedesmal, als habe sie überhaupt nicht geschlafen, sondern nur die Augen geschlossen, um sich Langweiliges zu ersparen.
Elfriede war während der Fahrt in schönster, zufriedener Stimmung. Was sie wollte, hatte sie erreicht: Pitt saß neben ihr; sie fühlte sich glücklich, wenn sie daran dachte, wie er jetzt da draußen innerlich aufleben und die Natur genießen würde. Und daß _sie_ ihm dazu verhalf, das war das schönste. Leise redete sie mit ihm, was sie alles draußen tun würden, und wie sie sich auf alles freue. Sie beschrieb ihm genau die Lage des Gutes, und er hörte mit willigem Interesse zu, obgleich ihm ihre Schilderungen unbehaglich waren: Bei Beschreibungen von Gegenden konnte er nichts, gar nichts empfinden, im Grunde langweilten sie ihn nur. Während sie erzählte, sah er auf ihre Finger, und er konnte es nicht ändern, daß seine Gedanken allmählich abirrten. Wie fest, fein und gedrungen waren ihre Hände! Er verwunderte sich, wie sie jetzt so unbeweglich auf ihrem Knie lagen, daß sie die Kraft haben konnten, große und schwere Akkorde erklingen zu lassen; das paßte doch eigentlich gar nicht zu Elfriedes Wesen. Paßte die Musik überhaupt zu ihr? Er hatte ihr nie etwas darüber gesagt; zu Anfang ihrer Bekanntschaft bewunderte er ihre Kunst, da sie ihm neu war, und Elfriedens Wesen durch sie gehoben erschien. Aber je öfter er sie spielen hörte, je gewohnter ihm ihr Spiel wurde, um so mehr verlor es seinen Zauber, und jetzt fragte er sich, ob sie nicht ebensogut irgend etwas anderes hätte ergreifen können, was sie ebenso glücklich gemacht haben würde. -- Was denkst du? fragte Elfriede endlich, da er nicht mehr antwortete und sie bemerkte, wie sein Blick so nachdenklich auf ihrer Hand ruhte. -- Er errötete fast wie wenn er ertappt wäre. Sie suchte den Sinn dieses Errötens still zu erraten, und als er sie nun anblickte, mit irgend einem Verschweigen in den Augen, war ihr als rinne ein geheimer, stiller Strom durch sie beide. -- Frau van Loo erwachte von selber und fragte, wie es denn käme, daß sie durch Italien führen: das da ist doch eine Pinie! Hedwig sah von ihrem Buche auf und erklärte, es sei eine Kiefer, worauf Frau van Loo entgegnete, dann sähen in Italien die Pinien genau so aus, wie hier die Kiefern. -- Schlaf nur wieder! tönte Hedwig aus ihrer Ecke, wenn du das nächstemal aufwachst, sind wir vielleicht schon in Batavia. -- Ach wären wir doch wieder in Batavia! sagte Frau van Loo freundlich; hier in Deutschland friert man immer und niemand sorgt für einen. Wenn ihr beide einmal verheiratet seid, gehe ich mit Harald zurück in die alte Heimat. -- Aber Harald geht doch zur See! warf Elfriede ein. -- Das ist ganz gleich; er kann dann auch manchmal ein bißchen zur See gehen. Harald ist der einzige, der mich lieb hat, ihr beiden andern mögt meinetwegen eure Männer lieben, Harald wird niemand lieben außer mir! Sie zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe und sandte einen zärtlichen Blick auf Elfriede; dann ging er, noch immer etwas zärtlich, aber vorsichtiger, zu Hedwig hinüber, die schon wieder in ihrem Buche las. --
Ein elegantes, ländliches Gefährt erwartete sie an der Endstation. Friedrich, der Diener, verlud die Koffer auf einen bereitstehenden Stellwagen. So fuhren sie nun in das stille Land hinein. Frau van Loo sog die gute Luft ein und sagte, um sich blickend, sie habe sich vorher geirrt: Deutschland sei doch das schönste Land der Erde. -- Hedwig hatte ihren Roman eingepackt und erläuterte den Zusammenhang der Hügelketten mit dem weiteren Gebirge. Elfriede beschäftigte sich mit dem Hündlein, das, froh seinem Zwinger entkommen zu sein, bald an dem einen bald an dem andern emporzuspringen suchte.
Die Sonne war gesunken; weinfarben lag der Westen und verlor sich in ein immer tieferes Blau, das nach Osten zu sich bereits zu einem Dunkel verdichtete. Ein Fenster im fernen Dorfe blinkte rot. Unwillkürlich heftete sich Pitts Blick darauf. Elfriede folgte seinen Augen. Sie sahen es blasser werden bis die Farbe ganz verlosch. Schatten zogen über ihre Köpfe, in leiser Bewegung schienen die grünen Erdwellen um sie her zu fluten. Der Himmelsrand hob und senkte sich; wie sie jetzt an einem kleinen, metallisch schimmernden Weiher vorüberfuhren, spiegelten sich in ihm die ersten Sterne. Vereinzelte kleine Häuser zogen an ihnen vorbei, inwendig erhellt von Öllampen, goldgelb im Blau des Abends. Dunklere Gestalten waren zu erkennen an Tellern und Schüsseln, im Kreis vereinigt zum Gebet, ein wachsamer Hofhund bellte dem Wagen nach, das Bellen verlor sich, man hörte nur noch das Knarren der Räder und die fernen Geräusche des Abends auf dem Lande. --
Langsam, leise war Pitt in eine tiefe, melancholische Stimmung gekommen. Landschaften machten ihn stets traurig: er empfand in ihnen doppelt seine Einsamkeit. Der tiefe Abendfriede verstärkte dies Gefühl. -- Mit seinem Verstande sagte er sich: Nach Jahren wird mir der heutige Abend als einer der glücklichsten meines Lebens erscheinen -- ist es nicht töricht, erst in der Erinnerung zu genießen? -- Elfriede fragte sich vergebens nach dem Grunde seiner Schweigsamkeit. Sieh dort hinten! sagte sie endlich, unwillkürlich leise, indem sie sich auf ihrem Rücksitz etwas wandte. Der Weg senkte sich nach dort etwas herab; an den Köpfen der Pferde vorbei sah man auf einen niedrigen Tannenwald, hinter dem sich, in ungewisser Nähe, ein hohes helles Haus erhob, im kalten Schimmer der Nacht. -- Wie lange meinen Sie wohl, daß wir noch brauchen, um bis zu ihm zu kommen? fragte Hedwig. -- Fünf Minuten! sagte Pitt nach kurzer Abschätzung; wir brauchen doch nur durch den kleinen Wald hindurch und sind dann da. Wie er weiter in die Richtung blickte, schoben sich die Tannen höher, ihre Spitzen wuchsen zu dem Haus hinauf, es verschwand allmählich ganz, der Weg ging abwärts in die Tiefe. -- Sind wir denn hier auf einem Berg? fragte er, während es ganz dunkel um ihn wurde. Allerdings! sagte Hedwig mit einer Art Genugtuung, Sie werden sich noch wundern. -- Es ist doch gar kein Berg, sondern nur eine Hochebene! bemerkte Frau van Loo, aber Hedwig überhörte es. Der Wagen rüttelte weiter in die Tiefe. -- Man kann auch, fuhr Frau van Loo fort, auf einem viel bequemeren Wege fahren, aber dieser hier ist schöner; er hat eine so angenehme Überraschung, die um so angenehmer ist, weil man sie schon kennt. -- Allmählich erreichte der Wagen den tiefsten Grund, jetzt ließ er das Gehölz hinter sich und war im Tale. Pitt blickte um sich und suchte das Haus: da lag es, ganz hoch oben auf einem neuen waldigen Hügel, so daß es, von hier gesehen, die ganze Gegend zu beherrschen schien. Jenseits hinter dem Tannenwalde, von wo sie kamen, ahnte man nichts von der tiefen Schlucht, die dazwischen lag.
Der Himmel glühte jetzt von Sternen, und wie ein lebendig gewordener Komet schoß und flatterte es weißlich hoch über dem Hause. Es war ein weißer Wimpel, dessen Stange man nicht sah. Wer mag ihn aufgezogen haben? fragte Elfriede; ich habe ihn doch selbst im Haus verwahrt, als wir das letztemal zur Stadt fuhren. -- Sie sah scharf hinauf: Da oben bewegt sich noch etwas, aber etwas Schwarzes; manchmal sind die Sterne fort, und manchmal sind sie da! -- In diesem Augenblick schoß dort oben ein schmaler Feuerstrom empor, zerteilte sich in Hunderten von goldnen Funken, die der Wind hierhin und dorthin entführte, so daß es schien, als schwärmten die Sterne durcheinander. Harald! sagte Elfriede überrascht, und dann rief sie durch ihre hohlen Hände seinen Namen hinauf, und gleich darauf trug die Luft einen wohlklingenden Laut zu ihr herunter, der halb wie eine Antwort und halb wie eine fröhliche Herausforderung klang. -- Dieser Junge! sagte Frau van Loo, er sollte doch noch auf seiner Schule sein! -- Der Wagen erreichte langsam die volle Höhe, im scharfen Trabe liefen die Pferde die Avenue hinab, die geradewegs auf das Gebäude zuführte. Aus dem Tore schoß ein halbwüchsiger Knabe, umarmte erst Elfriede, dann seine Mutter, küßte Hedwig die Fingerspitzen und sah jetzt erst Pitt. -- Wer ist denn _das_? fragte er sorglos; dann gab er ihm die Hand. -- Elfriede! sagte Frau van Loo, als sie im Hause waren, führe den kleinen Herrn Pitt hinauf und zeige ihm sein Zimmer. -- Das kann doch das Mädchen tun! sagte Hedwig, aber ihre Mutter meinte, die Tochter des Hauses könne das doch besser; sie möchte sich beeilen, da sie Hunger habe und das Essen sogleich angerichtet werde. -- Sie drückte im Vorplatz auf alle elektrischen Knöpfe, die dawaren, und wie alle Dienstboten des Hauses versammelt waren, ließ sie sich über jedes einzelne Bericht erstatten, gab Befehle, und verkündete, sie werde sogleich, wenn sie sich umgezogen habe, einen Rundgang durch das Haus tun, um zu sehen, ob alles beim Rechten sei. Hedwig fügte hinzu, sie werde ebenfalls einen Rundgang machen. --
Elfriede führte Pitt hinauf in sein Zimmer, das einfach und bequem eingerichtet war. -- Hier wohnst du nun mit uns zusammen, eine lange, schöne Zeit; und wenn dir irgend etwas fehlt, so mußt du es mir sagen! -- Ja, sagte er und sah um sich. Elfriede blickte auf ihn, und ihre Worte gingen ihm erst jetzt voll ins Gefühl. -- Du bist so gut! sagte er und legte leise den Arm um ihre Schulter. Sie ließ es geschehen. Sie traten zum Fenster und sahen in die Sternennacht hinaus. Aber dann fiel ihm ein Bild ein, auf dem auch zwei Menschen am Fenster standen und in den Nachthimmel sahen, das war ihm unbehaglich und er nahm die Hand von ihrer Schulter. -- Eine Sternschnuppe durchschnitt das Himmelsfeld. -- Hast du dir etwas gewünscht? fragte Elfriede nach einer Weile. Er lachte und sagte, er habe gerade ausgerechnet, daß das Licht immer noch ungefähr dreitausendmal schneller liefe als diese Sternschnuppe. Sie fand ihn viel vernünftiger als sich, und als sie sich nun nach unten wandten, ließ sie sich von ihm das Wesen der Aerolithen erklären.
Harald erzählte bei Tisch, er habe sich in der Schule drei Tage krank gestellt, gar nichts gegessen, und erst am vierten, als man ihn entließ, auf dem Bahnhof alles nachgeholt. Frau van Loo redete von der Unerhörtheit seines Streiches, sagte dann aber: da du einmal hier bist, magst du auch gleich dableiben, worauf Pitt zum erstenmal seine vergnügten spitzen Eckzähne zu sehen bekam.
Am nächsten Morgen erwachte Elfriede an einem altgewohnten Geräusch: Harald warf ihr kleine Steine in die Stube. Er wartete draußen bis sie sich angekleidet hatte: komm, ich zeige dir, wo ich gestern gegraben habe! Und unvermittelt fügte er hinzu: Was ist das für ein Mensch, dieser Herr Pitt oder wie er heißt? Wie ist der in unser Haus gekommen? -- Was Elfriede antwortete, war ihm nicht genug; er bohrte und drängte, und warf so scharfsinnige Bemerkungen und Einwände zwischen ihre ausweichenden Sätze, sah so traurig aus als er sagte: Früher hast du doch nie ein Geheimnis vor mir gehabt! -- daß sie ihm schließlich alles erzählte. -- Nun hast du mich wohl nicht mehr ganz so lieb wie früher? -- Sie sah ihn verwundert an. -- Du liebst ihn doch natürlich. -- Sie wurde ärgerlich und nannte ihn verrückt. Sie waren zum Gemüsegarten gekommen; er grub, sie mußte helfen, beide bekamen rote Backen und wollten sich gegenseitig überholen. Harald stieß den Spaten ins Erdreich, mit aller Kraft und aller Liebe, und sagte aufatmend: Danach habe ich mich immer gesehnt, daran habe ich immer gedacht, wie ich auf der Schulbank saß und hungerte; so eine Schaufel ist doch etwas Wundervolles! -- Er umarmte sie, als wäre sie ein lebendes Wesen. -- Aber zur See gehen ist doch noch viel, viel schöner! -- Das Hündlein nahte in voller Karriere über den Kiesweg, warf sich ihm an die Brust, er fing es mit beiden Armen, es schnappte nach seinem Ohrläppchen und er küßte es auf die Schnauze. -- Wenn das die Komtesse sähe! -- Mit der Komtesse war Hedwig gemeint. Er liebte sie immer noch nicht sonderlich, denn sie hatte ewig etwas an ihm auszusetzen.
Pitt erschien zum Frühstück als die andern sich schon erheben wollten. Er schien nervös, war nachts von den unruhigsten Träumen geplagt worden und hatte wie im Fieber gelegen. -- Das macht der Unterschied der Luft! sagte Elfriede, du wirst dich schon daran gewöhnen! -- und reichte ihm noch einmal die Hand, da er sie das erstemal übersehen hatte.
Nach dem Frühstück ging er mit ihr und Harald durch die Felder. Er sah auf die sonnedurchleuchteten Wiesen und Hügel, die seinem Auge weh taten: Brutal, nackt war sie, diese sogenannte Natur, und er dachte: Das soll ich nun viele Wochen aushalten?
Aber die nächste Nacht schlief er schon etwas besser, und nach einiger Zeit hatte er sich so an alles gewöhnt, daß es nun die Häuser der Stadt waren, an die er mit Abneigung dachte. Allein freilich hätte er hier keinen einzigen Tag verbracht.
Harald war die erste Zeit sehr zufrieden. Seine Sorge, Elfriede möchte ihn nun weniger lieben, bestätigte sich nicht; er durfte überall dabei sein und gab seiner Freundschaft für Pitt und seiner Liebe zu Elfriede dadurch Ausdruck, daß er stets zwischen ihnen ging. Hedwig beteiligte sich zuweilen an diesen Spaziergängen, aber dann waren sie alle wortkarg und einsilbig. Gegen Hedwig hatten Pitt und Elfriede schon früher eine Art Bündnis geschlossen; wenigstens erzählte sie ihm alles, was zu Hause zwischen ihnen vorfiel und auf sie Bezug hatte, und freute sich, wenn er in ihr Urteil einstimmte; doch konnte sie es früher nicht leiden, wenn er selbständig etwas Schlechtes von ihr sagte; dann zählte sie alle Vorzüge ihrer Schwester auf, oder sagte auch geradezu, er möge stille sein, sie könne das nicht hören; er begriff sie nicht und sagte, sie wäre feige: Entweder man habe ein Urteil über einen Menschen oder man habe es nicht; er selbst hätte eine ganz bestimmte Ansicht von seinem Vater, und wenn jemand dieselbe Ansicht äußere, dann stimme er ihr bei. -- Das ist eben der Unterschied! sagte sie damals und ließ sich nicht beirren. -- Jetzt wandelte sich dieses, wo alle Beziehungen so eng zueinander gerückt erschienen, wo jede Mißhelligkeit einen viel deutlicheren Ausdruck fand. Hedwig konnte es nicht lassen, jede ihrer kleinen Mißbilligungen zu äußern, die in Elfriedes Augen sofort in übertriebener Größe erschienen, da sie allmählich gewöhnt war, Pitt blindlings gegen jeden in Schutz zu nehmen und ihre Schwester von vornherein als voreingenommen zu betrachten. Pitt trafen ihre kleinen Spitzen nicht empfindlich; im Gegenteil, er empfand es als ganz lustig, sie zu parieren und dabei seine Schlagfertigkeit zu üben, die sich in der letzten Zeit im übrigen etwas abzustumpfen schien; auf den Spaziergängen mit Elfriede und Harald ließ er sich zuweilen gehen in grotesken Einfällen und Bildern. Auf Harald hatte dies die Wirkung, daß er nun selbständig gegen Hedwig vorging und sich übte, im Pittschen Sinne schlagfertig zu antworten. Schließlich machte er sich geradezu einen Sport aus diesen Dingen, und wenn er mit den beiden andern zusammen war, schien ihm das Ziel der Unterhaltung erst dann erreicht, wenn er die Rede auf Hedwig brachte. --
Elfriede wünschte ihn zuweilen fort, sie wollte mit Pitt lieber allein sein; aber er war so unbefangen selbstverständlich und rückhaltlos, daß sie es ihm nicht sagen mochte, sondern lieber darauf wartete, ob sich die Gelegenheit nicht von selbst ergebe, wobei sie dann noch ein wenig nachhelfen konnte. -- Einmal fand sie Pitt allein in der Laube sitzen, über einem dicken alten Buche, das er mitgenommen hatte. Die schreckliche Philosophie! sagte sie, die kannst du doch auch in der Stadt lesen! Und warf ihm, um ihn zu unterbrechen, eine Blume aufs Papier. Er ließ sich bewegen, mit ihr zu gehen; ganz heimlich ging sie mit ihm durch den Garten. -- Sie glaubte sich und ihn schon gerettet, als Harald seitwärts heranlief: Die Komtesse! rief er, sie hat euch gesehen und will mit uns gehen, da das Wetter so schön sei; schnell, schnell, dann findet sie uns nicht! -- So ist dieser Spaziergang wieder nichts geworden! dachte Elfriede, und beeilte sich nicht so wie Harald wünschte. -- Sie wandten sich zum Wasser hinab, das unten in der Tiefe, von Erlengebüschen umstanden, lag; Harald warf mit flachen Steinen über seine Oberfläche. Nach einer Weile aber duckte er sich, schlich in ein dichtes Strauchwerk und winkte den beiden andern heftig nachzukommen. Dann deutete er mit dem Finger vorsichtig durch die Zweige. Oben auf dem dunklen Brachfelde, auf der Horizontlinie stand Hedwig, in ihrem schwarzen Kleide. -- Wie sie geschnürt ist, -- wie eine Rübe! sagte er, und versuchte Pitts Tonfall nachzuahmen. Und Elfriede fügte hinzu: es geschieht ihr ganz recht, daß wir hier im Busch sitzen und lachen; wozu ist sie so abscheulich! -- In ihrem Ton lag so viel Bitterkeit, daß Pitt sich wunderte. Hedwig stand noch eine kleine Weile oben, dann verschwand sie langsam. -- Sofort trat Harald aus dem Gebüsch heraus und warf wieder mit seinen Steinen, Pitt wollte folgen, aber Elfriede sagte: Ich finde es so schön hier, bleibe doch sitzen! -- So saßen sie nebeneinander, in dem dichten Grün, Elfriede immer in der leisen Unruhe, er könne plötzlich doch aufstehen. -- Was ist das eigentlich für ein Gebüsch, in dem wir sitzen? fragte er nach einer Weile. -- Ach ich weiß es nicht! sagte sie und in ihrer Stimme klang eine sonderbare Erregung; vielleicht ist es ein Weidenbusch -- nein, es sind Haselnüsse. Dann schwiegen sie wieder. In ihr war eine Unruhe, daß sie plötzlich aufsprang: ich glaube, ich möchte mit dir ringen! Er sah sie erst erstaunt, dann nachdenklich an, sie hielt diesen Blick verwirrt aus, dann strich sie ihr Haar aus der Stirne und sagte: es ist hier so heiß und dumpf drinnen, ich halte es nicht aus -- und trat ins Freie. -- Was ist denn los? fragte Harald überrascht und blickte schnell hinter sich, ob da ein Tier säße, das er vorher nicht bemerkt hatte; -- du sahst mich eben so merkwürdig an, als ob ich gar nicht da wäre! -- Wir wollen nach Hause gehen, ich muß üben, meine Finger werden ganz steif! Sie dehnte sie auseinander, so stark, daß sie knackten. -- Harald fand das langweilig. -- Bleibt ihr beide doch unten! sagte sie und streifte Pitt mit einem Blick, ich finde den Weg auch allein. -- Wirklich schritt sie allein den Pfad hinauf. -- Nach einer Weile blieb sie stehen und schaute zurück. Unten gingen die beiden jetzt am Wasser entlang. Sie wartete immer, daß er sich nach ihr umsehen würde. -- Weshalb hatte sie das gesagt! Weshalb war sie überhaupt so plötzlich weggegangen! Sie wandte sich wieder auf ihren Weg, ihre Schritte wurden schneller, schließlich begann sie zu laufen. -- Frau van Loo trat ins Musikzimmer. -- Elfriede, sagte sie, du spielst roh! Oder liegt es am Flügel? Wo ist denn Herr Pitt? -- Der ist mit Harald spazieren gegangen! antwortete sie mit frischer Stimme, ohne ihre Augen von den Tasten zu wenden -- ich habe sie allein gelassen, weil ich Lust hatte zu üben. Und stählern fielen ihre Finger wieder in die Tasten. -- Was spielst du da eigentlich? Es kommt mir so bekannt vor, aber so abscheulich verändert! -- Ich mache einen Marsch draus! Es klingt famos!! -- Frau van Loo verließ das Zimmer wieder und Elfriedes Töne hallten weiter. Schließlich spielte sie fast mechanisch. Endlich sprang sie auf, holte ein Sonatenbuch und begann regelrecht zu üben. Und immer wenn diese schwierige, sonderbare Passage kam, sah sie Geäst vor sich und hörte Pitts Stimme: Was ist dies eigentlich für ein Gebüsch? -- Je mehr sie von dieser sinnlosen Verbindung sich frei machen wollte, um so fester hakte sie sich in sie hinein; es war fast blödsinnig.