Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Part 29

Chapter 293,793 wordsPublic domain

Was wußte Elfriede eigentlich über das ganze Leben ihrer Mutter? War das alles wohl so einfach gewesen, wie sie es sich früher immer als selbstverständlich dachte? Hatte sie, die ihren Mann so früh verlor, die Liebe nie wieder kennen gelernt? Sprachen diese Augen wirklich nur von einem einzigen Glück, das weit, weit zurücklag? -- Nachdenklich schritt Elfriede durch die Säle, bis sie plötzlich stehen blieb, als habe sie ein Wort erstarrt: Vor ihr war Pitt Sintrup, sein Kopf, sein Bild, er schien nur sie zu sehen, seine Augen glommen ihr entgegen. Allmählich vermochte sie sich zu sammeln, sie blieb lange vor dem Bilde stehen. Wie ein Traum erschienen ihr die letzten Jahre, gleichgültig alles, was sie brachten, das Leben knüpfte wieder da an, wo es einmal aufgehört hatte. -- Wo war Pitt Sintrup jetzt? -- Am Nachmittage suchte sie ein Hotel auf. Man hatte ihr gesagt, daß die Künstlerin, deren Bilder zu einer kleinen Kollektion in einem der Ausstellungsräume vereinigt waren, für einige Tage hier am Orte weile.

Ein hohes, blondes Mädchen stand ihr entgegen. Elfriede nannte ihren Namen, Herta hob überrascht den Kopf und ihre Augen gingen so prüfend erstaunt über sie hin, daß Elfriede leicht errötete. Herta lächelte. Ich habe Sie so oft beschreiben hören, sagte sie, mit ihrer klangvollen Stimme, aber ich habe Sie mir ganz, ganz anders vorgestellt. -- Ja, sagte Elfriede, und ich komme um eben des Menschen willen, den Sie nannten, -- oder haben Sie ihn nicht genannt -- -- Nein, sagte Herta, aber ich dachte an ihn, und wußte, daß Sie an ihn dachten. In plötzlicher Wärme berührte sie sie mit ihrer Hand, dann ließ sie Elfriede neben sich niedersitzen.

Es wurde Elfriede schwer zu beginnen. Sie wissen, sagte sie, daß ich mit Herrn Sintrup früher befreundet war? -- Herta nickte und dachte im stillen: weshalb frägt sie mich nicht einfach, wo er sich jetzt aufhält, und geht dann wieder? So würde ich es machen. -- Und Sie wissen, daß wir dann für Jahre getrennt wurden? -- Ich weiß alles. -- Nun möchte ich wissen, wie es ihm seither ergangen ist, was er tut, ob er sich glücklich fühlt, und dieses alles, dachte ich, müßten Sie mir sagen können. -- Und wie kommen Sie dazu, gerade mich danach zu fragen? -- Weil ich sein Porträt von Ihnen sah, und weil ich mir sagte: Jemand, der ihn so malen konnte, muß ihn ganz nahe kennen, muß ihm ganz nahe stehen -- oder gestanden haben. Herta wunderte sich über die Unbefangenheit, mit der Elfriede redete. Aber dies Zutrauen ging ihr warm ans Herz. -- Sie haben recht, sagte sie, ich habe ihn nah gekannt, aber das Porträt liegt weit zurück, und wenn Sie etwas aus den letzten Jahren wissen wollen, -- da bin ich ebenso unwissend wie Sie. Mich hat das Leben längst weiter geführt. -- Und früher? fragte Elfriede zögernd. -- Früher?! -- Ich will Ihnen alles sagen, begann sie mit einem plötzlichen Entschluß: Sie haben die Verbindung mit Pitt Sintrup verloren, Sie wollen ihn wieder für sich gewinnen. Elfriede widersprach nicht, nur sah sie Herta mit einem Blick an, der dies alles bestätigte, und in dem doch die Bitte lag, nicht weiterzusprechen. -- Ich will ganz offen gegen Sie sein, fuhr Herta fort, wir begegnen uns wahrscheinlich nicht wieder im Leben, und vielleicht helfen meine Worte, Ihnen Schlimmes zu ersparen. Ich kenne Pitt Sintrup genau, wir haben uns nah gestanden wie nur zwei Menschen sich nahe stehen können; ich kenne sein ganzes Leben, er hat es mir oft und oft erzählt. Ich wußte, was für ein haltloser Mensch er ist, und ich wollte diejenige sein, die ihm einen Halt gäbe; ich fühlte mich stark dazu. Es schien zu gelingen, es kam eine Zeit scheinbaren Glücks, dann ging alles langsam, Stück um Stück zugrunde. Mehr Kraft als ich sie hatte, können Sie nicht haben, und ich bin nicht zum Ziel gekommen. Ich fühlte, daß ich selbst zugrunde gehen würde, wenn ich dies Leben mit ihm zusammen länger ertrug, -- und so trennte ich mich von ihm. Pitt Sintrup ist ein einsamer Mensch, er leidet unter seiner Einsamkeit, aber er ist nicht geschaffen zu einem dauernden Zusammenleben mit einem andern; eine Zeitlang hält er es aus, dann treibt es ihn wieder fort, Gott weiß in was für Nebel. -- Elfriede sah vor sich hin; ein Stück ihrer eigenen Erinnerung war wach in ihr. -- Und ist er jetzt noch hier? fragte sie nach einer Weile. Das wußte Herta nicht, doch setzte sie hinzu, vor einiger Zeit habe sie gehört, daß er jetzt Redakteur an einer Zeitschrift sei; sie nannte den Namen. Elfriede erhob sich; Herta sah sie nachdenklich an: Wollen Sie es wirklich versuchen, ihm wieder nah zu kommen? -- Elfriede antwortete nicht, aber ihr stummer Blick sagte alles.

Elfriede schrieb jenen Brief an Pitt. Frau van Loo zeigte keine Veränderung auf ihrem Gesicht, als sie es ihr erzählte. Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: Du mußt es wissen, welcher Verkehr dir frommt; damals warst du ein halbes Kind, jetzt bist du erwachsen. -- Sie sah ihr in die Augen und dachte: Wann wird deine Sehnsucht endlich zur Ruhe kommen. -- Sie ahnte vieles von Elfriedes Leben, sie hatte es Elfriede stets fühlen lassen, aber ausgesprochen wurde nie ein Wort. --

Pitt kam; er hatte lange mit sich selbst gekämpft. Er trat in das Haus, das unverändert all die Zeit gestanden war, der Diener war immer noch derselbe, er begrüßte Pitt beinah wie einen Freund, während er damals, als Pitt noch im Hause verkehrte, stets steif und gemessen gewesen war.

Er trat in das große Zimmer, das ihm so vertraut war; nichts schien darin geändert, es war, als sei er gestern zum letzten Male hier gewesen. -- Er mußte lange warten, endlich hörte er jenes dumpfe leise Rollen, das ihm so bekannt war, die Portiere schob sich langsam zurück, und Elfriede stand vor ihm, die graublauen Augen auf ihn gerichtet, unsicher, fragend. -- Ihn durchflutete ein warmes, sanftes Gefühl. Elfriede! sagte er. Sie kam langsam auf ihn zu und hob die Hand, er ergriff sie, hielt sie unschlüssig und ließ sie wieder sinken. -- Wie lange, lange sahen wir uns nicht! sagte Elfriede endlich. Er nickte, traumverloren. -- Seit jenem Sommer, draußen auf dem Gute. Dann schwiegen sie beide. -- Und Ihre Mutter? fragte er endlich. Sie sah mit verschleiertem Blicke zu ihm auf und fragte wie aus einer andern Welt: Wessen Mutter? Meine Mutter? Pitt, nenne mich nicht Sie. Wir waren doch Freunde, und ich glaube, wir sind es noch -- oder wieder.

So saßen sie sich nun gegenüber wie in alter Zeit, nur daß inzwischen Jahre vergangen waren; davon zeigten ihre beiden Gesichter Spuren. Sie sprachen mit halben Worten, und jeder sah in den Augen des andern, daß alle Worte unwichtig und gleichgültig waren, daß das Wichtige unausgesprochen blieb. Es drängte sie, ihm alles zu erzählen, ihr ganzes Leben, seit sie ihn verließ, aber sie vermochte es nicht. So saßen sie noch eine Zeitlang nebeneinander, und sie hielt seine Hand gefaßt. Endlich erhob er sich.

Kommst du wieder zu mir? fragte Elfriede und bemühte sich ihren Worten einen leichteren Ton zu geben. -- Er zögerte. Dann sagte er: Was hat es für einen Sinn, Elfriede? Das Leben hat uns auseinander gebracht; wenn es uns wieder zusammenführt, so bringt es uns nichts Gutes. -- Glaube das nicht, sagte sie schnell. Ich bin nicht mehr so wie ich damals war, ich kenne dich besser als du denkst, ich komme mit keinen Forderungen an dich, sei wie du willst zu mir -- du kannst mich nicht mehr enttäuschen, das alles ist vorbei. Es soll für dich wieder so werden, wie es früher war, als du zu uns kamst und dich nur freutest, daß du mit mir befreundet warst. Denn ich weiß ja doch: Jene ganz frühe Zeit mit mir war die glücklichste deines Lebens. Und wenn ich dir nur wieder das sein kann, was ich dir damals war, so bin ich glücklich, denn du bist dann glücklicher, als wenn es gar niemand gibt, an den du mit einem Gefühl der Ruhe denken kannst, mit dem Gefühl: Dort ist ein Mensch, zu dem ich gehen darf wann und wie ich will, bei dem ich mich ausruhen kann! Wenn du nur so denkst, Pitt, dann bin ich glücklich -- ich sehe es dir ja an, daß du noch immer allein bist!

Er blickte schwankend auf sie. -- Für mich ist es jetzt schon schwer von dir fortzugehen, sagte er, aber ich bin kein träumender Junge mehr, ich habe in all den Jahren gelernt meinem Gefühl zu mißtrauen; auf mir liegt kein Segen. -- Komm wieder, Pitt! -- Er sah ihr grübelnd in die Augen. Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie. -- Ich komme wieder! sagte er mit einem plötzlichen Entschluß.

Schon auf dem Nachhausewege bereute er seine Worte. Was konnte die Zukunft bringen? Elfriede sollte nicht das Los treffen, das Herta vielleicht erreicht hätte, wenn sie nicht mit gesundem Instinkte alles von sich abschüttelte. Er kannte sich gut genug, zu wissen, daß niemand mit ihm glücklich werden konnte, da er mit niemand glücklich zu sein vermochte. --

Und doch: wenn er jetzt an Elfriede dachte, an die Freiheit, sie zu sehen wie er wollte -- sollte er sich diese Möglichkeit des Glückes abschneiden? War es nicht das Bescheidenste, was er sich fortnehmen wollte? Und hatte Elfriede nicht selbst klar den Zukunftsweg bezeichnet?

Er ließ nur wenige Tage vergehen, dann war er wieder bei ihr. Ihr Ton war frei, sicher, und voll verhaltener Wärme.

Einmal gingen sie den alten Weg zusammen, jenen ersten Weg, den sie zusammen gingen, und Elfriede sagte: Weißt du noch, Pitt, wie du dann später vor dem Hause zögertest und nicht wußtest, ob du mitkommen solltest? -- Ja, antwortete er, und es war gut, daß ich es dann tat, euer Haus ist meine einzige Heimat. -- Sie pflückte eine Blume und steckte sie an seine Brust.

Auch Frau van Loo sah er nun wieder. Sie begrüßte ihn mit etwas reservierter Herzlichkeit und sagte, sie habe früher geglaubt, er sei inzwischen wohl gestorben, bis ihr eines Tags ein Blatt in die Hände gekommen sei, das seinen Namen als Redakteur aufwies. Elfriede wollte dies berichtigen: Das sei nicht Pitt, sondern sein Bruder. -- Liebes Kind, sagte Frau van Loo, ich weiß doch, was ich gelesen habe! -- Aber ich weiß es doch besser! Sein Bruder hat mir am nächsten Tage einen Brief geschrieben und sich entschuldigt, daß er den meinen geöffnet hätte, denn er wäre der Redakteur Sintrup. Frau van Loo ließ sich nicht aus ihrer Sicherheit bringen: Gut, sagte sie, dann hat sich Herr Sintrup in zwei verschiedene Personen gespalten, das geht mich nichts an; ich weiß aber ganz genau was ich gelesen habe, und er ist nun einmal Redakteur und seine Zeitung war ganz schlecht, nicht wahr, Herr Sintrup? -- Er nickte und sagte: Ja, damals war ich Redakteur! -- Siehst du wohl, Elfriede, ich habe recht, lies deine Briefe ein andermal genauer. -- Pitt setzte hinzu, jetzt sei er aber längst nicht mehr in der Redaktion. -- So? Dafür haben Sie auch nie gepaßt! Sie sollten in einer großen Bibliothek sitzen und das Leben nur in Büchern genießen, das wäre für Sie das richtigste. Ein Onkel von mir -- jetzt ist er uralt -- war gerade so wie Sie, ein Sonderling; der sitzt noch da oben in seiner Bibliothek und genießt das beschaulichste Leben. Ich werde ihm schreiben, daß es sich nicht schickt, jungen Leuten so lange eine Stellung wegzunehmen, und da er wahrscheinlich noch immer meine Locke auf dem Herzen trägt, die er mir abschnitt, als ich meinen ersten Ball mitmachte -- ich zeichnete ihn aus, da er noch immer ein schöner Mann war -- so wird er vermutlich auf mein Wort noch hören. --

Die Vermischung des echten und des falschen Redakteurs Sintrup blieb übrigens noch eine Zeitlang in Frau van Loos Vorstellung, denn eines Tages, als sie Pitt und Elfriede lange betrachtet hatte, die in das Anschauen eines Buches versenkt waren, fragte sie plötzlich: Wie ist das denn eigentlich, Herr Sintrup, Sie sind doch verlobt? -- Ich?! fragte Pitt. -- Nun ja, mit Fräulein Heine. Pitt sagte, daß dies abermals sein Bruder sei. -- Kennst du sie denn? fragte Elfriede. Frau van Loo schüttelte den Kopf: Ich sah sie nur einmal auf einem Wohltätigkeitsbasar, dessen Protektorat man mir aufgenötigt hatte. Dort verkaufte sie Rosen, weiter weiß ich nichts mehr von ihr. -- Sie schwieg, und es war Elfriede, als verschlösse ihre Mutter gleichsam den Schachteldeckel über einem vielleicht insgeheim recht garstigen Figürchen. --

Fox war in reger Betriebsamkeit: Seine Verlobung mit Fräulein Heine hob ihn in seinem ganzen Wesen. Erst jetzt hatte er die wahre Liebe kennen gelernt. Was war gegen sie alles was hinter ihm lag! Und wie anständig, wie hochnobel zeigte sich die Familie! Man sprach von der Begründung eines neuen, rein literarischen Unternehmens, dessen Oberleiter er selber sein werde. Elsa hatte sich dieses ausgedacht. Freilich verlangte man, daß er den Doktortitel erwerbe; das war selbstverständlich, das verlangte er von sich selber. Nach dem Examen durfte er dann Elsa heiraten. Die Voraussicht auf dies Ziel, auf diese Prämie gleichsam, stärkte seine Arbeitskraft, und auch seine Moral: Es wurde nun anständig gelebt, sowohl im Sinne einer äußeren gediegenen Lebensführung als auch eines innerlich unantastbar reinen Wandels. --

Jeder Mensch, sprach er zu Pitt, hat -- also Hand aufs Herz! -- seine Jugendsünden; es ist nicht anders möglich in unserer heutigen Zeit mit ihrer erotisch so ungeheuer leicht erregbaren Psyche. Was unsere Eltern und Großeltern in ihren Jugend- und Entwicklungsjahren bewegte: Vaterland und Politik, und was ihre Leidenschaften füllte, das ist uns überkommener Besitz geworden. Man lese doch mal die Literatur von damals und die heutige, und vergleiche sie miteinander! Die Liebe ist ein ungeheurer Faktor im heutigen Kulturleben, dasjenige, was unsere Jungen und Jüngsten weitaus am meisten bewegt von allen Problemen. Auch mich hat dies Problem nicht schlafen lassen -- wirklich manchmal nicht schlafen lassen -- ich habe gekämpft für eine neue Form der Liebe, aber ich habe gefunden: die ältere ist doch die bessere. Wenn man in ein gewisses Alter kommt, sieht man das ein, muß man das einsehen. Überlassen wir die freie Liebe anderen Völkern: Der Deutsche ist und bleibt der geborene Ehemann. Vergeblich sträubt man sich gegen diese Tatsache, vergeblich versucht man die überkommenen Formen zu sprengen. Sie sind zu alt, zu ehern, zu heilig. Und ohne die Kirche geht die Geschichte auch nicht; wenn man auch nicht an die Sache glaubt -- es gibt doch eine ganz besondere Weihe! Und irgendwas muß doch auch an der Kirche sein: wieviel hat man gegen sie angekämpft, durch Jahrhunderte hindurch, und sie sind alle noch immer im Betriebe! Na -- meine sämtlichen Beziehungen -- das heißt, es waren nur ein paar -- habe ich abgebrochen, vor allem die mit der Schauspielerin, die ich Herrn Bertold abgetreten habe; das war sogar meine Pflicht, denn ursprünglich kam sie gar nicht zu mir persönlich, sondern in die literarische Redaktion, die ja auch in zweiter Hinsicht durch Herrn Bertold vertreten ist. Na, und du selbst, du lebst immer so stumpfsinnig weiter? -- Was lachst du denn?

Pitt hatte während Fox' Rede, ohne ein Wort von ihr zu verlieren, planlos irgend einen Goetheband vom Regal genommen, ihn halb in Zerstreutheit aufgeschlagen und seine Augen hafteten auf einem besonderen Satze. -- Ja, sagte er jetzt, ich lebe stumpfsinnig so weiter, wie es von einem stumpfnäsigen Besenstiel, wie ich hier genannt werde, nicht anders zu erwarten ist. -- Zeig doch mal her! sagte Fox erfreut. Pitt reichte ihm das Buch mit einem Lächeln, und Fox las: »Ich mag es machen wie ich will, so muß ich mir den großen Pitt als einen stumpfnäsigen Besenstiel, und den in so manchem Betracht schätzenswerten Fox als ein wohlgesacktes Schwein denken.«

Herr Sintrup, beglückt durch die glänzende Wendung in Fox' Geschick, wurde eines Tages in große Aufregung versetzt: Fox meldete sich für die allernächste Zeit an, mit zukünftiger Frau und Schwiegermutter. -- Ich erwarte, schrieb er, daß ich unser Haus in bester Ordnung vorfinde, und eine anständige Hausdame, die es versteht, in würdiger Weise zu repräsentieren; ich bitte dich aufs dringendste: Peinliche Sauberkeit und Ordnung nach innen wie nach außen! --

Herr Sintrup hatte in der letzten Zeit überhaupt keine Hausdame gehabt; sein Heim galt in der Stadt als kein gutes, er genoß den Ruf eines skrupellosen Witwers. -- Sein erster Gang war zu einer Dame, die ihn täglich besuchte, und der er dies für die nächste Zeit verbot. Sie glaubte erst, hier hinter verberge sich ein plump angelegter Plan irgendeiner Täuschung. Als sie dann hörte wie alles war, schlug sie vor, sie selber könne ja als Hausdame auftreten; sie wisse ganz genau wie man das mache, sie habe das in vielen Romanen gelesen und besitze ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Herr Sintrup ging darauf nicht ein, unter keinen Umständen. Vermietungsbureaus waren schon geschlossen, und morgen war Sonntag. Er fragte bei Bekannten und Freunden herum; niemand wußte ihm eine solche Dame zu nennen, und ein alter Freund, der sich das erlauben durfte, schlug ihm auf die Schulter und sagte: Altes Haus, hast du wieder Paschagelüste?! --

Herr Sintrup sah seine Wohnung jetzt mit ganz neuen Augen an: Staubig, unordentlich, wüst sah alles aus, wie in einer richtigen Junggesellenwohnung, der die Hausfrauenhand fehlt. Und wirklich etwas abenteuerlich! Herr Gott, wenn Mausi das erlebt hätte! All die schönen, früher sauberen Gardinen waren vollgequalmt und seit langem nicht erneuert -- es waren frische da, aber Herr Sintrup wußte nicht wo sie lagen. Tischzeug! Wo war denn das gesamte Silber? Er fand nur weniges. Verdammte Weiberwirtschaft! Man hatte ihn gewissenlos bestohlen und sich selbst bereichert! -- Die Kronleuchter hingen trüb-kristallen von den Decken, ohne Kuppeln, mit nackten Brennern und defekten Zylindern, aber voll verstorbener Fliegen. Goethe und Schiller schauten auf ihren Postamenten wie mit Pockennarben drein. Und überall diese verfluchten Spuren von Dingen, die einfach ungehörig waren! Zuschnitte zu Kleidern, Hüten -- was hatten die in der guten Stube zu suchen? Konnte das die Person nicht ebensogut zu Hause nähen? Das Haus muß rein gehalten werden! -- Mit einem Griff wischte er die ganze Bescherung vorläufig vom Tisch herunter und trat alles in einen Winkel. Wie sollte er eine Hausdame finden? Er war verzweifelt. --

In peinlich ausgeklopftem Überzieher, in einem tadellos neuen Hut, in roten Glacéhandschuhen, die sich dehnten und leise ächzten, stand Herr Sintrup aber am Tage der Ankunft auf dem Bahnhof und schaute wohlgemut dem Zuge entgegen. Der Zug hielt, Herr Sintrup gewahrte in der Ferne ein Bruderpaar seiner Handschuhe, das winkend in die Luft fuhr. Er eilte heran, Vater und Sohn lagen sich in den Armen. Mein lieber alter Junge, sagte Herr Sintrup, und seine Augen schwammen; und Fox sagte: Mein lieber alter Papa! Dann drehten sich beide herum und halfen den Damen aus dem Wagen. Fox stellte vor, und Frau Heine dachte: Ein soignierter alter Herr, etwas kleinstädtisch, aber auch in der besten Gesellschaft präsentabel! -- Das ist dein Papa? fragte Elsa und klatschte in die Hände. -- Mein Papa und auch der deinige! sagte Fox mit Würde; und Herr Sintrup küßte auch ihr die Hand, dann rief er plötzlich: Mir altem Herrn dürfen Sie wohl erlauben -- -- seine Lippen drückten sich zart auf ihre Stirn, und, als wenn seine Worte inzwischen wie in einem unterirdischen Kanal weitergelaufen wären und nun wieder frei würden, endigte er dann: .... denn Sie sind ja gewillt, als Tochter in unsere Familie einzutreten!

Draußen hielt der Wagen, die Damen nahmen Platz, und ehe Herr Sintrup mit Fox hinterherstieg, nahm Fox seinen Vater leise beim Knopfloch und fragte mit bedeutungsvollem Runzeln: Alles in Ordnung zu Hause? -- Alles, alles in Ordnung! gab Herr Sintrup in bester Stimmung zurück. Unterwegs zeigte er den Damen die Sehenswürdigkeiten der Stadt -- viele sind es nicht, wir sind hier noch ein wenig zurück -- und endlich hielt der Wagen. Man begab sich in das Haus, Herr Sintrup mit Frau Heine, Fox hinterdrein mit seiner Braut. Hier, Elschen, hier hat dein Bräutigam als Kind gespielt! sagte er, mit steifem Mittelfinger in den Garten deutend. Man stieg die kleine Treppe hinan, die Tür öffnete sich, und im schwarzen Seidenkleide stand da Fräulein Nippe, jetzt Frau Feihse, kürzlich erst verwitwete Frau Feihse, ging auf Fox zu, nahm warm seine Hand zwischen ihre beiden, und sagte glücklich: Wer hätte das gedacht, daß wir uns so wiedersehen würden! Dann begrüßte sie die Damen auf eine zeremoniöse Weise, und wie ihr Fräulein Heine die Hand gab, konnte sie nicht anders: Sie streichelte sie, sah ihr mütterlich in die Augen und hielt sich nur mühsam vor mehrerem zurück. Fox war sehr verwundert Fräulein Nippe hier zu sehen.

Bald nach dem Tode ihres Mannes hatte Frau Feihse Herrn Sintrup ihre Dienste angeboten. Zwar erinnerte sie sich, daß er sie einmal auf recht häßliche Weise ausschlug, nachdem er sie erst anzunehmen schien, aber sie trug nie jemand irgend etwas Böses nach! Herr Sintrup antwortete damals auf diesen Brief gar nicht, jetzt bekam sie plötzlich ein Telegramm von ihm. Und sie telegraphierte zurück: ich komme! nichts als dieses einfache, schlichte Wort, das so recht ihr ganzes Leben ausdrückte: Ich komme! -- man braucht mich -- -- und ich komme! -- Dann war sie da und ging sogleich an die Arbeit. Böse sah es in den Zimmern aus! Sie ließ Handwerker antreten, half überall selbst mit, bat Herrn Sintrup um alle Schlüssel. Es wurde nun geputzt, geklopft, gescheuert, gerieben und gewischt, überall hatte Frau Feihse ihre Augen, ihre Hände. Voller Schmutz und Schweiß stand sie am Abend da: Das gröbste war geschehen, das kleinere würde morgen vormittag alles erledigt werden. -- Sie sind ja ein Staatsfrauenzimmer! rief Herr Sintrup, worauf sie prompt, mit kleinem Knix, erwiderte: Und Sie ein liebenswürdiger Grobian. -- Am Mittag konnte Herr Sintrup durch alle Zimmer gehen und sich an der neuen Ordnung erfreuen. -- Einige weibliche Handarbeiten, sagte Frau Feihse diskret, habe ich verschwinden lassen; auch habe ich die Pudertöpfchen aus dem Büfett herausgenommen, ich kann ja später alles wieder hineinstellen. --

Frau Heine fühlte sich so gemütlich hier! Was, Elsa, denk, die großen Räume bei uns zu Hause, diese vielen, vielen Räume, zwanzig sind es glaube ich -- und hier dagegen diese Gemütlichkeit! Sie liebte doch eigentlich ganz kleine Zimmer! --

Fox lud sie ein sein früheres Stübchen anzusehen. -- Dies ist, sagte er, oben die Tür öffnend, das kleine Heim, in dem Ihr Schwiegersohn, liebe Schwiegermama, so glücklich war! Herrn Sintrup traten die Tränen in die Augen, und er sagte: Jawohl, glücklich bist du gewesen, mein Junge, ach Gott, wenn deine Mutter doch noch lebte und dies neue Glück mit angesehen hätte! -- War das die Mama von Fox, fragte Elsa mit interessierter Stimme und diskreter Wärme -- die dort unten über dem Sofa hängt? Herr Sintrup nickte: Und ihr Geist, sagte er mit mühsam beherrschter, ein wenig vibrierender Stimme, ihr Geist herrscht _noch_ in diesen Räumen. Alles ist genau so geblieben wie es war!

Frau Feihse zog sich zurück; am nächsten Morgen wollten die Herrschaften wieder abreisen, bis jetzt ging alles gut, sie sollten den denkbar günstigsten Eindruck von Haus und Wirtschaft gewinnen!

Das Essen verlief zu aller Zufriedenheit. Fox hatte sich um die Weine gekümmert und seine Kennerschaft bewährt. Herr Sintrup sagte stolz: Ja ja, mein Sohn hat auf der Universität nicht bloß Fach gesimpelt, er hat auch den Magen nicht zu kurz kommen lassen!