Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman
Part 28
Zunächst war Fräulein Heine von Fox etwas enttäuscht gewesen, denn er war, als sie ihn kennen lernte, noch ganz glatt rasiert, und auf jener Photographie hatte sie ihn mit einem frischen jugendlichen Bart gesehen; deswegen, und auch weil sie den Verdacht hatte, Pitt könne mit ihm über seine Beziehungen zu ihr geredet und sie in ein ungünstiges Licht gesetzt haben, hielt sie sich die erste Zeit sehr von ihm zurück. Fox ließ sich nun aber wieder seinen Bart wachsen, da er das seiner Stellung angemessen erachtete, und ihr Mißtrauen, Pitt betreffend, verlor sich, da sie aus gelegentlichen Äußerungen seines Bruders mit Sicherheit darauf schließen durfte, daß Fox von ihrer früheren Neigung auch nicht die leiseste Ahnung hatte. So näherte sie sich ihm, und in ihrem Verkehr herrschte ein kameradschaftlicher, nüchtern-freundlicher Ton, denn von Gefühlen, wie sie sie für Pitt empfunden hatte, wollte sich nichts bei ihr einstellen, was sie selber unbewußt etwas enttäuschte. Fox selbst dachte vorläufig gar nicht an die Möglichkeit einer Liebe. Sie lernte ihn nun näher kennen, und sah alsbald auch Seiten an ihm, die ihr komisch erschienen, was sie ihm auch ganz offen sagte. So lachte sie über seine vielen Nein-neins, über seine »also wirklich«, freute sich über sein etwas pompös-behäbiges Auftreten, dem ihr viel Kindlichkeit zugrunde zu liegen schien, und über die Gründlichkeit, mit der er manchmal scherzhaft und leicht hingeworfene Bemerkungen aufnahm und verarbeitete. Aber sie fand das auch wieder reizend, zu seinem Wesen passend. Ihm mißfiel zu Anfang der leise spielerische Ton, mit dem sie ihn behandelte, und, wie in seiner Kinderzeit, setzte er dem einen bedauernd-ernsten Blick entgegen, über den sie dann auch wieder lachte. Er ließ sich niemals aus der Fassung bringen und vollendete seine manchmal absichtlich kunstvollen Sätze langsam, ohne sich um ihre amüsierten Zwischenrufe zu kümmern. Allmählich gewöhnte sie sich an diese Dinge, daß sie sie schließlich gar nicht mehr bemerkte.
In der ersten Zeit besuchte er fast nur Herrn Heine selbst; es gab da manches zu bereden, wenigstens hatte er stets einen geschäftlichen Grund, und Herr Heine freute sich, daß der junge Mann es so sehr ernst mit seiner Stellung nahm. Außerdem sagte Fox: Herr Kommerzienrat, und nicht: Herr Heine, wie Pitt es immer getan hatte, und dann war er niemals abgeneigt, ein Spielchen Karten mit ihm einzugehen, wie Herr Heine es liebte, wenn er, von des Tages Geschäften matt, sich abends erholen wollte. -- Allmählich kam Fox auch ohne geschäftliche Gründe; er wußte noch nach Wochen, welche Toilette Frau Heine an dem und dem Tage getragen hatte, und für ihre Schmuckgegenstände zeigte er einen respektvollen Kennerblick. Fox trat auch langsam mit seinen Talenten vor: In seinen Gesprächen mit Herrn Heine verwies er auf seine früher erschienenen Broschüren, von denen er sich durch alle Fährnisse hindurch nicht getrennt hatte, und er empfand kaum mehr, daß er die Unwahrheit sprach, indem er gleichsam nur referierend auf den Aussagen früherer Jahre fußte, -- er deklamierte hier und da ein Gedicht mit gemildert schauspielerischem Pathos, und ganz entzückt war das Herz der Frau Heine, als er sich einmal an den Flügel setzte und ein Lied vortrug. Auch hier moquierte sich ihre Tochter anfänglich, indem sie es sehr komisch fand, lyrische Töne aus seinem Munde zu hören, aber allmählich moquierte sie sich nicht mehr, fand alles ganz in der Ordnung und regte ihn an, neue Lieder zu studieren.
Wie anständig, wie hochanständig und respektvoll war dieser Herr Sintrup! Frau Heine dachte mit Bitterkeit an den vergangenen Bruder, der, wie sie jetzt mit immer größerer Deutlichkeit empfand, sich gegen ihre Tochter, gegen das ganze Haus nicht so benommen hatte wie es sich geziemte, und der nun auf einmal überhaupt nicht mehr kam, einfach fortgeblieben war, ohne irgendein Wort! Sie spürte etwas wie Rachegelüste, und eines Tages sagte sie ganz unvermittelt zu Fox, als sie allein waren: Ihr Herr Bruder hat sich ja damals sehr um die Gunst meiner Tochter bemüht, aber es ist ihm nicht geglückt, ein Mensch mit solchem Benehmen wird überall nur anstoßen, wo er auch hinkommt! --
Dieses Wort wirkte außerordentlich auf Fox. Pitt war abgewiesen worden! Dies erfüllte ihn mit tiefer Genugtuung, und es reihte sich in natürlicher Folge der Gedanke daran: Ihm zu zeigen, daß er selber mehr Qualitäten besitze, die die Frauen schätzen. Er gab nun seinem Wesen noch einen besonderen Nachdruck, und legte seinen Ehrgeiz hinein, Fräulein Heine seelisch nah zu kommen. Er wandte sich in manchen ihm zweifelhaften Fällen vertrauensvoll an ihr Urteil: Lesen Sie doch mal bitte dies Gedicht durch; ich bin mir also wirklich -- oder in der Tat nicht klar darüber, was der Kerl eigentlich meint. Jedes Gedicht muß doch neben allem Unsinn, der aufs Gefühl wirkt und den eigentlichen Wert ausmacht, auch einen äußeren Sinn haben, und den kann ich nicht finden. -- Sie runzelte die Stirn, indem sie's las, und kam sich sehr wichtig vor, von Fox zu Rate zugezogen zu sein. Dies wiederholte sich in der Folge öfter, und nun wanderte er manchmal mit ganzen Päckchen Manuskripten zu ihr hin. Sie machte Tee und er las vor. Von diesen Dingen kamen sie auf Literatur im allgemeinen zu sprechen, belehrten und erfreuten sich. Von Liebe wollte sich bei ihr nichts einstellen. Bei ihm, wie es schien, auch nicht. Aber er hatte zuweilen tiefe, schwere Blicke, als wolle er in ihrer Seele lesen, und sie erwiderte diese Blicke ernst und bedeutend. -- Ob ich ihn wohl lieben könnte? dachte sie manchmal, wenn sie allein war. Er war unstreitig viel imposanter als sein Bruder. Was er allein für Hände hatte! Echte, kräftige Männerhände! Und dann diese kernige Erscheinung! Unwillkürlich reckte sie selber ihre kleine Figur etwas empor. -- Sie fing an mehr auf seinen Körper zu achten. Wenn er neben ihr stand, mit ihr Bilder besah und ein Blatt aus ihrer Hand nahm, so daß sich beide fast berührten, hatte sie mitunter das Gefühl: Wenn ich jetzt noch ein ganz wenig näher an ihn heranträte, und in ihm plötzlich der Mann erwachte?! Es war ihr dies ein schauerliches und zugleich wohliges Gefühl, und wenn sie seine Hände ansah, mußte sie nun öfter daran denken -- ganz theoretisch nur! -- wie es wohl sei, von diesen Händen ergriffen und umarmt zu werden. Manchmal sah sie auf sie hin, und vergaß darüber zu antworten, so daß er nun seinerseits seine Hände beschaute, im Glauben, sie seien vielleicht schmutzig. -- Der große, stattliche junge Mann, er war ja so kindlich, so ahnungslos! -- Fox war wirklich ahnungslos in allen Dingen, die Unausgesprochenes zwischen den Geschlechtern bedeuten, denn seine Erlebnisse in der Liebe waren stets glatt, exakt und scharf umrissen. Er deutete diese Blicke nur auf Zerstreutheit, allerdings setzte er in Gedanken hinzu, daß sie sich wohl auf ihn beziehe. --
Sie fragte ihn, ob sie nicht zusammen einen Sport treiben wollten? Da lag im Parke, hinter dem Hause, der herrlichste Tennisplatz, und er wurde nie benutzt! Fox erklärte, Tennis könne er nicht spielen. -- Ich zeige es Ihnen, passen Sie auf, Sie lernen es, Sie sind doch jung und kräftig, und nicht so stocksteif wie Ihr Bruder! Der war so langweilig und so furchtbar unjugendlich! -- Sie hüpfte selbst ein Weniges in die Höhe. Sie spielten nun. -- Sie schlagen viel zu fest für den Anfang! -- rief Fräulein Elsa. -- Dafür kann ich nichts! Sehen Sie doch selbst mal meine Muskeln! Und, wie wenn er einen Schulfreund vor sich habe, streifte er seinen Hemdärmel hinauf und sah sie renommierend-erwartungsvoll an, während sie ihrerseits erwartungsvoll zugesehen hatte, wie er den Ärmel in die Höhe streifte. -- Ein Arm wie der eines griechischen Götterheros! dachte sie.
Er mußte sie auch auf dem Teiche rudern; er tat tiefe, volle, langsame Schläge, sie sah wortlos eine Zeitlang zu und sagte dann: Wie Ihnen das gut steht! Ich sehe Sie so gerne rudern!
Allmählich geriet Fox Fräulein Heine gegenüber ins Nachdenken; sie begann ihm deutlicher zu zeigen, daß er ihr sehr sympathisch sei. -- Eine ganze Million bekam Fräulein Heine einmal später. Das hatte sie ihm selber mitgeteilt, als sie ihm erzählte, wie ein Herr sich vergeblich um ihre Gunst bemüht habe.
Der ganze große Luxus dort im Hause hatte Fox verwöhnt; Elsa schien ihre verschiedenen Anbeter alle zu verachten; wie sehr würde er über diese triumphieren, wenn er sie gewann! Was würde Pitt für ein Gesicht machen, wenn Fox das errang, um was er selbst sich vergeblich bemüht hatte! Vielleicht war Pitt der Kerl gewesen, von dem Fräulein Heine sprach?! -- Eine ganze Million! Der höchste Wert des Daseins bestand nun doch einmal in einem guten Leben, das mußte jeder zugestehen, und wer es nicht zugestand -- dem fehlten eben die Mittel zu einem solchen Leben, und er hatte leicht reden vom Zufriedensein in der Bescheidenheit, denn was blieb dem armen Kerl sonst übrig?! -- Allerdings: Heiraten -- nur um zu einem guten Leben zu gelangen, das war niedrig, das war gemein, und Fox war der erste, der das in jedem Falle verdammte! Nein nein, die Liebe mußte dazu kommen, und er fühlte ganz deutlich, daß sie bei ihm schon im Anzuge war; wenn er sie heiratete, würde es eine reiche Liebesheirat sein, dies war das rechte Wort, knapp, präzise bezeichnend. Fühlte er sich nicht eigentlich direkt verliebt?! Er runzelte die Stirn, in sich hineinlauschend. Eigentlich gab es da im Innern nichts, was ihm dies bestätigt hätte. -- Aber Liebe ist oft blind gegen sich selber; wie häufig kommt es vor, daß Menschen von ihr überhaupt erst dann erfahren, wenn durch einen plötzlichen Windstoß der Leidenschaft alle verhüllenden Schleier des sogenannt wachen Bewußtseins zerrissen werden! Es bedurfte dazu manchmal nur eines kleinen Anlasses, eines reinen Zufalls! Romeo liebte sogar die Julia sofort, ohne daß irgendein Anlaß da war, nachdem er erst um seine Rosalinde geschmachtet hatte.
Fox begann auf seinen Zufall zu warten. Mitunter, wenn er bei Fräulein Heine im Zimmer war, sah er sie lange und nachdenklich an, während sie ihm etwas auseinandersetzte. Sie glaubte ihn dann ganz vertieft in ihre Worte und fragte ihn nach seiner Meinung; er antwortete noch immer nichts, so daß sie, halb unsicher, das Wort wieder ergriff, um noch einmal fortzufahren, bis er es ihr zu deutlich zeigte, daß sein Grübeln nach einer ganz anderen Richtung ging; dann stockte sie, brach mitten im Satze ab und ließ den Blick an Fox vorbeigehen, in eine Ecke, während ihre Augen ganz groß wurden, nur für einen Moment; dann führte sie sie über einen leichten Niederschlag zu seinem Gesichte zurück, auch nur für einen Augenblick, und schließlich saß sie unbeweglich, mit einem Ausdruck, als werde sie gerade photographiert und wolle, daß ihre Züge still-bedeutend würden. -- Ein ungewisses Fluidum strömt jetzt von ihr zu mir, von mir zu ihr! dachte Fox: Ein Fluidum, das einem den Atem versetzen könnte, wenn man sich ihm zu lange hingäbe! Also wirklich: ich fange an zu fühlen, wie mich die unsichtbare Macht der Liebe bewegt, ganz leise, so, wie es Unterströme gibt in einem anscheinend stillen Wasser! -- Und Fräulein Heine dachte mit halbem Zagen: was mag in ihm vorgehen! Wenn es jetzt über ihn und über mich käme, mit elementarer Gewalt alle Schranken niederreißend?!
Fox wurde sich über sein Gefühl immer klarer. Eines Morgens, als er gerade aufgestanden war, seufzte er tief, indem er, noch halb schläfrig, um sich starrte. Was hatte er nur geträumt? -- Er träumte eigentlich niemals. -- Zwei große, dunkle, schwarze Augen! Hatte er die nicht im Traum gesehen?! Ja ja, so schwarz wie schwarze Diamanten! -- Die hatte Fox zwar auch noch nicht gesehen, aber er stellte sie sich als das schwärzeste vor, was es in der Welt gäbe. Und wem gehörten diese Augen? -- Eine ganze Million; schoß es ihm dazwischen durch die Gedanken. Aber er sprach nervös zu sich selbst: Kann man sich denn nicht einmal für kurze Zeit ungestört dem Gedanken der Liebe ergeben? Muß denn ewig die reale Welt dazwischen kommen? -- Also: Zwei schwarze, große Augen; ich weiß bestimmt, daß ich von denen geträumt habe, sonst würde mir doch das nicht jetzt auf einmal einfallen, es muß doch dem ein tatsächliches Erlebnis zugrunde liegen! Was habe ich denn nun aber von denen geträumt?! Sie waren also erst mal: feurig. -- Fox suchte vor sich selbst eine Brücke herüberzuschlagen zu Fräulein Heine; da er aber nicht weiter kam, genügte ihm das schon Gesagte als ein Beweis, daß sein Traumbild nur Fräulein Heine gewesen sein könne. Daß da weiter gar nichts im Traum geschehen war, erhöhte den Wert dieser einzigen Erinnerung: In den Augen konzentriert sich die Seele, und dieser Blick -- -- Fox wußte mit einem Male weiter: Dieser Blick, mit dem sie mich angesehen hat -- es lag darin eine ganze Welt von Rätseln! Ein Blick voller Fragen, Antworten, Verheißung, Sehnsucht! -- Es muß weit mit mir gekommen sein, murmelte er, jetzt verfolgt mich ihr Bild schon nachts im Schlafe, daß ich nicht Ruhe finden kann; ob es ihr wohl ähnlich geht?
Er erzählte ihr seine Vision, verschwieg aber, daß es sich um sie selbst gehandelt habe, doch waren seine Augen fest auf sie gerichtet.
Diese Mitteilung regte sie mehr auf, als er ahnen konnte. Er liebt mich, liebt mich wirklich, dachte sie. Und nun geriet sie in eine innere Unruhe; ihre Phantasie beschäftigte sich mit Bildern, denen sie vorher keinen Raum verstattet hatte; sie schrak zurück vor ihnen, aber nur um so stärker kamen sie.
All ihre Anbeter waren Männer, die frühreif das Leben schon kennen lernten, über denen jetzt eine leise Müdigkeit der Erfahrung lag; sie alle hatten Liebesabenteuer hinter sich, das war selbstverständlich; da kamen in gewissen Abständen Herren aus der kaufmännischen Gesellschaft, oder -- wie es schon mehrmals geschehen war -- korrupte Offiziere mit Adelstitel, die ihr ihre Liebe erklärten und denen sie's an der Nase ansah: Sie wollen mich um meines Geldes willen; umsonst bekommt man keine Million, also nehmen wir die Frau mit in den Kauf! Wie oft hatte Egon ihr gesagt, sie dürfe sich keine Illusionen machen!
Und nun kam Fox Sintrup -- das war ein anderer Mensch! Unverbraucht war seine Kraft; wenn er seine Arme um sie schlang, so konnte sie das ruhige Gefühl haben: Sie war die erste, die er berührte! Sie hätte ihre Hand dafür ins Feuer legen können! Es fiel ihr ein, daß sie zu Anfang öfters über ihn gelacht hatte. Aber worüber hatte sie denn im Grunde gelacht? Darüber, daß er anders war als andere Männer, daß ihm sein reines Verhältnis den Frauen gegenüber eine gewisse Ungelenkigkeit gab, die man wohl belächeln, aber eigentlich nicht belachen durfte! Und diese gediegenen, unverschrobenen und reinen Ansichten vom Leben, die er hatte! Der sie nur liebte um ihrer selbst willen, der ihr kürzlich erst erzählte: Eine schöne Millionärstochter habe ihn einmal geliebt, er habe sie wieder geliebt aber nicht geheiratet, weil er sonst nie das bedrückende Gefühl losgeworden wäre: Sie könnte denken, ich nähme sie nur um ihres Geldes willen! Wie treuherzig er das erzählte, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen: da sitzt ja eine Millionärstochter vor mir, zu der ich das sage! Oder sollte er -- dies war eine ganz neue Perspektive -- sollte er diese Erinnerung mit einer ganz bestimmten Absicht erzählt haben? Wollte er damit sagen: Wenn du _kein_ Geld hättest, würde ich dich auf der Stelle heiraten, wenn du mich nähmest? Band ihm die Million die Zunge? Ging sein Feingefühl so weit? War die Geschichte vielleicht überhaupt erfunden? War die schöne Millionärstochter sie selbst?! -- Unwillkürlich warf sie einen Blick in den Spiegel: Es wäre ihm zuzutrauen, sagte sie langsam; er ist ja so furchtbar stolz und delikat!
Fox war sich inzwischen über sich selber vollkommen klar geworden: Er liebte Fräulein Elsa, und zwar war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Es war ihm eingefallen, einen wie starken Eindruck er gleich das erstemal von ihr empfangen hatte: Einen solchen ersten Blick legt man sich niemals als Liebe aus; das merkt man erst hinterher, wenn man auf einem festen Punkte angelangt ist und nun die ganze Stufenleiter überschaut, bis in ihre ersten Anfänge. -- Und sie selber: Mit Deutlichkeit erinnerte er sich, daß sie bei der ersten Begegnung _fast tragisch_ zu ihm war. Pitt konnte das eventuell bezeugen, dem hatte er's erzählt! Also auch sie hatte es gefühlt, daß er ihr Schicksal sein werde, deutlicher, erschütternder noch als er selber! Sie hatte sich dann beherrscht, die folgende Zeit, nur manchmal brach in einem großen Blick, in einem Schweigen ihr inneres Gefühl mit stummer Deutlichkeit hervor! Wie selten geschieht es doch, daß sich alles so natürlich und in so wahrhaft innerer Schönheit entwickelt! Sollte er ihr nun seine Liebe gestehen? --
Als sie sich wiedersahen, waren beide einsilbig, fast wortlos. Mit großen Blicken trennten sie sich.
Sollte er ihr seine Liebe gestehen? Er strich sich nachdenklich an seinem neuerworbenen Barte. -- Nein, dachte er endlich, ich will nicht, daß die Familie womöglich denkt, ich sei ein Millionenjäger. Ich würde das der Familie zwar absolut nicht übelnehmen -- dergleichen ist sehr menschlich und die Tatsache kommt -- leider -- häufig genug vor! Alles was ich tun kann, ist: Warten. Wenn sie mich liebt, wird sie mir das eines Tages selber sagen, das ist bombensicher! Ich könnte ihr aber mal wieder ein paar Blumen mitbringen, das ist in jedem Falle anständig!
Er kaufte die Blumen und begab sich zu ihr. Als er dann aber vor ihr stand, wurde er sehr rot, denn plötzlich hatte er das Gefühl: Heute kommt es zur Entscheidung. Wie sie dies sah, errötete sie ebenfalls. Beide waren einsilbig; ihr klopfte das Herz, während er nach innen lauschte, ob seines auch klopfte. Wirklich klopfte es. -- Setzen Sie sich dort auf das Sofa! sagte sie, und er merkte, wie ihre Stimme sonderbar beherrscht klang. Er erfüllte ihre Bitte sogleich, legte die Hände auf die Knie und sah sie stumm an. Sie lächelte nervös und strich sich das Haar zurück. Dann saß sie ebenfalls. -- Sie sind ein sonderbarer Mensch! sagte sie endlich. -- Wieso? fragte er, überrascht, plötzlich in seinem gewöhnlichen Tone. -- Wie -- so? wiederholte er, grübelnder, nachdenklicher, da ihm sein erster Ton selbst zu nüchtern geklungen hatte. -- Ich halte Sie für einen ganz, ganz verschlossenen Charakter! -- Ja, das ist wohl wahr! entgegnete er, mit einem schweren Blick ins Leere. Schon in meiner Kindheit litt ich selbst darunter. -- Also Sie leiden darunter?! -- Natürlich, man empfindet es oft doch sehr schwer! -- Mir geht es ähnlich! sagte sie nach einer Pause, tragisch. -- Das habe ich aber nicht empfunden, mir gegenüber. -- Wirklich? Wie meinen Sie das?? -- Ich habe das Gefühl, als wenn Sie gegen mich nicht so verschlossen wären! -- Ach so, ja ja! sagte sie, als enthielten seine Worte eine Offenbarung; jawohl, das hängt von den Menschen ab. Gegen zwei Menschen bin ich nicht verschlossen: gegen Sie und gegen meine Mutter! das heißt -- sie brach ab. Er sah sie fragend an. -- Das heißt, sagte sie lauter, stoßweise: das heißt, gegen meine Mutter bin ich jetzt auch verschlossen, und gegen Sie möchte ich es auch sein, aber was soll ich machen -- -- ^c'est plus fort que moi^!! -- Bin ich Ihnen solches Vertrauens wert? fragte Fox, und erinnerte sich dunkel, daß er das einmal irgendwann auf der Bühne gesagt hatte. Daß auch die kalte Wirklichkeit immer wieder hereinspielte in die Gedanken, selbst in den höchsten Augenblicken des Lebens! -- Ja! sagte sie, indem sie ihm ihr Gesicht voll zuwendete, das sind Sie mir! Seit dem ersten Augenblick wo ich Sie sah, waren Sie mir das! -- Was sollte er darauf antworten? -- Sie sind es mir ebenfalls, sagte er. -- O Sie Kind, rief sie, Sie großes ungelenkes Kind, haben Sie mir nichts anderes zu sagen als das? -- Ich könnte noch vieles hinzufügen, aber daran hindert mich das Gefühl, daß ich nicht weiß, wie Sie dies aufnehmen werden! -- Ich, ich nehme alles freudig auf, von Ihnen alles!
Fox sah sie an. Jetzt sollte das Schicksal sich entscheiden; und dies Gefühl vor der Wucht des Augenblicks, der im Leben eines jeden nur einmal vorkommt -- oder vorkommen sollte -- erschütterte ihn. Er sah gleichsam auf sich selbst herab, wie von einer fernen Warte der Zeit, auf sein eigenes Menschenleben, und seine Augen wurden feucht. -- Sie wissen es ja längst, sagte er mit belegter Stimme, daß ich Sie liebe, daß ich Sie vom ersten Moment an geliebt habe! Sie war aufgestanden, er hatte sich ebenfalls erhoben und sah mit seinen blauen Augen in vollster Ehrlichkeit auf sie herab, die mit etwas emporgehobenem Kopfe vor ihm stand. Da schlang sie die Arme um ihn und legte ihren Kopf an seine Brust: O wie ich mich danach gesehnt habe! flüsterte sie. Als Antwort drückte er sie fester an sich. -- Eigentlich ist sie etwas klein! sagte eine Traumstimme aus der Wirklichkeit zu ihm, aber er hörte sie nicht. Nun bist du mein, mein Lieb! jauchzte er im Gefühl jubelnden Besitzes, mein auf immerdar! In all ihrer Seligkeit mußte sie lachen: Ach du Kind, du kennst ja die Liebe nur aus Büchern und denkst, du mußt nun auch so sprechen wie die Helden in Romanen! Küsse mich ein einziges Mal, das ist besser als alle Worte! -- Sie reckte sich etwas in die Höhe, und den Bund dieser beiden Menschen, die sich durch die Wechselfälle des Lebens zueinander gefunden hatten, besiegelte der erste Kuß.
Zwölftes Kapitel.
Fox sagte eines Tages, er habe einen Brief für Pitt: Du mußt entschuldigen, daß ich ihn geöffnet habe; er kam in die Redaktion, wurde für mich abgegeben, und da ist es nicht verwunderlich, wo ich jetzt sowieso Hunderte von Glückwünschen zu meiner Verlobung bekomme, die überall wie eine Bombe eingeschlagen hat: Geschäftsbriefe, Glückwünsche, Telegramme, Bettelbriefe -- das fliegt nur so. -- Ja, sagte Pitt, mit deiner Braut hast du einen schönen Erfolg gehabt! Fox nickte: Und herzig niedlich ist meine Braut doch, was? Und so neckisch! -- Pitt reichte ihm die Hand und wollte gehen. Halt! rief Fox; seinen Brief vergißt dieser Mensch natürlich mitzunehmen! -- und er gab ihn seinem Bruder.
Der Brief war von Elfriede, sie bat Pitt, zu ihr zu kommen. Ihm war wie im Traume, als er auf ihre Schriftzüge sah.
Mehrere Jahre hatten Pitt und Elfriede sich nicht gesehen. Wozu, wozu soll ich jetzt zu ihr gehen, dachte er, ich beunruhige sie und mich von neuem, und scheitere abermals an mir selbst; ich habe mich nicht geändert, ich bin genau so wie ich immer war. --
Elfriede hatte ihr Studium längst beendet; der letzte Winter war mit Konzertreisen hingegangen, ein Ziel, das ihr früher so hoch erschien, und das sie nun, wo sie es erreicht hatte, ernüchterte, enttäuschte, trotz der Erfolge, die sie hatte. Sie war nach Hause zurückgekehrt, auf unbestimmte Zeit, und Frau van Loo wollte sie so bald nicht wieder gehen lassen, die sie in der Mitte ihrer Ehe geboren habe, wo alles in ihr und um sie herum am wärmsten und glücklichsten gewesen sei. -- Ich habe mich, sagte sie, zu deiner Überraschung malen lassen, denn wenn ich einmal tot bin, sollt ihr alle eine schöne Erinnerung an eure Mutter haben. Das Bild ist in der Ausstellung; es hängt da, wo immer soviel Menschen stehen! --
Elfriede fand das Bild, und voll Stolz blickte sie auf die Gestalt ihrer Mutter in ihrem reichen, nachschleppenden Kleide, die so ganz bekannt und doch wieder fremd aus ihren schönen Augen auf sie niedersah.