Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Part 26

Chapter 263,884 wordsPublic domain

Dies ist eine recht üble Karikatur der Vergangenheit! dachte Pitt, indem seine Gedanken zu Herta zurückgingen, ich muß dafür sorgen, daß es nicht zu toll ausartet, obgleich es mich jetzt schon manchmal elend macht. --

Seit sie Pitt jene Redaktionsstelle verschafft hatte, glaubte Fräulein Heine sich zu größeren Anforderungen berechtigt. Sie schlug einen freieren, entschiedeneren Ton gegen ihn an, und Pitt kam in eine schwankende Lage. Zunächst spielte er noch zwei Rollen ihr gegenüber: Sah er sie allein, so sprach er in seiner alten Weise, sah er sie im Hause ihrer Eltern, redeten beide mit freundlicher Hochachtung zueinander. -- Es freut mich fast, sagte sie einmal zu ihm, daß Sie im Grunde so zäh Ihren Standpunkt gegen mich behaupten -- obgleich es mich auch kränken müßte; aber es zeigt mir, daß Sie eine wirklich vornehme Seele besitzen: Andere an Ihrer Stelle würden sich zum Gegenteil bemühen und mir den Hof machen, denn schließlich -- prüfen wir doch mal die Sache vom allgemeinen menschlichen Standpunkt, ich meine so, wie gewöhnliche Menschen sie ansehen würden: Ich habe Sie in diese Stellung hineingesetzt und kann Sie ebenso leicht wieder daraus vertreiben. Sie wissen es und riskieren es: Das zeigt mir Ihre stolze Seele. Glauben Sie aber, daß Sie nichts dabei riskieren, so zeigt mir das wieder, daß Sie _mich_ für eine vornehme Seele halten, die erhaben ist über die Kleinheit der andern Menschen! -- Ich halte weder Sie noch mich für eine große Seele, sagte Pitt gelangweilt, und im übrigen ist mir alles ganz egal. -- Sie sah ihm skeptisch in die Augen, mit ihrem etwas nackten Blick, dann hielt sie ihm die Hand zum Abschied hin. Er nahm sie auch, da schob sie sie an seiner Brust hinauf, bis sie fast seinen Mund berührte. -- Ich küsse niemals Damen die Hand! sagte Pitt. Sie schwankte einen Augenblick, dann zog sie die seine durch die Luft zu sich nieder, ein kleiner Knall wurde laut, und sie sagte: Küsset die Hand so euch züchtigt; heißt es nicht so irgendwo in der Bibel? Und ich kriege Sie _doch_ noch rum, passen Sie nur auf! --

Ich will sie nicht zu sehr reizen, dachte Pitt zuweilen, denn wenn sie auch von ihrer großen Seele spricht -- es wäre schade, wenn ich diese gute Stellung so schnell wieder verlassen müßte; sie ist doch eine Art von vorläufigem Ruhepunkt. -- So erreichten ihre Worte die Absicht, in der sie gesprochen waren.

Pitt wurde sehr oft in das Haus der Familie eingeladen und er sah Fräulein Elsa schließlich mehr in dem Kreise der Ihren als allein, denn sie vermied es jetzt fast ihn außerhalb ihres Hauses zu treffen. Um so ausgiebiger widmete sie sich ihm im Beisein der andern. Pitt konnte nicht anders als höflich auf ihre Interessen eingehen, die wieder mit seinen eigenen verknüpft erschienen, sie sang vor, am Klavier, er mußte loben, wenn ihn Frau Heine, eine etwas üppige Dame, ermunternd ansah, er mußte auch Elsas Gedichte lesen und sich in deren Inhalt vertiefen, und ihr Maltalent bewundern, denn Fräulein Heine malte Stilleben.

Sie erreichte was sie wollte: Zunächst konnte er, wenn er sie allein sah, überhaupt keinen rechten Ton zu ihr finden, der alte frühere erschien ihm selber stillos, wo er sie jetzt die meiste Zeit als Dame sah und als Dame behandelte, und so kam es, daß er allmählich gar keinen Unterschied mehr machte, ob er sie nun allein oder in ihrem Hause sah, daß er ihr stets mit einer reservierten Freundlichkeit begegnete. Sie ergriff sofort vollkommen Besitz von diesem neuen Zustand, und als er einmal, wie aus Versehen, in seinen alten Ton zurückfiel, sah sie ihn halb kühl, halb herzlich an und sagte: Ich dächte, diese Zeiten wären nun vorbei!

Pitt wußte genau, daß bei allem diesem ein Plan vorlag und daß er selber in eine schiefe Situation hineingeraten war, aber was sollte er machen?! Er hatte einmal die Gastfreundschaft dieser Menschen angenommen und lebte von seiner Stellung, die er durch Fräulein Heines Bemühungen erhalten hatte, und dieses alles forderte, wenn auch keine Dankbarkeit, so doch einen guten höflichen Ton und einige Rücksicht, um so mehr als er merkte, daß Elsas etwas jüngerer Bruder Egon anderen Schlages war als die übrigen, von einem viel größeren Takt, einer fast wortlosen Zurückhaltung, und einem Feingefühl, das auch die leisesten ironischen Schattierungen im Tone eines andern heraushörte; er zog sich meistens zurück, sobald es die gesellschaftliche Höflichkeit zuließ, denn die ganze Art der Konstellation dieses Verhältnisses war ihm unsympathisch und peinlich. Er fühlte sehr wohl seiner Schwester Absicht und Pitts wahre Empfindung ihr und dem ganzen Hause gegenüber.

Bis jetzt hatte Fräulein Heine ihre Liebe noch mit ziemlicher Fröhlichkeit getragen, noch niemals sie als irgend etwas Schweres empfunden; aber das wurde auf einmal anders.

Eines Abends war sie Pitt immer näher gerückt und hatte heiße, rote Backen bekommen. Wie Pitt dann gegangen war und sie mit ihrer Mutter allein blieb, sagte Frau Heine, die sie sehr beobachtet hatte, mit pathetischer langsamer Stimme: Elsa, Elsa, wie steht es mit deinem Herzen?! -- Da fühlte sich Fräulein Heine plötzlich wie von einem großen Schicksal übermannt, von dem sie kurz zuvor selbst keine Ahnung gehabt hatte, sie brach in Tränen aus und sank ihrer Mutter mit einer großen Bewegung in die Arme. Es folgte ein Schweigen. -- Diese unselige Redaktion! sagte Frau Heine endlich, erst lerntest du den Bertold kennen, im literarischen Verein, dann ruhtest du nicht, bis er seine Position bekam und schienst bis über die Ohren verliebt in diesen armen Teufel! Du schafftest ihm neue Anzüge an, bezahltest seinen Arzt und ließest ihm sogar goldene Plomben einsetzen, da seine eigenen dir zu vulgär waren. Auf einmal lernst du diesen Sintrup kennen -- es mag ja sein, daß er wirklich der richtige Mann war für die Position, die er dann bekam -- das gehört nicht hierher -- und nun war alles mit einem Male aus mit dem Bertold. Ich danke ja Gott, daß es aus war, ich ahnte damals schon es müsse irgend etwas dahinterstecken, aber daß du nun wirklich diesen Sintrup liebst, das -- ahnte ich zwar auch schon, aber wirklich bestätigt sehe ich es erst heute abend. Schlag dir das aus dem Kopf! Egon sagt, er macht sich über uns alle miteinander lustig! Und über dich am allermeisten! -- Das tat er früher! sagte Elsa hastig und heftig, aber jetzt tut er es nicht mehr, er hat selber eingesehen wie ich es gut mit ihm meine, und er zeigt das in seinem ganzen Wesen! Du hast ihn ja früher garnicht gekannt! Aber auch schon damals habe ich deutlich gefühlt, daß ich ihm absolut nicht gleichgültig war. Er war grob und impertinent zu mir, das ist man nicht zu Menschen, die einem egal sind! Er war darin geradezu erfinderisch, und alles kam in einem so herzlichen, kameradschaftlichen Ton heraus, ich regte ihn durch mein etwas burschikoses Wesen, das ihm neu und anziehend war, direkt zu Impertinenzen an! Ich empfand so deutlich, daß er sich wohl dabei fühlte und gar nicht irritiert, auf mich persönlich war das alles ja auch gar nicht gemünzt, es entsprang nur einem überschüssigen Teil an Geist und Witz, den ich gerade in ihm auslöste, weil er in mir unbewußt eine ihm verwandte Natur empfand! Er mag sich wohl im Anfang gewehrt haben, ich glaube ja auch nicht, daß er jetzt schon direkt verliebt in mich wäre, aber in der kurzen Zeit hat er einen Riesenschritt getan, und heute abend: Ist er auch nur eine Spanne weit von mir fortgerückt, hat er nicht ganz still gehalten?!

Mit diesem Abend trat in Fräulein Elsa eine Wandlung ein. Sie fühlte sich nicht mehr ganz sicher vor den Augen ihrer Mutter, wenn Pitt zugegen war, horchte unwillkürlich selbst mit feinerem Ohr, wenn er etwas sagte, um zu hören ob es wahr sei was Egon behauptet hatte. Er dagegen fühlte ihre neue Unsicherheit auch ihm selbst gegenüber, sie überschüttete ihn plötzlich mit Geschenken, und bei irgendeiner Kleinigkeit, die er gar nicht böse gemeint hatte, fuhr sie verletzt in die Höhe, daß er sie ganz erstaunt ansah. --

Sie wurde launisch und unberechenbar. Manchmal tat sie ganz intim, dann plötzlich, irritiert durch seine Gleichmütigkeit, schien sie kalt und abweisend. Einmal schickte sie ihm einen großen Blumenstrauß, und auf ihrer Karte stand: wegen gestern. Er wußte nicht was das zu bedeuten hatte, ahnte nicht einmal, ob sie meine, daß er sie oder daß sie ihn gekränkt habe, und antwortete ihr infolgedessen gar nicht. Als er sie wiedersah, war sie verschlossen und still, antwortete nur durch große fragende Blicke, wenn er etwas sagte, und wollte ihn dadurch zwingen, selbst von dem Blumenstrauße zu reden anzufangen. Er dachte aber gar nicht daran; so bezwang sie sich schließlich mit dem Gedanken: Geduld, Geduld, ich kriege ihn doch noch! Und dann redete sie wieder in ihrer früheren Art.

Er hatte jetzt jedesmal, wenn er von der Redaktion nach Hause kam, Furcht, es könne irgendeine Nachricht von Fräulein Heine auf seinem Tische liegen, was auch meistens der Fall war. Denn schließlich verging kaum ein Tag, ohne daß sie sich irgendwie fühlbar bemerklich machte. Er konnte sie überhaupt kaum noch sehen. Wenn er ihre trockene Stimme im Vorplatz hörte, überlief ihn schon ein irritiertes Gefühl, und die Abneigung steigerte sich mit jedem Tage. Wenn er zu Hause in einem Buche las, schob sich zwischendurch ihr Bild in seine Gedanken, und eine nervöse Unruhe ergriff ihn. Dann konnte er nicht anders als alle Augenblicke von seinem Buch auf durch das Fenster auf den Platz vor seinem Hause sehen, zu jener Ecke hinüber, aus der sie herauskommen mußte, wenn sie zu ihm auf Besuch ging. Und richtig! Irgendwann war jene Ecke nicht mehr leer, bewegte sich da ein rotes Kleid, und oben saß ein Kopf drauf, der suchend auf sein Fenster blickte. Und die Wirkung ihrer Augen, selbst in die Ferne, durch die Fensterscheiben hindurch, war eine latente Raserei in ihm. Dann pfiff sie womöglich noch ein Signal, das sie sich ausgedacht hatte, und endlich stand sie vor ihm. Mit Wut im Herzen konnte er doch nicht anders als höflich sein. Was war dies für ein höchst abscheulicher Zustand! Den Verkehr einfach abbrechen -- das konnte er nur dann, wenn er seine Redaktionsstelle aufgab. Diesen Gedanken schob er immer wieder zurück. Aber immer heftiger meldete er sich wieder, zumal Fräulein Heine kürzlich -- wie zum Scherz, aber mit sehr nervösem Tonfall -- darauf zurückkam, daß er doch eigentlich seine Stelle nur ihr zu verdanken habe. Wenn er auch wußte, daß sie die Drohung, die hierin versteckt schien, niemals wahr gemacht haben würde, um ihrem Charakter keine Blöße zu geben, so wurde die Situation für ihn dadurch doch noch peinlicher. Er fühlte, daß es über kurz oder lang zu einer Entscheidung kommen mußte. Vorerst hielt er noch eine Zeitlang aus. Mehrmals kränkte er Fräulein Heine, aber sie überwand die Kränkungen, freilich jedesmal schwerer. Eine große Erbitterung war allmählich in ihr aufgewachsen, sie fühlte, daß es doch nicht so leicht war, Pitt Sintrup zu gewinnen, und je mehr sie sich in das Gefühl ihrer eigenen Liebe hineingeredet hatte, um so verletzlicher wurde sie gegen jede kleinste Äußerung seiner Gleichgültigkeit. Es bedurfte schließlich nur eines geringsten Anlasses, um alles, was sich in ihr angesammelt hatte, zum Überlaufen zu bringen. -- Dieser Anlaß kam.

Sind Sie heute abend frei? telephonierte sie eines Tages. -- Nein, sagte er. -- Wohin gehen Sie? -- Eine kurze Pause folgte: In die Oper. -- Das trifft sich ja herrlich, gerade wollte ich Sie für die Oper einladen! Also holen Sie mich Punkt sieben bei mir ab! Sie sitzen mit in unserer Loge.

Du willst ins Theater? fragte ihr Bruder Egon sie am Abend; mit wem? -- Mit Herrn Sintrup. -- Er pfiff etwas verächtlich durch die Zähne. -- Was soll das?! -- Gar nichts. -- Nein, bitte, rede. -- Er wollte nicht, sie drängte immer heftiger, schließlich sprach er alles von seinem Herzen herunter, und schloß mit den Worten: Merkst du es denn nicht, daß dieser Mensch nach deiner Hand schlägt, wenn er sie fühlt?! -- Sie wurde sehr rot und erregt, behauptete, es sei nicht wahr, was er da rede, kehrte ihm endlich den Rücken und ging schnell hinaus.

Während sie sich umzog, hörte sie immer jene letzten Worte ihres Bruders. All ihre Bitternis war durch sie verstärkt, verschärft. Es war so, als sei erst nachdem es ein anderer aussprach, alles wahr und wahrhaftig, was sie doch auch vorher nicht vor sich selber abgeleugnet hatte. -- Ich will ihm schon zeigen, daß ich Stolz besitze, er soll sich nur in acht nehmen, so dachte sie, während sie die Schuhe wechselte, und wenn er es zu weit treibt -- heftig riß sie die Schnürbänder auseinander -- dann fliegt er einfach! Sie hatte die Schuhe ausgezogen und warf sie während ihrer letzten Worte in die Ecke, etwas verwirrt ihrem Fluge nachsehend, da sie das gedoppelt sah, was sich ihr zugleich als bildliche Einheit präsentierte. -- Jedenfalls, dachte sie beruhigter, hat er für heute abend zugesagt, das ist doch schon etwas! Sie trat noch schnell zum Waschtisch und suchte aus all den Kristallflaschen ein Veilchenparfum heraus, denn Pitt hatte einmal gesagt, er rieche Veilchen besonders gern. Oder hatte er das nur aus Widerspruchsgeist behauptet, da sie selber sagte, sie habe sich Veilchen »übergerochen«?

Sie sah nach der Uhr. Pitt mußte eigentlich schon da sein. Wahrscheinlich war er im Salon. Aber dort war er nicht; die Uhr ging weiter, und schließlich saß sie da in Hut und Mantel, um Zeit zu sparen, da es sowieso schon zu spät wurde. Egon spottete; sie tat als höre sie das nicht. Sie überlegte, ob sie Pitt im Wagen entgegenfahren solle; dachte aber: Nein, ich will ihn hier erwarten und das Maß seiner Verspätung genau feststellen! Und nun wünschte sie fast, daß dieses Maß recht beträchtlich würde, und mit ihm auch der Grad ihres Ärgers, den sie immer stärker anwachsen fühlte und doch nicht in die leere Luft hinein äußern konnte. Egon hatte recht! Pitt zeigte geflissentlich, daß ihm nichts daran lag, mit ihr zusammenzukommen. Sie saß noch eine Zeitlang da, dann dachte sie auf einmal: Vielleicht konnte er aus irgend einem Grunde wirklich nicht herkommen! Sitzt schon längst in unserer Loge und wartet da auf mich! -- Sie fuhr sogleich zum Theater, aber die Loge war leer und dunkel, und auf der Bühne wurde schon längst gesungen und gespielt. Sie gab sich Mühe auf die Musik zu hören, aber fortwährend irrten ihre Gedanken ab. -- Wenn er nun plötzlich krank geworden war? Dieser Gedanke schoß auf einmal in ihr auf. Dies war ja nicht wahrscheinlich, aber immerhin nicht unmöglich. Sie erhob sich und verließ die Loge, ließ sich eine Droschke kommen und fuhr zu Pitts Wohnung. Wenn er nun ganz gesund war, sich verwundert nach ihr umdrehte und sich nichtssagend entschuldigte? Der Wagen hielt, schnell sah sie zu seinem Hause empor; sein Fenster hatte Licht.

Pitt saß in seinem Zimmer, beim Schein der Lampe. Vor ihm lag ein Brief von Fox. Der bat, gewisse von ihm geschriebene Artikel in irgend welchen Zeitschriften unterzubringen und das Geld sofort an ihn zu senden. Mit Fox mußte es ziemlich schlimm stehen. Der war nun längst beim Theater. Durch einen plötzlichen, abenteuerlichen Sprung hatte er sich herausgerettet aus allen Widerwärtigkeiten, er hatte eine Tat gezeigt; und wenn sie auch augenscheinlich etwas Verkehrtes war: Wenigstens hatte er sich frisch in eine neue Lebenswoge gestürzt und es darauf ankommen lassen, ob sie ihn tragen würde. Pitt selbst aber saß eingeschlossen in einem ganz engen Kreise, in der dumpfigsten Atmosphäre, und wußte doch nicht, wie er sich aus ihr befreien sollte. -- Und wenn er jetzt wirklich seine Redaktionsstelle aufgab, was wurde dann aus ihm? Was blieb ihm? Sollte er doch in seine juristische Laufbahn zurückkehren? War das nicht noch immerhin das beste? -- -- -- Er hielt die Augen lange geschlossen. Bäume tauchten vor ihm auf, und Felder, und auf einmal sah er jene zwei Knaben wieder, blond, in weißen Leinenhemden und im Schurzfell, wie er sie einst im Traum gesehen -- -- aber dann war es Elfriede, deren Bild alles andere verdrängte. Er hatte sie aufgegeben, endgültig aufgegeben. -- Eine große Leere war in ihm, nur gefüllt vom Nebel der Erinnerung. -- -- Hatte er denn nichts, gar nichts, das _wirklich_ war, das mit ihr zusammenhing? Er dachte lange nach, dann ging er an sein Bücherbrett, holte ein altes, philosophisches Werk, trug es an seinen Platz und begann es zu durchblättern. Wenn jenes Andenken noch da war, mußte er es zwischen diesen Seiten finden. Klein, schmal, vergilbt fand er es wirklich. Es war eine Blume, die ihm Elfriede einst im Scherz aufs Buch warf, als sie ihn lesend in der Laube fand, draußen auf dem Gute. -- Er nahm sie, hielt sie sinnend in den Händen, strich mit den Fingerspitzen über ihre Blätter hin und dachte: Sie ist wirklich, sie ist greifbar, so greifbar wie die festeste Gegenwart -- und doch gehört sie der Vergangenheit. -- Wieder schloß er, in Erinnerung verloren, seine Augen: Gegenwart und Vergangenheit mengten sich zu einem dritten, das nicht das eine noch das andere war, das zeitlos dahin schwebte und ihn mit sich nahm. --

Es läutete. Draußen klang die erregte Stimme Fräulein Heines, und die seiner Wirtin. Pitt schob die Blume in das Buch zurück und schloß es. Gleich darauf trat Fräulein Heine ein, fast ohne anzuklopfen. Sie hielt den Blick auf ihn gerichtet, seine Augen erschienen groß und sonderbar leuchtend im Lampenschein, wie er jetzt ruhig zu ihr hinsah.

Also wirklich! Da sind Sie wirklich! sagte sie. -- Wie können Sie sich unterstehen mich auf solche Weise zu behandeln? Mich durch dieses Geschöpf da draußen abfertigen zu lassen? Ich frage: wie können Sie sich unterstehen?! Sie war dicht zu ihm herangetreten und sah ihn mit brennenden Augen an. Halt! rief sie, als er den Mund zu einer Antwort öffnete, überlegen Sie sich vorher was Sie sagen wollen; ich will keine Lüge hören.

-- Es ist auch nicht meine Absicht zu lügen, sagte er, indem er ihr formell einen Stuhl anwies. -- Antworten Sie mir überhaupt nicht! fuhr sie fort, etwas ernüchtert durch seine Ruhe, aber immer noch sehr heftig: Wenn Sie mich nicht ins Theater begleiten wollten, weshalb sagen Sie mir das nicht? Weshalb machen Sie da eine ganze Komödie? -- Wer sagt Ihnen denn, fragte Pitt dagegen, daß ich nicht irgendeine dringende Abhaltung gehabt habe, weshalb fragen Sie nicht zu allererst nach meinen Gründen, sondern nehmen blindlings den an, der Ihnen am nächsten liegt?

-- Also doch! rief sie erleichtert, o, dann ist alles anders, dann ist alles in Ordnung. Aber nun reden Sie auch, bitte, damit ich mein altes Gefühl zu Ihnen zurückgewinnen kann! -- Ihr altes Gefühl? fragte Pitt; Sie haben ja vollkommen recht mit Ihrer Vermutung, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß man in solchen Fällen sachlicher zu Werke geht. -- Es überlief sie kalt. -- Ich dächte, fuhr er fort, es wäre deutlich zu ersehen gewesen, als Sie mich fragten, ob ich diesen Abend etwas vor habe: daß ich Ihnen auszuweichen strebte, indem ich sagte ich ginge in die Oper, ich sei _nicht_ frei. Statt dessen zwingen Sie mich in Ihre Pläne hinein -- --

Konnten Sie denn nicht später noch einmal telephonieren, fragte sie, daß Sie _wirklich_ verhindert seien? -- Das habe ich mir ebenfalls überlegt, aber, entschuldigen Sie, daß ich das ausspreche: Ich fürchtete, auch _diese_ Absage sei Ihnen nicht erkennbar genug. -- Das heißt: Sie halten mich für unfeinfühlig, ja -- sprechen wir das Wort aus: für dickfellig?! -- Pitt zog die Luft ein, hob die Augenbrauen, als dächte er angestrengt nach, dann wandte er den Kopf zu ihr zurück und sagte höflich: Menschen haben kein Fell. -- Das war zu viel. Sie fühlte eine plötzliche Wut in sich aufkochen, aber sie bezwang sich: Und das ist der Dank für alles, was ich für Sie getan habe! Vom ersten Moment an wo ich Sie sah, habe ich stets nur Gutes für Sie empfunden und es in allen meinen Handlungen geäußert! Ich weiß, daß ich gelegentlich zu weit ging -- Sie haben mir das auch zuweilen mit humorvoller Derbheit angedeutet, was ich Ihnen gerne verzieh, da ich gerade dieses scheinbar Harte in Ihnen liebe; aber dieses hier ist nicht mehr derb: dies ist plebejisch! -- Ich fand das andere auch schon ziemlich plebejisch! warf er halb bedauernd ein. -- Nein, dies ist anders, ganz anders, und ich verlange, daß Sie Ihr Wort zurücknehmen. -- Ja sind wir denn Kinder? fragte er erstaunt: Ich bleibe bei allem was ich -- oder vielmehr Sie selbst gesagt haben und will endlich Klarheit schaffen zwischen mir und Ihnen. -- Sie lachte höhnisch auf: das ist ja ein reizender neuer Ton von Ihnen: Lieber Herr Sintrup -- so mögen Sie zu Ihren Damen reden, die ich nicht kenne noch kennen lernen möchte, aber mir gegenüber verbitte ich mir das: Ich bin für Sie Fräulein Heine, Tochter des Kommerzienrat Heine, die sich für Sie als Mensch interessiert hat und diesem Menschentum nun auf den Grund gekommen ist. Eines muß ich Ihnen nun aber doch rund heraus sagen: _Jetzt_ tun Sie den Mund ordentlich auf, wo Sie sich in Ihrer guten Stellung wissen und sich sicher darin fühlen; jetzt suchen Sie, wie Sie es geschmackvoll nennen, Klarheit zwischen uns zu schaffen; ich habe nie etwas Unreines zwischen uns zu sehen vermocht, aber jetzt öffnen Sie mir die Augen: Sie nannten Ihr Wesen humoristisch derb -- nun, ich bleibe dabei: es ist plebejisch! -- Was hat meine Stellung, fragte Pitt, ihre vorletzte Äußerung aufgreifend, mit meinen Beziehungen zu Ihnen zu tun?! -- Sie sah ihn mit runden, maßlos erstaunten Augen an: Ja, habe _ich_ Sie nicht zu dem gemacht was Sie nun sind? Haben Sie irgendeine andere Empfehlung gehabt als mich? Aber allerdings, ich vergesse: die Kritiken, die Kritiken! Aber die sind ja nicht einmal von Ihnen, die sind ja von Ihrem Bruder, fremde Federn mit denen Sie sich geschmückt haben! -- Die Kritiken?! fragte Pitt, und verlor für einen Augenblick vollkommen den Faden. -- Jawohl! Die Kritiken! Ach, das weiß er ja gar nicht! Gut, einmal sollten Sie's erfahren, und nun hören Sie's! Fräulein Heine erhob ihre Stimme, erzählte die ganze Geschichte von den untergeschobenen Arbeiten, und schloß damit, daß Pitt diese Stellung nie bekommen hätte ohne ihre freundschaftliche und erfinderische Hilfe. -- Er war für einige Momente verblüfft, dann brach er in ein helles, klares Gelächter aus. -- Ihr ganzes Triumphgefühl schmolz hin in diesem Lachen, das ihr fast Angst machte, weil irgend etwas Schreckliches, Kaltes darin lag, das sie nur dumpf verstand. Sie hatte den Überblick verloren, sie kam sich plötzlich unsicher, in ihrer Position erschüttert vor. Aber es galt sie dennoch zu wahren: Ja, sagte sie mit fester Stimme, das habe ich alles für Sie getan; mag sein, daß es nicht ganz recht von mir war, aber was tut man nicht für einen Menschen, den man -- für den man ein menschliches Interesse hat! Es lag mir immer auf der Seele, ich mußte es einmal herausbeichten, und nun ist es geschehen! Von nun an werden Sie mich als Ihre wahre Freundin ansehen, die nicht nur in Worten, sondern auch durch die Tat gezeigt hat, daß sie es wirklich freundschaftlich mit Ihnen meint! Ich bereue es auch nicht, daß es zu dieser unliebsamen Aussprache zwischen uns beiden gekommen ist; so ein kleines Gewitter trägt nur zur Klärung bei, ich sehe jetzt ein neues Fundament für unsere Freundschaft. Sie nicht auch?

Pitt hatte den größten Teil ihrer Rede überhaupt nicht mehr gehört. Ganz entrückt, glücklich sah er in einen Winkel. Ihm war ein herrlicher Gedanke gekommen. Weiter in dieser Redaktion zu bleiben, weiter seine Beziehungen zu Fräulein Heine fortzuführen, daran dachte er nicht mehr, aber Fox -- Fox -- ließ sich da nicht etwas Wundervolles, Perspektivenreiches durchführen? Konnte er den nicht aus seiner Klemme retten, ihn zum Redakteur machen und ihm zu einer reichen -- Frau verhelfen?!