Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Part 24

Chapter 243,572 wordsPublic domain

Die alte Dame war schon lange auf der Bühne; sie leitete das Ganze, sie war Regisseur, von ihr schien alles abzuhängen. Fox sprach seine Rolle im Tone eines Leutnants. Herr Steinert war verzweifelt: Das geht nicht, Sie müssen frauenhafter, damenmäßiger sprechen! Aber Frau Ida meinte: Laß ihn doch, Hermann! das gibt ja gerade einen schönen Effekt! Das wirkt fabelhaft! Wie er jetzt dasteht, dies Trockene, Geschäftsmäßige, -- das macht ihm so leicht keiner nach. Denke dir doch noch die Perücke und die Frauenkleider, das wird ja zum Schreien! -- Fox kam recht deprimiert nach Hause. Ekelhaft war ihm dies Ganze, und seine Kollegen und Kolleginnen -- außerhalb des Theaters würde er mit keinem einzigen von ihnen sprechen, das war ausgemacht! --

Was waren das auch für Geschöpfe! Er erkannte da einen Herrn wieder, der die Bonvivantrollen spielte. Am ersten Mittag hatte der mit ihm am selben Tisch gegessen, einzig und allein ein Ragout fin, -- nichts, nichts weiter. Und am selben Nachmittag hatte er ihn schon aus dem Fenster eines schnell gemieteten Zimmers schauen sehen. -- Und die Damen, von denen war überhaupt nicht zu reden; wie Schneidermädchen, die sich billig und auffallend herausstaffiert haben, zogen sie über die Straßen; seine Partnerin, die Donna aus Charleys Tante, begegnete ihm abends auf dem Markte, ganz allein stand sie da, vom Wirtshaus zum Café, vom Café zum Wirtshaus sehend. Das war doch höchst fragwürdig! und als er an ihr vorbeischritt, zwinkerte sie und hakte ihren kleinen Finger in den seinen.

Alle nannten sich du, ihn selbst nannten sie auch du, er konnte nichts dagegen tun.

Die Aufführung von Charleys Tante nahte heran. Fox hatte seine Rolle gründlich gelernt, die Zeigefinger in die Ohren gebohrt, wie ein Schuljunge. Die Frau Direktor spielte mit großer Kraft einen einleitenden Galopp auf dem Klavier, dann zog ihr Mann den Vorhang auf, indem er sich, ihn in Bewegung zu setzen, an den Strick hängte. Fox hatte nicht das geringste Lampenfieber. Durch das kleine Loch im Vorhang sah er, ehe das Stück begann, in den Zuschauerraum, und empfand nichts weiter als Verachtung vor dieser kleinbürgerlichen Menge, die da unten Bier trank und rauchte und sich freute auf die Unterbrechung ihres stumpfsinnigen Einerleis.

Als er nun selbst auf die Bühne trat, erhob sich hier und da ein Klatschen, da man ihn erkannte; der hagere Offizial und der Vater des Gretchens, die inzwischen an ihren Stammtischen genügend geneckt waren, versuchten zu zischen, was nur den Applaus anwachsen ließ. Fox aber, wie ein großer, berühmter Gast, trat vor und verneigte sich dankend. Zurück! flüsterte der Direktor, halb ängstlich, halb erfreut, Sie stören das Ensemble! Und wie nun Fox, im Augenblick wie zerstreut, auf die Mitspielenden sah, als wolle er sagen: Ach, Ihr seid ja auch noch da, Euch hatte ich total vergessen! -- brach der Applaus von neuem los. -- Bis zu dem Moment der Verkleidung hielt sich das Publikum ruhig, aber als er dann anfing, sich als Dame hin und her schieben zu lassen, als er halb ungeschickt über seine Kleider stolperte und sich endlich fast nur noch wie in einem Zustand der Notwehr befand, gereizte Blicke um sich werfend wie ein Kater, der sich von Hunden bedrängt sieht, war der Erfolg vollkommen. Man nahm das, was in Wahrheit Unfähigkeit war, für raffinierte Kunst, und die Stammtischgäste aus dem Wirtshaus sagten: ja ja, so auftreten wie der damals kann auch nur ein ganz genialer Mensch! -- Fox durfte sich am Schluß viele Male verneigen. Die Frau Direktor sprach ihm ihre Anerkennung aus, sagte mit Emphase, sie habe mit ihrer Prophezeiung recht gehabt und zog seinen Kopf, ehe er es verhindern konnte, an ihren Busen, der ungelüftet roch. -- Diese Theaterleute, dachte er mit einem parenthetischen: Pfui Teufel -- wissen doch nie die Grenze einzuhalten. -- Charleys Tante wurde sofort wiederholt, und dann ging es an neue Stücke.

Fox übernahm jede Rolle mit einem verschluckten Proteste, er spielte sie, wie wenn man ihm einen ekelhaften Gegenstand zur Untersuchung übergeben hätte, gegen dessen Berührung er sich zuvor mit seinen roten Glacéhandschuhen bewaffnete, ehe er mit steifem Finger bald hier, bald da hineinstieß. Anfangs erreichte er damit immer wieder die erste Wirkung, aber schließlich fand man ihn langweilig. Einmal zischte sogar einer, worauf Fox mitten im Satze abbrach und in den Saal hineinstarrte, als wolle er den Zischer rügen. Herr Steinert suchte ihn nun mehr in Chargenrollen zu beschäftigen und begann einzusehen, daß er an Fox keine gute Kraft gewonnen habe. Fox war damit ganz zufrieden, betonte Herrn Steinert gegenüber, er sei ja auch eigentlich »Held«, und hier falsch am Platze, und hegte keinen Groll gegen den jungen Mann, den Herr Steinert das nächstemal probeweise als Lumpaci Vagabundus herausstellte. Aber auch in seinen Chargenrollen sprach Fox genau so wie vorher, und während einer Aktpause in Wilhelm Tell bekam er Vorwürfe vom Direktor, er solle sich mehr zusammennehmen, mehr wirkliches Feuer und patriotische Leidenschaft entwickeln. Herr Steinert spielte selbst den Wilhelm Tell und riß alles mit fort im Taumel seiner Rede. Frau Ida aber spielte, abgesehen von ihrer Mechtildrolle, noch eine andere, indem sie sich als alter Attinghausen im Rollstuhl hereinschieben ließ, ohne daß das Publikum den Betrug bemerkte, da der Theaterzettel einen anderen Namen aufwies. -- Mensch, sagte Herr Steinert nach der Vorstellung zu Fox, Sie spielen immer wieder als Charleys Tante, das geht nicht, es geht wirklich nicht! -- Aber Fox ließ dies nicht auf sich sitzen. Voll Antipathie starrte er auf dieses schwarzäugige Gesicht mit dem blonden unechten Germanenbart darunter: Schaffen Sie doch erst mal andere Dekorationen! In Ihrem Tell ist ja auch alles genau so wie in Charleys Tante! Wo bleibt denn da die Illusion?! Und die Kostüme sind ja auch immer dieselben! Ihre Berta von Bruneck zum Beispiel ist doch wieder nichts weiter als die Nichte von der Tante, und wenn sie sich auch ein grünes Umschlagetuch umhängt -- für mich ist das noch lange kein Jagdkleid! Die Hälfte der Personen fehlt überhaupt ganz und gar, weil Sie keine genügende Anzahl von Kräften haben; was können Sie da vom einzelnen verlangen! Intrigen gibt es bei mir nicht, sagten Sie damals zu mir, als ich bei Ihnen eintrat; das verstehe ich jetzt vollkommen. Das bißchen Personal hockt ja hier zusammen wie eine kleine Familie im Regen, ohne Obdach! Jeder ist auf die Hilfe des Nachbars angewiesen, und einen Intriganten im wirklichen Sinne des Wortes besitzen Sie überhaupt nicht! Der Geßler wurde zum Beispiel vom Bonvivant gegeben! -- Das verstehen Sie nicht! Das zeigt nur wieder, daß Sie sich in die Verwandlungsmöglichkeiten der einzelnen Kräfte nicht hineinzuversetzen vermögen, und das ist es ja, was ich Ihrem eigenen Talent vorwerfe! Außerdem: Die Charakterrolle wurde nicht vom Bonvivant gegeben, sondern eine Bonvivantrolle zufällig vom ersten Intriganten; das schadet nichts, absolut nichts, ich liebe es, meine Leute untereinander zu vermischen, auf die Weise erzielt man Allseitigkeit der Ausbildung! -- Gemischt sind sie wahrhaftig genug! sagte Fox, und ärgerte sich, daß der Direktor dies nicht mehr zu hören schien, denn er hatte sich abgewendet, war auf einen Stuhl geklettert und hatte eigenhändig eine vergessene Gasflamme ausgedreht, und jetzt schrie er den Diener an: Die Beleuchtung verschlinge sowieso ein Heidengeld, und ob er meine, die Bühne solle heut abend noch einmal als Tanzsaal benutzt werden. --

Überall herrschte ein ganz entsetzliches Sparsystem. Zum Schminken, An- und Auskleiden gab es für Herren und Damen nur je einen einzigen kleinen Raum, nur die Damen hatten einen Spiegel, den Frau Steinert jeden Abend mit nach Hause nahm, da er ihr Privateigentum war, das sie morgens bei der Toilette benötigte. -- Feste Kostüme, deren einzelne Bestandteile man nicht trennen durfte, schien es nicht zu geben. Wie in einem Trödelladen war alles durch- und übereinander gehäuft, jeder suchte sich heraus, was ihm nötig oder erstrebenswert erschien, und namentlich gab es da einen alten roten Samtmantel mit unechtem Goldbrokat, der unter den Damen ein ernstliches Zankobjekt bildete, während die Herren schon tagelang vor einer bestimmten Aufführung ein schwarzes Atlaswams zu »belegen« pflegten, das einst bessere Zeiten gesehen zu haben schien. Nur der Direktor besaß einige Kostüme, die niemand in Bruchstücken für sich selbst verwenden durfte.

»Ich komme gleich, ich muß nur noch mal in den Saal«; dies Wort, das Fox häufig nach den Vorstellungen um sich herum hörte, verstand er anfangs nicht. Allmählich begriff er den Sinn: Gegen ein kleines Trinkgeld ließ der Kellner die Tische unten nach der Vorstellung noch einige Zeit unabgedeckt, und bei der spärlichen Beleuchtung der Sicherheitsstearinlampe am Türeingang huschten die dunklen Gestalten der Künstler und Künstlerinnen von Tisch zu Tisch, nach Bierresten und wohl auch nach halb aufgegessenen Brötchen und Fleischteilen spähend, und unter ihnen tat sich eine Dame ganz besonders hervor, welche »die appetitliche Giftmischerin« genannt wurde, weil sie nicht, wie die andern, jeden Rest für sich austrank, sondern alles in einen einzigen Bierseidel zusammengoß, da sie dieses appetitlicher fand. Zuweilen kam es mit dem Kellner zu Szenen, da man ihm vorwarf, die besten Reste tränke er schon vorher selbst. Hier regelte sich auch die Nachfrage des einzelnen nach Tabak; ein Nichtraucher konnte einen Schluck Bier eintauschen gegen ein Zigarrenende, das er selbst verschmähte. Fox fand dieses Unwesen empörend: Lieber hätte er gehungert und gedürstet, als daß er da hinabgestiegen wäre!

Mit den Künstlern und Künstlerinnen war es ähnlich wie mit den Kostümen: Manchmal schienen zwei ein Ganzes zu bilden, bis sich plötzlich beide Teile mit einem dritten oder vierten vereinigt fanden. Es war unmöglich, in dem Knäuel der Möglichkeiten etwas Bestimmtes, Bleibendes festzustellen. -- Fox blieb auf die Dauer hiervon nicht unberührt; er schenkte seine Zuneigung einer jungen Dame, die ihm noch ganz passabel erschien, wie er sich ausdrückte, verbot ihr aber, jemals »verhindert« zu sein. -- Alle Damen waren manchmal verhindert, das wußte jeder, niemand fand etwas daran.

Nur der Direktor und seine Familie führten ein streng in sich abgeschlossenes Leben. Was es mit ihm und seiner Frau auf sich hatte, wußte Fox nun auch. Frau Steinert war ursprünglich die Witwe eines Theaterdirektors, der ihren Jahren angemessen gewesen war. Schon zu dessen Lebzeiten hatte Herr Steinert, der unter ihm ans Theater gekommen war, sich erfolgreich um die Gunst des Kindes, ihrer Tochter, bemüht. Der Direktor starb, und nun machte Herr Steinert der Witwe den Vorschlag, er wolle die Tochter heiraten und gleichzeitig die Direktionsstelle des Vaters übernehmen. Da aber deutete ihm die Mutter an, der Weg zu jener Stelle ginge nur über sie selber. So entschloß er sich dazu, sie zu ehelichen. Aber Frau Steinert konnte es nicht verhindern, daß er auch ihrer Tochter weiter in Treue zugetan blieb. Anfangs entrüstet, fand sie sich allmählich damit ab, da er sie selber durchaus nicht vernachlässigte, die erste Zeit wenigstens, und sie in ihrer Tochter das jugendliche Ebenbild ihrer selbst erblickte. Und mit einem gewissen Rechte betonte sie allen Menschen gegenüber das innige Zusammenleben der kleinen Familie. Erst in den letzten Jahren waren die ehelichen Beziehungen erkaltet, und Frau Steinert rächte sich auf ihre Weise: Sie war eine kluge Frau und hatte sich mit jener Ehe, wie sie es nannte, nicht übers Ohr hauen lassen. In allen obersten Entscheidungen blieb das Vorrecht ihr, und dieses Recht übte sie nun rücksichtslos aus; ihr Mann war dem Namen nach Direktor, in Wirklichkeit war sie die erste. --

Wie sie Fox damals erblickte, war es wie ein Sonnenstrahl in ihr alterndes Herz gefallen, und Fox, der ihr zu Dank verpflichtet war, da sie von Anfang an sein Talent durchschaute und auch sein Engagement durchsetzte, begegnete ihr stets mit Ritterlichkeit. Wenn sie allein waren, streichelte sie zuweilen seine Hand und nannte ihn »mein Söhnchen«, was er sich, wenn auch widerwillig, gefallen ließ. -- Er war stets der erste, der seine Gage ausbezahlt bekam, und wenn er die letzten Tage fast gehungert hatte, so entschädigte er sich nun gleich durch doppelte Ausgaben, so daß seine Kasse nach vierzehn Tagen schon wieder auf dem Nullpunkt angekommen war. Dann gab es einen Vorschuß, den die Frau Direktor, wie sie mit bedeutender Stimme sagte, nur ihm bewilligte. -- Wirklich eine vornehme Frau! dachte er. Sie lud ihn auch manchmal zu sich ein, wenn sie allein war, und setzte ihm sehr viel Likör vor, den sie selber gerne trank. Sie klagte ihm auch nach und nach ihr Leid, wie sie im Grunde eigentlich allein stehe. Er dachte: arme Frau! und da er sich zu ihr auf das Sofa hatte setzen müssen, und sie ihm wie schutzbedürftig die Hand entgegenhielt, nahm und drückte er sie, konnte seine eigene dann aber nicht mehr zurückziehen, da sie sie festhielt. -- Ich würde Ihnen ja gern Ihre Gage erhöhen, wenn Sie das wünschen, für Sie tue ich alles was Sie wollen, wenn Sie nur ein wenig Mitleid mit mir haben! Sie war ihm nahe gerückt und jetzt lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Fox befreite sich sanft, aber eindrucksvoll von ihr, stand auf und sagte in vollkommenem Kavalierton: Gnädige Frau, Sie sind schonungsbedürftig! Wollen Sie nicht ein wenig ruhen? Gestatten Sie, daß ich Sie deshalb verlasse. -- Sie begriff die Lage sofort. -- Jawohl, ich bin schonungsbedürftig, sagte sie in ihrer langsamen Sprechweise, nachdem sie ihn mit einem sinnenden Blick gemustert hatte, Sie haben recht und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie gehen wollen, man sagt das seinen Gästen nicht gern selbst. Leben Sie wohl -- nun, heute abend sehen wir uns ja auf der Bühne. --

Fortan bekam er aber keinen Likör mehr zu trinken, und als er das nächstemal um Vorschuß bat, wiegte sie gleichmütig den Kopf hin und her und sagte: Es geht nicht, es geht beim besten Willen nicht, Sie haben nun schon so oft Vorschuß bekommen, mein Mann macht mir Vorwürfe, ich zöge Sie andern vor, und bei denen habe es schon böses Blut gemacht, mein Mann ist Direktor, und da muß ich ihm folgen. -- O weh, dachte Fox, jetzt weiß ich was die Glocke geschlagen hat! -- Wenn wir alle Ihre Vorschüsse zusammenrechnen, fuhr sie fort, so bleibt Ihnen nicht einmal mehr ein Pfennig Honorar für die ganze Saison. Ich fürchte sogar, Sie müssen mir einiges zurückzahlen. Ich habe alles notiert und kann es schwarz auf weiß beweisen mit den Quittungen! -- So redete sie jetzt; und früher -- nicht nur jenes letztemal auf dem Sofa -- hatte sie ihm angedeutet, daß sie sein Gehalt vergrößern wolle, ja es war ihm so, als sei dieses -- wenn auch nur mündlich -- fest zwischen ihnen ausgemacht gewesen. Was nun an seinen Geldern Zuschuß, was Gehaltsvergrößerung war, das konnte er kaum mehr auseinanderscheiden. -- Er hielt ihr dies jetzt vor. Sie sah ihn wie erstaunt an, dann lachte sie kurz und mütterlich und sagte: Sind Sie aber naiv! Wenn ich heute eine Million gewönne, würde ich sie sofort Ihnen und dem ganzen übrigen Personal abtreten, denn ich habe keine Bedürfnisse und liebe meine Künstler wie eine Mutter ihre Kinder. Aber Ihnen persönlich vor den übrigen einen Vorzug geben -- das ist mir niemals eingefallen. -- Aber Sie haben mir doch selbst gesagt -- -- Kurzum, unterbrach sie ihn, und ihre Stimme wurde plötzlich fast männlich sonor und rauh, kurzum verbitte ich mir derartige Unterstellungen! Ehe Sie Vorzüge vor den andern beanspruchen, zeigen Sie mal Ihre persönlichen Vorzüge! Mein Mann hat ganz recht: Sie verderben uns direkt den Besuch des Theaters! Überall wo man hinhört, heißt es: der langweilige Siegmaringen! Und im Tageblatt steht's genau so! -- Das ist doch nicht meine Schuld! -- Ja wessen denn? -- Die Schuld von dem Kerl, der das geschrieben hat! Es liegt am Geschmack der Menschen, aber nicht an mir! Kein Mensch kann aus seiner Haut! -- Das ist es ja eben! rief sie erregt, Sie stecken immer in Ihrer Haut, und das aus der Haut fahren überlassen Sie dem Publikum! -- Auf solchen Ton einzugehen, sagte Fox, sehe ich mich nicht in der Lage. Mit einer eisigen Verbeugung entfernte er sich, und Frau Ida rief hinter ihm drein: Ihnen fehlt eben der Sinn für das Ideale! --

Was Frau Steinert über die Kritik gesagt hatte, entsprach der Wahrheit: Im Tageblatt war zu lesen, die Leistungen des Herrn Siegmaringen seien langweilig und dilettantisch, nachdem er zu Anfang, namentlich mit Charleys Tante, so Eminentes versprochen habe. Man gab der Direktion Winke, diesen Künstler nicht allzusehr zu beschäftigen, lieber in kleinen Nebenrollen auftreten zu lassen, wo er nicht viel verderben könne, und wirklich hatte die Direktion Fox im Laufe der Zeit alle größeren Rollen fortgenommen; selbst Charleys Tante wurde jetzt von jenem jungen Talent gegeben, das Herr Steinert versuchsweise in das komische Fach hatte einspringen lassen, in dem es sich auch vorzüglich bewährte. Der Direktor beklagte den Schaden, der der Kasse erwuchs, indem er dies Talent nun höher honorieren mußte.

Fox merkte, daß er wieder an einem Wendepunkte seines Lebens stand. Niemand borgte ihm hier einen Pfennig, an die Direktion hatte er Schulden, wie er selber einsah, als Schauspieler war er auch fast schon unmöglich -- irgendein rettender Sprung mußte getan werden; vor allem mußte er sich Geld schaffen, damit er wenigstens die Mittel hatte einen Plan ins Werk zu setzen. An seinen Vater konnte er sich nicht wenden, seine früheren Freunde würden ihn verleugnen, so blieb nur Pitt.

Viel geschrieben hatten sich die beiden Brüder die letzten Jahre nicht, Fox wußte aber, daß Pitt nun seit geraumer Zeit in einer neuen, einträglichen Stellung saß. Sollte er seine klägliche Lage eingestehen, direkt um Geld bitten? Er schämte sich etwas. Da fiel ihm auf einmal ein Ausweg ein: Pitt besaß noch einen Haufen Aufsätze von ihm im Manuskript, die er ihm damals, als er ihn und Lotte verließ, eingehändigt hatte: Die mußte Pitt jetzt unter allen Umständen in einer Zeitschrift unterbringen, und ihm das Honorar sofort übersenden. Er schrieb an Pitt darüber, und schloß: Es geht mir zwar ausgezeichnet, aber du weißt wohl vom Hörensagen, daß Künstler leichtblütigen Naturells sind, daß das Geld zwischen ihren Fingern hindurchrollt! Überraschend schnell hatte er das Honorar in Händen, viel mehr als er gehofft hatte. Pitt schrieb, er fühle doch durch, daß Fox das Theater nicht sehr befriedige, und er frage an, ob er geneigt sei, einen literarischen Beruf zu ergreifen? Er könne ihm eventuell zu einer Stellung sehr behilflich sein. Fox ergriff diese Möglichkeit mit beiden Händen; es verging wieder eine kurze Zeit, dann telegraphierte Pitt: Komm sofort. Fox hielt dies Telegramm in den Händen: Wie ein Erlösungsruf blickten ihn die Worte an, und er dachte: Der Pitt ist doch ein guter Kerl, wirklich ein guter Kerl, wenn ich mir diesen Ruf auch höchstwahrscheinlich selber durch meine Artikel geschaffen habe -- immerhin -- er hat das doch wirklich -- also wirklich -- -- fair gedeichselt! --

Er studierte das Kursbuch und fand, daß der schnellste Zug am Abend gehe, gerade während des letzten Aktes. Ins Theater mußte er also noch. Das würde eine schöne Überraschung geben, wenn er auf einmal nicht mehr da war!

Herr Siegmaringen! schnell, schnell, es ist die höchste Zeit! gleich fällt Ihr Stichwort! rief der Direktor. Fox hatte sich extra absichtlich verspätet. -- Sintrup, sagte er, mein Name ist Sintrup, Redakteur Sintrup. -- Lassen Sie die Späße! Machen Sie ein einziges Mal so einen Witz auf der Bühne und ich bin zufrieden! Los, schnell! -- Fox bequemte sich und spielte schlechter als jemals; hinter der Kulisse agierte Frau Steinert mit beiden Armen, das Tempo zu beschleunigen. Du alte Vogelscheuche! dachte Fox, du wirst heute noch ganz andere Augen machen; und er sprach als wolle er im nächsten Augenblick einschlafen. -- In der Pause gab es Vorwürfe, die er grinsend über sich ergehen ließ. -- Sie sind wohl betrunken?! fragte Herr Steinert plötzlich: Ich rate Ihnen, nehmen Sie sich zusammen, ich werde sonst andere Saiten aufziehen. -- Ich werde Sie peitschen lassen, entgegnete Fox und sah ihn trocken an. -- Allmächtiger Gott, er ist irrsinnig geworden! rief Frau Steinert in klagendem Ton. Der Direktor wollte auf ihn los. -- Na Kinder, regt euch nur nicht auf, es war nur Scherz; sagte Fox und lachte. Es ward wieder geläutet, Frau Steinert mußte rasch an ihr Klavier zurück, ihr Mann begab sich an den Vorhang. Es kam der letzte Akt, Fox hatte erst gegen Ende aufzutreten. Fieberhaft kleidete er sich in der Garderobe um -- es gab gerade einen Volksauflauf, alle waren auf der Bühne beschäftigt -- dann verließ er das Theater; den falschen Bart, den er zu tragen hatte -- er bestand aus früher ausgekämmten Haaren der Frau Direktor, behielt er vorläufig noch im Gesichte.

Der Akt verging, es war schon von ihm die Rede, jetzt mußte er erscheinen, die Mitspielenden starrten auf die offene Tür, nachdem einer bereits deklamiert hatte: Doch wer naht da mit schnellem Schritt?! Hinter der Szene wurde geredet, eilige Schritte gingen hin und her, es folgte eine kleine Totenstille, dann fiel der Vorhang. Es drohte eine Panik im Hause auszubrechen, aber der Direktor trat mit schneller Geistesgegenwart vor den Vorhang und erklärte, es sei einem der Mitglieder plötzlich unwohl geworden, nur für einige Minuten. Sie seien gezwungen, eine kleine Pause eintreten zu lassen und dann die letzten Szenen zu wiederholen. Die Herrschaften, so schloß er, delektieren sich wohl inzwischen an den leiblichen Genüssen, die unser allverehrter Herr Restaurateur in so vorzüglicher Weise zu bereiten versteht! Er trat wieder hinter den Vorhang zurück, und nun begann ein fieberhaftes Suchen nach Fox Sintrup. Selbst die kleinsten Orte wurden durchgespürt. Sucht ihn auf dem Markt! befahl der Direktor, vielleicht war ihm vorhin wirklich übel und er hat die Zeit verwechselt und ist an die frische Luft getreten! -- Er stürmte selbst die Treppe hinab. Hermann! Hermann! du erkältest dich! rief seine Frau, mein Gott, die heiße Luft, der Schweiß -- und mit einem Tuche eilte sie hinter ihm drein.

Trübe, brummig und schweigend lag der kleine Platz da, mit seinen langweiligen einstöckigen Häusern, nur das bunte Schild des Glasermeisters Kuhlemann klapperte im Winde.

Lauf du nach seiner Wohnung, ich renne in die Kneipe! rief der Direktor, wir müssen ihn wieder haben! In fünf Minuten sind wir wieder da!