Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Part 23

Chapter 233,753 wordsPublic domain

Am nächsten Morgen kam er in seinem kleinen Bestimmungsorte an. Ein Bahnhof lag da, aus traurigen roten Backsteinen erbaut. Hühner wandelten, ernsthaft nach Würmern pickend, hin und her. Bei dem Anblick der Hühner fiel ihm ganz ohne Vermittlung das Fräulein ein. Er hatte vollkommen vergessen ihr adieu zu sagen! Nun, auch sie gehörte einer vergangenen Lebensepoche an. -- Die wenigen Aussteigenden hatten sich verlaufen, Fox sah sich nach rechts und links um. -- Was soll ich denn hier? fragte er sich halblaut, dies scheint ja eine Dreckstadt zu sein! -- Er überlegte, ob er weiterfahren solle, nach der nächsten Großstadt -- aber das Geld! -- Er überzählte seine Barschaft. -- Das genügt doch nicht! Ich kann doch nicht all mein Geld verfahren für nichts und wieder nichts! All dies sprach er zu sich selbst, als sei er eigentlich gedoppelt, als habe ihn ein anderer in diesen Sumpf hineingelockt, dem er nun die Torheit, den Blödsinn dieses Schrittes vorhielt. -- Er suchte sich das beste Hotel, in der Überlegung, es werde guten Eindruck machen bei den Rechtsanwälten, die er aufsuchen wollte. -- Vier Vertreter dieses Standes fand er in dem dünnen, magern Adreßbuch, alle vier besuchte er, alle vier sagten, es sei kein Posten frei. -- Aber so schaffen Sie mir doch einen! Ich bin eine horrende Kraft! Ich habe akademische Bildung! Ich bin kein gewöhnlicher Schreiber! Ich bin was Besseres! Einer gab ihm ein Geldstück. Fox nahm es, ohne zunächst den Zusammenhang zu begreifen, dann sah er es aufmerksam an und führte darauf einen so ausdrucksvollen Blick unter seinen emporgezogenen Augenbrauen auf den Geber, daß der in ein lautes Gelächter ausbrach und es gutmütig zurücknahm. -- Wieder ein anderer -- es war der letzte der vier, die in Betracht kamen, riet ihm, er möge sich ans Amtsgericht wenden, da sei gerade ein Portierposten frei. Bei diesem Wort war es, als wenn Fox in die Länge und die Breite wüchse: Wüßten Sie, sagte er mit traurigen, strafenden Augen, wen Sie vor sich haben, so hätten Sie das nicht gesagt! Der andre sah ihn ganz verwundert an und lachte dann ebenfalls. Dann war er wieder auf der Straße, auf dieser abscheulichen kleinstädtischen Straße, und dachte: Und was wird nun?! -- Vor einem Hause war ein Auflauf, viele Kinder drängten sich am Tor, zuweilen wich alles zurück, dann kam ein Herr oder eine Dame heraus, zierlich und auffallend herausgeputzt. Gruppen von Erwachsenen standen auf dem gegenüberliegenden Fußsteig, auch sie sahen voll Interesse herüber, und aus den Fenstern der verschiedenen Stockwerke unterhielten sich Menschen mit den Untenstehenden. -- Hermann Steinert, Theaterdirektor, las Fox an der Tür, auf einem Schild. -- Schmiere! dachte er verächtlich; so tief bin ich noch nicht gesunken. Dann ging er wieder weiter und ärgerte sich, daß er überall an allen Ecken dieselben Menschen traf.

Als Klavierlehrer könnte ich mich doch hier niederlassen! dachte er plötzlich, als er ein schlechtes Instrument vernahm, dessen Töne durch irgendein Fenster hinaus die ganze Straße zu füllen schienen; -- dazu braucht man nichts als ein Klavier und ein sicheres Auftreten. Das Klavier bezahle ich nicht und das Auftreten habe ich. Ich will mich schon einführen! Ich setze mich einfach abends zu den Honoratioren an den Tisch im Gasthaus, an dem die Kerle alle beieinander hocken! Seine Idee, Bureauschreiber zu werden, erschien ihm mit einem Male lächerlich. Aber wenn ihn unter den Stammgästen die vier Rechtsanwälte erkannten? Dann war sein Renommee dahin! Er ließ sich Backen- und Schnurrbart abnehmen, und als er sich nun glatt und bartlos im Spiegel betrachtete, beunruhigte ihn der Gedanke, ob er sich damit nicht irgend einen andern Beruf zerstört habe, für den der Bart vielleicht unumgänglich nötig sei.

Als er gegen Abend ins Hotel zurückkehrte, blieb das Zimmermädchen auf der Schwelle stehen. -- Wann fängt denn der Theater an? fragte sie endlich langsam und neugierig. -- Der Theater? Fox zog die Augenbrauen hoch und ließ den Blick groß zu ihr hingehen. -- Sie stieß einen unterdrückten Lachton durch die Nase. -- Sind Sie der Komeker? fragte sie, und ihre Augen glänzten schon vor Freude. -- Komeker?! Machen Sie, daß Sie rauskommen! sagte Fox. -- Er kleidete sich nun auf das peinlichste um, nichts sollte an seinen früheren Zustand erinnern. -- --

Wann fängt denn der Theater an? fragte der Kellner diskret beim Servieren. -- Heute! sagte Fox geärgert. Der Kellner nahm das als einen Scherz hin. Nach dem Essen suchte Fox den Portier auf und fragte nach dem Stammlokal der ersten Bürger. Der Portier sah ihn etwas verwundert an, nannte es und sagte dann: Herr Steinert hat wirklich Glück gehabt! Fast hätte er doch nun auf alle Lustspiele und Possen verzichten müssen! Gestern telegraphiert ihm sein Komiker er käme nicht, und heute hat Herr Steinert bereits Ersatz gefunden. Er kann die Saison ruhig beginnen! Wirklich ein rühriger Geschäftsmann! -- Und woher wissen Sie, daß ich der Komiker bin? -- Sie haben es doch selbst dem Zimmermädchen gesagt! -- Fox zuckte die Achseln; es war ihm nicht der Mühe wert diese Leute aufzuklären, daß er Regierungsbeamter -- nee, was war er denn? Schreiber -- Kammervirtuose -- Fox wußte im Augenblick selbst nicht was er war. Er trat auf die Straße. Mochten sie denken, was sie wollten. Kommt alles durch den Bart, der weg ist! Hopla, dies verfluchte Pflaster! Und diese elende Straßenbeleuchtung! Es fiel ihm auf, daß fast alle Häuser dunkel waren. Um wieviel Uhr gehen denn die Leute hier zu Bett?! so dachte er, unwillkürlich stehen bleibend. Da schnarcht ja was im Parterre! Hinter der Gardine! Ich höre es ganz genau, durch die Fensterscheiben! Da schnarcht was!! -- Plötzlich befand er sich vor dem bezeichneten Restaurant. Das hatte ihm der Portier auch so beschrieben, als wenn es Gott weiß wie weit bis dorthin wäre. Ein Katzensprung! Nichts weiter! --

Drinnen saßen lauter Männer mit Bärten, die meisten auch noch mit Brillen. Es war ein geräumiges, niedriges Zimmer, in dem ein schlechter Tabaksdunst herrschte. An einzelnen Tischen wurde Karten gespielt. Alle sahen auf, wie Fox hereintrat, neugierig wurde er gemustert. Jetzt galt es!: Mit rascher, großer Gebärde legte er seinen Mantel ab, setzte sich an einen freien Tisch und trommelte mit den Fingern. Dann fragte er den Kellner, ob Freiherr von Strambach keine Nachricht für ihn hinterlassen habe: Von Sintrup, Kammervirtuose. Der Kellner verneinte bedauernd und interessiert. _Nein!?_ rief Fox und fuhr vom Stuhl empor. Dann gab er sofort ein Telegramm auf: Freiherr Strambach nicht hier, alles vorläufig sistieren. Die Adresse lautete wieder an seinen alten Freund, den Kriegsminister. Und er lachte innerlich, denn der alte Herr hatte inzwischen schon öfter Nachricht von ihm bekommen, und diesmal wurde er gar durch ein Telegramm aus dem Schlafe alarmiert. -- Er erreichte was er wollte: Im Nu war alles im Lokal bekannt, und der Kellner kam im Auftrag der Herren, ihn an ihren Tisch zu bitten. Diskret ward er nach dem Kriegsminister gefragt; er sagte, Freiherr Strambach sei ein Freund von ihm und nannte die Sache, um die es sich handelte, »eine leidige Angelegenheit«, in der er den Vertrauensmann spiele. Der Kriegsminister habe übrigens eine reizende talentvolle Tochter, die er im Klavierspiel unterrichtet habe. Man fragte ihn nun ob er hier konzertieren wolle. Fox schüttelte den Kopf und sagte, seine Tourneen gingen immer nur über größere Städte. -- Ach das ist aber schade, äußerst schade! Nebenan im Zimmer ist ein Klavier, wollen Sie uns nicht einmal die Freude machen, wenn es nicht unbescheiden ist? -- Fox machte ein bedauerndes Gesicht; seit Monaten habe er keine Taste angerührt, jetzt gehe es seinen Nerven allerdings etwas besser. -- Nun sehen Sie! na, wenn es jetzt besser geht -- -- Fox ließ sich noch etwas bitten, dann verschwand er mit resigniert-freundlichem Gesichte im Nebenzimmer und alsbald donnerten die Eingangsklänge der Holländerballade, die Fox konnte. --

Die Suggestion des Kammervirtuosentumes wirkte, unterstützt durch übrige Kritiklosigkeit, Fox kam wieder aus seinem Zimmer heraus, als wenn er dort gerade gebadet habe und sich vor Zug in acht nehmen müsse, und ward mit Bravos empfangen. Er schimpfte auf das scheußliche Klavier. Einige nahmen das Klavier in Schutz, andere verwiesen auf das bessere im eigenen Hause. -- Wenn Sie hier am Orte bleiben, müssen Sie uns unbedingt einmal die Ehre geben! -- Meine Frau sucht schon lange einen Partner im Vierhändigspielen, keiner ist ihr gut genug, sie macht eben künstlerische Ansprüche! -- Mein Sohn klagt immer, zu was er denn Violine lerne, wenn er das Dings immer solo spielen müsse, viel kann er ja noch nicht, aber Talent hat er. -- Ich spiele selber Cello! und ärgere mich, daß meine Frau so absolut unmusikalisch ist! Ich möchte ja immer gern mit der Frau Sekretär zusammen spielen, aber da sollten Sie mal das Gesicht von meiner Frau sehen! So flogen die Rufe durcheinander.

Fox erklärte sich zu allem bereit, falls er sich länger hier am Orte aufhalte, was noch fraglich sei. Es käme auf die Luft an, die hier herrsche. -- Übrigens, setzte er hinzu, werde er eventuell auch einige Stunden erteilen, -- auf Honorare verzichte er, es sei ihm ein Bedürfnis, junge Menschen, die Talent hätten, zur Musik auszubilden. -- Diese Worte sprach er jenem Rechtsanwalt ins Gesicht, der ihm am Morgen den Portiersposten empfahl, und der nickte und sagte: Bravo, das ist wahrhaftig philantropisch! Schade, daß ich keine Kinder habe, ich würde sie sofort von Ihnen unterrichten lassen, allerdings nicht gratis, das versteht sich von selbst. -- Sprechen Sie doch mal mit meiner Frau! Unser Gretchen hat zwar Stunden, aber wir sind beide nicht zufrieden. Natürlich auch nicht gratis -- wenn Sie nicht übermäßige Forderungen stellen. Fox sagte, er wolle es versuchen, über das Honorar könnten sie sich ja einigen, allerdings: wenn der Fehler an Ihrem Gretchen liegt ...! --

Er wartete noch auf andre Anträge, und dachte dabei: Weshalb meldet sich niemand? Klavier lernt doch heutzutage jedes Rindvieh in den Windeln! Jedoch nur ein magerer Offizial stellte sich vor, griff aber auf Foxens Worte von der Honorarfreiheit zurück. --

Fox runzelte die Stirn und hielt es für besser, das ganze Thema vorläufig fallen zu lassen. Hätte er nur wenigstens soviel Geld gehabt, ein paar Monate auch ohne Stunden leben zu können, dann würde er sich schon langsam eingeführt haben, daran zweifelte er keinen Augenblick; selbst wenn es sich herausstellte, daß er in Wirklichkeit nur sieben Stücke konnte. Auf eigene Virtuosität kam es beim Stundengeben gar nicht an; die besten Virtuosen waren oft die schlechtesten Lehrer, und umgekehrt! Den Vater von dem Gretchen konnte er doch auch nicht gleich um Vorschuß bitten! -- Er erwog einen anderen Plan, zu Geld, und zwar sofort zu Geld zu kommen. Die Herren spielen? fragte er; und dann spielte man. Man setzte ganz kleine Summen. Er erzählte von den Offizierkasinos, in denen er verkehrt habe, dort seien die Goldstücke beim Spiel nur so geflogen; ob man denn hier immer nur um Nickel spiele? Immer! lautete die Antwort, und ein älterer Bureaubeamter warf ihm einen ernsten Aktenblick durch seine Brille zu und knurrte: er hoffe, der Geist des Leichtsinns werde seinem Städtchen ewig fern bleiben. Mit dieser Bande ist nichts anzufangen! dachte Fox, Pfennigfuchser, niedrige, schmierige Gesellschaft! -- Und wie früh ging dies Volk zu Bett! Das Lokal hatte sich schon sehr gelichtet. Was sollte er selbst noch hier? Und wie wurde es morgen? Undeutlich sah er sich wieder auf der Bahn, zu seinem Vater reisen. -- Während er so seinen Gedanken nachhing, bemerkte er mit einem Male, wie zwei von seinen vier Rechtsanwälten in einen Winkel traten und sich leise unterhielten; der eine drehte aufmerksam den Kopf zu Fox hinüber, schüttelte ihn dann aber, indem er wieder zu seinem Kollegen sah. -- Fox wurde es unbehaglich. Er verabschiedete sich von seinem Tisch; dann war er wieder auf der Straße.

Vor dem Hotel stand der Portier, der die Gäste des Abendzuges erwartete, denn vielleicht konnten welche eintreffen. Er unterhielt sich mit einem der vier Rechtsanwälte. Fox grüßte schweigend und ging schnell hinauf, bemerkte aber, wie die beiden ihm angelegentlich nachsahen. -- Sein Zimmer lag nach vorn heraus. In diesem Nest, wo um elf Uhr alles totenstill war, konnte man jedes Wort auf der Straße viele Meter weit hören. Fox ließ das Zimmer dunkel und öffnete vorsichtig das Fenster ein wenig. Was? hörte er den Herrn dort unten fragen, Komiker ist er? -- Jawohl, ich kann es Ihnen auf das bestimmteste versichern; heute früh ist er angekommen, heute nachmittag hat er sich den Bart abnehmen lassen, und dem Zimmermädchen hat er es ja selbst erzählt! -- Also doch! Ich habe ihn doch gleich auf den ersten Blick erkannt! Herr Apotheker, Herr Apotheker! Ich gratuliere Ihnen zum Klavierlehrer von Ihrem Gretchen! Ein ganzer Rudel Bierheimkehrender kam die Straße daher. Pst! sagte der Portier und lugte vorsichtig am Hause hinauf, da er aber kein Licht sah und das Fenster geschlossen schien, beruhigte er sich. Aber was soll dieses alles? fragte einer, nachdem auch Foxens Besuch bei den Rechtsanwälten durchgesprochen war; ist der Mensch verrückt?! -- Was dieses soll? fragte einer von den vieren: Mir ist die Sache vollkommen plausibel: Mystifiziert hat er uns alle miteinander, er wollte sich sofort am ersten Tage in unserm Städtchen populär machen, und ich muß sagen, er hat seine Rolle meisterhaft durchgeführt! Ein Komiker darf sich manches erlauben, was andere nicht dürfen, ich sage Ihnen: wie er heute morgen mein Geldstück ansah, das ich ihm gab: Gebrüllt hab ich vor Lachen! Und heute abend als nervenkranker Künstler -- ein bißchen zu dick ist er ja, aber dafür kann er nicht! Und er hat doch wirklich famos gespielt! Klavier meine ich. Ein Prachtexemplar! Wenn der zum ersten Male auftritt, nehme ich mir den besten Platz, das ist mal sicher; das ist ein Original! --

So redete man da unten, bis der Hotelwagen leer zurückkam und die Untenstehenden veranlaßte, zurückzutreten, was dann wieder den Anstoß zu Trennung und Weitergehen gab. Fern verlor sich das Gelächter.

Schweigend entzündete Fox sein Licht, schweigend, unbeweglich blickte er in den Spiegel, und schweigend erwiderte das Spiegelbild den Blick. Schweigend entkleidete er sich und stieg ins Bett, zog die Decke hoch und starrte auf den weißen Horizont des Leinens vor seiner Nase.

Was ist nun zu tun? dachte er, und suchte an dem Bart zu drehen, der nicht mehr da war. Sein ganzes Wesen drängte nach etwas hin, sich vor sich selbst in Respekt zu setzen. Er spuckte kräftig über das ganze Bett hinweg bis an die gegenüberliegende Wand. Damit war die erste Frage aber nicht erledigt. Abfahren! dachte er endlich; abfahren mit dem frühesten Zuge. Aber wohin?

Plötzlich erfaßte ihn eine große Wut gegen seinen Vater, mit einem Satz sprang er aus dem Bette und marschierte im Zimmer auf und ab. -- Alles habe ich mir gefallen lassen, alles, aber dieses geht zu weit!! Ich werde prozessieren! Mein Vater ist verpflichtet, mich standesgemäß zu erhalten! -- Aber während er so redete, fühlte er selbst das Lächerliche seiner Rede. Auf einmal blieb er mit einem Ruck mitten im Zimmer stehen: Wenn er nun morgen früh zum Direktor ging, wenn er nun wirklich Schauspieler wurde? Dann war ja alles in Ordnung, dann triumphierte er ja über diese ganze spießbürgerliche Gesellschaft! Der Direktor brauchte ja einen Schauspieler, sonst konnte er nicht die -- gewissen Stücke spielen! Fox sagte nicht: Possen und Komödien, da er das Wort »Komiker« vorläufig noch ignorierte, weil er sonst gleichsam sich selbst hätte fordern müssen. -- Überhaupt: wer sagt denn, wenn ich ihm eine von den Rollen vorspreche, die ich bei Sander gelernt habe, daß er mich nicht als Helden anstellt? Vielleicht hat er auch keinen Helden, das kann doch niemand wissen! Und mal ein bißchen Theater spielen -- tat das nicht auch Wilhelm Meister?! Dem Rechtsanwalt würde er ins Gesicht lachen, und eines Abends würde er wieder ins Lokal treten und sagen: Meine Herren, dieses letzte war auch wieder eine Mystifikation, denn eigentlich bin ich auch kein Schauspieler, aber mein Vater ist so weitsichtig, daß er seinen Sohn vom Studium nicht direkt in den Beruf hineinschiebt, sondern ihm Freiheit läßt, auch andere Fähigkeiten und Talente in sich auszubilden und die Welt wirklich kennen zu lernen, ein Edukationsprinzip, wie es Goethe in seinen Erziehungsromanen vorschwebte! So würde er von seinem Vater reden, der das weiß Gott nicht verdient hatte. Und die Bekanntschaft mit dem Kriegsminister, würde er fortfahren, war keine Mystifikation, denn der alte Herr hat schon öfter Billette von mir empfangen, also kenne ich ihn -- ach nee, da irre ich mich, ich kenne ihn ja gar nicht wirklich -- aber sagen kann ich es, denn dem Wortlaute nach ist es wahr! -- Und dann würde Fox zu seinem Vater zurückgehen und erklären: ich habe dir nun gezeigt, daß ich mich selber zu erhalten weiß: ich erwarte, daß du mir wieder Vertrauen schenkst, und mir die Mittel bewilligst zur Beendigung meines eigentlichen Studiums. Und dann wollte er auch arbeiten, ehrlich und ernsthaft arbeiten!! --

Als er am nächsten Morgen am Portier vorbeischritt, legte er um seinen Mund markante Falten und fragte mit sonorer Stimme: Haben Sie schon gehört, wie ich gestern abend die Herren Bürger angeführt habe? -- Glänzend, einfach glänzend! grinste der Portier.

Fox hatte sein Selbstbewußtsein voll zurückgewonnen. Dann stand er vor Direktor Steinert, einem anscheinend noch jungen, glattrasierten Mann mit schwarzen Augen und einem Hornzwicker. Außer ihm war noch eine alte Dame im Zimmer mit kompaktem rein kastanienbraunem Haar und einem Scheitel wie ein Lineal. -- Die Mitteilung des Portiers bestätigte sich, Herr Steinert war in Not, telegraphische Verhandlungen schwebten allerdings mit Agenten, aber die Saison hatte schon begonnen, die halbwegs besseren Kräfte waren versorgt, und einen reinen Anfänger zu nehmen scheute sich die Direktion. Fox erklärte nun, er sei vollständig zum Schauspieler ausgebildet, durch Herrn von Sander, bei dessen Namennennung Herr Steinert eine kleine Verbeugung machte, da er ihn aus Annoncen der Theaterzeitungen sehr wohl kannte. Dann setzte Fox hinzu, daß er selbst einer hoch -- höchst angesehenen Familie entstamme und mehr Bildung für den Beruf mitbringe als die meisten Schauspieler. Und dann sagte er: Nun passen Sie mal auf. Er begann die Rolle vorzusprechen, die er als allererste bei Herrn von Sander studiert und endlos repetiert hatte, und die deshalb noch am besten im Gedächtnis saß. Alle Bewegungen waren ihm noch gegenwärtig, durch die Gesangstunden, die er betrieben hatte, war sein Organ ebenmäßiger geworden, und Herr Steinert unterbrach ihn mitten in einem längeren Satz mit der Bemerkung, er habe schon genug gehört, Talent sei unverkennbar da, die äußere Erscheinung sogar glänzend, aber -- wir brauchen einen Komiker und keinen Helden!! -- Ja, Komiker bin ich nun nicht, sagte Fox in seinem trockensten Tone, und sah Herrn Steinert mit jenem großen, halb verweisenden Blick an, über den das Stubenmädchen so gelacht hatte. -- Aber das schadet ja gar nichts! ließ sich die alte Dame jetzt durch die Reihe ihrer sehr weißen Zähne vernehmen, mit langsamer, etwas schwerer Zunge und in einem gedehnten, singenden Tonfall, der durch mehrere Oktaven zu spielen schien -- das schadet ja gar nichts! Wenn er's nicht ist, kann er's noch werden. Wie Sie da vorhin ins Zimmer traten -- so wandte sie sich an Fox -- wie Sie nur Ihren Hut auf die Kommode stellten -- es war gar nichts weiter als diese einzige Bewegung -- ich sage Ihnen: Ich mußte lachen; glauben Sie mir, ich habe einen Blick für Menschen! Seit dreißig Jahren bin ich am Theater! Wenn Sie nur auf die Bühne treten, so lacht das Publikum! Ich will Sie damit nicht beleidigen! fuhr sie fort, da Fox ein verletztes Gesicht machte, im Gegenteil: Wirkliche Komiker sind heutzutage selten! Bleiben Sie nur bei uns! Herr Steinert warf ein, daß Fox ja gar nicht die nötigen Rollen beherrsche. -- Dann lernt er sie eben jetzt noch! sagte sie mit ihrer eigensinnig klagenden Stimme, Schauspieler lernen schnell, und bei uns heißt es ganz besonders fest und energisch zu arbeiten, das ist hier jeder gewohnt. Sie müssen wissen: Mein Mann und ich sind für das Ideale! Fox sah überrascht erst auf sie dann auf Herrn Steinert: war das die Frau von dem? -- Und dann, Hermann: Er soll doch die Rollen nicht von heute auf morgen lernen, sondern erst auf übermorgen oder nächste Woche. Wir eröffnen das Theater doch mit einem klassischen Stück, wo wir ihn nicht nötig haben -- und die eigentliche Posse ist doch erst am Sonntag. Bis dahin hat er viel Zeit zum Lernen, und die Proben sind doch auch noch da! -- Herr Steinert war nach wie vor skeptisch. -- Aber das Publikum hier macht doch keine Großstadtansprüche! Und kurz und gut -- ihre Stimme wurde ungeduldig und etwas stoßend -- mir gefällt dieser junge Mann! Er wird wachsen mit seinen Aufgaben! Schließlich habe ich doch auch ein Wort mitzusprechen, und wie gesagt -- ihre Stimme wurde wieder singend: Ich empfehle dir diesen jungen Mann dringend, ohne dich damit jedoch -- und nun klang ihre Stimme geradezu ölig-zärtlich -- irgendwie beeinflussen zu wollen. Herr Steinert warf ihr aus seinen wimperlosen, scharf umränderten Augen durch den Zwicker einen böse-versteckten Seitenblick zu, den sie aber nicht bemerkte, und meinte: Gut, Ida, versuchen wir es. Sind Sie einverstanden? wandte er sich an Fox.

In Fox bekämpften sich Regierungsassessor und Komiker. Daß er alle Rollen leicht lernen und tadellos spielen würde, war außer Frage. Doch vor den Leuten auftreten, damit sie über ihn lachten?! Aber schließlich: Auch Molière und Shakespeare waren Schauspieler gewesen, und beide hatten eine Fülle komischer Rollen selbst geschaffen! Und er selber hatte vor ihnen noch den Vorteil voraus, daß er seinen Namen nicht hergeben würde: Er wollte seinen uralten Familiennamen mit einem Pseudonym decken. --

Wie ist es denn mit dem Honorar? fragte er. -- Herr Steinert wechselte mit seiner Frau einen Blick und nannte dann eine Summe, die kärglich gering erschien, und kaum das Dasein zur Not fristen konnte. Fox schwankte wieder; aber plötzlich faßte ihn ein Gefühl, all diesen niedrigen Erbärmlichkeiten ein Ende zu machen, durch eine halb verächtlich gegebene Zustimmung. -- Hermann, wir könnten ihm doch fünf Mark mehr bewilligen! -- Herr Steinert sah sie unbeweglich durch seinen Zwicker an. -- Also es sind Ihnen fünf Mark mehr bewilligt! sagte er darauf zu Fox; Gesellschaftsanzüge, Salonrock, Frack usw. haben Sie doch wohl? -- Fox unterdrückte ein kräftiges Wort und sagte: Selbstverständlich. Herr Steinert holte zwei Kontrakte, unterzeichnete den einen, gab ihm beide, mit der Bemerkung, zu Hause genau den Wortlaut durchzulesen und ihm am Nachmittag den zweiten, mit seiner Unterschrift versehen, zuzustellen. -- Aber das kann er doch gleich hier durchlesen! Wozu denn diese Umständlichkeit! -- Aber Fox nahm ihn mit und studierte ihn im Hotel. -- Sechshundert Mark Geldstrafe für den Fall eines Kontraktbruches. Also so plötzlich weg kann ich da nicht, sonst bekomme ich die Polizei auf die Hacken! --

Horst Siegmaringen nannte er sich; das klang gut und ließ einen unterdrückten Adelstitel vermuten.

Fox war nun engagiert. Er zog in ein kleines möbliertes Zimmer. Dort lernte, übte und probte er für sich Charleys Tante. -- Blödsinniges Stück! Es fehlt ihm jeder echte Humor! -- Am nächsten Morgen war die erste Probe.

Das ist ja eine Scheune?! sagte Fox, als er das »Theater« erblickte, -- eine Scheune, ohne Tür?! Wo ist denn die Tür?! -- Dies Theater war eigentlich ein Hotel mit größerem Saal, öde und verwahrlost, mit grauer abgebröckelter Zementfassade.