Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Part 22

Chapter 223,435 wordsPublic domain

Sehen Sie, erzählte er, Sie würden nicht das geringste bemerken, wenn ich damals gut geheilt worden wäre! Aber lieber Gott, woher sollten meine armen Eltern das Geld nehmen! Auf dem Glatteis bin ich gefallen, damals in der Neujahrsnacht, wie ich als Knabe meine Streichhölzer verkaufte, zitternd vor Kälte, daß ich sowieso nicht fest auf meinen Beinen stand. Wenn da außerdem noch ein Betrunkener kommt und einen anrennt -- -- -- ja ja, ich habe eine harte Schule durchgemacht! -- Fräulein Nippe tat dieser Mann leid. Sie sah ihn teilnahmsvoll an und dachte: Heute kommt doch viel mehr Herz raus als damals auf der Bank! Man kann doch den Menschen niemals ansehen, was in ihnen steckt! Ein eigenartiger, interessanter Mensch ist er auf alle Fälle! -- Und er erzählte weiter, wie er sich später vom Lehrling an in einem kleinen Seifengeschäfte langsam, langsam emporgearbeitet habe: Aber Unehrlichkeit, falsches Wesen duldete ich nie und nimmer! Dadurch habe ich die Menschen viel vor den Kopf gestoßen, dadurch habe ich meine besten Freunde verloren; ich verstehe nun mal nicht zu schmeicheln! Das haben Sie ja selbst auch schon bemerkt; ja ich tue noch viel bärbeißiger als ich bin. Es ist mir das ein Prüfstein für die Menschen! Aber die Menschen wollen nun einmal nicht die Wahrheit hören. So bin ich allmählich ganz vereinsamt. Sehen Sie, wie ich mich abends in meinen Mußestunden beschäftige! -- Er hinkte, sich etwas zusammennehmend, auf das Eckschränkchen zu und brachte ein Schächtelchen zurück, das lauter kleine geschnitzte Knochengegenstände enthielt. -- Das ist ein Geduldspiel! erläuterte er, und damit spiele ich jeden Abend den Gott werden läßt, und freue mich wie ein Kind daran. Ich möchte ja so gern manchmal was anderes tun -- Sie lächeln über meine Einfachheit! -- zum Beispiel gern einmal ein gutes Buch lesen, aber wer _nennt_ mir denn ein gutes Buch?! Es fehlt mir die geistige Anregung! Und dann: _wenn_ ich ein Buch lese, so möchte ich mich auch gern darüber aussprechen, andere Meinungen hören und aus ihnen lernen. Sehen Sie, so geht es mir! -- O, Bücher lese ich genug! sagte Fräulein Nippe lebhaft; was halten Sie zum Beispiel -- nun, sagen wir mal: -- Ach bitte! unterbrach sie Herr Feihse, fragen Sie mich nicht! Ich müßte mich wahrscheinlich vor Ihnen schämen! -- -- Zum Beispiel -- nun, sagen wir mal -- -- der Kampf um Rom! Den kennen Sie doch! -- Er schüttelte den Kopf. -- Nicht?! Aber Faust, das kennen Sie doch natürlich! -- Wo der Teufel drin vorkommt? Ja, ich habe wenigstens davon gehört! -- Oder -- Hasemanns Töchter! Herr Feihse bewegte etwas ungeduldig den Kopf. -- Aber jetzt passen Sie mal auf, jetzt nenne ich was ganz Leichtes, wenn Sie _das_ nicht kennen ... Herr Feihse war rot geworden und sagte erregt: Haben Sie mich denn nicht verstanden? Lassen Sie doch die Fragen! Was soll denn das eigentlich? Bin ich hier in einem Examen? Wollen Sie mit Ihren Kenntnissen prunken?! -- Unter andern Umständen wäre Fräulein Nippe einfach aufgefahren. Aber sie hatte einen viel besseren Blitzableiter: Oho! dachte sie, ich lasse das Barometer einfach wieder sinken! und sie machte ein so eisiges Gesicht, wurde so einsilbig, daß Herr Feihse traurig, aber mit fester Stimme sagte: Ich sehe, wir passen nicht zueinander! -- Und, wie das erstemal, lenkte Fräulein Nippe auch jetzt wieder ein. -- Falls Sie noch einmal wiederkommen, sagte Herr Feihse zum Abschied, indem er sie still ansah, so bringen Sie mir doch mal so ein Buch mit! Ich bin dankbar, wenn ich von Ihnen lernen kann! Sie wollte antworten, daß es wohl besser wäre, sie sähen sich nicht wieder. Aber schließlich: wenn sie wiederkam, so verpflichtete sie das ja zu gar nichts! Und sie hätte so gern gehört, was er über Hasemanns Töchter dachte. --

Sie kam auch wieder, sie lasen Hasemanns Töchter mit geteilten Rollen, sie fand Gelegenheit zu belehren, ihr überlegenes Wissen anzubringen, hinzudeuten auf Größeres: die echte Kunst sei noch etwas ganz anderes; dies hier sei so wie die kleinen Hügel am Gebirge, ehe die eigentlichen, die Riesen kämen: Shakespeare als die gewaltigste Zacke inmitten eines niedrigeren, aber immer noch erhabenen Getümmels. Und sie begann herzusagen, was sie noch von ihrer Desdemona wußte. Herr Feihse war entzückt und konnte nicht genug betonen, eine wie goldne Jugendlichkeit sie sich bewahrt habe, eine wie große Frische und Lebendigkeit des Interesses! Auch ihr sehe man es ja mit Deutlichkeit an, daß das Leben nicht liebevoll mit ihr verfuhr, aber sie habe sich den jugendlichen Kern keusch und rein bewahrt!

Er nahm nun leise einen andern Ton an, einen Ton, gemischt aus Verehrung und chevaleresker Höflichkeit und einem leise neckischen Elemente, das mit besonderer Prägnanz in seiner Anrede zutage trat: Fräulein Desdemona! so nannte er sie, erst nur scherzhaft und gelegentlich, bis sie ihn bat, sie doch immer so zu nennen. Sie lasen dann das Werk zusammen, und nun wollte er, daß sie ihn auch Othello nennen solle; aber sie erklärte, dies sei zu plump, und außerdem: Es wäre eine schlechte Vorbedeutung! Sie sah ihn halb kokett von der Seite an. In letzter Zeit hatte sie derartige Andeutungen öfter gemacht. Dann wieder, wenn _er_ sich solche Andeutungen erlaubte, ging sie mit einem Gesichte, als verstände sie sie nicht, darüber hinweg, mit einem Ausdruck, als habe er eine Zweideutigkeit gesagt, die sie offiziell ignoriere. Herr Feihse wußte schließlich nicht was er denken sollte. -- Will sie mich nun oder will sie mich nicht? So fragte er sich oft, wenn sie ihn verlassen hatte. Kennen gelernt hatten sie sich eigentlich genügend; und wenn sie ihn fragte: Er würde mit einem reinen und lauteren Ja antworten! -- Oft nahm er sich vor, sie geradezu und ehrlich zu fragen, aber immer wich sie aus. Schließlich ertrug er dies nicht länger: Fräulein Desdemona -- er zwang sich zu dieser scherzhaften Anrede -- Fräulein Desdemona! Wir kennen uns nun schon lange genug und haben Vertrauen zueinander gewonnen! Ich wiederhole jetzt endlich die Frage, die ich schon einmal -- damals auf der Bank im Parke -- an Sie richtete: Wollen Sie die Meine werden? Ich werde Sie auf Händen tragen! -- In diesem Augenblick zog Fräulein Nippe ein Tüchlein aus der Tasche, das sie zu einer kleinen Kugel zusammenpreßte und zum Munde führte, indem sie mit dem Ausdruck eines scheuen Rehes auf Herrn Feihse blickte, während ihr linker Arm anzudeuten schien, daß hier ihres Bleibens nicht sei. -- Bleiben Sie, Fräulein Nippe, bleiben Sie! Sie haben nun genügend Zeit gehabt zur Überlegung, all die Wochen hindurch; Ihr Entschluß muß gefaßt sein! Bitte, jetzt ist es an Ihnen! -- Fräulein Nippe streckte zagend ihr Tüchlein vor: Was soll ich tun -- man drängt mich -- man bestürmt mich -- Ich bestürme Sie nicht und ich bedränge Sie nicht! sagte er in einem so ruhigen, sachlichen Tone, daß ihre poetische Stimmung wieder zu verschwinden drohte. O schweigen Sie, o schweigen Sie! bat sie mit halblauter Stimme, überlassen Sie mich ganz der Wonne dieses Augenblickes! -- Also Sie lieben mich?! Er tat einen Schritt vorwärts. Sie streckte abwehrend den Arm aus, er wollte ihn ergreifen, aber sie zog sich schnell in den äußersten Winkel des Zimmers zurück. -- Lassen Sie mich, lassen Sie mich! Ich kann Ihnen jetzt unmöglich antworten! -- Aber _wann_ werden Sie mir denn endlich antworten? -- In -- in drei Tagen! Ehe die Mitternacht des dritten Tages anbricht, haben Sie meine Antwort! Dann zog sie sich zurück, mit einem stumm-beredten, rätselhaften Blick verschwand sie. --

Herr Feihse blieb in der größten Erregung zurück. Er wußte nicht, wie er sich dies Benehmen deuten solle. Sie war doch äußerst interessant! --

Fräulein Nippe ging mit tragischer Miene zu Hause herum, und dachte: Wenn ihr wüßtet, welches Schicksal in mir kreißt!

Schon früher hatte ihr vieles Fortbleiben von zu Hause Verdacht erregt. Herr Könnecke, der ihr auf vergangene leidenschaftliche und heftige Ausbrüche erwidert hatte: ich habe dich ja immer noch gern, aber Lotte steht mir nun doch mal näher als du, daran ist nichts zu ändern -- Herr Könnecke dachte in seinem guten schlechten Gewissen: Sie fühlt sich nicht wohl bei uns, sie will sich nicht aufdrängen, sie zieht sich ganz bewußt von uns zurück. Aber Frau Bornemann, die jetzt das neubezogene Heim ihrer Enkelin und ihres »Herrn Schwiegersohnes« teilte, meinte bedächtig: dahinter steckt was ganz Besonderes: Es sollte mich gar nicht wundern, wenn die auf Freiersfüßen ginge!

Schon früher hatte sie ihr geraten, doch einmal die Heiratsofferten in den Blättern durchzusehen, solche Ehen würden oft die glücklichsten, war dann aber sehr entrüstet, als Fräulein Nippe bissig fragte: Sie haben Ihren Mann wohl auch durch die Zeitung gekriegt? -- Frau Bornemann und Fräulein Nippe waren sich durchaus nicht wohlgesinnt, ohne daß man recht wußte, wo der Grund lag. Gelegentlich sagte eine von der andern: Sie könnte sie nicht sehen.

Sollte sich Fräulein Nippe ihrem Vetter anvertrauen? Nein, sie mußte sich bis ans Ende allein durchringen! Und welches war dieses Ende?! Bisher hatte sie mit dem Gedanken an die Ehe mit Herrn Feihse nur gespielt, so wie ein Kind mit einer Kugel spielt, ja, ganz genau so war es! Sie malte sich dieses Bild weiter aus: Diese Kugel, anfangs leicht und durchsichtig, war unter ihren Händen gewachsen, hatte an Gewicht zugenommen, und während sie sie noch ahnungslos in die Luft warf, um sie wieder aufzufangen, lief sie Gefahr, unter ihrem zentnerschweren Gewicht zu Brei zermalmt zu werden! Oder diese Kugel war ein Feuerzeug, mit dem sie spielte, und unversehens stand sie selbst in Flammen! Oder war es vielleicht doch nur ein mildes, wärmendes, beglückendes Feuer, das diese Kugel -- oder dieses Feuerzeug -- auf sie niederregnen ließ?! War es ein befruchtender Tau oder war es ein reißender Gebirgsstrom, den es ausgoß, ein Strom, der sie erfassen würde, mit sich fortnahm in gefahrvolle, unbekannte Gegenden, der sie an Felsgestein mit dem Kopf anrennen lassen würde, bis sie endlich als unkenntliche Leiche irgendwo ans Land geschwemmt wurde? --

Fräulein Nippe hatte in den letzten Wochen mehrere Male auf eigene Faust in den Zeitungen inseriert, da sie ja Herrn Feihse eigentlich doch nicht heiraten wollte, aber irgendwo hatte es stets gehapert: Da war kein Millionär, kein Graf mit rabenschwarzem Haar, kein Künstler, der sie hätte anregen können, kein frisches junges Blut, dem sie auch _so_ ans Herz gestürzt wäre; nichts, nichts von alledem fand sich in dem Netze vor, das sie -- wie sie sich vor sich selbst ausdrückte -- mit jenen Annoncen in die Welt geschleudert hatte. Ach Gott, das Leben war kaltherzig und grausam, heimtückisch und ungerecht! -- Und Herr Feihse wartete! Die letzten Nächte hatte sie in ihrem Bett geweint, indem sie an ihr freudloses Leben dachte, daß es keinen Menschen gab, der ganz von selber an ihr Herz flog, dem sie alles hätte sein können: Freundin, Geliebte, Mutter. -- Herr Feihse hatte durchblicken lassen, daß, wenn sie ihn nun nach ihrem wirklich intimen Seelenverkehr doch noch ausschlüge, dieses der schwerste Schlag sei, den das Leben ihm versetzen könne! Er wolle lieber auch noch das andere Bein brechen als das erleben! Der arme Mann! das klang fast wie ein Selbstmordgedanke! Wie war er aufgeblüht unter ihrer liebevollen Pflege! Mehrere Male war er krank gewesen, zu Anfang, als sie ihn kennen lernte. Konnte sie nicht sein rettender Engel werden? Und wenn er immer kränker wurde, konnte sie sich nicht aufopfern, konnte sie ihn nicht pflegen, bis er tot war? -- Sie sah ihn sterbend in seinem Bette liegen, sie selbst stand ihm zu Häupten und seine schon halb erlöste Seele hielt sie in ihrem lichtweißen Kleide für einen wirklichen, echten Engel des Himmels! Und dann würde er voll Liebe aus dem Jenseits auf sie herabsehen! Sie wollte ja nicht, daß er stürbe, aber wenn er es doch tat, so stand im Hintergrunde ein ganz hübsches kleines Vermögen! Das war nicht schlecht von ihr gedacht, das war ganz selbstverständlich und natürlich. Und doch weinte sie wieder, wenn sie an dies alles dachte, und wußte nicht was sie tun sollte.

Eine Annonce stand noch aus; sie hatte sie an jenem Abend, als sie Herrn Feihse zum letzten Male sah, noch rasch verfaßt und am nächsten Morgen auf die Redaktion getragen. Von dem Erfolge dieses Schrittes wollte sie ihr Schicksal abhängig machen. Und diese letzten Tage und Stunden waren schwer für sie. Zwei Bilder schaukelten in ihrer Seele, das Bild Herrn Feihses und das des idealen Mannes, den sie fast ganz deutlich vor sich sah: Wenn es ihn wirklich gab, so mußte er jetzt endlich erscheinen. -- Aber er erschien nicht. Mit leeren Händen eilte sie von der Redaktion wieder ins Geschäft oder in die Wohnung. -- So war der dritte Tag beinah verstrichen. Ein letztes Mal war sie auf der Redaktion. Sie war bereits geschlossen, sie rüttelte vergeblich an der Tür. Dann aber dachte sie: Wenn diese Tür sich mir verschließt, so weiß ich nun eine andere, die eine unsichtbare Hand mir weist, keine mit Farbe gemalte, wie diese herzlose Hand hier, die nur auf Bureautüren deutet, sondern die Hand des Schicksals selbst! -- Vorher aber wollte sie noch einmal ins Leben untertauchen, ins wildeste Leben. Wie hatte sie gesagt: Wenn die Mitternacht des dritten Tages anbricht ... Mit dem Schlage der Mitternacht würde sie Herrn Feihses Nachtglocke anläuten, und vorher wollte sie mit ihrem Vetter und mit Lotte in den Zirkus; die beiden hatten schon mittags davon gesprochen, ohne daran zu denken, sie selber aufzufordern. Da wollte sie Abschied nehmen von dem jubelnden reichen Leben! --

Ich gehe heute abend mit euch! sagte sie, als mache sie den beiden ein großes Geschenk damit. -- Aber Herr Könnecke schien nicht erfreut darüber. -- Du darfst es uns doch nicht übelnehmen, sagte er, als sie allein waren, daß ich endlich einmal auch ein Vergnügen mit Lotte allein haben möchte. Überall bist du dabei, es ist ja fast gar nicht so als ob wir verheiratet wären! -- Ich springe aus dem Fenster! schrie Fräulein Nippe plötzlich, in der mit einem Male alle Bitterkeit, alle Wut gegen das herzlose Schicksal überkochte -- und sie rannte durchs Zimmer und schwang sich wirklich auf die Fensterbank. -- Komm da mal gleich wieder runter! sagte Herr Könnecke erschrocken. -- Diesmal, rief sie, ist es mißlungen, aber das nächstemal wirst du mich nicht hindern. Rühre mich nicht an! fuhr sie heftig fort, wir haben keine körperliche Gemeinschaft! -- Sie war wieder unten, und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Sie habe Lotte von der Gasse aufgelesen, und durch Lottes Schuld seien ihm nun die Nägel zu Geierskrallen gewachsen, die er einschlage in sie armes wehrloses Opfer. -- Das verbitte ich mir! sagte er in bestimmtem Ton, du bist absolut nicht objektiv! -- Schon wieder dieses herzloseste aller Worte, das die Gefühle auf eine Wage legt und gegeneinander abwägt! Bei lebendigem Leib wird man seziert, aufgeschnitten, daß Herz und Lunge und Eingeweide klopfen! -- Also du kannst ja mitgehen, wenn du durchaus willst, sei doch nur endlich ruhig! -- Nein, nun will ich nicht! rief sie heftig, das ist die rechte Art! Erst lechzt man nach einem Trank, und kriegt ihn nicht, dann spuckt der andere hinein und sagt: nun trink! -- ich danke bestens! -- Jetzt ging die Tür auf, die alte Frau Bornemann zeigte sich auf der Schwelle, das Kindchen auf dem Arm, sah kurzsichtig von einem zum andern und sagte mit enttäuschter feiner Stimme: Es war mir vorhin so, als würde hier _gesungen_! Aber ich muß mich wohl geirrt haben. Ich höre Lieder für mein Leben gern, aber wie mein Mann-selig in die Grube fuhr, wurde auch's Klavier verkauft. Gott, was waren das für schöne Zeiten! Aber wir wollen nicht klagen: Lotte ist glücklich verheiratet mit'm Kind, ich bin bei ihr geblieben, das Kind wächst und gedeiht zu seines Schöpfers Ehre, und ich zahl'r meine Miete, wie sich's gebührt! Und ein Liedchen trällernd, wie es schon zur Zeit ihrer Altvordern gesungen wurde, zog sie auf ihren Filzpantoffeln mit dem Kinde wieder ab.

Es geht nicht, es geht nicht für die Dauer! dachte Herr Könnecke, und ahnte nicht, wie nahe die Wendung in Fräulein Nippes Geschick war.

Fräulein Nippe verließ das Haus: Nun würde sie _sogleich_ zu Herrn Feihse gehen! Herr Könnecke und Lotte aber gingen nun auch nicht in den Zirkus, da ihnen die Stimmung verdorben war.

Sie läutete an Herrn Feihses Wohnung, sie hörte seinen rhythmischen, erregten Gang, er öffnete, mit Tränen in den Augen stand sie vor ihm und sah ihn an mit verheißungsvollem Blick. Er tastete in sein Zimmer zurück, sie folgte ihm. -- Tapferer Mann! sagte sie, Sie haben sich Ihr Glück erkämpft! Ich bin die Deine! Kannst du mir ein wenig gut sein? -- Herr Feihse keuchte so, daß er sich setzen mußte; er ergriff ihre Hände, auch ihm rollten die Tränen über das Gesicht; dann wollte sie einen Satz vom Lebensglück sagen, in dem das Wort »basiert« vorkommen sollte. Aber sie brachte ihn nicht heraus; und überhaupt: Welcher Mensch denkt denn in Augenblicken, wo man den Pulsschlag des Lebens fühlt, an Fremdwörter?! Und dann sagte sie statt dessen mit vor Rührung halb erstickter Stimme: Armer Mann! Du hast einmal in einem Moment der Bitterkeit gesagt, wenn du stürbest, so würde kein Hahn danach krähen; -- du sollst dich getäuscht haben! --

Herr Könnecke saß mit Lotte und Frau Bornemann beim Abendessen. Fräulein Nippe kam nicht; sie erschien erst, als alle gerade zu Bett gehen wollten. Herr Könnecke hielt es für angebracht, etwas darüber zu sagen, daß sie zuviel die Hausordnung verletze; sie hätten sich alle um sie geängstigt; sie möge doch ein wenig rücksichtsvoller sein!

Fräulein Nippe war gerade recht in der Stimmung sich Vorwürfe machen zu lassen! -- Ihr kaltherziges Philisterpack! rief sie, was wißt ihr denn überhaupt von dem, was in der Seele eures Nächsten vorgeht! _Ahnst_ du denn, was mich die letzte Zeit bewegt hat? Hast du wohl soviel Interesse gehabt, darüber auch nur nachzudenken? Ihr alle habt keinen Funken von Interesse oder Intelligenz! Wollt ihr wissen, was es ist? Und dann legte sie ihr ganzes Triumphgefühl, die ganze Wucht ihres Schlages in die Worte: Verlobt habe ich mich! Ha, da können die Spießbürger die Mäuler aufsperren! Aber plötzlich wurde sie weich und sagte: der Geist der Liebe soll uns alle verbinden! umarmte einen nach dem andern und weinte wieder.

Neuntes Kapitel.

Fox Sintrup saß in einem Coupé vierter Klasse und fuhr nach irgend einem entfernten kleinen Orte, den er nicht kannte. So mußte es gemacht werden, das war romantisch-echte Ziel- und Zwecklosigkeit, das unbestimmte Schweifen in die Ferne. Jetzt gilt es der Not fest in das Auge zu sehen! sprach er zu sich selbst. Er erinnerte sich, daß er noch eine echte Havanna aus dem Niedergang gerettet hatte, fand sie auch wirklich in seiner Rocktasche, etwas abgeblättert, aber immerhin noch rauchbar, das vertrieb den schlechten Duft, der um ihn war. Ihm gegenüber lagerte ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit dunklen Augen; neben ihm saß eine alte Frau; sie hatte sich zu ihm gesetzt, obgleich sie nicht zu ihm gehörte. Ihre Augen waren starr und sie bewegte sich kaum. Dann kamen Arbeiter mit dumpfen Gesichtern. Fox würdigte sie alle kaum eines Blickes; es dunkelte und wurde Nacht, er suchte zu schlafen, wurde aber bald geweckt durch die Töne einer Harmonika. Der junge Mensch spielte ein langsames trauriges Lied, während er die Augen, ohne etwas zu sehen, zum Fenster hin gerichtet hielt. -- Das ist doch noch Poesie! dachte Fox, echte Poesie; da suchen die Dichter immer ihre Stoffe in erträumten Fernen, und überblicken die nächste Realität! Wie leicht könnte ich jetzt hieraus ein Gedicht machen! Ein Gedicht, in der denkbar schlimmsten äußern Zwangslage geschaffen, und doch ein echtes Gedicht! Da sieht man wieder, daß es wahr ist: Kunst entsteht aus Not! Unsere heutigen Dichter aber sind Faulenzer auf dem Sofa: Bei dem Rauch einer Zigarette dichten sie über Waldesduft und Blätterrauschen; der heutigen Generation ist das Gefühl der Natur abhanden gekommen. Die Frau da hinten! Sitzt sie nicht da wie die menschgewordene Frau Sorge, drängt sich nicht einem geradezu Zeile um Zeile eines Gedichtes auf? Mal sehen. Er runzelte die Stirn: -- Tief eingesunken starren meine Augen, die nur zum innern Sehn noch taugen! Das sollte ihm mal jemand nachmachen! So ganz aus dem Stegreif; -- na und so weiter. Sollte er wohl eigentlich ein Dichter sein? Daran hatte er noch nie gedacht. Auch Dichter lernen das Elend kennen, Grabbe trank sogar, und doch kam sein Name auf die Nachwelt. Und Trinker werden wollte Fox ja nicht einmal. Das war alles vergangene Epoche. Was wollte er jetzt nur eigentlich in diesem Städtchen, dem er zurollte, mit jeder Sekunde sieben Meter? -- Peter der Große hatte auf Schiffswerften gearbeitet. Hier war aber gar kein Meer. -- Er mußte irgendwie seine Kenntnisse verwerten. Als Schreiber bei einem Rechtsanwalt? Alles sträubte sich dagegen in ihm. Aber in Amerika wurden sogar Hochadelige Kellner! Das war authentisch! Graf Zitzewitz zum Beispiel! -- Sollte er doch Schreiber werden, sich nebenbei auf das Examen vorbereiten und seinem Vater später auf die Schulter klopfen und sagen: Siehst du mein Lieber, es ging auch ohne dich?! Fox traute sich schon einiges zu, übers Jahr würde er dann Referendar sein -- er war dann allerdings schon 28 Jahre -- aber dann ging es mit Riesenschritten in die große Karriere hinein.