Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman
Part 19
Alles an ihr atmete Kraft und Schönheit wie sie so sprach. Er war vollkommen in die Gegenwart des Augenblicks zurückgekehrt; ein Schmerzgefühl durchriß ihn, und fast mit Wollust empfand er seinen Schmerz: ich bin nicht empfindungslos, dachte er, o Gott, wie könnte ich sonst so empfinden! Und er stürzte an ihre Brust, in aller Angst vor der Leere, die von neuem vor ihm lag. Er fühlte ihre Arme, aber sie umschlossen ihn nicht mit der alten Kraft. -- Ich kann nicht von dir fort, rief er heftig, du mußt bei mir bleiben, du wirst sehen, daß du dich in mir getäuscht hast, ich bin anders als du denkst, ich schwöre dir, daß ich anders bin, nur laß mir Zeit, dies ist ja ein Wahnsinn! --
Er preßte seine Wange an ihren Kopf und starrte über ihre Schulter hinweg ins Leere, begegnete aber seinen eigenen Augen, die ihn aus einem gegenüberhängenden Spiegel ansahen. -- Herta schwieg und er ward beruhigter. -- Fasse wenigstens nicht jetzt einen Entschluß, fuhr er fort, ohne sein Spiegelbild aus den Augen zu lassen, nicht jetzt, wo du dir selbst nicht klar bist über alles, -- und mitten zwischen die Worte, die er sprach, schob sich der Gedanke: Sie ahnt nicht, daß ich ihre Gestalt von hinten sehe. -- Warte wenigstens einen Tag, zwei, drei Tage. Laß mich diese drei Tage dich nicht sehen, und dann laß mich wiederkommen, und was du dann beschlossen hast, dem werde ich mich fügen, ohne Widerspruch. -- Die Lippen des Spiegelbildes schlossen sich: während der Zeit war es Pitt so gewesen, als wenn der da drüben redete und nicht er selbst, obgleich er wußte, daß er sprach. Jetzt kehrte er den Blick hinweg, sah Herta in die Augen und -- als erwache er aus einem dumpfen Traum, packte ihn mit einemmal die helle Angst, er umklammerte sie und brach in Tränen aus. Er fühlte ihren Körper und wußte plötzlich mit schrecklicher Deutlichkeit: Dies ist ein wirkliches Stück Leben, das sich von mir losreißen will, das einzige lebendige, das ich besitze. -- Sie strich über sein Haar hin. Du hast recht! sagte sie, vielleicht sehe ich dann alles anders. -- Aber sie dachte: Es ist doch alles vorbei. Fühlte er wirklich stark zu mir, er würde mich nicht bitten, er würde mich zwingen. In drei Tagen werde ich ihm dasselbe sagen müssen wie heute. Er löste sich aus ihren Armen, sie reichte ihm die Hand und geleitete ihn so zur Tür. Sie sahen sich lange in die Augen, als wollten sie sich in die Seelen sehen, und beide empfanden für einen Augenblick den Schauer offener und doch verschlossener Welten. -- Wie mit einem Entschluß schlang sie heftig die Arme um ihn, und er fühlte ihre Lippen auf den seinen.
Sowie er draußen auf der Straße war, löste sich die Spannung in ihm. Es war ihm wie nach einer langen Krankheit, die die Krise überstanden hat. Die augenblickliche Gefahr schien vorüber, und, wie es bei solchen Krisen zuweilen geht, daß der Patient, noch eben Abschied nehmend von einem Leben, das ihm, nun er es verlieren soll, als das kostbarste Kleinod erscheint, dieses selbe Leben, wenn es ihm zurückgeschenkt ist, als etwas Selbstverständliches hinnimmt -- -- so richteten sich Pitts Gedanken schnell wieder auf die ihm gewohnte Wirklichkeit. Daß Herta nach drei Tagen noch bei ihrem Entschluß verharren würde, glaubte er nicht. Und er selber: Er würde sich Mühe geben, daß sie mit ihm zufrieden war. Sie würden miteinander sprechen, er würde ihr sagen, daß es wirklich für sie beide besser wäre, wenn sie sich nicht so sehr oft sähen -- denn schon wieder regte sich in ihm ein kleines Unbehagen bei dem Gedanken, daß sie vielleicht wieder tagtäglich beieinander wären -- und damit war dann alles Schlimme beseitigt. -- Aber trotz aller beruhigender Gefühle empfand er eine Leere, und dann dachte er: Was ist eigentlich geändert gegen früher?
Der nächste Tag verging, der übernächste auch, der dritte begann. Hatte Herta seinen Vorschlag ganz wörtlich aufgefaßt? Mehr und mehr hatte sich diese letzten Tage eine tiefe Niedergeschlagenheit seiner bemächtigt. -- Es ist nur das Wetter schuld, -- dieser ewige Nebel! dachte er, obgleich er Nebelwetter mehr liebte als jedes andere. --
Am Abend ging er hin zu ihr, im rötlichen Dämmer der Laternen, deren Lichter wie flimmernde trübe Kugeln im Grau zu schweben schienen.
Wenn sie nun auf ihrem Entschluß bestände?
Eine alte Frau öffnete auf sein Läuten. Mit schlürfendem Schritt ging sie ins Zimmer und kam mit einem Brief zurück, den das gnädige Fräulein für ihn hinterlassen habe. Wo ist sie denn? Kann ich sie denn nicht selber sprechen? fragte Pitt schnell und hastig. -- Verreist! antwortete die alte Frau, und da sie nichts hinzuzufügen hatte, zog sie sich wieder zurück und schloß die Tür.
Es war ihm, als habe er mit flacher, harter Hand einen Stoß vor die Stirne bekommen; noch auf der Treppe, unter einer Lampe, las er den Brief; er las ihn zweimal, dreimal. Er empfand keinen Schmerz, keine Trauer, aber ein dumpfes, stumpfes, gespenstisches Gefühl war in ihm. Wie ein Traumwandelnder trat er endlich auf die Straße. Er sah nicht, welchen Weg er ging, er setzte Schritt vor Schritt, ohne Aufhören, als sei das Gehen das einzige in der Welt was er noch tun konnte. Die matten Laternen blieben allmählich hinter ihm, dann befand er sich in einem endlosen stummen Grau. Endlich stieß er mit dem Fuß gegen etwas Festes, gegen eine Bank, auf die setzte er sich, und blieb dort sitzen, den Blick ins Nichts geheftet. --
Achtes Kapitel.
Fox Sintrup hatte, nachdem er die Stadt Lottes und Herrn Könneckes mit Protest verließ, bald hier, bald dort studiert. Schließlich blieb er in einer größeren Universitätstadt, die ihm behagte. Er arbeitete wenig, wurde aber im Laufe der Zeit ein großer Feinschmecker und Weinkenner. Dazu unterhielt er freundschaftliche Beziehungen zu den gewaltigsten Persönlichkeiten.
So ein Lerchenzungenragout -- also es geht doch nichts über so ein Lerchenzungenragout! -- So sprach er in der Weinstube, sah alle Freunde der Reihe nach an und fügte hinzu: Höchstens ein Nachtigallenzungenragout, das soll noch besser sein, das kenne ich nicht; dann erzählte er, wie er neulich beim Kriegsminister eingeladen worden sei, verstummte aber plötzlich -- scheinbar in ratloser Überraschung. -- Teufel noch mal! rief er endlich und schlug mit der Hand auf den Tisch, indem er die Gegenübersitzenden wie in starrer Überlegung ansah, -- das habe ich ja total verbummelt! Kellner! Briefbogen, Kuvert und einen Dienstmann! -- Während der Kellner verschwand, erklärte Fox, er sei auch für heute abend beim Kriegsminister eingeladen, habe diese Einladung aber vollkommen vergessen. -- Schon manchmal hatten seine Freunde Zweifel an seinen Angaben erhoben, aber was er nun tat, schlug jedes Mißtrauen nieder. Mit Bleistift schrieb er flüchtig einen kurzen Brief, während ihm seine Nachbarn ins Papier schauten. Er entschuldigte sein Ausbleiben, das er um so mehr bedauere, als er nun leider darauf verzichten müsse, mit seiner Exzellenz dem Handelsminister über seine nationalökonomische Broschüre zu sprechen, die demnächst erscheinen werde. -- Der Brief ward gefaltet, kuvertiert, auf den Umschlag der volle Name und die Adresse des Kriegsministers geschrieben, und dem Dienstmann eingeschärft, das Ganze sofort, aber sofort beim Hausdiener im Palais abzuliefern. Sintrup verkehrt beim Kriegsminister! hieß es nun, und sein Ansehen war wieder um eine kleine Stufe gestiegen. Niemand hatte bemerkt, daß Fox jenen Brief nicht mit seinem Namen, sondern mit zwei unleserlichen Anfangsbuchstaben unterzeichnete. Mochte der Kriegsminister sich denken, was er wollte! --
Fox war und konnte jetzt alles; er hatte sehr viel gelesen, sehr viel herumgehorcht und viel erfahren, manches Schwierige aus gedruckten Abhandlungen auswendig gelernt. -- Ja du lieber Gott, die Menschen führen immer das Wort »Kunst« im Munde, was ist denn nun eigentlich Kunst? Er nagelte den andern mit seinen Augen fest, und dann wurde mit scheinbarer intensiver Anspannung des Geistes irgendeine komplizierte Definition geboren, die er tags zuvor gelesen und memoriert hatte. Er schriftstellerte, es erschienen hier und da in den Blättern in der Tat Artikel von ihm, mit seinem vollen Namen gezeichnet. Früher schon hatte er politische Broschüren erscheinen lassen, diese aber alle anonym, denn: -- Na, Sie können sich ja denken! Man zweifelte an seiner Autorschaft, aber gelegentlich, wenn Freunde ihn besuchten, ließ er sie einen Blick in die dunkle kleine Kammer tun: Da lagen die Broschüren stoßweise, verstaubt, und er sagte bedauernd: Ja, vom Schriftstellern wird man nicht reich, wenn man Talent hat. -- Die Broschüren hatte er alle aus irgend einem Lagerraum, wo sie vergessen lagen, aufgekauft. Er schrieb auch Essays über veraltete, altmodische Schriftsteller, die er ausgrub auf Bibliotheken; sie erschienen zwar nicht gedruckt, aber die Manuskripte lagen bei ihm zu Hause, und er las sie vor; sie klangen gut, merkwürdig echt war darin der Stil der Zeit getroffen. Allerdings hatte er alles eigentlich abgeschrieben aus irgend einem verschollenen Buch, das niemand kannte. Seine Bemühungen, sich im Ansehen der Menschen aufrecht zu erhalten und es immer noch zu steigern, waren allmählich ins Groteske gewachsen und bedurften viel mehr Nachdenken und Aufwand als seine früheren gelegentlichen Mystifikationen. Und da Fox im Grunde eigentlich schwerfällig und faul war, so kostete ihn dies Treiben viel Sorge und Selbstdisziplin. Er wurde ein Opfer seiner selbst.
Fox galt auch als guter Rezitator; es war bekannt, daß er einst Schauspielstunde gehabt hatte und daß sein Lehrer ihm beim Abschied sagte: Wenn _Sie_ nicht zur Bühne gehen, mach ich meine Unterrichtsbude zu! -- Na, zur Bühne war er nicht gegangen, und im Vortrag der Gedichte vermied er streng alles was an die Bühne erinnerte. Nicht scharf genug konnte er die Unsitte der meisten Schauspieler verurteilen, die die Gedichtform mit der dramatischen verwechseln, beim Vortrag mit den Händen agieren und wie auf der Bühne Mimik treiben: Wie unendlich fein hatte schon Goethe diesen Unterschied präzisiert! Auf _den_ Bahnen galt es fortzuschreiten, da galt es wieder anzuknüpfen. Unwillkürlich geriet Fox, wenn er so redete, in die Spuren seines Bruders, dessen Gedanken er, getaucht in die Farbe seiner eigenen Sprache, wiederholte. Er konnte dies ohne jede Gefahr, von Pitt hatte hier niemand eine Ahnung, niemand war dabei gewesen, wenn er ihm seine Gedichte vortrug. Fox übte sich auch im Aufstellen barocker Behauptungen, wie sie zuweilen von den Lippen seines Bruders kamen. Bei Pitt waren sie ein künstlerisches Spiel, er glaubte selbst nicht an sie, hielt sie aber, wenn man dann opponierte, mit allen Mitteln der Dialektik aufrecht; diese fehlten Fox nun gänzlich. Die Einwände, die man ihm entgegenwarf, nahm er nicht wie Bälle, denen man geschickt ausweichen, denen man durch ein einziges Wort eine neue Richtung geben, die man parieren und auf den Angreifer zurückschlagen kann, sondern sie lagen da wie dicke Holzklötze, über die seine Füße stolperten. Aber das schadete nichts: Mit einer Handbewegung, wie Pitt sie liebte, wenn er seine Worte an mindere Leute verschwendete, bis er selber ungeduldig wurde, schnitt er die Gegenrede ab und verschanzte sich hinter eine vielsagende Miene, die bei ihm ganz von selber dazu kam. Wie er noch mit Pitt zusammen war, ging sein ganzes Bestreben dahin, selbständig neben seinem Bruder zu erscheinen, seinen Einfluß zu verleugnen. Nun zehrte er sehr von der Vergangenheit, suchte er seinen Bruder auch in seinen Äußerlichkeiten zu kopieren, verband er dessen Sonderlichkeiten mit dem Pompe seiner eigenen Persönlichkeit, und niemand sah das unscheinbare kleine Schiff, das diesen stolzen Dreimaster in seinem Fahrwasser hinterherzog. Zuweilen war es, als wenn die Maske plötzlich rutschte: So sagte er, ehe er seine Militärzeit antrat, einmal mit kapriziös leidender Stimme: Dienen ist doch schlimmer als tot sein! -- Nanu, Sintrup, rief einer, ich denke du willst es mindestens bis zum Hauptmann bringen? -- Da sah ihn Fox erst unsicher an, dann sammelte er sich und antwortete im schneidigst zurechtweisenden, kurzen Tone: Na ja?!
Fox war gern gesehen in seinen Kreisen. Er zählte nun schon zu den alten Semestern, zu den sehr alten sogar, denn sein Examen hätte er eigentlich seit langem machen müssen, und Herr Sintrup wies in seinen Briefen darauf hin, Pitt säße doch nun längst in »Amt und Würden«. Fox tröstete dann immer mit dem Hinweis auf seine glänzende Karriere und auf die wahnsinnig vorzüglichen Anlagen seines Kopfes. Und zunächst ließ sich auch Herr Sintrup noch trösten, da er alles glaubte und ja auch gedruckte und ungedruckte Bestätigungen dieser Talente erhielt. -- Aber Fox brauchte enorm viel Geld, so daß Herr Sintrup sich oft fragte, wo das noch hinauswolle. In den vornehmen Wirtshäusern war er ein gern gesehener und bestbedienter Gast, dem es nicht darauf ankam eine ganze große Gesellschaft freigiebig zu bewirten, wenn er in Laune war. Mit Stolz sah er die Spitze seiner Nase sich braun färben und erklärte denen, die den Grund nicht wußten, mit bedauernder Stimme, das käme vom vielen Burgundertrinken, was auch der Fall war. Manchmal machte er sich selber Sorgen um seine vielen großen Geldausgaben, und in der Erwägung, daß man stückweise teurer einkauft als wenn man en gros bestellt, ließ er sich zuweilen ganze Lieferungen kommen und legte sich auch aus demselben Grunde einen Weinkeller an. Bezahlt wurde wenig oder nichts von diesen Dingen, denn man kannte ihn als einen guten, sichern Kunden. Überall erweckte er den Anschein größter Vertrauenswürdigkeit, und er selber hielt sich für eine Art Ehrenmitglied der menschlichen Gesellschaft. --
An festgesetzten Tagen der Woche besuchte ihn jetzt regelmäßig ein Fräulein, welches in seiner übrigen Zeit einem durchaus einwandfreien, anständigen Gewerbe nachging. Sie war jung und ziemlich hübsch, und bezog ein monatliches Gehalt von ihm für ihre Toiletten, die stets niedlich und sauber waren. Sie liebte Fox nicht gerade, aber sie hatte ihn doch recht gern. Er fragte sie nie nach ihrer Vergangenheit, hatte ihr aber angedroht, wenn er den Schein eines Verdachtes merke, so werde Entsetzliches geschehen. Er habe von seiten seiner mütterlichen Familie korsisches Blut in den Adern, sie solle es nicht in Wallung bringen! --
Sie verehrte ihn sehr, und da sie nicht viel Temperament besaß, ward es ihr nicht schwer sein Gebot zu halten. -- Mädchen mit Temperament, pflegte Fox zu sagen, sind nicht mein Fall; viel besser so eine, die abwartet, wie man selbst gestimmt ist! Die haben keine Launen und man kann immer auf sie rechnen; wenn man sich mal trennt, geschieht es ohne Aufregung und Geschrei. -- Fox war dieser Dame zwar nicht absolut treu, aber sie bestand auch nicht darauf, nachdem sie ihn erst darum gebeten hatte und mit den kurzen Worten abgefertigt wurde: Männer sind einmal polygam! was sie nicht verstand und sich erklären ließ.
Es gehörte zu Fox' Ehrgeiz, die Mädchen, die er liebte, zu sich heraufzuziehen, ja er sah es sogar als seine soziale Pflicht an. -- Jede Woche bekam das Fräulein ein neues Buch von seinem Regal, bis zum nächstenmal mußte sie es durchgelesen haben und angeben können was darin stand. Auch führte er sie in die Musikliteratur ein, indem er ihr Lieder vorsang und wohl auch dieses oder jenes Musikstück vorspielte, das er noch von seiner Gymnasiastenzeit her auswendig konnte. -- Er hatte jetzt Singstunden genommen, seinem Programm der allseitigen Ausbildung folgend. Er sang mit vielem Gefühl, und war es ein Volkslied, so wollte das Fräulein unbefangen einstimmen, was er ihr aber, sich langsam auf dem Klavierstuhl drehend, mit einem ausdrucksvollen Blick verbot. Dann setzte er ihr den Unterschied auseinander zwischen Kunstgesang und Naturgesang: Jedes für sich allein sei schön, aber beide zusammen bildeten eine unerträgliche Einheit. Und sie nickte mit dem Kopf und sagte, sie begreife alles. Wenn Fox sich dann auf seinem Stuhle zurückdrehte und den Erlkönig von Schubert sang, so stand das Fräulein leise auf, ging zu dem kleinen Schränkchen im andern Winkel des Zimmers und entzündete eine Kerze, die sie dort brennen ließ. War Fox mit seinem Liede fertig, drehte er sich wieder langsam mit seinem Stuhle, diesmal nach der andern Seite, starrte das Licht, noch halb im Reiche der Musik, aber doch wie etwas Bekanntes, Selbstverständliches an, erhob sich, nahm es und verschwand, und kam nach einigen Minuten wieder, während deren das Fräulein still seine Rückkehr erwartete und solange einfach die Augen schloß. --
Selbst diesem Fräulein gegenüber war ihm sein eigentlicher und eigener Wert nicht genügend, doch wandte er ihr gegenüber niemals komplizierte Mittel an, um sich zu heben, sondern arbeitete nur mit groben, die ihren Zweck vollständig erfüllten, denn sie glaubte alles, ohne sich jedoch wesentlich dafür zu interessieren. Wenn sie so am Tisch saßen, und er ihr von seinen grundlegenden Arbeiten auf diesem und jenem Gebiete erzählte, nickte sie eifrig und dann immer unmerklicher mit dem Kopfe, und erst wenn die Worte kamen: Ich kann dir sagen, mein neues Werk wird wie eine Bombe einschlagen! wurde sie für einen Augenblick lebendiger, da er bei dem Worte »Bombe« auf den Tisch schlug, was sie jedesmal etwas zusammenfahren ließ, obgleich sie es ja eigentlich schon wußte.
Ist sie wohl etwas indolent? dachte er manchmal. Er gab sich dies im Grunde zu, auch sah er, daß es ihm wohl nie gelingen würde sie zu sich heraufzuziehen, aber das schadete auch nichts: Goethes Frau hatte auch weit unter dem Olympier gestanden, mit dem er sich übrigens in keiner Weise vergleichen wollte -- und dieses Fräulein würde er ja überdies niemals heiraten, was sie auch ganz genau wußte und nicht erstaunlich fand.
So hatte er Monate und Jahre ein breites und durch nichts verbittertes Dasein geführt, als ihm sein Vater eines Tages mitteilte, er habe starke geschäftliche Einbuße erlitten, es sei die höchste Zeit, daß Fox an sein Examen denke. Er habe ihn nun lange genug erhalten und sei mit seiner Geduld zu Ende. -- So sah er sich denn genötigt, sich von einem jener eigens für diesen Zweck vorhandenen Individuen für das Examen einpauken zu lassen. Ihm brummte der Kopf bei diesem Pauken, das Fräulein mußte ihn überhören, und wenn etwas nicht stimmte, so hatte sie die Schuld. Nach solchen Lernereien fühlte er dann das Bedürfnis sich auszuspannen. Diese Ausspannungen wurden sehr häufig. Die leichteren Weine wirkten nicht mehr, er trank ganz schwere; und auch die spülte er fast wie Wasser hinunter; am nächsten Morgen war er dann untauglich zu jeder Arbeit, und doch mußte er immer wieder trinken; der Wein war das einzige was einigermaßen half gegen die Last der Arbeit und die düsteren Ideen, die allmählich in ihm aufzusteigen begannen. Er fühlte, daß das gute Leben ein für allemal ein Ende haben werde, zumal auch seine Gläubiger in immer größerer Zahl anfingen sich zu regen und schließlich dreist und dreister wurden. -- Fast ununterbrochen rauchte er die schwersten Zigarren; seine Hände begannen zu zittern, sein Blick bekam etwas Glasiges. Der Geist des Weines, eine schwirrende Fülle von Paragraphen, der blaue Rauch des Tabaks, das alles wirbelte in ihm durcheinander. Das Examen kam heran, ging über ihn, ließ ihn zurück, und Fox war durchgefallen!
Andern Tags saß Herr Sintrup im Sofa und studierte die Kursberichte. Da wurde ihm ein sonderbarer Brief überbracht; das Kuvert war unfrankiert, zerrissen, und mit dem Bemerk versehen: Von der Post verschlossen. Die Buchstaben der mangelhaften Adresse waren verklext und tanzten auf und nieder, und ebenso sah es auf dem Briefbogen aus, auf dem irgendeine Flüssigkeit halb klebrig eingetrocknet schien. -- Aus einem Entrüstungsruf fiel Herr Sintrup in den andern: Diese Schande, diese Gemeinheit, diese Schamlosigkeit! Frau Sintrup trat verschlafen ein, und nun hörte sie es: Fox war durchgefallen, und damit nicht genug: In der Betrunkenheit hatte er diesen Brief geschrieben, in vollkommenster Betrunkenheit! Als einen Witz teilte er seine Schande mit! Seine Schande und seine Schulden!
Am selben Morgen starrte Fox mit ausdruckslosen Augen vom Bette aus gegen die Decke und dachte immer: was habe ich gestern nur an den Alten geschrieben, was war es nur -- irgend etwas Fürchterliches.