Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Part 18

Chapter 183,964 wordsPublic domain

Wie lange ihr enges Verhältnis zu Pitt dauern würde, wußte sie selbst nicht; es reizte sie das Schicksal dieses Menschen, dem sie sich in allem was das Leben anging, überlegen fühlte, in die Hand zu nehmen, und jetzt, wo sie ihn näher kennen lernte, ward ihr dies Gefühl befestigt. Ihr selbst war ein Leben ohne Arbeit, ohne Schaffen unmöglich. Nur ein paar Tage waren sie zusammen im Süden, dann verlangte sie zurück in ihre Tätigkeit. Pitt gewöhnte sich daran ihr in allem sich zu fügen. Sie verlangte, daß er selber arbeitete, und er tat es. Zu Anfang hatte er fast Scheu, ihr seinen Beruf zu gestehen, da er glaubte sie werde ihn verachten. Aber das tat sie gar nicht, im Gegenteil, und sie sagte: Mein Vater würde dich mehr achten als die meisten andern, die er durch mich kennt, denn nach seiner Schätzung taugen im Grunde nur die Menschen etwas, deren Beruf sich direkt wieder auf die Menschen richtet!

Sie setzte es durch, daß Pitt sein Examen bei der nächsten Gelegenheit machte. Er sagte, er fühle sich nicht sicher. Sie rechnete nach, wieviel Semester er nun allmählich hinter sich hatte, und meinte dann: wenn er sich jetzt noch nicht sicher fühle, würde er sich niemals sicher fühlen. Er solle den Versuch machen, mehr als durchfallen könne er nicht, und das sei nicht schlimm. Sie sprach auch mit einem seiner Professoren, den sie kannte und auf einer Gesellschaft traf. Sie erfuhr, Pitt Sintrup gelte in den Seminaren als der beste Kopf, der mit Leichtigkeit die feinsten Fragen zu spalten vermochte, aber leider die ganze Jurisprudenz wie eine Bagatelle ansehe. Nun setzte sie ihren ganzen Einfluß hinter ihn, und Pitt empfand es so wohltuend, daß ihn jemand trieb; zum Scheine weigerte er sich immer noch und trieb sie dadurch zu immer heftigerer Forderung. Die hörte er so gern, und mit Vergnügen sagte er dann endlich lächelnd: Nun also -- in Gottes Namen! -- Und nach ein paar Monaten machte er das Examen und etwas später bekam er auch den Doktortitel, da Herta sagte, es käme nun auch nicht mehr darauf an, ob er noch etwas mehr arbeite. Dann aber gab es Kämpfe was nun werden sollte. Referendar werden wollte er nicht, er wollte überhaupt nun nichts mehr mit der ganzen Juristerei zu tun haben; wußte aber auch nichts anderes. Ihr war diese Eröffnung ganz neu, sie lachte und nannte ihn verrückt. Dann begannen tagelange Bearbeitungen, die damit endeten, daß Pitt sich zu allem bereit erklärte. Die Aussicht in eine fernere Zukunft schien ihm nach diesen Gesprächen auch nicht mehr so entsetzlich wie früher: Hertas Familie dort oben in dem kleinen Hansastaat hatte die größten, einflußreichsten Verbindungen, durch sie würde es ihm leicht werden, eine gute einträgliche Stelle zu bekommen, die er durch eigene Energie vielleicht nie erreicht hätte, und großen Eindruck machte es ihm, daß er dann kein königlicher Angestellter war, sondern daß er unter einer Republik diente, deren Oberhaupt, wie er erst jetzt erfuhr, Hertas Vater selber war. -- Herta lächelte für sich, als er ihr eines Tages erklärte: Jetzt sitze ich wirklich drin, in diesem Maulwurfsnest; -- er meinte damit das Amtsgericht. Und was wird dann eigentlich später aus uns beiden? fragte er manchmal; ich denke, du nimmst dir dann ein Haus für dich und wir besuchen uns wann wir mögen! -- Laß uns nicht daran denken, sagte sie, bis dahin hat es sich schon entschieden, ob wir dauernd zusammen bleiben wollen oder nicht; und wollen wir, so ist es nicht anders möglich, als daß wir den Schritt tun, den die meisten tun, die zusammen bleiben wollen. -- Pitt verzog unwillkürlich das Gesicht, wie wenn er etwas Bitteres schmecke. -- Wäre dir der Gedanke so schrecklich? fragte sie. -- O nein, antwortete er schnell, durchaus nicht, ich machte dies Gesicht eben nur aus alter Gewohnheit. Herta sprach öfter von der Möglichkeit solcher Aussichten, ja manchmal, wie zum Scherz, malte sie sich ihre und Pitts nähere Zukunft aus. Sie sprach von einem schönen Haus, das sie sich bauen würden. Sie wußte schon den herrlichsten Platz dafür. Oben im zweiten Stock sollte ein riesiges Atelier sein mit einem Ausblick auf das ferne flache Land. Oft redete sie von diesen Dingen, auch von den Menschen mit denen sie dort verkehren würden, von ihren Eltern, von ihren Verwandten. Pitt sah dann im Geist die lange Reihe der Ahnenbilder, von denen sie ihm erzählte, die zu Haus im großen Saale hingen, und er wunderte sich über ihren festen Zusammenhang mit ihrer Heimat und allem was mit ihr verbunden war. Ihm selber fehlte solcher Zusammenhang gänzlich, und bei ihren Worten überschlich ihn zuweilen ein dumpfes Unbehagen. Gegen einzelne Menschen, von denen sie immer wieder sprach, empfand er nach und nach geradezu eine Abneigung.

Wie ist es nur möglich, sagte er einmal, daß ein Mensch so stark verwandtschaftlich empfinden kann! -- Es kommt eben nur auf die Verwandten an! entgegnete sie. Das ließ er gelten, obwohl er wußte, daß da noch ganz andere, tiefere Unterschiede mitspielten. Aber er sprach nichts davon aus, da er fühlte, daß, wenn sie dann darüber stritten und er Herta schließlich recht gäbe, eine Einigung doch nur ganz oberflächlich sein würde. Und zugleich rührte diese Frage überhaupt an Tiefen, die er nicht sehen, die er vergessen wollte.

Du möchtest wohl, sagte sie ein andermal, als sie wieder von ihrem Luftschloß redete, daß wir unser Haus verschlössen und gar niemand hereinließen? -- Er lächelte, und zugleich durchzog ihn eine halb peinliche Empfindung bei der Vorstellung an dies Haus, in dem sie allein sein würden. Er kannte es ja auch noch gar nicht, für ihn war es vorläufig ein fremdes Haus wie jedes andere. Herta freilich kannte es auch noch nicht, und doch sprach sie von ihm als ob sie schon darin wäre. Sie zeigte ihm nun auch Bilder ihrer Eltern und ihrer Geschwister: Lauter blonde, großgewachsene Menschen der reinsten Rasse. Alle hatten unter sich Ähnlichkeit, wie die verschiedenen Blätter desselben Baumes. -- Sie wollte nun auch Bilder seiner Familie sehen, und Pitt holte aus einem Kasten einige halb vergessene Photographien, die ihm seine Mutter mitgab, wie er ins erste Semester ging. -- Deinem Vater bist du nicht ähnlich, sagte Herta, und deiner Mutter auch nicht; wie bist du nur zu diesem Kopf gekommen! -- Sie malte ihn jetzt noch einmal, und das Bild wurde besser als das erste. Ihm erschien es, bei aller Ähnlichkeit, zu laut in der Empfindung. Aber er sprach dies nicht aus, sondern betrachtete es nur, in Nachsinnen verloren. -- Es wäre besser, sagte er endlich, wenn die Menschen ihren ganzen Körper aufgäben und nur aus Kopf beständen! Wieviel Aufregung und Gräßliches würde ihnen erspart bleiben. -- Und das sagst du zu _mir_?! rief sie und sah ihn verwundert an. Sie begegnete seinem stillen Blick, der sie nicht zu sehen schien. Möchtest du, fuhr sie fort, daß wir beide körperlos wären? Ist dir dein Körper so wenig lieb? Er antwortete nicht. -- Was für einen Unsinn redest du! Mein Körper ist mir das liebste auf der Welt, viel lieber als mein Kopf und alles was drin steckt an Kunst und Gedanken! Und lieber möchte ich auf alles, alles verzichten als den kleinsten körperlichen Makel haben; du redest wie ein alter Mann und sollst dich schämen! -- Er lachte und zuckte die Achsel, und wie er sie so blühend vor sich sah, den lebensvollen Blick jetzt halb vorwurfsvoll auf ihn geheftet, dachte er: Mein Gott, wie recht hat sie, und wie dankbar bin ich, daß sie nicht körperlos ist! und schloß sie heftig in seine Arme. -- Siehst du nun wie dumm du bist! Sie hielt ihn fest umschlungen, so lange und so bewegungslos, daß endlich seine Gedanken abirrten, bis er die körperliche Ermüdung des Stehens empfand und sich langsam aus ihren Armen befreite.

Höre, sagte sie eines Tages, morgen kommen meine Eltern her; sie reisen nach Italien, und bleiben nur einen einzigen Tag hier. Ich möchte, daß du sie sähest. -- Pitt durchfuhr dies sehr unbehaglich. -- Was werden deine Eltern denken? fragte er ausweichend. -- Sie werden sich die Wahrheit denken, sagte Herta; sie wissen, daß ich kein Kind mehr bin und daß ich nach meinen eigenen Vorschriften lebe. Und sie haben sich damit abgefunden. Meine Mutter weiß übrigens über dies Bescheid; sie weiß über alles Bescheid, was mich angeht, und vieles wäre noch viel schwerer gewesen in meinem Leben, wenn ich mich nicht stets an sie gehalten hätte. -- Pitt war über diese letzte Eröffnung sehr erstaunt. Ich glaubte, sagte er, deine Mutter sei so konventionell! -- Herta lächelte und sagte: Du wirst sie kennen lernen und Achtung vor ihr gewinnen! Ich glaube, du achtest die Frauen überhaupt viel zu wenig. -- Vor meinem Vater allerdings, fuhr sie fort, vor meinem Vater suche zu bestehen! und sie sprach die letzten Worte mit Nachdruck; -- übrigens machst du dir von ihm vielleicht ebenfalls ein falsches Bild. Mein Vater hat den allergrößten Blick für Menschen und Dinge, es ist etwas Großzügiges in seinem ganzen Wesen. Nur gegen seine nächsten Angehörigen empfindet er wie ein gewöhnlicher Bürgersmann. In bezug auf mich habe ich es ihm aber abgewöhnt. Nimm dich zusammen, wenn du mit ihm sprichst, es ist auch gut für dich, für deine spätere Zukunft, wenn er jetzt ein günstiges Bild von dir gewinnt. Ich kann mich doch auf dich verlassen, daß du keinen Unsinn redest? Da er nicht antwortete, fragte sie ihn halb unruhig: Du fühlst dich doch jetzt ganz deiner sicher, nicht wahr?

Pitt liebte solche Fragen nicht. Herta tat sie zuweilen. Dann erschien sie ihm jedesmal etwas fremd. -- Er legte den Arm um sie, küßte ihr glänzendes duftendes Haar und sagte: Sei ohne Sorge, ich werde schon vor ihm bestehen. --

Pitt zog sich zu Hause um, zögernd, langsam, trat vor den Spiegel, sah lange hinein -- und mit einem plötzlichen Entschluß entkleidete er sich wieder, zog seinen gewöhnlichen Anzug an und machte einen stundenweiten Spaziergang, anstatt sich mit Hertas Eltern und ihr selbst zu treffen.

Damit verletzte er sie sehr. -- Hast du denn absolut nicht den Wunsch gehabt sie kennen zu lernen? -- Er schüttelte den Kopf. -- Manchmal verstehe ich dich nicht! -- Ich dich auch nicht! antwortete er, und sah sie nicht an dabei. -- Er ist schwerer zu lenken als ich glaubte; dachte sie, man muß Geduld mit ihm haben und nicht zuviel auf einmal wollen. Ich rede immer viel zu viel von allem, anstatt ihn ohne Worte zu lenken.

Es war ihr ein Bedürfnis von Zeit zu Zeit von ihm bestätigt zu hören, wie sehr er sich innerlich umgewandelt fühlte. Es erfüllte sie mit Stolz, daß sie es vermocht hatte diesen schwankenden Menschen aufzurichten und ihm das Gefühl seiner Kraft zurückzugeben. Dies Bewußtsein bildete einen Teil ihrer Liebe, die dadurch wieder etwas Kameradschaftliches bekam; überall war sie die selbstverständlich Leitende, und er war so gewohnt ihr zu folgen, daß es doppelt auffällig war, wenn er einmal den eigenen Willen durchsetzte.

Jeden Morgen -- ob es nun gutes oder schlechtes Wetter war -- holte sie ihn in der Frühe zum Spazierengehen ab; er war immer schon längst fertig und bereit, ehe sie ankam; das frühe Aufstehen tat ihm gut, er wunderte sich, einen wie großen Teil seines Lebens er früher verschlafen hatte. Nach einer Stunde trennten sie sich dann; sie ging an ihre Arbeit, er an die seine. Sie machte ihm nicht gerade Freude, war ihm aber auch nicht unangenehm. Sein Gedächtnis, das in den letzten Zeiten etwas nachzulassen drohte, war frisch wie in seinen frühesten Jahren.

Manchmal überraschte er sich selbst, indem er einen tiefen Seufzer ausstieß und in eine Ecke starrte. Er lächelte; -- wie doch alte Gewohnheiten in einem festsitzen! dachte er; wenn ich jetzt nicht zufrieden und glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! --

Herta war immer frisch, immer schaffensfreudig, immer voller Pläne für ihre eigene Kunst. Er sah jetzt auch viele ihrer früher gemalten Bilder. Eines nach dem andern stellte sie vor ihn hin, und erzählte wo sie dieses, wo sie jenes gemalt hatte, merkte aber, daß ihn dies nicht sonderlich interessierte, obgleich er sich Mühe gab ihren Erinnerungen zu folgen und selbst etwas von ihren Gefühlen zu empfinden. -- Du hast recht, sagte sie; all dies hat ja im Grunde mit den Bildern nichts zu tun und es wäre schlimm, wenn man ihnen von diesen Gefühlen etwas anmerkte; aber in der Erinnerung habe ich sie doch; dafür bin ich auch kein Mann.

Höre, sagte sie eines Morgens zu ihm, mir scheint, du wirst jetzt faul; gestern hast du mich eine Viertelstunde vor deinem Hause warten lassen, und heute ebenfalls; weißt du, das geht nicht; wenn du das öfter tust, mußt du mich künftig abholen! Du mußt dich an eine ganz regelmäßige Tageseinteilung gewöhnen, ohne die kommt man nicht aus im Leben. -- Am nächsten Morgen war sie überrascht, ihn vor ihrem Hause zu sehen. -- Sie lachte, wie sie sein halb zerstreutes, halb verschlafenes Gesicht sah: so war es nicht gemeint von mir, außerdem ist es für dich doch ein Umweg! -- Er nahm sich vor, nicht mehr in solche Unregelmäßigkeit zurückzufallen, und abends, wenn sie sich trennten, freute er sich auf den Morgen. Doch kam es immer häufiger vor, daß er dann am Morgen mit dem Gefühl aufwachte: Jetzt sollen wir schon wieder zusammen sein! Wir waren doch erst eben zusammen! Manchmal schwebte es ihm auf den Lippen zu sagen, ob sie sich nicht lieber jeden zweiten Tag zum Spazierengehen treffen wollten, aber er wußte, daß sie ihm dann Energielosigkeit vorwerfen würde. Fast mißmutig kam er zuweilen die Treppe herab; aber wenn er dann dieses Mädchen vor sich sah, das, unbekümmert um Wind und Wetter, wie ein junger, herrlicher Baum vor ihm stand, und wenn ihn dann das Gefühl überkam: Sie gehört mir und niemand anders -- und wenn er ihre kräftige Hand fühlte, die frisch und warm in der seinen lag, dann vergaß er das Gefühl, das ihn zuvor beherrscht hatte. Wieder und wieder sagte er sich, wie dankbar er dem Schicksal sein müsse, daß dieses vollendete Geschöpf sein eigen sei. Und doch -- wenn sie dann zusammen durch die Felder gingen, wünschte er sie manchmal fort. Mitunter fühlte er sich geradezu beklommen durch ihre nahe Gegenwart. Er suchte sich dies Gefühl auszureden, aber es kam wieder. Dann wurde er einsilbig und zerstreut, und sie, die sich das nicht deuten konnte, fragte ihn, was ihm sei. Er antwortete nicht und sah aus wie ein Mensch, von dem eine Krankheit langsam Besitz zu nehmen droht, die ihre Vorboten vorausgeschickt, leise eine unverstandene, allgemeine, dumpfe Angst verbreitend. -- Laß mich allein! sagte er einmal, mitten auf dem Wege stehen bleibend, ich weiß nicht was es ist -- aber ich muß allein sein, jetzt! -- Wie sie dann wirklich gehen wollte, hielt er sie wieder zurück und sagte: nein, bleibe hier, wenn du fortgehst, fühle ich noch viel mehr Angst. --

Ähnliche Stimmungen wiederholten sich abends, unverhüllter, freier. -- Wir sehen uns doch morgen wieder! du mußt doch jetzt schlafen! -- Sie sah ihn ganz verständnislos, mit großen Augen an: Gerade jetzt, jetzt wollte er gehen, wo alles in ihr drängte, noch länger mit ihm zusammen zu sein, um langsam, mit ihm zusammen, sich wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden? -- Er zögerte und blieb, oder ging, je wie es ihn trieb.

Ich weiß es nicht, sagte sie manchmal und betrachtete ihn sinnend, zuweilen bist du mir ganz nah, und auf einmal habe ich das Gefühl, du seist mir in Wirklichkeit ganz fern. -- Er widersprach alsdann mit großer Heftigkeit, denn ihre Worte machten ihm innere Angst, sie sprachen nur das aus, was er selber fühlte und nicht fühlen wollte.

Ich glaube, sagte er, als er einmal in etwas freierer Stimmung neben ihr herging, wir sehen uns zu oft, wir dürfen unser Gefühl nicht abstumpfen. -- Das verstand sie nicht: Mein Gefühl wird nicht abgestumpft; und wie denkst du es dir denn wenn wir später einmal vielleicht wirklich dauernd zusammen leben? -- Da war es, wie wenn etwas in ihm, das leise und allmählich angewachsen war, mit heftiger Bewegung an das Licht drängte. -- Wie und wann dieses Schreckliche begonnen hatte, wußte er nicht mehr; er hatte es vor sich selber abgeleugnet, aber es meldete sich stärker und immer stärker und ließ sich nicht mehr bezwingen; was er seit geraumer Zeit schon ahnte, und nicht ahnen wollte, sah er mit immer quälenderer Deutlichkeit: daß sein Glück den Höhepunkt überschritten hatte, daß es mit langsamem Schritte abwärts ging. Die erste große Zeit, wo alles unfaßlich, neu, als reiches Geschenk über ihn gekommen war, diese erste Zeit war längst vorüber, das Größte war ihm zur Gewohnheit geworden. Manchmal schien es ihm, als sei alles von Anfang an eine Täuschung gewesen, als wäre er im Grunde stets allein geblieben. Aber nun wehrte er sich mit Verzweiflung gegen sich selbst, denn was sollte werden, wenn alles wirklich so war wie er es dachte, und wenn er dann wieder allein sein würde?

Wenn er Herta wiedersah, konnte er ihr zu Anfang kaum in die Augen blicken, es war, wie wenn er seinen Makel offen auf der Stirne trüge.

Was ist es denn?! Was hast du denn?! fragte sie, wenn er ihr so stumm gegenübersaß und in eine Ecke starrte. -- Er sah sie an wie ein hilfloses Tier.

Langsam begann sie die Wahrheit zu erkennen. -- Liebst du mich nicht mehr? fragte sie einmal. -- Er antwortete nicht. -- Weißt du es selber nicht? -- Ich liebe dich, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe. So sprach er und suchte in diesem Wort selbst einen Halt. -- Was ist es dann, was kann es dann sein, das dich so furchtbar niederdrückt? -- Ich glaube, sagte er, es ist die Angst vor der Zukunft, wie du sie manchmal hinstellst, dort oben, in deinem Lande -- das Haus -- deine Familie -- wir selbst, auf immer verbunden -- -- Es überlief sie kühl. Vor all dem hast du Angst? Es braucht ja nie zu sein! sagte sie halblaut und ihre Augen nahmen einen halb traurigen, halb stumpfen Ausdruck an. -- Ja, sagte er und sprang auf, aber das alles kann ja wieder vergehen, du weißt doch wie ich bin, es ist alles so schnell über mich gekommen, ich kann mein Wesen nicht in einem Nu von Grund aus ändern, du hast soviel Geduld mit mir gehabt und mußt sie weiter haben, du weißt doch selbst am besten, wie sehr du mich schon geändert hast, das hätte außer dir niemand, niemand vermocht! -- Sie trat dicht zu ihm heran, und wie er ihre Arme fühlte, war es, als sei alles Schlimme vergessen.

Aber am nächsten Tage war es wieder da. -- Wenn ich jetzt nicht glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! Dieses Wort, das er sich schon früher vorgesagt hatte, verlor seine suggestive Kraft, es kam ihm phrasenhaft und hohl vor. Er ging wie in einem bösen Traum umher. -- Bin ich denn verrückt geworden, sprach er zu sich selbst, wie und wann ist denn dies alles gekommen? Liebe ich sie denn wirklich nicht mehr? Aber sogar diese Selbstgespräche verloren an unbewußter Ehrlichkeit, er hörte sich wie einen andern, er wußte kaum selber mehr, was echt, was unecht an ihm war. -- Mehr und mehr ahnte Herta die Wirklichkeit. Es begann eine Zeit der Kämpfe für sie, der ewigen Selbstverleugnung, der Überwindung und der angespanntesten Geduld. Noch immer glaubte sie, alles könne vorübergehend sein. Manchmal empfand sie es selber, daß es besser sei, sie sähen sich nicht so oft, und sie hielt ihn ein paar Tage fern. Wenn sie dann wieder zusammen kamen, war sie doppelt liebevoll, während für ihn die Ferne eine andere Wirkung hatte: Sie näherte sein Gefühl nicht, sie entfernte es nur mehr. Ihr Stolz begann allmählich zu leiden. Sie begann zu fühlen, daß auch dieses Erlebnis zu einem Ende führen würde, nicht durch sie, sondern durch Pitt selber, und dies gab ihr ihre Kraft zurück. Mehr und mehr lehnte sich ihr eigenes Wesen gegen das seine auf, das ihr im Grunde so sehr fremd war. -- Ich weiß es, sagte sie, daß du mich nicht mehr liebst; du bestreitest es, du sagst, dein Gefühl für mich sei so wie sonst, und du habest nur Angst vor der Zeit, wo wir vielleicht einmal verbunden sein würden. Ich will nicht sagen, daß ich mit einem Menschen, den ich liebe, nur dann zusammen leben kann, wenn ich später dauernd mit ihm verbunden werde; du weißt aus meinem früheren Leben, daß ich nicht so denke: Aber mit jemand zusammen leben, der in einem späteren Zusammenleben nur etwas Schreckliches, Entsetzliches erblickt, dem alles andere das nicht aufwiegen könnte, was es an äußeren Unannehmlichkeiten im Leben gibt -- denn um die handelt es sich nur -- das kann ich nicht! Von einem solchen Menschen weiß ich: Seine Liebe ist nicht so wie sie für mich nötig ist! -- Es ist nur dieses Eine! rief er; diese Furcht vor der Zukunft! Du nennst das äußere Unannehmlichkeiten -- für mich sind sie untrennbar vom Leben überhaupt!

Sie glaubte ihm noch halb, da sie die Sehnsucht hatte ihm zu glauben. Seine entsetzliche, plötzlich wie wahnsinnig ausbrechende Angst vor einem späteren, gebundenen, bürgerlichen Leben, nachdem er eine große Zeit lang alles überwunden zu haben schien durch ihre Liebe -- war dies nicht vielleicht wirklich, wie er selber sagte, nur wie das letzte Aufzucken eines Lichtes, das erstickt schien, das heimlich weiter schwelte und qualmte, das nun am Verenden war und für einen Augenblick noch aufflammte? Konnte nicht doch alles noch gut werden?

Sie lebten noch eine Zeitlang miteinander fort, scheinbar in der alten Selbstverständlichkeit, aber er verlor mehr und mehr von seiner Natürlichkeit, er wurde gekünstelt, sein Bild wurde ihr zur Karikatur. Und mehr und mehr drängte ihre gesunde Natur, sich zu befreien von diesem Gewicht, das immer schwerer auf ihr lastete. Eines Tages faßte sie den Entschluß, den sie seit langem erwogen hatte, der der einzige Ausweg aus diesem Irrsal war: Alles mit einem Hiebe durchzuschlagen.

Er beschwor sie, flehte, sie blieb fest. Er warf ihr vor, sie liebe ihn nicht mehr. -- Im Gegenteil! rief sie: da ich dich so sehr liebe, muß ich allem ein Ende machen; ich will nicht, daß etwas, das mir hoch steht, herabgezogen wird, bis es schließlich triviale Gewohnheit wird, die man bestehen läßt, weil sie einmal bestanden hat; auf diese Weise führen viele Verhältnisse unter den Menschen endlich zu einer Ehe; von der reden wir schon lange nicht mehr, aber so wie alles ist, bin ich mir auch zu gut, überhaupt ein solches Leben weiter zu führen, wie wir es tun. -- In ihm begannen die festen Gedanken sich aufzulösen; das ganze Zimmer, jedes einzelne Möbel schien sich plötzlich zu einer unerhörten Bedeutung vorzudrängen; er sah mit einem Male, daß hier ein Bild etwas schief hing, daß dort die Kante am Sekretär ein ganz wenig abgestoßen war, daß jener Stuhl nicht ganz so schön mehr wäre, wenn seine Lehne sich nicht eben in diesem ganz besonderen Winkel an den Sitz anfügte -- und doch dachte er nur an seine Angst, an sich und Herta. -- Ich liebe dich, wie ich nur überhaupt einen Menschen lieben kann, rief er, und blitzschnell schoß der Gedanke dazwischen: die vielen i's im Anfang meines Satzes! Ich werde verrückt, was um Gottes willen ist dies! An Gott glaube ich nicht einmal. -- Wie _du_ nur überhaupt einen Menschen lieben kannst, das ist wohl leider wahr! rief Herta, und seine Augen richteten sich nun auf sie, indem er ihre Gestalt für einen Augenblick fast wie einen Maßstab der ganzen Höhe des Raumes ansah, obgleich er verzweifelt auf sie blickte. -- Alles Glück, fuhr sie fort, ist dir nur eine Selbsttäuschung, du bist überhaupt unfähig einen Menschen zu lieben. Ich bereue nicht mit dir zusammengelebt zu haben, aber das weiß ich: Die Erinnerungen, so warm sie sind, werden niemals Macht über mich bekommen, ich bin zu kräftig, als daß ich nicht alles überwinden könnte. Ich habe Mitleid mit dir, soviel ein Mensch nur haben kann für einen andern, aber ich muß weiter; ich kann nicht bei dir bleiben, es ist unmöglich. Ob ich jemals einen andern heirate weiß ich nicht, aber das ist gewiß: Du bist nicht der letzte Mensch, der in mein Leben eingetreten ist, ich habe einen zu festen Willen zum Leben.