Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Part 17

Chapter 173,804 wordsPublic domain

Lotte überstand es gut und glücklich. Es war ein Knabe, dem sie das Leben gab. Mit stillem Glück betrachtete sie das kleine Wesen, um das sie soviel tötliche Angst, soviel Sorge, Kummer, Erniedrigung und jetzt auch noch die heftigsten körperlichen Schmerzen erduldet hatte. Ganz klein und still lag es da, mit geschlossenen Augen und geschlossenen Fäustchen. Frau Bornemann sah halb mit Ekel, halb mit Mitleid auf das arme kleine Ding, die Frucht der Sünde. Anfangs wollte sie überhaupt nichts mit ihm zu tun haben, und erst als die wartende Frau erklärte, ein solch steinhartes Herz sei ihr noch nicht vorgekommen, ging sie ein klein wenig in sich und nahm sich vor zu zeigen, daß ihr Herz nicht steinhart sei. Dieser Ausdruck hatte sie im Innersten getroffen und tief gekränkt. Erinnerungen an frühere Geburten in ihrer eigenen Familie, aus den verschiedenen Generationen, wurden in ihr wach, ohne es recht zu wollen begann sie sich für das Kind zu interessieren, und als sie es einmal auf die Arme nahm und Lotte sich so glücklich darüber zeigte, sagte sie: Ach Gott, was könnte man froh sein, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre!

Sowie sie imstande war zu schreiben, teilte Lotte das Ereignis Fräulein Nippe und Herrn Könnecke mit. Beide schrieben sogleich zurück, und Fräulein Nippe sprach am Schluß dunkel von einer Wiedergeburt im Geiste, was Lotte nicht verstand.

Lotte lebte nur ihrem Kinde; als es das erste Lächeln zeigte, strömte eine ganze Flut von Glück und Wonne über sie, alles Böse, alles Entsetzliche war ausgetilgt, dies Lächeln war der Gruß aus einem neuen Leben.

Wochen vergingen, aber eines Tages läutete es draußen, und als Frau Bornemann öffnete, stand da ein Herr von mittleren Jahren, der etwas verlegen seinen Hut drehte und sie in einer ernsten Angelegenheit zu sprechen wünschte. Sie führte ihn in ihr Zimmer, er setzte sich ihr gegenüber, öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Frau Bornemann betrachtete ihn mit wachsender Unruhe. Kam da wieder ein neues Unglück? Aber der Herr sah vertrauenerweckend aus, und eher so, als wolle er ihre Hilfe. Richtig, da sagte er es schon: Ich möchte Sie um etwas bitten! Er hustete, um die Pause auszufüllen, die dann folgte, und deren Ende er selber noch nicht absah. Frau Bornemann kam plötzlich der Gedanke, sie solle für irgend einen wohltätigen Zweck Geld hergeben, und gerade wollte sie sagen, daß sie das nicht könne, als Herr Könnecke plötzlich einen Anlauf nahm: Ich höre, sagte er, hier hat eine Geburt stattgefunden! Und seine Augen blickten ausruhend der Richtung nach, die seine Worte genommen hatten, gerade auf Frau Bornemann hin. -- Ach Gott sind die Gerichte gründlich! klagte sie. Was wollen sie denn _nun_ immer noch wissen? -- Herr Könnecke machte erst ein nicht verstehendes Gesicht, dann sagte er: Ich komme doch nicht vom Gericht! Damit habe ich nicht das geringste zu tun. Ich bin gekommen, um zu fragen, ob Lotte wohl -- ob Lotte wohl -- --: also ich möchte sie gern heiraten! -- Aber wer sind Sie denn? fragte Frau Bornemann, äußerst überrascht. -- Ach so, das habe ich vergessen! Er fuhr in seine Rocktasche, überreichte ihr seine Visitenkarte und sagte gleichzeitig: Könnecke ist mein Name, Wilhelm Könnecke. Ihre Enkelin hat lange bei uns gelebt und ich habe sie lieb gewonnen. -- Frau Bornemann wurde immer verwirrter: Also sind _Sie_ der Vater von dem -- von dem Kinde? Lotte sagte mir doch -- -- -- Ich? och nein! Ich bin nicht der Vater, sagte Herr Könnecke mit aufrichtiger Stimme. -- Ja -- aber -- -- Frau Bornemann merkte erst ganz allmählich, daß Herr Könnecke Lotte wirklich nur um ihrer selbst willen heiraten wolle, und: -- allerdings auch mit darum, wie Herr Könnecke jetzt mit gründlichem Ton versicherte, daß das Kind einen legitimen Namen erhält! -- Mit _dem_ Makel? Mit _dem_ Makel?! -- Frau Bornemann geriet beinah in eine Extase der Dankbarkeit. Herr Könnecke aber verbat sich jeden Dank: _Er_ habe zu danken, wenn Lotte ihn wirklich nähme. -- Da ist ja gar kein Zweifel über! rief sie, das Kind wird ja weinen vor Freude. -- Sie wollte ihn sofort zu Lotte bringen, aber er sagte, er wolle erst am Nachmittag wiederkommen, Lotte müsse sich die Sache gründlich überlegen. -- Ach _die_ Ehre! ach _die_ Ehre! rief Frau Bornemann ein übers andere Mal, ihn zur Tür begleitend. -- Lottchen, Lottchen, liebes Lottchen! denk dir, du wirst wieder ehrlich! Sie erzählte mit einem Schwall von Worten das Vorgefallene. Lotte hörte unbeweglich zu, mit großen Augen. -- Nun? du redest nichts? du sagst nichts? du willst ihn wohl am Ende gar nicht? Wie? Lotte, jetzt schwöre ich dir eines: Ich sage dir, Gott selbst hat dir diesen Mann gesandt! Er hat Mitleid mit mir armer Frau gehabt! Er hat mein Gebet erhört! Und nun -- Frau Bornemanns dünne Stimme wurde immer gedehnter und langgezogener: Wenn du jetzt dem gnadenvollen Fingerzeige Gottes nicht gehorchst, so verfluche ich dich bis in die unterste Hölle, da wird sein Heulen und Zähneklappen!! -- Lotte war immer noch unfähig zu sprechen: Herr Könnecke wollte sie heiraten?! Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dieses große, unverdiente Glück! -- -- Endlich vermochte sie etwas zu sagen. Und die Großmutter weinte und sagte, sie habe es ja immer gewußt, daß Lotte im Grunde gut sei. --

Herr Könnecke konnte kaum etwas zu Mittag essen. Verlegen stand er dann vor Lotte, sie streckte ihm die Hand entgegen, und er konnte nur sagen: Also wirklich? also wirklich? Und als sie sich dankbar an ihn lehnte, zog er aus seiner Westentasche einen Verlobungsring -- Fräulein Nippe hatte ihn bereits besorgt -- und steckte ihn an ihren Finger. Frau Bornemann weinte wieder, brachte das Kindchen und sagte: Und das wird nun auf Ihren Vornamen getauft, nicht wahr? Herr Könnecke schluckte vor Zufriedenheit und Glück, nickte heftig und sagte: Natürlich, selbstverständlich, aber tun Sie es nur schnell wieder in den Wagen, sonst erkältet es sich!

Siebentes Kapitel.

Pitt blieb in seiner Stadt, Semester für Semester; er war mit keinen Mitteln zu bewegen heimzufahren in den Ferien. Immer schrieb er, er müsse arbeiten, sich vorbereiten fürs Examen. Das machte er dann nie, Herr Sintrup wurde ungeduldig, aber seine Frau tröstete ihn: Pitt sei nun einmal ein Sonderling, ein Einsiedler, und schließlich sei es doch ganz egal, ob er überhaupt nicht käme oder ob er da wäre und sich den ganzen Tag in seinem Zimmer einschlösse, so wie er es früher tat, wie er noch auf der Schule war. Ihr selbst sei es im Grunde einerlei ob sie ihn sähe oder nicht, die Ferne könne ja doch ihren mütterlichen so wie Pitts Sohnes-Gefühlen nicht das geringste anhaben. So hätte Pitt mit seiner Familie so gut wie ganz außer Verbindung gelebt, wären nicht die Geschäftsreisen seines Vaters gewesen, die sich mit größerer Regelmäßigkeit zu wiederholen begannen.

Na, und deine Elfriede? fragte dann wohl Herr Sintrup aus einem ihm nahliegenden Gedankengang heraus, indem er sich behaglicher in den Sessel zurücklehnte, und plötzlich die Barschaft seines Portemonnaies überzählte. -- Es ist nicht meine Elfriede! pflegte dann Pitt zu antworten, worauf Herr Sintrup mit Regelmäßigkeit entgegnete: Schade, schade, Junge, du weißt dein Glück nicht anzupacken. --

Pitt hatte Elfriede nicht vergessen; sein Gefühl für Lotte aber war ganz brüderlich geworden, in jener Zeit, wo sie das Kind erwartete; dann wurde es halbbrüderlich, und schließlich, als er sie einmal auf der Straße sah, in ihrem Hausfrauenhütchen, den Kinderwagen schiebend, dachte er: Sollte wohl ein Vetter so zu seiner Cousine empfinden, oder zu deren Schwägerin? Daß er sie einmal liebte oder zu lieben glaubte kam ihm jetzt sonderbar vor.

So war wieder eine Windstille um sein Herz herum, und nur am Horizonte leuchtete es, wenn er an vergangene Zeiten mit Elfriede dachte. Er bildete sich ein: Sie habe er geliebt, und sie sei ihm verloren. Dies Gefühl war süß und schmerzlich zu gleicher Zeit, er konnte sich ihm hingeben, ohne seine Gemütsruhe dabei zu verlieren. Aber eines Tages wurde er aus diesen dämmerigen Empfindungen herausgerissen.

Es war im Foyer eines Theaters. Er stand gedankenlos gegen eine Säule gelehnt, als er plötzlich Elfriede erkannte. Neben ihr stand ein junger Künstler, auf eine etwas fremdländische Weise sehr elegant gekleidet, und er sprach zu ihr mit einem Ausdruck selbstverständlicher Vertrautheit. Ihre Figur war frischer, voller als früher, alles an ihr schien zu leben, ihre Bewegungen waren sicherer, freier, selbstbewußter geworden. Sie lachte gerade, und ehe sie das Gesicht wieder auf ihren Begleiter hinwendete, blickte sie zufällig, ohne ihn bewußt zu sehen, zu Pitt hinüber, drehte auch gleich den Kopf von ihm zurück, wandte ihn aber im nächsten Momente wieder zu ihm hin, fragend, erstaunt. Pitt hielt sich unbeweglich, hatte jetzt aber selbst das Gesicht zur Seite gewendet. Er fühlte, daß sie auf ihn zukam. -- Herr Sintrup! sagte sie halblaut und freundlich, sind Sie das wirklich? -- Er löste sich aus seiner Stellung und sah mit starren Augen auf sie hin, indem er mechanisch die Hand ergriff, die sie ihm entgegenstreckte. -- Wie mich das freut, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen! hörte er sie sagen. Wie lange, lange ist es her! Mir kommt es wie ein ganzes Leben vor! -- Mir nicht! antwortete er endlich. -- Ihnen nicht? Haben Sie inzwischen so wenig erlebt? -- Sie wartete gar nicht die Antwort auf ihre Frage ab: Und ich so viel, so viel! Das Leben ist so wundervoll! Jetzt bin ich einmal wieder für ein paar Wochen zu Hause, dann geht es zurück nach Paris, zum Studium. Wissen Sie noch, wie ich früher spielte? Das kommt mir jetzt so kindisch vor! Was habe ich damals für eine Ahnung von Musik gehabt! -- Eine elektrische Glocke läutete, das Publikum strömte langsam in den Zuschauerraum zurück. Der junge Mann sah aus der Ferne etwas zu ihr herüber. -- Ja, wiederholte sie, und ihre Worte wurden schneller, damals habe ich wie ein Kind gespielt -- ich war ja auch noch ein halbes Kind. -- Sie sah halb beunruhigt zurück auf ihren Begleiter. -- Sie hatten doch auch einen Bruder, fragte sie weiter, der damals noch auf der Schule war? Der studiert nun auch wohl bald? -- Der studiert schon lange! sagte Pitt. -- So! ach, wie die Zeit hingeht! Sagen Sie, Herr Sintrup -- wollen Sie uns nicht einmal wieder besuchen? Ihren Freund Harald sehen Sie allerdings nicht bei uns, der ist nun wirklich zur See gegangen! Und Hedwig hat letztes Jahr geheiratet. Aber ich bleibe noch ein paar Wochen; es würde uns freuen Sie wiederzusehen! -- Es läutete abermals. -- Ich bin mit einem Freund zusammen, der auch wieder nach Paris zurückgeht, leben Sie wohl, und hoffentlich kommen Sie einmal wirklich! -- Sie hielt ihm die Hand entgegen. -- Adieu, Elfriede, sagte er. -- Sie sah ihn an, als kämen diese Worte aus einer fernen, halbvergessenen Welt an ihr Ohr, dann zeigte ihr Gesicht wieder den freundlichen Ausdruck wie zuvor, sie nickte ihm zu und ging zu ihrem Begleiter zurück, der einen kurzen, forschenden Blick auf Pitt geheftet hielt, aber sogleich höflich von ihm wegsah, als er seinen Augen begegnete. Mit einer fast formellen Bewegung ließ er ihr den Vortritt durch die Tür, aber sein Blick streifte in unbewußter, vertrauter Zärtlichkeit ihren Nacken.

Pitt verließ das Theater sofort; planlos ging er durch die Straßen, bis er sich mit einem Entschluß nach einer festen Richtung wandte und die Häuser der Stadt endlich hinter sich ließ. Er schritt dem Winde entgegen, auf der uralten Pappelallee; in den Baumwipfeln rauschte es und die Stämme standen unverrückbar ruhig, unbeweglich. Einer nach dem andern glitt still an ihm vorbei. Die kalte Nachtluft schlug an seine Schläfen und beruhigte seine Gedanken. -- Was sollte er im Haus der van Loo? Sollte sich jetzt ein kurzes, triviales, leeres Nachspiel ihrer Freundschaft wiederholen? Jetzt erst, so fühlte er, hatte er Elfriede ganz verloren. Ein ohnmächtiger Neid erfaßte ihn gegen den Menschen, der die Stelle einnahm, die er selber hätte einnehmen können. Er wollte Elfriede nicht wiedersehen; mit diesem Erlebnis mußte er jetzt ein für allemal abschließen. Aber was wurde nun mit ihm? Wohin würde ihn das Leben tragen? Dies graue Leben, das so schattenhaft gespenstisch war und so entsetzlich feste, wirkliche Formen hatte! -- Er blieb aufatmend stehen und sah sich im Kreise um. Über ihm rauschten die Pappeln, und in seiner Brust fühlte er sein Herz klopfen, dieses ewig lebendige Ding, das unabhängig von seinem Willen den Rhythmus der Zeit angab, in der er selbst dahingetrieben wurde. Er bekam fast Angst vor diesem Klopfen, das er in der Stille der Nacht so deutlich fühlte, vor diesem Gestampf, das an rastlose Maschinenarbeit erinnerte, die nicht um ihrer selbst willen da war, sondern damit etwas entstehe. Fern flimmerten die Lichter der Stadt, von irgendwoher tönte der langgezogene Ruf einer Lokomotive durch das Blätterrauschen. Fast ohne zu wissen was er tat, trat er langsam auf einen der Stämme zu, umarmte ihn und legte das Gesicht an die harte, kalte Rinde. Seine Gedanken zerlösten sich, und wie er endlich heimwärts schritt, sah er stets empor in die dunklen Baumwipfel, und es war, als rückten sie höher und höher in den Himmel und als senkten sich die Sterne in ihr Laub hinein.

Am nächsten Morgen als er erwachte, hatte er das Gefühl, als sei er letzte Nacht sehr sentimental gewesen, und dann war ihm, als sei das Ganze und alles was vorausging, etwas, das er nicht selbst erlebt, sondern in irgend einem Buch gelesen hätte; bis es ihm wieder klar wurde, daß alles wirklich in sein eigenes Leben eingriff, daß er selbst sich als Handelnder in der Welt bewegte. Sollte er doch zu Elfriede gehen, nur um etwas zu tun und nicht immer alles bloß als Erscheinung an sich vorbeigehen zu lassen?

Tage verstrichen, er rührte sich nicht. Dann traf er zufällig Elfriede mit ihrem Freunde auf der Straße. Sie wollten in den Park spazieren gehen, und Elfriede fragte ihn, ob er keine Lust habe mitzukommen. Er wollte nein sagen, aber er sagte ja, und dann schritt er an ihrer Seite. Dort im Park setzten sie sich unter ein elegantes Zeltdach, ließen sich kleine Erfrischungen bringen, und die beiden machten sich darüber lustig, wie primitiv alles sei. Pitt sagte fast gar nichts, und Elfriedes Freund, der sich im stillen darüber wunderte, was für schwerfällige, ungesellschaftliche Menschen die Deutschen seien, führte die Unterhaltung, mit einem ausländischen Akzent, in ziemlich gebrochenem Deutsch; manchmal stockte er, sah Elfriede an, es kam plötzlich ein wunderschön gebauter eleganter französischer Satz heraus, und dann war es, als ob auf einmal ein ganz anderer Mensch hervorträte. Elfriede war zu Anfang sehr lebhaft und vergnügt, aber dann erschien sie auf Momente ganz zerstreut, Pitt fühlte, wie ihre Augen auf ihm ruhten mit einem stillen, fragenden Ausdruck, und er erwiderte ihren Blick mit einem melancholischen Lächeln. Auf dem Heimweg ging sie an seiner Seite, und am Ausgang des Parkes blieb sie plötzlich stehen und sagte auf französisch zu ihrem Freund: Gehe du nach Hause, ich komme nach; ich werde noch ein wenig mit Herrn Sintrup spazieren gehen, ich habe ihn ja solange nicht gesprochen! -- Er schien etwas entgegnen zu wollen, aber sie sah ihn mit einem stummentschlossenen Blick an, ein Blick, den Pitt von früherer Zeit her kannte. Pitt sagte gar nichts, und erst, als Elfriedes Freund ihm abschiednehmend versicherte, es sei ihm eine besondere Freude gewesen einen früheren Kameraden Elfriedes kennen zu lernen, antwortete er ganz zerstreut: Jawohl.

Was er und Elfriede dann auf ihrem Wege zusammen redeten, wußte er später selbst nicht mehr; es waren fast lauter gleichgültige Dinge, aber als sie sich die Hand zum Abschied reichten, war Elfriede blaß. -- Sehe ich Sie wieder? fragte Pitt; -- Ich weiß es nicht! antwortete sie. --

Er sah sie nicht wieder. Am übernächsten Tag schrieb sie ihm ganz kurz, sie habe sich entschlossen, mit ihrem Freund sofort nach Paris zurückzufahren.

Nun war es umgekehrt wie bei ihrer ersten Trennung. Diesmal war es Elfriede, die ihn verließ. Sie fühlte, daß Pitt nicht für sie der Vergangenheit angehörte und ahnte wohl, daß sie zurück in den früheren Strudel gerissen werden könnte, wenn sie sich ihm überließ. -- Pitt empfand dieses sehr wohl, und jenes ohnmächtige Gefühl des Neides -- das ihm selbst so antipathisch war -- zerlöste sich. Aber nun war es trotzdem, als sei ein Tor, das früher halb geöffnet war, für einen Augenblick ganz geöffnet worden, und ehe er sich entschloß hineinzutreten, schlug es zu und ließ ihn draußen stehen. Früher, wenn er an Elfriede dachte, rechnete er immer mit dem Gedanken: Es hängt ja nur von mir ab zu ihr zurückzugehen! Die Möglichkeit eines solchen Schrittes war beruhigend; er brauchte sie ja vielleicht nie zur Tat werden zu lassen. Wenn ich nun ein anderer Mensch wäre, dachte er, würde ich hier alles stehen und liegen lassen, hinter ihr herreisen und das Tor einschlagen -- aber er fühlte, daß er nicht die Kraft dazu haben würde, und dann, wenn es wirklich bis zur äußersten Frage, zur letzten Entscheidung kommen sollte:

Wollte er denn überhaupt Elfriede haben, für das ganze Leben? Er fühlte sehr wohl, daß es sich für sie nun um ihr ganzes Lebensschicksal handeln würde. Hatte er überhaupt die Kraft und den Mut dazu? Fühlte er nicht bereits jetzt wieder, nur bei dem Gedanken etwas wie geheime Angst? -- Ich bin ein schwächlicher Mensch! dachte er, ich glaube, ich bin keiner einzigen starken Empfindung fähig! -- Dann wieder schien es ihm, als würde sich alles leicht und wie von selbst ergeben haben. Dieser Zwiespalt seiner Empfindungen trieb ihn herum und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Hätte ich nur ein einziges Mal ein wirkliches, starkes Erlebnis! rief er oft, ein Erlebnis, das mich durch und durch rüttelt und mich von all dem Staube reinigt, der sich im Laufe meiner trägen, empfindungslosen Jahre auf mich gesetzt hat! Dann würde es sich ja zeigen, ob ich irgend etwas Starkes, Lebensfähiges in mir habe, oder ob ich nur ein Körper bin, dem alle Glieder gebrochen sind. --

Er begann zu suchen. Er riß sich aus seiner toten Abgeschlossenheit heraus und trat in den Verkehr mit Menschen, mit Künstlern vor allem, da er das Gefühl hatte, in diesen Kreisen würde er am ehesten finden was er suche.

Wieviel Kampf, Wärme und Zuversicht fand er plötzlich um sich herum, wieviel Mut und Kraft dem Leben gegenüber! Hatte er bisher blind gelebt, daß er von all dem keine Ahnung hatte? Alle dachten nur an zwei Dinge: An ihre Liebe und an ihre Aufgabe. Mit Neid sah Pitt solche Paare an. Jeder hatte Wärme und Interesse für die Hoffnungen, für die Ziele des andern: Es gab Gemeinsamkeit. Dies fühlte Pitt so deutlich, wenn sie um ein neu entstandenes Kunstwerk standen, das mehr von Hoffnungen sprach als von schon erreichten Zielen, und er empfand doppelt seine eigene innere Kälte, wenn er solche Versuche, in denen eine Kraft sich loszuringen strebte, mit den kühlen Augen des Kunstrichters betrachtete, der mehr das sieht was geleistet ist, als das was geleistet werden möchte. Er schämte sich seiner Worte, die einer so armen Lebenswurzel zu entspringen schienen, und bemühte sich wärmer, lebendiger zu empfinden.

Viel war er in Ateliers, auf kleineren Festlichkeiten der Maler und Malerinnen, eine Fülle neuer Gestalten begegnete ihm, fast gewaltsam suchte er sich einzelnen zu nähern und zerschellte doch bei den ersten Versuchen, da er selbst die innere Unnotwendigkeit empfand. Ein einziges Mal schien es, als solle er in ein neues Erlebnis hineingezogen werden, fühlte seine Seele eine größere Spannkraft. Aber sie ließ nach, wie er nicht das Mädchen selbst bekam, sondern nur ihr Bild, das sie ihm schenkte, und das ihm nun plötzlich wertvoller und schöner dünkte als das Original. Der Wunsch, sie selber zu besitzen, war vorüber.

Es vergingen wieder Wochen, er dachte kaum mehr an die Möglichkeit, in einen neuen Strom hineingezogen zu werden, bis er eines Tages von einem ganz starken Gefühl ergriffen ward, das ihn herumtrieb, halb glücklich und halb unglücklich. Es schien, als habe das Schicksal über ihn entschieden. Pfeifend stand er in seinem Zimmer, ergriff gedankenlos einen Gegenstand, ließ ihn wieder sinken und dachte: Was ist es nur, was habe ich nur? Ist es denn wirklich möglich?! Kann ein einziger Anblick, ein einziges Sehen über einen Menschen entscheiden?! Hatte er soviel Wirrnisse und Unklarheiten durchmachen müssen, um jetzt wie mit einem Schlage in das Licht zu treten? Wie anders war dies Mädchen als Elfriede! Rasch, stark in ihren Bewegungen und in ihrem Blick, klar und sicher in allem was sie tat; ganz blond, ganz ebenmäßig, und ihr Haar viel glänzender, viel goldener als Elfriedes. Elfriede erschien mit ihr verglichen schwächlich, unbedeutend. Wenn die beiden sich einmal gegenüberständen! Herta hieß sie mit Vornamen, und es schien ihm, als könne diese kräftige nordische Gestalt gar nicht anders heißen! Morgen würde er sie wiedersehen, morgen wollte sie anfangen ihn zu malen. Er konnte nur wenig schlafen vor Aufregung, bis er sie wiedersah, im hellsten Lichte des Ateliers, in ihrem langen, weißen Malkleid, das den schimmernden Hals, der den blonden Kopf so stolz trug, freiließ; keine Spur von Scheuheit, von Verhaltensein lag in ihrem großen, blauen Blick, es war, als kennten sie sich lange, als seien sie bis jetzt nur durch einen Zufall getrennt gewesen.

Sie stammte aus dem äußersten Nordwesten Deutschlands, aus einer hochangesehenen Patrizierfamilie, die ganz nach alten Traditionen lebte. Sie hatte sich freigemacht, gegen den Willen ihres Vaters war sie Malerin geworden. Erst fast mit ihr deshalb verfeindet, söhnte er sich allmählich mit dem Schritte aus, als er die Erfolge sah. An seinem Vaterglück fehlte nun nichts weiter, als daß seine Tochter nach Hause gekommen wäre und geheiratet hätte. Sie dachte nicht daran, obgleich ihr der Gedanke selbst nicht abliegend und fremd war, denn sie liebte ihre Vaterstadt und das ganze Land da droben mehr als alles andre was sie sah, und als letztes Lebensziel schwebte ihr ein breites Familienglück in großem Stil vor, wie man es auf prunkvollen holländischen Bildern gemalt sieht. Aber dieses Ziel lag noch weit ab. Mehrere heftige Erlebnisse endeten mit Enttäuschungen, ohne ihre feste Natur im mindesten zu beirren. Sie lernte Pitt Sintrup kennen, und seine verträumte Unklarheit, das Passive, Widerstandslose seines Wesens zog ihre eigene, dem Leben zugewandte, auf das Leben wie zum Sprung gerichtete Seele an. Pitt, dem noch kein Mädchen so entgegengekommen war, fühlte seine eigene Empfindung mit fortgerissen. Er erzählte ihr sein ganzes Leben, und während sie kein Wort verlor, wurde in ihr der Wunsch, diesen Menschen zum Leben, zum Erwachen zu bringen, was vor ihr noch keiner gelungen war, immer heftiger. Sie sahen sich täglich, und während er wähnte, die Erfüllung könne noch in weiter Ferne liegen, war für Herta selbst alles längst entschieden. Dann kam ihre heftige Einigung. --

Ihm begann ein neues Leben an ihrer Seite. Die Vergangenheit war ausgelöscht, eine unbekannte Frische kam über ihn, seinem Dasein schien ein wirklicher Inhalt gegeben, es folgte eine Zeit des Glückes, der Ausgeglichenheit, der heitersten Ruhe, wie er sie nie für sein Leben erhofft hatte. -- Die ersten Tage ging er herum wie im Traum. Unfaßlich war ihm alles: Wie war es möglich, daß er wirklich ein Mädchen sein eigen nannte, das er liebte und von dem er sich geliebt wußte! Bisher hatte er mit dem Gefühl der Liebe nur etwas Trauriges und Entsagendes verbunden, und nun empfand er, wie alles andere neben ihr gering erschien! Mit welchem Stolze zeigte er sich an ihrer Seite! --