Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Part 16

Chapter 163,819 wordsPublic domain

Pitt begleitete sie zur Bahn. Im Wagen gab sie ihm den Brief zu lesen, den sie an ihre Großmutter geschrieben hatte, aber noch immer bei sich trug. Er fing an: Mutter meiner Mutter! Indem du selbst das Leben in allen seinen Tiefen kennen gelernt hast, lenkt mein Herz vertrauensvoll den Pilgerstab zu dir. -- Nicht wahr, das geht doch nicht, das klingt so -- so beinah unbescheiden! -- Hat dir Fräulein Nippe diesen Brief aufgesetzt? fragte Pitt und lachte. -- Ja! und sie sagte, er sei in seiner Art geradezu vollendet! -- Allerdings! sagte Pitt, da hat sie recht. -- Sie habe ihn fünf-, sechsmal umgearbeitet und immer wieder daran gefeilt, und wenn ich ihn nun nicht einmal abschreiben wolle, für wen sie sich dann die große Mühe gemacht habe?! Da habe ich ihn abgeschrieben, um sie nicht zu kränken, aber abgeschickt habe ich ihn doch nicht! -- Das ist auch viel besser, sagte Pitt; so siehst du deine Großmutter erst in der Wohnung; vielleicht wäre sie sonst auf die Bahn gekommen. -- Leb wohl, Pitt, und -- und -- ich habe dich doch viel lieber als Fox! so sagte sie leise und küßte andachtsvoll seine Wange.

Was tust du denn da mit dem Fernrohr? fragte Fräulein Nippe und lugte zwischen den Wänden der Hinterhäuser hindurch, auf das ferne freie Feld. -- Ich wollte nur den Zug sehen, sagte Herr Könnecke treuherzig, mit dem sie abgefahren ist; gerade ist er durchgekommen.

Lotte näherte sich ihrem Ziele. Ihre zuversichtliche Stimmung nahm langsam wieder ab. Sollte sie nicht doch irgendein vorbereitendes Wort an ihre Großmutter schicken? Sollte sie nicht telegraphieren? Aber sie wußte, wie sehr Frau Bornemann über jedes Telegramm erschrak, und außerdem: war es richtig gehandelt? -- O wenn doch alles gut ausging! Großmutter konnte sie ja gar nicht anders als freundlich aufnehmen! Aber wenn sie sie nun überhaupt nicht aufnahm, -- wenn sie sagte: Lotte gehöre auf die Straße -- und vor ihr die Tür ins Schloß warf? Aber sie war doch ihre Großmutter, die Mutter ihrer Mutter! -- So zogen in Lotte die Empfindungen wechselnd hin und her, während draußen die Telegraphendrähte langsam auf und nieder schwebten, wie von zwei verschiedenen Mächten bewegt, die sich befehdeten. Sie verfolgte diesen ewigen schwankenden Wechsel, brachte ihn mit ihrer eigenen Furcht und Hoffnung in Verbindung, und dann lenkte sie gewaltsam die Augen davon ab, da es ihr die Brust zuschnürte. Sausend flogen Dörfer und Felder an ihr vorbei, die Sonne sank fern hinter braunem Ackerland und sprühte einen Goldstaub auf den dunklen Grund. Der Himmel rötete sich mehr und mehr, die Welt schien wie in einem Flammenmeer zu brennen, ganz still, ganz lautlos, während nur das Rollen der Räder weiterbrauste, und dann sank alles langsam in ein fahles, erstorbenes Licht, die Bäume ließen sich nicht mehr genau erkennen, alles wurde zu starrenden, drohenden Massen. -- Wenn ich doch da mitten drinnen wäre! dachte Lotte; niemand wüßte dann von mir, keiner erführe etwas von mir, ich wäre ganz allein. -- Und sie versank wieder in Angst und Sinnen. --

Sie reisen gewiß sehr weit? fragte plötzlich eine laute Stimme. -- Lotte gegenüber saß eine Frau, die sie schon lange teilnehmend betrachtete. Solange es irgend anging, hatte Lotte alles getan, um ihren Zustand vor den Menschen zu verheimlichen. Später sagte ihr dann Fräulein Nippe, sie brauche sich durchaus nicht zu schämen; im Gegenteil: Eine Frau, die ein Kind erwarte, sei ein erhebender Anblick; außerdem wisse ja doch niemand, daß sie nicht verheiratet sei. -- Lotte räusperte sich und nannte ihr Ziel. -- Gewiß ist es Ihr erstes Kind, das Sie erwarten! sprach die Frau weiter und betrachtete sie mit Zufriedenheit, da sie gut gepflegt aussah, einfach gekleidet war und einen sympathischen Eindruck machte. Ja, sagte Lotte, es ist mein erstes Kind. -- Unwillkürlich ließ die Frau ihre Augen zu Lottes Hand gleiten, um den Trauring zu suchen. Aber Lotte trug wollene schwarze Handschuhe. -- Ihr Mann erwartet Sie wohl an der Bahn? -- Ja, er erwartet mich an der Bahn. -- Die Frau nickte beruhigt und sagte: Ja ja, zu Hause hat man es doch am besten! --

Endlich hielt der Zug an ihrem Bestimmungsort, der Endstation des ganzen Zuges überhaupt. Lotte sagte der Frau hastig adieu, und suchte sich möglichst ungesehen zwischen den Menschen zu verlieren, indem sie anfangs den Kopf hin und her wendete, indem sie tat als spähe sie nach jemand, denn die fremde Frau konnte ihr vielleicht nachblicken. -- Dann nahm sie einen Wagen und fuhr nach Hause. Wie sie alle die bekannten Straßen sah, wurde ihr immer ängstlicher ums Herz. Das Bild ihrer Großmutter, wie es allmählich in ihrer Vorstellung sich verändert hatte, verwischte sich mehr und mehr; ihr Bild, so wie es war, trat ihr immer deutlicher vor die Seele; und als der Wagen endlich hielt, klopfte ihr Herz so stark, daß sie nicht vermochte sogleich aufzustehen und auszusteigen. Zudem ging eine ihr bekannte Frau den Bürgersteig entlang; die durfte sie nicht sehen. -- Es muß sein! dachte sie, erhob sich -- gezahlt hatte sie gleich zu Anfang -- und mit gesenktem Kopf, in dem Gefühl sich möglichst zu verbergen, eilte sie in das Haus hinein. Langsam stieg sie die Treppe hinauf; mehrere Male blieb sie stehen. Sollte sie nicht wieder umdrehen, wieder auf den Bahnhof fahren, irgendwo hinreisen, um sich zu verstecken? -- Im untern Stock erklangen Stimmen; da schritt sie wieder aufwärts. Dann stand sie vor der Tür. Da war das Porzellanschild ihrer Großmutter, dies kleine, ovale Schild, das sie kannte fast solange sie denken konnte. Sie starrte darauf hin. Das Angstgefühl stieg ihr im Halse auf. Eine unbekannte Visitenkarte war daneben auf die Tür geheftet. Sie las den Namen ganz mechanisch, ganz mechanisch las sie ihn rückwärts, die Buchstaben umdrehend, immer wieder. Das Herz klopfte ihr jetzt bis in die Fingerspitzen. Da hörte sie inwendig einen Schritt, den Schritt ihrer Großmutter. Sollte sie etwa von selbst die Tür öffnen? Vielleicht in Hut und Mantel herauskommen und Lotte überraschen? Fast bewußtlos hob sie den Finger und läutete. Es verging eine kleine Zeit, da hörte sie den Schritt wieder. Schlürfend, langsam näherte er sich der Tür. Endlich, endlich war er da. --

Wer ist da draußen? fragte Frau Bornemann von innen. -- Ich! -- Aber das Wort kam so tonlos heraus, daß sie etwas lauter hinzusetzte: Lotte. -- Jetzt öffnete sich die Tür, Frau Bornemanns Gesicht zeigte sich, freudig überrascht: Ach Lotte, Lottchen, du bist es! -- Aus der Wohnung drinnen erklang ein Klavier, jemand spielte einen Walzer. Lotte hielt sich gegen einen Pfeiler gedrückt, unbeweglich stand sie da. Frau Bornemann wollte auf sie zugehen, aber nach dem ersten Schritt hielt sie inne, der freudige Gesichtsausdruck verschwand, entsetzt starrte sie auf ihre Enkelin. Lotte wollte etwas sagen, irgend etwas, es war, als sei ihr die Kehle fest zugebunden. -- Allmächtiger Gott! hörte sie da die Stimme ihrer Großmutter rufen, langsam, ganz wie aus der Ferne. Frau Bornemann trat auf sie zu und sah sie mit einem Blicke an, daß Lotte die Augen schloß. Sie öffnete sie aber gleich wieder, da sie ein Geräusch hörte, das ihr zum Herzen fuhr: Frau Bornemann tastete in die Luft und wankte. Lotte hielt sie und vermochte sie hineinzuführen ins Zimmer. Sie setzte die alte Frau in ihren Lehnstuhl und ließ sich selbst auf das Sofa sinken, betäubt, stumpf. -- _Die_ Schande! rief Frau Bornemann auf einmal laut, und Lotte sah entsetzt auf sie, denn es klang gar nicht wie die Stimme ihrer Großmutter. -- _Die_ Schande! wiederholte sie, und plötzlich machte sie sich aus ihrem Sessel los und trat auf Lotte zu: Fort, fort aus dem Hause, fort aus meinen Augen, du hast hier nichts mehr zu suchen, mach, daß du herauskommst, geh hin wo du hergekommen bist, ich will nichts mehr von dir sehen, heraus sollst du, hast du mich nicht verstanden? -- Sie drängte Lotte durch das Zimmer auf den Vorplatz, und vom Vorplatz wollte sie sie durch die letzte Tür zur Treppe drängen. -- Aber Großmutter -- aber Großmutter -- mehr brachte Lotte nicht heraus, doch sie klammerte sich fest an sie, in Todesangst, so daß Frau Bornemanns Kräfte erlahmten. -- Was ist denn da draußen los? tönte eine fremde Stimme aus der Tiefe des Ganges. Die Musik war plötzlich abgebrochen. -- Ein kurzes Schweigen herrschte. Frau Bornemann hatte einen neuen furchtbaren Schreck bekommen, während Lotten diese Stimme wie eine Hilfe, wie eine Rettung aus ihrer Not klang. -- Nichts ist los! antwortete Frau Bornemann mit unsicherer Stimme, gar nichts ist los, spielen Sie nur ruhig weiter. -- Die Tür schloß sich, nachdem sich der Fremde noch einen Augenblick lauschend oder wartend auf der Schwelle verhalten haben mußte. Frau Bornemann ließ Lotte auf ihrem Platze stehen und tastete sich in ihr Zimmer zurück. Das Klavierstück ertönte von neuem. Lotte blieb unbeweglich. Ihr war, als sei sie überhaupt gar nicht mehr auf der Welt. -- Aber sie konnte doch nicht immer hier stehen bleiben! Halb ohne Bewußtsein von dem was sie tat, schritt sie auf den Vorplatz zurück, schloß die Tür und suchte dann den Eingang zu ihrem eigenen Zimmer. Aber die Musik klang hinter dem Holz ganz laut, so daß sie den Griff wieder sinken ließ. -- Zwei Mieter; dachte sie mechanisch, ich habe draußen doch nur _eine_ Karte gesehen. In Foxens Zimmer konnte sie auch nicht; sollte sie in die Küche? Nein, sie wollte zur Großmutter, sie wollte ihr alles erzählen, sie mußte sie erweichen. -- Frau Bornemann hatte sich aufs Sofa gelegt und hielt das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. -- Großmutter! -- -- Großmutter!! -- Schrei noch das ganze Haus zusammen, flüsterte Frau Bornemann mit heftiger Stimme, posaune deine Schande nur aus, dir liegt ja nichts an dem Ruf der Familie, es ist dir ja ganz gleich, ob du deine Großmutter ins Grab bringst -- o hätte ich das gewußt, als ich dich zu mir nahm, daß du meine Liebe mit so schnödem Undank erwidern würdest! -- Sie überhäufte Lotte nun mit den ärgsten Schmähreden, die Lotte stumpf über sich ergehen ließ. -- Aber wie sich Frau Bornemann in ihren Ausdrücken jetzt immer noch zu überbieten suchte, brannte in ihr ein Gefühl bitterer Empörung auf: Du bist ja selbst mit schuld! rief sie, wie ein Kind hast du mich gehalten, nichts habe ich gewußt, gar nichts, ahnungslos habe ich etwas getan ohne überhaupt zu wissen was es war. -- Frau Bornemann stand wie versteinert. Dann brach sie los: Ich, ich hätte dich gewissenlos erzogen? Ich, die immer nur dein Bestes im Auge gehabt hat? Danke deinem Schöpfer, daß ich dich wie ein Kind gehalten habe, rein und unberührt! Sollte ich deine und meine Ohren mit solchem Schmutz entweihen? War es nicht genug, daß ich dich warnte vor den Männern, daß ich dir sagte: Der Mann ist gleißnerisch, schön tut er in seinen Reden, aber, läßt man sich mit ihm ein, so lugt der Satan hervor?! Und mach du mir nicht weis, daß du mich nicht verstanden hättest! Ich bin selbst zur Schule gegangen und weiß, worüber junge Mädchen leider Gottes viel zu viel reden! Die eine weiß dies, die andre weiß das, und wenn es auch manchmal nicht stimmt, den _Kern_ trifft es immer! Es gelingt dir nicht, dich reinzuwaschen, schmutzig bist du und bleibst du, und an deiner Großmutter hängt auch nicht das Stäubchen von einem Makel! -- Lotte wollte antworten, die Gedanken verwirrten sich ihr. -- Laß dir doch wenigstens alles erzählen wie es gekommen ist! Frau Bornemann zitterte am ganzen Körper: Ich will nichts hören, ich sehe schon genug! Meine Ohren sollen nicht auch noch befleckt werden mit diesem Kot! Und als Lotte dennoch zu reden anhob, hielt sie sich wirklich die Ohren zu. --

Was sollte nun werden? Bestand die Großmutter darauf, daß sie das Haus verließ? Frau Bornemann hielt die Augen geschlossen und rührte sich nicht. Es wurde Lotte plötzlich dunkel vor den Augen. -- Wo willst du hin?! fragte Frau Bornemann herrisch, als sie Lottes Bewegung hörte und dann sah. -- Du rührst dich nicht vom Platze! keinen Schritt tust du, ohne mich um Erlaubnis zu fragen! Was willst du in der Küche? -- Essen. -- Essen! Seh einer mal an! Essen möchte sie, wenn ihre Großmutter am Tode liegt, durch ihre Schande! Nichts wird gegessen, und jetzt setzt du dich augenblicklich hin und erzählst mir von Anfang an wie alles gekommen ist! -- Lotte setzte sich und schloß die Augen. -- Nun, wird's bald? -- Und Lotte erzählte; alles was sie sagte, kam ihr selbst unsäglich schmutzig und verabscheuenswert vor, obgleich sie nicht viel mehr erzählte, als was sie früher Pitt und Fräulein Nippe anvertraut hatte. Frau Bornemann unterbrach sie durch einzelne Rufe der Klage oder des Ekels. -- Dieser Lump! dieser Heuchler! dieser Schuft! Und das alles unter meinen Augen beinah, unter meinen reinen, ahnungslosen Augen! Und weshalb bist du nun im letzten Augenblick doch her zu mir gekommen? -- Ich hatte Sehnsucht nach Hause und nach dir! -- Frau Bornemann schlug ein höhnisches Gelächter auf: Hast du mich so lange betrogen, hättest du mich auch noch ein bißchen länger betrügen können, das wäre dir wohl nicht allzuschwer geworden! Geld wolltest du haben, das ist die ganze Geschichte, Geld, jetzt, wo es dir an den Kragen geht! Dazu ist die alte Großmutter gut genug, versteht sich, nun muß ich auch noch das letzte hergeben, mein Sparkassenbuch, für dich, du Rabenkind! -- Geld, sagte Lotte, brauche sie nicht, für Geld sorge Fox. -- Nenne diesen Namen nicht mehr! Ich will ihn nicht hören! und, ihre ersten Worte vergessend, fügte sie hinzu: Natürlich, dafür hat sie gesorgt! kaltherzig gesorgt, alles hinter meinem Rücken! Als ob es nicht meine Sache gewesen wäre, das Geld zu schaffen! Ich hätte den Monsieur schon anders fassen wollen! Zu seinem Vater wäre ich gereist! Wieviel gibt er dir, der Monsieur? -- Ich weiß es nicht, sagte Lotte stumpf, aber er hat mir schon viel gegeben und noch viel versprochen. Frau Bornemann erklärte, sie werde sich noch diese Nacht auf die Bahn setzen, und zu seinem Vater reisen. Lotte beschwor sie, das nicht zu tun, es werde ja auch aus der Ferne alles geregelt werden.

Sie fühlte sich ganz schwach; sie sagte, sie _müsse_ etwas zu sich nehmen, sie wäre einer Ohnmacht nahe. -- Hier bleibst du! rief Frau Bornemann, sich vom Sofa erhebend, keinen Schritt tust du, ohne mich zu fragen, verstanden? Ich bringe dir schon was du nötig hast. -- Sie ging hinaus und bereitete ihr ein kleines Abendessen. Lotte aß heißhungrig, ohne ein Wort, dann bat sie um einen Schluck Wein. --

Frau Bornemann beruhigte sich in den nächsten Tagen allmählich, ihre Klagen wurden weniger heftig: Ach das Kreuz, ach das Kreuz, das Gott mir auf meine alten Tage noch auferlegt hat! -- Ihre größte Angst und Besorgnis war, es möchte jemand aus dem Haus, aus der Umgebung etwas von der Schande erfahren. Lotte durfte keinen Schritt aus dem Hause, ja selbst nicht aus dem Zimmer tun. Den beiden Mietern wurde unvermittelt gekündigt. Demütig bat Frau Bornemann, sie möchten Rücksicht auf sie arme Frau nehmen: Ihr Sohn in Amerika habe seinen Besuch plötzlich angesagt, es sei dies die letzte Freude ihres Lebens, obgleich er totkrank sei und sie ihn pflegen müsse, und wenn sie ihn nun nicht einmal bei sich aufnehmen könne, so wisse sie nicht, wie sie den Kummer und die Beschämung überleben solle! -- Die beiden Herren waren gutmütig genug Rücksicht zu nehmen und auszuziehen. -- Ich wäre fast in den Boden gesunken vor Scham, als ich ihnen das vorlog! Ich ehrliche Greisin, daß mich meine eigene Enkelin noch auf meine alten Tage zwingt, Unwahrheiten zu sagen! -- Lotte antwortete nichts, sie schwieg jetzt immer, wenn die Großmutter schalt; und Frau Bornemann schalt noch genug. Immer wieder fing sie von vorne an, jeden Tag, wenn auch ihre Ausdrücke allmählich mehr gleichsam hergesagt klangen. Nachdem sie von sich selbst nichts mehr zu sagen wußte, ging sie zu den Eltern über und sagte, die würden aus ihren Gräbern fluchen. Und dann fügte sie hinzu: Dein Vater allerdings täte besser seinen Mund zu halten, von dem hast du's geerbt, dies saubere Wesen, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! Ach Gott, daß ich auch dem damals meine Tochter geben mußte!

Lotte zog sich ganz in sich selbst zurück. Am schmerzlichsten war es ihr, daß ihr eigener Anblick der Großmutter so verabscheuungswürdig war, daß sie sie ohne ihren Willen, gegen ihren Willen immer wieder an das Unglück erinnern mußte. Und diese Erinnerungen wurden zu Mahnungen. Sie überwand sich Frau Bornemann zu sagen, daß es nun an der Zeit sei, Schritte zu tun oder zu veranlassen. Einsilbig, blaß, vergrämt saß sie in ihrem Winkel, aus dem sie sich, wenn es dunkel war, erheben durfte, um, in einen weiten Mantel gehüllt, einen Schleier um den Hut gebunden, lautlos und langsam die Treppe hinabzusteigen und ein wenig an die Luft zu gehen. Sie schrieb an Fräulein Nippe, daß nun doch alles anders gekommen wäre, und daß ihre einzige Hoffnung sei, sie möchte bei der Geburt mit dem Kinde zugleich sterben, denn sie sähe weder für sich noch für das Kind irgendeine künftige Lebensfreude voraus. Daß Fox sie einmal heiraten werde, daran denke sie nicht mehr, könne es auch gar nicht wünschen, denn all ihre Liebe zu ihm sei erloschen, sie begreife nicht, daß sie ihn überhaupt je einmal geliebt habe. Was werden solle, wisse sie nicht, sie suche die bösen Gedanken zu verbannen, aber sie kämen immer wieder. Das Kind sei nun in den allernächsten Tagen zu erwarten. Und doch könne sie nicht anders als sich wieder freuen auf dies Kind, das ihr einziges und alles sei, was sie besitzen werde, auf das sie allein und niemand anders ein Recht habe, und das seine Mutter vielleicht doch einmal lieb haben werde, so daß sie nicht ganz allein und ausgestoßen auf der Welt sei. --

Fräulein Nippe las diesen Brief tränenden Auges Herrn Könnecke vor, und Herr Könnecke sagte: Ach das arme Kind, wenn ich nur wüßte wie man ihr dauernd helfen könnte! -- Herr Könnecke wußte es allerdings ganz genau. Er hatte schon manchmal über diese Hilfe nachgedacht, die gar keine Hilfe war, auch gar keine »gute Tat«, denn er erwies sich ja selbst etwas Gutes damit! Aber dem standen wieder Bedenken entgegen: Er wußte ja gar nicht, ob Lotte ihn wirklich nehmen würde, wenn er sie darum bat, und dann -- seine Cousine! Es kam ihm so schlecht gehandelt vor, so beinah heimtückisch, wenn er nun Lotte heiraten und sie dann allein lassen würde. Er hätte nicht gewußt, wie er überhaupt nur den Mut haben sollte ihr das zu sagen, denn sie war doch so gut, so engelsgut zu ihm! Sie hatte das Leben und seine Aufregungen und Plagen mit ihm geteilt. Sollte nun das der Dank sein, daß er sie verließ? -- Aber Fräulein Nippe war seinen Gedanken schon seit langem auf der Spur. Und da er nicht redete, so redete sie. Er wurde dunkelrot bei ihren ersten Worten. -- Ich weiß ja, sagte sie mit leisem Zittern in der Stimme, ich weiß ja, daß ich dir nie mehr als eine Schwester sein kann, und was war der Wunsch meines Lebens? Mit diesen meinen Händen hätte ich die Backsteine zusammengetragen, um dir einen häuslichen Herd zu bauen, Zentnerlasten hätte ich für dich geschleppt, gearbeitet hätte ich für dich, bis ich vor Erschöpfung zusammengebrochen wäre, mit erstarrten blauen Händen in der Winterskälte -- es hat nicht sollen sein! Habe ich nun auf das Glück verzichtet, warum willst auch du auf das Glück verzichten? Liebster, wonnigster, einzigster Mann, greif zu! Das Glück liegt auf der Straße! Wahrhaftig, wirklich auf der Straße! Das arme Kind ist ja so gut wie auf die Straße gesetzt! Da sitzt sie nun auf einem Meilenstein und streckt suchend die Hände aus nach einer Stütze! Sei du ihr diese Stütze, sei du ihr der Eichbaum, an dem sie sich emporrankt! Sie nimmt dich, das ist ohne Frage! Man hat doch Dankbarkeit im Leibe! Ich sollte die Frau nicht kennen, wenn ich nicht wüßte: wenn eine von ihrem Schatz verlassen ist, noch dazu wenn sie ein Kind erwartet, und es kommt ein andrer und steht ihr als wahrhafter und guter Freund bei, daß sie den dann nicht lieben sollte. Erst Dankbarkeit, dann Liebe, das kommt so sicher, wie auf den Blitz der Donner folgt. Laß du nur, so schloß sie, dem gewählten Bilde eine neue Deutung gebend, dies Donnerwetter erst einmal vorüber sein, das die schlummernde Frucht aus dem Mutterschoß der Erde an das Licht emporbringt, und dann spanne du den Regenbogen des Friedens zwischen ihr und ihrem Schicksal! Ich selbst aber lächle dann wunschlos auf euer Glück herab und füge eure Hände ineinander! -- Sie schluchzte und barg die Stirn an Herrn Könneckes Schulter. -- Nein, ich verlasse dich niemals! sagte er. -- Aber möchtest du sie denn nicht heiraten? -- Er überlegte, wie er ihr antworten sollte ohne ihr weh zu tun, denn dazu genügte seinem Gefühl nach schon ein »Doch«, das ihm auf der Zunge schwebte. -- Diese Pause, sagte sie, ist ein ganzer Band, in dem ich die Geschichte deiner Seele lese, du bist mir wie ein aufgeschlagenes Buch, in dem jede Seite rein und weiß ist. -- Er weigerte sich nun aber doch, irgend einen Schritt zu tun, denn diese Liebe und Güte rührte ihn zu sehr. Da aber sagte sie, es wäre ein Verbrechen, eine Unterlassungssünde, die er jetzt zu begehen im Begriff sei, ein Verbrechen wider das keimende Leben seiner Liebe, die er mit gefühlloser Hand zu erwürgen trachte. Wenn _er_ keine Schritte tue, so tue _sie_ sie ganz wahr und heilig. -- Und du? fragte er. Wo willst du denn später hin? Es ist doch schrecklich für dich, wenn du dann allein bist! -- Ich? ich wohne dann selbstverständlich nach wie vor bei dir! Ein bißchen Liebe wird wohl noch für mich abfallen, wenigstens soviel, als ich bisher genossen habe; ich habe mich doch wahrhaftig daran gewöhnt mich zu bescheiden; ohne mit der Wimper zu zucken, kann ich zusehen, wie du deine Frau küßt!! -- Sie hatte sich aus seinem Arm gelöst und stand in einer heroischen Haltung da. Sie fühlte sich ganz als Trägerin einer großen, hehren Rolle; sie erschien sich wie ein Abgesandter Gottes, wie ein Engel, der das Glück bringt; ja mehr als das, denn ein Engel ist wunschlos und dem Erdenkummer fern. -- Herrn Könnecke hatte es, ohne daß er es wollte, etwas unbehaglich durchfahren, als sie sagte: sie bleibe dann selbstverständlich bei ihm. Er verbannte dies Gefühl aber sogleich als schlecht und niedrig, er wußte nicht einmal, wie er zu ihm gekommen war, und nach einer Pause sagte er: Ja, wenn du wirklich meinst -- --?! Und als Fräulein Nippe auf Lottes Brief eine Antwort schrieb, fügte er einige Worte bei, daß auch er in der Ferne viel an sie denke und teilnehme an ihrem Schicksal.

Lotte war dankbar, unsäglich dankbar, namentlich für seine Worte, da sie so einfach und natürlich waren, während Fräulein Nippes Sätze einen so getragenen Stil der Empfindung zeigten. Um so dankbarer war sie, als sie als einzig Wohltuendes in ihre öde Einsamkeit gelangten. -- Frau Bornemann hatte allerdings ihre bösen Reden aufgegeben, da sie sah, welch schlimme Wirkung sie auf Lotte taten, aber sie sprach nun so gut wie gar nicht mehr zu ihr, erledigte alles was sie für ihre Pflicht hielt, und glaubte damit den Anforderungen zu genügen, die man an sie stellen konnte. Mit der größten Geheimhaltung waren alle Vorkehrungen getroffen, Ehrenwörter auf Verschwiegenheit abgenommen, alles Notwendige war in entfernten Stadtteilen eingekauft, und endlich trat das Ereignis wirklich ein.