Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman
Part 11
In diesen wiederholten Ausrufen war mehreres zusammengeballt: Abgeklärtes Überschauen, vormundartiges Mitleid, allgemeines Bedauern menschlicher Schwächen, leise Bitterkeit gegen irgend jemand, und eine stille Resignation. -- Wissen Sie denn alles? fragte sie, noch fassungslos. Er nickte langsam und gedankenschwer: Ich habe das alles kommen sehen, alles, alles! Aber ich dachte mir: Sie muß von selber dazu kommen. -- Wozu denn? fragte sie verwirrt und ängstlich. -- -- Na, um zu erkennen, daß das doch nichts war. Ich weiß doch, daß mein Bruder von einer richtigen Liebe keine Ahnung hat, ich kenne ihn doch genügend! Alles dieses wollte Fox eigentlich gar nicht sagen, aber die Worte kamen wie von selbst. -- Ja, seufzte sie, das ist es, das fehlt ihm! Und ohne es zu wollen, nur im Drange nach dieser Liebe, die sie all die Zeit ersehnte, lehnte sie sich in seinen Arm, dachte nur an Pitt dabei, und dann fiel ihr ein, daß es ja sein Bruder war, der sie so hielt und tröstete, sein Bruder, der von demselben Fleisch und Blut war wie er, und unwillkürlich lehnte sie sich noch fester an ihn und bildete sich ein, er sei es selbst. -- Armes Kind! sagte er wiederum, als sie stiller geworden war; dies Wort wirkte wie eine Formel, die ihre Tränen von neuem fließen ließen. -- Sie muß sich ausweinen, ganz ausweinen! dachte er, und dabei war es doch nichts weiter als die Macht seines Wortes, die er genoß. Und dann sagte er wiederum: jaja, jaja! und nach einer Pause setzte er hinzu: jaja, jaja! -- Ganz in Gedanken zählte sie diese vielen Jas, und plötzlich mußte sie lachen, ihre arme angespannte Seele suchte nach einem Ausweg aus all dem Schmerz. -- Nanu? sagte Fox, was lachen Sie denn! -- O nichts, antwortete sie, ich dachte nur gerade daran, wie ich Sie einmal borniert genannt habe. -- -- Aber liebes Kind, Sie sind doch wirklich recht kindisch! Ich tröste Sie hier -- -- Ich weiß ja, ich weiß ja, entgegnete sie dankbar und eifrig, ich fühle ja, daß Sie es wirklich gut mit mir meinen, und daß Sie ein viel besseres Herz haben als Ihr Bruder! -- Das wollte ich auch meinen! sagte er nachdrücklich, nahm ihr Taschentuch und trocknete ihr die Wangen; dabei sah er sie so gutherzig und ehrlich an, daß sie dachte: O wenn mich doch Pitt ein einziges Mal so angesehen hätte!
Fox drückte sie an sich und sagte gar nichts. Beide schwiegen eine Zeitlang, Fox drückte heftiger, wenngleich noch väterlich. -- Ich muß jetzt gehen, zu Großmutter, sie wird sonst mißtrauisch! sagte Lotte endlich, machte sich leise frei von ihm und strich die Haare aus dem Gesichte. Er reichte ihr die Hand, sie nahm sie dankbar, und dann drückte er einen Kuß auf ihre Stirn. Ihr Blick ging scheu an ihm empor, halb abwehrend und halb wehrlos. --
Als sie draußen waren, dachte Fox über alles nach: Wie standen denn nun die Dinge? Jetzt gehörte doch Lotte eigentlich ihm, da war kein Zweifel, -- das heißt: das hing immer noch von _ihm_ ab. Sollte er oder sollte er nicht? Ein wenig dämpfte sein Selbstgefühl die Überlegung, daß er im besten Falle nur ein Nachfolger seines Bruders sein könne. Aber immerhin: Er würde sich niemals Vorwürfe zu machen haben: Wenn er sich jetzt mit ihr einließ, so blieb die Schuld der ersten Verführung immer auf seinem Bruder haften. Außerdem: Wenn er sie jetzt _nicht_ nahm, so nahm sie einen andern! Ein Mädchen, das von seinem Liebhaber verlassen wird, nimmt einen andern, aus Verzweiflung oder sonst was; das war ihm unumstößlich; und irgend einem Menschen in die Hände zu fallen -- _dazu_ war diese Lotte denn doch zu gut! Wer weiß was für schlimme Erfahrungen er ihr ersparte! Gerade jetzt, wo ihre erregte Leidenschaft blind auf Gott weiß wen losgehen würde! Er hatte geradezu die _Pflicht_, sie zu übernehmen, denn durch seine Schuld, durch die Kraft seiner Rede Pitt gegenüber war sie in diesen gefährlichen Zustand gekommen! Pitt war eigentlich ein Schafskopf, daß er dies famose Mädchen so ohne weiteres aufgab; das heißt, eigentlich war es ja sehr ehrenvoll von ihm und es zeugte davon, wieviel Gewicht er den Worten seines Bruders beimaß. Aber die Resultate sehen eben manchmal doch anders aus als man vorher berechnet. Einen Hauptfaktor hatte er übersehen: Die einmal erregte Leidenschaft! Aber wie gesagt, er wollte seiner Verantwortung jetzt nachkommen! --
Alles kam so wie er wollte. Lotte war in ihrer Verlassenheit widerstandslos geworden, sie glaubte Fox tötlich zu beleidigen, roh und undankbar zu sein, wenn sie sich nicht von ihm in die Arme nehmen ließ, und bildete sich in ihrer Hilflosigkeit ein, ihn zu lieben; dazu kam noch eine Bitterkeit gegen Pitt, der, wie Fox immer wieder sagte, die Liebe gar nicht kannte und »schnöde mit ihr gespielt habe«. -- Und das, worum Pitt erst stumm gerungen, und worauf er dann verzichtete, nahm Fox mit einer Leichtigkeit, über die er selbst erstaunte. Ahnungslos, ohne die geringste Vorstellung ließ sie sich von ihm leiten, wohin er wollte. Erst hart an der Pforte in das unbekannte Gebiet wehrte sich ihr Instinkt mit einer irren, allgemeinen, heftigen Angst, und nun zeigte sich eine so bodenlose, groteske Unkenntnis ihrer Vorstellung, daß Fox verblüfft, verdutzt war, daß er sich dies nicht zusammenreimen konnte mit der Vergangenheit. Auf sein Fragen kam heraus, daß sie nichts, gar nichts wisse, daß sie niemals zu Pitt in Beziehung gestanden hatte noch gestanden haben konnte, daß sie ein reines, unberührtes Kind war. -- Ach du großer Gott! sagte Fox, das habe ich allerdings nicht gewußt -- wenn ich das gewußt hätte -- -- aber sie flüsterte: Sage doch jetzt so etwas nicht -- und bedeckte die Augen mit beiden Händen.
Diese Entdeckung ließ ihm seine Beziehungen zu Lotte nun in einem ganz andern Licht erscheinen. Zwar war er nun wissentlich in jenen Fall gekommen, den er seinem Bruder irrtümlicherweise vorwarf, aber hierüber half ihm die Erwägung hinweg, daß -- wie er sich schon vorher sagte -- ein andrer zugriff, wenn er dies nicht selber tat. Im übrigen kam er sich nun seinem Bruder vollkommen überlegen vor, ja triumphierend über ihn. Daß er etwas hingenommen hatte, was Pitt verschmähte -- diese Vorstellung lag vollkommen außer seinem Gesichtskreise; er hielt sich nur an die Tatsache, daß er dieses Mädchen hatte und daß Pitt es nicht gehabt habe.
Lotte überstand den Schritt aus der Kindheit heraus ohne große Erschütterungen. Sie wunderte sich nur, daß alles so schön sei und gar nicht so entsetzlich wie ihre unklaren, phantastischen Vorstellungen es ihr früher hatten erscheinen lassen. -- Wußtest du denn wirklich nichts, gar nichts? fragte Fox einmal. Sie schüttelte den Kopf: Großmutter hat mir nur einmal den Faust erzählt. -- Kennt denn den deine Großmutter? -- Nein, gelesen hat sie ihn nicht, aber sie weiß was drin vorkommt. Und dann sprach sie immer so, daß ich Angst bekam, von Höllenpfuhl und Lotterbett, o Gott, wenn sie Lotterbett sagte, dachte ich immer an einen betrunkenen Esel mit hölzernen Beinen, ich weiß selber nicht warum. --
Oft dachte Lotte noch an Pitt; aber sie verdrängte diese Gedanken, aus Pflichtgefühl gegen Fox. Manchmal dachte sie: Warum wohl Pitt nie so zu mir war wie er? Ob er wohl auch gar nichts gewußt hat?! -- Sie wurde nun wieder frisch und heiter; sie wollte das alte Leben wieder anfangen, mit Fox ausgehen, und zwar in die Konditorei. -- Da bin ich mit Pitt auch immer gewesen! gab sie als Erklärung an. Aber darauf ließ er sich nicht ein. Das wäre außerdem wie eine Nachahmung gewesen! --
Nur mit Großmutter zusammen unternehmen wir etwas! -- Und Großmutter ging mit in Theater, Konzerte, Restaurationen. Sie hätte nie gedacht, daß sie noch zu einem solchen Glücke kommen würde. Manchmal meinte sie, es würde doch ein bißchen teuer, aber Fox sagte, darüber brauche sie sich keine Sorgen zu machen. Seinem Vater käme es nicht drauf an monatlich ein paar Mark mehr zu schicken, der verliere überhaupt kein Wort darüber. Und ohne Geld sei einmal nichts zu haben auf der Welt, -- worauf die beiden letzten Hauptworte sie veranlaßten mit dem Kopf zu nicken und zu sagen: Ja ja, Geld regiert die Welt, und wer keine Schuhe hat zu kaufen, der muß auf bloßen Socken laufen. --
Frau Bornemann merkte von der neuen Veränderung nicht das geringste. In ihrer Gegenwart nahm sich Lotte sehr zusammen, und Fox kostete es keine besondere Mühe, sich zusammen zu nehmen, da sein Benehmen gegen Lotte, auch wenn sie allein waren, keine große Zärtlichkeit verriet, wenngleich es immer wohlwollend und freundschaftlich blieb. Zuweilen, wenn sie alle drei in der guten Stube saßen und Frau Bornemann einmal aufstand um ihre Brille zu holen, oder eine Näharbeit, spitzte Lotte die Lippen zu ihm herüber, oder sie erwischte auch seine Hand und drückte einen schnellen Kuß darauf, war dann aber gar nicht böse, wenn ihr sein Handrücken etwas derbe gegen die Lippen schlug, während sie ein schulmeisterlicher Blick aus seinen Augen traf und sein Körper götzenhaft und unbeweglich blieb. Fox hatte soviel Selbsterziehung!
So lebten sie wochenlang zusammen, und dies Zusammenleben erhielt durch Fox eine Regel, einen Modus. Er setzte Lotte, die das nicht begriff und dumm fand, auseinander, daß das Leben solcher Regeln bedürfe, daß sie beide ihre Arbeiten viel besser erledigten, wenn sie ihr gemeinsames Wochenprogramm hätten, das ein für allemal feststände und nach dem sich jeder richte; für ihn selbst sei dies nicht einmal so wichtig, für sie jedoch geradezu unentbehrlich. Sie sei eine haltlose Natur, die Regel und Einteilung nötig habe. -- Ihr kam das so ledern und ausgedacht vor, aber in der Folge fand sie wirklich, daß er recht habe. Sie erledigte ihre Tagesgeschäfte nun mit viel mehr Ruhe, ja, die Lust zur Arbeit kehrte ihr zurück. Sie konnte wieder länger still sitzen, sie sprang nicht mehr plötzlich von ihren Büchern auf, ohne zu wissen warum, so wie früher, als sie noch mit Pitt zusammen war. --
Sie fragte Fox zuweilen nach seinen Zukunftsplänen. Er ließ bedeutende Hintergründe vor ihr aufsteigen, setzte ihr auseinander, daß theoretisch nichts im Wege stände, daß er einmal Minister werde -- er entwickelte ihr die Stufenleiter ganz einfach und plausibel -- und dann schwieg sie andachtsvoll und drückte nur ganz leise seine Hand, indem sie das Gold der Zukunft auch über sich selbst dahinrauschen fühlte. Aber niemals sprach sie ein Wort darüber aus; das wäre ihr fast taktlos und roh erschienen; es war ja selbstverständlich, daß sie sein Glück teilte, daß er sie später heiratete. Freilich dauerte das lange, aber sie konnten ja warten, und bis dahin war und blieb sie Lehrerin. Der Gedanke erschien ihr gar nicht mehr so schlimm wie früher, im Gegenteil, sie wollte recht fest arbeiten, um später nicht eine dumme Frau zu sein, sondern eine, die sich, wenn auch bescheiden, an seiner Seite sehen lassen dürfte. Er bestärkte sie in ihren Plänen, den Beruf betreffend, und sagte, es sei für sie dringend notwendig, daß sie etwas Festes habe, woran sie sich halten könne; ein gebildetes Mädchen mit einem Beruf sei in der Welt viel angesehener als eines, das nur gelernt habe zu kochen und Strümpfe zu stopfen: Näh mir doch mal einen Schlips! -- Sie war glücklich etwas für ihn tun zu können, suchte mit ihm zusammen den Stoff aus, nähte ihn so schön und kunstvoll wie sie vermochte, und eines Tages konnte Fox im Kreise seiner Bekannten erklären: Hat mir meine Kleine gemacht! -- So hatte er einmal einen jungen Architekten reden hören, was ihm großen Eindruck machte.
Fox war mit seinem Leben sehr zufrieden. Die staatlichen Einrichtungen, von denen er früher zu Pitt gesprochen, hatte er selber geprüft, aber jetzt fand er doch, daß dabei, wie er es ausdrückte, die Seele eigentlich nicht auf ihre Rechnung gekommen wäre. Und doch machte er sich zuweilen Sorge um die Zukunft, da er sehr wohl fühlte, wie stark Lotte auf ihn baute. Sollte er diese Gefühle immer fester werden lassen? War es nicht seine Pflicht, Lotte allmählich auf sich selbst zu stellen, nachdem er sie für ihren Beruf gefestigt und gestärkt hatte?
Lotte ahnte von diesen Gedanken nicht das geringste; ihre Liebe machte kleine Enttäuschungen durch, ihre starke Gläubigkeit ließ sie alle überwinden. Manchmal störte Fox das Wochenprogramm, überging die Festtage, kam gar nicht heim, ließ sie vergeblich warten. Auch entdeckte sie eines Tages in seinem Schreibtisch die Kabinettphotographie einer feurigen, junonischen Dame, und mit blauer Tinte und etwas zügelloser Schrift standen die Worte darunter: Ihrem Fox, Adelaide. Diese Photographie hatte er früher einmal, als er Lotte noch nicht so nah kannte, selbst gekauft und die Worte eigenhändig, mit verstellter Handschrift, darunter geschrieben; er hielt sie verschlossen und hatte sie nur aufgestellt wenn Freunde kamen, und damit erreicht was er wollte: Denn bald war es herumgekommen, daß er eine pompöse Geliebte besitze. -- Lotte beunruhigte es sehr als sie sie erblickte. Als er heimkam, fragte sie ihn sogleich, ob er die Dame einmal geliebt habe: Neinnein, kein Bein, neinnein, kein Bein! sagte Fox; gewünscht hätte sie es wohl, aber ich habe nicht gewollt -- einfach nicht gewollt! -- Lotte war nun noch viel glücklicher, daß er ihr gehöre; sie mußte doch wohl etwas wert sein, denn diese Dame war doch so wunderschön, und so stolz! -- Schreibt sie dir noch manchmal? -- Alles verbeten! -- Zeig mir doch mal einen Brief von ihr! -- Alles verbrannt! -- Sie fand das schade. -- Aber weshalb hast du sie denn noch immer in deinem Schreibtisch? fragte sie, da sie das Bild doch gern entfernt hätte. -- Du hast eigentlich recht! meinte er nach einem kurzen Nachdenken; wenn du willst, kannst du sie kriegen, mir liegt absolut nichts an ihr, absolut nichts; da!! -- Lotte nahm sie mit vielem Dank und stellte sie auf ihren eigenen kleinen Arbeitstisch. Aber die Worte: »Ihrem Fox« radierte sie aus, und ließ nur »Adelaide« stehen.
Fox gewann es auf die Dauer nicht über sich, Pitt gegenüber sein Verhältnis zu Lotte zu verschweigen.
Ja, sagte er einmal zu ihm, indem er nachdenklich die Asche seiner Zigarre abstreifte, man kommt manchmal zu Dingen, ohne zu wissen wie. Diese Lotte! Du hast sie ja damals nicht haben können, -- ich dachte früher, die Dinge lägen ganz anders; ich hätte mir meine Rede sparen können. Jetzt sehe ich ja, daß ich mich getäuscht hatte: ich wußte nicht, daß sie _mich_ eigentlich liebte und dich deshalb zurückwies, bis sie mir dann so was Ähnliches gesagt hat -- na, und da war es schon zu spät; ich konnte nicht mehr zurück ohne sie tötlich zu verletzen, -- ohne sie direkt tötlich zu verletzen. Ich mag sie übrigens sehr gern; kann absolut nicht klagen. --
Pitt hatte eine ähnliche Wendung der Dinge schon seit langem geahnt, jetzt lief ihm aber doch das Blut zu Herzen. Unbeweglich hörte er zu und faßte den eigentlichen Sinn von Foxens näheren Erörterungen erst allmählich; dann sah er ihn nachdenklich an. Diese Drehung der Tatsachen erstaunte ihn. Möglich, daß Lotte sie nachträglich so entstellt hatte, das war nur menschlich, obgleich es ihm zu ihrem Wesen nicht zu passen schien; in diesem Falle hatte er zu schweigen, um sie zu schonen; möglich auch, daß das Ganze nur eine Lügerei von seinem Bruder war, um sich ihm gegenüber in eine höhere Position zu setzen. Dann hatte er ebenfalls zu schweigen, da es sich ja gar nicht der Mühe lohnte, die Wahrheit zu konstatieren, die Fox ebenso bekannt war wie ihm selbst. -- Du hältst mich nun wohl für charakterlos und inkonsequent? fragte Fox. -- O nein, ich finde du hast ganz recht, ich hätte es wahrscheinlich ebenso gemacht wie du. -- Wenn du gekonnt hättest!! sagte Fox, und in dieser Antwort genoß er im Extrakt den ganzen Triumph, der ihm zuvor durch Pitts Gleichmut verdünnt worden war. -- Auch hierauf antwortete Pitt nichts, obgleich ihm für einen Augenblick ein Wort auf der Zunge zu schweben schien. Die Genugtuung, mit der Fox das letzte sprach, klang so echt, so unangreiflich, daß Pitt unwillkürlich dachte, es sei nun doch nicht anders möglich, als daß Lotte ihm gegenüber die Sache auf eine nicht schöne Weise verdreht habe; aber dieses stimmte so ganz und gar nicht zu Lottes Wesen. -- Es blieb ihm nichts anderes übrig als anzunehmen, daß Fox sich in seine Lügerei so sehr hineingeredet habe, daß er sie schließlich selber glaubte und für Wahrheit nahm.
Eine große Niedergeschlagenheit kam die nächsten Tage langsam über Pitt. Die Entfernung hatte ihn allmählich alles vergessen lassen, was ihm an Lotte langweilig und irritierend war, nur das Schöne, Liebenswerte war in seiner Erinnerung geblieben, und hatte sich, abgesondert von allem andern, verstärkt in seiner Vorstellung. Daß er sich gewaltsam von ihr loslöste, kam ihm sinnlos, ja wahnsinnig vor, er begriff sich nicht, wie er mit vollem Vorsatz und Bewußtsein etwas von sich schleudern konnte, das ihn mit Glück und Wärme füllte; -- so stellte sich jetzt die Erinnerung in ihm dar; alles Korrigieren dieses Gefühles mit dem Verstande half nichts dagegen. Nun war es zu spät! Und doch wieder fühlte er deutlich, daß, wenn alles ungeschehen wäre, er immer wieder so handeln würde wie er gehandelt hatte. Dieser Zwiespalt seines Gefühles machte ihn ruhelos, selbstquälerische Gedanken stiegen in ihm auf, er wußte nicht mehr, was er von sich selber denken sollte.
Das Semester neigte seinem Ende zu. Sollte er später wiederkommen, zusehen, wie Lotte mit Fox glücklich war? Eine starke Abneigung erfaßte ihn gegen diese ganze Stadt, er mußte Lotte ein für allemal aufgeben, er wollte sie nie, nie wieder sehen, sich auch jede Möglichkeit eines Wiedersehens abschneiden. Er hatte eine unklare Vorstellung, daß sich in jeder Stadt das wiederholen werde, was er an Elfriede und Lotte erlebt hatte. Er hatte Angst davor. -- Aber war denn zwischen ihm und Elfriede wirklich alles aus? Konnte nicht, wenn er sie wieder sah, alles anders und schöner werden als es früher war? Würde er sie jetzt nicht mit ganz neuen Augen ansehen? -- Es fiel ihm die Familie van Loo ein, und daß er sich hier in ganz abenteuerliche Gedanken verirrte. Aber er konnte sich Elfriede ja auch fern halten -- und nur, wenn er sie zufällig einmal sah -- -- hiermit öffnete er seinen versperrten, drängenden Gedanken wieder ein Hinterpförtchen. -- Was nützt nun alle Logik und alle Philosophie, dachte er; vor den einfachsten Dingen im Leben hält sie nicht stand; ich will etwas und will es nicht, und dann tue ich etwas, das nur Sinn hat _wenn_ ich es will. --
Lotte wurde allmählich traurig. Sie sollte sich nun für ein paar Monate von Fox trennen; er versprach ihr, für die Zeit der Trennung, oft zu schreiben; daß er wiederkam war ausgemacht, und eigentlich selbstverständlich. Zufällig erfuhr er von Pitts Plan, an seinen ersten Studienort zurückzukehren. Er fragte nur: So? machte aber ein sehr nachdenkliches Gesicht. --
Also leben Sie wohl! sagte die kleine Frau Bornemann, indem sie Fox, der im steifen Hut und mit roten Glacéhandschuhen im Vorplatz stand und den Dienstmann anwies, die Koffer in den Wagen zu bringen, beide Hände drückte: Also leben Sie wohl, und nochmals Dank für alles was Sie an uns getan haben, falls ich Sie nicht wiedersehen sollte! Das Leben ist wie ein Fidibus, wie mein Mann-selig sagte, eigentlich weiß ich nicht recht, was er damit gemeint hat, aber ich sage es nun auch manchmal, um sein Andenken zu ehren. -- Aber Großmutter! rief Lotte, Herr Sintrup kommt doch wieder, das ist doch ganz sicher, das ist doch ganz bestimmt!! -- Und sie sah Fox halb zuversichtlich, halb beschwörend an. Er bewegte, beschwichtigend die Augen schließend, seinen Kopf zu einer nachdrücklichen Bejahung auf und nieder und reichte beiden Damen noch einmal die Hand. Lotte sah ihm fragend in die Augen: Hier durften sie sich nicht küssen, das sah sie ein; aber wo sonst? meinte er, im Treppenhaus? -- Ich begleite Sie hinunter! rief sie, aber Frau Bornemann hielt sie zurück: Kind, sagte sie leise, man muß den Menschen auch nicht den _Schein_ zu einem Vorwurf bieten!
Fox schritt schon abwärts; sie wollte sich losreißen, aber Frau Bornemann hielt sie an der Schürze fest: Ich sage dir du bleibst! Sie gab ihrer dünnen Stimme soviel Kraft als nötig war, und setzte hinzu: Du Jungfer Unverstand und Übergescheit! -- Und grüßen Sie auch Ihren Herrn Bruder! rief Lotte, halb verzweifelt. -- Jawohl, wird besorgt! tönte Foxens Stimme von unten. -- Ich will ihm wenigstens nachsehen! rief Lotte, und Frau Bornemann konnte es nicht verhindern, daß sie zum Fenster lief. Aber bedächtig eilte sie hinterdrein, um ebenfalls mit hinabzusehen: Die Großmutter neben der Enkelin. -- Foxens rote Handschuhe bewegten sich grüßend und winkend im Gelenk. Und nicht einmal geküßt hatten sie sich zum Abschied!
Fünftes Kapitel.
Ich hatte mir doch immer gedacht, Sie würden wiederkommen! sagte Herr Könnecke; ein bißchen anders ist es ja nun geworden, meine Cousine hat einiges umgestellt -- denn sie hat inzwischen natürlich drin gewohnt! -- Er entfernte unauffällig eine kleine Haarwolke vom Waschtisch.
Pitt hatte von vornherein nicht die Absicht gehabt wieder bei Fräulein Nippe zu wohnen, der Anblick der Haarwolke bestärkte ihn in seinem Vorsatz und er fragte: Wo ist denn mein großer Koffer? -- Hier! sagte Herr Könnecke und deutete auf das »Angßangbel«, da steht er drunter! Und er sah Pitt verblüfft an, als der sagte, er lasse ihn im Lauf des Tages abholen, denn er wohne wo anders. Och nein! meinte er enttäuscht, fügte aber nichts hinzu, da es nicht seine Sache war, sich den Menschen aufzudrängen. Pitt ließ ihn grübelnd zurück, was wohl der Anlaß sein könne, daß er nicht wiederkommen wolle. Zum Schluß sagte er noch, er wolle ihm seinen Bruder schicken, von dem Herr Könnecke auch einen höheren Preis verlangen könne, denn er habe viel mehr Geld als er selber. Eine Mischung von Herrn Könnecke, Fräulein Nippe und Fox -- so dachte er -- kann etwas ganz Lustiges ergeben, und empfahl Fox dieses Zimmer mit großer Zungenfertigkeit. -- Er hat doch ein gutes Herz! sagte Fräulein Nippe, der Zusammenhang ist doch so einfach! Als er hörte, _ich_ wohnte in dem Zimmer, hat es ihm leid getan mich wieder daraus zu vertreiben, das ist doch sonnenklar! -- Mach du nur die Stube recht in Ordnung, denn wenn der Bruder kommt, so darf da nicht wieder so was herumliegen! Herr Könnecke führte sie zu der Haarwolke, die er aufbewahrt hatte, weil er dachte, sie habe sie vielleicht noch nötig. Hat er das gesehen? fragte sie; und wenn auch! Daß das Haar echt ist, hat er dann jedenfalls auch gesehen! So dunkles, dichtes Haar, und die Farbe so kastanienbraun -- ich konstatiere nur! Manche Frauen gäben was drum, wenn sie die Farbe hätten! --