Part 2
Auf einmal änderte er den Ton: „Es ist uns beiden etwas von dem überkommen, der der Familie den Namen gab. Weißt du, ich meine eine gewisse Sturmsicherheit, die in uns mehr oder weniger automatisch wirkt, wie bei Piraten, die gewöhnt sind, gegen den Sturm zu kämpfen. Hast du nie das Gefühl davon gehabt?“
Da antwortete Peter plötzlich ergriffen: „Um es zu sagen, es begleitet mich immer. Nur Ree ... Ich bin ihr nicht gewachsen und“ — er lachte — „das Familienoberhaupt der Piraths schneidet die Segel ab vor diesem Sturm.“
„Ich bin zwar kein Segler, aber ich glaub’, das rettet doch das Schiff?“
„Nicht immer.“
Die Brüder schieden voneinander. Die Unterredung konnte keine praktische Lösung ergeben. Aber der Atem zärtlichster Bruderfreundschaft, den Peter bei ihr empfangen, wärmte und sicherte ihn. Er ging nach Haus, und er dachte an nichts, was er dort unternehmen könnte. Er wollte den Zufall wirken lassen. Als er in sein Haus kam, fragte er nach niemandem, und niemand kümmerte sich um ihn. Er blieb allein am Tisch, auf dem das Nachtessen aufgetragen wurde. „Kommt meine Frau nicht zum Nachtessen?“ fragte er das Mädchen. Das Mädchen antwortete erst nicht. Es war ein ältliches dunkelhaariges Frauenzimmer mit einem von zahllosen Fältchen kalt gefurchten Gesicht. Peter wußte, daß es seiner Frau sehr anhing. Als sie nicht antwortete, drehte er sich zu ihr hin und schaute sie an. Dann fragte er noch einmal.
Sie schaute über den Teppich, zog die Mundwinkel hoch, und alle Fältchen bildeten nun häßliche Winkelchen in dem frühalten Gesicht. Sie sagte schadenfroh und eingeweiht: „Die Gnädigste hat vorgezogen abzureisen!“
Peters Herz bekam einen Stich. Eine schmerzende Unsicherheit bemächtigte sich seiner. Er kämpfte sie im Zorn zurück. Er fragte heftig: „In was für einem Ton sprechen Sie mit mir, Hanne?“
Die Ältliche antwortete rasch und bissig: „So wie ich kann!“
Peter stand auf und trat auf sie zu. Er schrie sie an: „Und so, wie ich nicht will, Sie Gans! Sie haben bis morgen mittag das Haus zu verlassen. Der Johann wird Ihnen den Lohn ausbezahlen. Dort ist die Tür.“
„Sie haben Gans zu mir gesagt. Das ist eine Beleidigung!“
Aber Pirath rückte auf sie zu. „Dort ist die Tür!“ rief er noch einmal. Als die Jungfer draußen war, setzte Peter sich ins Sofa hinein, grub den Kopf in die Hände, wie zum Schutz gegen das, was um ihn war. Er sagte halblaut: „Sogar die Dienstboten bietet sie jetzt gegen mich auf.“
* * * * *
Die Ältliche verließ das Haus. Der englische Stallmeister kam mit seinen gefrorenen Manieren zu Peter und setzte ihm ein wenig von oben herab auseinander, daß es ihn inaktiv mache und in seinem Beruf schädige, wenn er drei Pferden, wie den noch vorhandenen, seine Dienste erweise. Er halte seinerseits nicht auf Erfüllung des Vertrags, den er mit Frau Pirath abgeschlossen habe, und er beabsichtige nach Empfang des fälligen Gehalts abzureisen.
Peter kam ihm entgegen und bot ihm den Gehalt bis zum Ende des Vertrags an. Aber die Reitgerte lächelte geringschätzend und sagte: „$Oh no!$“ Er ging. Nach einer ökonomischen Verbeugung.
Diese zwei unangenehmen Persönlichkeiten waren nun entfernt. Aber in ihrem Weggehen blieb, wie ein sonderbares Kielwasser, eine peinigende Vereinsamung um Peter Pirath. Er richtete es dann ein, daß er die Mahlzeiten bei seinem Bruder nahm, weil er über das leere, von Verlassenheit tönende Haus nicht recht Meister wurde. Er arbeitete stets in der Fabrik, immer an seiner Zentrifuge. Er hätte diese Arbeit schon abschließen können. Was er erreicht hatte, war ein neuer Wert. Aber einerseits fürchtete er, diese Arbeit zu beendigen und ganz allein zu sein, und andererseits, aber das hätte er ja nach Vollendung des ersten Modells selbständig und neu weitersuchen können, schwebte ihm etwas durch die Gedanken, das an der Maschine noch zu vollenden war. Er hatte einmal im Frühjahr in einer jungen Wiese gelegen, während Ree auf einem Schimmel plötzlich aus dem Wald sprengte und auf ihn zu galoppierte. Er dachte gerade in sonnenschläferigen Vorstellungen an seine Maschine. Ree tat so, als sähe sie ihn nicht und wollte ihn überrennen. Er blieb liegen, und wie sie da im letzten Augenblick das Pferd zurückbäumen machte und mit einer energischen, verwunderten und wilden Bewegung im Sattel dem Pferd half, da war in die von der Gefahr heftig aufgerüttelten Sinne Piraths, aus einem Teil von Rees Bewegung heraus, der Einfall eines Maschinendetails gefallen. Das war eine Schraube, ein Flügel, ein Quirl, ein Zylinder ... ja was? — aber ein letzter genialer Schluß, der seiner Zentrifuge die Vollkommenheit gegeben hätte.
Aber nachdem das Erstaunen, Erschrecken, Erwachen vorbei waren, überfiel ihn Ree mit einem wilden Gewoge von Zorn und Zärtlichkeit, Gutmütigkeit und Bosheit, und sein Gedächtnis verlor den Einfall vollkommen. Er grübelte jetzt ununterbrochen hinter ihm her. Ach, es war so weich und schmerzvoll genießerisch wie ein Dichten aus der Jugend, denn Ree kam mit den heißen schönen Augenblicken jener raschen und heftigen Bewegung von damals wieder in seine Vorstellungen, überstieg die Zentrifuge, wie eine Diana dunkel leuchtend, und führte ihn durch Gefilde, die mehr waren als diese Welt und Kopra.
Nachdem Ree etwa eine Woche fort war, kam eines Tages ein Brief, auf dessen Adresse Peter erschrocken Rees Schrift erkannte. Birgst du Gutes? Birgst du Böses? fragte er und zögerte, das Kuwert aufzuschneiden. Er fühlte, als ob etwas wie eine primitive Fatalität aus dem milchig blauen großen Kuwert aufsteigen wollte.
Er schnitt auf, zuerst zurückhaltend, dann riß er hastig und mit schwachem Herzen den Brief hervor.
Paris, Juni. Hotel Royal.
P. P.
Ich kann nicht weiter in Paris leben. Es scheint jetzt im Juni die Heizanlage fürs Rote Meer zu sein. Es ist eine riesenhafte Rôtisserie. Gestern bin ich auf einem Eisensessel angebacken, denk Dir. Aber nur mit einer Hälfte. Gott sei Dank! Deshalb muß ich aber mich nach San Sebastian erholen gehen. Dort soll es so kühl, im Schatten der Pyrenäen so leidenschaftlich, ergrübelnd warmkühl sein, wie ein Block von Rodin. Ich werde ins Meer hineinreiten, und die Brandung schlägt an die Brust des Hengstes und weicht aus. Wie ein Wunder! Wie das Meer vor den alten heiligen Juden! Denn ein Hengst ist ein Heiliger. Es wird mir einer hier gezeigt. Der hat Augen wie die Küste Palästinas, die wir ja einst zusammen sahen, blau wie Enzian, das ich angehaucht hätte. Und Beine wie ein Schwalbenflug. Er kostet nur 10000 Franken. Eigentlich für solch ein Geschöpf ein Hauch, ein Nichts, wenn man bedenkt, daß in Eurem Kessel jedesmal, für wieviel sagtest Du mir doch? Fett gepanscht wird. Die doppelte Summe, man muß ja von Geld leben, erbittet drum an den Lyonnais
Deine Dich verehrende Ree.
Peters Herz war erleichtert. Er dachte allerlei hin und her. Aber er war von Anfang an entschlossen, das Geld zu schicken. Schließlich schrieb er:
Liebe Ree!
Reite auf dem Hengst mit den palästina-blauen Augen wie eine Schwalbe fliegt. Das kannst Du ja. Das Gewünschte erwartet Dich an der genannten Stelle.
Dein Dich verehrender Peter Pirath.
Er war zufrieden mit dem kurzen Satz und zufrieden mit sich. Die Tat! Eine Tat, so klein wie diese, so anrüchig wie diese, hatte ihn losgespannt.
Der Dankbrief für die Sendung begann mit: Blonder Bär, schöner Tollpatsch! ... Eine Woche nach diesem kam wieder ein Brief. Der war ganz farblos. Das vierte Briefchen war kühl und endigte plump: Ree steigt an den Rändern der Pyrenäen. Die Sonne neigt sich auf sie nieder. Andern Leuten genügt es, in ihrem Fett zu sitzen und Dukaten zu legen. $A chacun son mauvais goût!$
Darauf kam drei Wochen lang überhaupt kein Lebenszeichen von Ree.
Zweites Kapitel
Am Ende dieser drei Wochen fuhr Hermann Pirath nach der „Teufelsheide“. Die Teufelsheide war eine weite Hochebene, die ringsum von Wald und von einsamen Waldgehöften eingefaßt war. Sie war sonst ganz verlassen. Der Geist des Volkes ließ allerlei überirdische Heimlichkeiten auf ihrer rauhen Fläche spielen, über die im Sommer niedrige Gewitter sich heftig entluden. Hin und her lagen Moore und Teiche, und auf sandigem Boden wuchsen niedrige Föhren, Eibensäulen und Wacholder, und Heidekraut kämpfte mit dem Moor.
Mitten in ihr lag ein sonderbarer kleiner Gasthof, der bei den Bauern in den Waldgehöften in einem zweifelhaften Ruf stand. Wovon mochte solch ein Gasthof wohl auch anders leben? Die Gegend war verwunschen, und außer Jagdgesellschaften schien niemand in der Welt die Heide zu kennen. Sie lag im Land wie ein Leberfleck. Ein Teufel hatte einst hier die Erde gesegnet, und die grüne Fruchtbarkeit war gewichen und das verdorrte Mal geblieben.
Hermann Pirath hatte auf ihr ein Stück Jagd gepachtet und ging zum erstenmal hin, weniger um zu schießen, als um zu schauen, was eigentlich droben los wäre. Er ließ sich von der Bahnstation die zwei Stunden Wegs bis zum ersten Bauerngehöft fahren. Der Wagen sollte dann auf ihn warten. Hermann besprach mit dem Bauern die Lage der Jagd, die das große Gebiet dieses und zweier Nachbarhöfe umfaßte, und ging allein weiter. Der Bauer rief ihm noch nach: „Passen Sie auf, es könnte Ihnen eine merkwürdige Schweinesache unter die Augen kommen.“ „Wieso? Was denn?“ rief Hermann zurück. — „No, es spukt wieder einmal. Das läßt der Gasthalter in der Heide nicht ausgehen.“
Hermann stieg in die pralle Sonne hinein und kümmerte sich nicht mehr um die Worte des Bauern. Das Heidekraut knisterte um seine Stiefel. Aus dem niederen spröden Wachstum um den Ausschreitenden stieg die Hitze hoch wie aus einer Kachel. Aber es war, als ob der Duft zerriebener und süß schwelender Wurzeln hinein geräuchert sei. Es war ein Weihrauch im Julitag. Hermann schritt schwitzend rasch aus. Manchmal raschelte ein Häschen davon. Vögel warfen sich in die Luft und in die Hitze und fielen nieder ins Bad der heißduftenden, knisternden Sträucher. Die dunkeln Wacholdersäulen standen wie eingeschlafene steile Mädchen einsam hin und her.
Hermann gefiel dies alles. Sein Kopf erholte sich. Sein Herz wurde weit und warm. Er wischte sich den Schweiß aus dem dicken Nacken, blieb bald stehen, um einem Vogel nachzuschauen, der schwarz aus der Luft herniederglitzerte, und kaum daß ihn die Nähe der Heideerde empfangen hatte, schon in dem Geflecht und dem braunen, olivenen und heideroten starren Schaum des Bodens verschwunden war. Dann hielt er die Schritte an vor einer kleinen heftigen Gruppe im Sand. Eine Ameise massakrierte eine Wespe. Sie hatte das große Tier auf dem Rücken liegen. Sie hackte ihre kleinen Krampen von Beinchen in den gelbschwarz geringelten Leib und versuchte zugleich mit ihren Zangen um den dünnen Wirbel zu kommen, mit dem der Wespenkopf am Rumpf saß. Die Wespe bog ihren Leib krampfhaft auf, und ihr Stachel flog unglücklich aus und ein und aus, aber immer in die Luft. Die Ameise wirbelte auf dem Wespenleib herum, den Kopf tief unter den Kopf des Feindes gebohrt, langsam die Wespe enthauptend. Und auf einmal waren beide still. Auch die Ameise rührte sich nicht mehr.
So erlebte Hermann, wie der kleine Jäger den geflügelten und gefürchteten Tiger erlegte. Weshalb verallgemeinerte er dann und übertrug das mikroskopische Begebnis auf die große Erde und auf Menschen? Nun dachte er, wie in einem Blitz, an die verrückte Hexe und an Peter.
Seine Sonnenfreude war gestört. Er wollte jetzt schießen. Er deckte sich in einer kleinen Gruppe von Föhren, stieß den Stock mit dem kleinen Sesselgriff in den Boden und schaute aus. Er hatte die Flinte aber noch nicht entsichert.
Da sah er in der Ferne etwas sich rasch über die Heide bewegen. Erst dachte er: ein Auto! Was konnte so schnell zwischen dem niederen Strauchwerk voran? Aber es gingen keine Wege in der Heide. Es kam auf ihn zu. Es war etwas Schwarzes und etwas Weißes, und das Weiße flatterte wie eine Flamme. Es waren Reiter. Sie kamen nun hinter kleine Föhrengruppen, verschwanden immer auf drei, vier Augenblicke, kamen von Baum- zu Baumgruppe immer wieder auf kurze Sekunden zum Vorschein. Hermann verlor ihr Bild nicht aus den Blicken. Er sah auf einmal, da ein größerer Zwischenraum zwischen den Bäumen und die Kavalkade schon näher gekommen war, daß auf dem einen Pferd eine Gestalt saß, die im Galoppieren ein großes helles Tuch von sich löste und auf einmal nackt und weiß auf dem schwarzen Pferd dahinflog. Schwarze Haare flatterten lang und wagrecht hinter ihr.
Hermann lachte sonderlich berührt. Die Sonne warf ihr Licht auf die nackte Reiterin, und die Hitze der Heide stieg wellend zwischen seinen Augen und ihr auf. Es war ihm komisch und doch märchenhaft. Er suchte, betroffen, wie er war, nach dem Namen jener alten legendären Nacktreiterin und fand ihn nicht gleich. Aber als er auf einmal laut sagte: „Lady Godiva! Ach ja, Lady Godiva!“ da waren die Reiter verschwunden. Hatten sie abgeschwenkt? Waren sie von den Pferden gestiegen? Hermann spähte aus seiner Föhrengruppe heraus rundum, sah nichts, trat hinaus, und im selben Augenblick hörte er die Pferdehufe dumpf trommeln, und noch wußte er nicht, in welcher Richtung, als die zwei Reiter durch ein Boskett von Föhren brachen, das keine zwanzig Schritte von ihm entfernt war. Voran stieg ein Reiter in einer hellen Hose und blauer Jacke heraus und dann die Lady Godiva, und sie rasten auf den erschrockenen Hermann zu. Der kam sich vor, als ob er heftig an einem Schlüsselloch ertappt worden wäre. Aber dann fuhr sein Herz wie ein Luftballon an die Decke, zu seinem Hals hinauf, denn die nackte Reiterin, die jetzt an ihm vorbeisauste, war Ree, und den andern kannte er auch.
Er rannte wie besessen, von rascher Wut gestoßen, hinter den Reitern her und rief: „Dirne! Dirne!“ Und hob mit zitternden Armen seine Flinte. Die Reiter waren ihn erst im letzten Augenblick gewahr worden. Die Frau trieb den Hengst an. Ein kleiner Schrei stieß schrill auf. Der Mann in der hellen Hose fuhr in die Tasche, drehte sich zurück und schlug mit der Hand von oben herab einen Knall durch die Luft, der rasch und dumpf verscholl, wie von der Sonnenbrut der Heide erstickt.
Dann waren die Reiter verschwunden.
Hermann stand allein mitten in der Sonne. Es fror ihn. Er schaute die Läufe seines Gewehrs entlang, die auf den Boden gesunken waren. „Jetzt liegt wohl einer dort unter Wacholder und Heidekraut!“ sagte er und fühlte, wie bleich er war. Es konnten nur Sekunden gewesen sein, daß er die Überlegung verloren hatte. Er zog den Kolben untern Arm und ließ die Läufe aufknacken. Da sah er, daß die beiden Patronenscheiben jungfräulich waren. Wie er das feststellte, war er zuerst verwundert. Hatte er denn nicht abgedrückt? Und mit einemmal stieg eine neue Wut in ihm hoch. Er ballte die Fäuste über die Heide und schrie: „So, +du+ hast auf +mich+ geschossen! Zuhälterart! Auf mich geschossen?! Du Flibustier! ...“
Hermann ging geradeaus rasch zum Bauernhof zurück und trug nur einen Gedanken in sich, den Wut und Rachegefühl, Bruderliebe und Empörung in Flammen einhüllten und fest schmiedeten. Mit diesem Gedanken wollte er vor seinen Bruder hintreten und ihm sagen: „Das hat sie gemacht! Das hab ich gesehen! Jetzt ist dir das Handeln leicht.“ Und während er sich das sagte, dachte er an das Erbteil, das ihnen vom Namengeber der Familie überkommen war. Er fühlte sich des Bruders sicher, so wie von ihm der mit Staunen gemischte feindselige Bann, den jenes Frauenzimmer auf ihn ausübte, gewichen war. Er war schadenfroh, der kleine dicke Hermann. Auch für sich selber nahm er klare Erleichterung aus dem furchtbaren Begebnis. Während der Fahrt zur Stadt wuchs in ihm das repräsentative Bewußtsein des Familienältesten. Jetzt wollte er befehlen.
Dann trat er in Peters Haus, wo er den Bruder vorfand, mit Unmut, Sicherheit und diesem Bewußtsein gewappnet auf. Er machte Peter schonungsvoll darauf aufmerksam, daß er ihm etwas ganz Unerwartetes und Schreckliches zu berichten habe und daß er aber hoffe, es bringe ihm wenigstens die Leichtigkeit einer klaren Tat. Darauf erzählte er kurz, was er in der Heide erlebt hatte.
Als er geendigt hatte, merkte man Peter kaum einen Eindruck an. Er schwieg noch eine Weile und fragte dann kühl: „Ein Irrtum ist natürlich ausgeschlossen?“
„Natürlich,“ antwortete Hermann hitzig, „sonst wär ich nicht hergekommen.“
„Tja,“ machte Peter nach einer kleinen Weile, „dann muß ich als Erstes den Betreffenden fordern. Du sagst, du hast ihn erkannt?“
„Du wirst ihn nicht fordern!“ entgegnete Hermann.
„So? Weshalb nicht?“
„Weil er ein Lumpenkerl, ein weltbekannter Landstreicher ist. Du findest kein Ehrengericht, das diese Forderung behandelt, und keinen Menschen, der dir Zeuge sein will.“
„Wer ist es denn?“ fragte Peter hitzig lauernd.
„Der Friseur Larisch!“
Peter legte den Kopf in die Hände, um nachzudenken, wer der Friseur Larisch war. Auf einmal richtete er sich auf. Er war blaß und sagte, von Abscheu geschüttelt: „Pfui!“
Er erinnerte sich nun, daß dieser Larisch einmal Lakai am Hof der nahen Residenz war. Gerüchte brachten ihn in Zusammenhang mit einer Prinzessin, die aus der Residenz verschwand, zur gleichen Zeit, da Larisch den Dienst im Schloß verließ. Dann wurde Larisch Friseur in der Heimatstadt der Piraths und lockte sich Kunden an mit den Erzählungen seiner galanten Abenteuer am Hof. Plötzlich verschwand er. Es wurde verbreitet, der Fürst habe ihn erschießen wollen, es sei ihm dann vom Hof eine große Summe gegeben worden, damit er das Land ganz verlasse. Seitdem tauchte Larisch nur mehr von Weile zu Weile in der Stadt auf, und Reisende erzählten, daß sie ihn als Kavalier bald im Osten, bald im Westen, in Kopenhagen oder Kairo sahen, einem Dasein ergeben, das niemand recht erkannte. Besonders Pferderennen und Spielsäle solle er pflegen, und einmal war er auch in einen Falschspielerprozeß verwickelt.
Diese Gestalt war Peter nun auf einmal lebendig, mager, gepflegt und doch wie beschleimt. Er sagte erschüttert zu Hermann: „Das ist Ree?“ und schüttelte den Kopf. Dann fügte er hinzu: „Jetzt ist der Entschluß natürlich nicht schwer!“
Hermann drängte ihn, die Angelegenheit gleich durchzubesprechen, und wollte so viel davon auf sich nehmen, als es die Lage erlaubte. Hermann begab sich dann gleich zum Rechtsanwalt.
* * * * *
Peter war allein und stand mitten im Zimmer, als der Bruder gegangen war. Es war ihm, als stünde er in einem zusammengebrochenen Haus und als ob alles in seinem Kopf und an seinem Körper dumpf von den Schlägen der über ihn gestürzten Balken sei. Er hatte nur die eine klare Erkenntnis, daß er gern niederfiele und sich auf dem Boden winden und schreien und weinen möchte. Aber er hielt sich mühsam aufrecht. „Komm ich so aufrecht stehend über die nächsten Stunden hinweg,“ sagte es in ihm, „dann bin ich gerettet. Aber sink’ ich nun hinein, dann bin ich verloren.“ Sein Leben öffnete einen dunkeln und moorigen Teich. Von Augenblick zu Augenblick erschrak er vor dem schwarzen Schillern, das sich in seinem Bewußtsein finster hob. Es klang ihn an: Ehebruch! Ehebruch! Hopf! Treulosigkeit! Schmutz und Schweinerei! Friseur Larisch, der Zuhälter! Ehebruch! Betrogenes Gattentum! Beschmutztes Nest! Sumpf und Hure! Straßenpflaster, Pferdeknecht und Freudenhaus! Hopf! Ehebruch! Ein Tanz und Gebrause von höhnischen aufstachelnden Scharen zielte nach ihm. Und er machte sich so kalt, daß sein Herz ihn schmerzte, wie ein Bad im Schmelzwasser im Mai den Körper. Er stand so da und hielt sich an seinem Schreibtisch an, und es war ganz närrisch sicher in ihm, daß er es überdauerte, wenn er so stehenbleiben könnte.
So fand ihn sein Bruder, der sich zurückbeeilt hatte. Er nahm ihn mit. Sie fuhren in einem Auto durch den Stadtwald und wollten im Parkgasthaus essen. Aber wie Peter die vielen Menschen dort sah, bat er: „Fahren wir doch lieber zu dir! Die Menschen tun mir nichts. Aber ich kann nicht freundlich grüßen, wenn Bekannte vorübergehen, und mich nicht mit fremden Leuten in höfliche Gespräche einlassen. Es ist mir, als wenn heut so etwas wie ein fataler Familientag sei und als ob einige Ahnen und einige zukünftige Piraths dabei seien. Die Familie Pirath setzt sich in großer Versammlung mit der Entsetzlichkeit: Leben auseinander.“
Die beiden Brüder saßen dann rauchend den Abend über beisammen. Sie tranken und sprachen, und wie eine graue steinerne Säule stand das Ereignis des Tages mitten zwischen ihnen, sah stumpf schweigend ihrem Tun zu und drohte auf sie niederzustürzen. Dieses Beisammensein bestand aus vielen Anläufen zu einer intimen und sicheren Gemütlichkeit, die bei beiden aber wie ein Fluß in einer Grotte stets erschrocken verliefen, sobald sie die graue Säule gewahr wurden. Sie sprachen fast nur über Familie, erzählten sich von den einzelnen toten und lebendigen Mitgliedern, und Hermann brachte den Stammbaum und die Aufzeichnungen, an denen er seit jungen Jahren arbeitete. Sie verfolgten die Zweige zurück zu den Ästlein, die Ästlein zu den Ästen, die Äste in den Stamm, in dem in einer Doppelscheibe der Name jenes Jens Pirath stand, der noch an der Küste gewohnt und von Schiffahrt gelebt hatte.
„Da hast du den Piraten!“ sagte Hermann. „Ein Glück, daß die Familie ins Mittelland kam und dieser Ursprung sich verwischt hat. Mit dem Namen in einer Hafenstadt hätten wir ein feines Ansehen.“
In der späten Nacht gingen die Brüder auseinander. Das dumpfe unsichere Gefühl hatte sich bei Peter in diesem harmlosen und gesprächigen Beisammensein heimlich verlaufen. Er wunderte sich, daß es so leicht in ihm war, nur kalt. „Eis! Eis!“ sagte er laut in sein einsames Zimmer hinein, aus dem er ohne Zorn das Bild Rees entfernte. Die Eiszeit naht wieder. Seinen Schicksalsschlag in dieser Form auszudenken schien ihm primitiv groß und grausam. Er dachte an alte vorgermanische Urwälder, über die die Gletscher brutal hernieder wanderten.
Aber in den Tagen, die kamen, schlichen sich die Erinnerungen an die schillernde, kostbare, vielgestaltige Ree an ihn heran ... Das Eis konnte schmelzen, und in schwelgendem Schmerz dachte er sich allerlei Möglichkeiten aus, wie sein Leben mit Ree anders hätte laufen können. Ich war zu tölpelhaft für sie, zu einseitig auf die beiden Beine gestellt. Sie war ein erotisches Tier. Es konnte graziös und leicht wie eine Libelle zwischen den Porzellanfigürchen tänzeln, und auf einmal packte es eine Laune und warf das ganze Porzellan durcheinander ... Denn das Tier war so schön und kostbar, daß die Sorge, die man um das schundige Porzellan hatte, bestraft werden mußte.
Niemals kam aber auch nur der Schatten eines Gedankens, das Leben mit ihr wieder aufzunehmen, zu verzeihen und noch einmal zu versuchen. Es kamen Briefe von ihr. Er gab sie ungeöffnet Hermann, und Hermann gab sie dem Rechtsanwalt weiter, ohne sie zu lesen. Der Anwalt sagte Hermann, die Briefe seien alle sehr persönlich und enthielten keine Tatsachen außer der Bitte um Geld. Sie seien im übrigen so gehalten, als ob die Dame nie einen Friseur Larisch gekannt hätte und nie mit ihm im Heidegasthof gewohnt und nackt über die Heide geritten sei. Der Anwalt besprach auch nur mit Hermann die Form, in der der Prozeß geführt werden sollte. Peter erfuhr nur das Wichtigste. Er überließ den beiden alles. Er bat nicht einmal um Schonung für den andern Teil. Er sagte darüber zu Hermann: „Jeder mag seine Suppe so heiß essen, wie er sich sie gekocht hat. Ich blase die meinige selber und kümmere mich nicht um die eines andern.“