Part 15
Aber da kam Pirath dazu und sagte: „Doch, es ist wahr.“
Der Kapitän erhob sich vollends, ging auf die hereindrängenden Matrosen zu und schlug in sie hinein. „Wat wullt ji achtern, rut! rut!“ schrie er sie an. Sie drängten eilig hinaus. Nur Tedge und Hinnerk blieben in der Kajüte. Dann schloß er die Tür. Sein Gesicht war von der Lampe beschienen. Peter sah, wie durchs Scheinleit sich der magere Kopf Kluges plötzlich herabbog. Aber Kluge zog sich zurück, als er bemerkte, daß Pirath ihn sah. Das Gesicht des Kapitäns sah aus, als ob nichts geschehen wäre. Er war nur ganz rot überpudert. Er ging auf Hinnerk zu, der Tedge noch immer am Wickel hatte. Der Kapitän schrie Hinnerk an: „Ick bruk diene Füste nich. Lotlaten, ansonst streckst dien Been glik himmelwärts!“ Hinnerk ließ zögernd los. Da fragte der Kapitän: „Wat is nu los?“ Hinnerk erzählte, wie es gegangen war. Tedge rief immer: „He luggt! He luggt!“ Aber Pirath schrie bös hinein: „Er lügt nicht! Ich hab gesehen, wie er mit dem Messer zustechen wollte und hab seinen Arm niedergeschlagen.“
Der Kapitän wartete einen Augenblick. Dann fragte er: „Det haben Sie gesehn?“ — Ja! nickte Peter. „Un sinen Arm häwt Se nederslan?“ Ja! nickte Peter. Und plumps! war eine schwere Hand durch die Luft gefahren, wie ein springender Elefant, und war Tedge ins Gesicht geflogen. Der spitze dünne Kopf stob jämmerlich beiseite und donnerte an das Getäfel des Salons. Kaum hatte sich der Kopf wieder hochgerichtet, so flog er — pump! — unter einem neuen Schlag auf die andre Seite. Der Kopf ging hin und her unter der schweren Faust des Kapitäns.
Pirath spürte ein Unbehagen. „Sie schlagen ihn tot!“ rief er, „lassen Sie ihn doch, Sie schlagen ihn tot, Kapitän!“
„Den! tot?“ meckerte der Kapitän schrill. „So ’n Nilpferd von ’m Verbrecher, von nem Halbgehenkten, tot? Der ist mehr gewohnt ...“ Schließlich faßte er Tedge hinten beim Genick, riß die Tür auf und schmiß ihn mit einem gewaltigen Fußtritt aufs Deck in die Nacht hinaus.
Tedge flog in den Haufen der Matrosen, die dort in der Dunkelheit standen und auf den Ausgang der Sache warteten. Die Freunde Tedges murrten laut, als er so herausgeflogen kam. Die Anhänger Hinnerks wieherten vor Lachen.
Damm trank dann drei Rums. „So ne aasige Schweinebande!“ sagte er nur.
Peter fand keinen Schlaf. Er stand auf, als er Mitternacht glasen hörte, und ging an Deck hinauf. Kluge kam gerade die Treppe herunter. Zum erstenmal grüßte er Peter wieder nach jener Frage. Er schlich klein und zag im düstern Licht des engen Flurs zu seiner Kabine. Pirath ging die Stiege hinauf, setzte sich ein Weilchen ins Kartenhaus, das, wie eine Kabine mit Aussicht, auf dem Hinterdeck aufgebaut war, und trat dann ins Finstere des kleinen Decks, auf dem er Damm auf und ab gehen hörte. Hinnerk stand am Steuer. Damm schaute in die Segel hinauf, die leise klapperten. Er brummte zurück: „’n Strich höher, Rotzfott, bi de Wend!“ Pirath gesellte sich zu ihm. Sie gingen schweigend nebeneinander. Dann setzten sie sich in die dunkle Ecke auf eines der Rettungsboote, die seitlich neben dem vorderen Kompaß standen. Sie sahen Hinnerks dicken Kopf von Weile zu Weile, wenn er das Steuerrad drehte, sich in den Lichtschein vorbeugen, der von der Salonlampe durchs Scheinleit heraufdrang. Die Wache war dabei, die Großmastsegel aufzubrassen. Der Kapitän schaute von seinem Platz aus zu und rief manchmal ein kurzes Kommando hinab in die Nacht, in der die Matrosen arbeiteten.
Da auf einmal machte es: „Pßt, Kaptän! Kaptän, pßt!“ Eine flüsternde Stimme: „Pßt, Kaptän!“ — „Wat, pßt, Kaptän?“ fragte Damm brummig. Er wußte nicht, woher es kam. Aber plötzlich sah er Hinnerk erregt winken.
„Wat denn? Wat denn?“ fragte Damm und stand auf. Hinnerk zeigte in den Salon hinab. Der Kapitän und Pirath traten leise aus der Dunkelheit auf das Scheinleit zu. Hinnerk flüsterte: „Henry Tedge!“ und zeigte hinab. Und sie sahen unten Tedge im Licht der Lampe im Salon dahinschleichen. Er hatte einen Hammer in der Hand. Dann verschwand er in eine Ecke. Er verschwand in der Ecke, wo der Schrank eingebaut war, in dem die Schiffsapotheke untergebracht war und in dem der Chronometer gut eingekapselt aufbewahrt wurde, der die Zeit des ersten Meridians, die Zeit von Greenwich durch die Welt trug. In diese Ecke sah man nicht von oben. Damm meckerte flüsternd: „He will sik det blaue Ooge einbalsamieren!“
Sie hörten, wie der Schrank aufging, und auf einmal gab’s einen Schlag und Splitter, und die Menschengestalt flog unter der Lampe vorbei. Damm grölte auf. Er stürzte schwer auf das Kartenhaus zu, fiel donnernd die Stiege hinab ... Pirath folgte ihm hastig und erschreckt. Sie fanden im Schrank den Chronometer zertrümmert, und der Hammer lag inmitten von Scherben und Messingstücken. Damm hob nur die Fäuste hoch. Er brachte kein Wort heraus. Seine Lippen gingen auf und ab. Dann setzte er die Rumflasche an den Mund und beruhigte sich. Er sagte nichts, zog aus einer Lade einen Revolver heraus, aus einer andern eiserne Handschellen und ging vorn aufs Mitteldeck und zum Logis. Pirath folgte ihm mit fliegenden Adern.
Der Kapitän fragte nach dem Meister. Der Meister hob sich langsam aus der Koje. Er war ein breiter starker Mann und sah aus wie ein Fleischer. „Da hewt ji wat! Meister!“ sagte Damm, „$Come on!$“
Die drei gingen ins Logis. An einem Balken schwankte eine trübe Laterne und warf die Schatten ihrer Stäbe regelmäßig über die Kojen und den breiten Tisch. Am Tisch saß jemand. Der hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schlief. Sie erkannten gleich, daß es Tedge Hein war. „Tedge!“ rief der Kapitän in der Tür, indem er auf den Schlafenden zutrat. Tedge schien nichts zu hören. Der Kapitän rief nochmals lauter. Da brummelte Tedge, erhob sich wie schlaftrunken und rieb sich die Augen.
Da schlug der Kapitän von oben herab seine Faust wie auf einen Amboß Tedge auf die Stirn. Der Matrose fiel widerstandslos nieder, stieß zwei Stühle um und sank weiter auf den Boden. „Du Kriminal!“ stotterte der Kapitän. Sein Gesicht war rot wie eine Feuersbrunst im Nachthimmel, und in dem unveränderlichen Aussehen kalt und grausig. Er sagte zum Meister: „Leg ihm die Handschellen an! Er hat den Chronometer zerschlagen!“ Matrosen stiegen aus den Kojen, durch den Lärm aufgeweckt. „Bleibt liegen, ihr Rotzfötter!“ brüllte Damm. Der Meister legte dem am Boden Liegenden die Handschellen um. In den Kojen erhob sich ein Gemurmel. Damm achtete nicht darauf. Er befahl, den Tedge in eine der Segelkammern einzusperren. Dann ging er mit Peter achtern zurück. Unterwegs, in der Finsternis, sagte er ihm: „Sie müssen jetzt nachts immer die Koje schließen, wenn Sie schlafen, und stecken Sie auch tagsüber einen Revolver ein.“
Das tat Pirath, und er sehnte sich mit brünstiger Gewalt nach dem süßen Erdenfleck an der amerikanischen Küste, an dem er an Land dürfte.
Er fragte Damm am nächsten Tag: „Wie lang haben wir noch?“
Damm antwortete schlecht gelaunt: „Zweitausendneunhundert Meilen.“
„Können wir denn weiter auf die guten Winde zählen?“ fragte Pirath, der die Meilen in Tage umrechnen wollte.
„Darauf schon. Aber nicht auf den Kurs!“
„Was will das sagen?“
„Dat wir mit dem kaputtnen Chronometer keen Besteck nehmen können ... Der Hundsrotz. Schweinefott!“ schimpfte er auf einmal los. „Der aas’ge Kriminal! So ’ner sollte man gliks an’ Besan kommen, daß er mit der Zung’ das Steuerrad belecken kann, so ’n Halbgehenkter. Wo wir jetzt herauskommen? De Splitteren von den Chronometer mögt dat weeten, ick nich.“
Sie mußten jetzt mit ihren Taschenuhren arbeiten. Eine wurde nach ungefährer Berechnung auf die Zeit von Greenwich gestellt. Aber die Uhren schwankten alle voneinander ab, und niemand wußte, um wieviel die Greenwichuhr, die unten in kardanische Ringe gelegt war, jeden Tag vor- oder nachging. Auch das Sekundenzählen beim Mittagmessen ging mit dem kleinen Sekundenrad nur sehr ungenau. In den fünfundvierzig Tagen, die sie unterwegs waren, hatten sie kein Schiff gesehen, und auf eine solche Begegnung, bei der man sich die geographische Lage hätte sagen lassen können, war auch künftighin nicht zu rechnen. Der Himmel war immer bewölkt. Auch nachts sah man keine Sterne. Sie stürmten ins Ungewisse hinein. Jeder Tag verstärkte die Unsicherheit des Kapitäns. Sie konnten nordwärts zu Inseln treiben. Die Osterinsel lag im Kurs. Die Karten zeigten hier und dort Riffe. Nachts sah man das alles nicht.
Pirath war es in dieser bösen Zeit, die sich nie mehr zu einer ausruhenden Minute fand, als ob sich sein Leben vom festen Erdboden gelöst habe und leicht und zerbrechlich, wie das Leben von jenen durchsichtigen Nachtinsekten, die ein Windhauch töten kann, übers Meer schwebend getragen würde. Eine Sekunde könnte es unversehens aus dem Dasein blasen. Er betete: „Komm, o süßer Erdenfleck an der amerikanischen Küste!“
Dann half er dem Kapitän und Steuermann in langen Beratungen voll jähzorniger Ausbrüche allen Wahrscheinlichkeiten nachjagen, um jeden Tag die geographische Lage festzustellen. Man hatte nicht viel mehr Hilfsmittel als das Log, das die tägliche Meilenzahl angab. Aber da man die Stromversetzung nur auf „vielleicht“ berechnen konnte, war diese Berechnung nicht zuverlässig.
Kluge war nun wieder freundlich und ergeben, wie er zu Anfang der Reise gewesen war. Die Not hatte die Erbitterung in ihm erdrückt. Die drei Menschen achtern mußten auch fest zusammenhalten gegen das Logis. Dort wuchs eine Luft von Aufruhr immer dicker an. Der Meister, der Koch, Hinnerk, Niklas und die drei Schiffsjungen waren die einzigen, auf die das Achterdeck fest zählen konnte, und der Meister kam täglich mit einer Beschwerde über Widersetzlichkeit und Drohungen. Der Kapitän, Pirath und Kluge trugen stets ihre Revolver bei sich. Auch der Meister bekam einen. Der Kapitän trank viel und ging selten ohne Rausch schlafen. Aber er hatte die Eigentümlichkeit, daß der Rausch ihn in seinen beruflichen Verpflichtungen nicht störte. Den Steuermann hielt er mit Rum so knapp als möglich, und er bat auch Pirath, ihm nichts zu geben. „He kann nix verträgen!“ sagte er.
Eines Sonntagabends, als Pirath, und der Kapitän das Nachtessen beendet hatten, kam der Meister in die Messe herein und sagte, die Engelmanns und Normanns und Amerikaners täten sich zusammen und kämen achtern. Da stand der Kapitän auf und ging hinaus an Deck. Peter stieg zum Kartenhaus hinauf und auf die kleine Kommandobrücke, die wie ein Steg bis zum Großmast über das mittlere Deck vorgeschoben war. Er sah im Licht, das aus Kluges Kabine fiel, unter sich den Kapitän stehen. Übers Deck trat eine Schar Menschen im Dunkeln. Der Kapitän fragte barsch in die Finsternis hinein: „Wat wollt ji?“
Einer sagte: „Kapitän, Sie sollen den Henry Tedge freigeben.“
Der Kapitän schaute in der Dunkelheit um sich, griff in die Nagelbank des Großmastes und zog einen der schweren eisernen Koffeinägel heraus, um die die Taue befestigt wurden. Er rückte auf die Bande los. Einige, die zu hinterst standen, gingen wieder zurück. Der Segelmeister, der ein Finne war, rief frech: „Et schickt sich nicht, daß ein Vollmatrose von wegen eines ... eines aasigen Langbeins von Spionierer ins Eisen kommt.“ Peter erschrak oben auf der Brücke. Das war wiederum er. „Spionierer?“ Und „meinetwegen kam der ins Eisen“? Er schüttelte den Kopf und wollte ruhig sich bezwingen, hinabgehen und den Finnen um Rechenschaft bitten.
Aber der Kapitän hatte schon vor sich in die Dunkelheit gegriffen und hielt einen an der Brust: „Du Finnrusse, du riskierst de Baß! Soll ich dir $per la maing$ man seggen, wat sich schickt, du Lauseschwein!“
Die Matrosen traten unter dem grob vorrückenden Kapitän zurück. Die hinten standen, drehten sich um und gingen rasch davon. Der Finne riß sich los und stieß in die andern, die langsam zurückrückten, hinein. Da zeigten auch die den Rücken und liefen so rasch sie konnten.
Der Kapitän warf den Nagel ins Meer. „Dadran soll kein anständiges Tau mehr kommen!“ schimpfte er.
„Die Segel schämen sich sonst!“ — Dann ging er zu seinem Rum.
Peter setzte sich neben dem Kompaß auf die Kante des Rettungsboots, das dort hereingeschoben stand. Er war verzagt, ärgerlich und wütend. Sollte der Teufel das blöde Unternehmen holen! Was ihn nur geritten hatte, sich auf dieses Schiff einzulassen, auf diesen Kasten von Verbrechern! Wenn er mit dem Dampfer über Sydney gefahren wäre, so säße er jetzt zwischen gesitteten Menschen, reiste bequem, und alle Bedürfnisse würden ihm befriedigt, und er wäre bald zu Hause und könnte die große Arbeit beginnen. Gestohlene Tage sind das hier! Das ist altertümlich! Ein zeitgenössischer Mensch soll diesen sentimentalen romantischen Segelschiffabenteuern aus dem Weg gehen. Er spielte in der Tasche mit seinem großen Browning und hätte ihn gern nach vorne hin abgeschossen in die Nacht und die elende Verbrecherbande hinein, die dort hauste, weil sie die ordentliche Gesellschaft der festen Erde fliehen mußte.
Die Segel fingen an über ihm zu knallen, und das Schiff holte mit einem mächtigen Schlag auf einmal über. „De Wend schralt!“ hörte er Kluges Stimme hinten beim Steuerer. „Ach was!“ sagte sich Peter. „Ich geh schlafen! Ich wollte, ich könnt jetzt mich da unten in die Koje legen und erst aufwachen, wenn der süße ersehnte, rettende Erdenfleck an der amerikanischen Küste da ist ...“
Er verweilte noch einige Minuten, schaute den wie rätselhaft gewaltvollen Bau der vollbepackten Maste hinauf, die in abgebauten Stockwerken ihre Segel übereinander türmten, wie fremde Pagoden in verhaltenen Schwankungen mächtig hinüber und herüber pendelten. Dann ging er. „Wenn nur Damm nicht drunten sitzt! Ich will keinen Menschen sehen und kein Wort sprechen!“ sagte er sich gereizt. Im Kartenhaus stand Kluge und klopfte auf das Barometer. „Dat Barometer geiht bannig dohl!“ sagte der Steuermann. Pirath antwortete nur: „Ich geh schlafen, gute Nacht!“ und glitt die enge Treppe hinab. Damm schnarchte in der Lotsenkammer, in der er jetzt immer bei offener Türe schlief. Peter schloß seine Türe und legte sich ins Bett. Aber er fand keinen Schlaf. Es lagen alte deutsche Zeitschriften in seiner Kabine. Er begann zu lesen. Er konnte auch nicht lesen.
Da streckte er sich auf den Rücken und dachte sich heftig, immer schmerzender, immer trotziger in seine Mißstimmung und seine Wut hinein, bis er schlief und in langen Träumen in sonderbaren Abarten noch einmal alles, was ihn plagte, erlebte, viel grausiger und härter, viel unentrinnbarer und wesenlos wie ein Symbol. Er saß eng eingesperrt in einem Rohr mit eisernen Wänden, und das Rohr fuhr hoch über der Erde, und er wußte, es dauert hundert Jahre, bis es daheim ist. Hundert Jahre lang kannst du kein Glied rühren. Schrei! Brüll’! ... Aber seine Stimme nahm keinen Ton an. Sie flog wie aus einem dumpf zischenden Ventil durch seinen Hals. Und wenn du nach hundert Jahren unten bist, so bist du doch natürlich längst tot, und dein ganzes Leben lang wird dir nicht mehr die süße Freiheit, dich zu bewegen, wie du willst, ruhig mit Menschen zu sprechen und deine Zentrifugen schleudern zu sehen. Das Rohr stieß auf etwas auf. Es gab einen plumpen Schlag. Dann war es, als ob es polternd und mit Donner in einer engen Schlucht von Wand zu Wand in heftig aufschlagenden Zickzacken in die Tiefe sauste, und Peter erwachte in einer Kabine, die toll geworden zu sein schien.
Die beiden Stühle kreiselten durcheinander und schlugen bald diesseits, bald jenseits an die Wand. Die Lampe tanzte überm Bett in den kardanischen Ringen, und plötzlich schleuderte das schwarze offene Ochsenauge einen wilden Strudel von Wasser über Peter und das Bett. Da sprang er heraus, torkelte in der tanzenden Kabine zu Boden, klemmte sich irgendwo an und riß die Hose über die Beine, zog sich an und machte sich hinaus. Im Salon war es finster. Er schlich auf Händen und Beinen am eingebauten Büfett entlang, in dem die Gläser klingelten und Scherben berstend sangen.
Die schmale Treppe zog er sich ins Kartenhaus hinauf. Auch dort war es finster. Er flog wie in einer Schaukel, stemmte vergeblich die Beine auseinander, um fest zu stehen, trotzdem er sich anhielt. Als er eine Tür aufschieben wollte, preßte sich, wie ein plump vorwärtsstürzendes Tier, ein Wind gegen ihn, Wasser prasselte in sein Gesicht wie Nadeln ... Er konnte die Tür nicht mehr schließen, kroch hinaus, die Nacht raste und schrie, und vorn am Schiff bellten die Segel wie Hunde in der Nacht, mit langen heulenden Stößen. Und auf einmal schlug ein knatternder Krach in die bellenden Stöße, und Peter sah weiße Flügel in die Nacht schlagen und versinken. Die Klüversegel waren abgerissen.
Da schrie mit unmenschlicher Stimme der Kapitän in die tosende Dunkelheit: „Kluge! Kluge!“
Peter machte sich am Scheinleit fest, das in die Messe hinabführte und an das das Kartenhaus angebaut war. Er lag halb darüber und krallte sich ans Gitter der Greetings, mit denen die Scheiben eingedeckt waren. Bald hörte er zwei Stimmen vor sich, die sich in der Nacht anfuhren.
„Wat makt die Banditen? Is jem de Steert uppe Rahen anwossen?“ Das war Damm. Kluge brüllte dagegen: „Sie wollen nich! Sie wollen nich!“ Der Kapitän schrie hundert unflätige Schimpfworte hinauf; er stand vorn auf der Kommandobrücke, im Mantel, und brüllte in die Nacht hinauf. Kluge war wieder fort. Pirath wurde steif in seiner Stellung. Aber das Schiff schlug so im Sturm, daß er sie nicht aufgeben konnte, weil er keinen andern Halt sah.
„Was ist geschehen?“ fragte sich Peter unglücklich. Der Orkan sprang wie Kanonenschüsse in die Segel. Die bogen sich, vom Wind gezerrt und geschlagen, und waren rund gespannt wie Gewölbe, die vor dem Einsturz erregt aufzittern; sie schienen verzweifelt zu schreien: Wir halten nicht! Wir können nicht mehr! ...
Der Hinterteil des Schiffes stieg hoch wie ein Turm und setzte, plötzlich abwärts sausend, aufs Wasser nieder, als ob ein Berg aus der Nacht ins Meer fiele. Einmal tat die Nacht einen schrillen Schrei, und neben Pirath schleuderte ein Segel auf den Boden, hob sich wieder rasend hoch, taumelte brüllend wieder herab, und ein Fetzen peitschte Pirath über den Rücken. Er ließ vor Schreck und Schmerz los, schlug am Boden rollend, rasch die Hände nach der offenen Tür des Kartenhauses, und das auf und ab fahrende Segel peitschte den Scheinleit in Stücke und flog unsichtbar nach und nach in der Nacht davon. Eine Woge wälzte sich von hinten übers Steuer, drückte Pirath an die Tür, die krachte, und schoß strudelnd die Treppe hinab und warf sich zugleich durchs Scheinleit grell gurgelnd in die dunkle Messe.
Pirath hob sich halb auf, von Wasser triefend. Er sah niemanden mehr am Steuer. Er wälzte sich zur Reling und kroch an ihr nach der Kommandobrücke. Der Kompaß stand dort in einer Holzsäule. An die klemmte er sich an und richtete sich halb auf. Damm sah ihn: „Hier wassen keine Palmen!“ sagte Damm nur. Da war es, als ob der in weiten Kreisen, wie ein unnatürlicher, geheimnisvoll rasender Drache durch die Nacht drehende Großmast, an dem noch sämtliche Segel hingen, einen Körper aus der Finsternis pflückte und ihn über den Köpfen von Pirath und Damm hinweg davon spritzte.
Das mittlere Deck unter Piraths Füßen war anzuschauen wie ein in die Dunkelheit gedeckter fliegender Rauch. Das Meer wälzte beiderseits darüber. Und einmal wieder, als ob die Nacht entzwei risse, barst das Gewölbe des Großsegels, flatterte erregt wie zwei große Riesenvögel beiderseits vom Mast hoch und fuhr in knallenden Flügen hin und her und peitschte sich Fetzen für Fetzen vom Leib, die brüllend und rasend vom tobenden Schlund der Finsternis eingesaugt wurden.
„Was ist denn?“ fragte Pirath mit zagender Stimme den Kapitän. Aber der hörte nicht. Damm stand schweigend und dick in der Dunkelheit und bewegte sich nicht. Er stand neben Pirath wie ein unheimlicher alter Baumstrunk. Die zerreißenden Rufe der Segel krachten ununterbrochen hintereinander über den brüllenden Sturm hinaus. Langsam kam ein Grauen ins östliche Gewölk, und die weißen durcheinander schlagenden Fetzen leuchteten auf im Osten des beginnenden Tages. Der Orkan wuchs in kreiselnder Wut.
Das ganze Schiff warf von Wasser, die Masten bebten, Pirath bebte, und das Wasser lief an ihm wie ein Brunnen herab. Er sah an dick umwickelten Rahen einige Menschen. Lebten sie noch? Sie klebten dort droben unbeweglich wie tote ausgedörrte Fliegen im Winter an einer weißen Stange. Auf der Bramsaling und der Mars über ihm hockten zwei Häuflein Menschen aufeinander wie auf zwei Balkonen des Todes. Sie fuhren mit den Masten wild und wüst durch das immer heller werdende Grauen.
Da brach über ihnen die Stenge. Sie brach ein, als ob das Gewölbe des Morgenhimmels zerkrachte. Der schwere Eichenbaum sauste droben lange hin und her, vom Gut noch gehalten, schlug auf die Pardunen wie auf einen federnden Amboß. Das Häuflein Menschen auf dem Todesbalkon der Bramsaling zerstob. Wohin? Als flöge es durch die Luft von einer Fliegenklappe gescheucht ... Ins Meer? Auf Deck? Wohin? Wer sah’s genau? Das Meer war eins auf dem Deck drunten. Nur manchmal schaute die hohe Luke hinter dem Großmast hervor, und auf die fiel auf einmal mit der Spitze gerade hinein, wie ein Pfeil des strafenden Gottes, die abgebrochene Stenge.
Sie durchschlug die Luke, verschwand, die Seen stürzten ihr nach wie eine rasende Meute, preßten das Loch auf, zersprengten die Luke und waren auf einmal ein unendlicher Haufen von riesenhaften, widerstandslosen Maulwürfen, die sich in den Leib des Schiffes hineinwühlten. Der Großmast legte sich nach vorn, sank rasch; die „Hinnerjette“ durchdrang ein erschütternder Schlag, sie bebte wie eine Maschinenhalle ... Der Vorderbug war zerspalten, war eine Grube, in die die zerfleischenden Gebirge des Meeres rasten wie zerspellende Eisenbahnzüge.
Da fuhr die Stimme des Kapitäns auf, wie ein Trompetenstoß: „Luken eingeschlagen. Rettungsboote klar ...“
Aber wer war da, der einen Befehl ausführen konnte ...? Peter sank am Kompaß nieder. Ein Gefühl kam aus der Gefahr über ihn, als ob ein heißer Strudel rasch durch seine Adern flösse und aus dem Unterleib heraus in rasendem Drehen versprühte, als ob er dabei selber allmählich verdunstete. Er stammelte hilflos dagegen an: „Oh! ’s ist ja nicht wahr! Wir gehen nicht unter! ...“ Und als er Willen und Mut zusammenraffte, schrie er: „Wenn ich denn doch nicht untergehen will. Wer arbeitet sonst? Wer macht denn die Gründung zu Ende?“ Er parlamentierte auf einen energischen Ton mit dem Sturm und dem Wrack, das ihn noch zwischen Dasein und Jenseits trennte. Aber er wußte: Mein Wille ist nichts. Wenn ich meinen Willen aus mir nehme, so verschwindet er wie eine Seifenblase. Es gibt kein Leben mehr. Die Stunde ist da ...
Und während er zunächst darüber so erschrak, daß es war, als raste ein rotglühender Dolch ihm ins Becken, kam dann bald die gefaßte Todesbereitschaft über ihn, der er oft in Gedanken obgelegen hatte. In dem dunkeln Chaos seines Gemüts ordneten sich, wie um Abschied zu nehmen von dem neuen Leben, rasch die Erlebnisse, die es hatten mitbilden helfen, und über allem stieg ein Wörtchen auf, aus diesem urhaften Brunnen und taumelte wie selig über seine Lippen. Er murmelte es. Es hieß: „Ewe!“ und der Sturm prallte ihm das reiche zarte Wörtchen von den Lippen. Aber das Wörtchen stieg unversiegbar immer wieder von neuem auf seine Lippen. Das Wörtchen war wiederum, so wie der Dolch, ein Sporn, ein ergebenes Mitziehen, und es hielt in seiner großen Brust die kämpfenden Wagschalen von Lebensbegehren und Sterbensbereitschaft straff am wagrechten Balken.