Pipin: Ein Sommererlebnis

Part 9

Chapter 93,618 wordsPublic domain

»Ich habe einen Spaziergang während der übrigen Erbauungsstunde gemacht«, sagt er zu Eugenie. »Da Sie zu den Bekehrten zählen, Fräulein Eugenie, könnten Sie ja den Correpetitor des verlorenen Sohnes machen, wollen Sie nicht? Von so schönen Lippen nehmen die verlorenen Söhne noch am liebsten die Lehren der Weisheit an.«

Pipin gesellt sich zu mir. Nach einem beklommenen Schweigen sagt er mit erstickter Stimme:

»Lieber Gott! Was für Hoffnungen habe ich auf diesen Tag gesetzt! Und jetzt kommt es mir vor, als ob alle enttäuscht und schlecht aufgelegt wären, nicht bloß ich.«

In meiner Verstimmung antworte ich: »Pipin, es wäre das Gescheidteste, Sie würden endlich einen Strich darüber machen. Es kann Ihnen ja nichts als Enttäuschung auf Enttäuschung bringen.«

»Einen Strich machen? Worüber einen Strich? Warum einen Strich?«

»Aber Pipin! Dieses viele Fragen ist wirklich ermüdend!«

»Verzeihen Sie! Ich« -- er schweigt hilflos. Nach einer Pause aber fährt er doch fort: »Ich habe wirklich nicht verstanden, was Sie meinen.«

»Desto besser! Dann lassen wir die Sache.«

»Ach so -- jetzt verstehe ich! Sie meinen Elmenreich? Aber gleich einen Strich über ihn machen, das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Es ist wahr, er hat den Grafen durch sein Benehmen tief gekränkt -- aber sagen Sie selbst, mußte man nicht etwas Aehnliches von ihm gewärtigen? Auf den ersten Anlauf ist so eine Festung wie er nicht zu nehmen. Meinen Sie wirklich, daß da alle Mühe vergeblich ist?«

»Ich habe nicht Elmenreich gemeint --«

»Ja, worüber soll ich dann einen Strich machen?«

»Ich glaubte, Sie hätten diesen Strich schon gemacht, Pipin. Aber wenn nicht -- warum gehen Sie dann mit mir statt mit Eugenie?«

»Sie sehen ja, daß neben Fräulein Eugenie kein Platz frei ist. Ich kann doch nicht Elmenreich oder Dr. Kranich mit Gewalt von ihrer Seite wegreißen?«

»Wenn Sie sich immer freiwillig in den Hintergrund stellen --!«

»Ich stelle mich nicht, ich werde gestellt.«

»Sie müssen sich aber nicht stellen lassen! Sie müssen Ihren Platz behaupten, um Ihren Platz kämpfen --«

»Das wäre zudringlich von mir.«

»Sie warten also darauf, daß Eugenie Sie auffordert?«

»Ja! Ich warte darauf, wie man auf ein unverdientes Glück eben warten muß.«

»Nun, Pipin, auf diese Weise werden Sie nichts bei den Frauen erreichen, am allerwenigsten bei einem Mädchen, das durch Huldigungen so sehr verwöhnt ist, wie Eugenie. Ich glaubte, oder vielmehr ich hoffte, daß Sie sich Ihre Bewerbung um sie aus dem Sinn geschlagen hätten -- und aufrichtig gestanden, es wäre das Gescheidteste, Sie thäten es wirklich.«

Pipin lächelte mit Seelenruhe; meine Worte brachten nicht den geringsten Eindruck bei ihm hervor. Er wundere sich, daß ich ihn für so unbeständig und wankelmütig halte. Wie? Vor vierzehn Tagen habe er den Entschluß gefaßt, sich um Eugenie zu bewerben, und heute sollte er ihr schon abtrünnig werden? Weil sie sich einen Nachmittag lang mit anderen mehr abgegeben habe als mit ihm? Das sei zwar schmerzlich für ihn, aber schließlich wäre es doch ungerecht, zu verlangen, daß sie sich mit ihm besser unterhalten sollte als mit Elmenreich und Dr. Kranich, die beide so überlegene Menschen seien --

Gut; nur wisse ich dann nicht, wie er sich die Sache in Zukunft vorstelle, wenn er immer freiwillig jedem »überlegenen Menschen« den Vorrang einräumen wolle --

Nun, was das betreffe, so könne ich doch nicht von ihm glauben, daß er jemals, jetzt oder später, seiner Frau vorspiegeln werde, er selber sei ein überlegener Mensch; oder daß er von ihr verlangen werde, sie müßte ihn für einen überlegenen Menschen halten --

Sehr großmütig gedacht; aber Großmut sei leider nicht immer am Platz --

Großmut? großmütig? Nicht im Entferntesten! Für einen Menschen von seiner Beschaffenheit sei das einfach selbstverständlich, und es wäre höchst lächerlich, wenn er irgendwie anders dächte oder empfände --

Er äußerte das in der That mit einer einfältigen Schlichtheit und Wärme, die noch überzeugender war als seine Worte. Ich faßte ihn bei der Hand und sagte noch einmal eindringlich:

»Pipin, hören Sie auf mich -- Eugenie ist keine Frau für Sie! Schlagen Sie sich diesen Gedanken aus dem Sinn, solange es noch Zeit ist!«

Aber da wurde er sehr ernst. »Es ist nicht mehr Zeit, gnädige Frau! Vorgestern abends beim Nachhausegehen -- es war sehr finster, ich bot Eugenie meinen Arm, und da -- und da sagte ich ihr -- wie es um mich steht -- das heißt, ich sagte ihr, daß sie über mich befehlen könne, wie über einen Leibeigenen, daß ich jeden Tag und jede Stunde mit Leib und Leben und allem, was ich habe, ihr zur Verfügung stehe, daß ich ihr gehöre für Zeit und Ewigkeit. Ich sagte ihr, daß ich gar nicht die Anmaßung hätte, ihr eine Liebeserklärung zu machen, und daß sie das nicht als eine Liebeserklärung auffassen dürfe; aber wenn ein Tag käme, wenn jemals ein Tag käme, an dem sie mich brauchte oder an mich dächte, oder -- oder -- an dem sie frei sein wollte von dieser Umgebung zu Hause -- oder wie immer -- dann brauchte sie nur ein Wort zu sagen und dann würde sie mich zum Glücklichsten, zum Allerglücklichsten aller Menschen machen -- und die bloße Vorstellung, daß ein solcher Tag kommen könnte --«

Er hielt atemlos inne. In seiner Stimme waren Thränen; er rang nach Worten und fand keine mehr. Die bloße Vorstellung, daß ein solcher Tag kommen könnte, hatte ihn völlig überwältigt.

* * *

(Aus einem Briefe.)

18. August 1893.

... Oder hätte dieses Mißverhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Denken und Handeln, das einem die Gegenwart verleidet, vielleicht zu allen Zeiten bestanden? Und es gäbe Helden und wahre Könige immer nur in der Vergangenheit? In der retrospektiven Betrachtung, wenn das dichterische Bedürfnis der menschlichen Phantasie alles Fehlende ersetzen kann, wenn sich durch die Wirkung der Distanz die eckigen und schlechten Linien des Alltäglichen verwischen, die störenden Details, die so kleinlich und so unmalerisch sind?

Also könnten sie noch Helden künftiger Legenden werden, alle diese Unzulänglichen, die da herumgehen mit großen Gedanken, denen sie nicht gewachsen sind --? Ueber die sie stolpern wie über ihre Mantelschleppe, sobald sie einen Schritt zu ihrer Verwirklichung machen --? Elmenreich hat einmal von dieser Art Menschen gesagt -- -- aber gehört denn Elmenreich nicht auch zu dieser Art Menschen? Er spielt nur in einer anderen Tonart, er posiert nur mit einer anderen Geberde, aber er posiert auch!

Du siehst, ich bin gegenwärtig so schlecht zu sprechen auf ihn, daß ich lieber gar nicht von ihm reden sollte. Du könntest dich sonst genötigt sehen, ihn zu verteidigen. Wenn du das beiliegende Heftchen durchliest -- ich habe für dich das »Fest des ersten Versuches« ausführlich niedergeschrieben -- dann wirst du aber selbst den Punkt bemerken, an dem es sich entschied, daß ich über Elmenreich umlernen muß. Ich habe ihn für einen tragischen Menschen gehalten, der durch sein inneres Leben in einen unlösbaren Konflikt mit dem äußeren Leben gebracht wird. Nun -- jetzt halte ich ihn nicht mehr dafür. Jetzt glaube ich, daß das Leben nur in seinen Reden schwer und tragisch für ihn ist.

Darüber sollte ich mich eigentlich freuen. Und doch freue ich mich nicht. Ich fühle eher etwas wie Enttäuschung.

Deshalb teile ich auch nicht deine Meinung, daß eine Auseinandersetzung mich ihm wieder näher bringen könnte. Was in aller Welt sollte ich ihm auseinandersetzen? Kann ich ihm sagen: Lieber Elmenreich, Sie sind ja ein ganz anderer Mensch, als ich dachte --?

Und dann! Versuch' einmal, ihm mit Vorwürfen zu kommen! Da hast du schon verspielt. Er übertrumpft dich gleich: »habe ich nicht immer gesagt, daß ich ein ganz gewöhnliches Subjekt bin, ein unerträglicher Kerl, ein Mensch, den man sich drei Schritt vom Leib halten muß --« und so fort. Das ist freilich nur Maske. Im Grunde verletzt es ihn so wie uns Uebrige, wenn man schlecht von ihm denkt, obwohl er jedermann beständig dazu auffordert -- -- Nein, nein, es giebt keine Reparatur durch Auseinandersetzungen, sobald man von jemandem enttäuscht ist. Was immer zwei Menschen in einem solchen Fall einander sagen: Der eine kann es nicht verzeihen, daß er enttäuscht worden ist, und der andere kann es nicht verzeihen, daß er enttäuscht haben soll ...

»Ja, große Dinge sind im Werk«, sagte Pipin und errötete vor Vergnügen. »Wir haben stundenlange Unterredungen, der Meister, der Graf und ich. Was sagen Sie zu diesem Trifolium, gnädige Frau? Das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich zu solchen geistigen Ehren gelangen werde!«

»Sie sind eben auch ein maßlos eitler Patron!« brummte Elmenreich.

Dagegen verwahrte sich Pipin mit Eifer. Ob er sich denn nicht darüber freuen dürfe, daß so überlegene Menschen wie der Meister und der Graf ihn ihres Umgangs würdigten? Und ob es denn nicht ein einwandfreier Ehrgeiz sei, nach geistiger Erweckung zu trachten? Nach der Erleuchtung, die man empfange, wenn höhere Geister sich einem offenbaren?

»Erweckung! Erleuchtung! Schau, schau! So weit sind Sie schon vorgeschritten? Die =termini technici= wenigstens haben Sie brav auswendig gelernt! Aber ich werde Ihnen etwas sagen, Pipin: wenn zwei Raubvögel einen Spatzen in ihre Mitte nehmen, so thun sie es nicht, um ihn zu »erwecken« oder zu »erleuchten«, sondern um ihn zu rupfen.«

Pipin wurde dunkelrot bis an die Haarwurzeln. Er stand auf, ging aufgeregt einige Schritte hin und her und schien mit einer heftigen Antwort zu ringen. Elmenreich aber fuhr fort:

»Nicht als gewöhnliche Gauner natürlich, nicht mit eingestandener Hinterlist, Gott bewahre! Sondern in aller Unschuld und Selbstverständlichkeit, als eine Sache, die geborene Raubvögel thun können, ohne sich etwas zu vergeben. Das gehört zu den Eigenheiten der =species=, lieber Pipin; und Sie würden gut daran thun, wenn Sie von Ihrem Standpunkt aus sämtliche »höhere Menschen« ein für allemal als Raubvögel betrachteten und sich mit ihnen nicht weiter einließen.«

Als er aber sah, daß er damit Pipins Mitteilsamkeit abgeschnitten hatte, lenkte er wieder ein:

»Uebrigens thun Sie, was Sie wollen; mich geht ja die Sache nichts an. Ich will nichts gesagt haben -- Gott bewahre mich davor, daß ich mir einfallen lasse, einen erwachsenen Menschen zu bevormunden --« woran er noch einige längere Betrachtungen über das Verkehrte und Vergebliche des Besserwissens fügte.

Pipin fand noch immer nicht den Faden seiner Mitteilung wieder; da fragte er endlich geradezu: »Also Pipin, legen Sie nur los: was ist denn da oben im Werk?«

»Sie sind heute nicht in der Stimmung«, versetzte Pipin ausweichend. »Ich sehe schon, heute hätte ich wieder Pech mit jedem Wort --«

Elmenreich ärgerte sich über diesen ungewohnten Widerstand. Es war unverkennbar: er wollte nicht ausgeschlossen sein von den Vorgängen, zu denen man ihn nicht mehr einlud. Sollte die wegwerfende Gleichgültigkeit, die er sonst diesen Vorgängen gegenüber zur Schau trägt, nicht ganz echt sein? Nur eine Form, die er sich zurechtgelegt hat, weil er sich in keiner anderen äußern kann? Aber niemals würde er das zugeben. Er, der nicht ansteht, sich selbst das Schlechteste nachzusagen, wenn es darauf ankommt, seine Selbsterkenntnis zu zeigen, er würde sich um keinen Preis diese kleine Schwäche eingestehen. Denn als ich nun halb im Scherz zu ihm sagte: »Sie interessieren sich also doch ein wenig für das, was auf dem Berg Alvernia weiter geschieht --?« stieß er nur einen kleinen verächtlichen Pfiff aus, stand auf und ging davon.

»Warum haben Sie das gesagt?« fragte Pipin vorwurfsvoll. »Eine solche Bemerkung ist doch das sicherste Mittel, ihn zu vertreiben. Und was für ein Glück wäre es, wenn er sich wirklich dafür interessierte!«

Dann erzählte er: Nichts Geringeres habe der Graf im Sinne, als »eine Verbindung mit der übersinnlichen Welt« zu finden. Und zu diesem Zwecke veranstalte er täglich mit dem Meister Uebungen. Ueber diese Uebungen wußte Pipin nichts Näheres; er war noch nicht vorgeschritten genug, um sie mitzumachen, so wurde ihm gesagt. Ein glücklicher Zufall aber habe es gefügt, daß in der Person der Bäuerin dem Meister ein Medium von wunderbaren Fähigkeiten zur Verfügung stehe. Der Graf selbst sage, verglichen mit dieser Frau sei er nur ein bescheidener Anfänger in der Wissenschaft des Uebersinnlichen. Und doch sei der Graf von einer so großen Entschlossenheit und Leidenschaft im Experiment, daß er geäußert habe: »Für eine neue Sensation setze ich jeden Augenblick Leib und Leben auf's Spiel.« Dabei trage er sich mit sehr weitschauenden Plänen. Die Resultate dieser Forschungen sollten nicht das Geheimnis einiger Weniger bleiben: Dem Meister müsse ein Wirkungskreis geschaffen, es müsse ein Weg gefunden werden, auf dem er sich der Welt offenbaren und dazu beitragen könne, sie aus den Wirrnissen der Gegenwart zu erlösen.

Anfänglich dachte der Graf an die Veranstaltung großer Volksversammlungen, in denen der Meister persönlich zum Volke reden und durch die Kraft des gesprochenen Wortes Macht über die Gemüter gewinnen sollte. Denn der Graf -- hier wurde Pipin ein wenig unsicher -- der Graf teile durchaus nicht die Meinung, daß das Auftreten des Meisters kürzlich kein glückliches gewesen sei. Obwohl er sich über den erhofften Erfolg nach einer gewissen Richtung hin keiner Täuschung hingeben könne, erscheine merkwürdigerweise in seiner Erinnerung das »Fest des ersten Versuches« als eine geradezu epochale Veranstaltung, als eines der ergreifendsten und bedeutendsten Ereignisse seines Lebens, das bei allen Teilnehmern einen unauslöschlich tiefen Eindruck hinterlassen haben müsse.

»Ich bin schon ganz irr an meiner eigenen Erinnerung«, fuhr Pipin fort. »Der Graf ist so durchdrungen von seiner Auffassung, daß er keinen Einwand gelten läßt. Zum Glück will der Meister selbst nicht aus seiner Verborgenheit hervortreten und zeigt sich nur ungern einer größeren Volksmenge.«

Und so hatte Pipin, der durch den Einfluß des Grafen trotzalledem einigermaßen »irr an seiner Erinnerung« geworden zu sein schien, die Gründung einer Zeitung vorgeschlagen, deren =spiritus rector= Meister Wendl sein solle -- eine Idee, die der Graf mit Begeisterung aufgriff. Diese Zeitung sollte das Organ der Vermittlung zwischen dem Meister und der Welt bilden; der Graf wolle auch dafür sorgen, daß sich ein Kreis von schreibekundigen Jüngern um den Meister versammle, damit »alle seine dunklen Worte in eine gemeinverständliche Fassung gebracht und den niedrigeren Intelligenzen verdolmetscht« würden. Ein solches Unternehmen müsse ohne Zweifel das ganze geistige Leben der Gegenwart reformieren; erst jetzt werde die alte Erfindung der Buchdruckerkunst ihre wahre segensreiche Kraft entfalten können, denn das gedruckte Wort reiche ja unendlich weiter als das gesprochene und geschriebene; ein neuer Menschheitsbund, ein Bund der erlesensten Geister werde auf diese Weise ins Leben treten; neue Geisteskräfte, die bisher in der Menschheit geschlummert hätten, würden Gestalt annehmen und zu wirken beginnen ...

Die gräflich Hermosasche Phantasie hatte ein bereitwilliges Gefäß gefunden, aus dem sie nun, erwärmt durch die Flamme dieses naiven Herzens, wieder überfloß. Pipin glaubt, was er sagt, er ist innig überzeugt davon -- und doch ist er ein schlechter Apostel. Man hört ihm zu und lächelt. Man lächelt -- selbst wenn man ihm so gutgesinnt ist wie ich.

Er bemerkte es und stutzte. »Sie sind also nicht der Meinung, daß eine solche Zeitschrift Erfolg haben müßte, gnädige Frau? Aber wenn zwei Menschen wie Meister Wendl und der Graf die Welt nicht in Bewegung setzen können, wer sollte es dann? Da muß doch was ganz Großartiges zu Stande kommen, nicht? Meinen Sie nicht?«

Ich fand es in diesem Augenblick unmöglich, seinen guten Glauben zu stören. »Warten wir erst, bis die Zeitung herauskommt«, sagte ich ausweichend. »Bis dahin ist ja noch lange Zeit --.«

»Oh nein! Die Vorarbeiten sind weiter fortgeschritten, als Sie denken --«

»Aber einen Verleger oder Herausgeber, kurz einen Menschen, der das Geld dazu hergiebt, werden Sie nicht so leicht finden, fürcht' ich --«

Pipin errötete wieder heftig. »Der ist schon gefunden«, versetzte er mit niedergeschlagenen Augen. »Der Graf wird Herausgeber und -- ich Eigentümer sein.«

»Das heißt, Sie werden derjenige sein, der die Geschichte bezahlt? Denn Sie wissen doch, der Graf hat kein Vermögen?«

»Ganz richtig! Der Graf wird seinen Teil im Geistigen beitragen und ich im Materiellen, so haben wir es vereinbart, und so ist es auch in Ordnung. Umgekehrt ginge es freilich nicht!«

Dabei lachte er von Herzen. Und mit seiner wichtigsten Miene erzählte er, alles sei schon bis ins kleinste Detail ausgedacht und durchgesprochen -- sogar einen Namen habe der Graf schon gefunden. »Leiweriam«, so werde das Blatt heißen.

»Leiweriam? aus welcher Sprache ist das?«

»Aus gar keiner. Es ist kein Sinnwort, sondern ein Klangwort, wie der Graf sagt, nämlich ein Wort, das nicht einen Begriff auslöst, sondern durch den bloßen Klang ein Gefühl. Auf das Gefühl muß man wirken, nicht auf den Verstand, das ist die Ansicht des Meisters; und darin liegt nach seiner Meinung der große Fehler der europäischen Kultur, daß sie den Verstand der Menschen hypertrophiert hat, daß sie sozusagen eine Ueberproduktion an Bewußtsein erzeugt hat --«

»Ich weiß, ich weiß«, sagte ich eilig. Wenn nun auch Pipin anfängt, zu predigen und Weltanschauung zu propagieren --!

* * *

Abends bei Tisch, bevor der Graf da ist.

Dr. Kranich zu Pipin: »Wir müssen wieder einfältig werden, Pipin, schlicht und einfältig wie unsere Großväter. Unser Brot selbst backen, unseren Kohl selbst bauen, eine Familie gründen, an unserem Charakter arbeiten. Keinen Alkohol mehr, kein Nachtkaffeehaus! Auch keine französischen Romane mehr: Die Bibel als einzige Lektüre, dieses Buch voll strenger Seelengröße und Sittenreinheit --«

Elmenreich: »Mna!«

Pipin nachdenklich: »Jetzt weiß ich nicht, Dr. Kranich, meinen Sie das mit dem Kohl bauen und dem Brot backen wörtlich oder nur so allegorisch? Und warum eigentlich soll man das alles selber machen?«

Dr. Kranich: »Um des inneren Friedens willen.«

Elmenreich: »Lieber Arthur, Sie ergeben sich neuestens einem unverantwortlichen Kultus der Phrase. Sie bemerken gar nicht, daß Sie da einen sehr gewöhnlichen Kurs eingeschlagen haben. Das ganze Leben des gewöhnlichen Menschen besteht aus einer Summe von Phrasen. Sobald man aber diese Phrasen auf ihren reellen Gehalt hin durchdenkt --«

Dr. Kranich, in seinem wohlwollendsten Ton:

»Lieber Elmenreich, Sie bewerten die Phrase ganz falsch. Sie sind eben leider ein Intellektualist. Der Intellektualist denkt über die Phrase nach und vernichtet damit ihre wahre Funktion. Die Phrase ist bestimmt, Empfindungen zu wecken und Instinkte auszulösen. Deshalb ist die Phrase das Wirksame und Mächtige; Gedanken aber sind das Ohnmächtigste, was es auf der Welt giebt.«

Elmenreich: »Nur, solange die große Mehrzahl noch auf dem Standpunkte der Negerintelligenz steht, für die das Denken etwas Unerträgliches ist. Man müßte eben die Leute vor allem denken lehren, denken --«

Dr. Kranich: »Um Gottes willen, das fehlte gerade noch, daß auch der Mob anfinge zu denken! Lassen wir doch der großen Mehrzahl ihre gesunde Dummheit; der gebildete europäische Mensch ist ohnedies nur mehr ein Erkenntniskrüppel und Begriffsidiot.«

Hier ergreift Pipin mit glänzenden Augen seine Hand. »Wie glücklich bin ich, daß Sie auch dieser Ansicht sind!« sagt er frohlockend. »Ja, wenn wir solche Bundesgenossen finden --«

»Bundesgenossen? Wir?« Dr. Kranich runzelt seine schöngeschwungenen Augenbrauen.

»Ja, Bundesgenossen, oder wenn Sie wollen, Mitarbeiter! Sie müssen Mitarbeiter unserer Zeitschrift werden, Sie haben ganz dieselben Ansichten und Gesinnungen wie wir; wir haben eine gemeinsame -- eine gemeinsame Weltanschauung --«

Dr. Kranich maß ihn vom Fuß zum Kopf mit einem boshaften Blick. Dann sagte er freundlich lächelnd:

»Oh, haben wir das? Wenn es Ihnen Spaß macht -- Ihr Mitarbeiter, Pipin, kann ich werden; aber den Meister und den Grafen lassen »wir« aus dem Spiel. Mit denen haben »wir« keine gemeinsamen Bestrebungen!«

»Aber ja, die müssen doch dabei sein! Ohne die geht es doch nicht!«

Dr. Kranich lächelt ohne zu antworten. Dieses Lächeln ist vieldeutig und unergründlich, es ist voll Mutwillen und Bosheit, voll Behagen und Hinterlist, voll Selbstgenügsamkeit und Menschenverachtung -- bestrickend und abschreckend zugleich.

*

Pipin schöpft tief Atem und wendet sich zu Elmenreich:

»Und an Sie, Herr Doktor, habe ich auch eine Bitte --«

Elmenreich: »Durch Bitten ist bei mir nichts zu erreichen, lieber Pipin.«

Pipin: »O ich werde nicht nachlassen! Ich werde Sie so lange bitten, Herr Doktor, bis ich Ihnen lästig werde, bis Sie ja sagen, nur um mich los zu werden. Bitten, bitten werde ich -- und Sie können keinen Widerstand leisten, wenn man bittet, deshalb sagen Sie, daß man durch Bitten nichts bei Ihnen erreicht.«

Elmenreich, halb ärgerlich, halb liebevoll: »Kindskopf!«

Pipin: »Also ich fange gleich an! Machen Sie es mir leicht -- was liegt Ihnen denn daran? Sie sind ja doch viel zu gerecht und zu objektiv, als daß Sie einen Menschen wie Meister Wendl nach einem einzigen mißglückten Versuch beurteilen wollten --«

Elmenreich, barsch: »Davon kein Wort mehr! Dorthin bringen Sie mich nicht, daß Sie's nur wissen. Machen Sie doch Ihre Augen auf, Pipin! Sie waren ja bis vor kurzem ein leidlich vernünftiger Bursche! Es wäre mir leid, wenn Sie in die unrechten Hände kämen. Sagen Sie mir nur, was suchen Sie denn dort oben bei diesem Verschleißer von verschimmelten Weltanschauungen? Glauben Sie wirklich, so ein Amateur-Apostel, der das Religionsstiften als Sport betreibt, kann von einem modernen Menschen ernst genommen werden?«

»Anfänglich schien mir das auch; aber jetzt bin ich bekehrt. Meister Wendl ist etwas, wofür wir modernen Menschen leider kein Verständnis haben -- er ist ein Weiser!«

»Sie meinen wohl, Pipin, man braucht bloß ein Dutzend alter Schmöker gelesen und aufgehört haben, sich zu waschen, um ein »Weiser« zu sein? Sie meinen wohl, man ist schon ein »Weiser«, wenn man einen haarigen Mantel trägt und mit Scherben aus der metaphysischen Rumpelkammer hausieren geht? Solche Weise können wir alle jeden Tag werden!«

»Aber warum werden wir es nicht, wenn das so leicht ist?«

»Weil wir zu viel seelisches Anstandsgefühl haben, mein lieber Pipin! Weil wir nicht schamlos genug sind, uns als Narren aufzuspielen! Weil wir nicht unredlich genug sind, zusammengelesene Gedanken für eigene auszugeben! Weil wir nicht --«

In diesem Augenblick kam der Graf. Da brach Elmenreich sofort das Gespräch ab.

(Aus einem Briefe.)

3. September 1893.

... Der Herbst verkündigt sich. Und er verkündigt sich hier wie der Frühling und der Sommer -- durch Regen. Aber dieser Regen ist noch ausgiebiger, noch eindringlicher, noch hartnäckiger. Er fällt mit der eiligen Wucht eines Platzregens vom Himmel, zwei Tage, drei Tage, vier Tage, unausgesetzt, eintönig, hoffnungslos. Und kein Windstoß kommt zwischen den hohen Bergwänden herein; unbeweglich liegen die Wolken auf den Abhängen, und alles Wasser, das sie heruntergießen, steigt unverweilt aus den Wäldern wieder zu ihnen hinauf.

Der Wirt und die Kellner gehen mit Armensündermienen herum und entschuldigen sich von früh bis abends für dieses unverantwortliche Wetter. Stündlich sehen sie nach, ob es denn noch nicht schneien will. Denn »wenn's schneit, wird's schön«, und dann beginnt die große Herrlichkeit des Herbstes, das beständige Wetter, auf das sie die Gäste unermüdlich von Woche zu Woche vertröstet haben.