Part 8
»Und wie er mit seinem Pessimismus Pfauenräder schlägt!« fuhr Dr. Kranich belustigt fort. »Das wird doch eine originelle Methode sein, den Hof zu machen!«
»Den Hof zu machen?«
»Vielleicht ist es übrigens keine ganz verfehlte Spekulation. Den lieben kleinen Mädchen imponieren, das ist die Hauptsache, wodurch, das ist Nebensache. =Faute de mieux= kann es auch durch Lebensüberdruß sein. Und wie es scheint --« er warf einen spöttischen Blick aus den Augenwinkeln auf mich -- »macht man damit Eindruck auf alle Frauenherzen --«
Wir gingen knapp hinter Elmenreich. Bei seiner lauten, heftigen Redeweise war jedes seiner Worte zu hören. Und wie hätten diese Worte keinen Eindruck auf mich machen sollen! »... Ich bin mit dem Leben unzufrieden; es ist mir eine Last. Und warum sollte ich mich nicht davon freimachen können, wie von einer anderen Plage und Last? Aber ich will die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener Mensch; und ich will mir vorher das Leben daraufhin ansehen noch ein paar Jahre lang. Wir leben für gewöhnlich so blind in den Tag hinein, als ob es sich von selbst verstünde, daß man lebt. Aber in dem Augenblick, als man erkannt hat, daß das Leben nichts wert ist, soll man ein Ende machen, aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...!«
Dieselben Wendungen, derselbe Tonfall, dieselben Ausdrücke sogar!
»Ich muß das arme Mädchen von diesem unausstehlichen alten Klageweib befreien«, sagte Dr. Kranich. »Sie gestatten, gnädige Frau? Da es meinen bescheidenen Mitteln doch nicht gelingt, die Konkurrenz mit Ihren eigenen Gedanken zu bestehen --«
Er war mit einem Satze neben Eugenie. Ich sah, daß sie sich sofort zu ihm wandte. Ihr herrliches Profil zeigte keinerlei Gemütsbewegung; Elmenreichs Worte schienen nichts weniger als einen erschütternden Eindruck bei ihr hervorgebracht zu haben. Sie kehrte sich kein einziges Mal mehr nach ihm herüber. In ihrer gemessenen Weise stimmte sie alsbald in das bekannte jauchzende Lachen ein.
Nachdem Elmenreich eine Weile schweigend nebenher gegangen war, verlor er sich zwischen den Bäumen. Eugenie schien es nicht zu bemerken.
*
Gleich darauf stürzte Pipin auf mich zu. Beunruhigt sah er sich nach allen Seiten um:
»Wohin ist Doktor Elmenreich verschwunden? Ist etwas vorgefallen? Er wird sich doch nicht im letzten Augenblick anders besonnen haben? Guter Gott, das wäre ein Schlag für den Grafen --«
Und schon war auch der Graf da. Er schien in der That nahe daran, über Elmenreichs Verschwinden außer sich zu geraten. Eine verzweifelte Unruhe arbeitete in seinem blassen Gesicht; »er muß, er muß, er muß!« murmelte er eigensinnig. Und dann gab er die widersprechendsten Befehle; Pipin sollte allein hinaufgehen und dem Meister sagen, daß alles gescheitert sei, der Brunnhofer Seppl aber sollte die Körbe niederstellen und den Wald durchstreifen, um Elmenreich einzufangen und, wenn nötig, mit Gewalt zurückzubringen.
Schließlich gelang es Pipin, ihn einigermaßen zu beruhigen: Elmenreich habe versprochen, zu kommen, und Elmenreich halte unter allen Umständen, was er verspreche.
Als wir kaum unseren Weg wieder aufgenommen hatten, begann es zu regnen. Neue Schwierigkeit. Bei Regen konnte das »Fest des ersten Versuches« nicht abgehalten werden. Das Zimmer des Meisters war nicht geräumig genug, um sechs Zuhörer zu fassen; auch wollte er nur im Freien, »im Angesichte der Natur« seinen Vortrag halten. Wenn der Regen nicht aufhörte, mußten wir umkehren.
Eugenie und Dr. Kranich waren schon weit voraus; Pipin lief ihnen mit einem Regenschirm nach, während wir drei Uebriggebliebenen uns unter die Bäume stellten und abwarteten.
Die Zeit verging; der Graf trat vor Nervosität unaufhörlich von einem Fuß auf den anderen und fragte alle zwei Minuten den Brunnhofer-Seppl um seine Meinung als einheimische Autorität in Wettersachen. Aber der Brunnhofer-Seppl machte es wie alle meteorologischen Autoritäten und gab seine Meinung dahin ab, daß sich etwas Bestimmtes nicht vorhersagen ließe.
So gingen wir endlich dennoch im Regen weiter. Es kam mir vor, als ob das »Fest des ersten Versuches« unter einem schlechten Stern beginne.
*
Vor dem Hause des Meisters.
Der Regen hat aufgehört. Als wir auf die Lichtung kommen, liegt das Bauernhaus behaglich in dem ersten hervorbrechenden Sonnenstrahl und läßt sein gesprenkeltes Schindeldach trocknen. Auf der Bank vor der Eingangsthür sitzt der »Meister«, die Hände auf den Knien, den Kopf auf die Brust geneigt, in einer Versunkenheit und Ruhe, die etwas Würdevolles hat. Vielleicht aber auch etwas Künstliches; denn er muß uns wohl sehen, wie wir aus dem Schatten des Waldes auf die Lichtung in die Sonne heraustreten.
Wir haben uns am Waldrand wieder alle zusammengefunden; auch der Vermißte, der »verlorene Sohn« Elmenreich, stand dort und schloß sich an.
Konventionelle Begrüßung und Vorstellung. Der Graf nimmt den Meister beiseite und flüstert mit ihm, während Pipin unter den alten hohen Fichten neben dem Hause geschäftig seine Plaids ausbreitet und die Plätze anweist. Dann verschwindet der Meister im Hause, und wir setzen uns im Kreise auf die Plaids.
Die Sonne fällt in schmalen Streifen zwischen dem glitzernden Grün herein; kleine Regenbogen glühen ringsherum in Tropfen und Tröpfchen. Ueber die dürren Tannennadeln, die zu einem roten Teppich auf dem Boden ineinandergewirrt sind, steigen Ameisen mit großen schwarzen Köpfen und betasten angelegentlich alles, was ihnen im Wege liegt. Grünschillernde Käfer gehen vorüber, schwerfällig, als hätten sie eine metallene Rüstung zu tragen. Goldene Fliegen schießen herum und bleiben in der Luft stehen, wo es ihnen gefällt. Mücken tanzen auf und nieder, spielen miteinander in einem Reigen voll geheimnisvoller Seligkeit.
Oben durch die Wipfel schimmern weiße Wolken auf einem Himmel, der so tiefblau ist, daß man hindurch zu sehen glaubt auf die ungeheure dunkle Tiefe dahinter. In der Ruhe, die herrscht, hört man nur das leise Ticken fallender Tropfen.
Ein großer Frieden, eine wundersame Harmonie. Nichts Störendes ist hier -- außer den eleganten Gestalten, die sich auf den Plaids, so bequem es gehen will, einrichten, mit Bewegungen und Geberden, die ihre Herkunft von gepolsterten Salonmöbeln nicht verleugnen können. Ja, diese elegante Gesellschaft sieht in dieser Umgebung vollkommen überflüssig aus.
*
Nach einiger Zeit kam der Meister aus dem Hause heraus, mit bedächtigem Pastorenschritt, den Blick zu Boden gesenkt. Als er zu sprechen begann, heftete er seine Augen nicht auf die Zuhörer; er sah in die Bäume hinauf, als richte er seine Worte nur an sie und nicht an uns.
Seine Augen haben etwas Sympathisches; hinter seinem goldenen Zwicker hervor schauen sie unschuldig und mit einer sanftmütigen Zerstreutheit in die Welt. Sie erwecken den Eindruck, daß sie keine deutlichen Wahrnehmungen aus der Realität vermitteln. Es sind die Augen eines weltunkundigen Menschen. Weniger sympathisch sind seine Mundbewegungen, während er spricht. Die Unterlippe, die ein wenig nach rückwärts flieht, macht sich durch allzureichliches Muskelspiel bemerkbar. Diese Unterlippe ist nicht ganz bei der Sache; sie hat keine Naivität. Sie gehorcht nicht ohne Widerrede dem Wort, sie lebt auf eigene Faust. Es ist die Lippe eines selbstgefälligen Menschen.
Er spricht eintönig, fast larmoyant, mit einer farblosen Stimme, langsam aber fließend, so fließend, als hätte er alles, was er sagt, auswendig gelernt. Etwas Absichtliches liegt in seiner Art. Es ist die Art eines Menschen, der seine Schüchternheit durch einen Willensakt überwindet.
Seine Predigt begann mit einer Apostrophe an die Welt, in einer lieblichen und naiven Sprache, die deutlich verriet, daß sie eines anderen Geistes Kind war. Doch vergaß er im Eifer der Rezitation, anzumerken, woher er sie hatte. »O liebe Frau Schwester«, so redete er die Sonne an, und »lieber Herr Bruder« den Wind, und so pries er das Wasser, das Feuer, die Erde und Bäume, Kräuter und Getier als seine Geschwister. Bald aber verließ er diese friedliche Höhe und stieg in die Arena der Polemik herab. Auf eine kurze Formel gebracht, lautete der Sinn seiner umständlichen Ausführungen: »Zurück ins Mittelalter«. Alles Spätere war Verirrung, Mißverständnis, Unsinn, ein langer Weg in einer falschen Richtung. Und jetzt ist die Zeit gekommen, da die Menschheit nicht weiter kann, da sie einzusehen beginnt, daß sie sich in eine Sackgasse verrannt hat mit ihrem unzulänglichen Streben nach Wissen, mit ihrem kurzsichtigen Aberglauben an die Macht der Aufklärung. Jetzt fangen wir an, die Schuld der Väter am eigenen Leibe zu büßen; wie Blei liegt es in unseren Gliedern ... »sind wir nicht alle krank und möchten gerne genesen? Sind wir nicht alle müde und möchten gern ausruhen? Wenn wir uns besinnen, ergreift uns nicht ein Schwindel? Schaudern wir nicht, wenn wir in den schwarzen Abgrund des Nichts blicken, der vor unseren Füßen gähnt? Fühlen wir nicht immerfort die Verzweiflung wie eine kalte Faust im Nacken? Suchen wir nicht krampfhaft nach Heilmitteln für die fressende Unruhe, von der unsere Seele erfüllt ist?«
Der moderne Mensch weiß eben nicht, welchen Weg er einschlagen muß; er weiß nicht, was er thun muß, um dem Sansara zu entrinnen und in die große Ruhe einzugehen ... »Ertrinkende sind wir, die wild um sich schlagen, um sich an der Oberfläche zu erhalten. Wir wollen an der Oberfläche bleiben, weil wir nicht wissen, daß nur an der Oberfläche der Sturm wütet, von dem wir umhergeschleudert werden. Wir wollen an der Oberfläche bleiben, weil wir nicht wissen, daß in der Tiefe allein Ruhe herrscht. Wir kämpfen gegen Wellen und Winde, todmüde und sterbenskrank, anstatt daß wir die Hände auf die Brust legen ohne Widerstand und ergebungsvoll untersinken in die stille, heilige Tiefe. Freudig zu ertrinken, das ist es, was wir lernen müssen --«
Als der Meister ungefähr so weit gekommen war, stieß Elmenreich ein vernehmliches »mna« aus und stand auf.
Pipin hatte unverwandt mit einem Ausdruck höchster Spannung auf Elmenreich gestarrt. Er schien die Wirkung nicht erwarten zu können, die des Meisters Worte auf ihn hervorbringen mußten. Jetzt fuhr er zusammen, wie mit kaltem Wasser begossen. Auch der Graf, der bis dahin in einer aus Andacht und Bequemlichkeit gemischten Haltung auf seinem Plaid saß -- er hatte die Kniee hoch hinaufgezogen, auf die Kniee seine gefalteten Hände und auf die Hände seine Stirn gelegt -- auch der Graf erhob seinen Kopf. Beschwörend streckte er die Hand gegen Elmenreich aus. Es geschah aber nichts weiter, als daß Elmenreich sich mit gekreuzten Armen weiter rückwärts an den nächsten Baumstamm lehnte.
Der Meister fuhr unbeirrt fort. Er hatte nur einen flüchtigen Blick auf den Störenfried geworfen. Aber nun, in der Tiefe, in die er unter Elmenreichs skeptischer Interjektion versunken war, wurde seine Rede dunkel. Dort fand er das ewige Urfeuer, die Zentralsonne, von der alle einzelnen Seelen als Strahlen ausgehen. Dort sollte die Seele wieder eins werden mit dem Allgeiste, der ihr Vater ist, dort sollte sie allwissend und allgegenwärtig, sollte, aus der Sphäre des Individualbewußtseins entrückt, selber Gott werden ...
Aber nur die Auserwählten sind es, die dort anlangen. Und nur die Auserwählten kennen den Weg, der dorthin führt. Wenn wir ihn einschlagen wollen, dann müssen wir vor allem den Verstand überwinden, denn das ist der Erzfeind. Und das Schreiten in Begriffen, das Sohlen und Seelen schwer wie Blei macht, das ist die Erbsünde. Die Gedankenwelt, das ist die Hölle, wo wir von bösen Geistern ewig im Kreis herumgeführt werden, bis wir vor Ekel und Ohnmacht zusammenbrechen. Darum weg mit dem Denken, als mit einer vieltausendjährigen Verirrung, in die sich die Menschheit auf ihrem Suchen nach Wahrheit verstrickt hat. Sobald der Druck des Denkens von uns weicht, werden wir erkennen, was sich hinter der Erscheinungswelt verbirgt, die Nebel der Begrifflichkeit, in denen wir sorgenschwer herumtappen, werden sich teilen ... eine tanzende Freudigkeit wird unsere Seele erfassen, bis sich uns in einem dyonisischen Rausch die verborgenen Herrlichkeiten der jenseitigen Welt enthüllen. Unsere Füße aber werden leicht und frei sein wie unsere Herzen, und wir werden tanzen, tanzen, tanzen --
Bei diesen Worten schürzte er seinen Prophetenmantel, indem er ihn von rückwärts nach vorne zog und in den Ledergürtel steckte, der seine Blouse zusammenhielt. Und mit ausgestreckten Armen begann er taumelnde Schritte zu machen, ungeschlachte, groteske Bewegungen, wie sie ein Körper hervorbringt, der ungewohnt aller Leibesübungen ist.
Die Sonne lag mit abendlicher Glut auf den Wipfeln der Fichten. Still und unbeweglich standen sie; sie schienen zu erröten über ihren Bruder, dem sie so überlegen waren mit ihrer in sich gekehrten Ruhe.
Da rutschte der Mantel aus dem Gürtel, der Tänzer trat darauf, stolperte, verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin.
Der Graf sprang herbei. Mit dem Eifer eines Neubekehrten half er dem Gefallenen aufstehen und schloß ihn in seine Arme.
»Ave, ave, Gottgeliebter«, sagte er laut zu ihm. »Und zum Zeichen, wie groß und aufrichtig mein =empressement= ist, erlaubt mir, teurer Meister --« er ergriff seine Hand und führte sie an seine Lippen.
Der Meister, verwirrt vielleicht durch seinen Sturz oder noch verloren in die Gedanken seines Vortrages, beachtete diese Huldigung nicht. Zerstreut und unruhig musterte er den Wiesengrund um sich herum.
Auch Eugenie trat auf ihn zu. Ihre Miene war so rätselhaft wie immer; kein Zug verriet eine Bewegung ihres Innern. Sie verbeugte sich leicht gegen den Grafen. »Ich folge dem Beispiel«, sagte sie und küßte die Hand des Meisters auf die Stelle, wo eben früher die Lippen des Grafen sie berührt hatten.
Gerade in dem Augenblick, als diese Huldigungen dem Meister dargebracht wurden, kam aus dem Walde hinter uns eine weibliche Gestalt. Es war die Hausfrau des Meisters. Sie trug auf dem Kopf, in ein grobes Tuch mit den vier Ecken zusammengebunden, ein ungeheures Bündel Heu -- die landesübliche Art, das Heu von den steilen Berglehnen in die Scheunen zu bringen. Ihre magere Gestalt verschwindet beinahe unter der Last, die sie auf ihrem Kopf balanciert; und als sie nun stehen bleibt und nach dem Bündel faßt, kann man sehen, wie diese dünnen, fleischlosen Arme vor Anstrengung zittern. Etwas Hastiges, Unsicheres, Leidenschaftliches liegt in ihren Bewegungen.
Rasch hatte sie das Bündel über ihren Rücken auf die Erde gleiten lassen und war auf den Meister hingestürzt. Sie faßte als die dritte seine Hand, küßte sie mit Inbrunst und behielt sie in ihren gefalteten Händen eingeschlossen. Dann, als würde sie jetzt erst die fremden Zuschauer gewahr, ließ sie plötzlich die Hand fahren, und kehrte mit einem unterdrückten Aufschluchzen zu ihrem Heubündel zurück, das sie hinter sich her ins Haus schleifte.
Der Meister hatte alles ohne Widerstand über sich ergehen lassen. Er war noch immer wie abwesend. Endlich stammelte er:
»Ich -- ich -- der Zwicker ist mir heruntergefallen -- meine hochgradige Kurzsichtigkeit -- wenn Sie die Güte hätten, zu suchen -- aber mit Vorsicht, bitte, damit er nicht zertreten wird -- ich habe keinen zweiten bei mir --«
Sogleich begann ein eifriges Suchen nach dem Augenglas. Seite an Seite mit Eugenie durchstöberte der Graf das Gras. Pipin, der während des Tanzes verlegen und unglücklich zu Boden gestarrt hatte, kam dienstfertig herbei und half mit.
Da erschien Elmenreich auf dem Schauplatz der Ereignisse. Auf seinen Wangen brannten zwei scharfabgegrenzte Flecken, sein Bart war zerwühlt; er hatte den Hut ganz auf die Augenbrauen herabgerückt.
Mit Heftigkeit ergriff er Eugenie beim Handgelenk.
»Fühlen Sie denn nicht, wie lächerlich alles das ist --?« rief er und seine Stimme bebte vor Zorn. »Kommen Sie mit mir fort; ich kann es nicht sehen, daß Sie in dieser Posse mitwirken --«
Eugenie sah ihn erschreckt an. Er zog sie einige Schritte mit sich; sie folgte ihm widerstrebend.
Bei dem Wort Posse hatte der Graf sich aufgerichtet.
»Helfen Sie mir!« sagte Eugenie zu ihm mit einem ihrer flehendsten Blicke.
Aber der Graf näherte sich nicht. Er erhob nur mit seiner beschwörenden Geberde stumm die Hände gegen Elmenreich; dann wandte er sich wieder ab.
Eugenie machte einen ungeduldigen Versuch, ihre Hand aus der Umklammerung zu befreien. »Sie thun mir weh«, sagte sie unwillig. »Lassen Sie mich los, Sie thun mir weh!«
»Nein, ich lasse Sie nicht! Ich will es nicht haben, daß Sie hier mitthun. Ich erlaube es nicht --«
»Lassen Sie mich los!«
»Versprechen Sie mir vorher --«
»Ich verspreche nichts! Lassen Sie mich los!«
Ihre Wangen färbten sich mit einem lebhafteren Rot und ihr Gesicht belebte sich mit einem Ausdruck des Trotzes. Sie strebte ihre Hand mit Gewalt loszureißen. Elmenreich, der sich in diesem Ringen auch ihrer zweiten Hand bemächtigt hatte, stand dicht an sie gepreßt. Es sah beinahe aus, als wollte er sie im nächsten Augenblick in seine Arme schließen.
»Ein hinreißendes Weib!« murmelte Dr. Kranich neben mir. Er richtete sich aus seiner nachlässigen, gelangweilten Stellung auf und verfolgte mit einem seltsamen Lächeln das Schauspiel. Dann erhob er sich, immer den Blick unverwandt auf die beiden Ringenden geheftet, gleichsam fasziniert.
»=Tiens!=« sagte er nähertretend, aber ohne sich einzumischen, »Elmenreich, sind Sie auch ein Anhänger der Theorie, daß der Biceps am meisten Ueberredung gegenüber den Damen besitzt?«
Elmenreich lachte nervös auf und gab Eugenie frei.
Schmollend betrachtete sie ihre Handgelenke, auf denen seine Finger rote Streifen zurückgelassen hatten.
»Da! Sehen Sie nur, was Sie gemacht haben, Unhold --« und schon klang in ihrer Stimme wieder eine Nuance des Entgegenkommens.
Elmenreich ergriff die Hände, die sie ihm hinhielt, und küßte die roten Streifen.
»Ja, ein Unhold«, sagte er mit einiger Bewegung. »Aber wenigstens kein Mensch des Mißbrauchs -- und vielleicht werden Sie eines Tages begreifen, was das heißt.« Dann kehrte er sich um und verschwand in den Wald.
*
Inzwischen kriecht Pipin auf allen Vieren im Gras herum und sucht das Augenglas. Jetzt hat er es glücklich entdeckt; der Meister nimmt es, putzt es, setzt es wieder auf.
Damit tritt das Fest des ersten Versuches in ein noch unbehaglicheres Stadium. Niemand weiß, was weiter geschehen soll; der Graf steht abseits mit dem Meister, Eugenie steht abseits mit Dr. Kranich, Pipin steht abseits mit mir. Pipin sieht sehr niedergeschlagen aus und ist vollkommen stumm.
Dann macht er einen Versuch, die gestörte Stimmung durch einen Imbiß ein wenig zu heben. Er holt seine Körbe hervor, packt aus, ordnet an, wartet auf, bedient alle.
Man setzt sich wieder auf die Plaids, der Meister gleichfalls, doch so sehr vertieft in sein Privatgespräch, daß er nicht zu bemerken scheint, was um ihn her vorgeht.
Als Pipin sich mit einem Teller, auf den er seine erlesensten Schätze gehäuft hat, Eugenien nähert, entreißt ihm Dr. Kranich den Teller.
»Königinnen muß man kniend bedienen«, sagt er, und mit einer anmutigen Wendung seines Pantherleibes kniet er vor Eugenie nieder. In dieser Stellung bleibt er und hält den Teller, während sie mit zarten Fingerspitzen die Beeren der Weintraube einzeln abzupft.
Er kniet dicht am Saume ihres Kleides. Aus den blaßlila Falten sieht ein kleiner, brauner Schuh hervor. Und Dr. Kranichs Kniee nähern sich wunderbar geschickt diesem kleinen, braunen Schuh, bis sie ihn zwischen sich einschließen und verschlingen. Der kleine braune Schuh ergiebt sich willig in sein Schicksal und macht keinen Versuch, sich aus dieser Gefangenschaft zu befreien.
Mit unbewegtem Gesichte, die Augen auf den Teller gesenkt, aß Eugenie ihre Weintrauben.
Nachdem Pipin alle bedient hatte, auch den Brunnhofer Seppl, setzte er sich auf den Platz neben Eugenie, wo früher Dr. Kranich gesessen hatte. In diesem Augenblick verschwand der kleine braune Schuh unter den blaßlila Falten.
»Pipin, was fällt Ihnen ein?« ruft Dr. Kranich hochmütig ärgerlich aus. »Dieser Platz gehört mir -- räumen Sie ihn gefälligst sogleich, sonst wende ich Bracchialgewalt an.«
Pipin erfleht Eugeniens Beistand: ob er denn nicht zu guter Letzt die Belohnung, an ihrer Seite zu sitzen, verdiene, da er doch den ganzen Nachmittag diesen Platz anderen überlassen habe?
Gnädig sagt Eugenie: »Dr. Kranich wird sich zu Füßen der Königin niederlassen, nicht wahr, damit der arme Pipin seine Belohnung behält?«
Und Dr. Kranich läßt sich zu Füßen der Königin nieder. Er stützt sich halbliegend auf seinen linken Ellbogen; dieser Ellbogen versinkt in die blaßlila Falten, unter denen der kleine braune Schuh verschwunden ist.
Während Pipin sein Obst verzehrt, hält ihm Dr. Kranich eine Predigt über das Unmoralische des Essens, dieser doppelt egoistischen Beschäftigung. Denn erstens esse man stets für sich und niemals für einen anderen, und zweitens vernichte man dabei immer irgend ein Lebewesen, das doch die gleichen Ansprüche auf das Dasein habe, als man selbst, und wäre es auch nur ein Kohlhäuptel. Die einzige halbwegs moralische Nahrung seien abgefallene Blätter -- weshalb die Menschheit, wenn sie sich auf ein höheres sittliches Niveau erheben wolle, sich vor allen Dingen zum ausschließlichen Genuß abgefallener Blätter bekehren müsse --
Pipin warf einen prüfenden Blick auf Dr. Kranich. Durch den Ernst in dessen Mienen getäuscht, versuchte er einzuwenden, daß abgefallene Blätter vielleicht nicht genug Nährwert besäßen, als daß die Menschheit dauernd davon leben könnte --
Gut, die Menschheit könnte vermutlich dauernd nicht davon leben. Ob es aber so notwendig sei, daß die Menschheit dauernd existiere? Ja, ob denn überhaupt ein triftiger Grund für die Existenz der Menschheit vorhanden sei, ein wirklich triftiger Grund? Er wenigstens kenne keinen. Ob Pipin einen kenne?
Und da Pipin gleichfalls nicht in der Lage war, auf der Stelle einen solchen triftigen Grund anzuführen, trug ihm Dr. Kranich auf, den Meister darüber zu interpellieren. Der Meister, der sich in den Tiefen jenseits des Denkens so gut auskenne, werde gewiß in dieser wichtigen Frage Bescheid geben können.
Pipin antwortet nichts. Er scheint doch zu argwöhnen, daß Dr. Kranich ihn zum besten hat.
*
Die Stimmung bleibt endgültig unbehaglich. Oede schleichen die Minuten; der Meister führt immer noch ein halblautes Gespräch mit dem Grafen, der, an den Brunnhofer Seppl gelehnt, ehrerbietig zuhört. Der Brunnhofer Seppl gähnt laut, indem er dabei »jaujaujau« macht. Er versteht die abwehrende Handbewegung des Grafen nicht und gähnt fort. In seiner ländlichen Ungeniertheit drückt er damit aus, daß er bei diesem Zwiegespräch vollkommen überflüssig ist. Ich fühle eine unwiderstehliche Neigung, ebenfalls »jaujaujau« zu machen.
Beim Aufbruch näherte sich Eugenie wieder dem Grafen.
»Durch Ihren mächtigen Einfluß könnte mir vielleicht eine große Gnade zu teil werden. Ich habe eine Bitte an den Meister -- wollen Sie mein Fürsprecher sein?«
Der Graf verneigte sich zuvorkommend, während der Meister in linkischem Schweigen verharrte.
»Wäre es allzu unbescheiden, wenn ich den Meister um eine Zeile von seiner Hand für meine Autographen-Sammlung bäte?«
»Meister --?« sagte der Graf fragend.
»Bitte sehr«, versetzte der Meister nicht ungnädig. »Nur weiß ich nicht -- ich habe weder Papier noch Bleistift -- ich gebe gewöhnlich nichts Schriftliches von mir --«
Dr. Kranich überreichte ihm sein Notizbuch. »Diese Eigentümlichkeit teilen Sie mit allen großen Lehrern der Menschheit«, sagte er dabei mit tiefem Ernst.
Als der Meister Eugenien das beschriebene Blatt gab, setzte er hinzu: »Meine Hand ist nicht geübt, Sie werden es schwer lesen können --« und er rezitierte von dem Blättchen herab:
»Himmel oben, Himmel unten, Sterne oben, Sterne unten; Alles, was oben, ist auch unten, Solches nimm und sei glücklich.«
*
Am Waldrand jenseits der Lichtung finden wir Elmenreich wieder.